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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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15.02.2011
 

Pferdeflüsterer
Textprobe aus Rahmenlehrplänen der KMK

Rahmenlehrplan für den Ausbildungsberuf Pferdewirt/Pferdewirtin (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 25.03.2010)

(Drittes Ausbildungsjahr:)
Ziel:
Die Schülerinnen und Schüler (...) planen Unterrichtseinheiten für Pferdesportlerinnen und Pferdesportler und führen diese durch. Dabei berücksichtigen sie Sprachmodulation, Rhetorik und Fachsprache. Sie motivieren Pferdesportler und wissen mit Konfliktsituationen umzugehen. Sie sind sich ihrer Vorbildwirkung bewusst und treten entsprechend auf.




Die Prosa der KMK-Lehrpläne ist immer ein Labsal. Übrigens ist die Lernzielfixierung eigentlich nur im Zusammenhang einer behavioristischen Operationalisierung sinnvoll gewesen, das war ja auch bei Saul Robinsohn usw. ganz klar. Aber wie will man objektiv testen, ob die jungen Pferdewirtinnen "sich ihrer Vorbildwirkung bewusst" sind?



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Kommentare zu »Pferdeflüsterer«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.06.2011 um 13.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1415#18771

Außer Saul B. Robinsohn war während meiner Referendarszeit auch ein gewisser Robert F. Mager sehr im Schwange, bestimmt ein braver Mensch irgendwo in den USA, der uns helfen sollte, Lernziele zu definieren und den Unterricht zu beobachten und mit Strichlisten zu protokollieren. Ausgangspunkt war immer die Unterrichtspraxis an öffentlichen Schulen der USA. Das Ganze völlig sinnlos, natürlich, aber die Seminarlehrer waren froh, überhaupt irgend etwas tun zu können, da sie ja selber auch nicht wissen, wie man ein guter Lehrer wird. Da mußte man eben durch, das wird heute nicht viel besser sein, auch wenn die großen Namen von damals längst vergessen sind.
(Magers Standardwerk gibt es bei Amazon für 0,01 Euro – falls jemand sich dafür interessiert.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2011 um 09.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1415#18080

Womit wir wieder bei Jacob Grimm wären:

"Der pedant wird seiner schwindsüchtigen frau nicht eselsmilch, nur eselinnenmilch zu trinken anrathen..." (Über das pedantische in der deutschen sprache. 1847)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 17.02.2011 um 23.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1415#18077

Ein Glück, daß es um Pferde geht. Sonst hätten wir vielleicht Eselinnensportlerinnen und Eselinnensportler und Eselsportlerinnen und ...
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.02.2011 um 12.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1415#18069

Häuslebauerin oder Häuslebäuerin?
 
 

Kommentar von Vollgasfahrer, verfaßt am 17.02.2011 um 12.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1415#18067

Die nicht hundertprozentige feministische Umgestaltung des Lehrplans für Segelmacherinnen und Segelmacher (vgl. S.17 "Die Schüler und Schülerinnen beraten Kunden ...") zeigt sicher nur fehlende Textverarbeitungskompetenz: da hat jemand Stelle für Stelle Formulierungen per Hand überarbeitet und nicht per Ersetzen-Funktion.

Die hilft aber auch nicht bei den alten Lehrplänen, die nur eingescannt wurden (Asphaltbauer). In diesem Fall kommt man ums komplette Abmalen der Texte nicht herum.

Ebenfalls bis heute vergessen wurde die geschlechtssensible Umgestaltung der "KultusministERkonferenz" ...

[Warum gibt es eigentlich bei der Kommentarfunktion nicht auch eine Vorschaumöglichkeit?]
(Damit es bei Kommentaren bleibt. Für ausführlichere Beiträge gibt es das Diskussionsforum. – Red.)

 
 

Kommentar von Romantiker 2.1, verfaßt am 17.02.2011 um 11.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1415#18066

Herr Wrase, einfach köstlich! Den Gegner zu Fall bringen – mit dessen eigener Energie. Er fällt sozusagen in sein Spiegelbild. Germanistisches Schattenboxen als Ertüchtigung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2011 um 06.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1415#18059

Die feministische Umgestaltung der Texte hat eine unbeabsichtigte Folge, die man an dem Segelmacher-Rahmenlehrplan beobachten kann: Wenn man behauptet, das Maskulinum bezeichne nur Männer, und den Text konsequent durchsexualisiert, dann bedeutet die maskuline Form eben plötzlich etwas. Man betrachte die folgende Textpassage:

Die Schüler und Schülerinnen unterscheiden verschiedene Arten von Bezügen und deren Einsatzgebiete. Sie bestimmen am Objekt kundenorientiert die Fertigungsgrundlagen für die Produkte.
Die Schüler und Schülerinnen bereiten Gestelle aus verschiedenen Materialien für Bezüge vor. Sie informieren sich über Aufmaßmethoden und Zubehörteile. Sie wägen Vor- und Nachteile von Befestigungsmitteln gegeneinander ab und montieren sie auf unterschiedlichen Werkstoffen und Untergründen.
Die Schüler und Schülerinnen verarbeiten Aufmaßdaten manuell zu technischen Zeichnungen.
Sie kennen die verschiedenen Einsatzgebiete der Materialien, Nahtformen, Nähgarne, Zubehörteile und Verarbeitungsarten und setzen diese nach produktspezifischen Datenblättern, Normen und Notwendigkeiten ein. Aufgrund der Anforderungen der Werkstücke und Zubehörteile wählen die Schüler und Schülerinnen die notwendigen Werkzeuge und Maschinen aus. Sie erarbeiten im Team Qualitätskriterien und notwendige Arbeitsschritte und richten den Arbeitsplatz nach sicherheitstechnischen Gesichtspunkten ein.
Die Schüler beraten Kunden über Durchführbarkeit und Wirtschaftlichkeit von Reparaturen. Die Schüler und Schülerinnen erstellen die Werkstücke unter Berücksichtigung eines rationellen Materialverbrauchs und fertigen Endprodukte. Sie vergleichen ihre Arbeiten, beurteilen sie nach erarbeiteten Kriterien und dokumentieren diese Ergebnisse.


"Die Schüler beraten Kunden" – etwa nur männliche Schüler nur männliche Kunden? Der Text enthält 56mal Schülerinnen (auf 19 Seiten), aber das reicht offenbar noch nicht.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.02.2011 um 16.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1415#18051

Liebe(r) B Janas,
über manche Dinge (voll inhaltlich u. a.) kann man wohl streiten, aber bei selbst verständlich, jeder Zeit, notwendiger Weise, Hinzu zu fügen bin ich ratlos. Warum schreiben Sie so? Ich meine, Sie haben da diese schöne Gegenüberstellung von selbst ständig und selbstständig, also schreiben Sie doch anscheinend ganz bewußt so?
 
 

Kommentar von B Janas, verfaßt am 16.02.2011 um 14.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1415#18046

Wer nicht selbst ständig schreibt, erlangt keine Schreibkompetenz. Sie definiert sich als Fähigkeit und Bereitschaft, Gedanken in Schriftform so festzuhalten, dass Zielpersonen mit einem Minimum an Lesekompetenz die Aussageabsicht selbstständig und voll inhaltlich erfassen können.

Die Schreibkompetenz ist jedoch eine Sekundärkompetenz gegenüber der Redekompetenz, kann doch das Schreiben jeder Zeit delegiert werden. So hielt es bereits Cicero, indem er seine Reden mitschreiben ließ, und so tun es selbst verständlich führende Politiker auch heute, wobei sie aus Effizienzgründen das Delegieren noch einige Schritte weiter führen. Über den rein mechanischen Akt des Schreibens geht dies inzwischen notwendiger Weise hinaus.
Hinzu zu fügen ist auch, dass heute wie damals nicht jeder geschriebene Text gelesen zu werden hoffen kann, in seiner Signifikanz folglich zurück bleibt hinter dem geredeten.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 16.02.2011 um 12.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1415#18044

Im Blick auf die Rechtschreibreform folgt daraus:

Den Kultusministern mangelt es an Handlungskompetenz. Diese wird hier verstanden als die Bereitschaft und Befähigung des einzelnen Kultusministers, sich sachgerecht sowie individuell und sozial verantwortlich zu verhalten.

Den Kultusministern mangelt es an Fachkompetenz. Diese bezeichnet hier die Bereitschaft und Befähigung, auf der Grundlage fachlichen Wissens und Könnens Aufgaben und Probleme der Rechtschreibung zielorientiert, sachgerecht, methodengeleitet und selbstständig zu lösen und das Ergebnis zu beurteilen.

Den Kultusministern mangelt es an Humankompetenz. Diese umfasst Eigenschaften wie Kritikfähigkeit, Zuverlässigkeit, Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein.

Den Kultusministern mangelt es an Sozialkompetenz. Diese bezeichnet die Bereitschaft und Befähigung, sich mit Anderen rational und verantwortungsbewusst auseinander zu setzen und zu verständigen. Hierzu gehört insbesondere auch die Entwicklung sozialer Verantwortung und Solidarität.

Den Kultusministern mangelt es darüber hinaus an Methodenkompetenz und Lernkompetenz.

Die Kultusminister verfügen jedoch über eine beachtliche kommunikative Kompetenz. Diese meint die Bereitschaft und Befähigung, kommunikative Situationen zu verstehen und zum eigenen Vorteil zu gestalten. Hierzu gehört es, eigene Absichten und Bedürfnisse knallhart durchzusetzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2011 um 10.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1415#18042

Die KMK kann sich rühmen, den garantiert vollkommen inhaltsfreien Text erfunden zu haben. Er ist Bestandteil der neueren Rahmenlehrpläne und lautet so (hier zufällig für angehende Segelmacher und Segelmacherinnen):

Die aufgeführten Ziele sind auf die Entwicklung von Handlungskompetenz gerichtet. Diese wird hier verstanden als die Bereitschaft und Befähigung des Einzelnen, sich in beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Situationen sachgerecht durchdacht sowie individuell und sozial verantwortlich zu verhalten. Handlungskompetenz entfaltet sich in den Dimensionen von Fachkompetenz, Humankompetenz und Sozialkompetenz.

Fachkompetenz bezeichnet die Bereitschaft und Befähigung, auf der Grundlage fachlichen Wissens und Könnens Aufgaben und Probleme zielorientiert, sachgerecht, methodengeleitet und selbstständig zu lösen und das Ergebnis zu beurteilen.

Humankompetenz bezeichnet die Bereitschaft und Befähigung, als individuelle Persönlichkeit die Entwicklungschancen, Anforderungen und Einschränkungen in Familie, Beruf und öffentlichem Leben zu klären, zu durchdenken und zu beurteilen, eigene Begabungen zu entfalten sowie Lebenspläne zu fassen und fortzuentwickeln. Sie umfasst Eigenschaften wie Selbstständigkeit, Kritikfähigkeit, Selbstvertrauen, Zuverlässigkeit, Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein. Zu ihr gehören insbesondere auch die Entwicklung durchdachter Wertvorstellungen und die selbstbestimmte Bindung an Werte.

Sozialkompetenz bezeichnet die Bereitschaft und Befähigung, soziale Beziehungen zu leben und zu gestalten, Zuwendungen und Spannungen zu erfassen und zu verstehen sowie sich mit Anderen rational und verantwortungsbewusst auseinander zu setzen und zu verständigen. Hierzu gehört insbesondere auch die Entwicklung sozialer Verantwortung und Solidarität.

Bestandteil sowohl von Fachkompetenz als auch von Humankompetenz als auch von Sozialkompetenz sind Methodenkompetenz, kommunikative Kompetenz und Lernkompetenz.

Methodenkompetenz bezeichnet die Bereitschaft und Befähigung zu zielgerichtetem, planmäßigem Vorgehen bei der Bearbeitung von Aufgaben und Problemen (zum Beispiel bei der Planung der Arbeitsschritte).

Kommunikative Kompetenz meint die Bereitschaft und Befähigung, kommunikative Situationen zu verstehen und zu gestalten. Hierzu gehört es, eigene Absichten und Bedürfnisse sowie die der Partner wahrzunehmen, zu verstehen und darzustellen.

Lernkompetenz ist die Bereitschaft und Befähigung, Informationen über Sachverhalte und Zusammenhänge selbstständig und gemeinsam mit Anderen zu verstehen, auszuwerten und in gedankliche Strukturen einzuordnen. Zur Lernkompetenz gehört insbesondere auch die Fähigkeit und Bereitschaft, im Beruf und über den Berufsbereich hinaus Lerntechniken und Lernstrategien zu entwickeln und diese für lebenslanges Lernen zu nutzen.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2011 um 09.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1415#18041

Es heißt wohl, daß die Pferdesportlerinnen und Pferdesportler so reden sollen, wie man bei dieser Gelegenheit eben redet. In den Rahmenlehrplan ist es aufgenommen, weil Lehrpläne so umfangreich wie möglich sein müssen. Der Umfang von Lehrplänen ist bekanntlich – im Gegensatz zur Lehre selbst – in den letzten Jahren ums Zwanzigfache angewachsen. Dasselbe gilt für die Ausarbeitung von Lehrproben.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 16.02.2011 um 00.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1415#18040

"Dabei berücksichtigen sie Sprachmodulation, Rhetorik und Fachsprache."

Heißt das, daß sie den Jargon können sollen?
 
 

Kommentar von Jürgen Langhans, verfaßt am 15.02.2011 um 21.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1415#18039

Die Pferdesportlerinnen werden offensichtlich nicht motiviert ...
 
 

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