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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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08.01.2011
 

Sprechende Hunde
Rico wird überboten

Ein amerikanischer Hund ("Chaser") kann 1022 verschiedene Spielzeuge aus dem Nebenzimmer apportieren. Es wird gemeldet, er habe über 1000 Vokabeln gelernt.

Vgl. Wittgenstein:
"Ein Hund könnte lernen, auf den Ruf 'N' zu N zu laufen und auf den Ruf 'M' zu M, – wüßte er aber darum, wie die Leute heißen?" (Über Gewißheit 540)

Eine Sprache ist keine Sammlung von Apportierbefehlen.

Eine skeptische Beurteilung zu "Rico" von Paul Bloom bleibt lesenswert: www.yale.edu/minddevlab/papers/Science-PBloom.pdf.



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Kommentare zu »Sprechende Hunde«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.04.2019 um 04.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#41199

"Katzen verstehen ihren Namen."

Das sollen japanische Forscher herausgefunden haben.

Die einzigen Wörter, die man nicht verstehen kann, sind Namen. Selbst wenn sie etymologisch einen Sinn haben, funktionieren sie nicht aufgrund dieses Sinnes. Katzen können einen akustischen Reiz unterscheiden, den wir als "Namen" verwenden. Und zwar verwenden wir ihn in verschiedenen Funktionen, nicht nur als Befehle. Davon sind Tiere weit entfernt.

Als wir noch Katzen hatten, bin ich manchmal abends auf die Terrasse getreten und habe den "Namen" des Katers gerufen. Nach einer Weile kam er dann außer Atem aus den Kornfeldern angehetzt, wo er Mäuse und junge Kaninchen zu jagen pflegte. Er war praktisch Selbstversorger, sehr wild und sehr zärtlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.11.2018 um 06.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#40194

Der berühmte Zoologe und Tierpsychologe Heini Hediger meinte, auch Tiere verwendeten untereinander "Eigennamen". Bei genauerem Hinsehen handelt es sich um individuelle Rufsignale. Solche verwenden wir ja auch, um den Hund zu rufen. Aber wir können ihm zum Beispiel nichts über einen anderen Hund erzählen, und das tun Tiere untereinander auch nicht. Wirkliche Eigennamen gibt es nur innerhalb einer Sprache, und die fehlt den Tieren. Wittgensteins Einwand gilt also weiter (s. Haupteintrag).

(Kuriosität: Der Theologe Eugen Drewermann zitiert Hedigers These als ausgemachte Sache.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.06.2018 um 04.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#38927

Seit 1965 ist bekannt, dass jeder Delfin einen eigenen Namen hat, einen einzigartigen Signaturpfiff, den er schon im jüngsten Kälberalter entwickelt. So können Delfine sich gegenseitig erkennen und sogar ansprechen. (FAS 10.6.18)

Zumindest eine Form der Töne, die Delfine von sich geben, legt nahe, dass es bestimmte Laute für bestimmte Dinge oder Aktionen gibt: Sie bedienen sich charakteristischer Signaturpfiffe, um sich gegenseitig anzusprechen. Heute geht man davon aus, dass jeder Delfin schon als Jungtier für sich selbst einen Namen erfunden hat, den er sein ganzes Leben lang behält. Im Meer begrüßen sich Delfine, indem sie Signaturpfiffe austauschen; an die Pfiffe anderer Delfine erinnern sie sich noch nach Jahrzehnten. (SZ 29.9.17)

Das ist aber nicht das, was wir unter einem Namen (Eigennamen) verstehen. Es fehlt z. B. die Funktion, über andere Delfine unter Verwendung ihres „Namens“ zu sprechen. Auch „ansprechen“ ist etwas anderes als bei uns. Solche Äquivokationen machen aus den Beobachtungen, deren Richtigkeit ich hier nicht diskutieren will, Sensationsmeldungen. Die Überschrift der FAS lautet Ich heiße Flipper. Aber ausgerechnet dies, die sozialen Bräuche des Sichvorstellens usw., kommt bei den Tieren nicht vor.

Man kann den Anthropomorphismus sehr weit treiben. Eine bekannte Delfinforscherin hatte sogar Sex mit einem jungen männlichen Delfin, von dem alle Medien berichten, er habe nach dem Ende der finanziellen Unterstützung des Projekts „Selbstmord“ begangen. (Er starb an einer unbekannten Ursache.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.02.2018 um 06.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#37894

Da ich annehme, daß die Sprachfähigkeit nicht durch eine spezifische Mutation in die Welt kam, sondern durch Exaptation einer Reihe von anderweitigen Veränderungen, beschäftigen mich diese auszeichnenden Verhaltensweisen im einzelnen.

Menschenaffen mögen Malflächen, die man ihnen zur Verfügung stellt, mehr oder weniger gefällig (für UNSER Auge!) mit Farben bedecken, aber es sind keine Ansätze bildlicher Darstellung zu finden, und auch nur eine gerade Linie zu ziehen scheint ihnen unmöglich zu sein. Modellieren aus Lehm usw. kommt nicht vor.

Warum eigentlich nicht? Sollten beim Pinseln zufällig Ansätze einer realistischen Wiedergabe entstehen, könnte das doch verstärkend wirken und dem Tier die Kontrolle über die weiteren Striche nahelegen. Aber das geschieht nicht. Die Ergänzung der Umgebung durch Abbilder scheint keinen Platz im Verhaltensrepertoire der Affen zu haben. (Oder vermeiden sie es gar?)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 17.02.2018 um 22.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#37860

Es ist mir schon bewußt, daß ich mit der Rede vom Denken keinen behavioristischen Begriff benutze, Nur läßt mir der Behaviorismus leider keine andere Wahl, wenn ich ausdrücken möchte, daß das Denken oder die Vernunftbegabung des Menschen ein nicht zu vernachlässigendes Element einer vollständigen Beschreibung der Natur ist.

Meiner Ansicht nach ist das Denken nichts Mystisches, es ist eine Eigenschaft der Natur. Die Eigenbewegung der Materie hat unser Planetensystem, das biologische Leben auf der Erde und schließlich die menschliche Vernunft hervorgebracht. Warum sollte eine naturalistische Erklärung der Sprache unbedingt ohne den Begriff des Denkens bzw. der Vernunft auskommen müssen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2018 um 04.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#37854

Was und wie Tiere lernen können, ist naturgemäß verschieden. Das gilt für das Verhalten selbst wie auch für die "Verstärker". Manche Tiere können Rad fahren, andere nicht; einen Löwen kann man nicht mit einem Salatblatt belohnen, einen Schimpansen aber mit dem generalisierten Verstärker "Geld" usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2018 um 04.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#37852

Denken ist Verhalten oder gar nichts. Mit dem Sprechen über "Denken" hat man sich schon wieder für die folkpsychologische Begrifflichkeit entscheiden, mit der der Behaviorist (außer im Alltag) nichts anfangen kann. Das läuft immer auf eine Petitio principii hinaus. Man holt den Behavioristen in ein Boot, in das er partout nicht will.

Wie definieren Sie Denken so, daß alle Tiere davon ausgeschlossen sind? Wahrscheinlich über die Sprache, die uns in der Tat von allen anderen Tieren unterscheidet. Um deren naturalistische Erklärung geht es aber gerade.

In unserer kulturell ausgebauten Sprache hat sich spät eine Begrifflichkeit herausgebildet, die auch Diskusssionen wie diese hier ermöglicht. (Die "transgressiven Metaphern" der Innenwelt, Sie wissen schon.)

Ich wünschte, jeder hätte Skinners "About Behaviorism" gelesen (dt. "Was ist Behaviorismus?", nur noch antiquarisch), dann könnte ich mir viele schwache Worte sparen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.02.2018 um 22.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#37851

Es fällt mir schwer, den Menschen nicht als eine völlig neue Qualität gegenüber Tieren einzuordnen. Aber sei es drum, wie unterscheidet ein Behaviorist eigentlich zwischen Mensch und anderen Tieren?

Der Unterschied ist einfach nur, daß der Mensch sich anders verhält? Weiter wirklich nichts?

Bedient sich der Mensch bei seinem Verhalten nicht in ganz entscheidender Weise seiner Fähigkeit zu denken, was ein Tier nicht kann? Nicht jedes menschliche Verhalten ist eingeübt. Unterscheidet ihn das Denken nicht grundsätzlich vom Tier?

Die hübsche Schlußfolgerung, daß ein "fahrendes" Tier ein anderes als ein laufendes sein muß, ist doch geradezu ein typisches Beispiel für die Benutzung des Denkapparates anstelle einer eingeübten Handlung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2018 um 21.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#37850

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#24564

Hier noch ein paar ergänzende Protokollauszüge zum Entwicklungsstand zweijähriger Kinder:

Erste Tochter:

Sie will in der Küche ein paar Rosinen haben: Beere Teller drauf, ja? - Sie gebraucht auch weil einigermaßen richtig.

Zeigt Zahnbürsten: Papas, Hannas und Papas, und Mamas.

Was is das? (zeigt dabei auf ein Bild) ein fa:n ist das (Schwan).

Unterwegs im Kinderwagen, sieht den Mond und sagt nach einer Weile: Lied von Mond! (will von der Mutter hören: Der Mond ist aufgegangen..., singt mit, hauptsächlich die Reime) Etwas später: Lied von Hexe (d.h. Hänsel und Gretel...)

Nach einer Radfahrt will sie mit beiden Händen die Nase der Mutter wärmen: Hanna macht Mama(s) Nase warm.

Zweite Tochter (knapp unter 2 Jahren):

(Auf dem Wickeltisch:)Tschüß Papa.
(Ich erkläre ihr, daß ich zu Hause bleibe) Papa nein arbeite - morgen wieder!

(Sie baut aus Bauklötzen einen gut zentrierten Turm, so hoch wie sie selbst. Wenn sie mir etwas in einem Buch zeigen will, dreht sie es so, daß ich es sehen kann.)

(Sie sieht Silberfischchen im Badezimmer und nennt sie „Wildschweine“; dann faßt sie sich an den Kopf - wie ihre ältere Schwester es macht - und korrigiert sich:) Wildschweine laufen (sie macht es absichtlich plump vor), (Silberfischchen) fa:n (fahren).

Likehaus nein Angst habt. (Sie hat keine Angst vor dem Nikolaus gehabt.)

-
Das sind durchschnittliche Leistungen von Zweijährigen. Es wäre absurd, sie mit dem Verhalten von Hunden oder Affen gleichzusetzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2018 um 18.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#37849

"und ANDEREN Tieren" sollte es heißen. Die sind aber auch wieder alle untereinander verschieden konditionierbar, je nach ihrem ererbten Verhalten. Gemeinsam sind die allgemeinen Lerngesetze ("schedules of reinforcement").
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.02.2018 um 18.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#37848

Wie unterscheidet ein Behaviorist eigentlich zwischen Mensch und Tier? Er kennt ja nichts Mentales. Betrachtet er es einfach als gegeben, daß Menschen anders, weitergehend konditionierbar sind als Tiere, Ursache unbekannt?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2018 um 17.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#37847

Die „Wörter“, auf die man Tiere (Hunde, Graupapageien) abrichtet, sind nur in unseren Augen (und Ohren) Wörter. Für die Versuchstiere sind es verschiedene Geräusche, die man durch Glockentöne und anderes ersetzen könnte. Sie haben weder eine phonematische Gliederung noch sind sie in verschiedene syntaktische Rahmen einsetzbar. Man verwendet eben Geräusche, die gewissermaßen Homophone von menschlichen Wörtern sind, und läßt durch diese Äquivokation die Versuche aufsehenerregender erscheinen. Es heißt dann in den Medien, Tiere seien ganz nahe an menschliches Sprachverhalten herangekommen, ein Hund befinde sich auf dem Entwicklungsstand eines zweijährigen Kindes usw. Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#24564
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.02.2018 um 05.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#37822

Der Kult, der um einzelne "sprechende Tiere" getrieben wird, hat tatsächlich religiöse Züge. Von Irene Pepperberg gibt es auf deutsch schon zwei Bücher über ihren verstorbenen Graupapagei Alex, der ihr nichts Geringeres als den Sinn des Lebens gezeigt hat, eine Erlöserfigur, s. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#24568

Solche Bücher werden von einer gläubigen Gemeinde entgegengenommen wie die Nahtod-Literatur.

Rico soll ja 1022 Spielzeuge namentlich unterschieden haben – gibt es überhaupt so viele? Aber er wurde überboten: Puck, a male budgerigar owned by American Camille Jordan, holds the world record for the largest vocabulary of any bird, at 1,728 words. Puck died in 1994, with the record first appearing in the 1995 edition of Guinness World Records. – Ein solcher Wortschatz reicht eigentlich für bedeutende Botschaften an die Menschheit. Aber auf dem Weg zum Primaten verkümmert diese Fähigkeit immer mehr, Schimpansen stottern rum, daß es zum Fremdschämen ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.02.2016 um 17.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#31782

Bei Tieren hemmen sich alle Verhaltenstendenzen gegenseitig:
„Lebewesen befriedigen kaum jemals zwei Antriebe zugleich.“ (Bernhard Hassenstein: Instinkt, Lernen, Spielen, Einsicht. München 1980:35; dort auch etwas zur Physiologie)

Also nicht gleichzeitig Fußball gucken, Kartoffelchips essen und mit der Freundin telefonieren.

Stimmt das? Und was bedeutet es?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.10.2015 um 09.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#30346

Die Sondersprache der Hundezüchter hat mich schon immer interessiert. Seitdem eine meiner Töchter eine Französische Bulldogge hält, habe ich noch einen Grund mehr, mich damit zu beschäftigen. Ich bin eigentlich kein großer Hundeliebhaber, habe früher Katzen gehalten, aber ich kann nicht bestreiten, daß dieser Hund, inzwischen fast erwachsen, etwas Erheiterndes hat, wie ein kleiner Kobold, und darauf ist es ja auch abgesehen. Wikipedia schreibt u. a.:

Der massive Kopf hat einen zwischen den Ohren flachen Schädel, gewölbte Stirn und gut ausgeprägten Stop. Die Stirnfurche reicht bis in Augenhöhe. Die Kopfhaut ist lose, weich, und weist symmetrische Falten auf. Der Fang ist kurz und gut zurückgelegt mit einem sehr kurzen Nasenrücken, kräftig entwickelten Backenmuskeln und schwarzen, dicken Lefzen, bei denen die Oberlefze die untere wohl seitlich abdeckt, aber nicht über den Unterkiefer hinausreichen darf.

Es ist seltsam, wie hier das Wort gut gebraucht wird und überhaupt eine Norm zugrunde gelegt wird, die man doch zuvor ganz willkürlich gesetzt hat. Das erinnert mich an Jürgen Dollase, der von präzise gewürzten oder gegarten Speisen spricht, als sei die Norm etwas unhinterfragbar Gegebenes.

Dabei sind diese Hunde doch, wenn man ehrlich ist, systematisch erzeugte Mißgeburten, ohne Halter nicht lebensfähig. Man darf sie auch nicht einfach weiterzüchten oder in der Gegend herumhuren lassen, da gibt es strenge Vorschriften.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 24.02.2014 um 12.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#25237

Vielleicht findet sich ja noch ein Hund oder Affe, der 20 Strophen der Vogelhochzeit auswendig singen kann? Wir sind gespannt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.02.2014 um 06.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#25234

Die Medien und sogar Fachzeitschriften traktieren uns unverdrossen mit phantastischen Berichten über das Sprachverständnis der Superhunde wie Chaser. Letzterer soll vorzugsweise englische Wörter in spanischer Grammatik verstehen, Aus einem Interview:

"Roughly speaking, the average dog is equivalent to a human two-year-old in terms of mental abilities," Dr. Coren said. "And the 'super dogs' are equivalent to maybe a human two-and-a-half-year-old.”

Diese Leute haben allesamt keine Ahnung, wie eine wirkliche Sprache funktioniert. Aber auch die Tatsachen kriegen sie nicht auf die Reihe. Chaser holt mit einer gewissen statistischen Wahrscheinlichkeit auf verschiedene Signale hin verschiedene Gegenstände und legt sie ebenfalls mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit an verschiedenen Orten wieder ab. Das geht nicht über die Leistung dressierbarer höherer Tiere hinaus. Zwei- bis zweieinhalbjährige Kinder? Kann man denn so vollständig vergessen, wie die sich verhalten?

Aus meinen Protokollen:

(Tochter Johanna)
2;0 Kausalsatz mit weil. Sap ausdinken. Aus(g)edinkt. (Erzählt:) Hab i ausdesa:ft 'ausgeschlafen', hab i Milch getrunken. Viele Partizipien II, alle auf -t und meist ohne ge-. Wortschatz nicht mehr zu überblicken. (Bilderbuch ansehen:) Was is das? Ein Fa:n (Schwan) ist das. Usw. Verbzweitstellung mit beliebiger Vorfeldfüllung.
2;1: (Beim Malen:) Schau, Wasser Sonne hab i malt. - Die hab i zugemacht (Knöpfe). W-Fragen: Wo ist die Kinderschere? Was macht der Papa?
2;2: Das eß ich noch auf, weißtu, und dann gucken was los ist.
2;4 Modalpartikel doch wird richtig verwendet. Bestimmter Artikel die verallgemeinert. Ob- und Weil-Sätze mit Verbletzt-Stellung. Die Milch hat der Mann deschenkt, weil di ein bißchen säuerlich war. (Meint kostenlose Ersatzlieferung.) (Vater hat sich am Knie verletzt, sie zeigt:) Auf dér Seite ist Aua, auf dér Seite ist kein Aua. - Versteckt sich hinter Vorhang und ruft: Wein mal!
2;6 Modalpartikeln: Komm mal eben her! (Nachdem ihr Verwandtschaftsnamen erklärt worden sind, seufzend:) Ich lern das noch, wenn ich größer bin, weißt du.

(Tochter Dorothee)

2;3: Ich bin kleiner als du. - Darf ich meinen Hasen mitnehmen? - Ich hab geweint, weil ich naß binne. - Was soll ich malen? (Modalverben seit 2;2)

Diese beiden durchschnittlich entwickelten Mädchen verstehen natürlich noch mehr, als sie selbst sagen, sie stellen und beantworten Fragen, lauschen Erzählungen, befolgen konditionierte Aufträge usw. - das ist Lichtjahre von den Leistungen der klügsten Hunde entfernt. Man kann es eigentlich gar nicht vergleichen, weil - nach dem bekannten Zitat - die Intelligenz der Hunde eben darin besteht, sich wie Hunde zu verhalten.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.01.2014 um 07.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#24913

Unter "Pferdesteuer" gibt Wikipedia einen sehr guten Überblick über die Rabulistik, mit der die Hundesteuer gerechtfertigt, die Pferdesteuer abgelehnt wird. (Ich habe weder Hund noch Pferd, mich interessiert nur die Argumentation, die eines Paul Kirchhof würdig wäre.) Die Hundesteuer soll u. a. die Zahl der Hunde eindämmen. Daß dieses Ziel erreicht sei, wird man so wenig behaupten können wie die Eindämmung der Rechtschreibfehler durch die Rechtschreibreform.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.12.2013 um 14.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#24564

Zum Tagebucheintrag:

"Ein Hund könnte lernen, auf den Ruf 'N' zu N zu laufen und auf den Ruf 'M' zu M, - wüßte er aber darum, wie die Leute heißen?" (Wittgenstein: Über Gewißheit 540)

Ein Hund weiß nicht einmal, wie er selbst heißt. Er kennt das gesellschaftliche Spiel nicht, in dem etwas einen Eigennamen hat, andere Dinge mit Appellativa bezeichnet werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2013 um 06.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#23889

Es ist richtig, daß die Hundesteuersatzungen der Gemeinden oft auf Mustertexte zurückgehen. Besonders kurz ist unsere hier in Spardorf, originell kommen mir nur die Beträge vor:

Die Steuer beträgt für
den ersten und zweiten Hund 25,56 €,
ab dem dritten Hund je 51,13 €.

Höhere Steuern für gefährliche Hunde sind sonst weithin üblich, der Streit über die Zuordnung einzelner Rassen (s. wiederum Angermünde) hat schon die Gerichte beschäftigt. Kompliziert sind überall die Ausnahmen – Steuerbefreiung und Ermäßigungen für Fachhunde aller Art.

Meine Frau wurde vor einiger Zeit von einem Boxer in die Wade gebissen, weil sie den Fehler begangen hatte, an ihm vorbeizuradeln, ohne abzusteigen, sich persönlich vorzustellen und ihn zum Essen einzuladen. Dabei gehört er nicht zu den gefährlichen Rassen, die aber in Spardorf ohnehin nicht besonders aufgelistet werden.

(Darf man von Hunderassen sprechen? Es gibt doch gar keine Rassen ...)
 
 

Kommentar von Argonaftis, verfaßt am 12.08.2013 um 21.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#23886

Hundesteuersatzungen der Gemeinden orientieren sich regelmäßig an entsprechenden Mustersatzungen.
Wegen "altüblich": Das kommt mir vor wie abgeschrieben, oder der Bürgermeister, der die Satzung seinem Beschlußgremium vorgelegt hat, hat zuvor im Grimmschen Wörterbuch geblättert.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 12.08.2013 um 18.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#23885

Ich kann mich nicht erinnern, dieses Wort je gehört zu haben. Soll ich diese Satzung so verstehen, daß man für bissige Hunde mehr Steuern zahlt als für weniger bissige? Meiner Meinung nach ist diese Satzung ziemlich übertrieben und realitätsfern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.08.2013 um 17.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#23884

Heute bin ich auf einen Text gestoßen, der zwar auch mit Hunden zu tun hat, mich aber aus einem anderen Grund beschäftigt:

Als gefährliche Hunde im Sinne dieser Steuersatzung gelten:
(...) Hunde, die als bissig gelten, weil sie einen Menschen oder ein Tier durch Biß geschädigt haben, ohne selbst angegriffen oder dazu durch Schläge oder in ähnlicher Weise provoziert worden zu sein, oder weil sie einen anderen Hund trotz dessen erkennbarer altüblicher Unterwerfungsgestik gebissen haben,(...)

(aus der Hundesteuersatzung von Angermünde)

Das Wort altüblich – besonders in diesem Zusammenhang – hat mich angeweht wie aus vergangenen Jahrhunderten. Ich bin noch nie in der Uckermark gewesen, aber Angermünde stelle ich mir ebenso verschlafen wie schön vor.

Kann man angeborenes Verhalten von Tieren altüblich nennen? Ich würde eher sagen bekannte Unterwerfungsgestik, aber das ist natürlich sehr platt.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 07.08.2013 um 13.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#23863

Zu #23860:

Wer sagt denn, daß Delphine nicht auch eine Art Kultur haben können, und damit auch Kulturtechniken? Diese Kultur wird sich aufgrund des anderen Lebensraum und des andersartigen Körpers/der andersartigen körperlichen Möglichkeiten natürlich sehr von der unseren unterscheiden, vielleicht sogar so sehr, daß wir, die wir nur in unserer Welt zu denken gewohnt sind, sie gar nicht als Kultur erkennen.

Daß z. B. Elephanten ein gutes Gedächtnis haben, ist allgemein bekannt. Daß Delphine in Not geratenen Schwimmern ans Ufer helfen, ist seit der Antike bekannt. In Israel gibt es einen sehr berümten Delphin, zu dem viele kranke Menschen kommen. Das Meer ist ein sehr formenreicher und damit anregender Lebensraum mit vielfältigen Gefahren. Schon daher würde ich vermuten, daß ein Lebewesen wie ein Delphin sehr intelligent ist und in hohem Maße mit seinen Artgenossen kommuniziert.

Es tut mir leid, Herr Ickler, ein Urteil über Schlangen bzw. die sozialen Fähigkeiten der Delphine würde ich eher von einem Biologen, der diese jahrelang studiert hat, akzeptieren als von einem Psychologen oder einem Sprachwissenschaftler, die beide berufsbedingt sehr auf Menschen fixiert sind. Bei Psychologie würde ich noch nicht einmal von einer Wissenschaft sprechen. Allerdings wäre es sicher auch für die Sprachwissenschaft interessant, die Sprache(n) der Delphine zu erforschen. Dafür muß man sich aber erst in das andere Wesen reindenken, was Menschen aber schwerfällt, da die sich für die Krone der Schöpfung halten. Ich habe mal eine Erfahrung mit einer Spinne (sehr wahrscheinlich eine Tegenaria) gemacht, die nahelegt, daß auch Spinnen bewußt und zielgerichtet handeln. Ähnliches gilt für eine Kröte, die ich mal vor einer Katze gerettet habe.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 07.08.2013 um 12.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#23862

Ich würde nicht so viel auf das Geschwätze von Psychologen geben.

''Dann fallen sie plötzlich ihren Besitzer oder dessen Kinder an, als 'wüßten' sie nicht, um wen es sich handelt. Und wahrscheinlich wissen sie es auch nicht, sondern reagieren auf ein Bündel getrennter Wahrnehmungskomplexe.''

Dies kann viele Gründe haben, auch bei Menschen kommt vergleichbares Verhalten vor. Für einen Hund ist der Mensch Teil seines Rudels, und in einem Rudel kann es auch Rangkämpfe geben, z. B. wenn das Leittier Schwäche zeigt. Es wäre daher eine naheliegende Erklärung, daß aus Sicht des Hundes sein Leittier Schwäche gezeigt hat, und der Hund darum – durch etwas, was wir, weil wir eben wie Menschen und nicht wie Hunde denken, als ''anfallen'' bezeichnen würden – dessen Führungsanspruch in Frage stellt. Ein solches Verhalten kann nicht mit ''einem Bündel getrennter Wahrnehmungskomplexe'' erklärt werden. Eventuell könnte man es auch damit erklären, daß bei einem (jungen) Hund zum erstenmal Jagdinstinkte durchkommen. Siehe dazu auch www.elfquest.com, The Jury.

Die Argumentation mit dem ''Bündel getrennter Wahrnehmungskomplexe'' ist schon deshalb problematisch, da es sowas wie ''Übertragung in andere Sinnesmodalitäten'' gibt. So habe ich mal gelesen, daß bei Fledermäusen der für das Sehen zuständige Bereich des Gehirns auch von Regionen, die für das Hören verantwortlich sind, innerviert wird (oder direkt vom Hörnerv, das weiß ich leider nicht mehr). Ob das bedeutet, daß Fledermäuse eine Art ''Hörbild'', also einen visuellen Eindruck vom Gehörten haben, weiß ich nicht, unmöglich ist es aber sicher nicht, schließlich gibt es auch technische Verfahren, aus Schall/Ultraschall visuelle Bilder zu erzeugen: Ultraschallgerät beim Arzt, Echolot, Radar.

Wenn eine Schlange eine Maus fängt, nimmt sie ihre Beute vielleicht auch visuell wahr,
aber auf jeden Fall über ihre Grubenorgane, siehe Wikipedia:

''Das Grubenorgan und die Labialgruben sind Sinnesorgane, die verschiedenen Schlangen zur Erfassung von Infrarotstrahlung dienen. Im Laufe der Evolution haben sich einige Taxa der Schlangen besonders gut auf das Aufspüren von warmblütigen Säugetieren spezialisiert. Dieser Sinn ermöglicht es den Schlangen auch bei völliger Dunkelheit auf die Jagd zu gehen.''

Sie fängt sie sicher nicht nach dem Biß mit dem Geruchssinn wieder ein, höchstens mit ihrem Maul/Zähnen. Der Geruchssinn würde hier nicht allzu viel bringen, da es dann dort überall nach Maus richen dürfte, insbesondere wenn ein Kampf stattgefunden hat, also überall Moleküle von der Maus (Fell, Blut) in der Luft vorhanden sind.

Und verschlingt sie anschließend mit taktiler Leitung, wie das auch der Mensch tun dürfte, wenn er etwas verschlingt bzw. ißt bzw. runterschluckt (Schluckreflex), nur daß wir unser Essen mit Messer und Gabel vorher in mundgerechte Bissen zerteilen können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.08.2013 um 11.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#23860

Der SPIEGEL berichtet über Delphinforschungen:

"Bekannt ist, dass die Tiere Werkzeuge nutzen und einander mit Namen ansprechen. Nun zeigt eine Studie: Delfine merken sich diese Namen – für Jahrzehnte.
Delfine können sich noch nach mehr als 20 Jahren an ehemalige Gefährten erinnern. Sie erkennen einen Artgenossen an dessen individuellem Namenspfiff, selbst wenn sie ihn viele Jahre nicht gehört haben. Damit funktioniere ihr Gedächtnis in diesem Bereich ähnlich gut wie das des Menschen."
"Signaturpfiffe sind so etwas wie die Namen von Delfinen. Jedes Tier lernt in jungen Jahren seinen eigenen Pfiff, mit dem er sich dann auch anderen Tieren vorstellt. Offenbar nutzen Delfine diese Namen auch, um einander gezielt anzusprechen."

Einander ansprechen, sich jemandem vorstellen usw. das sind Kulturtechniken, die im Leben der Dephine keinen Platz haben. Ebenso das Funktionieren von "Namen" im sprachlichen Verhalten. Die sensationslüsterne Darstellung ist Volksverdummung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.03.2013 um 08.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#22784

Man zitiert oft Wittgensteins Satz: "Wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen."

Was das bedeutet, könnte folgende Beobachtung zeigen: Wenn eine Schlange eine Maus fängt, nimmt sie ihre Beute visuell wahr, fängt sie nach dem Biß mit dem Geruchssinn wieder ein und verschlingt sie anschließend mit taktiler Leitung vom Kopf her. Deshalb sagt der Psychologe Gärdenfors, daß die Schlange keinen Begriff von einer Maus hat. (Cued and detached representations in animal cognition. Lund University Cognitive Studies 38 1995)

Wenn die Schlange sprechen könnte – wir könnten sie nicht verstehen.

Man wundert sich manchmal über das Verhalten von Hunden, deren Angleichung an menschliches Verhalten und menschliche Erwartungen sehr weit fortgeschritten zu sein scheint. Dann fallen sie plötzlich ihren Besitzer oder dessen Kinder an, als "wüßten" sie nicht, um wen es sich handelt. Und wahrscheinlich wissen sie es auch nicht, sondern reagieren auf ein Bündel getrennter Wahrnehmungskomplexe. In volkstümlicher Redeweise gesprochen (die auch Gärdenfors verwendet): Sie haben keinen Begriff von dem Menschen, mit dem sie so vertraut umzugehen scheinen. Könnte der Hund sprechen, wir würden ihn nicht verstehen.

Das ist bei allen Experimenten mit sprechenden Affen usw. zu bedenken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.02.2013 um 07.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#22624

Nach einem Jahr wäre es wohl an der Zeit, aus derselben Ecke mal wieder was Sensationelles zu lesen, und tatsächlich verkündet die Hundeliebhaberin Kaminski, die uns jahrelang mit den Leistungen ihres seither verstorbenen Rico unterhalten hat, ihre neuesten Erkenntnisse, die auch sogleich von den Zeitungen weiterverbreitet werden:

Hunde stehlen im Dunkeln

Verhaltensbiologin Juliane Kaminski führte eine Reihe von Experimenten durch: Vierbeiner wissen, was Menschen sehen und was nicht

Portsmouth/Wien – Viele Hundbesitzer würden wohl schwören, dass ihre Vierbeiner sie verstehen und sogar durchschauen können. Das Problem ist nur, dass es zum einen wir Menschen sind, die den Hunden diese Fähigkeit zusprechen – und sie womöglich in das Tier hinein interpretieren. Und zum anderen gibt es nur wenige experimentelle Beweise dafür, dass Hunde tatsächlich in der Lage sind, den Blickwinkel ihrer Frauerln und Herrln zu deuten.
Die deutsche Verhaltensbiologin Juliane Kaminski (Universität Portsmouth), die sich seit langem vergleichend mit der Intelligenz von Schimpansen und Hunden befasst, hat sich eine Reihe von Experimenten ausgedacht, mit denen sie die mögliche Perspektivenübernahme der Hunde testete.

Experimentreihe
Bei allen Experimenten wurde den Versuchstieren (je 42 männlichen und 42 weiblichen Hunden im Alter von rund einem Jahr) von einem menschlichen Zweibeiner verboten, Futter aus einem Raum zu stehlen. Dann testete Kaminski mit ihren Kollegen vom Max Planck Institut für evolutionäre Anthropologie, ob das Verhalten der Hunde dadurch beeinflusst wurde, ob es hell oder dunkel ist – unter Ausschluss aller möglicher Störvariablen.
Wie Kaminski und ihre Mitautoren im Fachblatt "Animal Cognition" berichten, entwendeten die Hunde deutlich mehr, wenn Dunkelheit herrschte. Das lasse darauf schließen, dass die Hunde wissen, was Menschen sehen und was nicht und dass es sicherer ist, im Dunkeln zu stehlen, so Kaminski. Das wiederum bedeute, dass Hunde tatsächlich in der Lage sein dürften, die Perspektive der Menschen zu übernehmen – auch wenn die letzten Beweise dafür noch fehlen.
Lange hatte man den Menschen für das einzige Lebewesen gehalten, das die Gedanken anderer Lebewesen lesen kann. Nach den Schimpansen scheinen nun auch die Hunde zu diesem exklusiven Klub zu gehören.

Der Standard, 12.2.2013 (ähnlich in der Süddeutschen Zeitung, im Independent usw.)

Wir Menschen benutzen gern Metaphern wie Perpektivenübernahme, Gedankenlesen, Sichhineinversetzen usw., Psychologen verkennen oft, daß es nur Metaphern sind. Man kann ihr Zutreffen auch nicht "beweisen", das ist schon begrifflich ausgeschlossen. Hunden kann man nichts "verbieten", sie können auch nicht "stehlen". Es wird gar kein Versuch unternommen, das Verhalten als gelerntes zu erklären.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.01.2012 um 18.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#19833

Hunde können Gedanken lesen usw. – das hat man laut SZ am MPI für evolutionäre Anthropologie in Leipzig herausgefunden. Dort findet man beinahe jede Woche etwas heraus, jedenfalls meint das die Pressestelle, und die Zeitungen drucken es nach. Freilich hat man desselbe vor Jahren schon einmal herausgefunden, aber das haben die Leser längst vergessen.

Alles immer hübsch in mentalistische Begriffe gekleidet, wie die Leute es gern haben: Hunde denken, wissen, lesen Gedanken, haben eine rudimentäre "Theory of mind" usw. – the flight to laymanship, wie Skinner es nannte. Leider stört es auch die ernsthafte Forschung zur Evolution der Sprachfähigkeit.
 
 

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