zurück zur Startseite Schrift & Rede, Forschungsgruppe dt. Sprache    FDS - In eigener Sache
Diskussionsforum Archiv Bücher & Aufsätze Verschiedenes Impressum      

Theodor Icklers Sprachtagebuch

Die neuesten Kommentare


Zum vorherigen / nächsten Tagebucheintrag

Zu den Kommentaren zu diesem Tagebucheintrag | einen Kommentar dazu schreiben


04.07.2011
 

Grass
Auch in Reformschreibung nicht besser

Die SZ druckt in Reformschreibung eine Rede, die Günter Grass vor Journalisten gehalten hat.
Er beklagt, daß Politiker nahtlos in die Wirtschaft hinüberwechseln. Sein Beispiel ist Markus Kerber (der vor seiner Tätigkeit als Abteilungsleiter im Finanzministerium lange in der Wirtschaft tätig war und es danach wieder ist), nicht etwa Grass-Freund Gerhard Schröder. Im übrigen Allerweltsweisheiten über den Kapitalismus und ein Beharren auf der Wiedervereinigungskritik von 1990, die unvermeidlichen „blühenden Landschaften“, überhaupt ein rechthaberischer Ton, kein bißchen Witz im schwerblütigen Text. Grass trägt den versammelten Journalisten nur vor, was diese ohnehin jeden Tag schreiben. Wäre der Redner nicht so prominent, würde man es keinesfalls drucken.



Diesen Beitrag drucken.

Kommentare zu »Grass«
Kommentar schreiben | älteste Kommentare zuoberst anzeigen | nach oben

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.09.2017 um 06.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#36211

Was hier hübsch antiquiert in alter (Grass würde sagen: richtiger) Rechtschreibung erscheint, ist das vom Schriftsteller noch gegengelesene Material.
(Oliver Jungen über Günter Grass, Heinrich Detering: „In letzter Zeit“. Ein Gespräch im Herbst. Göttingen: Steidl 2017)

Jungen sollte sich schämen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.04.2015 um 14.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#28703

In der "Frankfurter Anthologie" bespricht Hubert Spiegel "Askese" von Günter Grass. Das Gedicht wurde neulich schon mal zitiert, und wieder fällt mir auf, daß anscheinend niemand die Parallele im "Faust" bemerkt:

(sollst du mit deinem spitzen Blei)
Askese schreiben, schreib: Askese.


Das ist doch im Metrum und dem Sinn nach:

Entbehren sollst du! Sollst entbehren!

Zufall?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.04.2015 um 04.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#28625

Vielleicht wegen der Alliteration fabelt die Kölnische Rundschau: Günter Grass, der umstrittene Gigant. Aber schon einen Tag später ist der Gigant aus den Schlagzeilen verschwunden, und ein Personalwechsel im Profifußball wird zur Weltsensation hochgespielt. Das lehrt Bescheidenheit. Wir haben ja auch erlebt, wie schnell es unmöglich wurde, noch irgend jemanden für die Rechtschreibreform und ihre Folgen zu interessieren. Die Zeit ist darüber – und über uns – hinweggegangen, wie man so sagt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.04.2015 um 06.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#28613

In der Begründung hieß es, Grass habe „in munter schwarzen Farben das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet“. (Welt 13.4.15)

Er habe „in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet“, hieß es in der Begründung der Jury. (Der Westen 13.4.15)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.04.2015 um 16.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#28608

"Er engagierte sich in neuerer Zeit unter anderem gegen Kernkraft, für gleiche Rechte und Pflichten homosexueller Lebenspartnerschaften sowie für Flüchtlinge, andererseits aber in den 90ern auch gegen die Rechtschreibreform." (freiewelt.net über Grass) (Wieso „andererseits“?)

"Auch bei der Rechtschreibreform zeigte sich Grass unbequem: Er weigerte sich 1996, die Reform anzuerkennen, seine Werke erschienen weiter in der alten Rechtschreibung." (BILD)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2014 um 04.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#27523

Ich habe die Inschrift eines Kriegerdenkmals auf dem hiesigen Friedhof zitiert (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1065#15277
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20795), deren Herkunft ich nicht ermitteln konnte. Zufällig stoße ich auf Verse von Gertrud Fussenegger:

"Wir sagten Deutschland
und meinten das Reich,
das uns die Seele versengte,
brünstig im Kreis der Verschwörer.
So nur, Vermummte,
durften wir dienen,
Kinder des größeren Vaterlandes." (1938)

Dieses "so nur" scheint in diesen Kreisen Mode gewesen zu sein. Versengte brünstige Seelen...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2014 um 06.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#27291

Ähnlich wie Grass hat Karl Heinz Bohrer damals die griechische "Kultur" gegen die Wirtschaft ausgespielt, unpolitisch wie nur irgendein Intellektueller:

Die Sprache unserer Kanzlerin ist extrem banal und wird von einer Drögigkeit der schieren Faktizität beherrscht, die nur sagen kann: Die Griechen stehlen! Dass die Griechen einen Anspruch darauf haben, eine andere Kultur zu leben, käme ihr nie in den Sinn. Die Kanzlerin glaubt, es wäre etwas Tolles und Großartiges, dass ein Land gut verwaltet wird und gute Geschäfte macht. Aber was ist so großartig daran, viele Autos zu verkaufen? (Karl Heinz Bohrer im Interview SZ Magazin 40/2012)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 28.11.2012 um 19.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#22023

"tragfähig"
Es kann voll in die Hose gehen, wenn Geisteswissenschaftler technische Fachausdücke (hier aus der Tragwerkslehre) mit einer "übertragenen" Bedeutung benutzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.11.2012 um 07.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#22003

Es ist mein Recht zu sagen, wir müssen einen neuen Nationalbegriff – wir sind ja noch eine Kulturnation – entwickeln; dann wird die Wiedervereinigung überflüssig, und es gibt dennoch ein Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten, das tragfähig ist. (Günter Grass im „Stern“ 30.9.82)

Der mächtig anhebende Satz verpufft kläglich mit dem Allerweltswort tragfähig. Eins von den Wörtern, die ich nie gebrauchen werde. Politiker lieben es sehr.

(Grass denkt seine politischen Ideen nicht zu Ende, am wenigsten die von den beiden deutschen Staaten. 1989 erklärte er dem SPIEGEL, warum die Deutschen die Wiedervereinigung verkehrt angefangen haben und wie sie es hätten besser machen müssen. Ebenso 2010: SPIEGEL: Gegen die Wiedervereinigung haben Sie vehement argumentiert. Wie fällt Ihr Urteil heute aus? Grass: Ich finde nach wie vor, dass wir uns die DDR nicht auf diese überhastete Weise hätten einverleiben dürfen.)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 12.09.2012 um 13.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#21448

Die gehobene Rede ist ja völlig in Ordnung, wenn man weder lesen noch schreiben kann. Beeindruckend fand ich, wie Joachim Latacz in "Troja und Homer" bewiesen hat, daß bei der Verschriftlichung der mündlich überlieferten Sängerdichtung durch Homer kein Buchstabe für den Laut [w] vorhanden war und daß das altgriechische r ein silbisches [r] war wie in einigen heutigen slawischen Sprachen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.09.2012 um 10.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#21447

Detering schließt Grass an das "gestische Sprechen" Brechts an, und zusammen mit der Videoaufnahme erinnert mich das an Tucholskys unsterbliche Erkenntnis: „Bert Brecht hat einen schönen Dreh gefunden: das kleine Einmaleins in getragenem Sing-Sang vorzulesen, wie wenn es die Upanishaden wären. Banalitäten feierlich aufsagen: das bringt vielen Zulauf.“
Seit meiner Kindheit habe ich eine heftige Abneigung gegen jede Art "gehobener" Rede. Andernfalls wäre wahrscheinlich mein ganzes Leben anders verlaufen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.09.2012 um 07.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#21446

Heinrich Detering hat dem Gedicht "Was gesagt werden muss" vor einiger Zeit eine einfühlsame Interpretation gewidmet. Er schreibt u. a.:

Noch öfter nützt Grass die Balance der Form zu semantischen Effekten – einige Male auch dort, wo der Streit der Kritiker seinen Anfang nahm. Beispielsweise beim Reden über die deutschen Verbrechen, „díe óhne Vergléich sínd“: Die Zeile verlangt danach, verlangsamt und mit beschwerten Hebungen gelesen zu werden. Hier geht es, gegen alle Relativierungsversuche, um Verbrechen, „die – ohne – Vergleich – sind“. Der Vers gibt, so gelesen, mehr zu verstehen, als sein Wortlaut besagt: eine Emphase, die das Erstarren zur Formel verhindern soll.

Die vier gedrängten Hebungen ergeben sich nur, wenn man die These von den vierhebigen freien Versen für durchgehend gültig hält. Ich finde eine solche Betonung hier äußerst künstlich, beinahe unmöglich. Das wird auch durch die bei Youtube verfügbare eigene Lesung des Dichters bestätigt, der die Zeile keineswegs so liest, wie Detering es unterstellt. Überhaupt ist die Rhythmisierung viel weniger deutlich als der Prosacharakter des Ganzen: www.youtube.com/watch?v=Ww1d-DlWf7E.

(Grass sagt übrigens auch Erstschlack, Zwank usw.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.06.2012 um 16.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20833

Ulrich Greiner, der sich seit langem für die humanistische Bildung einsetzt (vgl. hier), lobt auf der Titelseite der ZEIT vom 31. Mai 2012 das Griechenland-Gedicht von Günter Grass: „Nicht allein weil es wegen seines klassischen Versmaßes und seiner kräftigen Bilder literarisch satisfaktionsfähig ist, sondern weil es an ein paar Dinge erinnert: daran, dass Griechenland die Wiege Europas ist, dass sich die prächtigsten seiner antiken Kunstschätze in Berlin und London befinden und dass die Obristen willkommene Bündnispartner waren.“

Lassen wir die Frage beiseite, was die heutigen Griechen mit dem antiken Griechenland zu tun haben und ob der antike Marmor nicht längst in griechischen Kalkbrennereien gelandet wäre, wenn er nicht in Berlin und London aufbewahrt würde. Die „Satisfaktionsfähigkeit“ der Grassschen Verse muß uns eher interessieren, zumal hier eine ganz neue ästhetische Kategorie eingeführt wird. Ich bin kein Spezialist in klassischer Metrik, aber was für ein klassisches Versmaß benutzt Grass denn? Und wäre seine Benutzung an sich schon ein Wert? Außer Greiner gibt es wohl niemanden, den das Gedicht nicht peinlich berührte, auch und gerade sprachlich.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 30.05.2012 um 12.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20812

Wäre der bürgerliche Widerstand in der Weimarer Zeit wirksam gewesen, dann wären die Zwanziger nicht golden und H. nur Spezialisten bekannt.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 29.05.2012 um 11.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20807

Die Arbeiterklasse hat sich 1918/19, 1920 und 1953 gegen Unheil gewehrt. 1933 hatte sie schon jahrelang KPD und NSDAP gewählt und damit der Weimarer Republik das Wasser abgegraben. Seinerzeit war es das Bürgertum, das sich dem Unheil entgegenstellte und mit einigen Maßnahmen (Preußenschlag, Reichstagsbrandverordnung, Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums) zurückgeschlagen wurde.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 29.05.2012 um 08.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20806

Weil dichten von dictare kommt, sind Gedichte sozusagen auch Diktate. Ein Blick auf die Rechtschreibung:

Außer Landes jedoch hat dem Krösus verwandtes Gefolge
alles, was gülden glänzt gehortet in Deinen Tresoren.

Grass setzt kein Komma nach glänzt. Künstlerische Freiheit? Als Redakteur der SZ hätte ich ihn gefragt, ob er das so will.

Bei Hochhuths "Gedicht" hätte der BZ-Redakteur empfehlen sollen, das Zahlwort vier auszuschreiben, und ein vorsichtiger Hinweis auf die fällige Korrektur von Kalypigos wäre seine Aufgabe gewesen. Außerdem hätte man die übliche Schreibung Who's who anstelle von Who is who ansprechen können. Bei lockendoffen vermute ich ein Versehen, aber wer weiß? Vielleicht wollte Hochhuth ein neues Adjektiv erschaffen.

Aber diese Elaborate sind derart senil, daß es darauf auch nicht mehr ankommt.

PS: Die Großschreibung von Du, Dich usw. im Gedicht von Grass, 13 mal in 24 Zeilen, hat mich zunächst befremdet. Die Adressatin "Europa" kann die Zeilen des Dichters nicht lesen, somit zielt die ehrende Großschreibung ins Leere. Aber im Sinne einer Unterscheidungsschreibung hat das große Du auch ein Argument für sich. Das Signal: Es ist ein ganz bestimmter Adressat gemeint, nicht der Leser, nicht ein imaginäres Gegenüber. Die Unmöglichkeit einer passenden Schreibung rührt daher, daß es höchst unnatürlich ist, Europa inbrünstig anzureden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.05.2012 um 08.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20805

Hochhuth scheint tatsächlich Kalypigos geschrieben zu haben (statt Kallipygos). Aber wo bleibt da der schöne Hintern?
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 28.05.2012 um 21.55 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20804

Da wird vor unser aller Augen ein Kontinent mit einem recht kreativen Menschenschlag einfach so plattgemacht. (das aktuelle Buch: Zbigniew Brzeziński: Die einzige Weltmacht)

Begleitet von einer Bewußtseinsindustrie, von der offenbar trotz der frühen Mahnung Enzensbergers nicht ausreichend Kenntnis genommen wurde. Einer Bewußtseinsindustrie, die unaufhörlich hämmert, wie schön alles ist. Und die die Leute unterhält; so wie ein Reeder seine Flotte, ein Spediteur seinen Fuhrpark. Unter anderem mit einer Rechtschreibreform.

Die Arbeiterklasse, die sich im zwanzigsten Jahrhundert dem Unheil entgegengestemmt hat – 33 und 53 – gibt es nicht mehr.

Das feige Bürgertum muß es diesmal richten. Pessimistisch denkt man schon an die Quadratur des Kreises.

Doch dann rafft sich einer aus dem bürgerlichen Lager auf, ein Nobelpreisträger! Fürchtegott Hofer aus Dürrenmatts Abendstunde im Spätherbst versinkt in Ehrfurcht.

Ein Nobelpreisträger liest Peter Scholl-Latour: Beware of the old men, they have nothing left to lose – und denkt sich: There is work to be done, why not I (Germar Rudolf) – und haut kräftig auf den Putz! (Als Profi weiß er...)

Und dann kommen die Professores und Doctores und: mäkeln.

Maximilian Friedrich Korbes: Sie sind Kritiker geworden! Hinaus!
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 28.05.2012 um 18.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20803

Auch schön ist dieses Sonett von Rolf Hochhuth, veröffentlicht in der führenden Literaturzeitschrift B. Z. am 22. Dezember 2011:

Brandenburger Tor
Genie-Streich 1791 von Langhans.
Sein Name kommt nur im Lexikon vor,
obwohl e r als ihr Gründer d i e Klassik-Instanz;
nicht Schinkel, dessen Wache Untern Linden
so königlich schön sie auch n a c hgebaut,
wir schon auf der Akropolis finden.
Total original, keinem Vorbild abgeschaut:
Das Brandenburger Tor! Hier gesellt
sich Osteuropa zur westlichen Welt.
Schadow, mit dem Po – keine Kunst ohne Eros –
der 4 Pferde, der Göttin, gab der Quadriga
erst den S e x der Venus Kalypigos.
Das Tor lockendoffen – sein Charisma.
Rendezvous
des ‚Who is who’.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 28.05.2012 um 11.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20802

Wollte man die Schande wirklich mit wenigen Worten beschreiben, könnte man ungefähr erklären, Europa habe das bekannt unterentwickelte und korrupte Griechenland in die Währungsunion aufgenommen, um dessen Plutokraten anschließend reichlich Geld zu leihen, das umgehend als Bezahlung für Waffentechnik und Konsumgüter nach Norden zurückfloß – namentlich an den "Exportweltmeister" Deutschland. Kaum kriselt es nun, zeigt man den griechischen Arbeitslosen und Obdachlosen den Stinkefinger, und die Bild-Zeitung titelt voller Häme "Von uns griecht ihr nix!" Das ist schändlich, hat aber mit Goethe, Dankesschuld und Beistandspflicht, geraubten Kunstschätzen, Hitler, Hölderlin, Krösus, Sophokles und Sokrates in der Tat nichts zu tun. Wärs doch nur die Titanic gewesen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.05.2012 um 08.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20801

Was Grass da geschrieben hat und in passend getragenem Ton vorträgt, ist als Beitrag zur Lösung der komplizierten Probleme kaum brauchbar. Grass bemüht Goethe (Iphigenie), die Wiedergutmachung für Verbrechen der deutschen Wehrmacht (kann "Europa" dafür haftbar gemacht werden?), angeblich geschuldeten Dank Europas für die Erfindung der Demokratie vor 2500 Jahren, die Hinrichtung des Sokrates, das schlechte Gewissen wegen Duldung des Militärregimes, aber auch die unpatriotische Ausplünderung des eigenen Landes durch griechische Millionäre. So verschwimmt der Adressat des Appells ebenso wie der eigentliche Inhalt der Mahnung. Es ist einfach zuviel der "Schande", als daß man noch erkennen könnte, worin sie denn nun besteht.
Im mündlichen Vortrag klingt es noch unangenehmer ("die Wiege Dir lieh" usw.). Hat er keine Freunde, die ihm so etwas ausreden? Wie soll das denn weitergehen?
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 27.05.2012 um 22.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20800

"Rechthaber Macht". Stärker verdichtet geht es nicht. Da muß man erst einmal drauf kommen.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 27.05.2012 um 22.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20799

Eine Meinung soll sein wie eine Stellung beim Schach: Was vorher gewesen ist, trägt zur Analyse nichts bei.
 
 

Kommentar von R. H., verfaßt am 27.05.2012 um 17.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20798

Wie gestelzt und holprig das daherkommt, kann man sich hier im O-Ton anhören:
www.ndr.de/ndrkultur/grass197.html

Dann mag man lachen (wenn's gelingt), verblüfft sein, sich fremdschämen oder Heinz Erhardt zitieren:

Es soll manchen Dichter geben,
der muß dichten um zu leben.
Ist das immer so? Mitnichten,
manche leben, um zu dichten.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 27.05.2012 um 11.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20797

Die Netzausgabe der FAZ interpretiert einen Satz des Begleittextes der "Süddeutschen" nun so, als habe man in München geahnt, dieser seltsame Text könne unmöglich von Grass sein. Aber warum drucken sie es dann?

Vgl. hier: www.faz.net.

Zugleich ist der Text ein schönes Beispiel dafür, wie man mit Google hübsche Gedichte fabrizieren kann. Tante Luises 75. Geburtstag ist also gerettet!
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 27.05.2012 um 10.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20796

Selbstverständlich Titanic. Daß man bei der SZ sowas ernsthaft für Grass hält, läßt in Abgründe blicken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.05.2012 um 10.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20795

Das neue Gedicht von Grass zur Wirtschafts- und Währungspolitik der EU gegenüber Griechenland stößt mit Recht auf Unglauben, manche halten es für eine untergeschobenen Fälschung von Satirikern oder tun jedenfalls so, als hielten sie das für möglich. Die Süddeutsche Zeitung hätte meiner Ansicht nach eine gewisse Pflicht, den alten Mann vor sich selbst zu schützen. Was wird denn aus ihm, wenn er nach und nach die ganze Weltpolitik in dieser Weise abhandelt?
Zum Sprachlichen: Die gehobenen vorangestellten Genitivattribute sind ein wirklich sehr abgestandenes Mittel, um aus Sachprosa Lyrik zu machen: der Rechthaber Macht, der Waffen Gewalt, der Obristen Claqueure. Der Rest ist auch nicht besser (was gülden glänzt usw.).
Manche Journalisten wollen bei Grass Daktylen erkannt haben, andere Anapäste ...
Vor einiger Zeit habe ich hier die Inschrift unseres dörflichen Kriegerdenkmals zitiert, und an diese Totensonntagsprosa hat mich das neue Elaborat gleich erinnert: Vergesst nicht das Opfer das große. Jene, sie gaben ihr Leben, diese blieben zurück – Ihr aber hütet die Flamme des neuen Erstehens, schützet den Wuchs, der so jung, vor zerstörender Macht. So nur danket ihr all den Gewesenen, daß sich ihr Ende nicht wiederhole hier, im apokalyptischen Streit. Das ist auch nicht schlechter als das Griechenlandgedicht.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 11.04.2012 um 22.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20396

Unter dem Aspekt der Rechtschreibung wäre vielleicht noch erwähnenswert, daß man in Schweden offenbar nicht auf dem neuesten Stand ist. Siehe hier: http://akademiblogg.wordpress.com/.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 11.04.2012 um 18.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20394

D'accord. Es ist schon reichlich viel über das Geschreibsel eines eitlen Selbstdarstellers geredet worden. Über die literarische Qualität des grässlichen Ergusses oder vielmehr das Fehlen derselben besteht ja breiter Konsens. Die "vielfach belegten Zitate" sind für "Schrift und Rede" auch nur insoweit von Interesse, als eingestandenermaßen Fehlübersetzungen aus dem Persischen in Umlauf waren oder immer noch sind. Aber auch zu der Thematik gibt es schönere Beispiele. So appetitlich ist der Krakeeler aus Teheran nun auch nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.04.2012 um 06.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20393

Ich habe mich an vielfach belegte Zitate gehalten, die etwas anderes besagen, möchte aber das Ganze hier politisch nicht weiter kommentieren.
Die Unangemessenheit der "lyrischen" Form von Grass' Kommentar ist inzwischen auch von anderen so klar herausgearbeitet worden, daß sich das Thema auch für mich erledigt hat.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 10.04.2012 um 20.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20391

"Erklärtes Ziel der iranischen Politik" (Kommentar 20378)? Nun droht der Iran durchaus nicht damit, die geheimen israelischen Atomanlagen zu bombardieren – Anlagen, in denen zweifellos Atombomben gebaut werden (wie wir dank Mordechai Vanunu wissen; der Mann hätte wahrlich den Friedensnobelpreis verdient!), von einem Staat, der nicht daran denkt, sein Atomprogramm irgendwelchen internationalen Kontrollen zu unterwerfen oder den Atomwaffensperrvertrag zu unterzeichnen.
Überhaupt hat der Iran im Gegensatz zu gewissen anderen Staaten noch nie ein anderes Land überfallen, wurde vielmehr selber schon einmal Opfer einer vom Westen wohlwollend unterstützten, brutalen Aggression (durch einen gewissen Saddam Hussein, einen guten Freund der USA, der vom Westen reichlich mit chemischen Waffen und allem, was man so für einen ordentlichen Krieg braucht, ausgerüstet wurde). Was es gibt, sind Äußerungen iranischer Politiker, daß das zionistische Besatzungsregime von der Landkarte verschwinden müsse – so wie auch Rhodesien von der Landkarte verschwunden ist, wie das südafrikanische Apartheidregime von der Landkarte verschwunden ist, wie auch die französischen Departements Algier und Bône von der Landkarte verschwunden sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.04.2012 um 12.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20387

Freud wollte auch terminologisch origineller sein, als er war, und hat auch sonst die Spuren seiner Vorgänger tunlichst verwischt. Dazu gibt es seit etwa 1990 eine besondere Fülle von kritischen Rekonstruktionen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 07.04.2012 um 11.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20384

Bei Freud heißt es Unbewußtes, nicht Unterbewußtsein.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 07.04.2012 um 10.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20383

Auch gäbe Grassens Werk schwerlich Einblick in Freuds Unterbewußtsein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.04.2012 um 09.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20382

Günter Grass schreibt ein Gedicht über Israel, das Sigmund Freud jubeln ließe. Denn es gibt tiefe Einblicke in sein Unterbewusstsein. (Josef Joffe, Zeit 7.4.12)

Ich kann mir nicht vorstellen, daß Freud sich für Grass interessieren würde. Abermal im Ernst: Der Name Freud ist offenbar reflexartig mit dem Begriff des Unbewußten verbunden. Diese Fälle könnte man mal zusammenstellen: Skinner läßt grüßen usw. – Chiffren der Halbbildung. Wer sind die Leute, die sich auf diese Weise verständigen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.04.2012 um 08.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20380

Mag sein. Aber nach meiner Intuition, die ich auch in meine "Regeln" aufgenommen habe, empfiehlt sich bei semiotischer Heterogenität (s.v.v.), hier also "Eigenname + Appellativum", ein Bindestrich. Ich würde also auch eher Nietzsche-Lektüre usw. schreiben. Aber das ist nur eine persönliche Vorliebe.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 07.04.2012 um 00.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20379

Man wählt hier gewöhnlich die Form ohne Bindestrich, also die britische Deutschlandpolitik, die preußische Polenpolitik (was sich auf Staat oder Menschen beziehen kann) usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.04.2012 um 18.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20378

Die nachträglichen Präzisierungen, die Grass in Interviews anbringt – er habe eigentlich etwas anderes gemeint und hätte es in sein "Gedicht" hineinschreiben sollen –, beweisen noch einmal, daß er die falsche Form gewählt hat.
(Gibt es eigentlich eine "israelische Iran-Politik"? Es gibt zweifellos eine iranische Israel-Politik, deren erklärtes Ziel die Tilgung Israels von der Landkarte ist. Dazu muß sich Israel irgendwie verhalten, und das ist dann die Iran-Politik Israels.)
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 06.04.2012 um 15.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20375

Man sollte Grassens gräßliches Gedicht als einen Versuch lesen, sich auf die alten Tage noch einmal ein schlechtes Gewissen zu verschaffen. Das erste hatte er sich nämlich erschwindelt. Für Grass ist die späte Geburt eine Ungnade. Ein Walter Jens konnte seinen exaltierten moralischen Anspruch aus dem Vollbewußtsein der eigenen Schändlichkeit schöpfen. Doch Grass hatte nur die paar Monate als Jugendlicher bei der Waffen-SS gegen Kriegsende. Die Freiwilligmeldung war zwar eine Dummheit gewesen, aber unter den gegebenen Umständen nicht einmal unehrenhaft. Trotzdem hat er sie als vermeintlich finsteres Geheimnis über Jahrzehnte hinweg bebrütet.

Er mußte gar nicht den Verlust seiner Glaubwürdigkeit befürchten, hätte er die Frundsberg-Episode beizeiten eingeräumt. Ihm drohte Ärgeres: heimgeschickt zu werden mit dem Hinweis, da sei er nicht der einzige junge Esel gewesen, und er solle sich gefälligst keinen Kopf machen. Der dunkle Fleck in seiner Vergangenheit konnte erst mit der Zeit und dadurch entstehen, daß er ihn verdunkelte. Als er vor ein paar Jahren schließlich sein Gewissen erleichterte, mußte dem Mann die vorhersehbare – und natürlich zumeist ebenfalls geschwindelte – Empörung in der Öffentlichkeit als bittere Bestätigung erscheinen: wie gut er doch daran getan habe, sein Geheimnis so lange zu hüten.

An dieser Stelle wird die Tragik des Dichters sichtbar. Denn das Geheimnis mußte er eines Tages lüften; mit dem Geheimnis war jedoch auch das schlechte Gewissen weg – geopfert für den kurzen Kick, endlich einmal von seiten anderer die Abgründigkeit, Ambivalenz und Fragwürdigkeit der eigenen moralischen Existenz zu erfahren. Es war eine Nemesis ohne Katharsis, weil es schon mit der Hybris haperte. Da hilft nur eines, nämlich den Kick zu wiederholen. Und weil Grass weiß, daß er nicht noch einmal so viel Zeit hat, überläßt er es jetzt den anderen, ihm ein schlechtes Gewissen zu machen.
 
 

Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 06.04.2012 um 11.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20374

Der Dichter schrieb mit später Tinte,
aber ach – der Täter spinnte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.04.2012 um 09.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20371

"Poetisch" ist auch das falsche Tempus: Warum schwieg ich bislang? In einer Diskussion zum selben Thema würde man sagen: Warum habe ich bisher geschwiegen? Aber Grass will eben nicht diskutieren, daher das Imperfekt ("erzählte Welt" statt "besprochene Welt" nach Harald Weinrichs Ausführungen in seinem Tempus-Buch).
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 06.04.2012 um 08.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20370

Ganz recht, Herr Strowitzki. Will man boshaft unterstellen, ein verkappter Antisemit habe keine rechte Tinte mehr auf dem Füller, muß man das schon zum Ausdruck bringen.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 05.04.2012 um 19.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20366

Klingt vielleicht lustiger, ist aber eine andere Aussage. Israel ist nicht "die Juden", auch wenn die Zionisten gerne alle Juden der Welt für sich verhaften möchten.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 05.04.2012 um 18.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20365

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?


Ich muß sagen, daß mich Zeilen wie die ersten beiden durchaus lyrisch anmuten. Gereimt wärs aber lustiger.

Warum nur sage ich erst heute
Kaum Tinte auf dem alten Stift:
Der Juden Bombe, liebe Leute
Ist für den Frieden pures Gift

 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 05.04.2012 um 11.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20359

Bemerkenswert die Wortwahl des ZDF:

"Grass-Gedicht schockiert die Welt - morgenmagazin ...
www.zdf.de/ZDFmediathek/.../Grass-Gedicht-schockiert-die-Welt?bc...vor 4 Stunden – Günther Grass hat mit seinem Gedicht gegen Israel die Welt entsetzt: Provozierend und übertrieben, so die einhellige Meinung."

Die Doppeldeutigkeit der Formel "hat die Welt entsetzt" ist wohl unbeabsichtigt – aber: Ist es wirklich die Welt, die sich empört?

Die Inder, schockiert?
Die Chinesen, einhellig aufgebracht?
Was ist mit den Arabern? Auch empört?

Die Medien der westlichen Welt pars pro toto für die ganze Menschheit? Diese rassistische Ineinssetzung ist nicht selten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.04.2012 um 07.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20356

Thomas Steinfeld und andere besonnene Kommentatoren weisen auch darauf hin, daß die vorgespiegelte Gedichtform nur dazu dient, die Thesen der Diskussion zu entziehen. Politik ist aber Gegenstand von Diskussionen schlechthin.
Die Stellungnahmen zum Inhalt sind das Papier nicht wert, das war ja vorauszusehen. Es geht überhaupt nicht mehr um den Nahostkonflikt, seine Geschichte und mögliche Aussichten. Mich interessieren die Ansichten des Herrn Grass so wenig wie die von anderen Pamphletisten, mir ging es wirklich nur um die Sprache.
Es gab einmal das Lehrgedicht, und es gab politische Propagandagedichte (z. B. von Walther von der Vogelweide). Heute diskutieren wir in Prosa. Wir brauchen also Argumente – und Sachkenntnis. Den scheinheiligen Heiligenschein der Dichtung brauchen wir nicht, er ist geradezu unanständig.
 
 

Kommentar von Sarrazin 2.0, verfaßt am 05.04.2012 um 01.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20355

Ich schreibe ab sofort nur noch Gedichte.
 
 

Kommentar von www.tagesschau.de, Kommentar von bygdin, verfaßt am 05.04.2012 um 00.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20354

Ich habe alle Forenbeiträge gelesen. Jetzt lasse ich mir nochmal die sichtbare Schlagzeile auf tagesschau.de ganz oben auf der Zunge zergehen:

Sturm der Entrüstung nach Grass' Gedicht

Das Gedicht des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass zur Iran-Politik Israels hat überwiegend ablehnende Reaktionen hervorgerufen

Das zieht sich überall durch die Presse, wie mir scheint.

Überwiegend ablehnende Reaktionen??? Hä?

So kann ich eine Nachrichtenredaktion leider nicht mehr ernst nehmen. Wie wäre es mit dem Untertitel: "Empörung hat keinen Rückhalt in der Bevölkerung – ein Symptom für die weitere Entfernung der Politik von der Basis".

Keine Partei die sich heute öffentlichkeitswirksam an der Empörung beteiligt hat bekommt von mir eine Stimme bei der nächsten Wahl.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 05.04.2012 um 00.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20353

Tagesthemen im Ersten, "heute" im ZDF: einhellige Ablehnung durch alle Politiker (außer Linke) und Fernsehkommentatoren

Hunderte Leserkommentare auf der Tagesschau-Internetseite: Fast nur Zustimmungen und Danksagungen

Das ist doch bemerkenswert! Zeigt nicht allein dieser Punkt, daß Grass ein bemerkenswertes "Gedicht" geschrieben hat?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 04.04.2012 um 22.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20352

»Was gesagt werden muß«? "Mustn't say that!"
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 04.04.2012 um 17.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20351

Hätte Alfons Schuhbeck denselben Text geschrieben und eine überregionale Tageszeitung gefunden, die ihn als »Rezept« abgedruckt hätte, würde die Nation jetzt über das »Schuhbeck-Rezept« diskutieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.04.2012 um 16.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20350

Bezeichnenderweise will Grass nichts weiter sagen, es sei in seinem Text alles gesagt. Das war von vornherein klar: Diskussionsverweigerung ist der Kern der Darbietungsform. Der Kölner Stadtanzeiger hat sich das boshafte Vergnügen gemacht, den Text als normale Prosa herunterzudrucken.

Ich habe schon immer eine starke Abneigung gegen diese feige Art der Rede gehabt: erst was Steiles behaupten und sich dann auf die Poesie zurückziehen. Wäre es nicht der berühmte Name und die prätentiöse Form, hätte sich keine Seele um eine solche Meinungsäußerung gekümmert.
Jetzt wird man sich ein paar Tage lange alles mögliche um die Ohren hauen und dann auf die nächste Erregungsmöglichkeit warten. Grass kann man fast bedauern, weil er sich auf seine alten Tage noch um den ganzen früheren Ruhm bringt. Jeder sieht, daß der Kaiser wirklich nicht viel anhat.

(Ich selbst habe übrigens keine Meinung in der Sache, verstehe nichts davon und weiß nicht, wie es im Nahen Osten weitergehen soll.)
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 04.04.2012 um 14.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20348

Auf der Titelseite der SZ heißt es: »In seinem Gedicht mit dem Titel „Was gesagt werden muss“ fordert der Literaturpreisträger …«. Hat eigentlich außer der SZ-Redaktion noch wer behauptet, daß es ich um ein Gedicht handelt?

Ich vermute, daß auch das »muss« im Titel des Kommentars auf das Konto der Redaktion geht. Im Text selbst steht: »was gesagt werden muß«.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.04.2012 um 12.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1466#20346

Das sogenannte Gedicht, mit dem Grass es noch einmal geschafft hat, in die Schlagzeilen zu kommen, heißt zwar Was gesagt werden muss, aber der übrige Text ist in herkömmlicher Rechtschreibung gehalten. (SZ vom 4.4.12)

Im übrigen ist der Text in meinen Augen ein politischer Kommentar, der durch Zeilenbruch und Strophengliederung die höheren Weihen der Dichtung auf sich lenken will, zugleich aber eben dadurch die Möglichkeit ausschließt, ihn argumentativ ernst zu nehmen. Immerhin bereichert Grass die Lyrik durch solche wunderbaren "Verse" :

daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Was für eine Sprachgewalt! Wenn er den Nobelpreis nicht schon hätte, müßte er ihn nun bekommen...
 
 

nach oben


Ihr Kommentar: Sie können diesen Beitrag kommentieren. Füllen Sie dazu die mit * versehenen Felder aus und klicken Sie auf „Kommentar eintragen“.

Sie können in Ihrem Kommentar fett und/oder kursiv schreiben: [b]Kommentar[/b] ergibt Kommentar, [i]Kommentar[/i] ergibt Kommentar. Mit der Eingabetaste („Enter“) erzwingen Sie einen Zeilenumbruch. Ein doppelter Bindestrich (- -) wird in einen Gedankenstrich (–), ein doppeltes Komma (,,) bzw. ein doppelter Akut (´´) werden in typographische Anführungszeichen („ bzw. “) umgewandelt, ferner werden >> bzw. << durch die entsprechenden französischen Anführungszeichen » bzw. « ersetzt.

Bitte beziehen Sie sich nach Möglichkeit auf die Ausgangsmeldung.
Für sonstige Diskussionen steht Ihnen unser Diskussionsforum zur Verfügung.
* Ihr Name:
E-Mail:
(Wenn Sie eine E-Mail-Adresse angeben, wird diese angezeigt, damit andere mit Ihnen Kontakt aufnehmen können.)
* Kommentar:
* Spamschutz:   Hier bitte die Zahl einhundertvierundfünfzig (in Ziffern) eintragen.
 


Zurück zur vorherigen Seite | zur Tagebuchübersicht


© 2004–2017: Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V.

Vorstand: Reinhard Markner, Walter Lachenmann, Jan-Martin Wagner
Mitglieder des Beirats: Herbert E. Brekle, Dieter Borchmeyer, Friedrich Forssman, Theodor Ickler, Michael Klett, Werner von Koppenfels, Hans Krieger, Burkhart Kroeber, Reiner Kunze, Horst H. Munske, Adolf Muschg, Sten Nadolny, Bernd Rüthers, Albert von Schirnding, Christian Stetter.

Webhosting: ALL-INKL.COM