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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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07.01.2012
 

Schreien
Der Mensch ist das sprechende Tier

Der neugeborene Mensch unterscheidet sich schon bei der Geburt von allen vergleichbaren Säugetieren durch den Geburtsschrei. Es folgt eine längere Lebensphase, die durch häufiges Schreien gekennzeichnet ist.
Alle anderen Primaten verhalten sich still. Es ist anzunehmen, daß dieses Schreien eine kommunikative Funktion hat, und zwar kann es naturgemäß nur an die Eltern adressiert sein. (Vgl. Joseph Soltis: "The signal function of early infant crying". Behavioral and Brain Sciences 2003. Auch im Internet.) Die allerersten Lebensäußerungen des Neugeborenen wären demnach bereits kommunikativer Art, d. h. zeichenhaft. Das muß so wichtig sein, daß ein erhebliches Risiko in Kauf genommen wird. Es wird immer wieder berichtet, daß Babys erstickt wurden, um die Gruppe nicht an Feinde zu verraten.



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Kommentare zu »Schreien«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.05.2018 um 07.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1488#38668

Die Versuchung ist groß, zur Entstehung der Sprache und des Menschen „just so stories“ zu erzählen: über die Mutter in ihrer Höhle, das Kind mit seinem Klammerreflex, das mangels Fell keinen Halt findet und abgelegt werden muß usw. Vgl. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/hoch-schule/expertin-fuer-saeuglingsschreie-babys-werden-total-unterschaetzt-15571732.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0
(In der Habilitationsschrift von Kathleen Wermke "Untersuchung der Melodieentwicklung im Säuglingsschrei von monozygoten Zwillingen in den ersten 5 Lebensmonaten" vermisse ich einige Autoren wie Heinz Stefan Herzka und John L. Locke.)

Wermke erwähnt bei unseren nächsten Verwandten nur die Lock- und Warnrufe, die der Forschung zuerst aufgefallen sind, nicht die kaum bemerkten leisen Laute, die mit dem social grooming gerade bei Weibchen verbunden sind. Stattdessen zieht sie stammesgeschichtlich weit entfernte Tiere wie Vögel heran, von denen es keine direkte Linie zu menschlicher Lautbildung gibt, sondern nur Analogien.

Wermke will festgestellt haben, daß die Schreie französischer Säuglinge im Durchschnitt bereits eine am Ende steigende Kontur zeigen, deutsche eine Senkung, entsprechend der jeweiligen Erwachsenensprache („Newborns’ Cry Melody Is Shaped by Their Native Language“, Current Biology 19, Dec. 15, 2009:1994-1997). Sie ahmten also nach, was sie im Mutterleib gehört haben.

In ihrer Zwillingsstudie hat Wermke vier Typen von Melodiebögen erkannt, die sie auch allen anderen Befunden zugrunde legt:
Typ Ia – symmetrisch steigend-fallender Melodiebogen
Typ Ib – asymmetrischer Melodiebogen mit verlängerter abfallender Flanke
Typ -Ib – asymmetrischer Melodiebogen mit verlängerter ansteigender Flanke
Typ II – steigend-fallender Melodiebogen mit plateauförmig abgeflachtem Bogenmaximum, das dadurch eine relative Grundfrequenzkonstanz aufweist.

Wie weit das zutrifft, kann ich nicht beurteilen; jedenfalls ist die Variabilität sehr groß, der Spielraum für Interpretationen ebenfalls, zumal noch pathologische Abweichungen vorkommen, deren diagnostischer Wert diese Untersuchungen teilweise motiviert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.03.2018 um 04.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1488#38140

Das echte Weinen ist offenbar ein phylogenetisch entstandenes "natürliches Zeichen". Das simulierte ist erlernt (konditioniert), dabei zugleich stilisiert. Nur derjenige Teil, der die Willkürmotorik ausmacht (Mimik, Wehlaut), wird vorgeführt, der Tränenfluß nicht. (Wenige bringen es dahin, willkürlich Tränen zu vergießen.)

(Mit "Willkür" soll natürlich nichts weiter impliziert werden.)

Schreien und Weinen sind dem Erwachsenen lästig, unter gewissen Umständen, wie geschildert, sogar gefährlich. Er sucht es abzustellen, indem er das Kind "stillt", wie es heißt. Wenn man dem Kind nicht irgendwann Grenzen setzt, entsteht das Quengeln, mit dem es die Erwachsenen tyrannisiert.

Das Bellen der Hunde läßt sich anscheinend nicht modifizieren, nur an- und abstellen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 12.03.2018 um 18.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1488#38139

Sprachspiel ist einfach ein blödsinniger Begriff für das, was darunter seit Wittgenstein verstanden werden soll. In der Tat zu meiden (und ja wohl auch kein Zufall, daß Austin ihn nicht übernommen hat).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.03.2018 um 16.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1488#38136

Gestern fiel uns sehr deutlich auf, daß das Kind mit elf Monaten, wenn es einen bestimmten Zweck erreichen, zum Beispiel von der Mutter auf den Schoß genommen werden will, Weinen simuliert. Die Mundwinkel gehen nach unten, das ganze Gesicht sieht jammerwoll aus, ein entsprechender Wehlaut ertönt – aber bei gänzlich trockenen Augen, die doch sonst überströmen wie’s Bächlein auf den Wiesen. Wir mußten alle lachen.

Unter Sprachspiel versteht man doch ziemlich allgemein eine konventionelle Kommunikations-Episode eines bestimmten Typs, ähnlichen den "Sprechakten" (die daher stammen). Also zum Beispiel Grüßen oder Kondolieren, aber auch Bekundungen über den eigenen Zustand. Diese Episoden müssen immer im Zusammenhang betrachtet werden; es hat keinen Sinn, die einzelnen Bestandteile auf die Goldwaage zu legen.

Das war schon bei Wittgenstein nicht sehr originell, aber er hat es bekannt gemacht. Aber ich lege keinen besonderen Wert darauf.

Lieber Herr Markner, das ist ein Wortspiel, nicht wahr?
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 12.03.2018 um 15.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1488#38134

Ich weiß nicht, in welchem Sinne hier das Wort "Sprachspiel" gebraucht wird.

Solange wir an dieser Stelle nicht tiefer in die zweite Phase der Wittgensteinschen Philosopie einsteigen wollen, wäre es vielleicht besser, diesen Begriff zu meiden.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 12.03.2018 um 15.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1488#38133

Das Baby spielt nicht, wenn es schreit.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.03.2018 um 08.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1488#38131

Ich wollte mit dem Stichwort "wittgensteinisch" andeuten, daß es hier nicht um eine Sachfrage geht, sondern um Sprachkritik. Unwohlsein und andere "psychologische" Ausdrücke sind Teil eines Sprachspiels, das wir mit Personen spielen, nicht mit Geräten. Jedenfalls bisher nicht, aber es scheint sich zu ändern.

Man denkt an den "Superspartaner": Er unterdrückt Schmerzäußerungen, aber nicht immer. Wenn er ganz und gar nichts von Schmerz erkennen ließe, würde man sinnvollerweise aufhören, ihm Schmerzempfindungen zuzuschreiben. Das "Innere" ist eben ein Konstrukt auf der Grundlage von Äußerungen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 12.03.2018 um 08.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1488#38130

Das würde bedeuten, daß eine defekte Maschine, die einen Fehlercode generiert, sich unwohl fühlen würde.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.03.2018 um 05.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1488#38128

Gewiß, aber das ist nur die erste Hälfte, denn warum sollten solche Zustände mitgeteilt werden? Die Bezugspersonen werden zu einem bestimmten Verhalten veranlaßt, und das ist das Kommunikative daran.

(Man könnte wittgensteinisch weiterspekulieren: Ohne die Mitteilung gibt es gar kein Unwohlsein. Eine kaputte Maschine fühlt sich nicht unwohl.)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 09.01.2012 um 18.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1488#19843

Es handelt sich um einen binären Code. Schreien heißt Unwohlsein, Schweigen Wohlbefinden.
 
 

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