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Neues aus dem Rat - von Theodor Ickler

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21.03.2011
Der hohe Ton
Zur Kritik der sprachlichen Vornehmtuerei

Denn das Gedicht ist Gesprochenheit, Gesprochenheit zum Du, wo immer ihm der Partner wese.

Solche Sätze galten einmal als tief und haben auch heute noch ihre Verehrer.

Ich übersetze mal: "Gedichte sind an unbekannte Leser gerichtet." Oder: "Wer ein Gedicht schreibt, weiß nicht, wer es lesen wird."

Das Verb wesen gibt es im Deutschen schon lange nicht mehr; es hat daher keine Bedeutung; man kann es nicht einfach verwenden, als hätte es eine. (Nur das Partizip gewesen dient noch der Auffüllung des Formeninventars von sein.) Der Duden verzeichnet es als "veraltet" und schreibt ihm die Bedeutung zu "als lebende Kraft vorhanden sein". Diese Erklärung ist so veraltet wie das Verb. "lebende Kraft" war einmal ein Ausdruck für das, was wir heute Energie nennen, hatte aber auch noch andere, heute nicht mehr nachvollziehbare Nebenbedeutungen. Wahrig schreibt zu wesen: "tätig sein". Dann müßte man sagen können: Ich wese an der Universität. Das geht offenbar nicht. – Außerdem liegt ein Kategorienfehler vor, denn ein Gedicht kann zwar gesprochen werden, aber es kann keine Gesprochenheit sein.

Zu erklären bleibt, wie Menschen dazu kommen, solchen Unsinn hinzunehmen und sogar noch für tiefsinnig zu halten. Weniger krasse Beispiele sind noch interessanter.



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Kommentare zu »Der hohe Ton«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.03.2014 um 12.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#25453

In den Ozean der phänomenologisch-hermeneutischen Texte kann man hineingreifen, wo man will, man wird immer Sätze wie diesen herausfischen:

Verstehen ist immer etwas anderes als bloße Kontemplation; verstanden wird immer dasjenige, was das eigene Sein bereits ausmacht, und im Verstehen gilt es, dieses zur Geltung zu bringen. (Günter Figal in Internationale Zeitschrift für Philosophie 1992/1:30)

Der eigentliche Gegenstand der Überlegung wird nicht benannt, sondern nur in einem verallgemeinernden Relativsatz angedeutet. Der Leser fragt sich, was das sein mag, was das eigene Sein bereits ausmacht – und wie es überhaupt zu verstehen ist, daß etwas das Sein (!) „ausmacht“. Typisch phänomenologisch sind auch das wiederholte immer und das bereits – eine Paraphrase der Standardfloskel immer schon. Schließlich das Gelten: es gilt, etwas zur Geltung zu bringen. (Ähnlich noch viele Male in dem zitierten Aufsatz, aber auch in anderen desselben Heftes.) Was das bedeutet, ist unklar; es bleibt nur der Eindruck eines nicht weiter begründeten Appells.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.02.2014 um 05.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#25030

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#20881:

Das Leben denken - Die Kultur denken (Zwei Bände von Ralf Konersmann u. a., Freiburg 2007)

Heute morgen habe ich das Leben gedacht, morgen werde ich dann die Kultur denken, falls ich Zeit habe, und die Ergebnisse hier mitteilen.


 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.11.2013 um 10.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#24468

Der Sprachverfall unserer Zeit spiegelt einen Prozeß der Entfremdung, der seine letzte Ursache darin hat, daß dem Menschen heute die Dimension des Unbedingten, des eigentlich Religiösen, weithin verlorengegangen ist. (Herbert Drube: Zum deutschen Wortschatz. München 1968:161)

Ich übersetze:

Die Menschen glauben nicht mehr an Gott. Darum verfällt die Sprache.

Erst in meiner Übersetzung kann die These überhaupt diskutiert werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.11.2013 um 06.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#24460

Noch zu #21958:

Zwei Tage zuvor hatten Durs Grünbein, Martin Mosebach und Heinrich Detering die Herbsttagung der Deutschen Akademie mit einem emphatischen Gespräch über den unerschöpflichen Georg Büchner eröffnet. (NZZ 29.10.13)

Was ist ein emphatisches Gespräch? Wozu habe ich Griechisch gelernt, wenn ich es dann doch nicht verstehe? Das ärgert mich schon.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2013 um 04.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#24338

Es ist bedrückend zu sehen, wie viele intelligente Menschen sich mit Wortschwällen begnügen, sei es schreibend oder lesend. Willkürlich ausgewähltes Beispiel:

Es liegt über diesem ionischen Wesen eine sonnige Freiheit, sinnenfroh und farbentrunken. Ihm haben die Götter den leichten, durch ihre Begnadung erleuchteten Geist und unwiderstehliche Anmut verliehen, wie sie durch keine Mühe errungen wird, zugleich aber den ruhelosen Drang, die frei und unablässigen Kräfte auszuströmen in die lockende Welt. Für die politische Entwicklung bedeuteten diese Anlagen, von deren künstlerischer Entfaltung die Menschheit zehrt, Unfähigkeit zur energisch bewußten Staatsgestaltung, Abneigung gegen jede zusammenfassende Kraft, ein Abenteuerertum auf kurze Sicht, Drang in die Weite, auch unter Preisgabe des Volkstums, und die Gefahr des Zerfließens. (Helmut Berve: Gestaltende Kräfte der Antike. 2. Aufl. München 1966:45; aus der Antrittsvorlesung, Erstdruck 1931)

Nun gut, das war 1931. Aber rücken wir eine Generation näher an die Gegenwart heran:

Der Verschmelzungsprozeß von Eingeborenen, Puniern, Römern und Christen hatte im „Neuen Afrika“ auf der Grundlage wirtschaftlicher Prosperität in den Kreisen, die am Wohlstand teilnahmen, Lebensfreude und Zuversicht erzeugt. Man jagte, badete, spielte und lachte. Das helle Licht Afrikas, das heiße Temperament der Afrikaner, griechischer Erkenntnisdurst, römischer Machthunger und christliches Erlösungsbedürfnis verbanden sich zu einer neuen, spannungsvollen Lebenseinheit, die den aufstrebenden Elementen viele neue Möglichkeiten eröffneten. (Ernst Sandvoss: Aurelius Augustinus. Freiburg 1978:20)

Man kann sich einbilden, aus solchen Texten etwas zu lernen, aber bei genauerem Nachdenken ist es nichts damit. In sich selbst kreisende Folk psychology, die den Schein der Erklärung erzeugt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.05.2013 um 07.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#23125

Zur munteren Schar der Sokal-Opfer gehört auch Julia Kristeva, die heute in der FAZ ein Interview gibt. Darin sagt sie:

Der Fürsorgestaat europäischer Prägung ist trotz der Schläge, die er in den letzten Jahren hat hinnehmen müssen, immer noch sehr großzügig im Vergleich zu anderen Systemen. Der Staat in Europa mit seinen Subventionen und Beihilfen ist eine „Große Mutter“. Aber die Europäer haben vergessen, dass Solidarität nicht nur eine materielle, sondern auch eine spirituelle Seite hat. Kant spricht in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ vom „corpus mysticum“, von der unverzichtbaren Vereinigung des Selbst und seiner Schatten mit der übrigen Welt.
Die Europäer haben diesen spirituellen Aspekt der Solidarität vernachlässigt, der dennoch zu den fundamentalen Schichten ihrer Kultur gehört. Diese Dimension, die aus unserem griechischen und jüdisch-christlichen Erbe stammt, ist nicht nur ignoriert, sondern auch fetischisiert und in die Archive verbannt worden.


Das „Selbst und seine Schatten“ – ist das noch Kant-Interpretation? Kant schrieb:

Die Idee einer moralischen Welt hat daher objektive Realität, nicht als wenn sie auf einen Gegenstand einer intelligiblen Anschauung ginge (dergleichen wir uns gar nicht denken können), sondern auf die Sinnenwelt, aber als einen Gegenstand der reinen Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche, und ein corpus mysticum der vernünftigen Wesen in ihr, sofern deren freie Willkür unter moralischen Gesetzen sowohl mit sich selbst, als mit jeder anderen Freiheit durchgängige systematische Einheit an sich hat.

Den theologischen Schlenker hätte er sich sparen können, aber im Kontext ist der Sinn ziemlich klar.

Über Kristeva sagt die Zeitung:

„Ihre Arbeit bewegt sich im Spannungsfeld von Psychoanalyse, Poststrukturalismus und feministischer Theorie.“

Trifft genau zu. Drei Ideologien oder eher Sprachmoden, die jede für sich Gott und die Welt erklären; diese Mischung oder das „Spannungsfeld“ kann ich überhaupt nicht vertragen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.04.2013 um 05.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#22934

Hans Rainer Sepp/Ichiro Yamaguchi (Hg.): Leben als Phänomen. Würzburg 2006.

Der Band enthält mit einer kleinen Ausnahme nur Aufsätze in deutscher Sprache, handelt irgendwie von Dilthey, Husserl, Heidegger und anderen (also Lebensphilosophie und Phänomenologie), und ich verstehe keinen einzigen Satz. Das Ich als nicht-erscheinende Nähe und als Lebendigkeit des Lebens usw. Ich kann nicht erkennen, daß irgend etwas anderes als wieder ein weiterer Band mit Gerede daraus hervorgeht.

Seit 50 Jahren beunruhigt und beschäftigt mich die Frage, wie so etwas möglich ist. Es ist ja nicht schwerverständlich wie eine wissenschaftliche Abhandlung, die viel Sachkenntnis oder Mathematik voraussetzt. Die Phänomenologen berufen sich im Gegenteil auf Grundgegebenheiten, die jedermann zugänglich und selbstevident sind. Peter Hacker hat in einem anderen Zusammenhang mal gesagt: „Our suspicions should be aroused by the odd phrases used to invoke something with which we are all supposed to be utterly familiar.”
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.11.2012 um 16.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#21958

Zu den Floskeln, die ich nicht ausstehen kann, gehört im emphatischen Sinn.

Universitär situierte Wissenschaft lässt sich geradezu als Sprachpolitik in emphatischem Sinne begreifen. (Gegenworte 7, 2001)

Unter den zahllosen Belegen bei Google gibt es auch folgende Anfrage:

"Hallo,
kürzlich bin ich bei Adornos Schriften auf die Folge "im emphatischen Sinn" gestoßen, kann aber in Wörterbüchern keine Erklärung finden. Ich habe hier zwei Beispielsätze aus seinen musikalischen Schriften:

Die Beziehung der Kammermusik zum deutschen Idealismus als die Aufrichtung eines Gehäuses, darin der menschlichen Bestimmung nachzukommen sei, zeigt im übrigen wohl sich auch daran, daß Kammermusik im emphatischen Sinn auf den deutsch-österreichischen Bereich beschränkt war.

Dies Moment der Unmenschlichkeit ist in einem äußerst emphatischen Sinn aufzufassen und wohl von seinem Verhältnis zum Tod nicht zu trennen, dem er sich wohl sein ganzes Leben hindurch so nahe fühlte.
"

Wohlgemerkt: Ich weiß, was emphatisch bedeutet, aber ich bin mir nicht sicher, was die gesamte Wendung in ihrem jeweiligen Zusammenhang bedeutet – und ob sie überhaupt etwas bedeutet oder nur zum feierlichen Rauschen gehört.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.11.2012 um 03.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#21955

Ich kenne Linguisten, die vor Jahren sehr begeistert waren über einen gewissen Birger Sellin, der durch "gestützte Kommunikation" aus dem autistischen Insichsein an die Öffentlichkeit getreten (worden) war und riesigen Erfolg hatte. Inzwischen ist es ganz still geworden, und die zusammenfassenden Darstellungen (s. unter facilitated communication bzw. gestützte Kommunikation, dort besonders Arbeiten von Wegner u. a.) sind überaus kritisch. Der ernsthaften Erforschung und Therapie des Autismus hat man seinerzeit keinen guten Dienst erwiesen.

Auf höherem Niveau irrt man, wenn man die Konfusion um die sogenannte "Theory of Mind" mitmacht, statt sich empirisch-verhaltenspsychologisch mit dem Gegenstand zu beschäftigen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.10.2012 um 12.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#21781

Die Bombe denken (Frankfurter Rundschau 20.12.08)

Klingt komisch. Gestern habe ich die Bombe gedacht. Geht nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2012 um 17.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#21513

Der Erzstrukturalist Claude Lévi-Strauss hat einmal davor gewarnt, zu viele Erfahrungstatsachen in die Theorie einfließen zu lassen. Er selbst war an Tatsachen nicht so sehr interessiert wie an der Stimmigkeit seiner Theorie, deshalb gelang es ihm, alle Mythen der Welt auf folgende Formel zu reduzieren:

Fx (a) : Fy (b) :: Fx (b) : Fa–1 (y)

Man hat das mit Recht als Pseudomathematik verspottet, aber der Strukturalismus fasziniert noch immer viele Intellektuelle und hindert die Sprachwissenschaft daran, ihrem Gegenstand näherzukommen.

Der verstorbene Richard Webster hat recht schön gezeigt, welchem Reinheitswahn diese Entsinnlichung der Wissenschaften vom Menschen entspringt., auch die unvermutete Beziehung zur Phänomenologie. Bei Husserl ist man ja geradezu erschlagen von den Beteuerungen der "Reinheit". (Ich weiß, daß Strukturalismus und Phänomenologie bei Roman Jakobson verbunden sind, auch Holenstein hat es ausdrücklich hervorgehoben.)
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 04.07.2012 um 18.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#21005

2011 – welch ein Jahr! Märkte, Märkte, Märkte, Inflation, Dax, Dow, Nikkei, Eurobonds, Rettungsschirm, EFSF, ESM – da packte einen schon mal die Lebensangst. Dabei ließ es sich noch nie so gut leben wie heute! Erinnern wir uns: das einzige, was man früher einmal leben konnte, war das Leben – man lebte es, und das wars. Kein Mensch wär auf die Idee gekommen, irgendwas anderes zu leben.

Heute kann jeder leben, was er will! Manche leben ihren Traum, andere leben ihren Glauben, wieder andere leben ihren Job, ihren Style, ihren Sport. Bei Opel ist man sich einig: wir leben Autos! Und es gibt haufenweise Männer, die leben ihr Ding.

Was liegt zu Weihnachten als näher, als den Baum zu leben? Leben wir die Gans, leben wir das Rotkraut und dazu den passenden Burgunder!

(Aus meinem letzten Rundbrief zum Jahreswechsel)
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 04.07.2012 um 14.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#21002

Siehe auch nachstehendes Beispiel, das ich kürzlich hier plaziert hatte und das dann (warum eigentlich?) ins Diskussionsforum (#9166) verschoben wurde:

Wir leben Autos.

Daß Opel damit eigentlich Wir leben für Autos meint, kann man hier nachlesen: http://www.opel.de/opel-erleben/ueber-opel.html.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.07.2012 um 13.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#21001

Wir leben Eis! (Eisdiele in Erlangen)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.06.2012 um 16.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#20923

Wir leben Lernen! (Realschulinternat Schloss Varenholz)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.06.2012 um 15.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#20892

Bei Abstrakta (auch verkappten) ist es natürlich etwas anderes.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 16.06.2012 um 15.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#20891

"Penser la guerre", "Den Krieg denken", lautet der Titel von Arons Clausewitz-Buch. Allerdings hat der Krieg den Ruch des "Undenkbaren":

Das Unmögliche wollen,
das Undenkbare denken
und das Unsägliche sagen,
haben stets gleiche Früchte getragen:
Du mußt, wenn die Träume sich scheiden,
zuletzt das Unleidliche leiden.

(Grillparzer)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.06.2012 um 08.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#20883

Solche Titel sind tatsächlich inzwischen sehr beliebt geworden. Ich möchte natürlich nicht den Eindruck erwecken, engherzig über schulgrammatische Korrektheit zu wachen. Wenn Trakl schreibt "träum ich nach ihren helleren Geschicken", ist das ja sehr schön, auch wenn man normalerweise nicht nach etwas träumt.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 14.06.2012 um 22.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#20882

Mich erinnert etw. denken an das neuerdings inflationär gebrauchte etw. leben. Das Große Wörterbuch der deutschen Sprache von Duden führt seit der 2. Auflage (1993) den Beleg: »Die Zukunft denken – das ist ein strategisches Kunststück unternehmerischer Verantwortung« (Gertrud Höhler: Spielregeln für Sieger, Econ-Verlag, Düsseldorf 1991, S. 212).

über etw. denken (= nachdenken) taucht übrigens im Brockhaus-Wahrig (1981) auf und wird dort dem Schweizer Sprachgebrauch zugeordnet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.06.2012 um 16.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#20881

Die Gewöhnung an den Unsinn beginnt mit der Hinnahme grammatischer Verstöße. Vielleicht habe ich diese Beispiele schon mal erwähnt: Was bedeutet ein Buchtitel wie Sprache denken (von Jürgen Trabant)? Im normalen Deutsch kann man das nicht sagen. Die Abweichung soll irgendwie gehoben, edler als üblich wirken. In demselben Buch steht ein Aufsatz mit dem Titel Humboldt neu denken. Man kann niemanden auffordern: "Denken Sie bitte Sprache! Und nun denken Sie Humboldt!" Gemeint ist offenbar so etwas wie: Noch einmal neu darüber nachdenken, was Sprache ist, was Humboldt gesagt hat oder uns heute zu sagen hätte usw.

Ein Arbeitsheft für Schüler (Hirschgraben Verlag 1975) heißt Denken über die Sprache. Auch das geht nicht. Warum steht nicht Nachdenken, wie es üblich ist?
 
 

Kommentar von Roger Herter, verfaßt am 27.04.2012 um 17.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#20565

Des Menschen Kopf mißt größer als diese Weltenkugel. ... Deshalb weisen wir ... über uns hinaus ... und irren engherzig in weiträumigen Kopfsystemen; denn immer ... fordert [der Mensch] sich, weil überfordert, Größeres ab; immer muß er über sich greifen und die bessere Welt ... vorweg seiner Gegenwart suchen.

Allen, deren Kopf auch größer mißt, nur Gutes – jetzt und vorweg der Gegenwart!

(Zitat: Günter Grass "Im Wettlauf mit den Utopien", Die Zeit 16.6.1978)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.04.2012 um 13.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#20564

Zum Sokal-Hoax habe ich noch dies gefunden:
www.elsewhere.org/pomo
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 22.03.2011 um 01.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#18336

Insoweit die Entwesung dessen, was er einmal war, zur Wesensbestimmung des Abfalls gehört, hat wesen in "Der Abfall west vor sich hin" nicht einmal eine neue Bedeutung – obwohl es offensichtlich nicht so gemeint ist. Vielmehr muß wohl, wer die Rede von einem vor sich hin wesenden Abfall für sinnvoll hält, in verwesen lediglich eine Art umgangssprachlich redundanten Ausdruck erblicken, dem es durch größere Prägnanz abzuhelfen gilt. Das bestätigt, wie schlecht es um das Wesen bestellt ist.
 
 

Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 21.03.2011 um 18.45 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#18335

Erhalten ist „wesen“ auch im Niederdeutschen. Auf dem Bau packte ein Arbeiter seine mit Eischeiben belegten Frühstücksbrote aus: „Dat schall doch wol nich ’n Moanbreef vun mine Fru wesen?“
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 21.03.2011 um 17.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#18334

Das Verb wesen gibt es im Deutschen durchaus noch. Allerdings wird es heutzutage im Sinne von verwesen verstanden: "Der Abfall west vor sich hin."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.03.2011 um 14.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#18333

Mir war natürlich klar, daß ich es nicht hätte übersetzen können, wenn es nicht doch etwas bedeutete. Nun, sagen wir: Ich habe den Gesamtsinn erraten, es muß aber nicht richtig sein.
Worauf es mir ankommt: Der Verstand wird eingelullt und setzt schließlich ganz aus, wenn so weihevoll geredet wird. Man schluckt erstaunlich viel, wenn es "lieblich klingt". Der Widerwille dagegen hat mich schon während meiner Schulzeit gepackt und dann während meines Studiums nicht mehr losgelassen, wie meine Freunde von damals bezeugen können. Seither versuche ich herauszufinden, wie es möglich ist. "Sokal's hoax" war mir natürlich ein Labsal. In der Rolle des Banausen fühle ich mich am wohlsten.
Das Zitat war übrigens von Martin Buber, das tut aber nicht viel zur Sache.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.03.2011 um 13.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#18332

Ich mußte beim Lesen des Tagebucheintrags daran denken, daß wohl so mancher sein Unwesen treibt, aber niemand sein Wesen. Da hat mich Herr Bärlein jetzt gleich eines Besseren belehrt. Mancher alte Ausdruck ist eben schon lange verwest.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 21.03.2011 um 13.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1431#18331

Der zitierte Satz ist getretener Quark, keine Frage. Aber wäre wesen bedeutungslos, ließe er sich gar nicht auf eine weniger hochtönende Form herunterstimmen. Lächerlich wirkt wesen hier nicht deshalb, weil das Wort außer Gebrauch gekommen ist, sondern weil der Verfasser eine ohne Not aufgeklaubte Bedeutung auf seinen Satz lädt, um ihn gewichtiger erscheinen zu lassen. Eine Form von sein (im Sinne von dasein) hätte es nicht nur ebensogut, sondern besser getan. Diese Feststellung ist jedoch nur möglich, weil wesen nicht nur eben doch etwas, sondern auch etwas anderes als dasein bedeutet, wie sich aus der Negation ergibt: Wer abwesend ist, ist nicht einfach nicht da, sondern er "west" weiter, und mitunter so stark, daß er geradesogut anwesend sein könnte. Beim Leser eines Gedichtes hingegen ist es völlig egal, ob und wo er sein Wesen treibt, solange er nur überhaupt da ist.
 
 

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