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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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27.02.2011
 

Mühsames Pflaster
Unsicherheiten im Tempusgebrauch

In einem weiteren Huldigungsartikel der BILD für Guttenberg schreibt Martin S. Lambeck:

Einst erlebte ich, wie sie [Stefanie zu Guttenberg] kurz nach einem medizinischen Eingriff zu einem offiziellen Termin erschien, obwohl ein Pflaster nur mühsam die Stelle überdeckte, wo eben noch die Kanüle saß. (BILD 26.2.11)

Richtig wäre: gesessen hatte. Aber wenn man sich ins hohe Register versteigt, wie es im Umgang mit Adeligen angemessen ist (einst erlebte ich ...), verheddert man sich. Zur Sache wäre noch zu sagen, daß wir alle schon mal mit einem Heftpflaster am Unterarm zur Arbeit oder in die Schule gegangen sind.

(Der Beitrag ist eine unüberbietbare Selbstparodie der BILD.)



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Kommentare zu »Mühsames Pflaster«
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Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 01.03.2011 um 05.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1421#18234

Sprachlich interessant ist zum Beispiel die Neuerung, daß die Anrede mit dem Doktortitel als Waffe eingesetzt werden kann. Als Guttenberg erklärt hatte, er werde jetzt – nachdem er übers Wochenende "gravierende Fehler" in der eigenen Arbeit festgestellt habe – endgültig auf den Doktortitel verzichten, machte sich die Opposition in Gestalt von Jürgen Trittin und Volker Beck einen Spaß daraus, ihn bei der Befragung im Bundestag mit ebendiesem Doktortitel anzureden und auf diese Weise lächerlich zu machen.

Der Sprachgebrauch rund um diese Affäre ist eine Fundgrube, nicht zuletzt für unzählige Witze. Ein Beobachter schrieb: "Ich könnte vorübergehend, ich betone: vorübergehend, kotzen."
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 28.02.2011 um 18.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1421#18233

Dem Diebeshandwerk liege eine „Verschiebung unserer Vorstellung von Urheberschaft und Verantwortlichkeit“ zugrunde? Da stimmt die Piratenpartei gewiß zu. Sie beklagt (in frommer Absicht!), daß die derzeitigen gesetzlichen Rahmenbedingungen im Bereich des Urheberrechts … auf einem veralteten Verständnis von so genanntem "geistigem Eigentum" basieren, welches der angestrebten Wissens- oder Informationsgesellschaft entgegen steht und fordert eine Legalisierung der Privatkopie. (http://www.piratenpartei.de/navigation/politik/unsere-ziele). Hier verschieben sich die Vorstellungen in der Tat. Weg mit dem alten Mist! Zum Vorteil der gesamten Menschheit: allein die Privatkopie von Geldscheinen könnte uns alle reich machen!

Das Internet erleichtert vieles, besonders Diebstähle. Wer will, kann allerdings auch eigene Einfälle daraufhin prüfen, ob sie anderen Leuten nicht schon früher gekommen sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.02.2011 um 16.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1421#18232

Was ich eigentlich zur Veränderung der Kommunikationsformen sagen wollte und was mit der Person Guttenberg nichts zu tun hat: Das Internet verschiebt ganz allmählich unsere Vorstellung von Urheberschaft und Verantwortlichkeit. Ich selbst lade mir täglich Texte herunter, lese sie in Ruhe, lösche oder speichere sie, je nachdem. Das regt mich zu eigenen Gedanken an, oft widerspreche ich, manchmal stimme ich zu. Oft sind Buchkapitel oder andere Texte darunter, bei denen nicht einmal ein Verfasser angegeben ist. Oder es sind Diskussionsbeiträge unter Pseudonym. Abgesehen davon erzeugt die sofortige Präsenz so vieler Texte ein Gefühl der "Gemeinfreiheit". Nicht daß ich selbst mich in der Weise von Guttenbergs Helfern daraus bedienen würde, Gott bewahre! Aber das Herunterladen fühlt sich einfach anders an als das Abschreiben aus einem gedruckten Buch. Deshalb sind ja auch manche schon auf den Gedanken gekommen, alles, was ins Netz gestellt wird, grundsätzlich als freie Information zu behandeln.
Über die Zukunft von Qualifikationsarbeiten habe ich mir auch schon oft Gedanken gemacht. Wie gesagt, bei intensiver Betreuung kann eigentlich kein Problem entstehen. Es wird auch immer das bedeutende Erstlingswerk geben, mit dem ein Doktorand sich in die Geschichte seines Fachs einschreibt. Das Problem sind die Massen von externen Promovenden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.02.2011 um 16.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1421#18230

Ich denke, wie es auch Herr Wrase schon andeutet, es gibt einen Unterschied zwischen Schadenfreude und Spott. Den Spott aber hat sich unser Doktor versuchshalber mit seiner Schamlosigkeit selbst wohl verdient.

Eins muß man G. aber dennoch anrechnen: Die Büttenreden zum Karneval waren lange nicht so gut wie dieses Jahr, und kaum ein Redner oder Kabarettist läßt sich das Thema entgehen. Herrlich war gestern abend der Kabarettist Volker Pispers (siehe Mediathek auf 3sat online, gleich die ersten ca. 10 Minuten der Sendung).
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 28.02.2011 um 13.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1421#18229

Überdruß am Thema Guttenberg ist genau das, was Bild & Konsorten herbeizujohlen suchen: was soll der Lärm um nichts, Schluß mit der Elefantenmücke, der arme Mann hat sich doch entschuldigt, gebt endlich Ruhe. Dem sollte man auf keinen Fall nachgeben. Der Kerl gehört aus dem Minsteramt entfernt. Seine peinliche Dampfschwätzerei, seine gestelzten Plattheiten und Angebereien waren schon lange eine Zumutung. Der infantile Trotz, mit dem er nun die Stirn hat, seine Betrügereien und Lügen als „handwerkliche Fehler“ zu bezeichnen, zeigt, daß wir es mit einem untragbar unreifen Schnösel zu tun haben. Wenn so einer auffliegt, ist reichlich Schadenfreude angebracht – doch freuen wir uns nicht zu früh!

Zum Sprachlichen. Bei Herrn Lambeck anstelle temporaler Desorientierung ästhetische Sensibilität zu vermuten, ist sehr wohlmeinend. Mir wäre an solcher Stelle das Richtige lieber, aber es rührt mich natürlich zu lesen, daß der Gute einst erlebt habe, wie Stefanie zu Guttenberg kurz nach einem medizinischen Eingriff zu einem offiziellen Termin erschienen sei, obwohl ein Pflaster nur mühsam die Stelle überdeckt habe, wo eben noch die Kanüle gesessen habe. Hatte Lambeck mit der Kanüle bereits im Indikativ zeitliche Schwierigkeiten, so kriege ich im Konjunktiv schon gar keine Vorzeitigkeit hin, hätte höchstens ein „hatte“ hinschreiben können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.02.2011 um 08.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1421#18224

Die Beschäftigung mit der Affäre Guttenberg gehört zur kritischen Betrachtung der Illusionsmaschine, der wir alle ausgesetzt sind. Sie hat selbstverständlich eine sprachliche Seite, und wenn Sprachkritik nicht in den Sickschen Niederungen bleiben will, wo es um „gewunken“ und „Wiebke ihr Wollädchen“ geht, sondern an Karl Kraus und ähnliche Vorgänger anschließt, dann muß die politische Rhetorik eine Rolle spielen. In den Veröffentlichungen und Verlautbarungen der letzten Wochen sind enorme sprachliche Fassaden aufgebaut und Wortbedeutungen hin und her gebogen worden – das sollte uns nicht interessieren? Außerdem ist die aus der Rechtschreibreform bekannte Wagenburg-Mentalität zu beobachten, zum Teil sogar mit denselben Beteiligten: Wieder machen sie alle mit, obwohl sie eigentlich ganz anderer Meinung sind. Je öfter das Spielchen vorgeführt wird, desto besser verstehen wir Laien es – die Darsteller selbst plaudern es ja nicht gerade aus. – Mit dem Plagiatswesen und Promotionsberatungsunwesen insbesondere haben wir uns auch vorher schon beschäftigt, auch mit der deutschen Titelsucht (und dem Adelsgeschwätz), einem durchaus auch sprachwissenschaftlichen Thema.
Es gibt eine Korrumpierung des akademischen Lebens, ohne die auch die erstaunlich reibungslose Durchsetzung der Rechtschreibreform an den Hochschulen nicht zu verstehen wäre. Wir hatten die fast 1000 Unterschiften von Professoren gegen die Rechtschreibreform und hätten leicht noch mehr sammeln können. Aber die Magister- und Doktorarbeiten sind sehr bald praktisch ohne Ausnahme auf die Reformschreibung umgestellt worden, oft auf Anweisung derselben Professoren, die unterschrieben hatten, ebenso wie alle anderen Texte der Hochschulen. Es gab nirgendwo auch nur eine Spur von Widersetzlichkeit gegen die Kultusminister, übrigens ganz ohne Zwang. In diesem Sumpf der Gefälligkeit und Feigheit wird eben auch eine Dissertation mit der Höchstnote bewertet, obwohl sie von aufmerksamen Lesern schon vor der Plagiatsaffäre als wertlos erkannt worden ist.
Es gibt also meiner Ansicht nach durchaus Gründe, sich mit solchen Fällen auch hier näher zu beschäftigen. Natürlich geht es auch um Politik (wie bei Kraus), aber bisher hat hier keiner eine parteipolitische Linie durchzudrücken versucht, insofern hätte ich keine Bedenken. (Auch die Rhetorik der Bilder wäre zu untersuchen, aber da will ich mangels Fernsehen nicht mitreden. Bei den im Internet gezeigten Zeitungsfotos des Herrn G. fiel mir nur auf, daß anfangs mehr die Schokoladenseite gezeigt wurde, jetzt mehr und mehr eher unvorteilhafte und sogar ein wenig zerzaust wirkende Ansichten; aber das mögen andere untersuchen.)
Was den verfrühten Überdruß an einer Affäre betrifft, so hat uns das bei der RSR schon ziemlich geschadet. Ein Thema für erledigt zu erklären, bevor es erledigt ist, arbeitet den Falschen in die Hände. Sobald es aus den Medien ist, geht es seinen von den Mächtigen gewünschten Gang. Neue Tatsachen entstehen, die dann mit der Macht des Faktischen triumphieren.
Die akademischen Sitten ändern sich, wenn Dissertationen von anonymen Promotionsfirmen hergestellt und verkauft werden (Professoren sind bekanntlich zu Hunderten gekauft worden). Wenn man glaubt, die deutsche Sprache werde durch solche Umdeutungen wie in der Affäre G. nicht berührt, täuscht man sich. Schon die Einführung der anonymen oder pseudonymen Äußerung im Internet bedeutet eine gewaltige Veränderung der „kommunikativen Ethik“, um es mal etwas pathetisch zu formulieren. Wer hätte vor einigen Jahrzehnten so etwas für möglich gehalten? Die anonyme Denunziation wurde am besten gar nicht beachtet, wie die Schmiererei an der Latrinenwand. Heute geben lauter Nichtse ihre Meinungen zum besten und wollen ernst genommen werden. Den Anfang hatte man für unbeachtlich halten können, aber nun beherrscht es die ganze Gesellschaft. Man weiß eben nie so genau, was sich einmal als zukunftsbestimmend herausstellen wird. Auch deshalb sollte man die Augen offenhalten.
Sowohl das Plagiieren als auch dessen Aufdeckung arbeiten mit Suchmaschinen. Die Vorstellung eines authentischen Textes verflüchtigt sich allmählich. Nicht umsonst haben viele in der gegenwärtigen Affäre von der „Kopiertaste“ gesprochen. Wer kann schon behaupten, daß er diese Zusammenhänge ganz begriffen hätte? Ich sehe jedenfalls keinen Grund, sich nicht auch hier mit allen möglichen Aspekten der Entwicklung zu beschäftigen. Sogar zur Schadenfreude bekenne ich mich, denn wenn jemand, der mir ansonsten völlig gleichgültig war, mit einem Betrug auf die Nase, ist das ein Grund zur Freude, noch mehr natürlich die Beschämung der Leichtgläubigen – zumal sie mir auch passieren kann, denn Schadenfreude ist ja immer auch Erleichterung, weil man zufällig noch mal davongekommen ist.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 28.02.2011 um 06.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1421#18223

Das Korrekte muß nicht das Bessere sein, das sehe ich genauso. (Habe ich von Professor Ickler gelernt.) Der Verzicht auf das Plusquamperfekt ist nicht nur recht häufig, ähnlich wie die Vermeidung bestimmter Konjunktivformen, sondern hat in diesem Fall sogar Vorteile. Abgesehen vom Wohlklang: "wo eben noch ..." bedeutet "fast gleichzeitig", und die Fortführung des Imperfekts überblendet die beiden Bilder im Sinne dieser gefühlten Gleichzeitigkeit. Man könnte von einem stilistischen Kunstgriff reden.

Die Sache mit der Schadenfreude sehe ich anders. Das Gespött über Guttenberg wäre hundertmal leiser, wenn er ehrlich reagiert hätte und zurückgetreten wäre. Dann könnte er jetzt in einem Meer von Respekt, Mitgefühl und Sympathie baden.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 27.02.2011 um 23.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1421#18222

Schön, daß mal wieder wenigstens von was Sprachlichem die Rede ist (von der Rechtschreibung ist ja immer weniger die Rede). Aber muß es unbedingt wieder an G. aufgehängt werden? Ich kann das Thema nicht mehr hören, vor allem stößt mich die immer wieder durchscheinende Schadenfreude ab.

Bastian Sick würde wohl auch sagen, daß gesessen hatte hier "richtig" wäre. Aber wäre es auch besser und schöner?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.02.2011 um 15.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1421#18220

Ja natürlich, vielen Dank für die Korrektur!
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 27.02.2011 um 13.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1421#18219

Der Artikel steht zwar bei bild.de, ist aber aus der BamS, die eine eigene Redaktion hat. Im Vergleich mit den naßforschen Beiträgen der Schwesterzeitung klingt er ziemlich melancholisch: zum kommenden Abschied noch ein paar Tränen.
 
 

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