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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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13.06.2011
 

Störfaktor Englisch
Aus einem alten Tagungsprotokoll der SPD

Vor gut zehn Jahren veranstaltete die SPD-Bundestagsfraktion eine der vielen folgen- und daher auch sinnlosen Debatten zur Sprachpolitik: Die Zukunft der deutschen Sprache. Themenabend der SPD-Bundestagsfraktion 24. Oktober 2000.

Die Journalistin Marianne Heuwagen, nach eigenen Angaben 11 Jahre in den USA tätig gewesen, sagt u. a.:
„Zur Zeit Friedrichs des Großen haben die gebildeten Schichten französisch gesprochen. Ich wüsste nicht, dass das in irgendeiner Weise der deutschen Sprachentwicklung abträglich gewesen wäre.“
Nun, die deutsche Sprache hat sich weiterentwickelt, aber mit dem Französischsprechen hat man aufgehört, weil es zwar nicht der deutschen Sprachentwicklung geschadet, aber anscheinend die Verständigung zwischen den Volksschichten gestört hat. Darum haben ja auch die Verdeutscher sich erfolgreich eingemischt. Nach Heuwagen hätten sie dazu keinen Grund gehabt. Auf die Anglizismenkritik antwortet sie mit dem Vorwurfe der Heuchelei bei unseren Gebildeten:
„In unserem Bereich, in den Medien, findet man heute immer noch – vor 10 Jahren war das noch viel häufiger der Fall – Leitartikler, die genüsslich ihre Leitartikel mit lateinischen Sätzen untermauern, um zu beweisen, wie gebildet sie sind. Darüber hat sich nie einer aufgeregt. Ich meine, das können viele Leser nicht verstehen, die nicht lateinisch gelernt haben in der Schule. Aber es galt immer auch unter gebildeten Kreisen in Deutschland als akzeptabel, dass man auf diese Art und Weise seine Bildung vor sich her trägt. Das ist übrigens im angelsächsischen Bereich in den Vereinigten Staaten, wo ich den Journalismus gelernt habe, ganz anders. Da ist das absolut verpönt, da werden Journalisten gebeten, Standard American English zu verwenden, d. h. einen Wortschatz, den jeder verstehen kann, und nicht durch den Gebrauch von Fremdworten Menschen und Leser auszuschließen, die das nicht beherrschen.“
Daraus würde eigentlich die Forderung folgen, daß unsere deutschen Journalisten ebenfalls ein reines "Standarddeutsch" schreiben sollten, aber Heuwagen findet ja im Gegenteil die englischen Einsprengsel ganz in Ordnung, nur eben nicht die lateinischen: "Ich halte Anglizismen nicht für einen Störfaktor in der deutschen Sprache." Komische Logik.

Manfred Bierwisch sagte bei derselben Gelegenheit zur Rechtschreibreform: „Zwischen englischer Indolenz und französischer Regelungswut stehend, ist das Dümmste passiert: Zentralistische Verordnung auf der Basis desinteressierter Unkenntnis. Die KMK hat ohne Not etwas beschlossen, das der Tradition hätte überlassen bleiben können.“
Und der bekannte Rechtschreibreformer Peter Eisenberg sagte: "Sie werden sehen, die Erfahrung mit der Orthographiereform, das wird ein Schrecken ohne Ende."
An der Verlängerung des Schreckens sollte er ja in den folgenden Jahren tatkräftig mitwirken.



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Kommentare zu »Störfaktor Englisch«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.01.2019 um 16.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#40640

Zum vorigen:

Ginge es nach der Regierung in Washington, dürfte die Linie auch in den verbündeten Ländern der USA nicht mehr fliegen. (t-online.de 21.1.19)

(statt: in den mit den USA verbündeten Ländern)

Wörtlich verstanden ist Deutschland ein Land der USA.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2019 um 04.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#40538

Das englische Possessivum wird nicht nur häufiger gebraucht, wo wir im Deutschen uns mit dem bestimmten Artikel begnügen (my hand – die Hand), sondern auch in Wendungen wie my senior – älter als ich.

Außerdem in der Unternehmenskommunikation: our affiliated companies usw., was im Deutschen dann oft als unsere verbundenen Unternehmen wiedergeben wird. Tochterunternehmen wäre nicht unbedingt dasselbe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.11.2018 um 17.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#40012

Schwere Unwetter in Italien
Neun Leichen in geflutetem Haus gefunden

(t-online.de)

Das Haus wurde nicht geflutet, sondern überschwemmt. Das ist wie mit killed = getötet.

16-jähriger Praktikant in Häcksler getötet
(Man denkt an einen Mordanschlag mit Hilfe eines Häckslers.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2018 um 16.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#37792

Ein sinn- und gedankenvolles Abschreiben ist in der Tat (wenigstens für mich; aber auch Monsignore Hinterpförtner stimmt mir hierin bei) eine ebenso intense und zeitverzehrende Beschäftigung, wie das Niederlegen eigener Gedanken. (Thomas Mann: Doktor Faustus)

intens scheint mir ein Anglizismus zu sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.07.2017 um 06.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#35615

Noch nie fand ein Gipfeltreffen in Deutschland statt, an dem mit China, Russland und den USA alle der mächtigsten Länder der Welt teilnehmen. (Welt 7.7.17)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.05.2017 um 05.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#35026

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#23113

Oft findet man auch Preliminarien (so als Titelzeile in der FAZ vom 4.5.17 über den Brexit). Das war in älteren Texten schon üblich, kommt aber jetzt aus dem Englischen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.05.2017 um 09.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#34981

Damit hätte Flynn gegen das „Ein Präsident zur Zeit“-Gesetz verstoßen. (Berliner Kurier)

= one president at a time
 
 

Kommentar von Frank Daubner, verfaßt am 16.04.2017 um 10.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#34891

In studentischen Hausarbeiten (Altertumswissenschaften) wird regelmäßig "Beweis" statt des fachüblichen "Beleg" für dies und jenes geredet. ("Bei der Ausgrabung xxx fand man Beweise dafür, daß yyy.") Das zeigt immerhin, daß englischsprachige Literatur gelesen wurde, und in leo.org ist Beleg erst der zehnte Eintrag zu evidence.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.04.2017 um 04.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#34889

Ich erinnere mich noch, wie mir in der (übersetzten) sprachwissenschaftlichen Literatur der Bedeutungsanglizismus Evidenz auffiel. Datieren kann ich seinen Anfang im Augenblick nicht.

Ich habe einige Schriften Robert Kochs (zu Milzbrand und Desinfektion) durchgesehen. Er gebraucht Evidenz stets im herkömmlichen Sinn:

erst im weiteren Laufe der Untersuchung stellte sich mit aller Evidenz die merkwürdige Tatsache heraus, daß die alkoholischen ebenso wie die öligen Lösungen von Mitteln...

Daß die Sporenbildung im mittleren Deutschland selbst in einer mäßigen Tiefe nur an vereinzelten Stellen und nur während einer kurzen Zeit im Jahre stattfinden kann, geht aus der obigen Tabelle zur Evidenz hervor.


usw., ich halte das für repräsentativ.

Dieter E. Zimmer hielt vor einigen Jahren Evidenz in der neuen Bedeutung für eine Bereicherung des Deutschen, weil es keine genaue Entsprechung gebe. Hans-Martin Gauger fand es ärgerlich.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 15.04.2017 um 19.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#34887

In der Fernsehserie „Charité“ spricht Robert Koch von der „Evidenz“ für die Wirksamkeit seines Tuberkulins. Das scheint mir ein grober Anachronismus zu sein.

Inzwischen wird die bisher übliche Bedeutung dieses Worts im Deutschen (im Sinne von „evident“) durch einen Anglizismus überlagert, wie der Ausdruck „evidenz-basierte Medizin zeigt.

Für das englische Wort „evidence“, dessen Bedeutung irgendwo zwischen „Indiz“ und „Beweis“ liegt, gibt es keine genaue Entsprechung im Deutschen. Am nächsten käme wohl „Beweisstück“, was aber etwas unhandlich, jedenfalls für eine wörtliche Übersetzung von „evidence-based“ wenig hilfreich ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.04.2017 um 07.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#34859

Denn anders als Syriens Baschar al-Assad wäre Nordkoreas Kim durchaus in der Lage, einen Gegenangriff auf die US-Verbündeten Südkorea oder Japan auszuführen. (Spiegel 10.4.17)

Diese schnodderige Konstruktion war lange das Markenzeichen des SPIEGEL und ist dort noch immer am häufigsten. Ein Nachteil ist die Begrenzung auf gewisse einfache, artikellose Ländernamen. Rußland bietet sich erst nach dem Ende der ungeeigneten Sowjetunion wieder an.

Leserbriefschreiber, die es besonders geistreich finden, schreiben Deutschlands Merkel.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.03.2017 um 05.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#34734

Regelmäßig tritt sie – in Rezitalen oder mit renommierten Orchestern – in den bedeutenden Konzertsälen auf. (https://www.muenchenticket.de/guide/tickets/1404g/Valery+Gergiev.html)

„von einem Solisten dargebotenes oder aus den Werken nur eines Komponisten bestehendes Konzert“ (Duden)

„Auch bei einem Konzert eines Solisten, der von einem Klavier begleitet wird, spricht man von einem Rezital. So wird z. B. ein Klavierrezital von einem Pianisten dargeboten, ein Violinen- oder Flötenrezital von einem Violinisten oder Flötisten, eventuell mit Klavierbegleitung. Auch bei Gesangsdarbietungen mit oder ohne Klavierbegleitung wird die Bezeichnung Gesangsrezital verwendet, wobei auch andere Bezeichnungen nach dem Inhalt der Darbietung verwendet werden wie z. B. Liederabend.“ (Wikipedia)

Was denn nun? Brauchen wir ein solches Wort? Wie sind wir bloß ohne es ausgekommen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.03.2017 um 12.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#34707

Mit ging es um den Anglizismus um einmal so anzufangen, wohinter sich ja wohl to begin with verbirgt.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.03.2017 um 11.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#34706

Das english-deutsche Wort "hacken" bringt die ehrenwerten Berufe des Waldarbeiters und des Metzgers ins Zwielicht. (Z.B. war Kaiser Wilhelm II. im niederländischen Exil Holzhacker.) Unter einem gehackten Computer kann man sich auch einen Haufen zerbeultes Blech vorstellen. In Norddeutschland ist ein Gehacktes-Brötchen eine verbreitete Speise.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.03.2017 um 07.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#34705

«Das geblockte Dekret ist eine abgemilderte Version des ersten Dekrets, das von einem anderen Richter ebenso geblockt wurde und das nie hätte geblockt werden dürfen, um einmal so anzufangen», sagte der Präsident. (Welt 16.3.17)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.03.2017 um 05.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#34701

Prüfbehörde für Hass im Netz (FAZ 15.3.17)

Eigentlich geht es nicht um Haß, denn der ist nicht strafbar, auch nicht seine Äußerung. Besser:

Maas kündigt Gesetz gegen Hetze auf Twitter und Facebook an (Berliner Morgenpost 15.3.17)

Haßrede ist Übersetzung von hate speech.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 13.02.2016 um 17.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#31646

Anscheinend hat sich Frau von der Leyen die Kritik an ihrer auf englisch vorgetragenen Rede vor der Münchner Sicherheitskonferenz 2014 zu Herzen genommen.

Jedenfalls hat sie gestern, wie schon 2015, ihre Rede auf deutsch gehalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.10.2015 um 17.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#30281

Der partitive Genitiv könnte sich einbürgern, zumal er dem Deutschen nicht fremd ist, also nur ein "Frequenzanglizismus" wäre. Noch holpert es:

Alle von tausenden Titel durchstöbern (Amazon prime)
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 17.10.2015 um 02.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#30267

Schlechter Stil: Weil jeder heute ein Smartphone besitze sei "der dokumentierte Tod viral gegangen."

www.spiegel.de/politik/ausland/israel-nach-den-attentaten-misstrauen-und-gewaltbereitschaft-wachsen-a-1058249.html

Wie übersetzt man go viral? Ich würde schreiben: Weil jeder heute ein Smartphone besitze, breite sich der dokumentierte Tod rasend schnell aus.

Akzeptabel wäre wohl auch: ... breite sich der dokumentierte Tod wie ein Virus aus. Aber das gefällt mir nicht, weil man aus dieser Formulierung die Suche nach einer Übersetzung heraushören kann.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.09.2015 um 21.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#29973

Nein. Zwar ist durch den ständigen Gebrauch ein gewisser Verschleiß eingetreten, aber aus dem Munde einer »Diplomatin« (Strippenzieherin wäre hier wohl die passendere Bezeichnung) hört es sich schon ganz ordentlich rüde an. Es ist auch ein Unterschied, ob man beiläufig »fuckin' hell« sagt oder eben ganz konkret »fuck the E.U.«.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.09.2015 um 18.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#29970

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25074

Bei mir ist heute erst der Groschen gefallen: Victoria Nuland ist ja die Tochter des von mir geschätzten Medizin-Autors Sherwin Nuland ("Wie wir sterben" - gutes Buch!) Der wiederum wurde als Shepsel Ber Nudelman geboren...

Aber was ich sagen oder fragen wollte: Ist nicht Fuck the EU im Englischen (besonders in den USA) längst nicht so rüde, wie es in unseren Ohren klingt?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.07.2015 um 10.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#29339

Produkte und Projekte werden "promotet", womit man der Verwechslung mit dem anderweitig festgelegten "promovieren" entgeht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.04.2015 um 17.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#28589

Das ist mir bekannt, ich habe selbst mal was über die Sache mit den "Rechenpfennigen" geschrieben. Mir ist nur der bestimmte Artikel aufgefallen, und ohne das Original zu kennen, habe ich vermutet, daß der "calculus" hier wohl spezifischer gemeint ist. "Der Kalkül" gibt ja im Zusammenhang keinen rechten Sinn. Ich weiß aber nicht, auf welche Stelle bei Leibniz sich Sebeok bezog.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 09.04.2015 um 16.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#28587

Lieber Prof. Ickler,

Das Wort „calculus“ im Englischen ist mehrdeutig. Es kann „Infinitesimalrechnung“ bedeuten, aber auch „Kalkül“ im Sinne eines Rechenverfahrens.

Beide Bedeutungen lassen sich in Verbindung mit Leibniz bringen. Denn Leibniz war nicht nur Miterfinder der Infinitesimalrechnung neben Newton, er gilt heute auch als ein Vorläufer der modernen formalen Logik. Das Ziel der formalen Logik ist es ja, die Logik auf eine Art Rechenverfahren zu reduzieren. Man spricht daher von Logik-Kalkül, Hilbert-Kalkül, Frege-Kalkül (Begriffsschrift).

Falls Sebeok also im Zusammenhang mit Leibniz das Wort „calculus“ gebraucht hat, dann vermutlich im Sinne von Logik-Kalkül, denn das dürfte am ehesten zum Thema des Buches passen.

Andererseits hat Leibniz die heute gebräuchliche Symbolik der Infinitesimalrechnung erfunden, was man auch als „Infinitesimalkalkül“ bezeichnen könnte. Daher ist auch in dieser Bedeutung ein Zusammenhang von „calculus“ und Semiotik nicht ganz auszuschließen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.04.2015 um 14.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#28586

„Leibniz (...) betrachtete sogar den Kalkül als einen Teil einer allumfassenden Zeichentheorie.“ (Thomas A. Sebeok: Theorie und Geschichte der Semiotik. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Achim Eschbach. Reinbek 1979:18)

Welchen Kalkül denn? Ach so, "calculus"!
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 26.02.2015 um 12.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#28202

DLF, Umwelt und Verbraucher, 25.2.:
"Ekip [= franz. Equipe] auf deutsch bedeutet Team", sagt Ayse [= Aysche] Demir von der Türkischen Gemeinde in Deutschland.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.01.2015 um 07.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#27863

Dieter E. Zimmer ist als Kenner des Englischen bekanntllich kein Freund von Anglizismen, sieht aber keine Gefahr für das Deutsche, solange die Entlehnungen sich auf das Vokabular beschränken und nicht in den "Tiefencode" der Sprache, also die Grammatik eingreifen. Warum das aber eine Gefahr sein sollte, wird nicht gesagt; es gibt ja auch Lehnsyntax, die nach einiger Zeit gar nicht mehr als solche bemerkt wird, also einfach normaler Sprachwandel ist.
Wahrscheinlich wirkt hier noch die Chomsky-Lehre nach, daß die Grammatik oder Syntax den Kern der Sprache ausmacht. Die Wörter sind demnach der leicht auswechselbare Teil der Sprache – ganz im Gegensatz zur Sicht des Lernenden, der mit einer großen Menge sicher beherrschter Wörter besser bedient ist als mit dem bißchen Syntax. Dabei geht es nicht nur um das Behalten, wie man es an Wortlisten (Vokabelheftchen!) einüben kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.01.2015 um 06.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#27733

Hiermit bezieht er sich auf die Zwei-Quellen-Theorie, die Common Sense der neutestamentlichen Wissenschaft ist. (http://de.wikipedia.org/wiki/Matth%C3%A4us_%28Evangelist%29)

Gemeint ist aber "herrschende Meinung", "Communis opinio".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.12.2014 um 08.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#27663

Der Kampf zur Ausrottung des Hungers „gewinnt an Momentum“. (FAZ 31.12.14)

Eine der beliebtesten Nichtübersetzungen aus dem Englischen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.10.2014 um 07.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#27143

Das Uniklinikum in Erlangen hat am Freitag (24.10.14) ein neues, praxisnahes Forschungszentrum eröffnet. Im sogenannten "Translational Research Center" (TRC) sind die Abteilungen von sieben Kliniken unter einem Dach vereint.

So steht es auch auf einem großen Schild vor dem Neubau, an dem ich täglich vorbeiradele. Die Universität hat – anders als etwa in Heidelberg – das Adjektiv Medical weggelassen, so daß der Außenstehende nicht erkennt, worum es sich überhaupt handelt. Nur der Standort auf dem Kliniksgelände läßt gewisse Vermutungen aufkommen.

Erläuterungen:

Wikipedia: Translational research is engineering research that aims to make findings from basic science useful for practical applications that enhance human health and well-being. It is practiced in fields such as environmental and agricultural science, as well as the health, behavioral, and social sciences.

Wellcome Trust: What is translational research?
Translational research helps turn early-stage innovations into new health products, advancing the innovation to the point where it becomes attractive for further development by the medical industry or healthcare agencies.
Although research in academia and in companies produces many new discoveries and inventions that have the potential to improve health, turning those ideas into deliverable products can prove extremely difficult.
For example, an inventor may need to do further work on the proof of concept of a technology to link skills in the physical sciences to those in biology and medicine.They may also need to bring together the right combination of business expertise to develop the product and position it within the unmet medical need market – anticipating ahead what the market will be looking for, and how the concept will be introduced alongside the competition.
Translation research helps to overcome such obstacles, bridging the gap between basic research and a deliverable product. The funding schemes provided by Innovations at the Wellcome Trust therefore aim to advance the development of an innovation to the point where it becomes attractive for others – such as venture capital firms, industry or public-private partnerships – to take up the challenge of producing a product for the market.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 11.06.2014 um 17.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#26025

Das Wort "Highlight" begegnet einem inzwischen auf Schritt und Tritt.
In diesem Fall wäre "Höhepunkt" aber noch treffender gewesen:

"Das Highlight der Reise nach Frankreich war wohl für die meisten Schüler aber die Besteigung des Eiffelturms, ..."

N.B. Ob "Besteigung" hier wohl das richtige Wort ist?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 27.05.2014 um 20.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25903

Die englische bzw. originale Aussprache von Abkürzungen scheint mir vor allem eine neuere Mode zu sein. Es wird ja in Deutschland von Deutschsprachigen keinesfalls jede englische Abkürzung englisch gesprochen, zumindest meine ich, z. B. die folgenden meistens auf deutsch zu hören: BMI, BSE, ESA, ESTA, FIFA, HDTV, IOC, ISDN, ISO, NASA, NATO, OECD, UFO, USA, WHO, WLAN, www.

Kürzlich haben mich auch die Wahlmeldungen irritiert. Eine niederländische Partei wird im Rundfunk und Fernsehen immer [peh feh feh] ausgesprochen, ich dachte erst, [feh] wäre die niederländische Aussprache des F, eine PFF gibt's ja zumindest in Belgien. Aber [feh] ist das niederländische V. Ich finde, man sollte die PVV in deutschem Kontext auch [peh fau fau] aussprechen. Man produziert ja mit diesem Originalaussprachewahn sonst nur Mißverständnisse, vor allem bei selteneren Sprachen.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 27.05.2014 um 19.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25901

Bisher war ich der naiven Auffassung, die Abkürzung IT stehe im Deutschen für Informationstechnik oder, von mir aus, für Informationstechnologie.
Deshalb war ich überrascht, in der Tagesschau IT englisch ausgesprochen zu hören.
Sogleich habe ich im Duden nachgeschlagen, um mich sachkundig zu machen, und entdeckt, daß IT angeblich für Information Technology stehe.
Mit der inzwischen wohl unanfechtbaren Scheinlogik wird daraus sogleich geschlossen, daß im Deutschen IT nur englisch als [ai'ti:] ausgesprochen werden dürfe.
Natürlich wird in der Tagesschau auch die Siegerin der kürzlichen indischen Wahlen, die Partei BJP, als [bie-dsheh-pie] ausgesprochen, obwohl nur das P für ein Wort wenigstens englischen Ursprungs steht.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 27.05.2014 um 13.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25898

Spiegel Online berichtet über eine Studie der University of London, die leider ergeben hat, daß afrikanischen Hilfsarbeiter von Fairtrade nicht profitieren. (Das bezieht sich nur auf die Hilfsarbeiter, nicht auf Fairtrade-Bauern.)

Im Text heißt es: Die Wissenschaftler werteten für ihre Studie unter anderem Daten von 1700 Personen und mehr als 100 Interviews mit Betroffenen aus.

Ich denke, diese Interviews sind auf dem Vormarsch, wenn auch vorerst wohl nur bei Übersetzungen. Wie soll der arglose Deutsche darauf kommen, daß interviews keine Interviews sind?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.05.2014 um 05.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25732

Die komisch begründete, wenn auch bestimmt nicht ungesunde "Steinzeiternährung" nennt sich Paleo-Diät. Deutsche Bücher dazu haben manchmal rein englische Titel. Nun, das geht auch wieder vorbei.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 26.04.2014 um 20.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25699

Der Bonner Generalanzeiger zitiert heute einen Vertreter von UPS etwa so: "Wir lieben es, in NRW zu sein."

Auf gut deutsch hat er also gesagt: "Wir sind sehr gerne in NRW."
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 26.04.2014 um 13.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25697

Es sind doch Junker Toby und Junker Andrew, die in den "Rittern der Kokosnuss" auferstehen, sind sie nicht?
Rudolf Neumaier in der SZ von heute.
(Hervorhebung von mir.)
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 25.04.2014 um 12.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25679

»Für weitere Beispiele siehe …« empfinde ich als sehr unschön und würde es selbst nicht schreiben. Ich stolpere auch jedesmal darüber, wenn ich es irgendwo lese, weil ich immer sofort an die englische Konstruktion denken muß. »Weitere Beispiele unter/in/bei ..« reicht meines Erachtens völlig aus. In einem Merkblatt kann man schreiben: »Weitere Informationen: …«, »Weitere Informationen finden Sie …« usw. Oft wird in solchen Fällen auch die Präposition »wegen« verwendet.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 25.04.2014 um 11.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25678

Google Books hat für "Siehe zu Schweden" einen, für "Siehe für Schweden" fünf Treffer, für "zu näheren Einzelheiten siehe" 62, für "für nähere Einzelheiten siehe" 430 Treffer aus wissenschaftlichen Publikationen. Es kommt eben darauf an. Man schreibt "zu diesem Thema siehe", aber "für weitere Beispiele siehe". Ersteres ist Lektüreempfehlung, letzteres Anführung zur Unterstützung der eigenen Darstellung.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 25.04.2014 um 08.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25675

Google wirft folgende Zahlen aus:

"Siehe zu diesem Thema auch": 142.000
"Siehe für dieses Thema auch": 0

"Siehe zu diesem Thema": 202.000
"Siehe für dieses Thema": 4
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 25.04.2014 um 08.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25674

Der Beginn mit Für ändert theoretisch nichts, aber er macht die Präposition auffälliger. Dann sind die Chancen größer, daß sich ein deutscher Schreiber fragt, ob er die richtige Präposition gewählt hat. Eine Durchsetzung von für könnte man also mit besonderem Recht dann feststellen, wenn die Schreiber diese Präposition auch am Satzanfang wählen, wie bei Wikipedia.

Daß "für + Thema" auch von Wissenschaftlern gelegentlich gebraucht wird, kann ich mir vorstellen. Bleibt die Frage, wie üblich es im Vergleich zur herkömmlichen Formulierung "zu + Thema" geworden ist.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 25.04.2014 um 02.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25670

Die Inversion ist wohl kaum von entscheidender Bedeutung. Schon Werner Sombart schreibt Siehe für Tirol und dann für Schweden siehe:
http://books.google.ch/books?id=CIoj4–rRIAC&pg=PA824
Einen englischen Einfluß kann man natürlich auch hier nicht ausschließen, aber es ist eben nichts Neues oder spezifisch Wikipädianisches.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 25.04.2014 um 01.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25669

Na ja, Siehe für weitere Erläuterungen ..." ist nicht genau dasselbe wie ein Siehe-Verweis a) auf ein Thema b) mit vorangestelltem Für.

Für das Norddeutsche Tiefland siehe Seite XY, ist so etwas in der wissenschaftlichen Literatur üblich? Es wäre nicht ganz überraschend, weil Wissenschaftler auch immer englische Literatur lesen, also das englische for. Aber schreiben sie wirklich für? Ich möchte wetten, daß zu immer noch Standard ist.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 24.04.2014 um 21.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25668

Siehe für ist in wissenschaftlicher Literatur seit langem üblich. Hier ein Beispiel von 1863, passenderweise von einem Anglisten:
http://books.google.ch/books?id=-BdJAAAAcAAJ&pg=PA24
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 24.04.2014 um 21.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25667

Ganz schlimm finde ich bei Wikipedia die Manie, auf Informationen zu einem anderen Thema mit für zu verweisen. Da gibt es unzählige dieser Begriffsklärungshinweise am Anfang von Artikeln mit mehrdeutigem Lemma. Als beliebiges Beispiel der Artikel über den Ort Nyköping:

Dieser Artikel behandelt den Ort Nyköping; für die schwedische Gemeinde Nyköping siehe Nyköping (Gemeinde).

Ich würde nicht sagen, daß es falsch ist, aber als normales Deutsch empfinde ich es nicht. Man sagt doch auch nicht Siehe dafür Seite 10, sondern Siehe dazu Seite 10.

Die für-Verweise scheinen gegen über denen mit zu weit in der Überzahl zu sein. Ohne Zweifel ein Anglizismus. Ich erkläre mir das so: Ein paar Leute haben anfangs die englische "Vorlage" nachgeahmt, die anderen haben es gesehen und bekamen das Gefühl: "Aha, so muß man das wohl formulieren." Einer hat es vom anderen abgeschrieben, bis es bei den meisten zur Gewohnheit geworden ist.

Kann man hier eigentlich von einem Störfaktor Englisch reden? Das beziehe ich hier eher auf die vermutete Wirkung von Wikipedia nach außen. Die Artikel werden ja täglich millionenfach abgerufen. Wikipedia befördert ganz sicher auch im sonstigen Sprachgebrauch die Formulierung Für das Thema X siehe Seite Y – dieser Einfluß ist allerdings nicht quantifizierbar.

Aber die kommunikationsfreudigen Verfasser von Wikipedia – das ist großenteils eine überschaubare Gruppe – hätten sich doch eigentlich längst Gedanken darüber machen müssen, zumal es hier um eine Standardformulierung geht, die hunderttausendfach verwendet worden ist. Ich frage mich immer: Haben die denn überhaupt kein Sprachgefühl?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.04.2014 um 04.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25654

Bei FOCUS online sind Berichte und Werbung praktisch nicht zu unterscheiden. Nur links oben steht ganz klein „sponsored“, was viele Deutsche nicht verstehen dürften. Früher hieß es "Anzeige".
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Das Ganze wendet sich an den Durchschnittsleser, der ja auch die „Apotheken-Umschau“ für eine Zeitschrift hält. Im Reiseteil der Zeitungen steht bei den meisten Berichten heute ein kleiner Hinweis, daß die betreffende Reise gesponsert wurde, aber das überliest man natürlich oder hält es für nicht wichtig.
"Echte" redaktionelle Beiträge sind ja oft auch nicht objektiver. Das meiste, was Pädagogen und Bildungsforscher schreiben, sollte einen Hinweis auf die Bertelsmann-Stiftung enthalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.04.2014 um 16.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25634

In vielen deutschen Medien heißt es heute etwa so:

«Wir haben zwölf Leichen im Schnee gefunden, wir wissen nicht, wie viele weitere noch darunter gefangen sind», sagte ein Vertreter des Tourismusministeriums in Kathmandu, Dipendra Paudel. Rettungskräfte setzten mit Unterstützung von Helikoptern die Suche nach möglichen weiteren Verschütteten fort.

Die englischen Quellen schreiben natürlich: caught in an avalanche o. ä.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 15.04.2014 um 21.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25614

»Sprachliche Selbstglobalisierung« ist gut gesagt, Herr Achenbach. Ich frage mich nur, ob die (halbwegs) englische Aussprache von NSA unter deutschen Nachrichtensprechern ein passendes Beispiel ist. Oder fällt aus Ihrer Sicht auch die in Deutschland übliche Aussprache von CIA und FBI, CNN und BBC in diese Kategorie?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.04.2014 um 19.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25595

In den romanischen Sprachen heißt das ganz selbstverständlich ONU und OTAN usw, weil sie ihre zusammengesetzten Substantive eben andersherum bilden.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 13.04.2014 um 15.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25594

Die Deutschen sind anscheinend geradezu vorbildlich, was die sprachliche Selbstglobalisierung anbetrifft, so etwa die deutschen Firmen, die Englisch als Geschäftssprache eingeführt haben.

Anläßlich der Einsetzung des NSA-Untersuchungsausschusses fiel mir das erneut auf, denn alle Nachrichtensprecher sprachen übereinstimmend vom NSE-Ausschuß, wohl für den Fall, daß auch ein Amerikaner, der sich in die deutsche Tagesschau verirrt hat, weiß, worum es geht.

Schon seit längerem sprechen die Eingeweihten ja auch nur noch von Dshie-ess-emm oder von Dshie-pie-ess.

Es bleibt allerdings noch einiges nachzuholen. Wann wird endlich NATO wie Nee-toh und UNO wie Juno ausgesprochen?
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 19.03.2014 um 19.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25430

Jedenfalls ist es keine große Leistung, eine sicherlich auf deutsch verfaßte, in der Endfassung von den Übersetzern […] ins Englische übersetzte Rede vom Blatt abzulesen.

Doch, das ist sogar eine sehr große Leistung, wie wir immer wieder vorgeführt bekommen (ich nenne keine Namen). Daß die Ministerin die Rede selbst auf englisch verfaßt hätte, wird ohnehin niemand angenommen haben.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 19.03.2014 um 16.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25429

Die heutige FAZ mutet ihren Lesern, den klugen Köpfen, doch wahrhaftig den Begriff "urban nitting" zu.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.03.2014 um 15.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25398

Ich füge mich gern dem Urteil des Erfahreneren.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 17.03.2014 um 14.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25397

Es mag ja sein, daß Frau von der Leyen stolz auf ihr Englisch ist.
Es mag sogar sein, daß sie dafür guten Grund hat.
Ob sie dies allerdings dem Rest der Welt unbedingt auf die Nase binden muß, ist eine andere Frage.
Ob sie dies ausgerechnet bei einer deutschen Veranstaltung auf deutschen Boden tun muß, ist eine zweite Frage.
Ob sie damit implizit den Anschein erwecken muß, daß der Bundespräsident und der Bundesminister des Auswärtigen nicht an ihr glorioses Englisch heranreichen, ist eine dritte Frage.

Jedenfalls ist es keine große Leistung, eine sicherlich auf deutsch verfaßte, in der Endfassung von den Übersetzern des BMVg ins Englische übersetzte Rede vom Blatt abzulesen. Dolmetscherkosten sind damit auch nicht eingespart worden, denn ihre englische Rede ist ins Deutsche gedolmetscht worden.

Es gibt wahrlich genug Gelegenheiten, wo man nicht deutsch reden kann, so in den Vereinten Nationen, da Deutsch dort keine Amtsprache ist. Selbst in der EU, wo Deutsch Amtssprache ist, stehen häufig keine Dolmetscherdienste zur Verfügung. Der Bundesminister des Auswärtigen wird damit viel Erfahrung haben.

Ich kann sie ja gut verstehen: In ihren bisherigen Ämtern als Familien- und Arbeitsministerin hatte Frau von der Leyen wenig Gelegenheit für den großen internationalen Auftritt - zumal vor deutschen Fernsehkameras. Da bietet sich endlich eine Gelegenheit, jedermann seine Weltgewandheit vorzuführen. Wer könnten denn da wohl widerstehen?

Wenn ich so nachdenke, wird mir klar, daß Frau von der Leyen mir bisher schon nicht durch besondere Finesse oder Feinfühligkeit aufgefallen ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.03.2014 um 04.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25392

Am 28.03.2014 startet beim TV 1848 der Bridge Beginnerkurs. (Aus einem Mitteilungsblatt März 2014)

Noch ist Anfängerkurs viel häufiger, aber wie lange noch?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.03.2014 um 07.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25389

Die "Sprachnachrichten" des VDS druckten kürzlich auch den "Vorwurf" ab, den Johannes Singhammer (CSU) der Verteidigungsministerin von der Leyen machte: Sie hätte auf der Sicherheitskonferenz in München Deutsch statt Englisch sprechen sollen.
Zugelassen waren Englisch, Französisch, Deutsch und Russisch.
Die Konferenz ist international und wird außerhalb der der deutschen Presse mit ihrem englischen Namen bezeichnet. Die meisten Teilnehmer dürften das Englische entweder als Muttersprache oder als selbstverständliche Fremdsprache beherrschen. Hätte von der Leyen eine Schar Dolmetscher beschäftigen sollen - oder vielleicht nur einen, der alles ins Englische übersetzt? Was wäre damit dokumentiert? Wirkt eine Rede, die nicht erst gedolmetscht werden muß, nicht unmittelbarer? Vielleicht hätte die Deutsche dann als (beinahe) einzige dagestanden, die kein Englisch kann.
Die Kritik im Namen eines "Europas der Vielfalt" (Singhammer) hätte schon früher einsetzen müssen: Warum nur vier Konferenzsprachen? Sind nicht alle gleichberechtigt? Aber von Niederländern oder Dänen erwarten wir gar nichts anderes, als daß sie Englisch sprechen und verstehen.
Ich glaube, eine solche praktische Angelegenheit sollte nicht zur Demonstration nationalen Selbstbewußtseins genutzt werden. Unsere Diplomaten werden u. a. durch einen sehr guten Unterricht in Englisch und Französisch und auch anderen Sprachen auf ihren Dienst vorbereitet. Warum eigentlich? Nach Singhammer müßte ein Heer von Dolmetschern genügen.
Gauck und de Maizière sprachen Deutsch, das ist auch in Ordnung. Aber wenn Frau von der Leyen nun mal gut Englisch kann, warum sollten wir nicht ein bißchen stolz auf sie sein? (Ich bin weder Mitglied noch Wähler der Union!)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2014 um 13.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25306

Aber auch der Versprecher des Papstes in questo cazzo wird in deutschen Zeitungen allgemein mit Scheiße übersetzt (oder mit Abkürzungen davon).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.02.2014 um 03.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25074

Fuck the EU! (Europa-Beauftragte der USA Nuland)
Scheiß auf die EU! (Übersetzung im Tagesspiegel u. a.)

Wieder ein Beleg: Sex drüben, Fäkal hüben.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.02.2014 um 12.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25017

Sugar Ray Robinson, geb. als Walker Smith Junior, 1921 - 1989, US-amerikanischer Boxer.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 03.02.2014 um 04.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25011

Professor Ickler weist darauf hin, daß wir niemanden Zucker nennen. Daraus ergibt sich die weitere Frage, warum im Englischen sugar durchaus als Kosewort verwendet wird (laut dem genannten Wikipedia-Artikel seit 1930).

Dem englischen sugar fehlen zwar klanglich die beiden Härten [ts...k...] des deutschen Wortes, aber das würde ich nicht als befriedigende Erklärung einstufen. Wir bezeichnen mit Katze [k...ts...] und Kitz [k...ts] anschmiegsame bzw. niedliche Tiere, so daß der harte Klang keine unüberwindliche Hürde sein dürfte.

Falls jemals die Sitte aufkäme, den Allerliebsten Zucker zu nennen, würde ich das jedenfalls als Anglizismus empfinden. Offenbar wird nicht alles als Anglizismus (bzw. als Lehnübersetzung) übernommen, was theoretisch dafür in Frage käme.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.02.2014 um 23.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25010

Hey, Honey, ich sing für wenig Money ... (Udo Lindenberg)
 
 

Kommentar von Argonaftis, verfaßt am 02.02.2014 um 21.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25009

Websters New World Dictionary leitet honey von OE hunig her.
In der zweiten Bedeutung sweetness (Süße), in der dritten darling.

Hilft das weiter?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 02.02.2014 um 16.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25008

Ich hatte eine andere Vermutung: die Phonetik. Die Endung von honey ist klanglich dieselbe wie bei den Verniedlichungen auf -y und -ie, z. B. mummy, daddy, dearie, Frankie, Debbie; beachte auch baby. Zusammen mit der Süße wird die an sich störende Grundbedeutung (eine zähe Masse, wie "Sirup" oder "Brei") ausgestochen.

Spekulation: Wenn das Wort im Deutschen Honi hieße, wäre es bei uns genauso zum Kosewort geworden.

PS: Nachträglich sehe ich, R. M. hat genau dieselbe Überlegung angestellt. Die Beiträge wurden gleichzeitig geschrieben.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 02.02.2014 um 16.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25007

Die Endung von honey ist gleichlautend mit Diminutiven und Koseformen im Englischen (movie, Billy, Sally usw.). Im Deutschen heißt es aber nicht *Hönchen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.02.2014 um 16.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25006

Spontane Vermutung: vielleicht liegt es an der Leichtigkeit, mit der wir Adjektive substantivieren: Süße(r). Wir nennen ja auch niemanden Zucker oder Sirup.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 02.02.2014 um 14.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#25005

Ich habe ein Beispiel für einen Nichtanglizismus. Die Englischen reden ihre Ehepartner und Geliebten massenhaft mit honey an (laut Wikipedia englisch, "Term of endearment", spätestens seit dem 14. Jahrhundert). Hier sagt aber keiner Honig. Woran liegt das?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.01.2014 um 14.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24899

Ich hatte es kaum geschrieben, da bewölkte sich am nächsten Morgen der Himmel, es fing leicht an zu schneien und die (tatsächliche) Temperatur stieg innerhalb von 2 Tagen um 30 Grad, von -39°C auf heute -9°C. Verrückt!
Bei gleicher Temperatur und Windgeschwindigkeit würden wohl zehn verschiedene Menschen zehn verschiedene gefühlte Temperaturen nennen. Die errechnete "gefühlte" Temperatur stellt vielleicht dafür einen Mittelwert dar unter bestimmten weiteren Bedingungen, die leider normalerweise nicht genannt werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2014 um 19.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24890

Ich hatte mich natürlich auch kundig gemacht und weiß auch, daß es nicht paradox ist, die "gefühlte" Temperatur zu berechnen (!) und das Subjektive objektiv zu bestimmen. Auch die subjektiven Auskünfte, die dem alten Weber-Fechnerschen Gesetz (oder seiner neueren Version) zugrunde liegen, lassen sich ja in eine objektive und mathematisch darstellbare Form bringen. Trotzdem halte ich es mit Herrn Riemer und bin vor allem dagegen, nur noch diese gefühlten Temperaturen in die Wettervorhersagen einzuarbeiten. Das ist ja dann auch keine Meterologie mehr, sondern ganz und gar auf den Menschen bezogen. Auch damit hat man ein Publikum.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 19.01.2014 um 18.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24889

Da die Amerikaner im Schnitt gefühlt mindestens zwei Steine mehr wiegen als Deutsche und beleibte Menschen weniger leicht frieren, dürfte folglich die gefühlte Temperatur im Winter bei vergleichbaren Bedingungen dort höher sein als hierzulande. Ferner müßte die gefühlte Wintertemperatur von Chicago in der dortigen Tribune höher angegeben werden als in der Times-Picayune, da dem Südstaatler beim Besuch im Mittleren Westen ein Kälteschock droht, was wiederum Gegenstand einer lukrativen Schadenersatzklage werden könnte. Die Sache hat noch viel Potential und ist viel interessanter als der langweilige Kampf der Skalen Celsius und Fahrenheit.
 
 

Kommentar von Argonaftis, verfaßt am 19.01.2014 um 17.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24888

Es gibt durchaus Definitionen für die gefühlte Kälte, nachzulesen bei Wikipedia. Häufig liest man für Orte in den USA oder Kanada neben den tatsächlichen Temperaturen auch wind chill oder feels like mit Temperaturangaben. Beides sind brauchbare Angaben. Daß sie mitunter persönlich abweichend empfunden werden, liegt nicht zuletzt in der Konstitution des Frierenden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 19.01.2014 um 15.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24887

Herr Ludwig schreibt: "Die gefühlte Temperatur ist die im täglichen Leben einzg wichtige."
Ja, was das Wetter betrifft, würde ich dem im Prinzip zustimmen. Nur, wie berechnet man diese gefühlte Temperatur? Wie berechnet man Gefühle? Was gefühlt wird, hängt von so vielen Faktoren ab, nicht nur von wahrer Temperatur, Wind und Luftfeuchtigkeit. Da sind Kleidung, Konstitution, wie lange ist man schon draußen, Alter, Gewöhnung. Jede Formel, die diese Faktoren nicht beachtet, muß zwangsläufig ungenau sein. Und jede Formel, die diese Faktoren beachtet, muß zwangsläufig unsinnig sein. Es geht einfach nicht.
Ich bin gerade wieder in einer Urlaubshütte mitten im tiefen Wald, ca. 20 km vom Dorf Inari, Finnland. Es ist windstill, ein stabiles Hoch, jeden Tag klarer Sternenhimmel, die Temperatur schwankt zwischen -35°C und -40°C. Komisch, wenn ich im Internet suche, z.B. auf wetter.de, steht da immer etwas von tags -18, nachts -25 oder so ähnlich. Ob die auch "gefühlt" meinen? Die Temperatur schwankt zwischen Tag und Nacht gar nicht, obwohl es täglich schon 5 Stunden hell ist. Wenn ich nach der Sauna nackt vor die Haustür trete, fühlt sich das an wie vielleicht +5°C. Wenn ich gegen Mitternacht dick eingemummelt zu einem Spaziergang durch Vollmond- oder Polarlicht rausgehe, fühlt es sich zu Anfang vielleicht wie -5°C an, wenn ich nach einer Stunde wieder reinkomme, wie irrsinniger Frost, aber welche Temperatur ich da genau fühle, könnte ich nicht sagen. Ich finde, man soll einfach die wahre Temperatur angeben, dazu ungefähr den Wind und ggf. die Feuchtigkeit, dann weiß jeder, wie er sich dabei fühlt. Vor allem in einem Wetterbericht, der seriös sein will. Aber unter "gefühlten 40 oder -40°C", was soll man davon halten, nirgends wird ja dazugesagt, unter welchen Bedingungen das gemeint ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.01.2014 um 07.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24870

General Patton wird zugeschrieben:

„Es ist nicht das Ziel des Krieges für dein Land zu sterben, sondern den anderen Bastard für seins sterben zu lassen.“ (Im Original: „The object of war is not to die for your country but to make the other bastard die for his.“)
"Die SS... eine verdammt gut aussehende Bande von sehr disziplinierten Hurensöhnen." (Wikipedia)

Usw.

Wir haben hier wieder das Problem, daß die Amerikaner vorwiegend mit sexuell geprägten Kraftausdrücken um sich werfen (fucking), die Deutschen eher mit Exkrementen. Daher wird auch Scheißkerl vorgeschlagen, was aber im Deutschen viel zu stark und auch nicht üblich ist.

Der vielgerühmte, aber etwas langweilige Film "Patton" kann das auch nicht lösen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 09.01.2014 um 10.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24802

Hitzlsperger war natürlich auch im heutigen ZDF-Morgenmagazin das Thema des Tages. Dazu wurde jemand (habe vergessen, wer es war) mit der Bemerkung zitiert, er hoffe, daß sowas irgendwann keine Meldung mehr wert sei. Das ist wirklich zu wünschen, doch bis das letzte Hirn belüftet ist, werden wir noch viele, viele solcher Meldungen hören müssen – und in jeder einzelnen wird das Wort homosexuell mit scharfem „s“ gesprochen werden: homoßexuell. Das klingt englisch. Homoßexualität. Man hört auch immer häufiger von Antißemitismus. Und wer als Designer auf sich hält, macht selbstverständlich Dießein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.01.2014 um 06.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24797

Eine Freundin in Virginia bestätigt uns die Kältewelle: minus 15 Grad Celsius, es sei entsetzlich.
Dank Google kann man sich vergewissern, daß es zum Beispiel in New York noch nie so kalt war (seit dem letzten Winter).
Natürlich muß man sich warm anziehen, und wenn ein scharfer Wind weht, doppelt so warm, das weiß auch hierzulande jedes Kind, aber ich glaube kaum, daß amerikanische Zeitungen darüber berichten würden.

Überhaupt unsere Medien! Gestern waren die Hauptnachrichten bei Bayern 5 (unser Küchenradio):
Erstens: Wie viele Meter war Schumacher von der Piste entfernt, als er gegen einen Felsen fuhr und stürzte?
Zweitens: Wieder hat sich die Hoffnung (!), Knochen der seit 12 Jahren vermißten Peggy zu finden, nicht erfüllt.
Drittens: Die Fußballer müssen bei der WM in Qatar vielleicht doch nicht in der Sommerhitze spielen.

Heute ist dann das - sogar von der Bundesregierung ausdrücklich gewürdigte - Bekenntnis eines Fußballers zu seiin Homosexualität das Hauptthema.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 06.01.2014 um 18.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24766

Zu #24758: Was hier zählt, ist tatsächlich nur die "gefühlte Temperatur". Wirkliche, meßbare -40˚C (übrigens = "negative [!] 40˚ Fahrenheit", so spricht man hier) sind nämlich gar nicht so unerträglich; aber wenn der Wind dazu kommt, dann ist für jede ungeschützte Haut natürlich ziemlich gleich der Teufel los, d.h. in vielleicht 5 Minuten, und das läßt man sich gern eine Warnung sein. Da manche Wettervorhersagen (besonders die "according to the German model", offenbar ein besonderes Rechnerprogramm) ziemlich genau sind, konnte der Gouverneur von Minnesota schon am Freitag festlegen, daß alle Kinder des Schulsystems ("K to 12" = Kindergarten bis 12. Klasse) heute am Montag schulfrei haben. Hier stellt man sich also nicht die Schulkinder vor, wie sie morgens ihre Nase aus der Tür stecken und rufen: "Fühlt sich an wie minus 51 Grad", um schnell wieder ins warme Zimmer zu schlüpfen, sondern wie sie eingemummelt an der Straße stehen, um vom Schulbus aufgelesen zu werden, der sich ja wegen der Umstände auch etwas verspäten kann, — weshalb ich unsere Kinder oft die 40m vom Haus weg an die Straße fuhr, um dort mit ihnen im Auto auf den Schulbus zu warten. Die gefühlte Temperatur ist die im täglichen Leben einzig wichtige. Denn wenn der Farmer im klimatisierten Traktorgehäuse hier seine Ackerarbeit tut, denke ich eben nicht an den Schweiß seines Angesichts, und wenn wir von wochenlangen Sommertemperaturen in Arizona von 115˚F hören, rechne ich das nicht erst in Celsius um (= 46˚C), sondern ich sage mir wie jeder andere hier auch: "Yeah, but that's dry heat." Bei uns hier in der Mitte des Kontinents jedoch sind schwüle 90˚F (32˚C) schon so unerträglich, daß ich mich mit der Familie sommers immer auf große Kulturreise begab, mit langen Fahrten im klimatisierten Auto, langer Betrachtung der Kunstwerke in klimatisierten Museen, Essen in den klimatisierten Restaurants von gut klimatisierten Hotels und dem Schlaf da zum leisen Gesumm der Klimaanlage. Nur derart sind mir auch die gefühlten Sommer im Mittelwesten erträglich. Wegen der Luftfeuchtigkeit gibt's in der Wettervorhersage hier übrigens eine gefühlte Temperatur (feels like) auch im Hochsommer, und alte Leute wie ich sind für derartige Warnung durchaus dankbar. Solche Wetteransage ist sehr vernünftig, während das besondere Fahrgefühl, daß Herr Virch in #24751 beschreibt, hier wiederum ziemlich ungefühlt ist. Teenager spüren es vielleicht (und zahlen deshalb höhere Versicherungsbeiträge, es sei denn, sie haben gute Noten in der Schule), und manche Filmschauspieler und Footballgrößen und ein deutscher Oberer in einer deutschen Autofabrik irgendwo am Atlantik spüren es auch, aber diese Leute sind sowieso was Besonderes und wissen deshalb auch nicht, wohin sie so schnell wollen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.01.2014 um 09.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24765

Englischsprecher lieben es kurz und knackig, was sich natürlich mit ihrem sprachlichen Erbe nicht gut verträgt. Anne of Green Gables muß sich von ihrer ältlichen Pflegemutter ermahnen lassen, nicht so lange Wörter zu gebrauchen, die für ein elfjähriges Mädchen unschicklich sind (den Leser natürlich um so mehr erheitern). Heute morgen las ich bei einem bekannten Psychologen facilitory effects und fand beim Googeln, daß es dafür ziemlich viele Belege gibt. Ein Leser beklagte sich aber:

To the Editor:
I was surprised to encounter the word “facilitory” in the title of a recent article by Beversdorf and Heilman. Because the word does not exist in the Oxford English Dictionary, second edition, in Webster’s Third New International Dictionary, or in Dorland’s Illustrated Medical Dictionary, 28th edition, I assumed that the “facilitory” in the title was simply a misprint for “facilitatory”... (http://www.neurology.org/content/52/5/1106.5.extract)

Es ist allerdings kein Druckfehler, sondern eine Haplologie - oder haplologisch eine Haplogie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.01.2014 um 17.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24758

Für die Amerikaner kommt es immer schlimmer. Die "Zeit" ist inzwischen bei gefühlten Temperaturen von 45 Grad, die FAZ gar bei gefühlten 51 Grad unter Null. Die wirkliche, meßbare Temperatur liegt laut Berliner Zeitung bei 27 Grad: „Bei den für Montag in Minnesota vorhergesagten Tiefstwerten von minus 27 Grad Celsius könne man die Kinder nicht vor die Tür schicken.“ Man stellt sich die Schulkinder vor, die morgens ihre Nase aus der Tür stecken und rufen: "Fühlt sich an wie minus 51 Grad" , um schnell wieder ins warme Zimmer zu schlüpfen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 04.01.2014 um 17.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24751

Leider werden gefühlte Werte nur beim Wetter berücksichtigt. Dabei ist die gefühlte Geschwindigkeit in einem Fiat Panda viel höher als in einem schönen Mercedes. Trotzdem darf der Kleinwagen mit gefühlten achtzig durch die Stadt flitzen, während der Mercedes mit gefühlten vierzig geblitzt wird. Und die Geldstrafe wird ohne jede Rücksicht auf den gefühlten Betrag und den gefühlten Kontostand verhängt. Da kann man schon mal emotional werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.01.2014 um 16.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24749

Erschütterndes wird aus den USA gemeldet:

Eine starke Kältewelle bedroht etliche Städte in den USA. Gefühlte Temperaturen von unter minus 30 Grad Celsius gefährden den Nordosten der USA. (...) Wegen der eisigen Winde warnten die Meteorologen vor einer gefühlten Temperatur von teilweise unter minus 30 Grad Celsius. (focus.de 4.1.14, ähnlich im Radio)

Man erfährt nicht, wie kalt es wirklich ist. Den Grund gibt Wikipedia unter "Windchill" an:

Beispiel: Es herrscht eine Lufttemperatur von −25 °C und eine Windgeschwindigkeit von 15 km/h. Die hieraus errechnete Windchill-Temperatur beträgt −35 °C. Dieser Wert ist nicht messbar, denn er steht – zumindest theoretisch – für das Temperaturempfinden bei einer Lufttemperatur von −35 °C und einem Wind von 1,34 m/s (Gehgeschwindigkeit). Die Temperatur von −25 °C kann dabei nicht unterschritten werden. Der Effekt des real auftretenden Windes und der Temperatur ist in diesem Wert vereint, weshalb auch in manchen Wetterberichten in Nordamerika nur dieser Wert anstatt der eigentlichen Lufttemperatur und Windgeschwindigkeit vermeldet wird.

Man könnte von einem "Amerikanismus" sprechen. Bei uns war das bisher nicht üblich, neuerdings höchstens die Hinzufügung der "gefühlten" Temperatur. Aber es wird nicht lange dauern, dann müssen auch wir uns mit dem windigen Konstrukt begnügen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.01.2014 um 17.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24740

Kurios, daß die Benutzer eines Aufzuges durch dessen ausdrückliche Nennung darauf hingewiesen werden, worum es sich handelt! "Nach oben" würde genügen und wäre so kurz wie das Englische. Diese Pedanterie könnte man also typisch deutsch finiden. Aber es stimmt. Ich habe als Kind schon beobachtet, daß auf den drei- oder viersprachigen Schildchen in Eisenbahnen die englische Fassung die kürzeste zu sein pflegte.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 03.01.2014 um 15.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24739

Unsere Firmenfahrstühle geben zweisprachige akustische Hinweise:
"Aufzug fährt nach oben. - Going up."
Das sind dann hinsichtlich der Länge die etwas unfairen Übersetzungen.

Ansonsten muß man bedenken, daß die Länge des Deutschen sehr stark durch alle möglichen Flexionsendungen verursacht wird. Streicht man mal versuchsweise alle Suffixe, wird der Unterschied deutsch zu englisch schon merklich kleiner. Das Chinesische hat gar keine Flexion.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.01.2014 um 15.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24737

Der zweite Teil Ihrer Ausführungen ist viel wichtiger als der erste. Denn die Übersetzung englischer Ausdrücke ist ja wieder auf den vorgegebenen Sinn Englischen verpflichtet. Für jene vier Prozent habe ich mir auch ein Hintertürchen offengehalten, weil ich weiß, daß das Englische besonders viele Einsilbler ausgebildet hat. Chinesisch ist noch kürzer, allerdings läßt sich die Länge eine chinesischen Satzes wegen der Morphemschrift nicht so gut vergleichen. Wenn ich allein an die vielen Viersilbensprichwörter denke, wofür wir im Deutschen nur ein paar wie "Viel Feind, viel Ehr" haben!

Vielleicht ist es wirklich so, daß man von Wort zu Wort denkt, und der Übersetzer muß dann oft Umschreibungen verwenden, um das einzufangen, was in den einzelnen Wörtern gedacht war.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 03.01.2014 um 12.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24736

Auch eine gute deutsche Übersetzung wird immer mindestens 10% länger sein als der entsprechende englische Text. Das läßt sich kaum vermeiden, wie die Gegenüberstellung zeigt:

to partner
zu kooperieren

with libraries
mit Bibliotheken

to digitize
zu digitalisieren

public domain materials
urheberrechtsfreie Materialien

make them widely accessible
sie allgemein zugänglich (zu) machen

Das Streben nach einer verlustfreien Übertragung mag aber in der Tat dazu führen, daß englische Übersetzungen aus dem Deutschen nicht so kurz sind, wie man vielleicht erwarten würde. So hat laut Projekt Gutenberg Goethes Werther im deutschen Original gut 200000 Zeichen, in der englischen Übersetzung von R. D. Boylan gut 192000 Zeichen. Der Originaltext ist also nur gut 4% länger.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.01.2014 um 09.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24734

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse zugänglich zu machen.

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible.


Obwohl die deutsche Übersetzung einen Anglizismus enthält, ist sie länger als das Original. Das ist fast immer so bei Übersetzungen und wird manchmal irrigerweise so gedeutet, als drückten andere Sprachen sich knapper aus. Es liegt aber daran, daß der Übersetzer sich bemüht, einen vorgegebenen Sinn ohne Verlust wiederzugeben, und dazu braucht er dann fast immer mehr Wörter. Damit will ich aber nicht bestreiten, daß es nationale Ausdrucksgewohnheiten gibt, die es leichter oder schwerer machen, sich kurz zu fassen.
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 21.12.2013 um 16.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24666

Es ist allerdings auch einfacher, vier Buchstaben zu halten als elf. (Umso mehr nach Glühweinkonsum.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.12.2013 um 05.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24662

Auf dem Titelblatt unserer dörflichen Gemeindemitteilungen steht in Großbuchstaben "XMAS", dasselbe auch noch mal im Inneren, wo die Verwaltungsangestelltinnen diese Buchstaben halten. Es muß sich um eine fremde Sprache handeln, denn hier in Mittelfranken spricht man nicht so. Oder wirkt der Glühwein von den Betriebsweihnachtsfeiern nach?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.11.2013 um 07.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24503

Die vieldiskutierte Sprachloyalität ist mir vom Grundgedanken her fremd. Horst H. Munske hat kürzlich im "Sprachreport" auf einen einschlägigen Beitrag des GfdS-Vorsitzenden Armin Burkhardt geantwortet, Munskes Artikel ist auch in den Sprachnachrichten des VDS nachgedruckt worden. Die Kritik an Burkhardts widersprüchlicher Position ist sicher berechtigt.

Trotzdem würde ich das Problem und seine Lösung anders sehen. "Sprache" ist ein Abstraktum, und das kann man nicht lieben, man schuldet ihm auch keine Loyalität. Ich ziehe Eduard Engels Einstellung vor und zitiere noch einmal: "Was fragt die Sprache nach dem Ursprung?" Loyalität gegenüber den Mitbürgern sollte ein nachvollziehbareres Motiv sein. "Verständlichkeit" wird ja von manchen als banausisch beschimpft. Engels Zorn oder Verachtung gilt dem sprachlichen Imponiergehabe, der Unwahrhaftigkeit. Das ist geradezu eine moralische Angelegenheit, man kann es aber auch im Sinne des Eigeninteresses auslegen und dem "Markt" überlassen. Das unwahre Gespreize übertölpelt manchen, fällt dann aber der Vergessenheit anheim.

Damit entfällt auch das lästige Sortieren der "Anglizismen" nach gut und schlecht. (Munske selbst akzeptiert "E-Mail", zieht aber "herunterladen" dem "downloaden" vor, hätte den "Klapprechner" hingenommen. Mir geht es genau so, aber natürlich läßt sich hier keine Einigkeit erzielen.) Noch einmal Engel: "Höchste Zweckmäßigkeit ist höchster Stil."

Ich gehe meine Texte wieder und wieder durch, beseitige unnötige Verschachtelungen, löse unklare Rückverweise auf, ersetze unnötige Wörter (oder Fremdwörter). Natürlich bleibe ich hinter meinem eigenen Wunschbild zurück, aber ich sehe keinen anderen Weg. Wenn man ihn geht, wird man schon sehen, woran es hapert. "Sprachloyalität" ist mir dabei noch nie in den Sinn gekommen, ich stelle mir bloß vor, wie meine Leser damit zurechtkommen und was sie von mir eigentlich halten. Die "Übersetzung" einer gedrechselten Phrase in normales Deutsch ist jedesmal ein Triumph.

Wir sehen die Sprachpflegertruppe damit beschäftigt, das Wörterbuch zu bereinigen. Das ist ziemlich sinnlos und wirkt von einem bestimmten Punkt an unfreiwillig komisch. Wir sollten lieber an den Texten arbeiten, dann folgt alles andere von selbst.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.09.2013 um 14.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24038

In der volkskundlichen Zeitschrift Anthropophyteia 2 (1905) wurde eine »Auslese von erotischen Wörtern und von Kraftausdrücken der Berliner Mundart« von Karl Reiskel veröffentlicht. Danach ist den Stinkefinger machen ein Begriff für »an der weiblichen Scham mit dem Finger spielen«.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.09.2013 um 06.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#24036

Der Stinkefinger scheint ein gestischer Amerikanismus zu sein. Ich weiß genau, daß er mir während meiner gesamten Schulzeit und darüber hinaus unbekannt war.

Wir erinnern uns auch noch, wie unsere jüngste Tochter von ihrer älteren Schwester die Namen der Finger beigebracht bekam: Das ist der Daumen, das ist der Zeigefinger, das ist der Stinkefinger... (Das war ein Ergebnis der frühkindlichen Bildung im Kindergarten, natürlich aus dem hidden curriculum.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.05.2013 um 05.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#23113

Ein orthographischer Anglizismus ist enigmatisch, das man fast täglich liest, auch heute wieder in der FAZ. Möglicherweise kommt vielen das ä in änigmatisch zu deutsch und daher in Fremdwörtern unplausibel vor. Wenn man dann ohnehin das e geschlossen spricht, ist die genauere Transkription aus dem Griechischen nicht mehr zu retten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.04.2013 um 09.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#23061

Er liebe es, zu malen.  (zeit.de 25.4.13, Bericht über George W. Bush)

= Er male gern.
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 15.12.2012 um 13.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#22124

Ich darf mich gerade mit Abschnitten wie diesem herumschlagen:

"Die formalen Eigenschaften von Finite State Transducers (FST) sind wohlverstanden: seit [Kleene 1956] ist nachgewiesen, daß reguläre Ausdrücke und Finite State Transducers äquivalent sind; aus der 'Komposition' von FSTs entstehen wiederum FSTs; ebenso wurde beschrieben, welche Klassen von Finite State Transducers unter der 'Intersektion' geschlossen sind. Auf diesen formalen Grundlagen wurden Compiler entwickelt, die als reguläre Ausdrücke formulierte Regeln, Lexika und andere manuell oder durch Training aus Daten gewonnene linguistische Beschreibungen in Finite State Transducers kompilieren.
Der Finite State-Ansatz hat eine Reihe weiterer 'computationeller' Vorteile: [...]" (Heid, Ulrich: Morphologie und Lexikon. In: Görz, Günther / Rollinger, Claus-Rainer / Schneeberger, Josef (Hrsg.): Handbuch der Künstlichen Intelligenz. 4., korrigierte Aufl. München [etc.] 2003; S. 683f.)

Auch hierzulande wird meistens von Transducern gesprochen, etwas seltener von Transduktoren - "Umwandler" oder "Wandler" könnte ja bereits auf die Funktion schließen lassen. Wenn Heid dann allerdings auch von "Intersektion" spricht, kommt der Verdacht auf, er habe seine Quellen nicht richtig verstanden: "Intersektion" ist nichts anderes als die Schnittmenge. ("Komposition" ist in Ordnung, auch wenn "Verkettung" vermutlich aussagekräftiger wäre.) Äquivalent sind übrigens reguläre Ausdrücke und endliche Automaten (Finite State Automata), nicht reg. Ausdr. und FST.
"Die formalen Eigenschaften [...] sind wohlverstanden" (sind sie das auch hier?) klingt schon nach einer faulen Übersetzung, aber "computationell" ... meine Güte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2012 um 16.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#22099

Die deutsche Sprachwissenschaft hat durch Chomsky nicht nur einen fragwürdigen "Aufschwung" genommen, sondern durch grauenhafte Halb-Übersetzung seiner Schriften auch einen Anglizismenschub erfahren, bis in die Grammatik hinein. Beispiel: Die Grammatik von L wird deshalb eine Vorrichtung sein, die sämtliche der grammatischen Folgen von L erzeugt und keine der ungrammatischen. (Noam Chomsky: Strukturen der Syntax. Den Haag 1973:16) Seither faseln Germanisten von kruzialen Bedeutungen, replaziven Negationen, koverten Strukturen usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.08.2012 um 08.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#21190

Immer mehr deutsche Germanisten gehen dazu über, rein germanistische Texte auf englisch zu veröffentlichen. Wahrscheinlich bringt das irgendwo Pluspunkte, aber bestimmt keine höhere Auflage. Da die deutschen Linguisten ohnehin nur hinter der amerikanischen Linguistik herhecheln, sind sie fast ausnahmslos für amerikanische Wissenschaftler nicht interessant. Wer nicht sehr gut Deutsch spricht und versteht, hat ohnehin nichts davon. Deutsche Leser werden unnötig abgeschreckt. Hinzu kommt, daß alle deutschen Beispiele (und mancher Text lebt fast ganz von den Beispielen) ins Englische übersetzt werden, was den Text unangenehm aufschwemmt.

(Gedanken, die mir bei der Lektüre von "Evidentiality in German" kommen.)
 
 

Kommentar von Marconi Emz, verfaßt am 14.06.2011 um 23.29 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#18865

Eine Anekdote zum von Marianne Heuwagen so gelobten "Standard American English": Als sich meine englische Kollegin, eine Übersetzerin und Lektorin, unfreiwillig eine Zeitlang das Telefonat einer US-Amerikanerin im Nachbarbüro mitanhören musste, ging sie wutentbrannt zur Tür und donnerte sie mit aller Gewalt zu. Ich habe meine Kollegin in diesem Moment leider nicht gefragt, ob dies durch die Aussprache, die Wortwahl oder beides verursacht wurde.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 14.06.2011 um 12.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1457#18864

Es kann ohnehin keine Rede davon sein, daß Französisch im 18. Jahrhundert die Umgangssprache der Gebildeten gewesen sei. An den Universitäten herrschten die lateinische und zunehmend die deutsche Sprache. Französisch wurde bei Hofe gesprochen, wenn Diplomaten, Militärs, Künstler oder sonstige internationale Gäste zugegen waren.
 
 

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