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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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16.02.2011
 

Besser abschreiben!
Zum Fall Guttenberg

Guttenberg hat in "seiner" Doktorarbeit sogar die Rechtschreibfehler der Vorlage übernommen: darüberhinaus.
Interessant ist auch, daß ein journalistischer Artikel aus der NZZ unverändert in eine Dissertation eingebaut werden konnte. Die bisher nachgewiesenen Stellen sind sicher nicht die einzigen aus fremder Feder. Ich habe jahrzehntelang und zuletzt immer öfter mit Plagiaten zu tun gehabt und bin überzeugt, daß ich nur einen Bruchteil wirklich nachweisen konnte.

Der unglaubliche Vorgang ist fast schon normal. Ein vielbeschäftigter Politiker kann natürlich nicht so nebenbei eine Dissertation schreiben. Er engagiert also einen der vielen Promotionsberater. Aber wer hätte gedacht, daß ein Mann, der nicht jeden Euro zweimal umdrehen muß, auf eine Billigfirma hereinfällt? Die Vorstellung, daß Guttenberg selbst sich hinsetzt und einen NZZ-Artikel von Klara Obermüller abtippt, ist absurd. Ich nehme sogar an, daß Guttenberg "seine" Arbeit nicht einmal gelesen hat, jedenfalls nicht Wort für Wort. Man muß doch merken, ob man ein Kapitel selbst geschrieben hat oder nicht ... (Oder wenigstens geschrieben haben könnte!)
Der eine stürzt über Sexaffären, der andere über Plagiate bzw. über Knausrigkeit bei der Bestellung von Promotionsberatern. Beides ist abgrundlächerlich, aber so ist der Mensch.

Hab ich dies schon mal erzählt? Vor Jahren schrieb ein angesehener Professorenvertreter in der Zeitschrift des Hochschulverbandes, der Doktortitel öffne noch immer manche Türen auch außerhalb der Universität usw., und er fand das ganz in Ordnung. Ich habe daraufhin geantwortet, daß ich diesen Titelwahn für lächerlich halte und für ein Verbot von Titeln plädiere. Daraufhin mußte ich mir schwere Vorwürfe anhören. Wie kleine Jungen jammerten manche Professoren, sie hätten sich ihren Titel so schwer verdient usw. Es war nicht zum Aushalten. Ausgetreten bin ich aus dem Verein dann wegen der RSR und weil die Redaktion nach langer Diskussion im Vorstand zwar einen diffamierenden und tatsachenwidrigen Text von Zabel abdruckte, aber nicht meine Richtigstellung.
Die Sache mit den Titeln erledigt sich von selbst, dank Guttenberg und Genossen. Weiter so!



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Kommentare zu »Besser abschreiben!«
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Kommentar von R. M., verfaßt am 03.06.2019 um 13.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#41628

Das nennt man heute wohl »Relotius reloaded«.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.06.2019 um 11.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#41627

Hingsts Penis-Beitrag von 2017 steht noch für einige Tage hier: https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2017-02/sexuelle-aufklaerung-fluechtlinge-deutschland
samt 688 Leserbriefen, die aus heutiger Sicht auch z. T. ganz amüsant sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.06.2019 um 05.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#41623

Die Historikerin Marie Sophie Hingst hat ihre gefälschten Texte unter dem Pseudonym Sophie Roznblatt eingereicht und sich eine jüdische Biographie ausgedacht. Man hat es geschluckt und sie mit Preisen bedacht. Holocaust sells. – Wikipedia dazu ist sehr aktuell.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.02.2019 um 17.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#40845

Auch ein Fall von Nichtbetreuung: In seiner eigenen Schriftenreihe (!) bei Duncker & Humblot hat Phillip Hellwege, ein Professor an der Universität Augsburg, kürzlich eine History of Tontines in Germany herausgebracht, aus der man lernen kann, daß Breslau, Danzig und Bozen im 18. Jahrhundert Wrocław, Gdańsk und Bolzano hießen. Ob das Heilige Römische Reich auch schon Bundesrepublik Deutschland hieß, ist dem Inhaltsverzeichnis nicht zu entnehmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.02.2019 um 15.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#40844

Wie bei jenem fabelhaften Lungenarzt (s. Kopfrechnen) fragt es sich auch bei den Plagiatsdoktoren, ob man die armen Würstchen laufen lassen sollte und nicht eher die ganze Branche unter die Lupe nehmen müßte. Also die Betreuer (oder eben Nichtbetreuer) und Gutachter.

Haben Sie sich die Dissertation von Frau Giffey mal angeguckt? Es ist doch völlig wurscht, ob ein Text dieser Nullqualität nun auch noch abgeschrieben ist oder nicht. Der Dr. ist sowieso entwertet in diesem Fach. Wenn sich das rumspricht, lassen die Leute es bleiben. (Volker Rieble im Tagesspiegel 12.2.19)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.12.2018 um 14.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#40400

Was gefälscht ist (Fotos, Geschichten), ist eben Kunst. Politiker dürfen es nicht, Künstler dürfen alles.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.12.2018 um 10.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#40399

Stimmt, es sind nur graduelle Unterschiede, darum habe ich auch "vermeintlich seriös" gesagt.
Zufällig hatte ich gerade das Kapitel "Zeit der Fälschungen" in Fuhrmanns "Einladung ins Mittelalter" gelesen (mit viel Literatur!). Soviel wurde weder vorher noch nachher gefälscht, und es gab durchaus ein Unrechtsbewußtsein. Fuhrmann wirbt dennoch um Verständnis für eine andere Denkweise. Das Prunkstück ist natürlich die "Konstantinische Schenkung".

An die Stelle der Heilsgeschichte ist heute der Unterhaltungswert getreten, worunter man meiner Ansicht nach auch die billige Empörungslust subsumieren könnte.

Je detailreicher die sogenannten Reportagen etwa bei SPIEGEL sind, desto gleichgültiger wird es paradoxerweise, ob die Ereignisse wirklich stattgefunden haben. Es kommt nur auf den Eindruck an, man sei ganz nahe dran.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 20.12.2018 um 14.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#40391

Es ist alles die gleiche Branche, wie ja auch die Besitzverhältnisse nahelegen. Insbesondere die schöpferische Methode der wohltuenden Vorurteilsverstärkung eint Spiegel und Gala.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.12.2018 um 09.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#40389

Der Fälscher Relotius beim SPIEGEL wirft interessante Fragen auf, jedoch andere als seinerzeit Guttenberg und die anderen. Diese zogen eine fragwürdige Praxis an den Universitäten ans Licht, Titelhuberei, Promotionsagenturen, Gefälligkeitswirtschaft usw.
Nun müssen sich der SPIEGEL und andere Medien, um ernst genommen zu werden, abgrenzen gegen eine benachbarte Branche, in der die Verbreitung erfundener Geschichten ein anerkanntes Geschäft ist. Niemand glaubt ja, daß all die Geschichten, die in der Regenbogenpresse über die Prominenten, vorzugsweise die sogenannten Royals, erscheinen, ein Körnchen Wahrheit enthalten. Unterhaltsamkeit ist hinreichend.
In den vermeintlich seriösen Medien geht es vorwiegend um Betroffenheit, Erschütterung, Appelle an das Gute in uns... So werden auch Fotos preisgekrönt, die gefälscht sein dürfen, wenn sie nur unser Umweltgewissen usw. bewegen. Im Grunde dieselbe Rechtfertigung, die man seit je der Kunst und den religiösen Legenden zubilligte. Wenn sowieso alles "medial vermittelt" ist, wie man doppelt moppelt, dann verschwimmmt der Unterschied vollends, und alles ist wieder gut.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.12.2018 um 04.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#40385

Der Fall Guttenberg liegt nun einige Jahre zurück, wir haben seither ganz anderes erlebt.
Guttenberg, dem ich abnehme, daß er nicht in die Politik zurückstrebt, äußert sich im Interview der FAZ recht klarsichtig zur Lage der CSU und zu Söder. Ich neige dazu, seine Plagiatsaffäre, da sie nur eine Personalie betraf und nebenbei eine skandalöse akademische Praxis aufdecken half, für weniger ernst zu halten als etwa Söders verfassungswidrigen Kreuzzug. Ich nehme übrigens an, daß Söder nicht mehr darauf zurückkommen wird, da ihm offensichtlich dringend geraten worden ist, an seinem Image zu arbeiten; außerdem ist er ja am Ziel seiner Wünsche und muß nicht mehr holzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.10.2018 um 07.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#39791

Auch Wolfgang Benz zieht in voraussagbarer Weise mächtig vom Leder (Tagesspiegel), um Gaulands Nähe zu Hitler zu beweisen. Es ist ja auch nicht ganz abwegig, aber an einen bestimmten Redetext Hitlers brauchte sich Gauland nicht anzulehnen. Benz gibt es indirekt zu, räumt auch ein, daß Hitlers Hauptpunkt, der Judenhaß, bei Gauland gerade keine Entsprechung findet. Übrig bleibt als gemeinsamer rhetorischer Nenner die Stimmungsmache gegen die "wurzellosen Kosmopoliten" (Stalins Ausdruck) zugunsten der bodenständigen Unsrigen. Den Juden wurde noch aus ihrer erzwungenen Verstreutheit über die halbe Welt ein Strick gedreht, ihre "Fremdheit" künstlich aufgebauscht oder wiederaufgewärmt. Das ist bei den heutigen Migranten nicht nötig. Man sieht ihnen ja auf hundert Meter an, daß sie Messermänner sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.10.2018 um 20.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#39785

Zur Zeit wird breitgetreten, daß Gauland einen Gastbeitrag in der FAZ bei Hitler abgekupfert haben soll, jedenfalls in den Grundgedanken. Ich glaube das nicht. Die Gegenüberstellung des heimatverbundenen einfachen Bauern usw. und der mobilen, "entwurzelten" Klasse globalisierter Intellektueller und Händler (damals Juden) ist an vielen Stellen zu finden, war sozusagen Allgemeingut und ist jederzeit aktivierbar. Man sollte sich etwas Besseres einfallen lassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.08.2018 um 21.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#39307

Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand; jeder glaubt genug davon bekommen zu haben. (Jacques Tati) (FAZ 11.8.18)

Im Inneren wird dann noch einmal gesagt, dieser Aphorismus zeige die Genialität Tatis. In Wirklichkeit ist es der erste Satz von Descartes’ Discours, den jeder gebildete Franzose auswendig kennt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.06.2018 um 15.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#38975

Die Zeitung führt den Begriff "ozeanisches Gefühl" auf Freuds Schrift "Das Unbehagen in der Kultur" zurück, aber eigentlich steht es in "Die Zukunft einer Illusion" und ist ein Zitat von Romain Rolland. Beide Texte sind Glanzstücke Freudscher Rhetorik.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.03.2018 um 04.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#38293

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#35368

Der Padma Bhushan ist, wie auch die noch höheren Auszeichnungen Bharat Ratna und Padma Vibhushan, von einer erstaunlich langen Reihe hochverdienter Inder abgelehnt oder zurückgegeben worden. Einige wollten sich nicht mit der Staatsmacht gemein machen, so die Historikerin Romila Thapar; der Sitarspieler Vilayat Khan meinte, die Jury sei sowieso nicht fähig, seine Kunst zu würdigen. Man könnte es arrogant nennen, aber solche Kategorien passen in diesen Gipfelregionen irgendwie nicht recht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.01.2018 um 04.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#37541

„Die Kinder von heute sind die Gesellschaft von morgen“ sagte schon der Dalai Lama. (FAZ 10.1.18)

Solche Plattheiten findet man hier:

https://www.aphorismen.de/zitat/107688

„Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis Seiner Heiligkeit“

Dazu hat er bestimmt sein goldenes Lächeln aufgesetzt, um es einmal mit Hermann Hesse zu sagen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.12.2017 um 06.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#37381

Eine Tandempromotion. "Nach Ärzten benannte Krater auf der erdabgewandten Seite des Mondes". Für den Ehepartner gab es dann auch gleich noch "Nach Ärzten benannte Krater auf der erdzugewandten Seite des Mondes". Dass sich dafür überhaupt jemand als Doktorvater hergibt, ist ein Höhepunkt im Land der Dichter und Denker. Der wurde allerdings nicht bemerkt, jedenfalls blieb er unkommentiert. (http://www.spiegel.de/forum/lebenundlernen/medizinpromotionen-doctor-who-thread-431481-6.html)

Doch, das ist oft kommentiert worden. Der bisher letzte Rückblick, mit allgemeinen Folgerungen:

https://forbetterscience.com/2016/05/25/the-decadence-of-german-medical-doctorate/
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.10.2017 um 09.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#36727

Ja, wenn man darunter die Übernahme eines Fremdtextes ohne Quellenangabe versteht. Aber es gibt sicher Grenzfälle. Einerseits eben, wenn ich einem anderen meinen Text überlasse, damit er ihn als seinen eigenen ausgibt (vielleicht gegen Bezahlung, wie bei den toxikologischen Gutachten), etwa weil er in besserem Ansehen steht ("unabhängiger Gutachter") als ich. Andererseits solche Fälle: Ich flechte vielleicht ein: "Sprich, damit ich dich sehe!", was ja ungemein geistreich wirkt, bis ein Spielverderber mir nachweist, daß ich Platon plagiiert habe.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 22.10.2017 um 08.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#36726

Richtig, Urheberrechtsverletzungen sind ja im allgemeinen Antragsdelikte. Wer das Plagiat billigend in Kauf nimmt, ändert damit aber nicht den Charakter des Plagiats als solchen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.10.2017 um 04.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#36720

Vielleicht liegt es daran, ob man die Übernahme rein philologisch definiert oder die Urheberrechtsverletzung einbezieht. Wenn ein Schüler einen anderen abschreiben läßt, kann man das Plagiat nennen oder auch nicht.

Das "geistige Eigentum" ist bekanntlich noch kein sehr alter Begriff, und in älteren und ferneren Kulturen fand man nichts dabei, Texte zu übernehmen und auf diese Weise anzuhäufen. Eine Nische, in der das heute noch ohne Unrechtsbewußtsein gemacht wird, sind Predigten, überhaupt Andachtsvorlagen. Ich habe gelegentlich das Wandern theologischer Sätze nachverfolgt. Hier hatte ich schon mal Walter Künneth zitiert:

Wer sich im Glauben dem offenbaren Gott aufgeschlossen hat, der ist in eine ewige Lebensbewegung hineingenommen, die mit dem Tod nicht endet, sondern ihre Erfüllung findet.

Das steht wörtlich und ohne Kennzeichnung auch hier
http://kath-zdw.ch/maria/gute.seele.html

Man könnte sagen: Wo es um das Seelenheil geht, sind Quellenangaben pedantisch.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 21.10.2017 um 20.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#36719

Die Komplizenschaft ist irrelevant im Hinblick auf die Frage, ob es sich um ein Plagiat handelt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.10.2017 um 15.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#36718

Das stimmt natürlich und ist viel klarer ausgedrückt; zugleich wird deutlicher, warum man im Fall Monsanto nicht von Plagiat sprechen kann, es ist eher eine Art Ghostwriter-Komplizenschaft.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 21.10.2017 um 13.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#36715

Ob ein Text ein Plagiat darstellt, hängt nicht davon ab, ob dem Autor des Quellentextes aus dem Abschreiben ein Schaden erwächst. Beispielsweise sind die Protokolle der Weisen von Zion zum Teil das Plagiat eines Buches von Maurice Joly. Joly war zum Zeitpunkt des Erscheinens der Protokolle längst verstorben und sein Buch nach damaligem Rechtsverständnis gemeinfrei, zumal es anonym erschienen war.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.10.2017 um 13.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#36714

Auch Jan Grossarth stellt mit Recht fest, daß es sich bei der wörtlichen Übernahme von Monsanto-Texten durch „unabhängige“ Gutachter nicht um Plagiate handelt (FAZ 12.10.17). Die Urheber der Texte haben ja keinen Schaden davon, sondern sind als Auftraggeber die eigentlichen Nutznießer. Aber das ist kein Argument gegen die Verwendung von Plagiats-Suchsoftware, mit der die Machenschaften aufgedeckt worden sind.

Grossarth muß auf die neueren Enthüllungen im Glyphosat-Skandal reagieren: „Glyphosat angezählt“ titelt er. Er bleibt aber bei der Eingrenzung der Diskussion auf das Krebs-Risiko. Auch ist er sich nicht zu schade, Glyphosat-Kritiker zu erwähnen, die als Berater von Anwaltskanzleien ebenfalls daran verdienen; da gehen wohl die Proportionen etwas durcheinander (wie seinerzeit bei den Regenwürmern). Immerhin gesteht er am Ende zu, daß ein Verbot gewisse Weltfirmen ins Mark treffen würde, insbesondere den geplanten Erwerb von Monsanto durch Bayer, möglicherweise ein Schildbürgerstreich. (Er hätte noch erwähnen können, daß Syngenta inzwischen den Chinesen gehört.) Richtig ist, daß nicht Glyphosat heute die Kassen füllt, sondern das patentgeschützte Saatgut, das dagegen resistent ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.10.2017 um 05.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#36497

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19590

Karl August Neuhausen ist am Donnerstag überraschend verstorben. Ein unersetzlicher Verlust für die Neulatinistik. Er war auch der einzige unter meinen Bekannten, der fließend lateinisch sprach. Ich werde ihn auch aus anderen Gründen vermissen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.09.2017 um 04.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#36352

Gerade im linken Lager gilt "Dr. Schäuble" – wie ihn sein griechischer Widersacher und ehemaliger Finanzministerkollege Yanis Varoufakis abschätzig nennt – als Verkörperung deutscher Prinzipienreiterei. (ZEIT 28.9.17)

Fein beobachtet. Bei einer Person von einiger Bedeutung wirkt der akademische Grad herabsetzend. Manche Doktoren wissen das nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.07.2017 um 17.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#35674

Ich war gerade dabei, diese beiden Sätze zu vergleichen:

"Aber er hat ja gar nichts an!" sagte endlich ein kleines Kind.
"Aber er hat ja gar nichts an!", sagte endlich ein kleines Kind.


Und ich wollte fragen: Wem nützt eigentlich das Komma in der reformierten Fassung?

Dabei bin ich noch auf etwas anderes gestoßen. In der mittelalterlichen Vorlage ist es ein schwarzer Knecht, der die peinliche Wahrheit ausspricht, und die Voraussetzungen sind auch etwas anders. Einen Heutigen veranlaßt das zu folgender Beurteilung:

Hans Christian Andersens Fassung des Stoffs bleibt nahe am Original, ist allerdings dialogischer aufgebaut (Andersen war ja auch Theaterautor). Andererseits hat er der Fabel die soziale Schärfe genommen. An die Stelle der beschämenden Herkunft tritt die mangelnde Eignung zum ausgeübten Amt, und statt des sozial Deklassierten spricht ein "unschuldiges Kind" die Wahrheit aus. (Wiener Zeitung 20.5.05)

Ist das nicht sehr dem heutigen Zeitgeist verpflichtet? Andersen zielt in eine etwas andere Richtung, aber das ist der Geschichte gut bekommen, meiner Ansicht nach.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.06.2017 um 13.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#35437

Es hat zwar nichts mit Abschreiben zu tun, aber in dieser Rubrik haben wir ja über die Titelhuberei gesprochen.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hat mit deutlicher Kritik auf die SPIEGEL-Studie zur Diskriminierung von Menschen mit ausländisch klingenden Namen bei der Wohnungssuche reagiert. "Niemand darf bei der Wohnungssuche allein aufgrund seines Namens benachteiligt werden", sagte Maas dem SPIEGEL.

Die Regierung sollte nicht auch dieses Problem noch zu lösen versuchen, sie würde sich verheben wie mit der Mietpreisbegrenzung; mehr Wohnungen entstehen dadurch nicht. Die Alternative wäre die anonyme Wohnraumvergabe. Aber wer wird bauen und vermieten, wenn er keinen Einfluß darauf hat, wer in seine Wohnung einzieht? Nur der Staat, natürlich.

Vermieter nehmen auch gern Akademiker, schon der "Dr." ist ein dicker Pluspunkt. Und in diesem Zusammenhang möchte ich noch erwähnen, daß sämtliche Todesanzeigen für Kohl den "Dr." enthalten. Das dürfte dem Wunsch des Verblichenen entsprechen, der doch mal sehr heftig darauf bestanden hat, von einer gewissen Person mit dem Dr.-Titel angesprochen zu werden - aufgrund einer Jahrzehnte zurückliegenden kleineren Anstrengung, die nicht über das hinausging, was andere ohne Titel ständig leisten. Der akademische Grad über den Tod hinaus, auch auf Grabsteinen, erhöht die Person nicht, wie manche anscheinend glauben, sondern zieht sie herab. Helmut Kohl wäre lapidar und historisch, aber Dr. Helmut Kohl ist klein, ephemer wie ein Kratzfuß.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.06.2017 um 20.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#35383

Die Sache ist doch wirklich eindeutig. Zimmerman hatte keine Lust, Moby-Dick noch einmal zu lesen. Ist ja auch ein dickes Buch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.06.2017 um 05.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#35368

Bob Dylan soll seine Nobelpreisrede teilweise aus einer Interpretationshilfe für Schüler abgeschrieben haben. Der Nachweis ist dürftig, aber das ganze Getue ist sowieso lächerlich. Die Schülerhilfen passen doch zum Preis für den weltbesten Schriftsteller, und Geld kann man nie genug haben. Ich würde es auch nehmen, aber an mich denkt ja keiner.

Hübsch ist die Geschichte mit Sartre, falls sie stimmt: Erst lehnte er den Nobelpreis ab, aber elf Jahre später wurde er in Stockholm vorstellig und bat um das Geld – vergeblich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2016 um 17.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#34067

Nur weil wir hier über akademische Grade gesprochen haben: Im Duden online steht

Dr. rer. med[ic].
doctor rerum medicarum (Doktor der Medizinwissenschaften)


Das scheint aber nicht zu stimmen. Der Dr. rer. medic. wird als "Doktor der Gesundheitswissenschaften" verstanden, was alles mögliche sein kann, nur kein Arzt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.11.2016 um 04.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#33820

Irgendwie ist in meine E-mail Eigenwerbung des Esoterikers Dieter Broers gelangt. Dessen Namen hatte ich bisher nicht gekannt, aber die Kostproben seines Stils sind bemerkenswert. S. auch hier: https://www.psiram.com/ge/index.php/Dieter_Broers
Das gehört eigentlich in die Tagebuch-Rubrik "Delirium", aber ich stelle es hierher wegen des Hinweises auf die amerikanischen Degree mills bzw. Diploma mills, bei denen der Mann sich bedient hat.

Man kann solchen esoterischen Unfug samt Verschwörungstheorien nicht verbieten, aber die Schule sollte sich stärker um die Immunisierung der Kinder kümmern. (Was natürlich nicht leicht ist, wenn der Religionsunterricht, wie gezeigt, unermüdlich gegen vermeintliche Ansprüche der Naturwissenschaften polemisiert.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.10.2016 um 18.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#33524

Kaum erwähnenswert, daß man Textabschnitte wie diesen_ http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=347#33523 aus der Dudengrammatik ohne Quellenangabe in Magisterarbeiten findet, z. B. hier: http://idochp2.irandoc.ac.ir/FulltextManager/fulltext15/th/211/211795.pdf ("Im Namen Gottes") Das ist eben gelebte interkulturelle Praxis. Ich hatte während meiner aktiven Zeit alle Hände voll zu tun, ein rudimentäres Bewußtsein für unsere Standards zu wecken. Der Ferne Osten steht uns nicht nur in dieser Hinsicht näher als der Nahe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.07.2016 um 05.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#32886

Hermann Unterstöger bespricht die Neuausgabe von Engels "Deutscher Stilkunst" und bezweifelt, daß man Reiners schlicht als Plagiator bezeichnen könne. Entgegen seiner Meinung, die vielleicht aus einem irgendwie begründeten Wohlwollen gegenüber dem Verlag Beck zu erklären ist, zeigen dies die Dissertationen von Sauter und Reuschel aber sehr wohl, und der Leser beider Stilbücher merkt es ja abenfalls auf Schritt und Tritt. Nach einem Bericht des SPIEGEL vom 22.8.1956, den man im Netz leicht nachlesen kann, hat Reiners aus seinem Verfahren kein Geheimnis gemacht:

"Ich kann nur das gedruckte Material verwenden", bekennt er. In seiner ausführlichen Mittagspause und nach Büroschluß informiert er sich lesend über seinen Gegenstand und streicht - in Fachbüchern, Dissertationen, wissenschaftlichen Zeitschriften - mit dem Bleistift am Rande an, was ihm wichtig scheint und was er verwenden oder zitieren möchte. "Das lasse ich hemmungslos abschreiben. Dafür besitze ich Kinder und Sekretärinnen." Die Auszüge werden in Zettelkästen gehortet und - beim Bücherschreiben – ausgewertet.

Seine "Stilkunst" nennt die Quelle nicht, weil Engel Unperson geworden war, unterdrückt jüdische Autoren und paßt in jeder Hinsicht in ihre Zeit. Stefan Stirnemann hat recht: Beck dürfte dieses Machwerk nicht mehr vertreiben, Bearbeiter Jürgen Schiewe hätte sich distanzieren müssen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.07.2016 um 17.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#32880

Wenn ein gefälschter Lebenslauf nicht nur in der Personalakte steht, sondern im Bundestagshandbuch, im Internet usw., wo es auch die Verwandten und Bekannten lesen können, die doch die Wahrheit kennen müssen – wie ist das überhaupt möglich? Bei jenem unwichtigen Germanistikprofessor mußten auch viele das Doppelleben kennen, aber eine Bundestagsabgeordnete mit ihrer Allgegenwart im öffentlichen Leben ist denn doch noch etwas anderes. Bemerkenswert kaltblütig auch das Abwarten, ob es im Zeitalter der Leaks jemand herausfindet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.03.2016 um 18.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#32080

Auch hier ist die Quelle zwar angegeben, das Ausmaß des Abgeschriebenen jedoch nicht gleich erkennbar:

Jürgen Kumbartzki: Die Interne Evolution von Organisationen (Markt- und Unternehmensentwicklung Markets and Organisations). Wiesbaden 2002.

(Man vergleiche etwa S. 16f. der Leseprobe mit der Einleitung von Ernst Mayr in: Evolution. Heidelberg (Spektrum) 1988:12; sogar der falsche Plural Platons eidoi ist übernommen; weiteres habe ich nicht überprüft.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.03.2016 um 14.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#31913

Man macht sich gern über die Plagiatsjäger lustig und außerdem über jeden, der eine Promotion in Medizin ernst nimmt. Gewiß, das sind alles Kavaliersdelikte, über die man nach so langer Zeit nachsichtig hinweggeht. Nur das stolze und gewinnbringende Herumtragen des Titels, das währet ewiglich. Sogar auf manchen Grabsteinen kann man es noch lesen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.03.2016 um 14.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#31912

Irgendwie schleift sich halt alles ab. Minister Dr. Guttenberg hatte nur das Pech, der erste zu sein. Ministerin Dr. Schavan bekam gleich nach der Aberkennung ihres Doktortitels und ihrem Rücktritt vom Ministerposten die Ehrendoktorwürde einer deutschen Uni und ein neues, hochdotiertes staatliches Amt. Dr. von der Leyen passiert gar nichts mehr.

Laut Wikipedia hat heute schon die Hälfte aller Jugendlichen eines Jahrgangs Abitur, ein Drittel aller Jugendlichen eines Jahrgangs schließt ein Studium ab. Solche Steigerungen sind nur mit immer geringeren Leistungsanforderungen möglich. Das setzt sich natürlich auch bei der ebenfalls zunehmenden Anzahl von Doktortiteln pro Jahrgang fort.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.03.2016 um 19.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#31910

An einer anderen Stelle habe ich mich schon einmal darüber gewundert, daß man oft so etwas hört: "Mein Sohn ist nicht dumm, nur faul." - aber nie das Umgekehrte. (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=577)
Woraus spricht, daß die schicksalhafte Minderbegabung offenbar ehrenrühriger ist als die doch durchaus "heilbare" und vorwerfbare Charakterschwäche.
Daran mußte ich denken, als ich hörte, Frau von der Leyen habe zwar abgeschrieben, aber ohne Täuschungsabsicht. Wie berichtet, habe ich schon mal eine ganze Magisterarbeit zu lesen bekommen, die aus dem Internet heruntergeladen war. Der Kandidat, der nicht einmal das weibliche Geschlecht der Verfasserin geändert hatte, machte tatsächlich den Eindruck, unendlich dumm zu sein, was eine Täuschungsabsicht naturgemäß ausschloß.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.03.2016 um 16.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#31908

Habe aus aktuellem Anlaß mal bei VroniPlag vorbeigesehen. Was Frau von der Leyen sich da geleistet hat, ist schon ziemlich toll. Der Titel enthält bereits einen Tippfehler. Anscheinend alles schnell zusammengeschmiert und ab die Post!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.12.2015 um 07.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#31025

Seit das Fotografieren nichts mehr kostet, wird tausendmal soviel geknipst. Als wir noch nach 12 Aufnahmen den Rollfilm wechseln mußten, haben wir uns jedes Bild zweimal überlegt. Heute klickt es um uns herum, immer gleich 12 Aufnahmen vom selben Motiv, man weiß ja nie. Und statt uns drei ausgewählte Urlaubsfotos zu schicken, hängen die lieben Verwandten und Bekannten das ganze Album an die E-Mail, immer zwölfmal dasselbe Motiv, damit wir uns aussuchen können, was uns am besten gefällt. Sofern nicht lieben Verwandten und Bekannten selbst darauf zu sehen sind, geht es um Sehenswürdigkeiten, die wir schneller und besser im Internet finden.

So auch mit dem Schreiben. Der Schreibstoff war teuer, das Schreiben, Abschreiben, Ausschneiden und Zusammenkleben aufwendig. Heute spricht man zwar noch von copy and paste, aber das stimmt ja gar nicht mehr. Die Qualität der liederlich zusammengeschmierten Texte ist entsprechend. Man kommt sich von Jahr zu Jahr lächerlicher vor, wenn man noch auf orthographischen Feinheiten herumreitet, die einer längst vergangenen Epoche angemessen waren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.11.2015 um 08.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#30652

Wenn ich es recht verstehe, will der Anne-Frank-Fonds das Urheberrecht an den Tagebüchern länger behalten und behauptet daher, sein Gründer Otto Frank sei Mitautor und nicht nur Herausgeber gewesen. Vielleicht kommt er damit durch, aber es wäre ein zweischneidiger Sieg. Die Leute wollen ja Anne Frank lesen und nicht Otto Frank. Außerdem hat der Vater ausdrücklich gesagt, nicht er, sondern nur Anne sei Verfasserin der Tagebücher. Das war sogar Gegenstand eines Rechtsstreits mit Neonazis.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2015 um 07.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#30553

Da ich oft googele, um mich des Wortlauts oder der Herkunft einer Formulierung zu versichern, stoße ich ungewollt auf unzählige Fälle von mehr oder weniger vollständigen Plagiaten. Neben der eigentlich gesuchten Quelle werden Texte angeführt, die dasselbe - oft ohne Quellenangabe - ebenfalls verwendet haben. Gesamteindruck: die Abschreiberei hat im Zeitalter des Internets ungeheure Ausmaße erreicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2015 um 04.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#30476

Guttenberg könnte durchaus in die Politik zurückkehren, es gibt schließlich größere Sünder. Auch geläutert scheint er zu sein, wie sein souveräner Scherz beweist:

"Der US-Wahlkampf ist eine intellektuelle Herausforderung. Man könnte fast eine Doktorarbeit darüber schreiben." (Hamburger Abendblatt 4.11.15)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.10.2015 um 04.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#30303

Aus einer germanistischen Dissertation:

An erster Stelle möchte ich meinem Herrn Jesus Christus, der mir immer zur Seite stand, meinen ganz herzlichen Dank aussprechen.

Bisher hat niemand untersucht, ob es sich hier um einen Fall unerlaubter Hilfe handeln könnte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2015 um 11.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#30151

Einerseits verstehe ich nicht, warum Parteifreunde einen Plagiatsverdächtigen (und praktisch schon Überführten) verteidigen zu müssen glauben. Die Sache hat doch mit Politik nichts zu tun, sollte man meinen.

Andererseits: Ein Leser schreibt in einem Forum:

Hat sich mal jemand die Mühe gemacht, zu entziffern, was hinter dem kryptischen Titel der Doktorarbeit steckt? Faktisch die Wirkung von Wannenbädern auf Schwangere. Wie immer das Verfahren ausgeht - daß man mit so einem Thema einen Doktortitel bekommt, ist peinlich genug.

Das ist banausisch und zeugt von einem grundsätzlichen Unverständnis für Wissenschaft. Wie schon Sokrates kritisierte, ist Vornehmtuerei in der Wahl der Untersuchungsgegenstände fehl am Platz. Ein Pferdeapfel ist ein ebenso würdiges Objekt wie ein Brief des Apostels Paulus.

(Ganz abgesehen davon, daß die Wirkung von Wannenbädern auf Schwangere tatsächlich höchst bedeutsam wäre. Was haben wir nicht alles getan, als wir schwanger waren!)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 27.09.2015 um 12.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#30108

Freud hätte wohl eher einen Bezug zu Theodor Hendrik van de Velde hergestellt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.09.2015 um 08.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#30102

Wenn ich schon bei persönlichen Geständnissen und Bekenntnissen bin, will ich auch noch einen Traum der letzten Nacht zum besten geben. (Träume anderer Leute sind sonst enorm langweilig, finde ich.) Also ich träumte, ich wäre in einer großen Bibliothek mit lauter verstaubten Büchern, darunter auch altphilologische. Neben einem sehr großen Band über Platon entdecke ich meine schmale Dissertation über Platon und nehme sie heraus. Sie ist ganz zerlesen und von Anfang bis Ende mit Randbemerkungen in Bleistift verunziert. Am Schluß steht noch eine Bemerkung, unleserlich wie alle anderen, aber ich weiß, daß sie alle sehr kritisch sind, unterschrieben mit "G. van der Elst".

Nun die Deutung: Ich habe erst letzte Woche im staubigen Bücherkeller Platz machen müssen für den Handwerker. Der Foliant über Platon könnte, wie ich jetzt ziemlich sicher weiß, einfach das Platonbuch von Wilamowitz sein, das ich dieses Jahr mal wieder gelesen habe, und so umfangreich war es, weil die beiden Bände in einem zusammengefaßt waren (wie ich es mir längst gewünscht habe). Meine Doktorarbeit taugt bestimmt nicht viel, ich habe seit 42 Jahren nicht mehr hineingesehen und weiß nicht mehr, was drinsteht. Immerhin war sie ganz zerfleddert, also gelesen worden, toll! Der Name meines jung verstorbenen Erlanger Kollegen, der keineswegs Altphilologe war, ist offensichtlich durch von der Leyen inspiriert, was mir aber erst bewußt wurde, als ich meiner Frau den Traum erzählte. Ich erinnere mich nun auch, daß ich gestern bei den Plagiatsmeldungen des Tages noch gedacht hatte: Meine eigene Dissertation ist bestimmt nicht bedeutend, aber von A bis Z selbst geschrieben.

Insgesamt also leicht unbehaglich, aber doch ganz befriedigend für mich. Freud scheint recht zu haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.09.2015 um 06.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#30099

Zum Fall von der Leyen: Ich verstehe nicht, warum man eine medizinische Doktorarbeit nicht ganz und gar selbst schreiben kann, das ist doch nicht so schwer. Ob ich die folgende Geschicht schon einmal erzählt habe? Ein älterer Kommilitone, mit dem ich nicht einmal eng befreundet war, kam eines Abends verzweifelt in unserer übermütige Runde und berichtete, seine Labormäuse seien irgendwie verunreinigt gewesen, so daß seine fast fertige medizinische Dissertation im Eimer war. Ich sagte, das sei doch nicht weiter tragisch, und erbot mich, den Text umzuarbeiten. So habe ich dann in wenigen Stunden eine medizinische Doktorarbeit geschrieben, der junge Mann, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, wurde promoviert und dürfte inzwischen längst seine wohlverdiente Pension verzehren.

Das medizinische Studium ist lang und anstrengend, aber für die Dissertation wenden viele nicht mehr Arbeit auf als andere für eine Seminararbeit. Das ist natürlich nicht der Hauptgrund dafür, daß es so wenig gute Ärzte gibt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.07.2015 um 07.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#29519

Die AfD will gegen ihren Gründer Lucke klagen, weil er Teile des Parteiprogramms zur Neugründung ALFA mitgenommen hat. Das dürfte der lustigste Plagiatsprozeß aller Zeiten werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.04.2015 um 18.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#28660

Der Dreißigjährige Krieg, der sich in vielerlei Hinsicht als Katastrophe für die deutschen Länder erwiesen hatte, brachte in seiner Konsequenz jedoch auch die Entwicklung eines Nationalgefühls und damit verbunden eine intensive Beschäftigung mit der deutschen Sprache mit sich.[10] Um 1640 wurde die linguistische Diskussion von ideologischen und politischen Zügen geprägt. Der sprachliche Nationalismus, der seine Wurzeln in der Reformation und im Humanismus hatte, erlebte mit der Verbreitung deutschsprachiger Literatur eine Blüte. Dabei spielte die Gründung der Sprachgesellschaften eine bedeutende Rolle...

Quelle: Christian Lannert: „je gelehrter je verkehrter“ - Grimmelshausens Teutscher Michel (1673) und die Sprachpuristen. Seminararbeit, 2009. Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar), 28 Seiten. Note 1,0
(bei hausarbeiten.de für 12,99 bzw. 14,99 € zu erwerben)


Der dreißigjährige Krieg erwies sich in vielerlei Hinsicht als Katastrophe für Deutschland. Als Konsequenz des Krieges ergab sich jedoch auch die Entwicklung eines Nationalgefühls und damit verbunden eine intensive Beschäftigung mit der deutschen Sprache. (...) Um 1640 wurde die linguistische Diskussion von ideologischen und politischen Zügen geprägt. Der sprachliche Nationalismus, der seine Wurzeln in der Reformation und im Humanismus hatte, erlebte eine neue Blüte mit der Verbreitung deutschsprachiger Literatur. Dabei spielte die Gründung der Sprachgesellschaften eine bedeutende Rolle...

Quelle: Chrystèle Schielein: Philipp von Zesen: Orthographiereformer mit niederländischen Vorbildern? Diss. Erlangen 2002. >

Der Abschreiber ist inzwischen promoviert und in Amt und Würden und hat offenbar alles richtig gemacht. Was mich aber wundert, ist die Kühnheit, mit der jemand, statt froh zu sein, daß er sich durchs Grundstudium gewurschtelt hat, seine Seminararbeit auch noch gewinnbringend auf den Markt wirft, wo jeder sie überprüfen kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2014 um 18.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#27298

Meist stößt man ja in einem Text auf eine plagiatsverdächtige Stelle, googelt ein bißchen und findet dann mit etwas Glück das Original. Oft passiert es mir aber auch umgekehrt, daß ich ein Original vor mir habe und sehen möchte, wo überall es zitiert ist, und dann finde ich oft, daß es zwar zitiert ist, aber nicht als Zitat gekennnzeichnet.
Heute wollte ich mal wissen, wer aus Eislers Kant-Lexikon die folgende Absurdität aufgegriffen hat: Die Außenwelt ist ebenso real wie die Innenwelt – usw., und bin auch gleich in der beschriebenen Weise fündig geworden.
Die weite Welt der Texte ist voll davon, vor allem natürlich die sowieso unnützen und daher ungelesenen Texte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.07.2014 um 13.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#26442

Frau Schavan hätte sich erstens nicht so selbstgerecht (und verdeckt selbstzerstörerisch) zum Fall Guttenberg äußern sollen, und sie hätte nach Aufdeckung ihres eigenen Plagiats sagen sollen: "Es tut mir leid, ich habe damals Mist gebaut und hatte es schon fast vergessen. Ich war überfordert, hoffe aber, daß meine bisherige politische Arbeit mehr wiegt als jener Fehler."
Stattdessen erklärt sie vor unschuldigen Schülern: "Es ging um Formfehler: Dass die Anführungszeichen zu weit oben oder unten waren, die Fußnoten falsch gesetzt. Ein Buch hatte ich vergessen, in den Quellen anzugeben." Dies sei aber den damaligen Verhältnissen ohne Computer geschuldet.
Das ist unverzeihlich.
Wie gesagt, lange vorher hatte ich mir, wie auch andere, ein Urteil über sie gebildet, weil die bekannt gewordenen Hintergründe der Rechtschreibreform ihr Intrigenspiel hinreichend belegten. Wenn "Vernetztheit" an sich eine politische Tugend ist, dann war sie freilich großartig.

Nachbemerkung: Was der Computer heute erleichtert, ist nicht die wissenschaftlich saubere Arbeit (da trifft eher das Gegenteil zu), sondern die Aufdeckung der unsauberen.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 30.07.2014 um 12.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#26441

Hinter den Kulissen in Düsseldorf muß es immer noch mächtig brodeln. Nun hat Lammert seine Teilnahme am Festakt zum 50jährigen Jubiläum der Düsseldorfer Universität abgesagt. Er sollte dort als Festredner auftreten. Der Hintergrund der Absage ist, daß die Universität Mitte Juli Bleckmann und Rohrbacher (also den Dekan und den Gutachter im Fall Schavan) mit der Universitätsmedaille ausgezeichnet hat.

Rektor Michael Piper lobte die Wissenschaftler dabei ausdrücklich für „ihre beispielhafte akademische Zivilcourage“. Sie hätten die Freiheit zur Kritik fehlerhafter wissenschaftlicher Arbeiten in einem Fall großer öffentlicher Einflussnahme mutig verteidigt.

Für Lammer ist das eine "demonstrative Auszeichnung", an der ihn vor allem irritiert, "dass jegliche kritische Stimmen auch und gerade von hochangesehenen Wissenschaftlern und aus den akademischen Spitzenverbänden ausnahmslos für eine unerwünschte Einmischung und unzulässige versuchte Einflussnahme erklärt werden."

Nun hat aber Frau Schavan im April 2014 Schülern erklärt: "Ich wurde nie beschuldigt, abgeschrieben zu haben." Deshalb wundert es mich, daß Lammert im Absageschreiben an den Rektor der Düsseldorfer Universität erklärt, daß er "unterschätzt [habe], welche Bedeutung das Verfahren zur Aberkennung des Doktorgrades von Annette Schavan noch immer nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern auch im Selbstverständnis der Düsseldorfer Hochschule hat."

Den ganzen Artikel findet man hier: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/fall-schavan-lammert-sagt-rede-an-uni-duesseldorf-ab-13071825.html
 
 

Kommentar von Herbert Schremm, verfaßt am 29.07.2014 um 17.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#26431

Nach vollständiger Lektüre des Abschlussberichts samt der beigefügten Dokumente wird die von Herrn Achenbach beanstandete sarkastische Schärfe sehr verständlich. Die Universität wurde monatelang unter starken Druck gesetzt und öffentlich unsauberer Verfahrensweisen und unlauterer Motive verdächtigt. Die für das Verfahren verantwortlichen Personen wurden teilweise scharf attackiert. Sie werden vielleicht auch weiterhin in bestimmten Zusammenhängen Nachteile zu erwarten haben, da ihre Namen mit dieser politisch konnotierten Affäre dauerhaft kontaminiert sind. Und sie hatten in dieser Angelegenheit alle im Wissenschaftsbetrieb Mächtigen gegen sich.

Eine gründliche Lektüre des Berichts lohnt auch deshalb, weil er auf die große Sorgfalt schließen läßt, mit der das Verfahren an der Universität geführt wurde. In der Dokumentation sind unter anderem etliche Seiten aus dem heftig angegriffenen Gutachten des Prodekans Rohrbacher enthalten. Danach kann von einer voreingenommenen, kurzschlüssigen Prüfung, die Erbsen gezählt, die Entstehungszeit oder die Fachkultur nicht berücksichtigt hätte, keine Rede sein.

Es handelt sich vorliegend schlicht und einfach um Plagiate. Im Sinne der wissenschaftlichen Redlichkeit und rechtsstaatlicher Gleichbehandlung muss ein solcher Befund auch im Fall einer Ministerin gerade so festgestellt werden und die gleichen Folgen haben wie im Falle Lieschen Müller. Ich finde es traurig, dass so wenige in Wissenschaft und Politik diese einfache Notwendigkeit zu begreifen scheinen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.07.2014 um 05.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#26425

Ich hatte schon früher auf Milde gegenüber Schavan plädiert, was das ursprüngliche Vergehen betrifft. Schlimmer fand ich ihren Umgang mit der Sache, auch ihre halsbrecherische Kommentierung der Affäre Guttenberg. Und jetzt geht es nicht mehr um sie selbst, sondern um die Versuche prominenter Akademiker, zu ihren Gunsten zu intervenieren.
Meine Entscheidung, aus dem Hochschulverband auszutreten, hatte andere Gründe, aber ich bin froh, daß ich es getan habe.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 28.07.2014 um 19.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#26423

Auf den ersten Blick macht dieser "Abschlußbericht" auf mich den Eindruck einer etwas polemischen Selbstrechtferigung.

Nach wie vor empfinde ich einen bitteren Nachgeschmack, wenn ich sehe, wie die Universitäten ihre Hände in Unschuld waschen auf Kosten ihrer ehemaligen Absolventen, mögen diese es auch noch so sehr verdienen.

So groß empfinde ich daher den Unterschied zwischen dieser Selbstrechtfertigung und der von Frau Schavan nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2014 um 16.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#26420

Vielen Dank, Herr Höher, für den Link zum vertraulichen Abschlußbericht!
Die meisten von uns dürften sich schon lange vor dem Plagiatsverfahren ihre Meinung über Frau Schavan gebildet haben und keinen Grund sehen, sie zu revidieren.
Interessant ist nochmals die Aufdeckung des Freundeskreises (ein paar weitere Namen waren ja durch die Presse gegangen).
Im Anhang zum Bericht ein sonderbarer Brief von unserem Beiratsmitglied Christian Stetter an Schavan; er schreibt nicht einmal den Namen der Adressatin richtig (Schawan). Wie ist denn so etwas möglich?
Insgesamt ein Sittengemälde wie aus dem späten Rom!
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 28.07.2014 um 13.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#26418

Noch ein Nachtrag zu Schavan. Der im Abschlußbericht genannte Artikel der "Südwest Presse" vom 10.4.2014 ist hier nachzulesen: http://www.swp.de/ulm/lokales/ulm_neu_ulm/Ex-Ministerin-Schavan-am-Anna-Essinger-Gymnasium-Es-geht-um-Gerechtigkeit;art4329,2547775

Annette Schavan geht am 1. Juli als deutsche Botschafterin zum Heiligen Stuhl. Was sie an Ulm am meisten vermisse, wurde sie gefragt. "Mein Haus hier behalte ich. Allerdings werden mir meine guten Beziehungen hier fehlen", erzählte Schavan.

Wie gut diese Beziehungen waren, zeigt ja gerade der Abschlußbericht.

Und hier ist die im Bericht genannte Stelle mit den Anführungszeichen:

"Ich wurde nie beschuldigt, abgeschrieben zu haben. Ich solle lediglich die Fußnoten an der falschen Stelle angegeben haben", verteidigte sich Schavan. Sie habe viele Professoren gefragt, die der Meinung waren, dass alles gestimmt habe: "Es ging um Formfehler: Dass die Anführungszeichen zu weit oben oder unten waren, die Fußnoten falsch gesetzt. Ein Buch hatte ich vergessen, in den Quellen anzugeben." Dies sei aber den damaligen Verhältnissen ohne Computer geschuldet.

"Anführungszeichen zu weit oben oder unten" sind einfach herrlich. Was glaubt sie eigentlich 1980 abgegeben zu haben, eine kalligraphische Handschrift? Die Druckfassung wird ja wohl ein Schreibmaschinentyposkript gewesen sein. Da mußte man den Zeilenabstand beim Setzen von Anführungszeichen nicht verändern. Aber da Kinder heute eh nicht mehr wissen, was eine Schreibmaschine ist, kann man sie auch getrost anlügen.

Gute Beziehungen und fortgeschrittener Realitätsverlust sind offensichtlich die wichtigsten Anforderungen, die man an einen Botschafter der Bundesrepublik stellt.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 28.07.2014 um 12.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#26416

Der Abschlußbericht des Dekans der Düsseldorfer Philosophischen Fakultät zum Fall Schavan liegt nun vor. Jürgen Kaube schreibt in der Netzausgabe der FAZ sehr unterhaltsam darüber: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/geisteswissenschaften/plagiatsfall-schavan-tuecke-ist-das-hauptprinzip-der-verteidiger-13067551.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Wer nur den (ebenfalls sehr unterhaltsamen) Abschlußbericht lesen möchte, klicke hier: http://www.docdroid.net/f4h2/abschlussbericht-vertraulich.pdf.html
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.07.2014 um 16.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#26203

Es gibt nicht wenige Literaturhinweise, die nur die Belesenheit des Verfassers beweisen sollen, dem Leser aber nicht weiterhelfen. Besonders Anfänger glauben in ihre Sätze ein (Müller 1998, Meier 2001) einfügen zu müssen, damit niemand auf den Gedanken kommt, sie hätten diese wichtigen Bücher übersehen. Aber welcher Leser unterbricht seine Lektüre, um mal eben die beiden Bücher von Müller und Meier, zusammen 860 Seiten, von vorn bis hinten durchzulesen, nur um die Stellen zu finden, die mit dem vorliegenden Text auf irgendeine Weise zusammenhängen? Wir wissen ja, daß es kaum einen Gedanken gibt, den nicht ein anderer auch schon einmal gedacht hat, und lassen es damit gut sein.

Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich zum letztenmal einem Literaturhinweis tatsächlich nachgegangen bin. Eher schon einer Empfehlung, dann bestelle ich mir das Buch in der UB oder lade mir einen Text aus dem Netz herunter. Oder ich folge der Stellenangabe zu einem Zitat, um nachzuprüfen, ob der Zusammenhang und die Deutung stimmen.

Ich habe schon ein paarmal auf Leute hingewiesen, die hinter eine abstruse These "(Skinner 1957)" setzen, obwohl ich genau weiß , daß dort nichts dergleichen steht und daß der Verfasser Skinner 1957 auch nicht gelesen hat, sondern nur aus einem anderen Text, der auf der mehrfach gebrochenen Chomsky-Lektüre beruht, zu wissen glaubt, was Skinner gesagt hat. Solche Flüsterpost ist kein bißchen besser als "Müller 1998".
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 07.05.2014 um 15.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#25790

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob mein Hinweis hier oder doch eher hier (http://www.sprachforschung.org/?show=news&id=563#6284) besser aufgehoben ist.

In jedem Fall hat C. H. Beck nun wieder einen Plagiatsfall. Im Buch "Große Seeschlachten: Wendepunkte der Weltgeschichte von Salamis bis Skagerrak" von Arne Karsten und Olaf B. Rader hat Rader wohl plagiiert. Mehr dazu hier: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/der-plagiatsfall-grosse-seeschlachten-12924883.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Der Verlag hat das Buch deshalb aus dem Verkauf genommen, aber bei Amazon kann man offensichtlich noch Exemplare erwerben. Ich glaube jedoch nicht an eine Wertsteigerung.

Der Blick ins Buch (http://www.amazon.de/Gro%C3%9Fe-Seeschlachten-Wendepunkte-Weltgeschichte-Skagerrak/dp/3406655580/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1399466048&sr=1-1&keywords=gro%C3%9Fe+seeschlachten+beck#reader_B00EZEDCKC) zeigt zudem Schulorthographie, die die letzte Revision verschlafen hat:

"Seine [d. i. Alfred Thayer Mahans] These wurde zwar im Laufe der Zeit von verschiedenen Seiten kritisiert, doch in einem Punkt hatte er zweifellos Recht [...]"

Immerhin erübrigt sich meine böse Frage, wer sowas lesen soll, denn der Verlag hatte zweifellos das Recht, das Kompilationswerk nun zurückzuziehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.04.2014 um 16.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#25721

Zur Heiligsprechung zweier Päpste brachte die WELT den ziemlich rabiaten Beitrag eines katholischen Theologen ("Doch selbst der fanatische Atheist Richard Dawkins gibt zu" usw.). Darin heißt es:

"Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind." Das sagt der Teufel, Mephisto, in Goethes Faust herablassend über das naiv-gläubige Gretchen.

Wirklich?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 25.04.2014 um 10.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#25677

Die Tragödie am Mount Everest unterstreicht die Kritik von Reinhold Messner an den dortigen Massenbesteigungen. Aktuell kommentiert er, die Klienten jener Organisatoren, die Mount-Everest-Besteigungen anbieten, "kaufen sich ein Prestige, das gar nicht käuflich ist". Das erinnert mich an den mit Geld erschlichenen oder mit Hilfe von Plagiaten erleichterten Zugang zum Doktortitel.

Der Unterschied liegt vor allem in der Größenordnung. Den Mount Everest ohne fremde Hilfe bestiegen haben ja nur ganz wenige, während sich sehr viele Akademiker ihren Titel mit redlicher eigener Mühe erworben haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.04.2014 um 06.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#25573

Wenn jemand seine eigene Magisterarbeit als Doktorarbeit vorlegt, ist das nicht korrekt, vor allem wenn es ohne näheren Hinweis geschieht. Aber abgesehen davon scheint es mir viel harmloser zu sein, als bei anderen abzuschreiben. Früher brauchte man keinen Magister, um seinen Doktor zu machen, es gab zu meiner Studienzeit überhaupt keinen Magistergrad. Ich selbst hatte eine Zulassungsarbeit (zu einem anderen Thema) fürs Lehrer-Staatsexamen geschrieben, das war aber keine Voraussetzung für die Promotion. Andererseits gibt es Magisterarbeiten von so hervorragender Qualität, daß manchmal der Betreuer selbst vorschlägt, sie gleich als Dissertation einzureichen, vielleicht mit ein bißchen Umarbeitung. Ob das an einigen Universitäten formal zulässig ist, weiß ich nicht, aber ich habe es bei einer mir nahestehenden Person erlebt. Und lassen wir doch die Kirche im Dorf - worum geht es denn in der Sache? Der Nachwuchswissenschaftler soll nachweisen, daß er zum akademischen Forscher und Lehrer taugt. Da ist es nicht so wichtig, auf welche Weise dieser Nachweis erbracht wird. Je früher, desto besser. Zum Problem wird das Ganze erst, wenn Politiker und sonstiges Volk die akademischen Grade als Kostümierung zwecks Karriere mißbraucht.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch erwähnen, daß ich mehrere hervorragende Wissenschaftler kenne, die es aus psychischen Gründen nicht geschafft haben, sich dem Promotionsverfahren zu unterziehen, und daher - bestenfalls - nicht über eine Mittelbau-Position hinauskamen, obwohl sie fachlich den meisten Professoren überlegen waren. Niemand läßt sich gern prüfen, aber diese Fälle, von denen es viele geben muß, werden anscheinend nirgendwo besprochen. Das ist betrüblich, wenn man auf der anderen Seite sieht, wie skrupellose Angeber ihren Doktortitel mit links erwerben und dann zeitlebens damit durch die Lande ziehen.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 08.04.2014 um 11.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#25559

Nach der Abweisung von Schavans Klage wollen die "Hundertschaften von Professoren" die ehemalige Ministerin nun wohl gar nicht mehr im Hochschulrat haben.

Bei den Beratungen hätten die Dekane der Fakultäten nun das Präsidium „in seiner Auffassung bestärkt, Frau Schavan zu bitten, ihr Mandat im Hochschulrat der LMU niederzulegen, weil nach dem Urteil des Verwaltungsgerichts Düsseldorf an der Universität vor allem die notwendige Akzeptanz für einen Verbleib von Frau Schavan im Hochschulrat fehlt“.

Zum kompletten Artikel geht es hier: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/ludwig-maximilians-universitaet-schavan-scheidet-aus-hochschulrat-aus-12885364.html

Immerhin will Lübeck ihr nach wie vor die Ehrendoktorwürde verleihen. Zum Dank für die Steuergelder zum Erhalt der Medizinerausbildung. Das ist bestimmt sehr willkommen, denn bis zum Sommer muß die Gute nun ja neue Visitenkarten drucken lassen. Bekanntlich ist da vor und nach dem Namen immer ziemlich viel häßlicher Platz.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.03.2014 um 17.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#25434

Schavans Klage gegen die Aberkennung des Doktorgrades wurde vom Gericht abgewiesen. Inzwischen ist sie zur deutschen Botschafterin beim Heiligen Stuhl ernannt worden.
Wie die FAZ und andere Zeitungen berichten und bebildern, haben sich Merkel und Wanka "demonstrativ" zu ihr gesellt.
Manche fanden und finden das Verfahren der Universität gegen Schavan zu hart, nach so vielen Jahren. Das mag sein, aber Schavan hat es sich durch ihr Verhalten (Guttenberg) selbst zuzuschreiben, daß man wenig Mitgefühl aufbringt. Der Rechtschreibrat, den sie mitgeschaffen hat, grummelt und schummelt immer noch vor sich hin. Das bleibt uns also, auch wenn sie weit weg in Rom sitzt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.03.2014 um 18.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#25293

In manche deutschen Zeitungen schwappt nun auch die Sensation aus den englischsprachigen über: Ein 14jähriger Schüler (Jordan Nichols) hat ein Gedicht verfaßt, das man mit anderem Sinn auch von hinten nach vorn lesen kann, also ein Zeilen-Palindrom. Man denkt gleich an den Englischlehrer, der diese nicht ganz unbekannte Übungsform angeregt haben wird. Weniger leichtgläubige Leser (z. B. beim Independent) haben auch gleich die Vorlage ausfindig gemacht. Hier kann man sie sehen und hören: http://www.yesmagazine.org/happiness/lost-generation
Der Knabe hat das ganz hübsch gemacht, aber wir waren in dem Alter auch nicht schlechter. Das Ganze zeigt nur, wie wenig die Öffentlichkeit über den Schulalltag weiß und wie wenig sie sich dafür interessiert.
Der dumme "Stern" meint gar, das Gedicht rufe nun die "Neider" auf den Plan. Wie weltfremd!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2014 um 08.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#24996

Kürzlich starb, wie ich der Todesanzeige entnahm, der berühmte Kinderarzt Prof. Dr. med. Dr. lit. h. c. Dr. paed. h. c. Dr. phil h. c. et Dr. med. h. c. mult. - ja, wer eigentlich? So weit bin ich nicht mehr gekommen. Das Leben ist kurz, und er ist tot.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.01.2014 um 16.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#24877

Im Fall Scheuer wird jetzt auch wieder Ombudsman Löwer aktiv, s. dazu hier: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=961#18603
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.01.2014 um 10.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#24866

Die FAZ (17.1.14) zeigt, daß der Generalsekretär der CSU (Scheuer) in seiner abgeschriebenen Prager Doktorarbeit die Politische Arbeit schreibt, weil der Ausdruck in der Vorlage am Satzanfang stand und beim Rüberkopieren eben die Großschreibung mitgenommen hat. Sehr lustig. Beherzigenswert auch die guten Worte über die Magie des Dr.-Titels. In derselben Ausgabe eine ebenfalls lesenswerte Besprechung der Autobiographie von Wolfgang Beltracchi und seiner Frau. Ich gehöre auch zu den dort erwähnten Leuten, die eine gewisse Sympathie für den Kunstfälscher hegen, aber nicht weil die Geschädigten reich sind, sondern weil hier für die verlogene Kunstwelt etwas Ähnliches geleistet wurde wie durch den Sokal-Hoax für die Wissenschaften. Die Welt will betrogen sein, also wird sie betrogen.

Nun zeichnet sich anscheinend ab, daß in den USA mit gefälschten Angaben die Investoren und der Staat in eine Fracking-Industrie gelockt wurden, die wahrscheinlich bald in eine gigantische Pleite führen wird.

In diesem Zusammenhang muß man auch die Scheinwelt des "Klimaschutzes" sehen. Gerade lese ich: Klimakiller wie Braun- und Steinkohle sind wieder auf dem Vormarsch. (focus.de 17.1.14)
Es wird also in einigen Jahren kein Klima mehr geben. Mal im Ernst: Das Wort Klima scheint durch diesen gedankenlosen Gebrauch seine Bedeutung zu ändern.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 10.10.2013 um 14.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#24213

Die Düsseldorfer Hochschule hat Frau Schavan nicht überführt; das hatten bekanntlich andere getan.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 10.10.2013 um 13.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#24212

So ganz still halten die "Hundertschaften von Professoren" offensichtlich doch nicht. Zumindest nicht die vom Deutschen Hochschulverband. Die Berufung einer "durch die Universität Düsseldorf überführten Plagiatorin" (so der Deutsche Hochschulverband) wurde im September zwar einstimmig vom Senat der LMU beschlossen, aber nun wird Kritik geäußert, und zwar auch aus den Reihen der LMU.

Zum Artikel der Netzausgabe der "Süddeutschen" geht es hier.

Sprachlich kann man hier übrigens auch noch etwas lernen. Jemand kann für eine Position fähig sein, es geht aber noch besser: man kann auch "hoch fähig" sein.

Zuvor hatte bereits Christoph Neumann, Vorstand des Instituts für den Nahen und Mittleren Osten, die Berufung als "völlig daneben" bezeichnet. Zwar sei Schavan "hoch fähig", aber wegen des im Raum stehenden Verdachts derzeit ungeeignet für den Hochschulrat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.10.2013 um 04.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#24154

Schavan ist in den Hochschulrat der Ludwig-Maximilian-Universität München gewählt worden. Wäre sie dort promoviert worden, hätte die LMU ihr den Doktortitel wegen Täuschung entziehen müssen. Das macht aber gar nichts, gibt man uns zu verstehen, im Hochschulrat derselben Universität (an der ich mich übrigens vor 30 Jahren habilitiert habe) wäre sie immer noch willkommen, da "national wie international vernetzt". Sie beaufsichtigt also nun Hundertschaften von Professoren usw., die sich nicht wehren werden. Wenigstens darauf ist Verlaß. (Die Rechtschreibreform war ein unnötiger Testlauf.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.09.2013 um 04.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#24145

Zu Lammert: Das ist in der Tat dürftig, aber leider im Rahmen des Üblichen. Ich kann mich an keine Qualifikationsschrift erinnern, bei der ich nicht mit Grund vermutet hätte, daß der Verfasser viele angeführte Texte nicht selbst in der Hand gehabt hat. Alles Predigen gegen sekundäres Zitieren usw. hat nie das Geringste gefruchtet. Der Druck der allgegenwärtigen Unart ist übermächtig.
 
 

Kommentar von Peter Marx, verfaßt am 29.09.2013 um 00.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#24143

Sehen Sie sich bei lammertplag vielleicht einmal den Abschnitt »Zur Promotionsordnung« an. Wortwörtlich schreibt er zwar nie ab, aber sinngemäßes Abschreiben kann man ihm in einem gewissen Umfang m.M.n. schon nachweisen.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 20.09.2013 um 13.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#24066

Im Wahlkampf sieht man noch einmal sehr schön, wozu Politiker ihre akademischen Grade benötigen. So ganz ohne den "Dr." sieht das einfach blöd aus.

Auch die ehemalige Ministerin Schavan wollte auf dem Stimmzettel schmuck aussehen und konnte deshalb der Versuchung nicht widerstehen: Vielleicht zum letztenmal tritt sie als "Dr. Schavan" im Wahlkreis Ulm an.

Den Rest der Posse gibt es hier: www.faz.net
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.07.2013 um 12.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#23792

Inzwischen habe ich mir einige Gegenüberstellungen bei lammertplag angesehen. Ich glaube nicht, daß aus dem angestrebten Überprüfungsverfahren etwas Nennenswertes folgen wird. Lammert hat es sich stellenweise etwas leicht gemacht, aber das bleibt im Rahmen des Üblichen, ob man es nun beklagt oder nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.07.2013 um 12.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#23791

Was sein muß, muß sein. Aber es ist nicht zu verkennen, daß vieles nicht sein muß. Manche Kollegen glauben jede noch so geringfügige Behauptung durch Verweise auf jemanden, der es auch schon gesagt hat, untermauern zu müssen. Hinzu kommt, daß ein Verweis wie "Vgl. Grundriß 1997" wertlos ist, weil man ja nicht ein ganzes Werk von 2500 Seiten durcharbeiten kann, um am Ende auf die These zu stoßen, daß die deutschen Wortarten schwer definierbar sind. Oder das Literaturverzeichnis enthält Werke, von denen man gar nicht erkennen kann, wann und wo sie herangezogen sind.

(In dem gestern zitierten Sammelband "Sprache" von Ekkehard Felder steht ein Aufsatz, der irgendwie von Hermeneutik handelt und dessen Literaturverzeichnis gefühlt ein Querschnitt durch die Weltliteratur ist.)

Bei den meisten Dissertationen, die ich zu begutachten hatte, dürften 80 Prozent der angegebenen Literatur nicht wirklich gelesen worden sein. Mein Ärger richtete sich aber stets auf die Betreuer, nicht auf die armen Schlucker, die so glaubten verfahren zu müssen.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 30.07.2013 um 10.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#23790

Einspruch, Euer Ehren!

Als jemand, der eine aufwendige prosopographische Studie durchgeführt hat, für die auch die Auswertung von Textschnipseln (gedruckt oder handschriftlich) von Bedeutung war, halte ich ich es durchaus für normal, daß Literatur- bzw. Quellenverzeichnisse anschwellen. Soll man etwa die Quellen verschweigen oder den Gutachtern einen Eindruck vom tatsächlich durchgearbeiteten Material vorenthalten? Wohl kaum, denn es widerspräche dem wissenschaftlichen Ethos!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.07.2013 um 04.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#23785

Lammert soll ja nun auch ein Plagiator sein. Er war mal ein Gegner der Rechtschreibreform, seit langem hilft er nun bei ihrer Durchsetzung (Bundestagsverwaltung).

Er soll fremde Literaturverzeichnisse und Forschungsberichte einschließlich Druckfehlern übernommen haben. (Allerdings ist Bernhard statt Bernard nicht ganz überzeugend, da Lectio facilior.) Das macht fast jeder. Kilometerlange Literaturverzeichnisse sollen Eindruck schinden, Belesenheit vortäuschen. Man sieht meistens auf den ersten Blick, daß der Verfasser eher auf Vollständigkeit als auf Qualität der Quellen Wert gelegt hat.

Jemand hat mal vorgeschlagen, Wissenschaftlern das Papier zu rationieren.

Wie schon anderswo angedeutet: Nach jahrelangem Studium von Skinner und seiner Rezeption bin ich überzeugt, daß sein Werk "Verbal Behavior" (das Wichtigste, was je über Sprache geschrieben worden ist) in 99 Prozent der Fälle nach Chomskys Rezension und nicht nach Lektüre des Originals referiert und beurteilt wird. In dieser Einschätzung weiß ich mich mit amerikanischen Forschern einig. Da kann einen die alltägliche Mogelei bei Dissertationen nicht mehr schrecken. Daß überhaupt so viele Gremien über "Kriterien für gute wissenschaftliche Praxis" brüten, ist an sich schon eine Schande.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 04.03.2013 um 10.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22748

Frau Schavan geschieht nun, was Guttenberg wegen seines Alters und der kurzen Amtszeit erspart blieb, der Entzug – oder die vorläufige Einbehaltung – von Ehrendoktorwürden. Kairo hat Frau Schavan bereits den Dr. h.c. entzogen, und in Lübeck nahm man es wohl mit dem Grund für die Würde und einem Usus nicht so genau. Einerseits ist es nicht üblich, amtierenden Ministern in Deutschland Ehrendoktorwürden zu verleihen, und andererseits hat Frau Schavan in ihrem Amt dafür gesorgt, daß Lübeck der Fachbereich Medizin erhalten blieb. Der Ehrendoktor könnte somit als Vorteilsnahme angesehen werden.

Nun bleibt die Urkunde bis zum Ende der juristischen Auseinandersetzung im Tresor des Präsidenten der Lübecker Universität liegen. Die ganze Angelegenheit zeigt aber noch einmal sehr schön das Hackverhalten der gemeinen Krähe...

Mehr dazu hier: www.faz.net.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 12.02.2013 um 09.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22619

Meine Alma Mater verlangte bei der Abgabe der Dissertation eine eidesstattliche Erklärung, daß die Arbeit das Resultat eigener Forschung und selbständiger Formulierung war.

Im Anschluß an die Disputation wurde zusätzlich ein Gelöbnis zur Befolgung der wissenschaftlichen Redlichkeit verlangt, wobei das Ritual aber eher an einen Eid erinnerte (gehobene rechte Hand, Nachsprechen der Gelöbnisformel, Zeugen).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2013 um 07.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22617

Die Universität Erlangen verlangt bei Dissertationen nur eine wahrheitsgemäße Erklärung, daß

"ich alle Stellen und Personen, welche mich bei der Vorbereitung und Anfertigung der Abhandlung unterstützten, genannt habe".

In Würzburg ist man strenger. Die Promotionsordnung verlangt:

"eine Versicherung an Eides statt, dass der Bewerber oder die Bewerberin die Dissertation eigenständig, d.h. insbesondere selbstständig und ohne Hilfe eines kommerziellen Promotionsberaters angefertigt und keine anderen als die von ihm oder ihr angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt hat."

Unter einer Würzburger Dissertation steht also beispielsweise:

"Hiermit versichere ich an Eides statt, dass ich meine Dissertation mit dem Titel (...) eigenständig, d.h. insbesondere selbständig und ohne Hilfe eines kommerziellen Promotionsberaters angefertigt und keine anderen als die von mir angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt habe."

(Nebenbei: Das "selbstständig" der Uni ist rückgängig gemacht zugunsten des im Deutschen üblichen "selbständig".)

Es dürfte sich empfehlen, die Mitwirkung der kommerziellen Betrugshelfer von vornherein auszuschließen.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 10.02.2013 um 17.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22599

Heike Schmoll ist sich heute in der Netzausgabe der FAZ sicher, daß Frau Schavan eine "neue Lebensmöglichkeit" finden wird. Gleichzeitig listet sie auf, was in der Landes- und Bundespolitik von ihr bleiben wird. Nämlich eigentlich nichts, doch halt, ihre Realitätsverweigerung wird bleiben.

»Gegen die Kritiker der Bologna-Reform kämpfte Frau Schavan mit einer Hartnäckigkeit, die an Realitätsverweigerung grenzte. Erst als die Studenten auf der Straße demonstrierten, sprach sie von „Nachbesserungsbedarf“ und wieder einmal vom „Weiterentwickeln“, mahnte auch, das Prinzip „Bildung durch Wissenschaft“ nicht zu kurz kommen zu lassen, das manche Bologna-Studiengänge soeben beseitigt hatten. Während sich der Studienalltag in überfüllten Veranstaltungen immer weiter verschlechterte, feierte sie die Bologna-Reform als europäische Erfolgsgeschichte.«

Zum vollständigen Artikel geht es hier: www.faz.net
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.02.2013 um 12.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22597

Wenn ich mir überlege, wo Frau Schavan weitermachen könnte, fällt mir die Bertelsmann-Stiftung ein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.02.2013 um 10.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22595

Was Frau Wanka selbst betrifft, so hat sie sich natürlich mit der Rechtschreibung so wenig beschäftigt wie die anderen Kultusminister und ebensoviel Stuß dazu vorgetragen. Wertvoll ist für uns nur der unsterbliche Ausrutscher.

Hier nur noch zur Erinnerung:

»Wanka: Wenn jetzt ein bayerischer Schüler das Bundesland wechselt, werden ihm von heute auf morgen Dinge als Fehler angestrichen, die in Bayern noch nicht als Fehler angestrichen werden. Das heißt, es würde für die Schüler schon einen Nachteil bedeuten bei einem Wechsel.« (Wanka im Deutschlandradio 2005)

Aber es wäre den Kultusministern doch ein Leichtes gewesen, eine solche Korrekturpraxis zu unterbinden. Ein Jahr später wurde die Reform übrigens umfassend revidiert. Zu diesem Schlamassel sagte sie dann nichts mehr.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.02.2013 um 16.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22586

Die "Süddeutsche" schreibt aus gegebenem Anlaß über Wanka:

»Anfang 2006 machte sie mit einer recht offenen Äußerung zur umstrittenen Rechtschreibreform im Magazin Spiegel auf sich aufmerksam: "Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war", wurde sie damals zitiert. Nur "aus Gründen der Staatsräson" sei die Reform nicht zurückgenommen worden.«

Immerhin.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 09.02.2013 um 14.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22585

Schavan: »Ich habe weder getäuscht noch abgeschrieben.« Gibt es eine deutsche Oprah Winfrey, wo sie dann irgendwann unter Tränen die Wahrheit gestehen wird? Vielleicht bei der Maischbergerin?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.02.2013 um 03.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22575

Einverstanden. Natürlich bekleiden viele ungeeignete Personen hohe Ämter. Bei manchen wäre es mir einfach lieber, sie würden aus anderen Gründen aussortiert als wegen schlampiger Dissertationen oder Autofahren unter Alkohol ...
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 07.02.2013 um 18.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22574

Von Tragik muß keine Rede sein, aber eine gewisse Fallhöhe ist ja schon aufgrund des von dieser Person bekleideten Amtes durchaus gegeben, und die Äußerung über Guttenberg hat dieselbe auch noch einmal erhöht. Insgesamt hat das Kommentariat in dieser Sache deutlich mehr abgewiegelt als aufgebauscht. Man ist des Themas eben überdrüssig geworden. Eigentlich paßt es ja auch gar nicht in eine Zeit, in der das geistige Eigentum weithin als fragwürdige und überholte Rechtskonstruktion angesehen wird.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 07.02.2013 um 18.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22573

Lieber Herr Strasser,

das ist die Pressemitteilung der Anwälte von Frau Schavan (http://annette-schavan.de). Es ist übrigens die gleiche Kanzlei, die auch schon Christian Wulff vertrat. Daraus läßt sich zumindest ungefähr ableiten, in welche Richtung die Klage zielen wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.02.2013 um 17.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22571

Für später Hinzugekommene: Annette Schavan hat zusammen mit Karin Wolff und Steffen Reiche den Rat für deutsche Rechtschreibung erfunden und damit die schon halbtote Reform noch einmal gerettet. Warum diese Leute so daran interessiert waren, werden wir nie erfahren.
Ein reizvolles Detail ist die bevorstehende Verleihung der Ehrendoktorwürde in Lübeck. Nicht für eine wissenschaftliche Leistung, wie betont wird, sondern wegen Schavans Verdiensten um die Wissenschaft. Hierzu erinnere ich an Jürgen Kaubes Kommentar:
www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1099#15293
Im Rückblick zweifelt man, ob Schavan wirklich weiß, wie Wissenschaft funktioniert. Ihr Eintreten für mehr Theologie an den Hochschulen läßt auch Zweifel aufkommen.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 07.02.2013 um 16.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22570

Mich würde interessieren, wie nach Meinung von Frau Schavan ein Plagiat aussieht, wenn die Übereinstimmungen, die man in ihrer Arbeit seitenweise in den verschiedensten Medien per A/B-Vergleich bewundern kann, von ihr als Flüchtigkeitsfehler bezeichnet werden, die ihr nicht peinlich sind?

Klagen kann sie ja offenbar nur gegen den Entzugsentscheid, nicht gegen das zugrundeliegende Gutachten, oder?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.02.2013 um 09.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22563

Sowohl Heike Schmoll (FAZ) als auch Thomas Steinfeld (SZ) weisen mit Recht auf die Verantwortung von Fakultät und Doktorvater hin. Frau Schmoll verschweigt allerdings auch nicht die ungeschickte Verteidigung der Ministerin. Wir haben nach den Vorgängen um die Rechtschreibreform wirklich keinen Grund, Schavan besonders zu schätzen, aber ihr Fall wird ganz unangemessen aufgebauscht, von beiden Seiten. Sie ist zwar ein Opfer, aber kein tragisches, weil ohne "Fallhöhe" ("Format" sagt man weniger poetisch).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2013 um 16.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22560

Bei Martin Luther King hat man ja eine weise Lösung gefunden, die Wikipedia so beschreibt:

"Anfang der 1980er Jahre kamen Plagiatsvorwürfe bezüglich Kings Doktorarbeit auf. Eine offizielle Untersuchung der Boston University stellte fest, dass King Teile seiner Doktorarbeit von anderen Autoren kopiert hatte, ohne dies den akademischen Konventionen entsprechend zu kennzeichnen. Die Boston University entschied sich dennoch den Doktortitel nicht nachträglich zu annullieren, da seine Doktorarbeit trotz der abgeschriebenen Passagen einen eigenen Anteil enthält, der einen intelligenten Beitrag zur Wissenschaft darstellt. Seine Doktorarbeit selbst wurde mit einem Zusatz versehen, der darauf hinweist, dass Teile der Doktorarbeit über keine korrekte Kennzeichnung der Autorenschaft verfügen.
Solche „textliche Aneignung“, wie es der King-Gelehrte Clayborn Carson bezeichnete, war offensichtlich eine Angewohnheit, die von Kings früher akademischer Karriere herrührte. So entlieh er große Teile seiner Reden von anderen Pfarrern oder weißen Protestanten, die im Radio predigten. Während einige politische Gegner King aufgrund dieser Erkenntnisse kritisierten, versuchten die meisten Gelehrten, die sich mit King auseinandergesetzt haben, diese „textliche Aneignung“ in einen größeren Zusammenhang zu stellen: Keith Miller beispielsweise, der wahrscheinlich herausragendste Experte auf dem Gebiet der Plagiate Kings, argumentiert, dass „solche Praktiken in die Tradition der afro-amerikanischen Volkspredigten fallen und nicht notwendigerweise als Plagiarismus bezeichnet werden sollten“."

Dazu weiter unter /wiki/Martin_Luther_King,_Jr._authorship_issues

King war nicht nur ein großer Redner vor dem Herrn, sondern es gibt auch Aufzeichnungen von TV-Interviews mit ihm, wo er mir wirklich gut gefällt. Solche Verdienste hat unsere gute Frau Schavan nicht vorzuweisen, aber trotzdem bin ich der Meinung, daß man eher ihrem Doktorvater eine Watschn verabreichen sollte, aber den erwähnt fast niemand mehr.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 06.02.2013 um 12.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22559

Denken allein hilft nicht. Man muß schon einen Blick auf die Beweislage werfen, und die ist erdrückend.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 06.02.2013 um 09.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22558

Schavan sagt: „Der Vorwurf der Täuschung hat mich bis ins Mark getroffen. Hier geht es ja nicht um meinen Doktortitel, sondern um meine Integrität.“ (Interview vom 23. Jänner)

Die Uni Düsseldorf stellt fest: „Der Rat habe es als erwiesen angesehen, dass Schavan „systematisch und vorsätzlich über ihre Dissertation verteilt“ gedankliche Leistungen vorgegeben habe, die sie nicht selbst erbracht habe.“

Ich denke: entweder sie ist nach wie vor eine Schwindlerin, allerdings eine mit offensichtlicher Distanz zur Realität oder im Rat der Uni Düsseldorf sitzen Scharlatane.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 02.02.2013 um 19.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22550

»Schavan behauptet, vor 33 Jahren "gab es noch keine technischen Möglichkeiten, einen Text noch einmal zu überprüfen."«

Wie soll man das verstehen? Ich verstehe es so: die Wahrscheinlichkeit, bei nicht korrekt indizierten aber trotzdem sehr originalnahen Sekundärzitaten erwischt zu werden, war damals aufgrund fehlender Nachweismethoden sehr gering. Daher konnte man sowas schon mal riskieren; eine Meinung, die sich immerhin über 30 Jahre als richtig erwies. Und wäre sie nicht Ministerin, würde vermutlich auch weiterhin kein Hahn danach krähen.

Unangenehmer Beigeschmack: Doktorgrade mit einer Entstehungsgeschichte wie der ihre dürften so selten nicht sein…
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 02.02.2013 um 16.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22548

Immerhin weiß man nun, wie vor 33 Jahren die Regeln für das Zitieren in Düsseldorf ausgesehen haben. "Hinweise zur Anfertigung von Seminararbeiten" heißt ein 32seitiges Heft, das unter anderem von Schavans Doktorvater bei den Düsseldorfer Erziehungswissenschaftlern herausgegeben wurde. 1978 lag es bereits in der 8. Auflage vor. Und dieses so populäre Heftchen sollte Frau Schavan unbekannt gewesen sein?

Vgl. ausführlicher hier: www.sueddeutsche.de
 
 

Kommentar von Theodor ickler, verfaßt am 31.01.2013 um 08.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22518

Schavan behauptet, vor 33 Jahren "gab es noch keine technischen Möglichkeiten, einen Text noch einmal zu überprüfen." Die FAZ möchte ihr dafür einen Ehrendoktor für die peinlichste Ausrede verleihen, und mehr ist dazu auch nicht zu sagen.
 
 

Kommentar von stefan strasser zu #22463, verfaßt am 26.01.2013 um 09.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22486

"Die intensive Beschäftigung mit dem Text meiner Dissertation – auch im Zusammenhang mit meiner schriftlichen Stellungnahme zu der Ausarbeitung des Vorsitzenden des Promotionsausschusses – bestärken mich in meiner Überzeugung, dass meine Dissertation kein Plagiat ist." (Schavan)

Das ist in der Tat eigenartig. Ob eine eigene Arbeit Plagiate enthält oder nicht, das weiß man entweder oder man hat es vergessen. Aber wie sollte so eine Erkenntnis durch intensive Beschäftigung mit dem Text möglich sein? Das wäre doch nur dann denkbar, wenn man sämtliche theoretisch in Frage kommenden externen Quellen so genau auswendig kennt, daß man auf diese Weise Plagiate ausschließen kann. Das klingt doch eher unglaubwürdig!
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 26.01.2013 um 08.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22485

Im Zuge von Plagiatsfällen wird immer wieder von Unsauberkeit oder Schlamperei beim Zitieren gesprochen. Wie muß man sich das vorstellen?

Der einzige Fall, der mir dergestalt vorstellbar ist, ist doch, es ist etwas vom Text her als Zitat erkennbar – bei direkter Rede durch Anführung, sonst durch irgend eine Form der indirekten Rede, es wird aber keine oder eine falsche zugehörige Quelle angegeben.

Wenn allerdings fremder Text ganz oder teilweise einfach einkopiert wird, dann ist das kein Zitat, auch kein unsauberes, sondern eben ein Plagiat. Es ist bei halbwegs systematischer Vorgangsweise auch nur schwer vorstellbar, daß man Quellen vergessen kann. Es genügt doch, während des Schreibens die Stellen einfach von 1 – n durchzunumerieren. Am Ende muß dann nur mehr kontrolliert werden, ob es für jede Nummer eine Quellangabe gibt. Und nicht zu wissen, daß man zitiert, ist auch schwer vorstellbar, da der zitierte Text doch beim Zitieren gegenständlich da sein muß, sonst müßte man ja aus dem Gedächtnis zitieren, was im allgemeinen kaum vorstellbar ist.

Schlußfolgerung: Leute, die fremden Text in ihre Arbeiten einbauen und dabei erwischt werden, sind nicht nur bewußte Schwindler, sie sind auch faul. Würden sie nämlich das Übernommene in eigene Formulierungen kleiden, wäre der Nachweis eines Plagiats wesentlich schwieriger bis unmöglich.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 25.01.2013 um 16.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22476

Diese Frage hat mich auch schon beschäftigt. Ich hatte mich z. B. hier im Diskussionsforum einmal an das Sprichwort von den davonschwimmenden Fellen erinnert und dieses scherzhaft auf Fälle angewendet. Ich war noch froh über den vermeintlich originellen Einfall, aber kurze Zeit später las ich zufällig von dem Buch "Wenn uns die Fälle davonschwimmen". Plötzlich war mir mein Eintrag peinlich, ich war mir nicht mehr sicher, ob ich das nicht doch früher schon mal gelesen und im Unterbewußtsein aufbewahrt hatte, jedenfalls habe ich gleich meinen Satz im Forum abgeändert.
Ähnlich ging es mir wohl schon mehrmals mit Gedanken von Prof. Ickler aus seinen Büchern. Im Gespräch, auch in Diskussionsforen, sagt man schon mal schnell etwas, was man mal woanders gehört oder gelesen hat, und meint, es sei ein eigener Einfall. Sicher ist das auch kein großes Problem, solange man nichts ausdrücklich als Eigentum ausgibt. Vielleicht darf einem ein solcher Lapsus sogar einmal in einer Doktorarbeit passieren, ohne daß es viel ausmacht. Es kommt auf die Menge an, und wie wesentlich es für die Gesamtaussage ist.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 25.01.2013 um 14.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22473

Gibt es eigentlich klare Kriterien, die erfüllt sein müssen, um etwas als Plagiat einzustufen?

Klar sind Fälle, wo Satzteile, ganze Sätze oder sogar größere Einheiten (tlw. incl. Rechtschreibfehlern) wortwörtlich oder fast wortwörtlich übernommen werden (Gutenberg).

Wie sieht die Sache aber aus, wenn Sachverhalte über Literaturstudium verinnerlicht werden und dann im eigenen Text mit eigenen Worten aber sinngemäß verwendet werden? Ich kann mir nur schwer vorstellen, daß das bloße Vorhandensein identischer Wörter in ähnlichem Kontext schon als Plagiat gewertet werden kann?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.01.2013 um 04.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22468

Es gibt sehr bedeutende Dissertationen, aber die allermeisten schlummern in den Archiven und werden nie (wieder?) gelesen, das ist einfach eine Tatsache.
Die deutsche Titelsucht steht dazu in einem merkwürdigen Mißverhältnis.Auch im Wissenschaftsbetrieb herrscht zunächst einmal Illusionskunst, das wissen Außenstehende nicht, manche ahnen es aber.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 24.01.2013 um 19.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22467

Frau Schavan hat, wie zu lesen war, ihr Studium mit der Doktorprüfung abgeschlossen, was seinerzeit noch möglich war. Aber auch davon abgesehen ist das Argument von Herrn Strasser etwas merkwürdig, denn wer sagt denn, daß es nicht schon im Verlauf des Studiums zu Mogeleien gekommen ist? Es ist doch im Gegenteil naheliegend anzunehmen, daß z. B. Guttenberg sich auch schon Seminararbeiten hat schreiben lassen.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 24.01.2013 um 17.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22466

Wenn es so ist, werter Prof. Ickler, wie Sie schreiben, dann erbringen viele Doktortitel eigentlich nur den Nachweis, daß man das Handwerkliche, also das korrekte Zitieren beherrscht (plakativ gesagt). Da war meine Ansicht offenbar etwas zu blauäugig …
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.01.2013 um 16.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22463

Das korrekte Zitieren und das Vermeiden von Hochstapelei (durch verkleidete Sekundärzitate, die eine nichtvorhandene Belesenheit vorspiegeln) sind Elementarforderungen und leicht zu erfüllen. Man spricht mit Recht vom Handwerklichen. Der Neuigkeitswert der Ergebnisse ist bei den meisten Dissertation gering, in Schavans Fall wahrscheinlich von Null nicht sehr verschieden. Der Beweis, daß man das Handwerkszeug beherrscht, ist dann gerade das Wesentliche.
In dieser Hinsicht bin ich also nicht so nachsichtig wie mit Schavan im allgemeinen. (Sie hat über das Gewissen geschrieben und redet gern und oft von selbigem, das ist schon recht komisch.)

"Die intensive Beschäftigung mit dem Text meiner Dissertation – auch im Zusammenhang mit meiner schriftlichen Stellungnahme zu der Ausarbeitung des Vorsitzenden des Promotionsausschusses – bestärken mich in meiner Überzeugung, dass meine Dissertation kein Plagiat ist." (Schavan)

Das hat ja auch niemand behauptet. Aber nicht einmal den Vorwurf zitiert sie korrekt. Im übrigen dieselbe eigentümlich distanzierte Haltung zum eigenen Werk wie bei Guttenberg: Muß man denn dieses Werk, das man doch selbst verfaßt hat, eigens untersuchen, um festzustellen, ob man abgeschrieben hat? Das weiß man doch noch, oder? Guttenberg wußte es tatsächlich nicht, denn "meine von mir verfaßte Dissertation" hatte offensichtlich jemand anders geschrieben, insofern liegt der Fall anders.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 24.01.2013 um 15.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22461

Ich frage mich, ob in manchen Plagiatsfällen nicht zu sehr auf Formalitäten herumgeritten wird. Ich meine, der normale Abschluß eines Studiums belegt doch, daß man alles Existente von Wichtigkeit kennt bzw. beherrscht.

Eine Doktorarbeit soll dann belegen, daß man auf dieser Basis in der Lage ist, neue und weiterführende Erkenntnisse zu generieren. Doktorarbeiten sollten doch vorrangig daran gemessen werden, ob und wie das der Fall ist.

Wie schwerwiegend ein Fehler beim Zitieren ist, hängt doch davon ab, ob durch ihn eigene Erkenntnisarbeit fälschlich vorgetäuscht wird oder nicht. Der rote Faden, also das Herausarbeiten der eigenen Studienergebnisse, muß rein sein! Wenn im Drumherum Zitatsfehler passieren, sind das natürlich Formalfehler, sie sollten aber m. E. nicht auf die Goldwaage gelegt werden.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 24.01.2013 um 11.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22459

Da der Artikel von Jürgen Kaube in der Netzausgabe der FAZ (vom 23.1.2013) hier nun schon an anderer Stelle (www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1259#22453) erwähnt wurde, füge ich in diesem Strang nun noch den diesbezüglichen Verweis ein: www.faz.net/aktuell/feuilleton/der-fall-schavan-frau-jedermanns-plagiat-12036233.html

Zu dem von Herrn Ickler im anderen Strang (siehe den ersten Verweis oben) schon erwähnten "Nutzfreundschaftsnetzwerk" kommt als Fazit diese abschließende Bemerkung von Kaube:

Dass sich die „Allianz“ mit Mahnungen zum Verfahren meldet, die sie bislang zu keinem Plagiatsfall ohne Prominenz gefunden hat, läuft darauf hinaus, dass die Sorge besonders ausgeprägt ist, wenn es um die eigene Geldgeberin geht. Offenbar ist man um diesen Eindruck unbekümmert. Schavans eigene Reaktion verstärkte das noch durch Sätze wie den, sie sei es der Wissenschaft schuldig zu kämpfen. Sie dokumentieren, dass Bescheidenheit nicht zu den Charakterzügen gehört, die sich durch politische Karrieren am stärksten entwickeln.

'Hony soit qui pense' möchte man da abwandelnd hinzufügen. Guttenberg war Verteidigungsminister, Koch-Merin und Chatzimarkakis sitzen im Europäischen Parlament.

Fußnote: Um Plagiatsverdacht von mir abzuwenden, füge ich hinzu, daß die Abwandlung des Mottos des Hosenbandordens nicht von mir stammt. Sie wurde bereits 1976 in dem dänischen Spielfilm "Olsen-Banden ser rodt [o mit Durchstrich]" ("Die Olsenbande sieht rot") verwendet. Dort ist sie als Motto der Familie Lovenvold [erstes o mit Durchstrich] am Eingang zum Schloß Borreholm angebracht.

Und das stimmt schon, so eine Fußnote sieht furchtbar gelehrt aus. Auch wenn sie eigentlich ganz funktionslos ist, wie hier!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.01.2013 um 07.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22456

So viele anderweitig qualifizierte Menschen müssen sich nun mit dem lächerlichen Fall Schavan beschäftigen! An die Wurzel des Übels wagt sich aber keiner.

Auf der Morgenpost-Seite vom 24.1.13 mit dem Schavan-Thema stehen folgende

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Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 24.01.2013 um 01.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22452

"Auch wissenschaftliche Fehler dürfen irgendwann verblassen", schreibt Roland Preuß in der Netzausgabe der "Süddeutschen Zeitung". (Vgl. hier: www.sueddeutsche.de)

Er meint damit im Fall Schavan (ich werde mir nicht die alberne "Causa" angewöhnen!) das unsaubere wissenschaftliche Arbeiten beim Zitieren und Angeben von Textquellen und nicht etwa eine wissenschaftliche Schlußfolgerung, die sich irgendwann einmal als falsch herausstellt. Denn schließlich ist "[w]issenschaftlich überholt zu werden, [...] unser aller Schicksal und unser aller Ziel", wie schon Max Weber feststellte. Deshalb hilft es im Fall der Annette Schavan auch nicht, wenn einige Professoren nun eine Verjährungsfrist fordern.

Meiner Meinung nach liegt hier eine sprachliche Verwechslung vor. Ein akademischer Grad wird schließlich nicht 'vergeben' oder 'gegeben', sondern 'verliehen'. Und genau das sollte man gelegentlich wörtlicher nehmen als das im Augenblick nur teilweise geschieht. Für eine akademische Leistung wird ein akademischer Grad verliehen. Sollte sich die Leistung – wann auch immer – nicht als überholt (siehe oben), sondern vielmehr als wie auch immer geartete Fälschung herausstellen, dann kannn auch der verliehene akademische Grad wieder entzogen werden. In anderen Fällen werden Auszeichnungen für bestimmte Leistungen auch nur 'verliehen'. Der Fall Armstrong ist ja genauso in der Presse wie der Fall Schavan. Wenn ich es richtig überblicke, stammt der älteste, inzwischen wieder aberkannte Sieg der Tour de France aus dem Jahr 1999. Das war also auch schon vor dreizehn Jahren!

Mir ist nun leider nicht bekannt, ob jemals ein Oscar, Pulitzerpreis oder Nobelpreis wieder aberkannt wurde, aber möglich wäre es immerhin. (Eine Ausnahme bildet vielleicht der Literatur-Nobelpreis, der nicht explizit für ein literarisches Werk verliehen wird.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.01.2013 um 08.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22438

Ich habe Frau Schavan, meine Abneigung überwindend, gewissermaßen verteidigt, weil ihre vermutlich sterbenslangweilige Dissertation den Gepflogenheiten der weichsten Fächer genügen dürfte. Schuld am Schlamassel ist vor allem der Doktorvater, wie auch Heike Schmoll kürzlich dargelegt hat.

Das eigentlich Interessante ist aber der unnötige und daher so überraschende Ausfall Schavans gegen Guttenberg: "Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich." Welcher Teufel hat die Frau damals geritten? War das eine Art umgekehrter Geständniszwang? Oder hat sie jedem Nachforschen in ihrem eigenen Schrank vorbeugen wollen? Ich kann nicht glauben, daß Schavan zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens vergessen haben sollte, was sie selbst damals unter den wohlwollenden Augen ihres Doktorvaters zusammengeschrieben hat.

Was hat Schavan eigentlich den vielen Doktoranden geraten, die sie in ihrem Berufsleben "begleiten durfte"? (Gemeint ist die Förderung durch das Cusanus-Werk, bei dem sie angestellt war. Ihre Formulierung könnte so mißverstanden werden, als habe sie sie wissenschaftlich betreut.)
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 16.01.2013 um 14.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22369

Da es in diesem Strang neben den einzelnen Plagiatsfällen auch immer wieder um das Zitieren ging, ist vielleicht eine Entscheidung des Braunschweiger Landgerichts wichtig. Es geht in dem Rechsstreit um die Loriot-Biographie von Dieter Lohenbrett. Gegen die vielen Zitate in dieser Biographie hatte eine Tochter Loriots geklagt und nun recht bekommen. Ihre Anwältin erklärte der FAZ in diesem Zusammenhang – und gleichzeitig über diesen Zusammenhang hinausgehend – die Funktion von Zitaten: "Ein Zitat könne als Beleg angeführt werden, müsse eine dienende Funktion haben oder als „Erörterungsgrundlage“ dienen. Die sei aber bei den beanstandeten Zitaten in der Loriot-Biographie nicht der Fall gewesen, sie hätten vielmehr dazu gedient, dass sich der Autor der Biographie mit fremden Federn schmücke, was gerade bei Loriots humoristischen Zitaten naheliege." "Während des Verfahrens hatte eine Sprecherin des Riva Verlags noch von einer Grundsatzentscheidung gesprochen, um die es in diesem Fall gehe. Es könne nicht sein, dass es verboten sei, in einer Biographie Zitate zu verwenden." Interessanterweise will der Verlag das Urteil nun akzeptieren und keine Berufung einlegen.

Vgl. hier: www.faz.net

Noch zur dienenden Funktion von Zitaten: Am 22. Januar befaßt sich der Fakultätsrat der Universität Düsseldorf mit den Vorwürfen gegen Annette Schavan.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 27.11.2012 um 16.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#22007

Beim Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren ging am 11. Oktober per Mail folgendes Anliegen ein:

Hallo, ich suche jemanden, der meine Diplomarbeit umschreibt. Es handelt sich um ca. 40 Seiten mit dem Thema: Öffentliches Bau- und Planungsrecht. Der Text wurde 1:1 aus Büchern abgeschrieben und müsste so verändert werden, dass des kein Plagiat mehr ist. Abgabe ist am 21. November.

Der VFLL zeichnete dieses Ersuchen in seinen Mitteilungen als "Anfrage des Monats" aus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.10.2012 um 10.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21755

Eins muß ich doch noch nachtragen: Von vielen Seiten wird behauptet, vor 30 Jahren hätten noch andere, laxere Maßstäbe geherrscht, was das Zitieren und Plagiieren betrifft. Das ist Unsinn. Auch vor 40 Jahren, als ich promoviert wurde, war man schon mindestens so streng wie heute. Wir wurden selbstverständlich auch ermahnt, niemals sekundär zu zitieren, sondern stets auf die Originaltexte zurückzugehen, auch wenn es manchmal lästig und zeitraubend war, und wir haben das an unsere Schüler weiterzugeben versucht. Heute erlebe ich oft, daß solche Forderungen weder in der Schule noch an der Hochschule selbstverständlich sind.

Man braucht ja nur eine ältere philologische Arbeit zu lesen, auch aus dem 19. Jahrhundert, um sich von der enormen Gewissenhaftigkeit der Gelehrten in philologischen Dingen zu überzeugen.

Ich bin bereit, Schavan zu verteidigen, aber nicht mit solchen fadenscheinigen Begründungen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 19.10.2012 um 17.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21751

Nach meiner Meinung ist ein wirklicher Plagiator ein Gedanken- und Ideenklauer und kein Ausdrucks- und Wörterklauer. Bei Googel kann man nur nach Wörtern und Ausdrücken suchen, nicht nach Ideen und Gedanken. Letztere kann man hochkompliziert und gelehrt formulieren oder in einfacher Sprache. Ich habe den Verdacht, daß nur das Erstere als wissenschaftlich gilt und deshalb mit wissenschaftlichen Fachwörtern gespickt sein muß. Das erleichtert wiederum die Googel-Suche. Bei Alltagswörtern würde die Suche in den Wald führen. Die Soziologen sind also selber schuld an Treffern bei Googel, wenn sie nur ihre Spezialsprache benutzen.
Zum Vergleich: Daß manche Wissenschaftler in Spätmittelalter und früher Neuzeit mit der neuen Formelzeichenschreibweise nur formulierten, was die mittelalterlichen arabischen Wissenschaftler schon entdeckt hatten, aber mangels Formelzeichen nur in Prosa beschreiben konnten, kam erst ans Licht, als man Arabisch lernte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.10.2012 um 11.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21724

Meiner Ansicht nach gehört zur Aufdeckung von Plagiaten nicht, daß man "den Betroffenen selbst höre", wie ein Wissenschaftsfunktionär heute meinte.

Dagegen sollte man sehr wohl wissen, daß in den weichsten der Geisteswissenschaften (Laberfächern, wie der Volksmund sagt) tatsächlich andere Gepflogenheiten herrschen und daß Schavan sich genau in diesem Rahmen gehalten hat. Statt sie nach 32 Jahren in die Pfanne zu hauen, sollte man unter den Fächern der Philosophischen Fakulät (einschließlich der eingemeindeten ehemaligen Pädagogischen Hochschulen) aufräumen. Das wird natürlich nicht geschehen.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 16.10.2012 um 19.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21719

Max Goldt hat mal geschrieben: »Understatement ist nur die kenntnisreichere Form der Prahlerei.«
Akademische Grade muß man sich erarbeiten. Es ist völlig in Ordnung, sie zu nennen. Es ist allgemein üblich, daß der Doktortitel erstens so genannt wird und zweitens Teil des Nachnamens ist. Warum auch nicht?

Die Uni Osnabrück hat mir den Akademischen Grad Magister Artium verliehen, so steht's in der Urkunde. Eine Dissertation ist nach meiner Auffassung mindestens eine Nummer größer. Da finde ich es schon richtig, von einem Doktortitel zu reden und den Unterschied auch in der Bezeichnung deutlich zu machen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.10.2012 um 17.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21718

Herr Höher hat einiges klargestellt, besten Dank! Aber die Praxis sieht natürlich so aus, daß der "Doktortitel" (so drückt sich sogar der Hochschulverband aus, auch wenn es falsch ist) zusammen mit dem Namen verwendet und wohl meistens auch genau zu diesem Zweck erworben wird.
In meinem Personalausweis steht der Zusatz ebenfalls, obwohl ich mich nicht erinnern kann, ihn eigens beantragt zu haben. Auf meiner EC-Karte hat die Bank außerdem noch den "Professor" eingetragen, auch ohne mein Zutun. Wahrscheinlich ist das Eigenwerbung, weil eine Sparkasse es ganz gern sieht, wenn so überirdische Wesen wie Professoren zu ihrer Kundschaft (lange Zeit Schuldnerschaft) gehören ...
Im Bundestag werden die Redner stets mit ihrem Doktortitel aufgerufen.

Wer sich anderswo Verdienste erworben hat, z. B. als Schriftsteller oder Maler, verzichtet naturgemäß auf den "Dr.".
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.10.2012 um 15.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21716

Genau solche Leute wie Frau Schawan braucht Frau Merkel: Leute, die die Gesetzesentwürfe der Lobbyisten so paraphrasieren können, daß niemand mehr erkennen kann, daß es deren Texte und Ideen sind. Leute, die selbständig denken und eigene Gedanken entwickeln können, hat Frau Merkel längst weggegrault. Das ist das Kennzeichen der repräsentativen Demokartie im Gegensatz zur direkten: Das Volk stört beim Regieren und wird mit Neusprech getäuscht.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 16.10.2012 um 14.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21714

"Das skurrile deutsche Namensrecht trägt auch dazu bei."

Der Doktorgrad ist zwar der einzige akademische Grad, den man in einen amtlichen Ausweis eintragen lassen kann, aber dadurch wird er trotzdem kein Namenszusatz. Aus dem gesellschaftlichen Usus leitet sich nicht automatisch eine entsprechende Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes oder des Bundesverwaltungsgerichts ab.

Der Doktor als Namenszusatz gehört ins Reich der juristischen Märchen, genau wie die Haftung der Eltern für ihre Kinder, die Beamtenbeleidigung oder die Pflicht, einen amtlichen Ausweis mit sich führen zu müssen.

Gleiches gilt übrigens auch für Österreich, wo die Skurrilität so weit geht, daß die Anrede "Herr Magister" oder "Frau Magistra" gang und gäbe ist. Dennoch ist weder die "Frau Magistra" noch die "Frau Doktor" dort Namenszusatz.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.10.2012 um 13.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21712

»Zwar gebe es in der Doktorarbeit offenbar mehr nicht gekennzeichnete Übernahmen als bisher bekannt; dennoch handele es sich "zweifellos um kein Plagiat". Der Vorwurf einer Täuschungsabsicht sei in diesem Fall "völlig abwegig, ja böswillig". "Bei der Menge an Bezügen, von der Antike bis Niklas Luhmann, können bei einem Erstling gar nicht alle Quellen gelesen worden sein. Dafür bräuchte man ein 60- oder 70-jähriges Leben." Benner hatte Schavan bereits im Mai öffentlich verteidigt, nachdem erste Vorwürfe durch einen anonymen Blogger erhoben worden waren.« (dpa 16.10.12)

Damit ist die Wurzel des Übels benannt: In solchen Fächern ist es üblich und wird anerkannt, wenn jemand durch eine „Menge an Bezügen“ imponiert, die er mangels Leseerfahrung gar nicht wirklich bewältigt haben kann. Man liest nicht die Originaltexte, wie es philologisch geboten, wenn auch sachlich nicht durchweg notwendig wäre, sondern begnügt sich mit Referaten und Erwähnungen aus zweiter Hand, um Gelehrsamkeit vorzutäuschen. Ich habe einen solchen Fall am Beispiel Skinners untersucht. 99 Prozent der Erwähnungen sind ohne Kenntnis des Originals verfaßt, und das ist hier besonders kraß, weil sie infolgedessen Skinner eine Lehre zuschreiben, die in den Hauptpunkten gerade das Gegenteil seiner wirklichen Ansicht darstellt: 1. Skinner habe eine Tabula-rasa-Theorie vertreten (Blank slate nach Pinker); 2. Skinner habe eine Reiz-Reaktions-Psychologie vertreten. Wenige Seiten Originallektüre würden genügen, um jeden vom Gegenteil zu überzeugen, aber dazu kommt es eben in den weichen Disziplinen der philosophischen Fakultät gar nicht mehr.

Warum sollte man pädagogische Dissertationen lesen? Doch nicht, um ein besserer Pädagoge zu werden, sondern höchstens zwecks Anfertigung einer weiteren. So konnte die geringe Qualität von Schavans Doktorarbeit 32 Jahre lang verborgen bleiben, und manche führen ja auch heute noch zu ihrer Verteidigung an, sie sei auf ihre Weise völlig normal. Genau! Inzwischen ist die Fachsprache der Parawissenschaften womöglich noch abstrakter geworden, so daß man die Unoriginalität und Verstiegenheit des Inhalts noch schwerer erkennt.
Die Verteidiger Schavans haben zwar recht, merken aber nicht, daß sie damit zugleich den Stab über ganze Fachbereiche brechen (meistens ihre eigenen). Entgegen ihren eigenen Promotionsordnungen erwarten sie nicht, daß Dissertationen einen wissenschaftlichen Ertrag bieten, sondern betrachten das ganze Verfahren als Initiationsritus, wie die Mensur der schlagenden Verbindungen. Besteht man ihn, was nach dem bloßen Durchhalten fast immer der Fall ist, dann gehört man dazu und kann Karriere machen. Das skurrile deutsche Namensrecht trägt auch dazu bei.

Im Unterschied zu Guttenberg hat Schavan ihre Dissertation selbst verfaßt und sich dabei an die in ihrem Fach üblichen Qualitätsstandards gehalten. Ihre weitere Laufbahn zeigt, daß ihr Ehrgeiz sich ohnehin nicht auf die Wissenschaft richtete. Als Ministerin wollte sie dann u. a. die Rolle der Theologie an den Universitäten stärken und die Jugend an die Bibel heranführen. Nicht nur in dieser Hinsicht verstand sie sich gut mit Karin Wolff. Es gibt viele Gründe für einen Rücktritt, aber die schlampige Dissertation gehört nicht dazu.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 16.10.2012 um 10.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21710

Spiegel Online berichtet über Wissenschaftler, die Annette Schavan beispringen:

Ex-DFG-Präsident Wolfgang Frühwald sprach von einem "Skandal". Nach der Vorabveröffentlichung könnten die zuständigen Gremien der Universität nicht mehr frei entscheiden. "Sie stehen nun unter öffentlichem Druck", sagte er. Auch Frühwald verlangte ein Zweitgutachten. Er griff auch den Inhalt des ersten Berichts an. "Weder der Vorwurf des Plagiats noch der Vorwurf der bewussten Täuschung ist durch die Untersuchung gedeckt." Vielmehr gehe es um "handwerkliche Fehler", die nicht derart gravierend seien, dass man von einem Plagiat sprechen könne.

Der Streit wird sich wohl darum drehen, ob Schavan bewußt getäuscht hat ("Das mache ich mir jetzt ein bißchen einfacher, merkt ja keiner") oder ob sie hier und da beim Zitieren geschludert hat, ohne jemanden täuschen zu wollen. Das ist natürlich schwer zu entscheiden. Der Gutachter hat geschrieben, es sei eine "leitende Täuschungsabsicht" zu konstatieren; er hätte eine andere Formulierung wählen sollen. Aber kommt es überhaupt darauf an? Die Universitäten können es sich doch gar nicht leisten, auf diese subjektive Ebene abzuheben. Sonst wird sich jeder Plagiator darauf hinausreden wollen, und man hätte jedesmal denselben Streit, womöglich mit juristischen Auseinandersetzungen.

Und wie steht Prof. Dr. Schavan da, wenn "nur" handwerkliche Pfuscherei in ihrer Doktorarbeit festgestellt wird? Kann es sich die Regierung leisten, so eine Bildungsministerin nur aus Solidarität im Amt zu halten? Die Opposition würde es sich nicht nehmen lassen, fortwährend die Ministerin mit vergifteten Kommentaren lächerlich zu machen. Dazu kämen noch viele Akademiker, Studenten usw., die ihren Ärger auch nicht für sich behalten würden. Bei der jetzigen Verteidigung kann es doch nur noch um Schadensbegrenzung gehen, um einen letzten Versuch der Ehrenrettung.
 
 

Kommentar von B.Troffen, verfaßt am 16.10.2012 um 07.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21707

Will man gerecht urteilen, muß man dabei sehen, daß Schavan ihr Mammutthema zu einer Zeit bearbeitete, als das heute übliche Arsenal von Hilfsmitteln noch nicht da war. Allein das Beschaffen, Sichten und Auswerten der Literatur kostete enorm Zeit, das eigentliche Schreiben aber auch. Viel Zeit für teils stumpfsinnige Fleißarbeiten, die fürs kreative Denken dann fehlte. Ein Vergleich mit Guttenberg ist kaum statthaft, man sollte vielmehr vergleichbare Dissertationen der damaligen Zeit heranziehen, und schauen wie sich Schavan davon abhebt oder eben nicht.
Richtig ist natürlich – aber auch das kann man der Verfasserin nicht anlasten, ihr oblag ja nicht die Kritik des Systems, in das sie sich gestellt fand – die Frage nach dem wissenschaftlichen Sinn und Wert von Arbeiten mit solcher Thematik und solchen Ansätzen. Inzwischen freilich könnte, nein sollte sie kraft Amtes selber solche Fragen stellen, aber das steht auf einem andern Blatt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.10.2012 um 05.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21706

Heike Schmoll, keine besondere Verehrerin Annette Schavans, schreibt sehr treffend:

"Die Melange von Erziehungswissenschaft, theoretischer Psychologie und katholischer Theologie des Schavan’schen Mammutthemas stellte die 25 Jahre alte Studentin vor keine leichte Aufgabe. Kenner sagen, die keineswegs glanzvolle Arbeit entspreche in ihrer Gattung pädagogischen Dissertationen der siebziger und achtziger Jahre, die nie so exakt waren wie etwa philologische Qualifikationsarbeiten."

Damit ist wieder die Frage aufgeworfen, ob und wie man in Parawissenschaften überhaupt soll promoviert werden können. Am besten läuft es noch, wenn man in den Hilfswissenschaften, die einer solchen Unternehmung zuarbeiten, forscht, also vor allem historisch und philologisch, wie es die meisten Theologen machen, wenn sie nicht gleich ganz abwandern (was sehr oft geschieht).

Da fällt mir noch einmal Hartmut von Hentig ein, der als Nestor der deutschen Pädagogik gilt, ohne eine einzige Forschungsarbeit auf seinem Gebiet geleistet zu haben. Seine flotten Bücher sind Meinungsäußerungen, oft sogar plausible. Warum auch nicht? Nur daß eben das Ganze nicht unbedingt an Universitäten angesiedelt sein sollte.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.10.2012 um 18.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21705

Schröder hat tatsächlich einiges bewegt, was man von der Merkel-Schavan-Bande nicht behaupten kann. Allenfalls die Liberalisierung des Fernbussystems wird als Leistung dieser Regierung übrigbleiben, wenn sie denn überhaupt noch kommt.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 15.10.2012 um 14.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21703

Seit Schröder sind es immer die gleichen Verdienste, die bei Politikern nur noch zählen. Die Medienpräsenz und der (vor allem im derzeitigen Kabinett Merkel oft nur lächerliche) Versuch, sich in den Medien gut zu verkaufen.

Bei Guttenberg war es die strahlende Jugend (oder der jugendliche Strahl?), die ihm zusammen mit der ebenfalls strahlenden Gattin an seiner Seite die Medienpräsenz sicherte. Wer denkt bei der originalsprachigen Urlaubslektüre nicht an Schröder, wie er in Paris aus dem Auto steigt und ganz zufällig Rilke zitiert?

Bei Wulff – zugegeben nicht über eine Disseration gefallen – waren es dann auch wieder die Jugend und die strahlende Gattin an seiner Seite. Wiederhole ich mich eigentlich oder folgt das tatsächlich immer dem gleichen Muster?

Doch halt, nun haben wir den Fall der Annette Schavan (auffällig schreiben die FAZ und die "Süddeutsche" noch nicht von einer 'Causa Schavan'). Von Jugend und Strahlen ist bislang keine Rede. Da sind auch keine sieben Kinder, so daß sich auch die Bewunderung der Koordinierung von Beruf und Familie in Grenzen hält. Bleibt also ihre Integrität, über die wir hier schon gestritten haben. Und da genau die gerade unter die Lupe genommen wird, bleibt da nichts mehr. Vermutlich hat Hefty deshalb noch nicht in die Tastatur gehauen, um sie wortreich zu verteidigen.

Bleibt für mich abschließend nur noch die Frage, ob Schavan es noch rechtzeitig bis zum Weihnachtsgeschäft schaffen wird, ihre ganz persönliche Sicht der Dinge in Buchform herauszubringen. Einen Titelvorschlag habe ich schon: "Es traf mich im Kern".
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 15.10.2012 um 14.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21702

Betrug ist Betrug, formale Richtigkeit gehört zu den Spielregeln, und wer sich darauf nicht einlassen will oder kann, schreibt eben keine Dissertation.
So einfach klingt es, aber in der Realität ist die Promotion vor allem eine Finanzierungsfrage. Zweieinhalb, drei Jahre sitzt man mindestens an einer vernünftigen Arbeit, und dafür braucht man Geld. Posten an der Uni oder in Instituten, gar in der Wirtschaft sind erstens rar gesät und zweitens mit allerhand Aufgaben versehen, die einem eben nicht die versprochene Zeit lassen, die notwendige Forschung zu betreiben.
Die Doktoranden machen das Spiel eine Zeitlang mit, und wenn die befristete Stelle ausläuft, wird in Torschlußpanik die Arbeit irgendwie fertiggestellt, um nicht völlig vergeblich daran gesessen zu haben. Das muß zu Lasten der Qualität gehen.

An diesen Umständen muß sich etwas ändern, wenn der Doktortitel (wieder) ein Ausweis wissenschaftlicher Leistung sein soll.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2012 um 13.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21700

Entschuldigend wird gesagt: Die Promotion liegt 32 Jahre zurück, man darf doch die seither erworbenen Verdienste (welche eigentlich?) nicht vergessen usw.

Ja, eben: Die Promovendin durfte wie alle anderen, die es ebenso machen, darauf vertrauen, daß außer ihrem Doktorvater (?) niemand je diese dicke Arbeit lesen würde, schon gar nicht den Forschungsbericht. Und das hat ja dann 32 Jahre lang auch niemand getan. Das ist doch ein Teil des Übels.

Es wird auch kritisiert, daß die "formale" Korrektheit so viel gelten soll. Nun, der Doktortitel ist auch nur eine formale Qualifikation, die nicht viel mit der fachlichen zu tun hat. Ohne Eintrittskarte geht es nicht. Wer die Form für unwichtig hält, soll die Titelsucht abschaffen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 15.10.2012 um 12.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21699

Letzte Woche in der Taz: "Wer heute zu studieren beginnt, muss prahlen, plustern, tarnen und täuschen lernen."

www.taz.de/Semesterbeginn-der-Hochschulen/!103383
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2012 um 05.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21697

In der Süddeutschen Zeitung zeigt Evelyn Roll Mitgefühl für die armen Sünder, die von – inzwischen kommerziell arbeitenden – Plagiatsjägern fertiggemacht werden und dann für alle Zeiten im Internet am Pranger stehen. Das kann man nachvollziehen. Andererseits geht es nicht tief genug. Bisher greift fast niemand das Titel-Unwesen selbst an. Statt sich an verschiedenen Aufgaben zu bewähren und damit seinen Mitmenschen immer nützlicher zu werden, trägt der Promovierte seinen Titel vor sich her, der, wie ein Professor vom Hochschulverband mal selbstgefällig schrieb, doch immer noch manche Tür öffnet, auch im bürgerlichen Leben. Das sollte abgeschafft werden. Zweitens sind da insbesondere die Geisteswissenschaften, in denen es Tag für Tag durchgeht, daß jemand aus zehn Büchern ein elftes macht. Mag auch niemand es je lesen wollen, so sagt man doch, der Kandidat X habe sich angestrengt, formal korrekt gearbeitet und damit gezeigt, daß er zu wissenschaftlicher Arbeit imstande ist. Dann kriegt er seinen Titel, auf Lebenszeit, und gehört dazu. Das – und nicht die Plagiatorenjagd – ist der Tod der Wissenschaft.

Schavan hat vor Monaten gesagt, es sei schockierend, jemandem Betrug zu unterstellen, der eine Dissertation über das Gewissen geschrieben habe. Ist das noch naiv?

Wie gesagt, ich bedauere, daß Schavan über diese Kleinigkeit stolpert. Ich habe viele Doktorarbeiten gelesen, lesen müssen. Das sekundäre und unsaubere Zitieren ist gang und gäbe, mehr scheinen als sein in den Geisteswissenschaften geradezu die Norm. Die berühmten Bücher von manchen Geistesgrößen sind auch nur eine Art höheren Abschreibens und viel Gefasel über Dinge, die man gar nicht wissen oder verstehen kann. Bücher über das "Gewissen" gehören von vornherein dazu, so etwas darf man niemals lesen. Warum sollten Studenten es anders machen als ihre großen Vorbilder?
(Vielleicht hatte ich es schon erwähnt: Als ich einmal einem Vortrag Karl Rahners beiwohnte, wurde der berühmte Mann mit dem Hinweis vorgestellt, er habe schon über 8000 Veröffentlichungen aufzuweisen. Für den Rest des Vortrags – über Tod und Erlösung, also wieder ein Unthema – war ich mit Berechnungen beschäftigt.)

Der letzte Grund des Übels ist aber die Gewöhnung an einen Sprachwirrwarr, in dem niemand mehr weiß, ob die abstrakten Begriffe noch Sinn haben oder schon längst nicht mehr.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2012 um 16.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21694

Danke, Herr Wrase, für den Hinweis auf den unerhörten Sachverhalt, der an bayerische Verhältnisse erinnert. Dort verleihen sich bekanntlich die Minister den bayerischen Verdienstorden selber bzw. gegenseitig.

Wenn irgend jemand seinen Sturz rechtschaffen verdient hat, dann Schavan. Unvergessen das schadenfrohe Grinsen, mit dem sie und Merkel sich im Bundestag über den Rücktritt Guttenbergs verständigten. Für mich besteht der einzige Unterschied darin, daß Guttenbergs Arbeit wahrscheinlich von dritter Seite verfaßt wurde, so daß Guttenberg ehrlich überrascht war, als er erfuhr, was drinsteht. Schavan hat ihre selbst gebastelt, darum sind auch die Plagiate nicht ganz so unverfroren. Aber es ist klar, daß sie sich zwar auf Intrigen versteht, aber nicht auf wissenschaftliche Arbeit.
Wir haben noch einen besonderen Grund, ihr gram zu sein, der nichts mit Plagiaten, aber viel mit Intrigantentum zu tun hat.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 10.10.2012 um 17.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21666

Wenn Frau Schavan ihren Doktortitel verlieren sollte, kann sie ja zum Ausgleich ein Bundesverdienstkreuz bekommen:

„Ende 2010 wurde bekannt, dass seit Mitte der 1990er Jahre eine nicht öffentlich gemachte Abmachung zwischen den Bundestagsfraktionen besteht, nach der pro Legislaturperiode 30 Orden unabhängig von tatsächlichen Verdiensten für Abgeordnete des Bundestages entsprechend den Fraktionsstärken reserviert sind.“

de.wikipedia.org/wiki/Verdienstorden_der_Bundesrepublik_Deutschland
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.10.2012 um 08.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#21664

Die unter "schavanplag" nun nachzulesenden Plagiate und Paraphrasen sind von der jedem Hochschullehrer bekannten täppischen Art, die den Leser zwischen Zorn und Mitleid schwanken läßt. Viele Menschen würden sich genieren, so etwas zu Papier zu bringen, aber die könnten dann auch nicht Politiker werden. Das Thema der Dissertation lautete: „Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“. Da ist es ja ohnehin egal, ob selbst gedacht oder abgeschrieben wurde. Wer interessiert sich denn für eine "erziehungswissenschaftliche" Dissertation?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.06.2012 um 13.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20825

Schavan wird nun auch Selbstplagiat vorgeworfen: Sie habe aus eigenen früheren Texten einiges übernommen, ohne es zu kennzeichnen.

Das scheint mir überzogen. Jeder von uns, sofern er schreibt, übernimmt Gedanken und Formulierungen, die er schon einmal verwendet hat. Wollte er jedesmal einen entsprechenden bibliographischen Hinweis anbringen, würde man ihm mit Recht eitle Selbstbespiegelung vorwerfen. Manche machen das, wir hatten hier auch schon solche Fälle von Germanisten. Die Promotionsordnungen sehen üblicherweise vor, daß die Dissertation im wesentlichen noch nicht veröffentlicht sein darf, aber das wird überall großzügig ausgelegt. Viele Doktoranden veröffentlichen schon mal Teilergebnisse in Aufsatzform; dagegen ist nichts zu sagen. Das ist jedenfalls meine Meinung.

Man muß ja auch bedenken, ob der Leser wirklich daran interessiert ist, für eigene Gedanken des Verfassers auf eine frühere Publikation verwiesen zu werden ...
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 01.06.2012 um 10.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20822

Herr Ickler wies in diesem Strang schon mehrmals auf das eigenartige Verhalten des Führens von akademischen Graden hin (zuletzt hier), die in der Presse hartnäckig als Titel bezeichnet werden. Auffällig sind diese vermeintlichen Titel besonders für Politiker und Führungspersonen in der Industrie wichtig. Womöglich potenzieren sie ja die Macht des Trägers wie ein Zauberspruch.

Nachdem nun so langsam herauskommt, daß unsere Freundin Annette Schavan doch mehr abgeschrieben hat – auch bei sich selbst –, möchte ich auf den kleinen Text "Über Titel" von Sturz hinweisen. Antiqua innerhalb des in Fraktur gesetzten Textes erscheint im folgenden kursiv. Die Anmerkungen habe ich unverändert übernommen.

Ueber Titel

Kamiran aus Indien brachte nach Frankreich, wo er Geld zu fordern hatte, einen Brief an einen Herrn mit, der Markgraf, Ritter eines königlichen Ordens und Herr (die Aufschrift nente nur Namen) von sechs Provinzen, Städten, Dörfern oder Gütern war. Er fand seinen Mann nach langer Nachfrage in einer kleinen Gasse, auf dem vierten Stock eines elenden Hauses; er war Schifslieutenant, trug das kleine Ludwigskreuz, war Kadet einer Familie, die ehmals Güter besessen hatte, und lebte kümmerlich von einer kleinen Pension.

[…]

Kamiran ging und murmelte in sich: In diesem Lande sehen die Menschen ihren Titeln nicht ähnlich. Aber wie erstaunte er, als er andre Titel in Europa und ihre Bedeutung erfuhr. Da, sagte man ihm, gab es einen Beschüzer des Glaubens, der den nämlichen Glauben aus dem Lande vertrieb; mehr als Ein Mehrer des Reichs hat das Reich gewaltig gemindert; der Knecht der Knechte Gottes behauptet seinen Rang über Könige. Man erzählte ihm den unermeßlichen Abstand zwischen Sire und Messire, le Sire und pauvre Sire, von der Würde eines Grafen des heiligen Palastes, die für wenige Thaler feil ist, von den Millionen gnädigen Herren und Frauen, deren Gnade niemand begehrt*), und von einem ehrwürdigen Herrn, der neulich in London gehenkt ward. Er fand unsre Gebräuche unerklärbar und seltsam.

*) Und die sich oft für einen Dukaten oder ein Stück Brod sehr gnädig bedanken würden. A.d.H.

[…]

Jedermann belacht und verachtet die Titel, und doch werden auch Vernünftige beleidigt, wenn man ihrem Titel nur eine Silbe abkürzt. Rabenern schrieb ein Landedelmann WohlEdler Herr; Geborner Herr, schrieb er ihm gleich wieder zurück. Ein aufrichtiger Deutscher schrieb an Pius den Vierten Pio IV, servo servorum Dei und ward dafür in den Kerker geworfen. Ein Milord begegnete einem seiner Bekannten: Wie leben Sie, Werthester Freund? – recht wohl, werthester Freund!, und die werthesten Freunde wurden unversönliche Feinde. Im Shakespeare wird Cäsar einigemal Milord genannt. Der Dichter schrieb für den Hof der Elisabeth, and she was a most courteous Princess.

[…]

Nichts ist abgeschmackter als ehrwürdige, gebräuchliche Titel, von unbedeutenden Menschen usurpirt. Der Kanzler*) in Frankreich und in Bopfingen, Magnifizenzen sans aucune magnificence – In einer Stadt von Deutschland nent man die Senatoren Ew. Herrlichkeit. Ein Fremdling von kurzem Gedächtniß wollte sich den Titel durchs Vater Unser erinnern und nante seinen Gönner Ew. Ewigkeit.

*) So heißt in einigen kleinen Reichsstädten der Stadtschreiber.

Titel ohne Macht werden lächerlich, und Macht kann der Titel und des Gepränges entbehren. Als der Staatsminister Torcy in Gertruydenburg für Ludwig XIV Frieden bitten mußte, traf er in Heinsius Hause niemand als eine alte Magd an und mußte lange auf den Herrn warten. Myn heer Pensionaris (das war der ganze Titel des Mannes) entschied damals das Schicksal von Europa.

Erstdruck: Deutsches Museum, Januar 1778, S. 6–9, Chiffre: Ue

Textgrundlage: Schriften von Helfrich Peter Sturz. Zweite Samlung. Neue verbesserte Auflage. Leipzig: bey Weidmanns Erben und Reich 1786 [erster Druck dieser zweiten Sammlung: 1782], S. 262–269.

Quelle: www.google.de/books

In der satirischen Abhandlung "Ein Rangstreit" beschäftigt Sturz sich übrigens damit, ob ein medizinischer Doktor wichtiger als ein juristischer ist (S. 87–106 in der Textquelle).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.05.2012 um 09.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20668

In der Presse wird sehr regelmäßig auf die Anonymität des Plagiatsjägers hingewiesen, mit dem Frau Schavan es zu tun habe. Das scheint neben "selbsternannt" die Formulierung zu sein, die der Anschuldigung etwas von ihrer Triftigkeit nehmen soll. Nun, ich bin ja auch kein Freund von Pseudonymität und schreibe überall unter vollem Namen. Jeder sollte anonym schreiben dürfen, muß aber hinnehmen, daß man ihn dann auch nicht für satisfaktionsfähig hält und nicht darauf antwortet.
Bei den Plagiaten ist es aber doch etwas anders: Hier ist Schavan mit ihren eigenen Texten konfrontiert, nicht mit einem Kritiker. Deshalb ist es gleichgültig, wer auf die zweifelhaften Stellen hinweist.

Noch zu meiner früheren Beobachtung der gewesenen Elche: Ist es nicht eine Art umwegiger Geständniszwang, wenn man – ohne Not – bei anderen die Verfehlungen anprangert, die man selbst begangen hat? Vgl. den Fall Grass und auch die gar nicht wenigen Verfolger von Schwulen und Ehebrechern. Ich halte es mit Jesus und dem "ersten Stein".
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 08.05.2012 um 06.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20663

Lieber Herr Achenbach,

ich traue Ihnen und Herrn Höher das sofort zu, aber einige Formulierungen in Ihren und Herrn Höhers Beiträgen klangen in dieser Hinsicht irreführend. Deshalb habe ich zur Sicherheit diesen Hinweis untergebracht.

Es ist doch normal, daß zu einem Themenbereich wie hier "Plagiate und Integrität" verschiedene Diskussionen entstehen können, die sich manchmal überkreuzen. Germanist hat eigentlich nur eine kurze Bemerkung zum Wort integer eingestreut und dann zweimal auf Ihre Fragen hierzu geantwortet, wiederum knapp. Deshalb braucht man doch nicht gleich eine Verschiebeaktion.

Mir war übrigens lange nicht bewußt gewesen, daß sich das englische entire (französisch: entier) vom lateinischen integer bzw. integrum herleitet. Ich finde so etwas interessant. Germanist bringt immer wieder solche und ähnliche Anmerkungen unter. Nicht jeder seiner Beiträge interessiert jeden, aber das ist bei den Beiträgen anderer Diskutanten auch so. Ich fand es beispielsweise interessant, als Herr Höher das Fehlen eines geeigneten Ausdrucks "Verb + Plagiat" ansprach (#20627). Hingegen fand ich es eigentlich unnötig, daß darüber diskutiert wurde und Herr Höher dies auch einforderte (#20633).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.05.2012 um 06.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20662

Ombudsman Wolfgang Löwer (derselbe, der 1998 ein törichtes Gutachten gegen uns schreiben ließ und in Karlsruhe vorlegte) schlägt vor, für erschlichene Doktortitel eine zehnjährige Verjährung einzuführen. Wenn ich ihn recht verstehe, soll nach diesen zehn Jahren der Delinquent seinen Titel nicht etwa verlieren, sondern behalten.

Ein riskanter Plan. Jener Postbote, der jahrelang erfolgreich als Klinikarzt beschäftigt war, könnte nach zehnjähriger Berufspraxis Chefarzt werden, denn das Fehlen eines Medizinstudiums wäre mehr als ausgeglichen.

Die Erschleichung des Titels verjährt, aber das Tragen des Titels währet ewiglich – kann das sein?

Das Ganze bestätigt meinen Vorschlag von vor zwanzig Jahren: Das Tragen akademischer Titel sollte abgeschafft werden. Die Qualifikation wird in den Lebenslauf verbannt. Bei erwiesenem Betrug darf die mißlungene Promotion im Lebenslauf verschwiegen werden, ohne daß sich der Verfasser der Täuschung schuldig macht.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 07.05.2012 um 23.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20659

Lieber Herr Wrase,

glauben Sie wirklich, Herr Höher oder ich hätten diese kinderleicht auseinanderzuhaltenden Themen verwechselt?

Oder haben Sie vielleicht gemeint, mein letzter Beitrag oder der folgende von Herr Höher bezöge sich auf Ihren, der zufällig davorstand?

Üblicherweise mache ich durch persönliche Anrede deutlich, worauf sich meine Beiträge beziehen. Ich erlaube mir die Meinung, daß damit die Lesbarkeit langer Diskussionsstränge erleichtert wird. Da jedoch Germanist sich dazu nicht herabläßt, habe ich es hier auch unterlassen.

Allerdings sehe ich in der Tat nicht ein, was die Diskussion über das Wort "integer" (an die ich mich ursprünglich deshalb auch nicht beteiligt habe) zum Thema beiträgt. Selbst wenn sie ein Fitzelchen beitrüge, sähe ich immer noch nicht ein, was "hard words" im Englischen oder "Falsche Freunde" damit zu tun haben.

Mein Vorschlag an die Redaktion: die Diskussion zu "integer" in die hinterste Ecke des Diskussionsforums verschieben.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 07.05.2012 um 14.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20656

Hier liegt ein Mißverständnis vor. Es gingen zuletzt (mindestens) zwei Diskussionen durcheinander. In der einen wurde das Fehlen eines Verbs thematisisert, das zu Plagiat paßt und eine bestimmte Bedeutung transportiert. In der anderen Diskussion ging es um das Wort integer. Man muß beachten, zu welchem Thema ein Beitrag gehört.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 07.05.2012 um 12.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20654

Genau wie Herr Achenbach verstehe ich die Haarspalterei um das Adjektiv "integer" nicht und weiß vor allem nicht, was sie in diesem Strang zu suchen hat.

Ich bin mir sicher, daß Herr Ickler, Herr Wrase, Herr Riemer und Herr Achenbach genau wissen, was das deutsche Adjektiv "integer" bedeutet. Ich weiß es auch, selbst wenn ich hier das vermeintliche Synonym "langweilig" vorgeschlagen habe. Das ergab sich tatsächlich nur aus der Interpretation des Kontextes.

Das sprachliche Problem war nun, daß es im Nominalstil von Fachsprachen oft schwer ist, ein geeignetes Verb zu einem Substantiv zu finden. Und genau darauf bezog sich auch Kratzbaums Hinweis auf das Dirigat (siehe hier). Wie uns das englische Adjektiv "integer" und seine Bedeutung dabei weiterbringt, sehe ich nicht.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 07.05.2012 um 11.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20652

deutsch, franz., ital., span. "integer" bzw. "integro" vs. engl. "integer" sind Falsche Freunde.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 06.05.2012 um 23.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20646

Und was hat das nun mit dem deutschen Adjektiv "integer" zu tun?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 06.05.2012 um 23.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20645

Das Gesetzbuch wird nicht das einzig denkbare Kriterium für die Wahl von Verben sein. Außerdem paßt begehen zwar halbwegs zum Singular, aber nicht zum Plural (wenn viele plagiierte Stellen in einem Werk gemeint sind). Wenn zum Beispiel ein Dieb bei einem Einbruch zwanzig Gegenstände mitgenommen hat, sagt man ja auch nicht, er habe zwanzig Diebstähle begangen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 06.05.2012 um 22.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20643

Im bayerischen Schul- und Universitätsrecht erfüllt ein Plagiat den Tatbestand des Unterschleifs, und einen solchen begeht man.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 06.05.2012 um 22.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20642

engl. integer = ganz, vollständig, wesentlich (Langenscheidt);
englische hard words: Wörter griechischer oder lateinischer Herkunft, mit keinem einfachen englischen Wort konsoziiert (Ernst Leisi, Praxis der englischen Semantik)
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 06.05.2012 um 22.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20641

Lieber Germanist,

ich verstehe nicht ganz, was das deutsche Adjektiv "integer" mit den englischen "hard words" zu tun hat.

Ich sehe auch nicht, worin die Schwierigkeit besteht, das englische Wort "integer" aus seiner lateinischen Ursprungsbedeutung zu erklären.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 06.05.2012 um 20.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20640

Das Fehlen eines schönen Verbs für Plagiat ist ein Beispiel für ein Problem des Nominalstils. Wenn man malt, kommt ein Gemälde heraus. Wer sagt denn, daß es jetzt ein Verb geben muß, das zusammen mit Gemälde wieder genau dasselbe bedeutet wie malen? Vielleicht schaffen oder anfertigen? Man landet oft bei nichtssagenden Funktionsverben wie machen, durchführen oder erstellen.

Wenn man betrügt, ist Betrug das Ergebnis. Wo ist das vermeintlich notwendige Verb zu Betrug? Dasselbe gilt für Stopp und tausend andere Substantive, die das Ergebnis des mit dem zugehörigen Verb ausgedrückten Vorgangs bezeichnen. Substantive sind vorzugsweise dazu da, einen Gegenstand zu bezeichnen und nicht einen Vorgang.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 06.05.2012 um 17.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20639

Das deutsche Adjektiv "integer" ist ein Beispiel dafür, daß es in die Irre führen kann, englische Hard Words aus ihrer lateinischen oder romanischen Ursprungsbedeutung erklären zu wollen.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 06.05.2012 um 17.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20638

"Manchmal gibt es eben kein gut klingendes Verb für eine bestimmte Konstruktion mit einem Substantiv": Manchmal wird man eben auch mit etwas konfrontiert, was davor nie so im Vordergrund stand. Da "Plagiat" unter bestimmten Leuten so etwas wie eine Sünde wider heiligen Geist ist, halte ich auch "begehen" für sehr gut, auch wenn's ungewohnt klingt. Es würde "Plagiat" kulturell auch für die richtig einordnen, zu deren vielleicht nur passiven Wortschatz es vielleicht nur gerade mal so gehört.
Das Verb "stoppen" ist ja weit verbreitet; dennoch verlangt der Fahrprüfer wohl, daß man bei der Prüfung mehrere (Arten) Stop(p)s korrekt durchführt/ausführt.
Die wissenschaftliche Integrität der Frau Schavan: Die hatte sie schon lange verloren, nämlich als sie bei der weiteren Diskussion der kultusministerlich eingeführten Schulschreibe die armen Kinderchen beweinte, die dann schon wieder eine andere Form der Verschriftung zu lernen hätten, wenn man da was zu Richtigem hin zurücknähme.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 06.05.2012 um 16.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20636

Manchmal gibt es eben kein gut klingendes Verb für eine bestimmte Konstruktion mit einem Substantiv. Wie lautet das passende Verb zu Stopp?

Interessanter finde ich die Sache mit der Integrität. Auch wenn die plagiierten Stellen nicht so gravierend sind, sauber (= integer) wird Frau Schavan nicht mehr sein. Damit kann sie ihre Rolle als Ministerin für den Wissenschaftsbetrieb nicht mehr glaubwürdig ausfüllen. Ich denke, das werden wir noch oft zu hören bekommen, bis es auch bei ihr Klick macht. Ihre Integrität könnte sie retten, indem sie sich schnellstmöglich Margot Käßmann zum Vorbild nimmt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 06.05.2012 um 12.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20634

Ein Plagiat schreiben oder verfassen wäre ähnlich wie anfertigen.
Ein Plagiat verüben oder verschulden? Ein Plagiat verantworten oder zu verantworten haben? Das banale 'machen'?
Vielleicht trifft es am ehesten, ähnlich wie bei Diebstahl oder Mord, ein Plagiat begehen.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 06.05.2012 um 11.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20633

Lieber Herr Wrase,

mir ging es tatsächlich nur um das nicht passende Verb. Mir ist übrigens noch immer keines eingefallen, das zu Plagiat paßt. Wenn ich sage, daß jemand "ein Plagiat anfertigt", drängt sich mir das Bild auf, jemand habe etwas erstellt und dann noch ein Schild mit der Aufschrift "Plagiat" darangehängt. Nur so zur Sicherheit, damit es auch alle wissen.

Ich hatte ja auch schon gestern eher den Eindruck, der Artikel sei in der Online-Redaktion der FAZ sehr schnell zusammengeschustert worden. Aber da die Zeitung eigentlich genug Zeit hatte, über den Fall nachzudenken, habe ich den Beitrag dann doch hier eingestellt.

Heute kann man hingegen einen sehr viel durchdachteren Artikel in der FAZ lesen (hier), in dem die Schreiberin Christiane Hoffmann sich auch endlich traut auszusprechen, was ich hinter dem verhüllenden "integer" schon vermutete:

In anderen Ressorts kamen und gingen die Minister, Schavan behielt ihren Posten. Ihr Etat wuchs, während alle anderen schrumpften. Bildung und Forschung galten als Zukunftsthema. Trotzdem blieb die Ministerin eher blaß, Schlagzeilen machte sie eigentlich nie. Sie galt als langweilig, aber seriös. Als redlich.

Sie galt als langweilig, und auch die Aussage zu Guttenberg wird in dem Artikel so gesehen wie ich es schon tat. Endlich hatte Schavan – noch dazu als Ministerin der betroffenen Wissenschaften – Gelegenheit dem Starminister im Rampenlicht die Show zu stehlen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 05.05.2012 um 20.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20628

Auf SPIEGEL Online liest man: Die Union stärkte derweil der aus Baden-Württemberg stammenden Politikerin den Rücken. Der CDU-Landeschef Thomas Strobl sagte dem "Focus": "Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass irgendetwas faul ist an der Doktorarbeit von Annette Schavan."

Ist das eine Unterstützung? Es bedeutet: "Wir stehen zu Frau Schavan, weil wir im Moment glauben, daß die Doktorarbeit in Ordnung ist." Dabei weiß man ja schon, daß sie nicht in Ordnung ist. Entsprechend müßte es in Zukunft heißen: "Nachdem sich herausgestellt hat, daß es in der Dokotorarbeit etliche plagiierte Stellen gibt, können wir leider Frau Schavan nicht mehr unterstützen." Der CDU-Landeschef scheint sich früh für die saubere Lösung entschieden zu haben, Annette Schavan früher oder später zum Rücktritt auffordern zu können.

Ich tippe darauf, daß es den üblichen Hickhack von Vorwürfen und Beschwichtigungen geben wird. Vermutlich wird sich die Kritik nicht einschläfern lassen, weil es immer Meinungsmacher geben wird, die von "eindeutigen Plagiaten" sprechen werden. Irgendwann wird es der Partei zu anstrengend, und dann muß die Ministerin gehen.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 05.05.2012 um 18.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20627

Nach mehreren Tagen hat nun auch die FAZ den Fall Schavan aufgegriffen und dabei ist mir etwas aufgefallen:

Politiker von SPD und Grünen verlangten in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (F.A.S.) eine gründliche Prüfung der Arbeit, nachdem die Internet-Seite „schavanplag“ den Vorwurf erhoben hat, Schavan habe zahlreiche Plagiate genutzt.

Quelle: www.faz.net

Das Verb "plagiieren" existiert doch wohl, aber welches Verb könnte denn sonst zum Substantiv "Plagiat" passen? Ein "Plagiat nutzen" meint aber hier, daß Frau Schavan ein bereits vorhandenes Plagiat genutzt hat und nicht, daß ihre Arbeit ein Plagiat sein könnte.

Wie ich es auch drehe und wende, das Verb "nutzen" paßt nicht.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 05.05.2012 um 11.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20622

Über die Kontakte von Frau Schavan wird mit Sicherheit in den nächsten Tagen noch mehr herauskommen. Das könnte noch interessanter werden.

Aber die Sache mit den Elchen habe ich nicht verstanden. Frau Schavan hat doch eine philosophische Arbeit verfaßt, Guttenberg hingegen eine staatsrechtliche. Das sind doch wohl eher Elche und irgendwelche anderen Tiere (gibt es in Franken Steinböcke?).

Ich denke viel eher das so öffentliche und zugleich so medienwirksame Schämen von Annette Schavan hat etwas mit ihrem Ministerium (die integere Frau Schavan tritt für die Integrität der Wissenschaften ein) und mit dem Starstatus Guttenbergs zu tun. So eine von Medien begleitete Politkarriere (Platon im Original als Urlaubslektüre, die schöne blonde Frau an seiner Seite, zwei entzückende Kinder, die Homestory in BILD usw.) hat Schavan einfach nicht vorzuweisen (unverheiratet, kinderlos). In diesem Zusammenhang halte ich das Adjektiv "integer" auch eher für ein Synonym für "langweilig". Und genau das konnte die "Süddeutsche" wohl nicht schreiben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.05.2012 um 10.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20621

Nebenbei erfährt man aus der Presse, daß Prof. Erich Thies, der als Generalsekretär der KMK die Rechtschreibreform betrieb, ein Freund von Annette Schavan ist. Da wird die Zusammenarbeit besonders gut funktioniert haben. Beide waren allerdings von der Reform keineswegs persönlich überzeugt. Rein beruflich war aber, wie uns damals schien, der besondere Eifer auch nicht zu erklären.

Wilhelm Gössmann, der Schavan ebenfalls verteidigt, war 1980 Professor an der Uni Düsseldorf und möglicherweise am Promotionsverfahren beteiligt.

Übrigens sagt auch die heutige Süddeutsche Zeitung, daß Schavan "als integer gilt" – eine merkwürdige Redensart, mit der man kein Risiko eingeht. Jeder Mensch wird wohl von einigen für integer gehalten, von anderen nicht.

Warum hat sich Schavan im Fall Guttenberg so weit aus dem Fenster gelehnt? Dazu hatte sie doch keinen besonderen Anlaß. Es gibt allerdings eine nachfühlbare Neigung der ehemaligen Elche, andere Elche zu kritisieren. (Ich zum Beispiel schlage gern auf Phänomenologen ein, weil ich als Gymnasiast und bis in die ersten beiden Semester hinein – nach meiner Kant-Phase – selbst einer war, bis ich durch Wittgenstein aus meinem dogmatischen Schlummer geweckt wurde ...)

Ihre Plagiate halten sich, wie gesagt, um Rahmen des heute Üblichen: Statt die vielen dicken Bücher, die das Literaturverzeichnis zieren, selbst zu lesen, paraphrasiert man schon vorhandene Zusammenfassungen – und fertig ist der Forschungsbericht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.05.2012 um 09.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20607

"Sie gilt als integer, fleißig und als enge Vertraute von Kanzlerin Merkel."

(Rheinische Post vom 4.5.12 über Schavan)

"Beide gelten als intrigant." (taz vom 3.12.04 über Schavan und Oettinger)

Vgl. auch www.youtube.com/watch?v=cME9qZWkA7c

Hier ist noch einmal Wolffs Brief von Mitte November 2004:

Liebe Frau Dr. Merkel, lieber Herr Dr. Lammert,
ich habe heute widersprüchliche Botschaften erhalten und möchte Ihnen daher meine Bedenken in möglicher Kürze vortragen: in der Zeitung meinte ich gelesen zu haben, die Union habe auf einen Antrag zur Rechtschreibung im Bundestag verzichtet – andererseits ging mir der Antrag per Mail zu, und Herr Gehrke bestätigte, das sei die Grundlage für die Fraktion am 22.11.04.
Ich streite nicht in der Frage, ob die Rechtschreibreform so hätte sein müssen/dürfen, ob der Bundestagsbeschluss von 1998 weise war oder dergleichen; ich stimme durchaus der Feststellung zu, dass eine gewisse Unsicherheit eingekehrt war – kein Wunder übrigens bei einer vergleichsweise so langen Übergangsfrist bei gleichzeitig tendenzieller Unlust von uns Erwachsenen, das selbst Gelernte zu verändern, und einem Stil der Auseinandersetzung, der glaubenskriegsähnliche Züge trug.
Ich habe auch als später ins Amt Gekommene überhaupt keine Lust zu Wiederholung einer solchen Prozedur.
Also war unsere Aufgabe als Kultusminister – die Aufgabe war uns übrigens von der MPK 1996 zugewiesen, 1998 verfassungsgerichtlich bestätigt – , ein Procedere zu entwickeln, das Korrekturen und eine dezente Weiterentwicklung der Rechtschreibung ermöglichte und, da das Dudenmonopol unwiderbringlich verloren war, ein Gremium dafür zu finden, das möglichst politikfern vorzubereiten. Zudem hatten die bisherigen Gremien keine ausreichende Akzeptanz.
Es war die Idee der Unionsseite in der KMK – Hessen und Baden-Württemberg dürfen hier durchaus genannt werden –, diese Aufgabe neu zu ordnen und einem Rat zuzuordnen. Das hat die KMK übrigens längst vor der MPK im Juni d.J. beschlossen. Die näheren Einzelheiten wurden auf der Grundlage eines Präsidiumsbeschlusses vom August im Oktober beschlossen. Die diesbezüglichen Formulierungen im Antrag sind leicht schräg.
Der KMK-Beschluss, bestätigt durch die MPK, hat Klarheit geschaffen:
1.      Die Reform in der (vielfach bisher ignorierten) Fassung des 4. Berichts der Zwischenstaatlichen Kommission gilt ab 1.8.05. für Schule und öffentliche Verwaltung.
2.      Der Rat wird umgehend eingesetzt.
3.      Kann er bestimmte Punkte bis Sommer leisten, gehen sie in die geltende Fassung ein.
Damit kann ein Antrag im Bundestag jetzt keinen Fortschritt mehr erbringen. Das irgend Mögliche in Bezug auf die ersten beiden Punkte haben die Kultusminister in dieser wenig komfortablen Lage geleistet. Der dritte Aspekt geht an der Sache vorbei, da die Bundesregierung keine eigene zusätzliche Funktion hat.
Was die Handlungsweise einiger Verlage angeht, äußere ich mich nicht zu dem durchaus vorhandenen Reiz, einmal zu zeigen, dass die Medien die Politik nicht nach Belieben am Nasenring durch die Arena ziehen können. Berücksichtigen Sie aber, dass die Süddeutsche Zeitung längst Abstand vom Plan ihres Chefredakteurs genommen hat; auch beim Spiegel gibt es enorme innere Verwerfungen und Andeutungen möglichen Verzichts auf den Vollzug des Angekündigten. Selbst beim Springer-Verlag lässt man Bereitschaft spüren, im Rat mitzuarbeiten.
All dies führt mich zu der Frage: was will die Fraktion jetzt noch erreichen als neue Unsicherheit? Die Strukturen, innerhalb derer die unbezweifelbar wünschenswerten Korrekturen möglich sind, sind geschaffen – jetzt geht es höchstens noch darum, die Akademie für Sprache und Dichtung zu bewegen, ihre Pflicht an der Schriftsprache in diesem Rahmen zu tun.
Beste Grüße
Karin Wolff
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.05.2012 um 16.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20598

Schavan hat in der Tat ganz besonders mitgeholfen, die Rechtschreibreform durchzusetzen und durch Einsetzung des Rechtschreibrates noch zu retten, als es schlecht um die Reformer stand (zusammen mit Wolff und Reiche, beide kurz danach entlassen, nur Schavan hat politisch überlebt). Warum sie sich derart für das Reformabenteuer stark gemacht hat, wissen wir nicht. Eigentlich konnte sie kein besonderes Interesse daran haben, denn ihr ist etwas anderes wichtig: Theologie an Hochschulen, Religionsunterricht an Schulen, Bibelkunde für alle.
Ich habe mir die Plagiatsdokumentation angesehen, ohne allerdings die ganze Dissertation zu kennen. Ich kann nicht beurteilen ob der Text insgesamt etwas Substantielles enthält, was trotz der tatsächlich bedenklichen Übernahmen Bestand hat. Das Thema reißt mich ja nicht gerade vom Hocker, selbst ohne Plagiat muß es eine Strafe sein, so etwas zu lesen. Ich würde so viele wörtliche Übernahmen nicht durchgehen lassen.
Es täte mir leid, wenn Schavan über solche albernen Jugendsünden (eine sehr häufige Unselbständigkeit junger Akademiker) zu Fall käme und nicht wegen ihrer politischen Fehler. Mir wäre auch ein richtiger Wissenschaftler als Bildungsminister lieber.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 03.05.2012 um 16.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20596

Auch wenn es noch viel zu früh ist, um Vergleiche zu Guttenberg zu ziehen, ist es doch interessant, daß unsere Freundin Annette Schavan nun auch ins Visier der Plagiatsjäger geraten ist: www.sueddeutsche.de

Und direkt amüsant finde ich, daß Herr Ickler im letzten Jahr in diesem Strang schon den Namen Schavan ins Gespräch brachte (siehe hier) – damals freilich noch in einem anderen Zusammenhang.

Da Frau Schavan sich in der Plagiatsaffäre Guttenberg schon relativ früh zu Guttenbergs Verhalten geäußert hat, darf man nun in jedem Fall gespannt verfolgen, wie sie sich verhalten wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.04.2012 um 10.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20570

„Der Berliner CDU-Fraktionschef Florian Graf gibt seinen Doktortitel der Uni Potsdam zurück. Die parteigeschichtliche Arbeit hatte er noch nicht einmal publiziert. Seiner Fraktion will Graf die Vertrauensfrage stellen. Er habe festgestellt, 'an einigen Stellen wissenschaftlich nicht fehlerfrei gearbeitet' zu haben, erklärte der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus am Freitag in Berlin.“ (focus.de 29.4.12)



Das ist dieselbe eigentümlich distanzierte Ausdrucksweise wie bei Guttenberg: als ob man die eigene (?) Arbeit noch einmal genauer in Augenschein nähme und erst dann "feststellte", daß sie anderswo abgeschrieben ist. "wissenschaftlich nicht fehlerfrei" ist natürlich auch ein Euphemismus. Für sachliche Fehler wären die Gutachter zuständig, und sie sind noch niemals ein Grund für die Aberkennung oder "Rückgabe" des Titels gewesen. Daß man aber betrogen hat, kann man nicht "feststellen", sondern höchstens zugeben.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 28.03.2012 um 20.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20311

Vielleicht sollte man es nicht so negativ sehen. Ein Doktortitel vor dem Namen kann neben der Bedienung persönlicher Eitelkeiten ganz handfeste Vorteile bieten, so weiland bei Dr. jur. Manfred Köhnlechner. Kraft seines Doktortitels war er sehr kompetent, sich zu allen möglichen medizinischen Fragen zu äußern. Als Jurist wußte der "Doktor" sehr genau, was er sagen durfte und was nicht, ohne sich strafbar zu machen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.03.2012 um 05.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#20288

Die "Welt" ereifert sich über den Ehrendoktortitel des Politikerfreundes Carsten Maschmeyer und kommt dabei zu der umwerfenden Erkenntnis:
"Selbst Nichtakademiker erhalten Ehrenpromotionen. Es geht bei diesen Titeln anscheinend nicht immer um einen wissenschaftlichen Nachweis."
Tja, so ist das und kann [in einer Gesellschaft] nicht anders sein, in der akademische Titel als Namensbestandteil getragen werden. Gestern las ich, daß Daniel Cohn-Bendit schon dreifacher Ehrendoktor ist.
Germanisten werden manchmal Ehrendoktoren, wenn sie ein Gastsemester an einer exotischen Universität absolviert haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.01.2012 um 13.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19943

Mir flatterte gestern ein Prospekt ins Haus: Biber-Versand, Lindau. Aufmachung und Angebot gleichen "Manufactum" aufs Haar, sogar der Werbespruch "Es gibt sie noch, die guten Dinge" ist mit einer geringfügigen Veränderung übernommen (man kann sich im Internet überzeugen). Der einzige Unterschied: Manufactum pflegt die klassische Rechtschreibung, Biber Versand die reformierte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.12.2011 um 12.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19680

Die Buchhandlung Lehmkuhl in München hält das neue Guttenberg-Buch nicht vorrätig, kann es natürlich auf Anfrage bestellen. Der Geschäftsführer, der es nicht empfehlen möchte, fand auch schon Dieter Bohlens Autobiographie "zu blöd" und wollte sie den Kunden nicht zumuten.

Schade, daß diese Strategie nicht auch anläßlich der Rechtschreibreform angewandt wurde! Aber was kann man von Buchhändlern erwarten, wenn sogar die Akademiker, die es nichts gekostet hätte, sich nicht entblödeten, möglichst früh ihren Prüfungskandidaten die reformierte Schulorthographie abzuverlangen!
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.11.2011 um 11.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19618

Ich habe mir sogar den reformierten Duden gekauft, natürlich nicht, um daraus abzuschreiben, sondern aus sprachlichem Interesse und als zeitgeschichtliche Kuriosität, und nehme dabei in Kauf, daß die Herausgeber noch an mir verdienen.

Aber den Guttenberg, nein, das ginge mir dann doch zu weit. Was darüber in der Zeitung steht, ist mir schon peinlich genug.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 29.11.2011 um 10.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19617

Nach dem Beispiel Otto Wiesheu ist zumindest in Bayern alles möglich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.11.2011 um 09.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19615

In Bayern verzeiht man Politikern gern, wenn sie mal ordentlich "hingelangt" haben, dafür gibt es viele Beispiele, und auch Guttenberg hätte mit seinem stets forschen Auftreten noch gute Chancen gehabt. Aber mit seinem neuen Buch redet er sich um Kopf und Kragen. Einen gewissen Selbstzerstörungswunsch habe ich schon ganz am Anfang wahrzunehmen geglaubt und auf unbewußte Rache wegen Überforderung durch den Vater zurückgeführt. Mit der Strategie der verbrannten Erde kann er hierzulande nichts mehr werden. Dazu ist die CSU denn doch zu klug.

(Eigentlich wollte ich ein paar Textpassagen aus dem neuen Buch auseinandernehmen, aber das lohnt sich nicht mehr.)
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 27.11.2011 um 21.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19602

De mortuis nihil nisi bene.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 27.11.2011 um 13.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19598

Seehofer ist über die markigen Worte Guttenbergs aus Halifax nicht allzu erfreut. Zumindest ihm scheint die geplante Rückkehr der "Lichtgestalt" zu schnell zu gehen, auch wenn einige in der CSU meinen, die Rückkehr Guttenbergs wäre im Wahlkampf enorm hilfreich. Und immerhin nicht die gesamte Presse ist so glücklich über Schlagzeilen wie die ZEIT: www.sueddeutsche.de.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.11.2011 um 10.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19590

In Bayreuth findet aus aktuellem Anlaß gerade eine Tagung zu Plagiaten statt.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit darauf hinweisen, daß im Neulateinischen Jahrbuch 13/2011 (Seite 405-453) ein umfangreicher Aufsatz von Karl August Neuhausen erscheint: "Plagiat und Plagiatoren in der neulateinischen Literatur (I) – Zur heute vergessenen Vorgeschichte eines aktuellen akademischen und wissenschaftspolitischen Problems".
Während ich mit meiner Familie in Juist die freundlichen Natur genoß, saß Herr Neuhausen, seit vielen Jahren mein Sommerfrischen-Nachbar, über dieser Arbeit, auf die er mich dann immer wieder höchst neugierig machte – und auch ein bißchen niederdrückte durch die stupende Fülle seines Wissens! Was für ein weites und noch kaum beackertes Feld sich da auftut!
Es schadet nicht, ein wenig Latein mitzubringen, wenn man diese wunderbare Arbeit liest, aber auch wer die nicht übersetzten Zitate nicht ganz versteht (es ist recht einfaches Latein), kommt sicherlich auf seine Kosten.
Hoffentlich habe ich im kommenden Jahr Gelegenheit, bei einem guten Fischgericht die Entstehung des zweiten Teils mitzuerleben.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.11.2011 um 13.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19566

Manchmal frage ich mich, ob man denn beim Zitieren von mathematischen, physikalischen, chemischen und technischen Gesetzen, Formeln und Berechnungsmethoden auch angeben muß, vom wem sie entdeckt oder formuliert und erstmalig veröffentlicht oder als DIN-Norm festgelegt wurden, damit es wissenschaftlich korrekt ist.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 24.11.2011 um 12.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19564

Wenn es wirklich so gewesen ist, wie Guttenberg es hier schildert, dann ist die Sache noch schlimmer, als ich bisher dachte, und zwar aus zwei Gründen. Erstens würde das bedeuten, daß er geradezu kopflos Zitate von vornherein ohne Quellennotierung gesammelt hat. Jeder Mittelstufenschüler weiß, daß das absolut tabu ist. Zweitens stelle ich mir vor, hohe politische Ämter würden wie ganz normale Stellen ausgeschrieben. Welcher Arbeitgeber käme je auf die Idee, jemandem eine höchst verantwortungsvolle Aufgabe zu übertragen, wenn der sich im Vorstellungsgespräch als »hektischen und unkoordinierten Sammler« beschreibt, der am Ende den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 24.11.2011 um 12.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19563

Laut GuttenPlag Wiki wurden in der Dissertation gefunden: 1218 Plagiatsfragmente aus 135 Quellen, untergebracht auf 371 von 395 Seiten (bzw. in 10421 Zeilen). Das sind Plagiate auf rund 95 Prozent der Seiten (bzw. in zwei von drei Zeilen). Mehr geht nicht, denn man muß die mehr als 1000 Plagiatsfetzen ja auch montieren. Die Arbeit enthält demnach so viel Plagiate, wie es überhaupt nur möglich ist.

Guttenberg erneuert nun seine Behauptung, er habe die Arbeit selbst verfaßt und nicht absichtlich getäuscht. Ich zitiere aus SPIEGEL online:

»[...] Er sei damals schlicht überfordert gewesen, sagt Guttenberg. Seine Arbeitsweise sei chaotisch gewesen. Zeitweise habe er Teile der Arbeit auf 80 Datenträgern gespeichert gehabt. "Ich war ein hektischer und unkoordinierter Sammler. Immer dann, wenn ich das Gefühl hatte, dass etwas zu meinem Thema passt, habe ich es ausgeschnitten oder kopiert oder auf Datenträgern sofort gespeichert oder direkt übersetzt", sagt er. "Ich habe für jedes Kapitel eine Diskette angefertigt, ich habe unterschiedliche Ordner angelegt, ich habe über die Jahre hinweg auf vier unterschiedlichen Computern gearbeitet, die an unterschiedlichen Orten waren." Später habe er offensichtlich nicht mehr gewusst, "welcher Text mein eigener und welcher möglicherweise ein Fremdtext war, insbesondere beim Zusammenfügen dieser Bruchstücke" [...]«

www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,799596,00.html.

Mich würde die Meinung der anderen interessieren: Ist das glaubwürdig? Oder muß Guttenberg bewußt getrickst haben? Oder kann so etwas nur am PC eines unseriösen Dienstleisters entstanden sein?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.11.2011 um 13.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19556

Guttenberg strebt mit gewohnter Tatkraft seine Rückkehr in die Politik an, wogegen aus Sicht der CSU bestimmt nichts einzuwenden ist. Allerdings könnte es der übrigen Bevölkerung etwas zu schnell gehen. Da empfiehlt sich ein Überwintern als Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung, wie seinerzeit bei Otto Wiesheu, der im Suff einen Menschen totgefahren und einen anderen schwer verletzt hatte. Wiesheu zahlte 20.000 DM, Guttenberg zahlt 20.000 Euro. Zehetmair muß doch aus Altersgründen bald abgelöst werden und hätte dann Zeit, endlich einmal die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung zu lesen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.10.2011 um 12.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19425

Die Guttenberg-Biographie von Lohse/Wehner, bei Droemer erschienen, hält sich im allgemeinen wohl an die Rechtschreibung der FAZ, für die beide Autoren arbeiten, also plazieren, rauh, und ist in diesem Rahmen ziemlich sorgfältig redigiert. Aber dann passiert es eben doch: Das ihm das Erlernen des Altgriechischen Spaß macht ... (S. 121)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.10.2011 um 10.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19294

An dieser Stelle gehe ich kurz auf grammatische Aspekte eines neuen Buches zum Fall Guttenberg ein: Oliver Lepsius/Reinhart Meyer-Kalkus: Inszenierung als Beruf. Frankfurt: Suhrkamp 2011. Ich möchte noch hinzufügen, daß der Band, der auf eine Tagung zurückgeht, zwar mehrere Zeitungsbeiträge aus der ursprünglichen Guttenberg-Diskussion bringt, aber nicht unbedingt die besten. Nur Peter von Becker streift wenigstens die Ghostwriter-Frage. Damit fehlen zwei ganz wesentliche Probleme: das Unwesen der Promotionsberatung und die ganze Titelhuberei, die den Fall erst möglich machte. Auch das Getue um den sogenannten Adel ist seinerzeit gründlicher erörtert worden als in diesem Sammelband.
Die orthographische Minderwertigkeit versteht sich von selbst: seit Kurzem, Ins-tinkt usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.09.2011 um 17.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19258

Der zur Zeit laufende Kunstfälscher-Prozeß gegen Wolfgang Beltracchi versetzt mich, wie immer, in heitere Stimmung. Ich denke dann an das Kunstgeschwätz der Kunstschwätzer:

Die Berechnung eines Kopfes
Gregorianik für die Augen

Es kommt einem vor, als habe Picasso mit der Suite ... so etwas wie ein wohltemperiertes Klavier für das Auge entwerfen wollen. (...) An die Stelle des narrativen, literarischen Ausdrucks, der in der Blauen und in der Rosa Periode ihren süffigen Höhepunkt erreicht, tritt die architektonische Differenz. (...) Wiederholung, Beschwörung der Form sorgen dafür, daß aus dieser genauen Gregorianik, die der Künstler in der Einöde seiner spanischen Heimat anstimmt, nach und nach, von vielen aufgenommen, der definitive Gesang des Jahrhunderts werden konnte.
Usw.

(Beitrag von Werner Spies über eine Ausstellung von Picassos Studien zu „Fernandes Kopf“, FAZ 21.10.03. Spies, auch Max-Ernst-Experte, gehört bekanntlich zu den Gelackmeierten)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.09.2011 um 12.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#19243

Der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe hat laut Zeitungsberichten dem Rapper 50 Cent untersagen lassen, einen Film "Things fall apart" zu nennen, weil das auch der Titel von Achebes berühmtem Roman ist. Das ist sehr merkwürdig, denn der Roman hat seinen Titel ja von dem Motto, das Achebe ihm voranstellt: "Things fall apart, the centre cannot hold", aus dem berühmten Gedicht "The second coming" von W. B. Yeats. Es scheint neuerdings ein Eigentumsrecht an Zitaten zu geben ...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.07.2011 um 12.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18989

Im Zusammenhang mit dem Plagiieren hat Stefan Weber (in der ZEIT) auch auf den Funktionswandel des Kürzels vgl. hingewiesen: Früher verwies man damit auf Texte, die den Gegenstand vertiefen, heute oft auf solche, aus denen man leicht abwandelnd abgeschrieben hat. Das ist richtig, aber es gibt noch ein anderes Ärgernis. Ich mußte meinen Kandidaten immer anstreichen, wenn sie eben mal mit einem vgl. auf ein halbes Dutzend Texte verwiesen, die zusammen vielleicht 3000 Seiten ausmachen, ohne näher anzugeben, welche Zeilen oder Seiten sie denn im Sinn hatten. In Wirklichkeit sind es oft bloße Titel, die sie auch noch irgendwo gefunden hatten. Die unerhörte Zumutung kommt solchen Leuten gar nicht zu Bewußtsein. Gerade Dissertationen, die heute gedruckt werden, wimmeln von solchen pauschalen Angaben; man braucht sie schon deshalb nicht zu lesen, wenn man nicht muß.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 16.06.2011 um 10.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18870

Nun ist auch Silvana Koch-Mehrin ihren Doktorgrad wieder los. Sie empört sich zwar öffentlich noch heftig und will die Heidelberger Entscheidung sogar rechtlich prüfen lassen, aber ändern wird das wohl trotzdem nicht viel. Damit bleibt einstweilen noch die Disseratation des Europa-Abgeordneten Jorgo Chatzimarkakis (ebenfalls FDP), die im Augenblick von der Universität Bonn überprüft wird.

www.faz.net

www.sueddeutsche.de

Na, was soll's! Spätestens 2013 wird unsere Freundin Frau Nahles Bundesbildungsministerin. Die hat zwar noch weniger Ahnung als Frau Koch-Mehrin (www.youtube.com), aber dafür hat sie inzwischen wenigstens ihr Dissertationsprojekt aufgegeben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.06.2011 um 09.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18869

Zur Erinnerung s. etwa hier:
www.spiegel.de/unispiegel
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.06.2011 um 22.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18868

Das liest sich ungefähr wie "1000 ganz legale Steuertricks".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.06.2011 um 18.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18866

Der Dudenverlag vertreibt die Schrift "Wie verfasst man wissenschaftliche Arbeiten?" von Ulrich Andermann, Martin Drees, Frank Grätz. Über Drees und Grätz war ja in der Presse schon oft die Rede, hier ist ein älterer Werbetext aus ihrem Hause:

"Das Institut für Wissenschaftsberatung Dr. Frank Grätz und Dr.Martin Drees GmbH betreut mit 20 Angestellten und über 100 Kooperationspartnern bundesweit Akademiker auf dem legalen Weg zum Doktortitel. Die Institutsgründer Dr. Frank Grätz und Dr. Martin Drees haben mehr als 1.500 Promotionsprojekte geplant und realisiert. Das Institut verfügt über die weltweit größte private Präsenzbibliothek mit mehr als 140.000 Doktorarbeiten aller Fachbereiche (www.wissenschaftsberatung.de)."

Wenn die nicht wissen, wie man es macht, dann weiß es niemand.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.05.2011 um 17.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18748

Was die Super-Lolita betrifft (mein Hinweis hier), so scheint es mit dem Weltbestseller nicht so recht voranzugehen. Gleichzeitig in mehreren Sprachen und in 23 Ländern erschienen, war es als Riesengeschäft geplant (surely the most hyped memoir that 2011 is likely to produce, schreibt jemand), aber den Verkaufszahlen nach dümpelt es als Ladenhüter vor sich hin. Nur in speziellen Rubriken kommt es höher: z.B. ist es bei uns das drittbeliebteste Mißbrauchbuch.
Nichts hat sich daran geändert, daß es nur ein einziges Foto der Verfasserin gibt, obwohl sie sich keineswegs zu verstecken scheint. Das Bild zeigt ein zartes Wesen in weißer Bluse, aufgenommen von Sara Essex, die, wenn ich sie recht identifiziert habe, sonst vorwiegend Salatplatten fotografiert. Das ist für eine Weltbestsellerautorin doch sehr merkwürdig, komischerweise hat es noch keiner bemerkt. Ich bleibe skeptisch. Es wirkt allzu berechnet. Mein erster Eindruck war, daß eine Creative-writing-Absolventin von schlauen Beratern auf ein bestimmtes Projekt angesetzt worden ist, das sich absehbar gut verkaufen läßt. Die flächendeckende Erschüttertheit gibt ihnen zunächst einmal recht, aber so richtig erfolgreich sind sie trotzdem nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.05.2011 um 17.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18699

Politiker versuchen zur Zeit, die "selbsternannten Plagiatsjäger" (muß man auch dazu ernannt werden, wie zum Rechtschreibreformkritiker?) als Denunzianten hinzustellen, denen man das Handwerk legen müsse oder die zumindest "mit offenem Visier" kämpfen sollten. Ich selbst bin gegen Anonymität, zum Beispiel hier auf diesen Seiten, und antworte ungern oder gar nicht auf die Beiträge von An- und Pseudonymi (falls ich sie nicht ohnehin kenne). Aber bei Plagiaten ist es vollkommen gleichgültig, wer sie aufdeckt. Die Entdecker "kämpfen" ja auch gar nicht, "vorverurteilen" auch nicht, sie zeigen bloß Tatsachen. Jeder andere hätte sie ebensogut entdecken können, was liegt daran, wer es wirklich getan hat? Im Fall Guttenberg hätte eine Liste der Guttenplag-Beiträger weder genutzt noch geschadet. (Aber man hätte dem einen oder anderen schaden können!) Nein, hier ist Anonymität ganz richtig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.05.2011 um 07.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18684

So gerne man sich mit Herrn zu Guttenberg noch im letzten Jahr als Alumni (!) schmückte, so gnadenlos servierte man ihn nunmehr ab. (Schmitt-Glaeser in seinem über die Bildzeitung herausgebrachten offenen Brief zur Verteidigung Guttenbergs; Schmitt-Glaeser war auch schon mal sehr böse, als die winzige ÖDP den bayerischen Senat, dessen Präsident er war, ersatzlos abschaffte und niemand ihn vermißte. Übrigens hat Guttenbergs Doktorvater Häberle eine Festschrift für Schmitt-Glaeser herausgegeben.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.05.2011 um 08.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18659

Vgl. um Gottes willen.
 
 

Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 13.05.2011 um 07.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18658

"an Eides statt" – vielleicht ist "statt" adverbial gebraucht, wie in "in bezug"?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.05.2011 um 01.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18657

Während das Bayerische Hochschulgesetz im Bericht der Uni Bayreuth mit dem Neuschrieb "an Eides statt" zitiert wird, hält man sich in der Promotionsordnung der Uni Bayreuth laut diesem Bericht lieber an das herkömmliche "an Eides Statt".

Der neue Duden kennt überhaupt nur noch die Stätte, die Statt ist ganz verschwunden. Wie man "an Eides statt" jetzt grammatisch erklärt, konnte ich nicht herausfinden. Etwa als Zirkumposition?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 12.05.2011 um 18.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18656

Daß Abschreiben nicht zulässig ist, lernt man schon in der Schule.

Die tatsächlichen Versäumnisse der Universität liegen offensichtlich anderswo. Angesichts der mutmaßlich hohen Dunkelziffer an falschen Doktoren insgesamt kann es nicht angehen, daß Schwierigkeiten jetzt nur bekommt – aufgrund privater Initiative! –, wer mehr oder minder prominent ist. Die Universitäten sollten Sonderermittlungskommissionen einrichten, um dem Mißbrauch systematisch nachzugehen, soweit er nicht als verjährt anzusehen ist.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.05.2011 um 16.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18655

Ich verstehe auch nicht, wieso Guttenberg immer nur "wissenschaftliches" Fehlverhalten vorgehalten wird.
Jemand, der auf einem Feld Erdbeeren klaut, verstößt auch nicht gegen landwirtschaftliche Prinzipien, und ein Autoknacker nicht gegen die Straßenverkehrsordnung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.05.2011 um 15.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18654

„Die Kommission hält in allen Studiengängen eine im Curriculum verpflichtend vorgeschriebene Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten zu Beginn des Studiums für unabdingbar. Das gilt auch für das rechtswissenschaftliche Studium, in dem es eine nach einheitlichen Kriterien erfolgende obligatorische Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten noch nicht gibt. Die möglichst früh entstehende Vertrautheit mit den Standards guter wissenschaftlicher Praxis ist die beste Voraussetzung für deren Beachtung bei der Erstellung einer Dissertation.“ (Bayreuther Kommission zum Fall Guttenberg)

Das scheint mir zu weit zu gehen, und es enthält auch, trotz der scharfen Verurteilung G.s in dem gesamten Text, eine versteckte Entschuldigung: Wäre G. früh genug über wissenschaftliches Arbeiten unterrichtet worden ... Aber das ist Unsinn. Was lernt man denn in all den Seminaren usw. anderes als das wissenschaftliche Arbeiten? Wer es in der Schule noch nicht weiß, der kriegt es anläßlich der ersten Proseminararbeit unweigerlich mit. Die ausgelagerten "Einführungen" aller Art kann man natürlich immer weitertreiben, bis das eigentliche Studium darunter verschwindet. Eine Universität ist aber doch kein Kindergarten.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 11.05.2011 um 15.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18641

Nach Guttenberg droht nun auch Silvana Koch-Mehrin (FDP) die Aberkennung ihres Doktorgrades (siehe hier).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.05.2011 um 08.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18601

Im Anschluß an die Guttenberg-Affäre problematisiert Rafael Wawer in der ZEIT den Plagiatsbegriff.
"Im Allgemeinen verstehen wir unter Plagiat, von lateinisch plagium, so viel wie "Raub der Seele"."
Das ist natürllich Unsinn. Niemand versteht unter Plagiat "Raub der Seele". Diese Herleitung stammt offensichtlich aus Wikipedia, die sich wiederum auf Kluges Etymologisches Wörterbuch bezieht. Man darf aber die Erklärung "Menschendieb, Seelenverkäufer" nicht überinterpretieren.
Wawer fährt fort:
"Nun beziehen sich die meisten Plagiatsvorwürfe auf Platon (428-328 v. Chr.) und erben damit seine Fehler. Platon hat die Seele mit Wachs verglichen. Eindrücke der Wirklichkeit würden zu Abdrücken auf der Seele. Erkennen wir etwas, das uns bekannt scheint, suchen wir im Schrank der Seele nach genau diesem Eindruck. Wir legen Eindruck und Abdruck übereinander. Passt etwas, rufen wir: Ah! Viele aktuelle technische Erkenntnistheorien gehen nach diesem Muster vor, ebenso neuronale Netzwerke."
Plagiatsvorwürfe beziehen sich niemals auf Platon. Auch hat dieser nicht die ihm zugeschriebenen Fehler begangen. Vielmehr gehört das Wachstafelmodell zu den Hypothesen über die Natur des Erinnerns und des Wissens, die von "Sokrates" allesamt verworfen werden.
Wawer baut einen Strohmann unberechtigter Plagiatsvorwürfe auf und stößt ihn dann mit pseudogelehrtem Brimborium um. Ob es ZEIT-Leser gibt, die das durchschauen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.04.2011 um 17.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18480

Noch eine kleine Nachbetrachtung: Guttenberg will aus unerfindlichen Gründen verhindern, daß die Uni Bayreuth den abschließenden Untersuchungsbericht veröffentlicht. Dabei kann doch nur drinstehen, was ohnehin von Anfang an sonnenklar war. Auch daß die Bundeskanzlerin noch nach vollständiger Aufklärung verlangt, ist nicht zu verstehen, weil eben alles klar ist. Bei einem gewöhnlichen Kandidaten würde man einfach sagen: große Teile abgeschrieben und zugleich an den Kontext angepaßt – das kann unmöglich ohne Absicht und volles Bewußtsein geschehen sein. Wo leben wir denn?
Von den Verfassern der Originale ist bisher keine Klage wegen Urheberrechtsverletzung eingegangen, deshalb könnte es ohne Strafverfahren ausgehen. Dazu folgende Überlegung: In Erlangen gab es vor zehn Jahren einen Fall von Urheberrechtsverletzung, der recht bekannt wurde. Dabei ging es nicht um eine Dissertation, sondern um die Veröffentlichung eines gestandenen Philosophieprofessors, der von einem englischen ebensolchen abgekupfert hatte. Er hätte das Buch sicherlich auch ohne solche Hilfsmitel schreiben können, ich hab's nie verstanden, warum er sich diese Blöße gab, vielleicht sind ihm tatsächlich bloß die Textbausteine durcheinandergeraten. Der Sünder wurde vom Uni-Präsidenten öffentlich gerügt, aber hübsch ist der Brief des weltbekannten britischen Kollegen: „Ich bin sehr froh, dass Sie mit mir in vielem übereinstimmen, was ich zu sagen hatte. Ich denke nicht, dass irgendwelche Ausdrücke des Bedauerns oder der Entschuldigung nötig sind.“ So macht man das.
Nun, den Originalverfassern ist hier wie dort kein Schaden entstanden, wirtschaftlich nicht und auch nicht im Sinne eines Prioritätsstreites. Deshalb ist auch jetzt nicht mit einer Anzeige zu rechnen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.03.2011 um 18.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18286

Jetzt gibt es auch in Freiburg einen Plagiatsverdacht und einen beurlaubten Professor. Man kann sich auf was gefaßt machen, wenn nun überall Plagiatssoftware eingesetzt wird.
(Einer der Rechtschreibreformvermarkter hat vor langer Zeit mal aus zwei Aufsätzen von Gerhard Helbig einen dritten gemacht und abdrucken lassen.)

Allerdings gibt es hier eine enorme Grauzone. So ist bekannt, daß großmächtige Mediziner sich Texte weitgehend von ihren hoffnungsvollen Mitarbeitern schreiben lassen und dann unter eigenem Namen veröffentlichen. Die Ordinarien vertreten gewissermaßen das Institut, ja, sie SIND das Institut, und so haben sie auch kein schlechtes Gewissen.
Im Rechtschreibverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht trug einer der Rechtsprofessoren ein Gutachten vor, das er nicht nur schon einmal verwendet hatte, sondern das in sehr ähnlicher Form auch schon als Arbeit seines Assistenten veröffentlicht worden war. Wozu hat man Assistenten, wenn man sie nicht ausbeuten darf? Sie machen es ja später ebenso und sind daher auch vollkommen einverstanden, und volenti non fit iniuria.
So nehme ich auch an, daß in Freiburg nichts weiter folgen wird. Die ausgebeutete damalige Doktorandin hat ja auch schon durchblicken lassen, daß sie sich nichts weiter dabei gedacht habe, als ihr Doktorvater etwas aus ihren Texten vortrug. Doktoranden sind arme Würstchen, die glücklich sein sollten, wenn von ihren unbeachtlichen Gedänkchen etwas den Weg in die Schriften des Herrn Professors findet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.03.2011 um 13.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18282

In der Diskussion über die Arbeit sollte man sich stets vor Augen halten, dass die Überprüfung von Dissertationen mit technischen Mitteln 2006 nicht üblich war und bis heute verbreitet (noch) nicht üblich ist. Zudem war die Erkennung von Plagiaten 2006 mit den seinerzeit vorhandenen technischen Mitteln kaum möglich. Plagiatsoftware sowie auch andere Methoden waren damals keineswegs so weit entwickelt wie heute. Selbst Google wies noch nicht die fein justierte Suchmethode wie heute auf.

(Aus der Pressemitteilung/Stellungnahme: Zum Promotionsverfahren von Herrn Karl-Theodor zu Guttenberg. Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Peter Häberle, Prof. Dr. Rudolf Streinz)



Mit Verlaub, das stimmt nicht. Zeitungsartikel und dergleichen konnte man auch damals schon sehr leicht ergoogeln, ich habe es ja selbst oft genug getan. Die Wahrheit dürfte sein, daß die Gutachter vertrauensselig waren und sich von Eloquenz beeindrucken ließen. Auch hierzu kann ich sagen, daß viele Prüfungen, sagen wir, sehr wohlwollend verlaufen. Oft kennen sich Prüfer und Kandidat schon sehr lange und sehr gut, duzen einander usw.
 
 

Kommentar von Oberfranke, verfaßt am 06.03.2011 um 17.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18280

Sogar sehr gut!

Nebenbei: Ich glaube nicht, daß der Herr Dr. zu Guttenberg die Star-Trek-Filme kennt.


Zum Unwort des Jahres:

Soll "meine von mir verfasste Doktorarbeit" das Unwort sein? Das ist ja eher eine Phrase. Oder soll Doktorarbeit allein Unwort werden? Das wäre sicher nicht fair.

Und warum? Ist es denn "unerwünscht"? Verletzt es die "Menschenwürde"? Wenn ja, wessen? Seine eigene? Immerhin "grob unangemessen" könnte passen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2011 um 12.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18261

Als ich zum erstenmal las meine von mir verfasste Doktorarbeit (ist kein Plagiat), war ich ziemlich begeistert: das Wort (oder Unwort) des Jahres ist gefunden! Wie ich inzwischen sehe, hat diese Perle der Rhetorik inzwischen eine wachsende logische Literatur hervorgerufen und wird vielleicht in die Philosophiegeschichte eingehen wie der Kreter oder Russells epochaler Satz Der König von Frankreich ist kahlköpfig.
 
 

Kommentar von Maserfarka, verfaßt am 03.03.2011 um 01.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18252

Mir ist auch ein Text untergekommen:

www.wissenslogs.de/.../ehrlichkeit-in-der-wissenschaft-mein-epilog
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.03.2011 um 16.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18249

Ein Text, der mir gerade untergekommen ist, könnte auch andere interessieren: www.faz.net
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 02.03.2011 um 08.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18243

In Hollywood würde man die ergreifende Story sofort verfilmen. Können wir auch hier in der Provinz damit rechnen?

Noch ein Fundstück aus einem Blog:

Und demnächst im Pschyrembel: Xerophobie, die, auch Zu-Guttenberg-Syndrom genannt, umgangsprachlich „Karlsfracksausen“: die Angst davor, im Kontextmenü auf „Kopieren“ und/oder „Einfügen“ zu klicken, siehe auch „Strg + C“ und „Strg + V“.
 
 

Kommentar von W15, verfaßt am 01.03.2011 um 14.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18241

Aus seiner (aktiven) Bundeswehrzeit kennt KT sicher noch den Spruch (oder abgewandelt):

"Ich bin Akademiker. Man nennt mich Doc Martens..."
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 01.03.2011 um 10.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18239

Nun folgt der letzte Akt: G. tritt vor die Öffentlichkeit, erklärt seinen Rücktritt, begründet ihn damit, daß er seiner Familie (aber auch der Partei) das nicht länger antun könne und wolle usw. usf. Es ist immer dasselbe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.03.2011 um 09.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18238

Georg Simmel hat beobachtet, daß das Schamgefühl "völlig zu ver­sagen pflegt, sobald die Handlung, durch die es sonst provoziert wird, in Gemeinschaft mit vielen anderen Personen geschieht." (Theorie der Scham 1901)
Ich habe dieses Zitat sonst benutzt, um die eigentümliche Beschaffenheit der "Gremienprosa" zu verstehen, die mich schon seit vielen Jahren beschäftigt. Es läßt sich aber ganz allgemein auch auf die Argumentationsweise von Menschen anwenden, die sich in einer Gruppe verstecken zu müssen oder zu dürfen glauben. Am klarsten ist der Fall der Unterwerfung unter die politische Korrektheit, die man einzeln ablehnt, in der Gruppe aber mitmacht. Es ist eine Psychologie des Mitläufertums.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.03.2011 um 09.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18236

Die ganze Arbeit kann man dank dem famosen Abgeordneten Mierscheid auch herunterladen:

www.scribd.com
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 01.03.2011 um 05.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18235

Das schwülstige Vorwort der Dissertation kann man hier herunterladen:
www.duncker-humblot.de/images/cover/9783428525348_Vorwort.pdf

Auf den eineinhalb Seiten schreibt Guttenberg:

… und ließ die notwendige Unbedingtheit des Gestaltungswillen [!] nur schemenhaft erkennen … das nunmehr zu Recht „legendär“ zu nennende „Häberle-Seminar“, das dem von Konrad Hesse geprägtem [!] Vorbild längst weit enteilt ist … Von Herzen Danke meinem großen Lehrer Prof. Dr. Dres. [!] mult. [!] h.c. Peter Häberle …

Guttenberg weiß nicht, daß Dres. ein Plural ist (Doctores), mit dem mehrere Personen bezeichnet werden. Ungewöhnlich für jemanden, der in demselben Vorwort dreimal den "Kairos" bemüht, einmal sogar griechisch geschrieben. Hat er nie die Titelfolge Prof. Dr. Dr. h.c. mult. des ihm langjährig vertrauten Doktorvaters gelesen? Oder wollte er das vermeintlich Falsche korrigieren, das er es abtippte? Rätselhaft.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 28.02.2011 um 09.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18227

Was die Kanzlerin noch 2008 über den Diebstahl von geistigem Eigentum gesagt hat (»kein Bagatelldelikt« usw.), kann man hier noch einmal lesen und hören.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.02.2011 um 09.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18226

Wie ich sehe, vertritt der Hochschulverband dieselbe Ansicht wie ich selber, deshalb möchte ich die Entschließung vom letzten Jahr hier wiedergeben:

1.  Wider das Plagiatsunwesen
Universitätslehrer gehen davon aus, dass die überwältigende Mehrheit der Studierenden ihre Seminar- und Abschlussarbeiten eigenständig und redlich verfasst. Sie sollten sich aber auch darüber im Klaren sein, dass es durch die Digitalisierung von Texten deutlich leichter geworden ist, mittels "Copy & Paste"-Befehl Plagiate zu erstellen und Texte Dritter ganz oder teilweise, wörtlich oder nahezu wörtlich als eigene wissenschaftliche Leistung auszugeben. Hochschullehrer und ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter haben sich deswegen mit den bislang zur Verfügung stehenden Kontrollinstrumenten vertraut und von diesen Gebrauch zu machen. Gleiches gilt für staatliche Prüfungsämter. Der Deutsche Hochschulverband appelliert darüber hinaus an alle Fakultäten, verbindliche Regelungen für Fälle eines nachgewiesenen Plagiats zu treffen und diese konsequent anzuwenden. Ein Verhaltenskodex mit Darstellung der Konsequenzen bei Verstoß ist Studierenden bei der Immatrikulation zu überreichen.
2.  Wider die "Promotionsberatung"
In zahlreichen Publikationen inserieren sogenannte "Promotionsberater", die einer zahlungskräftigen und -willigen Klientel Vermittlungs- und Beratungsdienste für den Erwerb eines Doktortitels versprechen. Es besteht der begründete Verdacht, dass die Hilfe der "Promotionsberatung"unzulässigerweise auch die vom Promovenden in eigener Person zu erbringende wissenschaftliche Arbeit umfasst. Die jüngsten staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen Dozenten von Hochschulen haben zudem gezeigt, dass in einigen wenigen Fällen die als Prüfer in Promotionsverfahren beteiligten Hochschullehrer für bereitwillige "Kooperationen", die den Straftatbestand der Bestechlichkeit erfüllen, finanzielle Gegenleistungen angenommen haben. 
Der Deutsche Hochschulverband sieht mit großer Sorge, dass durch solche kriminellen Machenschaften akademische Leistungen und Grade entwertet, deren legitime Träger diskreditiert und der Ruf der Universität als verleihende Institution beschädigt werden. Bereits 1994 hat sich der Deutsche Hochschulverband in einer Resolution für Vorkehrungen in den Promotionsordnungen ausgesprochen, um den prosperierenden Markt der "Promotionsberatung"einzudämmen (vgl. die Resolution "Maßnahmen zur Qualitätssicherung von Promotionen"vom 25. März 1994). Unbeschadet einzelner Verbesserungen blüht das Geschäft der Promotionsberatung weiterhin.
Vor diesem Hintergrund erneuert der Deutsche Hochschulverband seine Forderung, die Zulassung zur Promotion an den Nachweis einer qualifizierten Prüfungsleistung zum Abschluss des Studiums zu binden. Doktoranden müssen darüber hinaus in einer eidesstattlichen Erklärung explizit versichern, keine andere Hilfe als die in der Arbeit angegebene, insbesondere auch keine Hilfe eines "Promotionsberaters", in Anspruch genommen zu haben. Soweit für die Abnahme einer eidesstattlichen Erklärung die dafür notwendige gesetzliche Ermächtigung nicht oder nur unvollständig im jeweiligen Landeshochschulgesetz zu finden ist, werden die Länder aufgerufen, unverzüglich die dafür notwendige gesetzliche Grundlage zu schaffen.
Darüber hinaus ruft der Deutsche Hochschulverband alle Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer auf, in Promotionsverfahren wachsam zu sein, jedem Verdachtsmoment gegenüber Kollegen und Promovenden ohne Zögern nachzugehen und an der Erhärtung und Widerlegung von Zweifeln an der Rechtmäßigkeit eines Promotionsverfahrens mitzuwirken.
Wer als Hochschullehrer wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens - insbesondere auf Grund "geschäftlicher"Kontakte zu "Promotionsberatern"-   strafrechtlich oder disziplinarrechtlich rechtskräftig verurteilt ist, hat essentiell gegen die ethischen Prinzipien seiner Berufsgruppe verstoßen. Er kann nicht Mitglied des Deutschen Hochschulverbandes werden oder bleiben.
Hamburg, den 23. März 2010
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.02.2011 um 08.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18225

Gute Ghostwriter haben, wie einer in der NZZ aufdeckt, eine eigene Moral: sie schreiben nicht ab. Darum ist es auch etwas teurer. Wie gesagt, man darf nicht an der falschen Stelle sparen.

www.nzz.ch
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 27.02.2011 um 11.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18218

Auch Sprachwandel?
Besonders in der Politik werden gerne verschleiernde Formulierungen verwendet. ‚Fehler werden eingeräumt‘, statt ‚ich habe betrogen‘, oder ‚etwas kann nicht sein‘, statt ‚ich bin klar dagegen‘. Alles Formulierungen, die speziell gemacht sind, um Hintertürchen zu belassen. Politsprech wird so zu heißer Luft mit wenig greifbarem Inhalt reduziert.
Vermutlich trägt auch dies zur allgemeinen Politikverdrossenheit bei.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 26.02.2011 um 19.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18217

Ich melde schon mal Urheberrechte für den Untertitel eines der nächsten Tagebucheinträge an: »Zum Fall Guttenbergs«.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.02.2011 um 12.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18215

"Promovieren leichter gemacht" – solche und ähnliche Beiträge über die Absichten von Annette Schavan haben jetzt einen Nebensinn, auf den die Zeitungen bisher nicht eingehen. In der akademischen Landschaft ist aber das Verhalten von Frau Schavan mit besonderem Befremden, ja mit Wut aufgenommen worden.

Ich erinnere noch einmal daran, daß Schavan und ihre damalige Kollegin Karin Wolff das Verdienst beanspruchen, den Rechtschreibrat eingerichtet und damit die Rechtschreibreform gerettet zu haben. Die wirklichen Gründe dieser Aktion werden wohl für immer unbekannt bleiben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.02.2011 um 09.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18209

Ich kann mir nicht vorstellen, daß der Aufwand, der zur endgültigen Vertuschung nötig gewesen wäre, größer war als der Aufwand des Abschreibens selbst.

Noch etwas anderes:

"Der Bayreuther Universitäts-Präsident Rüdiger Bormann sagte der "Berliner Zeitung", die Universität habe die Frage, ob Guttenberg mit seiner Dissertation bewusst getäuscht habe, auf die Schnelle nicht klären können. Dies sei auch eher eine Frage für die Staatsanwaltschaft. " (Welt online)

Ich bin kein Jurist, aber meiner Ansicht nach wäre die Aberkennung wegen Täschung eine Sache des Promotionsausschusses, nämlich nach der Promotionsordnung, während die dort nicht besonders vorgesehene Rücknahme eines rechtswidrigen Verfahrens Sache der Verwaltungsgerichtsbarkeit sein dürfte. Vielleicht liege ich falsch, aber im Promotionsausschuß sitzen ja hier nur zufällig Juristen, bei uns in der Germanistik wären es Leute, die das Rechtliche gar nicht kompetent beurteilen können, wohl aber ein Plagiat. Dazu braucht man den Staatsanwalt doch nicht. Das Ganze kommt mir immer sonderbarer vor.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 25.02.2011 um 07.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18208

Lieber Professor Ickler,

worauf beruht Ihre Vermutung, es werde herauskommen, wer die Arbeit zu Ende gebastelt hat? Egal ob es ein vom Promotionsberater vermittelter Ghostwriter war oder vielleicht auch ein Spezl – der Täter wird doch keinen Anreiz zur Offenbarung verspüren, der die Nachteile überwiegen könnte. Welche Belohnung soll ihn zur Aufdeckung verleiten? Es müßte genügend Mitwisser geben, so daß einer dabei ist, der Guttenberg abservieren möchte, notfalls gegen eine Belohnung. Aber das kommt mir alles nicht wahrscheinlich vor. Vertrauen Sie auf die Neugier irgendwelcher Hacker, die in die PCs von möglicherweise involvierten Personen eindringen und einen entsprechenden Mailaustausch aufspüren werden?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.02.2011 um 06.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18207

Wie ich der heutigen Zeitung entnehme, hat die Universität Bayreuth ein besonders schonendes Verfahren gefunden, indem sie ihm den Doktortitel nicht nach der Promotionsordnung aberkannte, sondern nach Art. 48 des Bayerischen Verwaltungsverfahrensgesetzes: Rücknahme eines rechtswidrigen Verwaltungsaktes. Damit nimmt sie die ganze Schuld auf sich und erspart Guttenberg den Nachweis einer Täuschungsabsicht.
Die Untersuchung soll weitergehen, aber nachdem auch noch herausgekommen ist, daß die Familie Guttenberg die Uni Bayreuth sponsert, braucht man keine zu hohen Erwartungen zu hegen. Daß eine bayerische Universität einen CSU-Spitzenpolitiker in Verlegenheit bringt, ist nahezu undenkbar.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 25.02.2011 um 00.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18206

Wie sehr verkürzte Zitate einen völlig falschen Eindruck vermitteln können, habe ich gestern wieder festgestellt.

Auf t-online.de war kurzzeitig die Schlagzeile zu lesen: »Guttenberg: Ich war hochmütig« (ich zitiere aus dem Gedächtnis). Manometer!, dachte ich, sollte G. tatsächlich Reue zeigen? Als ich dann abends im Fernsehen das vollständige Originalzitat hörte, stellte sich alsbald Ernüchterung ein. G. hatte nämlich gesagt: »Ich war sicher so hochmütig zu glauben, daß mir die Quadratur des Kreises gelingt, und zwar politische Leidenschaft und Arbeit sowie wissenschaftliche und intellektuelle Herausforderungen als junger Familienvater miteinander in Einklang zu bringen.« Das ist nämlich nicht das reumütige Eingeständnis von Hochmut, nein, hier wird schon wieder ein Wort mißbraucht! Was G. angeblich versucht hat, muß jeder billig und gerecht denkende Mensch gut finden. Hier hat sich einer aufgeopfert, um das objektiv Unmögliche möglich zu machen. Das war nicht hochmütig, sondern bewunderungswürdig. Wie kleingeistig muß man sein, um ihm daraus nun einen Strick drehen zu wollen? Wieder wird der Spieß einfach umgedreht. Nicht G. hat ein moralisches Problem, sondern all jene, die ihm sein Scheitern bei einem durch und durch hehren Unterfangen zum Vorwurf machen.

Die Schlagzeile »Guttenberg: Ich war hochmütig« ist so angemessen, wie es die Schlagzeile »Metz: Ich war naiv« wäre, wenn ich empört festgestellt hätte: »Und ich war so naiv zu glauben, daß so was in unserer Republik nicht möglich ist!«
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.02.2011 um 19.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18205

Das Eingeständnis Guttenbergs, seine Dissertation enthalte "gravierende handwerkliche Fehler", und die Bitte um Rücknahme des Doktortitels haben der Kommission die Arbeit erleichtert. Damit war die Täuschung unstrittig, man konnte auf langwierige Anhörungen verzichten und eine Frage aussparen: Täuschte Guttenberg vorsätzlich?

So oder ähnlich liest man es nun überall. Aber das ist falsch. Handwerkliche Fehler sind an sich noch keine Täuschungen, und ihre nachträgliche Entdeckung führt nicht zur Aberkennung des Doktorgrades. Ihre frühere Nichterkennung fällt ganz und gar auf die Gutachter zurück. G. selbst behauptet also, daß sein Doktorvater und der Zweitgutachter sowie die ganze Prüfungskommission die handwerklichen Fehler nicht bemerkt haben! Das ist eine schwere Beleidigung. Handwerkliche Fehler muß ein Gutachter selbstverständlich bemerken, denn die Doktorarbeit soll ja gerade beweisen, daß der Promovend sein Handwerk beherrscht. Getäuscht worden zu sein wäre dagegen verzeihlich, denn der Betrüger hatte es ja darauf abgesehen zu täuschen, also unentdeckt zu bleiben.
 
 

Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 24.02.2011 um 16.32 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18201

Lieber Herr Ickler,
Sie sollten Wagners BILD-Ergüsse nicht lesen. Das ist durchgehend saudummes Zeug, und daß BILD die deutsche Bevölkerung tagtäglich mit saudummem Zeug füttert, ist doch längst allen klar, auch den Gefütterten, denen das saudumme Zeug aber ebenso gefällt wie die Nackedeis, von denen sie in ihren tristen Existenzen meinen träumen zu müssen, denn so saudumm, wie der Wagner sie füttert, könnten sie es selbst gar nicht. Er öffnet die Grenzen nach unten auch für den letzten, der sein möglicherweise doch noch vorhandenes vernünftiges Urteilsvermögen mit bestem Gewissen fahrenläßt.

Ich habe den Fehler gemacht, ihm folgenden "Leserbrief" zu schreiben, Fehler deshalb, weil ihm Kritik sicherlich völlig wurscht ist, ihn eher darin bestärkt, die Stimme des "einfachen Manns" zu verkörpern:

Lieber Herr Wagner,

daß Sie nie eine Universität von innen gesehen haben, durchs Abitur geflogen sind und von Doktorarbeiten keine Ahnung haben, qualifiziert Sie offenbar ausgezeichnet zum BILD-Redakteur für einfache Denkmuster fürs gemeine Volk. Guttenberg hat, angeblich ohne Vorsatz, seitenweise wissenschaftliche Arbeiten anderer als seine eigenen ausgegeben, um damit einen Doktortitel zu erwerben. Auch in der Grundschule, die Sie vermutlich doch besucht haben, wird Abschreiben bestraft. Wie kann jemand seitenweise abschreiben, ohne dies vorsätzlich zu tun? Aus Versehen? Eine Kantinenhilfskraft, die eine dem Wegwerfen bestimmte Semmel gegessen hat, wurde fristlos gekündigt. Guttenberg darf sich ungestraft einen Doktortitel erschleichen, indem er die Leistungen anderer als die seine ausgibt. Wo ist da Ihr gesunder Bürgersinn?
Sie schreiben, Guttenberg sah immer besser aus als alle anderen, und deshalb bezeichnen Sie ihn als einen guten Mann. Tja, so primitiv denkt (denkt?) das einfache Volk, das Sie und Bild tagtäglich in seiner selbst verschuldeten Verblödung halten. Natürlich ist das alles ein gefundenes Fressen für die Gegner Guttenbergs. Aber ER hat es ihnen beschert, nicht die Gegner.
Und wie hat man in Ihren Kreisen versucht, ebenfalls "gute" Leute wie Joschka Fischer zu Fall zu bringen? Das ist politischer Freistilkampf, auf beiden Seiten unschön, aber ein "guter" Mann liefert dafür eben keine Angriffsflächen.
Freundliche Grüße
Walter Lachenmann
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.02.2011 um 12.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18199

Bisher hatte ich noch keine Zeile von Wagner gelesen, kannte nur den Namen. Ein schweres Versäumnis. Man sollte schon wissen, welchen Dreck ein großer Teil der Bevölkerung zu fressen kriegt.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 24.02.2011 um 12.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18198

Ebendieser F. J. Wagner schrieb am 18.12. 2009:

Lieber Ex-Generalinspekteur Schneiderhan,
einen Menschen einen Lügner nennen ist schweres Geschütz. Wer lügt, der stiehlt... Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht...
Du sollst nicht lügen, steht in den 10 Geboten. Wenn ein Mensch unter dem Verdacht der Lüge lebt, dann wird er zweitklassig. Er gehört nicht mehr zu den weißen Westen, zu den Anständigen. Aus dem Mund des Lügners quillt Gift und beißender Gestank. Lügner sind nicht gesellschaftsfähig, Lügner sind Kakerlakengift, Lügner haben sieben Zungen.
Der Vorwurf der Lüge ist wie giftuntermischtes Wasser. Einen Menschen als Lügner zu bezeichnen ist so, als wäre er unsauber, verwahrlost.
Denken Sie über die Lüge nach, Herr Ex-General.
Herzlichst
Ihr F. J. Wagner

Aus heutiger Sicht war Schneiderhan seiner Zeit weit voraus ...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.02.2011 um 11.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18197

Die Badische Zeitung fragte gestern:

"Wenn es sein kann, dass ein mit Plagiaten gespicktes Patchwork die Schranken der Promotionsordnung locker passieren kann: Muss in Zukunft dann jeder Promovend eine eidesstattliche Versicherung ablegen, dass er seine Arbeit ohne fremde 'Hilfe' verfasst hat?"

Das muß er doch jetzt schon, mancherorts nur "ehrenwörtlich", was aber unter moralischem Aspekt keinen Unterschied macht.

Solange Guttenberg nicht die Wahrheit sagt (das ist es, was Franz Josef Wagner sich gar nicht vorstellen kann), müssen eben Bataillone von Journalisten herauszufinden versuchen, wer die Arbeit zusammengeklebt hat. Und es wird herauskommen. Davon verspreche ich mir den überfälligen Stoß gegen die Promotionsberater. Nur darum lohnt sich auch dieser Aufwand noch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.02.2011 um 10.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18196

Meine Einschätzung sehe ich bestätigt durch die jüngste Wagner-Post in der BILD. Ich setze noch die vorige dazu (hoffentlich verstoße ich nicht gegen das Urheberrecht, entschuldige mich schon mal ordentlich im voraus):

Bild 17.2.2011:

Lieber Dr. zu Guttenberg,
worum geht es bei den Plagiatsvorwürfen um Ihre Doktorarbeit? Um die Reinheit der Wissenschaft? Oder darum, einen Superstar zu entzaubern?
Ihre Beliebtheit im Polit-Barometer ist titanisch. Sie werden Lichtgestalt genannt. Die Deutschen erwarten, dass Sie höhere Aufgaben übernehmen – Ministerpräsident von Bayern, Kanzler von Deutschland.
Die Plagiatsvorwürfe sollen Sie zu einem Taugenichts reduzieren, einem Abschreiber, einem Betrüger.
Ich lebe seit 20 Jahren in der Berliner Republik, in dem Sumpf der Eifersucht. Wer hat das bessere Foto in der Zeitung? Wer war im „Morgenmagazin“ bei ARD, ZDF, wer bei Anne Will? Wer bei Plasberg?
Wer sah besser aus als ich?
Immer sah Guttenberg besser aus als alle anderen. Ich glaube, das war der Moment, wo die Jagd auf Guttenberg begann.
Hat er als Schüler geklaut? Hat seine Frau ein uneheliches Kind? Hat er die Steuer beschissen?
Aaaha, endlich die Doktorarbeit. Die Jäger haben ein Schussfeld. Sie können schießen.
Ich habe keine Ahnung von Doktorarbeiten. Ich flog durchs Abitur und habe nie eine Universität von innen gesehen. Also, ich kann von außen sagen: Macht keinen guten Mann kaputt. Scheiß auf den Doktor.
Herzlichst

F. J. Wagner


Bild 24.2.2011:

Liebe Guttenberg-Kritiker,
erste Frage: Was kann ein Mensch mehr tun, als sich zu entschuldigen? Zweite Frage: Was ist so schwer, seine Entschuldigung anzunehmen? Verzeihen ist die Tugend der Evolution.
Es widert mich an, wie der Grünen-Fraktionschef Trittin wollüstig im Bundestag lacht über Guttenberg. Er breitet seine Arme verächtlich aus, als wäre er von Gottes Gnaden, Inhaber der Moral. Das geschah gestern im Bundestag. Es geschieht in allen Talkshows zurzeit. Guttenberg wird gegrillt. Der Mann ist 39, er hat zwei Kinder, zwei Mädchen.
Was soll dieser Mann für seine Ehre tun? Sich aus dem Fenster stürzen, sich die Pistole an die Stirn setzen, sich im Schlossturm seines Schlosses aufhängen?
Das alles hat Guttenberg nicht gemacht. Er war stark. Er hat sich nicht gehen lassen.
Herzlichst
F. J. Wagner"
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 24.02.2011 um 10.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18195

So schnell wird das nicht ausgestanden sein. Guttenberg hat sich die tiefe Verachtung der meisten Akademiker zugezogen. Seinen Auftritten wird künftig die Peinlichkeit anhaften. Die Belege bei GuttenPlag sind ja eindeutig genug. Mag sein, daß vielleicht nur 10 Prozent seiner Soldaten finden, daß ein Rücktritt fällig wäre. Besser wäre es, wenn kein einziger Soldat oder Offizier meint, daß der Verteidigungsminister ein Aufschneider und somit eine Fehlbesetzung ist.

Ich fragte mich gerade, ob schon jemand auf die Idee gekommen ist, Guttenberg als den "Christoph Daum der Politik" zu bezeichnen. Tatsächlich, ein Blogger ist schon darauf gekommen. Google ergibt aber noch zwei weitere Belege; gemeint war im einen Fall Jürgen Möllemann, im anderen Helmut Kohl. Guttenberg zwischen dem Hasardeur Möllemann und dem großen Aussitzer Kohl – das trifft es ganz gut.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.02.2011 um 10.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18194

Bei der Gelegenheit: Es scheint nur den Ehrenmann zu geben. Ehrenfrau oder Ehrendame ist ja wohl etwas ganz anderes.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.02.2011 um 10.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18193

Anmerkung für Nichtbayern: Die Universitäten sind auf das Wohlwollen der Staatsregierung angewiesen. Widerstand gegen die Rechtschreibreform zum Beispiel war schon deshalb nicht zu erwarten, das galt sogar für einzelne Lehrstühle und Professoren. Zynische Bemerkungen dazu habe ich seinerzeit ganz offen gehört. Auch jetzt wird die Uni Bayreuth nicht viel aus der Affäre Guttenberg machen. Das Besondere in Bayern ist ja, daß mit einem Regierungswechsel in den nächsten tausend Jahren nicht zu rechnen ist, denn es gibt praktisch keine Opposition.

Noch zu Guttenbergs Verteidigung (oder soll man Angriff sagen?): Es könnte sein, daß sich die Bedeutung geläufiger deutscher Wörter wie "bewußt", "handwerklich", "Vorbild" sachte ändert. "Die Sprache ist ein hohes Kulturgut", haben Zehetmair und die anderen Schwätzer immer gesagt. Was sagen sie denn zu dieser Umwertung der Begriffe?

Falls die seltsamen Umfrageergebnisse wahr sind ("beliebter denn je"), könnte es daran liegen, daß sehr viele Menschen den Eierköpfen in ihren Elfenbeintürmen mal zeigen wollen, was sie von ihnen halten. Für Merkel und andere ist das ein Argument, aber für die Bildungspolitik läßt es wenig Gutes erwarten.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 24.02.2011 um 09.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18192

An Anstand, Charakter, Ehre usw. wird von Gs Kritikern appelliert. Das läßt ihn allerdings völlig unbeeindruckt, als ob es Fremdworte wären. Vielleicht müßte man auch nur griechisch zu ihm reden?
Interessant auch, daß alle Internetabstimmungen, die ich gesehen habe, durchwegs Mehrheiten für einen Rücktritt ergeben, offiziell wird allerdings überall behauptet, das Volk stunde voll hinter ihm, sogar noch voller als vor der Affäre …
Man darf gespannt sein, wie es weitergeht.
 
 

Kommentar von B Janas, verfaßt am 24.02.2011 um 09.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18191

Besser konnte es für Herrn zu G. unter den gegebenen Umständen nicht laufen. Nun ist doch – schneller konnte das nicht gehen – alles vom Tisch, der Welt und der Journaille mangelts nicht an neuen Themen, binnen Tagen ist das für die Medien abgehakt, will "keiner" mehr davon was hören. Für ihn und die Union zählt dann nur noch, daß seine Anhänger, eine Mehrheit, bei der Stange geblieben sind. Daß dies so ist, bleibt das am meisten irritierende Faktum. Hüten muß er sich nur noch vor neuen Fehlern, und daß noch mehr alte rauskommen. Orthographie und Grammatik zählen weiterhin nicht.
 
 

Kommentar von FAZ.net, verfaßt am 23.02.2011 um 20.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18189

www.faz.net

"Auf einen Espresso
Guttenberg und der Kairos
Als „Ultima Ratio“ verkauft die Regierung in diesen Krisenzeiten jene Vorhaben, bei denen sie ein schlechtes Gewissen hat. Versehen mit der vermeintlich höheren Weisheit des Lateiners klingt alles gleich besser durchdacht.
Von Heike Göbel

23. Februar 2009
..
Der Neue im Kabinett, Karl-Theodor zu Guttenberg, kann nicht nur Latein, sondern auch Griechisch.
..
Griechisch beeindruckt uns der Freiherr im Vorwort seiner erst kürzlich veröffentlichten Dissertation über amerikanische und europäische Verfassungsfragen. Mit Blick auf den von Irland gestoppten Vertrag von Lissabon, fragt Doktor Guttenberg: "Kann man demgemäß und aktuell von Scheitern sprechen? Von einem großen Projekt, das im Anblick des Hafens noch tragisch Schiffbruch erleidet? Oder vernehmen wir lediglich ein erneutes, wenngleich keuchendes historisches Durchatmen?" Um dann zur Conclusio zu kommen: "Europa verpasste in den Jahren 2007 und 2008 zum wiederholten Male den Kairos und ließ die notwendige Unbedingtheit des Gestaltungswillens nur schemenhaft erkennen."

Die Dissertation war offenbar eine eher schwere Geburt. "Wie oft wurde der Kairos der Fertigstellung durch freiberufliche wie spätere parlamentarische Ablenkung versäumt, bevor die Erkenntnis dieses traurigen Faktums einer bemerkenswerten Mischung aus eherner professoraler Geduld, sanftem, aber unerbittlichem familiären Druck und wohl auch ein wenig der beklagenswerten Eitelkeit weichen durfte", lässt der adelige Minister den Leser an seiner Mühsal teilhaben. "Allzu viele mussten meine verwegene Charakter- und Lebensmelange ertragen, und ich bin allen überaus dankbar für unbeugsame Gelassenheit. Gleichwohl: Wirkliche Besserung ist kaum absehbar." Das kann ja heiter werden im Kabinett.

..."
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 23.02.2011 um 20.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18188

Bayreuth kam dann doch erstaunlich schnell zu einem Ergebnis: Guttenberg wird der akademische Grad aberkannt. Aber einen Ministerbonus hat er anscheinend noch.

Die wörtliche und sinngemäße Übernahme von Textstellen ohne hinreichende Kennzeichnung verstoße gegen die Rechtsprechung und die Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens, erläuterte Bormann.

Die Frage eines möglichen Täuschungsvorsatzes habe man dahinstehen lassen können. „Wir brauchen nicht zu prüfen, ob die ganze Arbeit ein Plagiat ist“, sagte der Universitätspräsident.

www.faz.net

Das bedeutet ja wohl, daß die Universität Bayreuth keine rechtlichen Konsequenzen (außer der Aberkennung des akademischen Grades) ziehen wird.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 23.02.2011 um 17.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18187

Dieser aufgeblasene Schwätzer widert mich an, ich muß es loswerden. Wenn es ihm wirklich darum ginge, Schäden zu vermeiden und sich in den Dienst der anderen zu stellen, wäre er längst zurückgetreten, wie es jeder Mann mit Anstand und Charakter getan hätte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2011 um 15.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18185

In seinem Schreiben führt Guttenberg aus:
"Dieser Schritt ist für mich besonders schmerzhaft, aber er ist eine Konsequenz aus meinen Fehlern. Er ist auch notwendig, um bereits eingetretenen Schaden für den hervorragenden Ruf der Universität, für meinen überaus honorigen Doktorvater und für meinen so geschätzten Zweitkorrektor zu begrenzen."
Für mein Sprachgefühl ist der Ausdruck "honorig" hier unpassend. Er hat etwas Herablassendes.

Und noch einmal: Der Doktorgrad kann nicht abgelegt werden, sondern nur aberkannt, und das ist immer unehrenhaft. Etwas anderes sieht die Promotionsordnung verständlicherweise nicht vor.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 23.02.2011 um 15.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18184

"Zum anderen verlangt mein Amtsverständnis, das ich mich mit ungeteilter Aufmerksamkeit den großen Herausforderungen meines Ministeriums annehme."

Hat er das tatsächlich so anläßlich seiner "Rückgabe" an die Uni Bayreuth geschrieben? Unglaublich, aber so steht es bei FAZ.net und anderen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2011 um 13.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18183

Wie ich gerade sehe oder vielmehr höre, ist bei der wunderschönen, schon zwei Jahre alten Vertonung des Vorwortes von Guttenbergs Dissertation der "Kairos" leider irrigerweise auf der ersten Silbe betont. Aber sonst durchaus hörenswert:

www.youtube.com/watch?v=xDzzokhlDbk&feature=player_embedded.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2011 um 13.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18182

Lernt Griechisch mit Guttenberg! Nachdem er aus seiner Lektüre griechischer Originaltexte den "Kairos" mitgebracht hat, schwätzen nun viele Jourmalisten ebenfalls vom "Kairos", und das ausgerechnet in diesen Wochen, wo so viele Berichte von den Straßen und Plätzen Kairos erscheinen. Der Kairos wird immerhin noch manchmal übersetzt. G. meinte damit einfach eine "Gelegenheit" und hätte es auch so sagen können, Kairos ist ja wieder mal zu hoch gegriffen, putzt aber ungemein.

Griechischschüler werden sich erinnern, daß Herodot meistens der Anlaß ist, sich näher mit dem Wort zu beschäftigen. Für die Fertigstellung einer Dissertation braucht man es eigentlich nicht ...
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.02.2011 um 13.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18181

Das Volk scheint mir sehr gut unterscheiden zu können, ob der Doktortitel nur als schmückendes Beiwerk oder als Spezialisierung auf einem Fachgebiet erarbeitet wird.

Zum Beispiel hat einer meiner Neffen nach dem TU-Diplom als Bauingenieur und mehrjähriger Berufstätigkeit einige Jahre als Assistent an seiner TU verbracht und sich mit der Doktorarbeit zum Brandschutz-Spezialisten weitergebildet und hat jetzt auf diesem Gebiet eine gut bezahlte Beratertätigkeit in einem Ingenieurbüro für Brandschutz im Hochbau. Das war eine echte Marktlücke, weil jetzt überall die Brandschutzvorschriften verschärft werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2011 um 12.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18178

Danke, Herr Riemer, dieser Nachtrag war unbedingt nötig. Die bisherigen Volksentscheide (z. B. gegen die Rechtschreibreform) waren ja wohl nicht so fürchterlich verkehrt – oder? Außerdem gibt es zwischen Meinungsumfragen und den lange vorbereiteten Volksentscheiden keinerlei Beziehung.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 23.02.2011 um 10.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18177

Wobei, das muß ich leider zugeben, unsere demokratisch gewählte Regierung gegenwärtig nicht besser aussieht.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 23.02.2011 um 10.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18176

Ich sehe diesen Fall wieder einmal als Argument gegen Volksabstimmungen.
Was dabei für Deutschland herauskäme, wäre eben nur BILD-Zeitungsniveau.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2011 um 10.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18175

Auf die "riesige Mehrheit", die G. im Amt halten will, sollte sich die Union lieber nicht verlassen; das war gestern. Heute ergeben die verschiedenen Abstimmungsmöglichkeiten im Internet zwischen 85 und 88 Prozent gegen ihn. Das ist zwar nicht repräsentativ, aber auch nicht ganz ohne Bedeutung.
Das "Jubelgebrüll" in Kelkheim hat was Obszönes, zumal G. die Stimmung auch damit hochpeitscht, daß er sich über die Kritiker lustig macht. Die Fakultät in Bayreuth wird nicht amüsiert sein. Er spielt ja auch mit dem Ressentiment des Pöbels gegen die Intellektuellen (zu denen er paradoxerweise selbst gern gehören möchte). Nun soll auf einmal die Universität ein Kinderspielplatz sein, den man nicht so ernst nehmen müsse.

Außer dem Schlußstrich-Argument Kauders ist auch wieder zu hören, es gebe Wichtigeres. Mehr oder weniger deutlich gibt man zu verstehen: Am Hindukusch fallen unsere Soldaten, und wir machen den Verteidigungsminister madig.

(Zu Kauder s. Wiki-Eintrag über ihn.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2011 um 10.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18174

Volker Kauder erklärt das Thema Guttenberg für erledigt. Ebenso hat er sich seinerzeit für die Rechtschreibreform eingesetzt, immer nach dem Motto: Was wir als Politiker einmal beschlossen haben, bleibt!
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 23.02.2011 um 09.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18173

Wissenschaftler, die Universitäten und die akademischen Kreise wissen, daß Guttenberg ein Betrüger ist, und sie sind sich sehr sicher, daß er bei seinen diversen Dementis gelogen hat. Man war schon vor Guttenbergs letztem Schachzug überzeugt, daß er selbstverständlich den Doktortitel verlieren muß.

Die weitergehende Frage, ob er bei den Fälschungen und anschließend beim Abstreiten ein solches Charakterdefizit offenbart hat, daß er auch als Minister zurücktreten oder überhaupt als Politiker ausscheiden sollte, geht in einer Demokratie alle an.
 
 

Kommentar von Gudrun, verfaßt am 23.02.2011 um 04.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18167

Ich frage mich dennoch: Wo bleibt der große Aufschrei aus der Wissenschaft, den Universitäten, aus den akademischen Kreisen?
 
 

Kommentar von B Janas, verfaßt am 22.02.2011 um 14.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18158

Ist die Sache als solche schon hanebüchen genug, setzt er mit seinem Verhalten und demagogischen Geschwafel, von sprachlicher Qualität unter aller Kritik, noch mehrfach eins drauf. Ein Volk, das solche Blender wählt, ...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2011 um 13.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18157

Diesen Text hat G. zweifellos selbst geschrieben, denn so derangiert kann keine Sekretärin sein.
Das lächerliche Plagiat kommt mir inzwischen weniger schwerwiegend vor als der geschönte Lebenslauf und das Verhalten als Minister, über das nun wieder mehr gesprochen wird. Lutz Kinkel hat im Stern online einen etwas saloppen, aber wohl zutreffenden Kommentar gegeben ("Blender").
Müßten nicht auch die von G. geschaßten Offiziere (Schneiderhan, Wichert, Schatz) rehabilitiert werden?

Für uns ist interessant, wie ein gewaltiger Einsatz von Rhetorik unter den Bedingungen und mit den Mitteln der modernen Massenkommunikation stattfindet und eine Zeitlang überwältigenden Erfolg hat. Die FAS hat das Zusammenspiel mit BILD dargestellt. Es gibt noch viele Jahre lang zu tun, bis geklärt ist, wie das alles möglich war.

Der Doktorvater und die anderen Gutachter tun mir nicht leid, sie hätten die Arbeit lesen sollen, wie der FAZ-Rezensent sie schon vor dem Plagiatsvorwurf gelesen hat. Leid tut mir der wirkliche Vater.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 22.02.2011 um 10.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18156

Auszug aus Gs möglicherweise selbstgeschriebenem Text auf seiner Homepage:
"Jede weitere Kommunikation über dieses Thema werde ich auschließlich (!) mit der Universität Bayreuth führen. Die Menschen erwarten, daß (!) ich mich um mein Amt als Verteidungsministers (!) mit voller Kraft kümmere. Eine historische Reform der Bundeswehr gibt hierfür genügend Anlass (!)."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2011 um 10.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18155

Auf seiner Website hat Guttenberg jedes "Dr." mechanisch tilgen lassen, wodurch es zu so komischen Einträgen gekommen ist:

Promotion im Jahr 2007 zum jur. (summa cum laude)

Das steht immer noch da, obwohl sich die Zeitungen bereits darüber lustig gemacht haben.

Übrigens kann man einer Ansicht nach einen Doktortitel nicht einfach "zurückgeben" oder darauf "verzichten". Es geht ja nicht bloß um ein Kürzel vor dem Namen. Der akademische Qualifikationsnachweis kann von der Fakultät aberkannt werden, wenn entsprechende Tatsachen nachträglich bekannt werden.

Es ist verschiedentlich darauf hingewiesen worden, daß eine Kassiererin wegen eines Kassenbons über 1,30 Euro (oder so ähnlich) zu Recht entlassen wurde; eine Küchenhilfe darf kein für den Müll bestimmtes Brötchen verzehren usw. Das sind die Maßstäbe, die wohl erst recht für Minister gelten sollten.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 22.02.2011 um 10.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18154

Die Uni Bayreuth vermeldet, es seien im Verfahren der Dissertation Gs renommierte Gutachter eingebunden gewesen. Das heißt eigentlich, renommiert bedeutet in Bayreuth nicht auch befähigt. Einfache Google-Abfragen sollte wohl jeder Gutachter beherrschen, dessen Gutachten etwas wert sein sollen.
Neugierig wäre ich auf den Inhalt der Gespräche, die derzeit zwischen G und dessen mutmaßlichem Promotionsberatungsunternehmen laufen. Er könnte jedenfalls sein Geld zurückverlangen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2011 um 10.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18153

Nun wird es auch sprachlich wieder interessant: "handwerkliche Fehler" nennt G. seine Arbeitsweise. Technisches Versehen? Kann jedem mal passieren.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.02.2011 um 23.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18151

Daß es eine gewisse Scheu gibt, den deutschen Verteidigungsminister einer Straftat zu bezichtigen, ist verständlich.
Aber einerseits hat das Strafrecht den Begriff Betrug/betrügen nicht gepachtet, auch moralischer Betrug, der nicht strafrechtlich verfolgt wird, ist uns allen sehr geläufig. Andererseits werden sog. geistiger Diebstahl, also Verletzungen des Urheberrechts, und falsche eidesstattliche Erklärungen sehr wohl strafrechtlich verfolgt.

Im neuen SPIEGEL las ich heute neben dem Wort Schummelei auch, daß er gemogelt hat. Daß er geklaut hat. Von nicht zutreffend bis beschönigend, verniedlichend, entschuldigend ist alles dabei.

Schummeln, mogeln, klauen, haben wir doch alle schon mal gemacht, das macht unseren Minister nur noch volkstümlicher. Gibt er halt seinen Titel zurück. Einen Versuch war's jedenfalls wert.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 21.02.2011 um 23.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18150

Ein Politiker sagt: "Alle Politiker lügen." Lügt er?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 21.02.2011 um 21.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18149

Die neueste Volte: Der Minister hat den Doktortitel abgeschrieben.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 21.02.2011 um 13.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18145

Zumindest Seehofer hat die bisherige Verteidigungslinie aufgegeben: www.faz.net.

Wenn er nicht wirklich um jeden Preis an Guttenberg festhalten will, kann es sich, ganz entgegen dem Wortlaut, nur um eine Aufforderung zum Rücktritt handeln. Man stützt nicht jemanden, indem man ihm den Teppich unter den Füßen wegzieht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.02.2011 um 12.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18144

Da ich nun schon mal die FAS gekauft hatte (eigentlich wollte ich mir in der Bäckerei nur ein Stück Mohnkuchen kaufen und nie wieder die FAS), habe ich auch noch mehr darin gelesen. Erstaunlicherweise werden die Leser nicht müde, Fragen an Reich-Ranicki zu stellen, obwohl dieser in geradezu impertinenter Art, die nur sein Alter entschuldigt (aber nicht die FAS-Redaktion!), zu verstehen gibt, wie sehr ihn das alles anödet.

Dann noch dies: Volker Weidermann, der alles bejubelt, bejubelt auch einen sagenhaften autobiographischen Roman (Margaux Fragoso: Tiger, Tiger), von dem die Deutsche Verlagsanstalt mitteilt:
„Das ergreifende Buch über eine gestohlene Kindheit“ ... „erscheint zeitgleich in den USA und in 18 anderen Ländern“ (DVA)
Also von vornherein ein "Weltbestseller".
In einer Zeitung der Überbietungskunst wird die alte Lolita-Geschichte auf einen neuen Gipfel getrieben, denn die Geliebte ist erst sieben (!), als die Geschichte beginnt. Das Buch soll sehr poetisch sein, zugleich die anatomischen Details nicht aussparen. Na, usw. – Weidermann baut vor: Selbst wenn es erfunden sein sollte, sei es sehr gut erfunden. Gewiß, nur so richtig ergreifend ist es dann nicht mehr. Die bisher mäßig erfolgreiche Verfasserin hat gerade ihren Ph.D. in Creative writing gemacht, und so liest es sich auch. Die deutsche Leseprobe ist recht ungelenk, das Englische scheint überall durch ("Stoßstange an Stoßstange" usw., auch der Konjunktiv der indirekten Rede sitzt nicht so ganz).
Warten wir ab, was daraus wird.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 21.02.2011 um 10.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18140

Zu 1416#18137:

Doch, es bedarf noch einer Kommentierung. Ich verstehe nämlich nicht, auf welche Anfrage zu Guttenberg hier reagiert. Bei einer Anfrage "vom 11. Mai dieses Jahres" kann es sich doch nur um das Jahr 2009 oder 2010 (die Dissertation erschien im Januar 2009) handeln. Da war das Thema dieses Tagebucheintrags (Plagiatsvorwürfe) aber doch noch gar nicht gegeben.

Was soll die Antwort zu Guttenbergs daher zeigen?
 
 

Kommentar von Rob, verfaßt am 21.02.2011 um 03.42 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18137

Sehr geehrter Herr ,

vielen Dank für Ihre Frage vom 11. Mai dieses Jahres.

Gestatten Sie mit bitte zunächst eine Korrektur Ihrer Ausführungen: Ich habe meine Doktor-Arbeit nicht über "die" EU-Verfassung geschrieben, sondern habe in meiner Dissertation einen Vergleich der Verfassungsentwicklung in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Europa vorgenommen. Der Vertrag von Lissabon, auf den Sie sich in Ihrer Anfrage wohl beziehen, ist erst lange nach Abgabe meiner Doktor-Arbeit verabschiedet worden und wie Sie wissen, ist der Ratifizierungsprozeß diesbezüglich noch im Gange.

Sie haben sich ein bemerkenswert pauschales Urteil über die Parlaments- und Bürgerbeteiligung im europäischen Kontext gebildet, was selbstverständlich Ihr gutes Recht ist. Es würde den Rahmen dieses Forums sprengen, wenn ich Sie auf die zahllose Literatur zum Vertrag von Lissabon bzw. diesen in Teilen zugrundeliegenden Verfassungsvertrag im einzelnen verweisen würde. Nachdem Sie offensichtlich das Internet gerne und intensiv nutzen, lohnt ein Blick auf die homepages diverser Europa-Institute, großer Stiftungen, aber auch deutschsprachiger Tageszeitungen, die umfangreiche Dossiers mit teilweise sehr abgewogenen und erstklassig geschriebenen Beurteilungen der von Ihnen aufgeworfenen Fragen beinhalten.

Es ist selbstverständlich richtig, daß Teile des neu verabschiedeten Vertragswerkes auch kritisch gesehen werden müssen, jedoch wäre es auch illusionär, jedes individuell relevante Wunschkonzert letztlich auch durchzusetzen. Es entspricht leider einem mittlerweile fast traditionellen Ritus, europäische Entscheidungen auch von medialer und politischer Seite reflexhaft negativ zu beurteilen und vorhandene Verbesserungen des status quo schweigend zu übergehen. Diese Beobachtung trifft auch für die letzten Schritte auf europäischer Ebene zu.

Meine Dissertation können Sie im Zuge der Drucklegung bei Duncker & Humblot als Monographie sicher auf den üblichen Wegen einsehen.

Mit besten Grüßen nach Michelau Ihr Karl-Theodor zu Guttenberg

Bedarf es noch einer Kommentierung oder??
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 21.02.2011 um 00.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18136

Im strafrechtlichen Sinne liegt kein Betrug vor, was dazu beitragen mag, daß andere Begriffe gesucht werden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 20.02.2011 um 22.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18135

Ständig liest man jetzt im Zusammenhang mit Guttenberg von Schummelei. Hat er geschummelt?
Kinder schummeln, oder Erwachsene in der Freizeit, bei lustigen Gesellschaftsspielen. Ein Minister bei seiner Arbeit schummelt nicht. Entweder arbeitet er oder er betrügt. Was wollen die damit bezwecken, die von Schummeln reden?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2011 um 16.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18131

Heute lohnt sich übrigens die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Es wird darin noch weiteres aufgedeckt. (Von zwei FAZ-Autoren erscheint demnächst eine Guttenberg-Biographie, daraus ist ein Auszug abgedruckt.) Auch die sonderbaren biographischen Daten auf G.s Homepage werden aufgeklärt. Ziemlich ernüchternd. Alles zusammen wird wahrscheinlich stärkeres Gewicht haben als das Plagiat. Nächsten Sonntag haben wir einen anderen Verteidigungsminister.
Das soll aber möglichst mein letzter Eintrag zu dieser Geschichte sein.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 20.02.2011 um 11.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18128

Es braucht einfach einen TÜV-Stempel für Dissertationsverfasser. Der TÜV Bayern sucht doch immer nach neuen Aufgaben.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 20.02.2011 um 10.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18126

Herrn Icklers Vermutung vom 16.2. (1416#18048) hat sich inzwischen bestätigt: die Dissertation ist beim Verlag nicht mehr vorrätig. Man kann sich nur als Vorbesteller für eine neue Auflage vormerken lassen. Das ist ein Standardsatz des Verlages, auch wenn es nun wie ein Witz klingt. Amazon kann auch schon nicht mehr liefern. Wer mag sich dieses Buch für immerhin 88 Euro denn alles gekauft haben?

Und seit gestern ist ein möglicher Zulieferer bekannt: www.spiegel.de
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2011 um 08.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18125

Wenn man den Umfragen trauen kann, betrachtet die Mehrheit der Bevölkerung offensichtlich die akademischen Standards als ein ziemlich komisches Treiben, genau wie Guttenberg selbst, für den der Erwerb des schmückenden Titels gerade mal so etwas ist wie eine Geschwindigkeitsüberschreitung oder Vordrängeln an einer Ladenkasse. In Bayern ist man besonders schnell bereit, jemanden für solche Kavaliersdelikte eher noch zu bewundern als zu tadeln. Und wenn jemand lange genug wegen eines Vergehens Unannehmlichkeiten hatte wie seinerzeit Wiesheu, dann heißt es: Der ist schon genug gestraft – weshalb man von weiteren Sanktionen absehen oder jedenfalls einen weitgehenden Strafnachlaß gewähren darf.
(Das Beispiel ist nicht erfunden!)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2011 um 08.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18124

Hefty in der FAZ findet G. "unheimlich souverän" und bemüht sogar Carl Schmitt und sein ehernes Wort von Souveränität und Ausnahmezustand. Guttenbergs Auftritt wird dadurch zum welthistorischen Ereignis aufgepustet.
Besser sieht Torsten Krauel (Welt) hin, beobachtet auch sehr fein die passivische Ausdrucksweise: „Über jeden einzelnen dieser Fehler bin ich selbst am unglücklichsten. Es wurde allerdings zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht oder bewusst die Urheberschaft nicht kenntlich gemacht.“
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2011 um 08.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18123

Pardon, ich hatte irrtümlich gedacht, Herr Paulwitz meine die Dissertation.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 19.02.2011 um 19.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18119

Noch ein Vorteil von Deutsch als Wissenschaftssprache: Aus englischen Texten abzuschreiben und zu übersetzen scheint nicht so leicht entdeckt werden zu können. Die Prüfer müßten schon genau rückübersetzen können.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 19.02.2011 um 19.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18118

Lieber Herr Bluhme,

das ist nun keine Entschuldigung für eine fehlende Fußnote. Es war schlicht und einfach schlampig von mir, nicht noch die Fassung von 1957 hinzuzufügen. Sie finden hier den entsprechenden BGH-Beschluß:

www.sprache-werner.info/Urteil-des-BGH.1895.html.

Titel hingegen werden durch den Bundespräsidenten (oder durch die Bundesländer) verliehen. Vgl. hierzu das sogenannte Ordensgesetz (Gesetz über Titel, Orden und Ehrenzeichen):

www.gesetze-im-internet.de/ordeng/__2.html

Darüber hinaus finden Sie diesen – in unserem Fall wichtigen – Unterschied auch in den Formulierungen auf Magister- und Promotionsurkunden, wo es immer um die Verleihung eines akademischen Grades geht. Ich gebe Ihnen allerdings recht – und das mag unser Mißverständnis sein –, daß umgangssprachlich immer die Rede von akademischen Titeln ist. Beim Juristen zu Guttenberg dachte ich jedoch in diesem Falle einmal terminologisch exakt sein zu dürfen. So ist ja beispielsweise auch sein Adelstitel "Freiherr" Namensbestandteil seines Nachnamens.
 
 

Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 19.02.2011 um 18.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18117

Lieber Herr Höher.

Der von Ihnen angegebene § 62 des Personenstandsgesetzes handelt von "Urkundenerteilung, Auskunft, Einsicht". Wie lesen Sie daraus, daß "akademische Grade nicht Bestandteil des Namens sind."

Der Doktortitel ist übrigens kein akademischer Grad, sondern eben ein akademischer Titel. Ein akademischer Grad ist z.B. ein Diplom.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 19.02.2011 um 17.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18116

Lieber Herr Ickler,

Herr Paulwitz hat vollkommen recht, die Stellungnahme ist weitgehend in herkömmlicher Rechtschreibung geschrieben. Mit Ausnahme vom "Anlass", der mich zu meinem giftigen Kommentar mit dem Zufallsgenerator veranlaßte.

Hier ist der Text von der Internetseite zu Guttenbergs ohne Modulation von ClassGerman:


Stellungnahme von Karl Theodor zu Guttenberg

Für diese Stellungnahme bedurfte es keiner Aufforderung – sie gab es auch nicht.

Meine von mir verfaßte Dissertation ist kein Plagiat. Den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir.

Sie ist über etwa 7 Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit entstanden und sie enthält fraglos Fehler. Und über jeden einzelnen dieser Fehler bin ich selbst am unglücklichsten.

Es wurde allerdings zu keinem Zeitpunkt bewußt getäuscht oder bewußt die Urheberschaft anderer nicht kenntlich gemacht. Sollte sich jemand durch inkorrektes Zitieren oder versäumtes Setzen von Fußnoten bei insgesamt 1.300 Fußnoten und 475 Seiten hierdurch verletzt fühlen, so tut mir dies aufrichtig leid.

Die eingehende Prüfung und Gewichtung dieser Fehler obliegt jetzt der Universität Bayreuth. Ich werde selbstverständlich aktiv mithelfen festzustellen, inwiefern darin ein wissenschaftliches Fehlverhalten liegen könnte und werde gerne bis zum Ergebnis der Prüfung vorübergehend auf das Führen des Titels verzichten – allerdings nur bis dahin, anschließend würde ich ihn wieder führen. Ich werde bei mir keine anderen Maßstäbe setzen, als ich sie bei anderen angesetzt habe.

Jede weitere Kommunikation über dieses Thema werde ich auschließlich mit der Universität Bayreuth führen.

Die Menschen erwarten, daß ich mich um mein Amt als Verteidungsministers mit voller Kraft kümmere. Eine historische Reform der Bundeswehr gibt hierfür genügend Anlass. Ebenso die Verantwortung für die Soldaten im Einsatzgebiet wie ein Ereignis des heutigen Tages erneut vor Augen führt.

Quelle: www.zuguttenberg.de/volltext.php?id=79.

Ich halte deshalb die Wiedergabe bei spiegel.de für verfälscht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2011 um 16.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18115

Vielen Dank noch an Tante Google für den Hinweis auf den frühen FAZ-Artikel! Der Verfasser Georg Paul Hefty hat, wie's der Zufall will, gerade wieder zugeschlagen: www.faz.net
Guttenberg ist für ihn offenbar immer noch von übermenschlicher Größe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2011 um 16.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18114

Herr Paulwitz meint, Guttenbergs Arbeit sei in herkömmlicher Rechtschreibung abgefaßt. Nach der Wiedergabe beim Spiegel (www.spiegel.de/flash/0„25296,00.html) scheint mir das nicht so. Vielleicht gibt es mehrere Ausgaben, oder die Wiedergabe ist ihrerseits verfälscht.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 19.02.2011 um 11.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18113

So langsam verstehe ich auch, was zu Guttenberg mit dem Halbsatz "anschließend würde ich ihn [d.i. den akademischen Grad] wieder führen" meint. Es gibt anscheinend bei ihm nicht viel, wo sich nicht die beiden Buchstaben mit dem Punkt finden.

12203866-guttenberg-kein-ruecktritt-wegen-plagiatsaffaere.html

Gerade als Jurist (obwohl er ohne zweites Staatsexamen kein sogenannter Volljurist ist) müßte er wissen, daß nach § 62 des Personenstandsgesetzes akademische Grade nicht Bestandteil des Namens sind. Und so wird es dann auf dem Namensschild seines Kampfanzuges auch schon etwas eng: "Dr. zu GUTTENBERG"

Noch etwas zu 1416#18108:

Verkürzt zu "Prof. Dr. mult. Dr. h.c. mult." ist natürlich viel zu kurz. Außerdem bleibt so auf der Visitenkarte noch so viel häßliches weißes Papier übrig. Und auch in Telephonbüchern haben viele ihren "Dipl. Betriebswirt" oder "Kfm." hinter dem Namenseintrag stehen. Das ist eigentlich nur noch ein kleiner Schritt zur österreichischen "Apothekerswitwe"
 
 

Kommentar von Tante Google, verfaßt am 19.02.2011 um 10.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18112

Etwa dieser Artikel ?

"Karl-Theodor zu Guttenberg
Selbstbewusst, bescheiden, vielsprachig"

www.faz.net
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 19.02.2011 um 10.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18111

GuttenPlag meldet schon 247 Seiten mit Plagiaten, umgerechnet 62,8 Prozent.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 19.02.2011 um 09.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18110

Der Ghostwriter Mitglied der SPD? Kann sein, aber mit dem gleichen Recht könnte man ihn in den eigenen Reihen vermuten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2011 um 09.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18109

Als wir schon mal über Titel diskutierten, gingen gerade Meldungen durch die Presse, wonach Hunderte von Professoren gegen Bezahlung zu Doktortiteln verholfen haben. Zugleich teilte die Zeitung mit: Ein Doktortitel bringt durchschnittlich 17.000 Euro Mehreinkommen pro Jahr. (SZ 24.8.09) Was bringen sechs Doktortitel?

Zum Fall Guttenberg: Die FAZ feierte seinerzeit das blaue Blut des neuen Wirtschaftsministers als eine Art Gewähr für besondere Tugenhaftigkeit oder so ähnlich. (Ich habe den Text nicht mehr.) Ich vermute aber, daß es gerade das Trimmen auf ständiges Primanertum ist, das manchen zum Hochstapler werden läßt. Im Grunde ein Akt der Verzweiflung und vielleicht auch der unbewußten Selbstzerstörungssucht nach dem Muster: Geschieht dem Papa recht, wenn ich vor die Hunde gehe. – Aber das ist nur so ein Nebengedanke, der mir kam, als ich über die Pressekonferenz las: „meine von mir verfasste Dissertation“ – ist das unter denen gegebenen Umständen etwa nicht selbstmörderisch?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2011 um 09.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18108

Ich habe offenbar meine Zeitgenossen unterschätzt. Von meiner Münchner Zeit her kenne ich noch
Prof. Dr. Dr. Dr. Dr. h. c. mult. Wassilios E. Fthenakis. Es gibt viele von diesem Format, aber auch noch Größere, wie ich gerade ergoogelt habe:
Prof Dr. Dr. Dr. Dr. Dr. Dr. B. Rajewsky.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 19.02.2011 um 08.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18107

Mittlerweile beträgt laut GuttenPlag der Anteil der kontaminierten Seiten 44,8 Prozent. Vielleicht wird man heute abend schon jenseits von 50 Prozent angelangt sein. Dead man walking.

Die frühe Voraussage von Professor Ickler war mehr als zutreffend. Bei der Gelegenheit ziehe ich auch meine Zweifel an der Einschätzung zurück, daß Guttenberg am falschen Ende gespart hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2011 um 06.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18106

Gestern abend äußerte jemand im Freundeskreis die Vermutung, der Ghostwriter könne der SPD angehören. Bei derselben Gelegenheit stellte ich fest, daß die Existenz der Promotionsberatungsunternehmen weitgehend unbekannt ist.
Richard Münch erinnert in der SZ mit Recht daran, daß die Promotion eigentlich nur als Stufe einer akademischen Laufbahn Sinn hat.

Grotesk ist es, wenn jemand sich Lehrer Lehrer Lehrer ehrenhalber Fritz Müller nennt. Auf lateinisch sieht es weniger doof aus, aber trotzdem.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 18.02.2011 um 17.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18100

Selten konnte man so deutlich sehen, wie ein Politiker lügt. Ich habe einmal im Fensehen miterlebt, wie einer dieser Mimik-Experten Bill Clinton bei seinem "Ich habe niemals ..." entlarvte. Es ging unter anderem um ein für den Laien kaum merkliches reflexhaftes Zusammenkneifen der Augen bei einem ganz bestimmten Wort. Ein deutlicheres Augenverschließen konnte man sehen, als Uwe Barschel "Ehrenwort" sagte, genau ab der ersten Silbe, und bei und "haltlos" senkte Barschel den Kopf.

Und nun Guttenberg: Er klappt immer wieder – ebenfalls bei den entscheidenden Worten seiner Erklärung – die Augenlider zu, er bekommt sie kaum mehr auf. Er blinzelt heftig und blickt mehrmals ganz nach unten. Das Schämen hat ihn im Griff.

Vielleicht ist er wirklich anständiger als die anderen Politiker. Das Lügen ist ihm noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen. Es macht ihm erkennbar große Mühe. Schade, daß er die Kurve zum Anstand nicht gekriegt hat.
 
 

Kommentar von Doktorvater, verfaßt am 18.02.2011 um 17.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18099

.. und der Mann soll frei sein von Schuld; aber die Frau soll ihre Schuld tragen ..
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2011 um 17.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18098

Bei 10.000 Einträgen kann ich nicht ausschließen, daß das eine oder andere Mal vergessen wurde, die Shift-Taste zu lösen. Ich werde meine Sekretärin selbstverständlich sofort entlassen.
 
 

Kommentar von Doktorvaterin, verfaßt am 18.02.2011 um 17.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18097

"Theodor Ickler zu »Besser abschreiben!«
Dieser Kommentar wurde am 18.02.2011 um 17.02 Uhr verfaßt."

[...]Und damit hätten sie normalerweise Recht[...]
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2011 um 17.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18096

Noch einmal zur Promotionsberatung – aus der Sicht eines akademischen Praktikers. Nichtakademiker könnten, wenn sie das Wort "Promotionsberater" hören, zu der Ansicht kommen, das sei wohl der "Doktorvater". Und damit hätten sie normalerweise Recht. Die Fakultät promoviert den Kandidaten, der Doktorvater berät ihn während seiner Arbeit, er "betreut" ihn, was dasselbe ist. Auch die Formalien werden mit ihm besprochen. Es kann auch noch einen Doktoronkel geben, also einen oder mehrere Mitbetreuer, etwa den Zweitgutachter oder bei interdisziplinären Arbeiten einen zweiten Sachkundigen (bei mir oft der Vertreter einer anderen Philologie, ein Soziologe usw.).
Dazwischen ist eigentlich kein Platz für "Promotionsberater". Sie sind in keiner Promotionsordnung vorgesehen, im Gegenteil implizit ausgeschlossen. Ihre Dienste mögen legal sein oder scheinen, sie sind aber eigentlich verkappter Rechtsbruch. Deshalb sollte man sie verbieten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2011 um 16.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18095

«Karl-Theodor zu Guttenberg hat mit seiner heutigen Erklärung eine sehr respektable Haltung gezeigt. Es muss jetzt Schluss sein mit den öffentlichen Anwürfen gegen den Bundesverteidigungsminister», sagte CSU-Chef Horst Seehofer in einer Mitteilung. «Wer jetzt noch weiter Vorverurteilung betreibt, dem geht es nicht um eine Sache, sondern schlicht um eine Kampagne.» Seehofer sagte, der Tod eines deutschen Soldaten in Afghanistan sollte für alle auch der Anlass sein, die Gewichtung innerhalb der politischen Diskussion wieder zurecht zu rücken (!). (dpa)
Die Logik der Argumentation erschließt sich mir nicht. Guttenberg hat ja auch schon auf den Tod eines deutschen Soldaten angespielt. Hätte der Mann gerettet werden können, wenn wir hier nicht über Guttenbergs Dissertation redeten? Ein Dolchstoß aus der Heimat?

Wieso kann "Schluss sein" mit solchen wohlbegründeten Vorwürfen, für die der Beschuldigte keine plausible Erklärung hat? Wir können doch einem solchen Mann nicht zutrauen, daß er die ungeheuren Dummheiten selbst begangen hat. Also wer war der Promotionsberater bzw. Ghostwriter? Solange diese Frage nicht beantwortet ist, kann nicht Schluß sein, das muß doch Seehofer auch wissen.

CSU-Politiker haben schon ganz andere Krisen überstanden, das ist wahr (Wiesheu, Hohlmeier, nicht zu vergessen Strauß höchstselbst). Für diese Partei ist Zusammenhalten der höchste Wert, für Frau Merkel voraussichtlich nicht.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 18.02.2011 um 16.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18092

Anscheinend hat zu Guttenberg den Text der Stellungnahme, die auf seiner Internetseite zu finden ist, heute mittag Wort für Wort einer kleinen Gruppe ausgewählter Journalisten vorgelesen. Zur gleichen Zeit sollen die Hauptstadtkorrespondenten in der Bundespressekonferenz über dieses Vorgehen des Ministers alles andere als erbaut gewesen sein. Sie haben nämlich erst in der Pressekonferenz von Regierungssprecher Seibert erfahren, daß zu Guttenberg gleichzeitig seine Stellungnahme verliest.

Was erhofft er sich nur von diesem Vorgehen? Schließlich verdankt er seinen Status als "Lichtgestalt" doch vor allem den Medien.

Hier ist die Stellungnahme: www.youtube.com/watch?v=1y7HVar9VWk.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 18.02.2011 um 16.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18091

Guttenberg über seine Dissertation:

"Sie ist über etwa 7 Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit entstanden und sie enthält fraglos Fehler."

Er schreibt wie er spricht. Es lullert so raus.
 
 

Kommentar von ppc, verfaßt am 18.02.2011 um 16.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18090

> "...könnte und werde..."

Kommasetzung scheint nicht Theos Stärke zu sein. Ob er überhaupt weiß, was ein Nebensatz ist?
 
 

Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 18.02.2011 um 15.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18089

Der Umfang der Arbeit kann nicht als Entschuldigung gelten, weil der Quark ja sicherlich hauptsächlich deshalb so breit getreten wurde, um den vermutlich die Dürftigkeit des Inhalts zu verdecken.

Ich kann Gutachter nicht verstehen, die solch überlängte Arbeiten nicht gleich aus diesem Grund ablehnen.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 18.02.2011 um 15.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18088

Übrigens scheint die Rechtschreibung der Stellungnahme doch eher mit dem Zufallsgenerator festgelegt worden zu sein: Am Ende steht nämlich ein "Anlass".

Es bleibt daher abzuwarten, wie der Text sich bis morgen verändert hat.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 18.02.2011 um 15.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18087

Vielen Dank für den Hinweis, Herr Paulwitz. Zuerst dachte ich, daß ich ClassGerman (wie so oft) nicht ausgeschaltet hätte.

Der Hauptpunkt seiner Stellungnahme ist wieder der Umfang der Arbeit und daß es bei dieser Länge gewissermaßen selbstverständlich zu Fehlern kommen kann.

Warum eigentlich? Die Arbeit setzt sich doch wohl (ich habe sie nicht gelesen und werde sie auch nicht lesen!) aus einzelnen Kapiteln zusammen – über 400 Seiten hin oder her. Und die könnte man gut eins nach dem anderen durchgehen und korrekt auszeichnen.

Außerdem habe ich noch zwei Probleme mit diesem Satz aus der Stellungnahme:

Ich werde selbstverständlich aktiv mithelfen festzustellen, inwiefern darin [in den Fehlern durch inkorrektes Zitieren oder Versäumtes Setzen von Fußnoten] ein wissenschaftliches Fehlverhalten liegen könnte und werde gerne bis zum Ergebnis der Prüfung vorübergehend auf das Führen des Titels verzichten – allerdings nur bis dahin, anschließend würde ich ihn wieder führen.

(1) Es ist wohl eher Aufgabe der Ombudskommission, festzustellen, ob in diesen Fehlern ein wissenschaftliches Fehlverhalten liegt. Das wird hier auch alles durch den Konjunktiv sehr schön abgeschwächt.

(2) Wird zu Guttenberg seinen Titel (der vielmehr ein akademischer Grad ist, denn um seine tatsächlichen Titel geht es ja hier nicht) auch wieder führen, wenn die Kommission feststellt, daß es sich bei besagten Fehlern um ein wissenschaftliches Fehlverhalten handelt? Auch hier läßt der Konjunktiv einiges im unklaren. Aber das scheint mir Teil der Strategie zu sein.
 
 

Kommentar von Thomas Paulwitz, verfaßt am 18.02.2011 um 14.39 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18086

Seine heutige Erklärung zu seiner Dissertation hat zu Guttenberg in traditioneller Rechtschreibung verfaßt und veröffentlicht.

www.zuguttenberg.de/volltext.php?id=79

(Sein Netzauftritt ist allerdings derzeit überlastet.)
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 18.02.2011 um 13.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18085

Nachtrag: Die Rezension ist zugleich ein Beispiel für die zweite (oder dritte, je nach Zählung!) leserunfreundliche Variante der vermeintlich geschlechtergerechten Schreibweise (diesmal mit Unterstrich wie in "Leser_innen", "Autor_innen").
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 18.02.2011 um 13.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18084

Da inzwischen auch die Rezension von Andreas Fischer-Lescano, die den Stein in der Plagiatsaffäre ins Rollen brachte, im Internet verfügbar ist, erlaube ich mir den Hinweis darauf: www.kj.nomos.de/fileadmin/kj/doc/zu_guttenberg.pdf.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2011 um 11.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18083

Auch der Hochschulverband befaßt sich mit der Plagiatsfrage, ganz aktuell hier:

www.forschung-und-lehre.de/wordpress/?p=6679.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2011 um 10.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18082

Neuerdings sind einige Schnellmerker darauf gekommen, daß G. einen "Ghostwriter" beschäftigt haben könnte. Bald werden sie merken, daß es noch ein bißchen schärfer formuliert werden kann: ein Ghost-Kompilator war am Werk.

Aber mal im Ernst: Die von den Promotionsberatern ganz offen angebotenen Dienste umfassen Leistungen, die bei unsere Promotionsgutachten durchaus als eigene Leistungen des Promovenden gewürdigt werden. Es geht ja nicht an, daß die Eigenleistung des Promovenden selbst sich auf gewisse Hilfsdienste beschränkt. Er kann einen Dritten bitten, Korrektur zu lesen, Graphiken anzufertigen, Statistiken auszuwerten (das muß aber vermerkt werden), aber viel mehr auch nicht.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 17.02.2011 um 19.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18076

Unter den Twitter-Kommentatoren sind echte Witzbolde. Gerade springen mir folgende Stellungnahmen ins Auge:

A: Brutalstmögliche Aufklärung: Guttenberg feuert Doktorvater!

B: Gabriel hat aus dem Duden abgeschrieben. Beinahe jedes Wort!

––

Fast noch besser als die Ordensverleihung vom Aachener Karnevalsverein (vielen Dank, Herr Paulwitz!) ist die Entdeckung dieses Werkes, das von Guttenbergs Großvater stammt:

www.amazon.de
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2011 um 17.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18074

Alle Studenten wissen, wie man es mit dem Zitieren halten muß. In meinen Fällen habe ich den Studenten die Tür gewiesen, obwohl ich das für nicht ausreichend halte. Sie haben dann wahrscheinlich bei Kollegen ihr Glück versucht; das müßte ausgeschlossen werden. In einigen Fällen habe ich allerdings einen Ausländerbonus gewährt (weil ich weiß, daß die Vorstellungen von Originalität in manchen Kulturen andere sind) und einen zweiten Versuch ermöglicht. Der Massenbetrieb läßt leider keine so intensive Betreuung zu, daß man im ständigen Gespräch alle Möglichkeiten des Betrugs von vornherein ausschließen kann. All dies gilt für Magisterarbeiten, bei Dissertationen hatte ich nie einen Grund, mich für dumm verkauft zu fühlen. Da kennt man die Kandidaten ja auch ungleich besser.
(Das ist übrigens auch so ein unklarer Punkt bei Guttenberg: Wie konnte denn sein Doktorvater all die Jahre mit ihm im Gespräch sein und dann das Plagiat hinnehmen wie von einem gänzlich Unbekannten? Sie müssen doch über den Stoff und die Thesen gesprochen haben – warum mußte der Text dann streckenweise aus fremden Zeitungsartikeln(!) zusammengestoppelt werden?)
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 17.02.2011 um 14.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18072

Lieber Professor Ickler, Sie berichten, daß Sie sich in den vergangenen Jahren immer wieder mit Plagiaten herumschlagen mußten. Welche Konsequenzen hat es denn für einen Studenten, wenn Sie ihm den Täuschungsversuch nachweisen können?

Man will doch annehmen, daß es sehr unangenehme Konsequenzen sind. Deshalb eine zweite Frage: Es müßte sich herumsprechen, daß das Zusammenkopieren böse Folgen haben kann – warum weitet sich diese Praxis dennoch aus?
 
 

Kommentar von Thomas Paulwitz, verfaßt am 17.02.2011 um 13.45 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18071

Lieber Herr Wrase,

"Der Platz auf dem Narrenolymp ist ihm sicher: Als 61. Ritter erhält Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg am 19. Februar 2011 vom Aachener Karnevalsverein (AKV) den Orden WIDER DEN TIERISCHEN ERNST."

www.akv.de

„Der Minister legt großen Wert darauf, einen würdigen Stellvertreter zu finden, der als Knappe den Orden für ihn entgegennimmt."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2011 um 13.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18070

Unser alter Bekannter Wolfgang Löwer, als "Ombudsman" in der Sache Guttenberg befragt, äußert sich schon sehr in Verteidigungshaltung. Bisher übersieht er jedenfalls, daß G. gerade nicht "komplett" zitiert, sondern die Texte in Kleinigkeiten abändert, was eine Entschuldigung als bloße Nachlässigkeit beim Quellennachweis ausschließt. Aber Löwer wird die Sache schon hinkriegen.
Mein Kommentar zu seinem Rechtschreibgutachten steht in "Regelungsgewalt", dies wiederum unter www.vernuenftig-schreiben.de/dokumente.html.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 17.02.2011 um 12.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18068

Vorschlag: Der Titel Dr. wird Guttenberg aberkannt, aber zum Ausgleich wird ihm ein Dr. h. c. verliehen. Oder mehrere Dr. h. c. Wenn er wieder Dr. ist, bekommt er zur Krönung noch den Orden wider den tierischen Ernst verliehen, den bekanntlich nur die Schwergewichte der Politik erringen. Somit wäre alles wieder in Ordnung, und dann wird Guttenberg Bundeskanzler!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2011 um 10.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18064

Lustigerweise steht mitten im neuesten FAZ-Enthüllungsartikel über Guttenberg eine Anzeige der "Dr. Kunze-Consulting
Promotion, Habilitation, Professur: Organisat. Beratung und Begleitung
www.wissenschaftsberatung.eu". Das kann ja nur heißen: "Wir machen so etwas besser!" Wer dem Link folgt, sieht, was alles geboten wird.
Man sollte auch mal mit den Professoren sprechen, die sich gewerbsmäßig von Promotionsberatern anwerben lassen.

Die Vorstellung, ich sollte als Doktorvater eine Promotion betreuen, hinter der in Wirklichkeit eine Agentur steht, ist mir nicht geheuer. Das ist so, als wenn man über den Kopf einer Person hinweg mit ihrem Anwalt verhandelt. "Bitte wenden Sie sich an meinen Promotionsberater" oder so ähnlich. Die eidesstattliche Erklärung unter jeder Dissertation, man habe keine weiteren Hilfsmittel in Anspruch genommen, erweist sich ja auch als wertlos, um das mindeste zu sagen.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 17.02.2011 um 09.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18063

2006 waren die Suchmöglichkeiten im Internet schon genau die selben wie heute. Anzunehmen, daß nie jemand auf die Idee kommen wird, entsprechende Vergleichsabfragen zu machen, zeugt entweder von Unkenntnis der Möglichkeiten oder von einfältiger Wirklichkeitssicht. Mit Lichtgestalt spießt sich beides ...
 
 

Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 17.02.2011 um 08.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18061

Auch beim Doktorvater von Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg ist Rechtfertigungsdruck spürbar:

"Der Vorwurf sei absurd, sagte Prof. Peter Häberle der «Bild»-Zeitung. Die Arbeit sei von ihm eingehend kontrolliert worden."

www.stern.de

Siehe auch -> summa cum Laude.

Interessant sind auch die von Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg vorgenommenen Änderungen. So z.B. wird aus einem "im nachhinein" in der Promotion ein "ex post".

Sowie auch die Nichtänderungen. So wird im Original wie auch in der Promotion von Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg eine Diskussion "über den «Grenzen von Europa»" geführt. Gemeint war vermutlich "über die «Grenzen Europas»".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2011 um 06.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18060

Promotionsberater bieten an, auch für Menschen, die dem akademischen Leben fernstehen, aber dennoch gern einen Titel haben möchten, einen Professor als Betreuer zu suchen und auch sonst behilflich zu sein. Wenn sie was taugen, sollten sie ihr sonderbares Geschäft professionell genug betreiben, damit kein so offensichtlicher Betrug nachgewiesen werden kann. Das dürfte sich im Preis niederschlagen. Daher meine Vermutung, daß Guttenberg möglicherweise an der falschen Stelle gespart hat, aber Genaueres weiß ich natürlich nicht.

Es wird jetzt viel von Unschuldsvermutung gefaselt. Das gilt für die Gerichte, aber nicht für uns normale Leser, die wir die Texte ja zum Vergleich vor uns haben. Einige haben immerhin erkannt, was ich auch als Lesermeinung bei der SZ eingetragen habe: Gerade die Veränderungen, die G. am Text vorgenommen hat, beweisen die betrügerische Absicht und schließen ein Versäumnis beim Quellennachweis aus.

Ich finde die Affäre schon sehr wichtig. Inzwischen machen sich ja auch Journalisten daran, die Person G. näher zu durchleuchten. Bei einer "Lichtgestalt" war das kaum möglich, aber jetzt, bei normaler Beleuchtung, könnte sich das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern wieder einmal bewahrheiten. Wenn ich mich recht erinnere, war Vater Enoch nicht so ganz glücklich über die Karriere seines Sohnes. Er kennt ihn sicher besser als wir alle. In gewiß voreingenommenen "Dossiers" wird auch auf die etwas vage Auskunft über seine Berufstätigkeiten hingewiesen, wie man sie der Homepage entnehmen oder vielmehr nicht entnehmen kann.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 17.02.2011 um 05.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18058

docs.google.com

Hier werden derzeit die Plagiate zusammengetragen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 17.02.2011 um 04.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18057

Manifest sind nur die geklauten Textstücke. Aber der Betrug könnte ja auch daran liegen, daß er seine Arbeit gar nicht selber geschrieben hat, und das wäre ein weit größerer Betrug! Ich verstehe jedenfalls die Bezeichung "Promotionsberater" im Tagebucheintrag als geschönten Ausdruck für einen Ghostwriter-Vermittler. Im Moment tun ja alle so, als ob Guttenberg die Arbeit selber geschrieben hat.

Jetzt wird es darum gehen, weitere kopierte Stellen zusammenzutragen, wenn es welche gibt. Der Minister wird natürlich weiterhin behaupten, daß er die Arbeit höchstselbst geschrieben hat. Knausrig muß er übrigens nicht gewesen sein, falls er einen Ghostwriter engagiert hat – woraus soll das denn hervorgehen? Ein Ghostwriter hilft im großen Stil beim Betrügen, er wird selbst unausweichlich zum Zyniker und Verächter des Wissenschaftsbetriebs. Also wird der Ghostwriter doch nicht ein unbestechliches wissenschaftliches Ethos beim Zitieren an den Tag legen. Er versucht, für seinen Kunden den Schein zu wahren, aber er wird sich hier und da die Arbeit erleichtern, wenn er vermutet, daß das Schurkenstück auch so funktioniert.

Ich empfinde das Ganze zwar als peinlich, aber auch als ziemlich harmlos. Ob der Verteidigungsminister den traurigen Afghanistan-Einsatz nun mit oder ohne verdienten Doktortitel schönredet, ist mir egal. Gekaufte Doktorarbeiten sind allerdings gemein gegenüber denjenigen, die sich um ihre Lorbeeren ehrlich bemühen.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 17.02.2011 um 03.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18056

Durch die Abänderungen in den geklauten Texten ist die Betrugsabsicht manifest. Jeder, der irgend noch einen Rest von Ehrgefühl hat, würde sich nach einer solchen Bloßstellung irgendwo in ein Mauseloch verkriechen und hoffen, niemals Menschen unter die Augen treten zu müssen, die wissen, was er getan hat. Aber was macht Guttenberg? Er reist nach Afghanistan, um dort seine Schamlosigkeit öffentlich zur Schau zu stellen. Erschütternder als die Niedertracht des Schwindlers ist die Selbstverständlichkeit seiner Erwartung, mit der Nummer auch noch durchzukommen. Ein Fressen für Böckenförde.
 
 

Kommentar von ppc, verfaßt am 16.02.2011 um 22.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18055

->Germanist
In "meinem" Institut (Maschbau) hat kaum jemand den Dr.-Ing. in drei Jahren erreicht. Die meisten brauchten vier bis fünf Jahre, teilweise noch länger. Die Hälfte hat das Institut ohne Promotion verlassen.

Ich war übrigens der letzte, der damals in der "alten" Rechtschreibung geschrieben hat; inzwischen ist das aber "komplett" egal, denn heute ist alles englisch. Oder vielmehr das, was dafür gehalten wird und irgendwie als solches durchgeht, tatsächlich klingt es schauderlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2011 um 17.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18054

Richtig spaßig wird es hier:

www.spiegel.de/flash/flash-25296.html
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 16.02.2011 um 16.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18050

Ich habe den entsprechenden Artikel gefunden (www.faz.net) und bitte für meine dreiste Frage um Entschuldigung.

Bei der Lektüre ist mir jedoch aufgefallen, daß Guttenberg gegenüber dem FAZ-Artikel aus dem Jahr 1997 die Rechtschreibung an den Reformschrieb angepaßt hat ("mussten", "im Folgenden"). Reicht das denn nicht aus, um das Werk als sein geistiges Eigentum zu präsentieren? Wir hatten hier doch schon den Herrn Kühnle (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1168), der in fleißiger Heimarbeit Texte der Klassiker in Reformschrieb überführt hat und dadurch das Copyright an diesen "neuen" Texten zu erwerben glaubte. Was Kühnle recht war, sollte Guttenberg doch billig sein, oder?
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 16.02.2011 um 16.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18049

Ich bekenne mich hiermit öffentlich als lediglich durchschnittlich versiert im Umgang mit dem Internet.
Lieber Herr Ickler, wo kann man denn bitte die schrittweise Ausweitung der Plagiatsaffäre so genau verfolgen?

Kann sich in diesem Zusammenhang einer der hier Mitlesenden noch an den Film von Wolfgang Petersen erinnern, in dem Jürgen Prochnow herausgefunden hat, daß Klaus Schwarzkopfs Dissertation nur eine deutsche Übersetzung einer amerikanischen Originalarbeit war? "Einer von uns beiden" hieß der Film, und er ist inzwischen sogar als DVD erhältlich. Vielleicht läßt die Affäre Guttenberg ja die Verkauszahlen steigen!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2011 um 15.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18048

Es geht Schlag auf Schlag. Wie vorausgesagt, erweisen sich weitere Teile als abgeschrieben. Die Einleitung (!) von Guttenbergs Dissertation stammt aus der FAZ, wie gerade - wiederum durch fotografische Wiedergabe - eindeutig belegt. Warum gibt G. nicht zu, was doch herauskommen wird? Mal sehen, wie lange dieses unwürdige Schauspiel noch dauert.

Nachtrag: Auch am FAZ-Text hat G. einiges geändert, womit bewiesen ist, daß es nicht als Zitat gedacht war, bei dem nur der Stellennachweis vergessen wurde.

Die Verkaufszahlen werden sicher steigen, die Sache könnte Sammlerwert bekommen wie ein Briefmarken-Fehldruck. Bei der UB Erlangen ist das einzige Exemplar schon ausgeliehen.

Erstaunlich viele Leser verteidigen G. übrigens; sie wollen die Lichtgestalt nicht verlieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2011 um 15.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18047

Wenn Guttenberg nur vergessen hätte, Fußnoten einzufügen, die das Fremdzitat als solches ausweisen, dann hätte er den Fremdtext gerade nicht verändern dürfen. Das hat er aber bei dem NZZ-Text getan, um ihn als seine eigene Meinung darzustellen. Die Ausrede ist so kläglich wie bei einem Schüler, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.

Natürlich muß auch der unvermeidliche Norbert Geis sich wieder melden, mit dem wir ja auch schon zu tun hatten: Die "Lichtgestalt" G. solle mit Schmutz beworfen werden usw. Geschenkt! Freuen wird sich Söder, der bald einen Konkurrenten los zu sein hoffen darf.

Ich hatte bisher nicht viel gegen Guttenberg einzuwenden, natürlich auch nicht gegen "Platon im Orginal", aber diese Sache finde ich ziemlich stark, zumal ich mich während meiner letzten Berufsjahre unendlich mit Plagiaten herumschlagen mußte, die mich von Besserem abhielten.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.02.2011 um 12.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18045

Demgegenüber erfordert ein Dr. Ing. wesentlich mehr Arbeits- und Zeitaufwand. Man kann ihn nur dann "nebenbei" machen, wenn man selbst auf dem betreffenden Gebiet beruflich tätig ist. Sonst erfordert er mindestens drei Jahre Tätigkeit an einer Hochschule. Es ist ungerecht.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 16.02.2011 um 10.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1416#18043

Prädikatsexamen und Promotion von Aldi, Gel aufs Hirn für Lieschen Müller, ein AC/DC-T-Shirt (überm Hemd!) für die Jugend, der Mann auf der Straße kriegts mit dem Holzhammer („Urlaubslektüre: Plato im Urtext“), die Journaille wird hemmungslos vollgesülzt („unsere Soldaten als solches“). So wird man Hoffnungsträger und Vorbild der Nation. Hab meine armen Kinder völlig falsch erzogen.
 
 

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