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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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20.11.2010
 

Sternchen
Womit sich Linguisten beschäftigen

Besonders seit Chomsky ist es üblich, daß Linguisten selbstgemachte Beispiele mit eigenen Grammatikalitätsurteilen versehen und beides zusammen als die sprachlichen "Daten" behandeln.

Aus der großen Zeit der Chomsky-Rezeption stammt ein Aufsatz aus der Feder des Ostberliner Germanisten Wolfgang Motsch, in dem folgende Sätze als ungrammatisch gekennzeichnet sind:

*Es war gestern, daß wir uns trafen.
*Es war England, wohin er fahren wollte.
*Wer zuerst aufgab, war Peter.


Der Verfasser sinnt dann darüber nach, warum sie ungrammatisch sind. Da sie jedoch vollkommen grammatisch und reich belegt sind, ist die ganze Darstellung gegenstandslos.
(Einleitend behauptet er auch, die vorgeführten Spalt- und Sperrsätze seien in der deutschen Grammatik kaum beachtet worden. In Wirklichkeit haben sie ihren Platz in allen klassischen Grammatiken, die der Verfasser allerdings nicht erwähnt und wohl auch nicht kennt. Man muß natürlich die altbekannten Phänomene als "Cleft-" und "Pseudocleft-Sentences" bezeichnen, weil angeblich die Amerikaner sie entdeckt haben.)

Eine andere Verfasserin behandelt die angeblich falschen, in Wirklichkeit richtigen Ausdrücke:

*sie, die ich gestern kennengelernt habe
*wir in der Auswahlkommission


Was soll man dazu sagen? Und dies ist nur ein winziger Teil aus der ungeheuren Masse selbstherrlich verliehener Sternchen (Asterisken).



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Kommentare zu »Sternchen«
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Kommentar von R. M., verfaßt am 16.05.2017 um 22.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#35122

Das führt in die Irre. Wenn z. B. ein Traum von einer blonden Frau auch doppelt gemoppelt wäre, würde das heißen, daß Brünette nicht traumhaft sein können.

Es hat auch seinen Sinn, daß man in der Grammatik zwar von Stilebenen, gewöhnlich aber nicht von gutem oder schlechten Stil redet.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.05.2017 um 21.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#35121

Bei Beispielen dieser Art ist es immer so eine Sache, wenn man die reine Unmöglichkeit behauptet. Das stimmt dann natürlich nicht, kann im Grunde gar nicht stimmen. Aber ist nicht trotzdem meist ein Körnchen Wahrheit dran? Wenn man nun statt dessen sagen würde, es ist i. a. kein guter Stil, den zweiten Teil attributiv zu erweitern?

Ein Traum von einem Album, das kann ja nur ein gelungenes Album sein, was denn sonst? Und ein Traum von einem Hund, na ja, wenn der nicht unter anderem auch treu wäre, würde man ihn nicht einen Traum nennen. Daß man solche Belege trotzdem vielfach findet, ist klar, es wird nun mal viel doppelt gemoppelt, schlechter Stil eben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.05.2017 um 15.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#35118

Der Germanist Werner Abraham hat einmal einen Aufsatz über Fügungen wie ein Schatz von einem Kind geschrieben, aber in typisch generativistischer Manier mehr den Formalismus der Darstellung als den wirklichen Befund beachtet. So soll die attributive Erweiterung des zweiten Teils nicht möglich sein: *ein Traum von einem prachtvollen Schloß usw. Aber es gibt viele Belege dieser Art: ein Traum von einem gelungenen Album, ein Traum von einem treuen Hund usw.
Außerdem gehört wohl noch mehr dazu, was gar nicht beachtet ist: das ist mir sowas von egal u. ä.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.03.2017 um 09.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#34727

Aus einer neueren grammatischen Arbeit:

*Das nervt mich sowas von.

(Vgl. schon http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#27633)

Das ist so oft belegt, daß es nicht mehr als ungrammatisch gekennzeichnet werden kann; freilich ist es nicht hochsprachlich, aber einige tausend Belege im Netz sind mehr als nichts.

Die Wendung muß zuerst vor Substantiven aufgekommen sein und ist vergleichbar dem älteren was für ein. so etwas von Lärm, dann: so was von laut, schließlich vor Verben: daß mich das so was von nervt. Damit ist dann die Logik endgültig verdunkelt, das Ganze kann wie EIN Wort aufgefaßt und als neues Adverb auch nachgestellt werden: Das nervt sowasvon.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.02.2017 um 13.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#34535

Das kann ich bestätigen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.02.2017 um 13.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#34534

Das fiel mir nach dem Krieg an den Flüchtlingskindern aus Ostdeutschland als für uns Westdeutsche ungewohnt auf: Sie gingen immer "nach" irgendwas, nach Brot zum Bäcker, nach Blech auf den Schrottplatz usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.02.2017 um 03.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#34529

Kristel Proost: „Warum man nach Schnäppchen jagen, aber nicht nach Klamotten bummeln kann“ (http://pub.ids-mannheim.de/laufend/opal/pdf/opal2009-4.pdf)

Nachdem dies bewiesen ist, sehen wir mal nach,wie es sich wirklich verhält. Allein für die genannte Verbindung in genau dieser Reihenfolge finden wir:

Ablenkung...hm, ich geh net gern nach Klamotten bummeln... lieber Schuhe
(https://www.weddix.de/hochzeitsforum/hochzeitsorganisation/wer-von-euch-weddix-braeuten-sagt-am-23-mai-2009-ja/post-5-3.html)

Geplant habe ich für morgen auch mehr. Einkaufen, mal nach Klamotten bummeln und das Nilpferd nähen.
(http://www.kaninchenforum.de/small-talk/31828-quasselthread-4207.html)

„Sie und Kira sind ganz am Anfang gleich abgehauen. Sie wollten in der Stadt nach Klamotten bummeln gehen.“ berichtete Patricia.
(https://melsgesammeltekatastrophen.jimdo.com/die-geschichte-ohne-namen/77-ein-neues-gesicht/)

Jetzt gehts in die Stadt, neue Brillengläser bestellen und dann nach Klamotten bummeln.
(http://www.eltern.de/foren/kinderwunsch-hibbeln-plaudern/652404-hibbeln-tempi-ovu-and-co-8792.html)

Man würde sicher noch viel Entsprechendes finden: ... die Spielzeugfiguren alter Überraschungseier inspizieren oder in einem der zahlreichen Läden nach Schnäppchen bummeln.

Ein großer Teil der heutigen deutschen Sprachwissenschaft ist buchstäblich gegenstandslos.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2017 um 03.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#34428

Fast alle Grammatiken des heutigen Deutsch lehren, daß Korrelation mit verschmolzenen Artikelformen nicht zulässig oder nicht möglich sei:

*Friedrich ist jetzt im Haus, das er sich letztes Jahr gebaut hat.

Es gibt unzählige Gegenbeispiele:

Die Szene passte nicht ins Bild, das man sich von Michael Schumacher malt. (Welt 3.9.02)

Auch:

Es waren Franzosen, die als erste zur Überzeugung gelangten, notfalls müßten sozialer Fortschritt, Freiheit und Zivilisation auch mit Gewalt durchgesetzt werden. (Wolf Lepenies in Jb. 17. der Bayer. Akademie der Schönen Künste, 2003:139)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.12.2016 um 06.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#34024

Obwohl ein Teller ungefähr so flach ist wie ein Buch, steht er auf dem Tisch, während das Buch meistens liegt. Das hat bekanntlich seinen Grund in der Funktion des Tellers; Präpositionen sind keine rein räumlich-geometrische Angelegenheit.

Theoretische Linguisten stehen der Wirklichkeit oft recht fern. Sie beschreiben und erklären Phänomene, die es gar nicht gibt.

Der Teller liegt auf dem Tisch / im Schrank / unterm Bett.
Anna legt den Teller auf den Tisch / in den Schrank / unters Bett.

(http://amor.cms.hu-berlin.de/~h2816i3x/Lehre/2002_HS_Argumentstruktur/Argumentstruktur2004_01.pdf)

legt den Teller auf den Tisch ist nur hier und in einigen weiteren Beispielen aus der grammatischen Literatur belegt, kommt also praktisch nicht vor, und das ist kein Zufall.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.12.2016 um 04.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33998

Die Dudengrammatik schließt aus, daß bei koordinierten zu-Infinitiven ein zu eingespart wird (§ 1415). Es gibt aber viele Gegenbeispiele dieser Art:

Auf der anderen Seite schaffen Kinder viel mehr, als man am Anfang vielleicht zu glauben und hoffen wagt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.11.2016 um 05.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33877

Um nachzuweisen, daß manch kein Adjektiv ist, schließt Gallmann *die manchen Vorschläge aus. (Dudengrammatik 9. Aufl. 2016:388; vgl. ebd. 322)

Es gibt aber Beispiele wie die manchen guten Ratschläge.

Da die Teilnahme bei den manchen Angeboten sehr stark auch von den Sprachkenntnissen abhängt, ist eine vorherige Absprache mit dem Amt für Soziokultur unbedingt notwendig. (https://www.simsons-kinderseiten.de/ferienprogramm/teilnahmebedingungen/)

Aber bei den manchen Attraktionen wie der Großen Mauer, dem Li Fluss und dem Yangtze Fluss ist das viel besser (...)

usw.

Das ist die alte Bedeutung "viel, vielfältig". Nicht sehr häufig, aber auch nicht falsch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.11.2016 um 07.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33823

"Unmögliche Bildungen verstoßen gegen Wortbildungsregeln:
*Geohrfeige
(Kompositum als Ableitungsbasis)"
(Beatrice Primus: http://uk-online.uni-koeln.de/remarks/d2/rm2160614.pdf)

Googeln wir mal:

Nein, ich muss mir nun nicht mehr tägl. Beleidigungen anhören; und kein Geschrei und das Geohrfeige der Kinder. Gott sei Dank!!!
(http://www.trennung-forum.de/forum/index.php?topic=6304.0)

Wie eine Versammlung von musikalischen Katzen, die sich unter den schönsten Klagetönen und Maunzereien mit fürchterlichen Grimassen ansehen, einander ins Gesicht speien, jeden Augenblick bereit sind, in ein allgemeines Geohrfeige und Katzbalgen überzugehen ... (http://gutenberg.spiegel.de/buch/humoristische-geschichte-von-new-york-2448/45)

In dem Satz steckte zuviel verbales Geohrfeige ... (http://www.psychic.de/forum/tagebuecher-f97/face-everything-and-rise-meine-persoenliche-geschichte-t64272.html)

Und weitere Belege. Die "Wortbildungsregel" existiert nicht; bei der Seltenheit passender Verbalkomposita (Rückbildungen) sind nur nicht allzu viele Beispiele zu erwarten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.10.2016 um 05.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33615

Gallmann macht hier keinen Unterschied, er stellt *in das Elsass reisen neben *in dem Rhein baden. Aber in das Salzkammergut reisen ist natürlich ebensogut möglich. Warum die Verschmelzung einmal möglich, einmal zwingend ist, wäre erst noch zu ergründen. Ich vermute, daß in vielen Fällen keine echte Verschmelzung vorliegt, sondern nur Enklise des Artikels, daher an das/ans Rote Meer, in das/ins Mutterland des Buddhismus, usw. Phraseologisch fest geworden: ins Schwarze treffen u. ä.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 22.10.2016 um 18.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33614

In dem Elsaß/Schwarzwald/Salzkammergut wohnt aber wohl kaum jemand, oder?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.10.2016 um 17.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33613

Laut Dudengrammatik (2016:300) ist nur ins Elsass reisen möglich, nicht *in das Elsass. Es gibt viele tausend Gegenbeispiele bei Google, überall werden Reisen in das Elsass angeboten.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.09.2016 um 11.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33292

Vielleicht ist dieses bi! aber auch einfach von Aufforderungen wie Bist du wohl ...!, was ursprünglich kein Imperativ war, abgeleitet.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.09.2016 um 10.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33291

Im Erzgebirgischen sagt man auch bi!, z. B. Bi ruhig! oder nach einem Streit: Nu bi ner wieder gut!
Aber ob das etwas mit dieser finiten i-Form zu tun hat? Mir fällt dabei auf, daß im Englischen der Infinitiv to be genauso ausgesprochen wird. Gab es vielleicht im Deutschen oder zumindest in Dialekten auch einmal einen solchen Infinitiv wie im Englischen? (Der heutige Infinitiv im Erzgebirgischen ist sei.)
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 11.09.2016 um 10.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33290

Mir scheint, daß viele die Imperative nehme, trete, gebe usw. vor allem dann verwenden, wenn sie sich schriftlich äußern, weil sie diese Form für die hochsprachliche (=bessere) halten. In mündlicher Rede sagen sie dann aber nimm, tritt, gib usw.
Ein Grund für dieses Verhalten mag vielleicht sein, daß in vielen Dialekten (allen?) nur die i-Formen verwendet werden, und zwar für Imp. Sg. und 1. Pers. Sg. Ind. gleichlautend*). Da die Dialekte aber immer noch von vielen Menschen für minderwertig gehalten werden, versucht man in geschriebenen Texten Dialekt zu vermeiden.

*) Im alten Bairisch schließt diese letztgenannte "Regel" sogar das Hilfsverb sein mit ein: I bi(n) - bi! (z. B. bi stààd! - sei still!).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.09.2016 um 06.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33286

Der alte e/i-Wechsel bei hilf usw. ist eine Sache für sich. Übrigens wird er interessanterweise neuerdings aufgegeben, was wir anderswo schon besprochen haben (meiner Ansicht nach wegen der Deutlichkeit, zum Beispiel im Umgang mit Kindern): eß, lese, trete, also eine Regularisierung des Präsensstamms.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.09.2016 um 01.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33285

Ich bin ebenfalls der Meinung, daß der Imperativ, wenn man ihn denn bilden möchte, dürfe!, nicht darf!, wolle!, nicht will!, könne!, nicht kann!, müsse!, nicht muß! lauten würde, irgendwie sagt es mir mein Sprachgefühl.

Andererseits heißt es aber nicht gebe!, sondern gib!, nicht nehme!, sondern nimm! usw. Da ist der Imperativ nicht vom Infinitiv abgeleitet. Wie erklärt sich dieser Widerspruch?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.09.2016 um 15.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33282

Die Imperativsätze, die hier allenfalls in Frage kommen, sind die sogenannten konditionalen, also erleichterte Formen anstelle von Konditionalsätzen. Etwa wie:

Sei du erst mal alt, dann wirst du anders darüber denken.

Hier geht es ja nicht darum, eine wirkliche Aufforderung auzusprechen, sondern man könnte paraphrasieren: "Stell dir vor..."

In diesem Sinne wäre denkbar:

Dürfe mal selber abends nur bis zehn Uhr ausgehen...

Mir ging es eigentlich um die Formbildung. Der Imperativ wird, wenn überhaupt, vom Infinitivstamm gebildet, nicht von einer flektierten Form. Es heißt also wolle!, nicht will! usw.

Falls jemand Belege für könne! findet, wäre ich für Mitteilung dankbar.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.09.2016 um 14.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33280

Dürf(e) den Bräutigam küssen!

wäre auch abwegig, denn die Angesprochene kann sich ja nicht selbst die Erlaubnis geben. Der Sinn von dürfen liegt gerade darin, daß ein Dritter oder ein äußerer Umstand es erlaubt. (Wenn es der Sprecher selbst erlaubt, sagt er nicht dürfe!, sondern du darfst.)

Anders wäre die Sachlage bei dem Satz

Dürf(e) du erst mal den Bräutigam küssen!

Hier geht der Befehl zum Dürfen nicht vom Sprecher aus, sondern läßt sich so umschreiben:
Komme du erst mal in die Lage, den Bräutigam küssen zu dürfen.

Nur so ergeben diese Imperative plötzlich einen Sinn, es sind genau genommen gar keine Imperative der Modalverben. Deshalb klingen alle Beispielsätze mit du erst mal nicht so verkehrt wie der Satz ohne diese Klausel.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.09.2016 um 08.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33279

Im genannten Handbuch wird folgender Beispielsatz für den Imperativ von Modalverben verwendet:

Darf du erst mal alle Sorten kostenlos probieren, dann wirst du merken, wie schwer man widerstehen kann. (133)

Mit Sternchen dagegen:

*Darf den Bräutigam küssen!

Beide sind erfunden und meiner Ansicht nach abwegig, weil der Imperativ von dürfen nicht so gebildet werden kann. Ich würde bilden: Dürfe du mal abends nur bis zehn Uhr draußen bleiben!
Ein vereinzeltes Beispiel habe ich gefunden:
Dürf Du mal weiter alles was Dir Spaß macht! (https://www.google.de/?gfe_rd=cr&ei=cmcpV76lEeWl8wefoJyQDA&gws_rd=ssl#q=%22d%C3%BCrf+du+mal%22)
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 06.09.2016 um 11.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33253

Die Zweifel sind offenbar berechtigt. Ich kann meinen Satz nun auch nicht mehr unzulässig finden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.09.2016 um 04.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33237

Zu Matching und Nicht-Matching bei freien Relativsätzen (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1629 (zu allgemein gefaßt) und
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1629#33186)

??Sie lädt ein, wer ihr genehm ist.“ (Karin Pittner in Jörg Meibauer/Markus Steinbach/Hans Altmann (Hg.): Satztypen des Deutschen. Berlin, Boston 2013:446)

Der Satz, den Pittner wegen der "Kasushierarchie" zurückweist, geistert seit vielen Jahren durch diese Art von Literatur, meist mit Sternchen für völlige Ungrammatikalität. Das ist angesichts der Verfügbarkeit großer Korpora unbegreiflich, denn man findet ja beliebig viele Gegenbeispiele, sogar mit demselben Verb:

Jeder hat eingeladen, wer ihm sympathisch erschien. (http://m.projekt8210.de/ryoji-ikeda-house-warming-und-erkaeltung)
Es ist nicht zu akzeptieren, dass der Bürgermeister einlädt, wer ihm besser zu Gesicht steht. (http://klagenfurt.gruene.at/wo-bleibt-die-demokratie-in-klagenfurt/)
Die Veranstalter erklären auf diese Vorwürfe, dass sie kein Festival für die Allgemeinheit veranstalten, sondern einladen wer ihnen persönlich am meisten zusagt, und darunter finden sich eben kaum Frauen. (http://schweden-nachrichten.blogspot.de/2015/07/nachrichten-20-juli-2015.html)
Ich möchte einladen, wer mir am Herzen liegt. (http://www.archiv.rabeneltern.biz/print.php?threadid=101690&page=2&sid=4f2af1f576480e845169d2bd3e8bd4ee)
Der Reiz einer anderen Umgebung ist da und dazu kann ich mir dann einladen, wer mir gefällt. (http://lustlehre.twoday.net/topics/Tipps)

Unmöglich soll auch sein:

Sie lädt zu ihrer Geburtstagsfeier ein, *was sie will. (ebd.) Es gibt aber auch hier keine grammatischen, sondern nur sachliche Gründe, warum hier normalerweise nur ein personales Objekt steht, vgl. jedoch: Ich lade ein, was kommen will. (Peter M. Dieckmann: Ich bin berührt – Reiki oder die Schule des Lebens)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.09.2016 um 04.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33236

Das meint auch meine Frau, mit der ich das Beispiel besprochen habe: nur bei allgemeinen Aussagen, gewohnheitsmäßigen Sachverhalten usw. – Ich habe Zweifel:

Als das Licht anging, muß Julia erkannt haben, ob der Barkeeper mit der Lösung zufrieden war; sie hat aber nichts mehr darüber gesagt.

Das könnte man auch straffer ausdrücken, und dann kommt genau der Satz heraus, den Herr Virch unzulässig findet.

Man darf die sachbedingte Seltenheit gewisser Konstruktionen nicht mit grammatischer Unmöglichkeit verwechseln.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 03.09.2016 um 17.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33232

„Als das Licht anging, erkannte Julia, ob der Barkeeper mit der Lösung zufrieden war“ geht nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.09.2016 um 09.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33231

Noch ein Beispiel nicht-empirischer Sprachwissenschaft:

„Zudem gibt es Verben, die ob-Sätze nur im Kontext negativer Polarität zulassen:
?Julia erkannte, ob der Barkeeper mit der Lösung zufrieden war.“
(Karin Pittner in Jörg Meibauer/Markus Steinbach/Hans Altmann (Hg.): Satztypen des Deutschen. Berlin, Boston 2013:444f.)

Aber solche Sätze sind ganz normal:

Eine Software erkannte, ob in einem Testzyklus gefahren wurde.

Egal was sie auch sagte, man erkannte immer, ob sie die Wahrheit sagte.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.08.2016 um 16.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33187

Heide Wegener setzt "Genitivobjektsätze" an, unter die auch die freien Relativsätze nach einem genitivregierenden Matrixsatz-Verb (oder einem entsprechenden Prädikat) fallen, und markiert Sätze als falsch, die gegen die "Matching"-Regeln (s. Grammatische Exerzitien 10, Anm. 20) verstoßen:

*Er war sich bewußt, was er gestohlen hatte.
*Er war sich nicht bewusst, wem er da begegnet war.
(Jörg Meibauer/Markus Steinbach/Hans Altmann (Hg.): Satztypen des Deutschen. Berlin, Boston 2013:412)

Es gibt jedoch eine große Zahl solcher Belege:

Clara war sich bewusst, was das für ihn bedeutet hatte.
Dieser Mann hier jedoch war sich bewusst, wen er vor sich hatte.
Also ich vermute von einem großen Vogel wie einem Kondor“, meinte er und war sich nicht bewusst, wem das Nest wirklich gehört.
Aber der Roboter ist sich nicht bewusst, wem oder was er da ausgewichen ist..
Nur Bewußtlose sind sich nicht bewußt, wem sie vertrauen.
Nur ist er sich nicht bewusst, wem er das eigentlich sagen müsste.


Eine Grammatik, die diesen Gegebenheiten nicht gerecht wird, verfehlt ihre Aufgabe. Wegener schließt jedoch umgekehrt:

“Diese Belege werfen wie viele Korpusbelege die Frage auf, inwieweit man sich bei der Beschreibung deutscher Satzstrukturen und ihrer Diskussion auf Belege stützen darf oder soll, deren Grammatikalität zweifelhaft ist.” (427, ebenso 408)

Sie übergeht, daß der Zweifel auf ihrem eigenen theoretischen Postulat beruht. ("Um so schlimmer für die Tatsachen!")
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.08.2016 um 09.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#33168

Heide Wegener behauptet, ob-Sätze könnten nach faktiven Verben bzw. Ausdrücken nur dann stehen, wenn diese verneint sind, daher:
*Er war sich sicher, ob sie dabei war. (In: Jörg Meibauer/Markus Steinbach/Hans Altmann (Hg.): Satztypen des Deutschen. Berlin, Boston 2013:407)

Das ist natürlich nicht richtig, es gibt Tausende von Belegen wie diese:

Er möchte grundsätzlich gern weiterhin bei mir und unserem Sohn leben, bis er weiß, ob er mich nun liebt oder nicht.

Seinem Rücken kann man nichts vormachen – er weiß, ob man gerade Motorrad oder Ski beziehungsweise Snowboard fährt.

Er weiß, ob Mark überfahren wurde, und wenn ja, von wem.

Das Beste an der Mathematik aber ist, man kann sie trainieren und ist sich sicher, ob man es kann, wenn man mehrere Aufgaben ohne Hilfe richtig gelöst hat.

Ab wann ist sicher, ob Rechts- oder Linkshänder?

Doch erst nach einem Monat reicht deren Menge für einen Nachweis und erst dann ist sicher, ob man infiziert ist.

Und erst dann ist sicher, ob eine OP überhaupt Sinn macht.


Wegener selbst hat ein Beispiel gefunden:

ich erinnerte mich, ob sie mir ein guter Gefährte gewesen waren...

Daraus schließt sie aber nur, "daß die heutigen Sprecher des Deutschen sich über die Konstruktionsmöglichkeiten der Verben mit Genitiv-Rektion unsicher sind". In Wirklichkeit taugt die ganze Materialgrundlage nichts.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.04.2016 um 12.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#32371

... „modal verbs used as V2 may not be realised as participles and the 321 order (which seems to require the participle in the V2 position) is excluded. (...)

*singen gekonnt hat."

(Ralf Vogel u. a.: „Function words in rhythmic optimisation“. In: Ralf Vogel/Ruben van de Vijer, Hg.: Rhythm in cognition and grammar. Berlin, München, Boston 2015:255-276, S. 262f.)

Die Verfasser haben ihrer Arbeit ein großes Korpus zugrunde gelegt und trotzdem die Gegenbeispiele nicht gefunden.

Christian Lehmann schreibt:

"Immer jedoch, wenn eine solche periphrastische Verbform einen Infinitiv regiert, tritt statt des Partizips der Infinitiv ein (*habe singen gekonnt → habe singen können). (http://www.christianlehmann.eu/ling/lg_system/grammar/morph_syn/index.html?http://www.christianlehmann.eu/ling/lg_system/grammar/morph_syn/Syntakt_Paradigmen.html)

All dies entspricht nicht den Tatsachen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.04.2016 um 12.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#32241

„Das Deutsche kennt aber auch eine obligatorische Oberfelderöffnung, und zwar immer dann, wenn folgende Bedingungen zutreffen:
1. Ein Auxiliar regiert ein Modalverb und
2. das Modalverb seinerseits regiert ein Vollverb.
(...) *dass er die Analyse verstehen gewollt hat.“
(Angelika Wöllstein: Topologisches Satzmodell. Heidelberg 2014:61)

Auch dieses Buch arbeitet ohne authentische Beispiele, geht daher an der Sprachwirklichkeit vorbei:

Gespräche sind bei uns gar nicht möglich gewesen, wenn man etwas von den Kindern wissen gewollt hat, hat man nur spöttische Antworten bekommen.

und viele ähnliche Belege.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.04.2016 um 16.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#32199

In diesem Bereich verleiht auch Peter Gallmann unberechtigte Asterisken:

"Bei Modalverben ist der Ersatzinfinitiv obligatorisch:
(20) a. Ohne Statuskongruenz: Ich hätte das Wort nicht aussprechen *gekonnt.
b. Mit Statuskongruenz: Ich hätte das Wort nicht aussprechen können.
Aber beim Gebrauch ohne abhängigen Infinitiv nur:
(21) a. Ich hätte das gekonnt / *können.
b. Ich habe das gehört / *hören."

Das steht seit Jahren auf seiner Website:

http://www.personal.uni-jena.de/~x1gape/Wort/Wort_Verb_infinit.pdf

Na ja, ist halt "Theoretische Linguistik".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.04.2016 um 15.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#32197

Die anderswo beiläufig erwähnte Dissertation von Tanja Schmid über den Ersatzinfinitiv ist schon deshlab wertlos, weil sie trotz Berufung auf eine "breite Datensammlung" keine authentischen Belegen enthält.

„Der Ersatzinfinitiv tritt nur dann auf, wenn das Ersatzinfinitivverb selbst ein verbales Komplement selegiert, ansonsten ist er ungrammatisch und das erwartete Partizip erscheint.“

Das ist offenbar falsch.

Schmid versieht folgende Sätze mit dem Sternchen der Ungrammatikalität:

*Peter hat das Buch lesen gekonnt.
*Peter hatte das Buch lesen gewollt.
*Peter wird das Zimmer aufräumen gemußt haben.

*dass Peter das Buch lesen können hat

*dass er sie rufen hören hat
*dass er sie rufen hat hören

All dies ist belegbar. Was hilft die schönste "Optimalitätstheorie", wenn die zu untersuchende Erscheinung gar nicht existiert?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2016 um 14.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#31761

Das ist ganz meine Meinung, ich habe das schräge Original nur beibehalten, weil es in meiner Quelle so stand.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 23.02.2016 um 09.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#31759

Ich habe nach einem Zusammenhang gesucht, in dem mich der Satz "Ich liebte den Toten sehr“ nicht nekrophil anmuten würde, es ist mir aber keiner eingefallen. "Ich habe den Toten sehr geliebt" geht hingegen. (Mit der Leiche gehts natürlich nicht.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2016 um 05.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#31754

Man kann sagen:

Ich liebte den Toten sehr.

Aber nicht:

*Ich liebte die Leiche sehr.

Daraus haben Linguisten gefolgert, daß der Tote auch das "Merkmal" [BELEBT] habe, Leiche aber nicht. Offensichtlich eine Verirrung der Merkmalssemantik. In Wirlichkeit geht es um einen Fall von "sloppy reference", wobei immer die Stilblüte droht, eben wegen der Sloppiness. Noch letzte Woche habe ich mit der Verstorbenen telefoniert.
Mit dem Körper eines Menschen kann man weder vor noch nach seinem Tod telefonieren.

Entsprechend: Der Nobelpreisträger wurde 1875 geboren. Niemand wird als Nobelpreisträger geboren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2016 um 06.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#31681

*Der Vorgeführte ist korrekter Fahrweise verdächtig. (Heidolph et al.: Grundzüge S. 350)

Gehört das in eine Grammatik? Es kann sein, daß der – fiktive – Sprecher die Bedeutung der deutschen Wörter nicht richtig verstanden hat. Oder er bezieht sich auf eine Umgebung, in der das korrekte Fahren verdächtig ist, dafür gibt es sogar Beispiele im Internet. Der Asterisk ist derselbe, den man auch in Märchentexten anbringen könnte, als seien sie sprachlich falsch. Grammatisch relevant ist, daß verdächtig den Genitiv regiert.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 04.11.2015 um 00.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#30432

"Insofern ist der von Herrn Ludwig berichtete Sprachgebrauch des amerikanischen Arztes eher ungewöhnlich (oder hat er vielleicht swell gesagt?)." (#30428) O nein, ungewöhnlich, gar nicht. Und ich bin sicher, daß er auch auf seinem Formular alles so hatte, daß meine Tochter in die Kategorie "a well baby" fiel.
"Von einem healthy baby zu sprechen, käme mir viel natürlicher vor." - Jaja, mir ja zunächst auch. Aber er sprach ganz natürlich von einem "well baby", und deshalb fragte ich ja auch nach. Und er sprach eben natürlich, wie so ein Kinderarzt ganz ungezwungen redet. Und als Linguist weiß ich: Standard English is the English of those people who run the affairs of the English speaking world. Und er wußte eben als Facharzt viel mehr zu bestimmten Aspekten von meinem Töchterchen, von denen ich mit all meinen einstudierten sprachlichen Kenntnissen keine Ahnung hatte. Ich hatte hier, glaube ich, schon mal darauf hingewiesen, daß ich, als mir mein Hausarzt sagte: "Lay down", ganz regelrecht antwortete: "What?" - Er: "Lay down." - Ich: "What?" - Er zu mir, weil ich ja doch Englisch mit einem fremden Akzent spreche, geduldig: "Lay down here." - Und ich, weil ich ja höflich bin: "You want me to lie down?" - Er: "Yes. Lay down." Die mir wichtigste "affair of the English speaking world" da auf der Liege im Sprechzimmer meines Arztes war jedoch ganz klar ich, und ich redete da also nicht weiter rum, - wenn ich auch dieses Erlebnis oft meinen Studenten berichtete, so daß die nicht in dumme Streitereien verfallen (die meisten sind auch aus dem Mittleren Westen der USA), sondern zu so etwas auch etwas Hintergründiges aus meinem Deutschunterricht mitnehmen. Und hinter dem Englisch meines Hausarztes, seiner Muttersprache wohlgemerkt!, war ja auch nichts weiter, als daß "lay" mit direktem Objekt transitiv ist und "lay" ohne direktes Objekt intransitiv. Und wer bin ich denn, ihm das in seinem Sprechzimmer auszureden? (Das "undergraduate"-College, das er besucht hatte, ist allerdings eins, mit dem wir in immer wieder beachtlicher Konkurrenz stehen. Die haben zwar mehr Geld als wir, aber wir wissen so manches sehr, sehr gut.)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 03.11.2015 um 21.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#30430

Siehe auch diese Liste:
http://www.wordfind.com/ends-with/liness/
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 03.11.2015 um 19.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#30428

Erst jetzt bin ich zufällig auf den Beitrag #29481 zur englischen Wortbildung wellness gestoßen. Frau Demske hat natürlich unrecht, wenn sie behauptet, das Wort sei nicht englisches Ursprungs. Allerdings habe ich ein gewisses Verständnis für ihren Irrtum.

Als mir nämlich das Wort wellness zuerst, und zwar in einem deutschen Text begegnete, war mein erster Gedanke: das kann kein englisches Wort, sondern nur eine deutsche Erfindung sein. Es erschien mir im Englischen so absurd wie etwa eine deutsche Wortbildung *Wohlheit.

Ein Blick in englische Wörterbücher hat mich allerdings eines anderen belehrt. Die von mir empfundene Fremdartigkeit des Wortes wellness hängt allerdings wohl damit zusammen, daß es im allgemeinen Sprachgebrauch ein recht neues Wort ist. Laut Wikipedia wurde es in den 50er Jahren in Amerika, und zwar im Umfeld der „alternativen Medizin“ gebildet. Nach den Google „ngrams“ taucht das Wort erst Ende der 50er Jahre in erwähnenswerter Zahl auf; ein steiler Anstieg des Gebrauchs beginnt erst in den 70er Jahren.

Den Etymologen zufolge gibt es eine Fundstelle für wellness schon Mitte des 17. Jahrhunderts. Allerdings zeigt das eher den geringen Wert solcher Angaben. Ein einzelnes Vorkommnis eines Wortes bedeutet noch lange nicht, daß es im allgemeinen Gebrauch ist. Manche Wörter werden womöglich auch mehrfach gebildet und wieder vergessen, bevor sie Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch finden.

Die Behauptung von Frau Demske, das Wort well sei nur Adverb und kein Adjektiv, ist natürlich auch falsch. In den englischen Wörterbüchern ist es auch als Adjektiv aufgeführt. Allerdings ist ist es eben doch überwiegend ein Adverb und als Adjektiv nicht ganz vollwertig. Jedenfalls sagen die Wörterbücher, daß das Adjektiv well überwiegend prädikativ gebraucht wird, seltener attributiv und das hauptsächlich in verneinten Sätzen (he is not a well man). Insofern ist der von Herrn Ludwig berichtete Sprachgebrauch des amerikanischen Arztes eher ungewöhnlich (oder hat er vielleicht swell gesagt?). Von einem healthy baby zu sprechen, käme mir viel natürlicher vor.

Daß auch manche Angelsachsen anfangs sprachliche Bedenken gegen das Wort hatten, zeigt folgendes Zitat aus der Times: „Wellness is here to stay, despite misgivings over the years that it isn’t such a well-formed word. How did it take over, and whatever happened to good old health?”
Siehe http://www.nytimes.com/2010/04/18/magazine/18FOB-onlanguage-t.html?_r=0
und auch http://www.vocabulary.com/articles/wordroutes/heres-to-your-wellness.
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 04.08.2015 um 19.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29621

Ganz generell ist eine beliebige Anzahl von Aussagen dazu möglich, was etwas nicht ist – ohne daß man damit irgend etwas darüber gesagt hätte, was es ist; insofern sind solche Aussagen vollkommen sinnlos. Einer meiner Arbeitskollegen ist auf diesen Aspekt angespitzt und unterbricht einen daher in wissenschaftlichen Diskussionen gnadenlos mit dem Hinweis „Du hast ein nicht eingebaut!“

Sinnvoll sind „Es ist nicht“-Aussagen nur dann, wenn es darum geht, ein offenkundiges Mißverständnis zu benennen; um etwas Substantielles zu sagen, muß eine „Es ist“-Aussage folgen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.08.2015 um 15.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29601

Aus der großen Zeit der generativen Grammatik:

„Z. B. wird in Finnland die Duden-Grammatik als normative Grammatik benutzt, aus der abgelesen wird, ob ein bestimmter Ausdruck im Deutschen erlaubt ist oder nicht. Nun kann man leicht einsehen, daß eine solche Grammatik diese Frage nur unzureichend beantworten kann, weil sie z. B. nichts darüber sagt, welche klassematischen Einschränkungen für Subjekte und Objekte gelten, d. h. nichts darüber, daß der Ausdruck
Der älteste Gangster wurde auf der Flucht erschossen.
erlaubt ist, daß aber nicht erlaubt ist:
*Die beste Idee wurde auf der Flucht erschossen.“ (Georg Stötzel in Gerhard Nickel: Angewandte Sprachwissenschaft und Deutschunterricht. München 1973:107)

Aus demselben Buch:

*Er schläft nach München.
*Er schneidet das Brot mit dem Fußball.


Ein Schachlehrbuch enthält keine Aussagen darüber, was man alles nicht mit den Figuren machen darf, z. B. in den Mund stecken ... (Man beachte auch, wie weit die Unselbständigkeit gegenüber Meister Chomsky damals ging! Sogar dessen "farblose grüne Ideen" hat man nicht ganz hinter sich lassen wollen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.07.2015 um 05.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29536

Die "Theoretische Linguistik" heißt so, weil sie keine Empirie braucht, folglich auch ihren Untersuchungsgegenstand selbst herstellt. Einer ihrer bekanntesten Vertreter schreibt:

"Umgekehrt können Adverbien und PPn auch als Argumente dienen: Spezifische Verben können Argumente mit bestimmten Präpositionen verlangen, oder sie erfordern allgemein eine Lokal- oder Richtungsangabe, die dann durch die Präposition näher bestimmt werden kann. (...)
(45) a. Der Teller liegt auf dem Tisch / im Schrank / unterm Bett.
b. Anna legt den Teller auf den Tisch / in den Schrank / unters Bett.

Daß Teller im Deutschen nicht liegen und gelegt werden, sondern stehen und gestellt – wen kümmert's?
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 21.07.2015 um 09.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29500

Zu #29481: Man, is she well? Englisch kann sie auch nicht.

Als unsere erste Tochter am Tag nach der Geburt von einem Kinderarzt untersucht wurde (Standardvorgang), erfuhr ich, daß sie ein *well baby* sei. Und das bedeutete nicht, wie ich auf meine Frage hin erfuhr, daß sie aus einem Brunnen kam oder sowas, sondern daß alles in Ordnung sei, alle zehn Finger hatte usw. und überhaupt auf alles ganz normal reagierte.
Aber auch, wenn man nicht vom medizinischen Fach ist, – die Redewendung "It's all well and good, but ..." sollte man schon kennen, wenn man was zu Englisch auf englisch sagen will.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.07.2015 um 04.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29498

Das sog. "haben-Konfigurativ", wie man neuerdings Konstruktionen wie "Das Pferd hat die Fesseln bandagiert" nennt, wird an Beispielsätzen wie "Sie hat das Glas leer" diskutiert. Wahrscheinlich ist es nicht leicht, genügend Belege beizubringen, denn geschrieben ist die Konstruktion selten. Aber man muß aufpassen, wie immer bei selbstgemachten Beispielen. Man könnte etwas übersehen haben, was dazu führt, daß der genannte Satz mit dem leeren Glas praktisch nicht aufzufinden ist, dagegen schon eher mit einem vollen Teller: "Ich habe den Teller noch voll."
Man bedenke auch: "Ich habe das Haus voll (von Gästen)", aber "Ich habe das Haus leer" (?).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.07.2015 um 05.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29481

Die Germanistin Ulrike Demske, von der wir schon die abenteuerliche Herleitung von heute (www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=867) kennen, legt im selben Text auch dar, daß Wellness kein Vorbild im Englischen habe, da well kein Adjektiv sei und es wellness daher nicht geben könne (Meibauer, Einführung S. 329).
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 19.07.2015 um 14.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29478

Ich amüsiere mich immer wieder darüber, daß slawische Namen im Fernsehen zwar richtig ausgesprochen, aber falsch, d.h. ohne die entsprechenden diakritischen Zeichen geschrieben werden, sodaß der Laie sich fragt, woher denn diese Aussprache kommt. In den Zeitungen wie z.B. der Süddeutschen bessert es sich langsam.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.07.2015 um 06.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29475

Herr Metz hat eine grundlegende Frage aufgeworfen. Das System wird ja vom Theoretiker aus den Tatsachen extrapoliert, und jede Extrapolation kann falsch sein. Und zwar qualitativ oder quantitativ. D. h. man kann sich mit dem kategorischen Ausschluß oder Einschluß ins System irren oder mit frequenzbezogenen Aussagen. Ebenso gefährlich wie die von mir so oft kritisierten "Sternchen" und deren leichtfertige Vergabe ist die Behandlung von Formen, die es in Wirklichkeit nicht gibt.
Ein besonders heikles Beispiel ist die theoretische, wohl gar mathematisch formalisierte Fassung der These, daß "rekursive" Konstruktionen "im Prinzip" beliebigen Umfang haben können. In Wirklichkeit postuliert man das nur.

So beschäftigt sich die neuere, nichtempirische Sprachwissenschaft weitgehend mit Phantasiegebilden und schließt Teile der Wirklichkeit aus. Mehr als die Hälfte der sprachwissenschaftlichen Texte enthält kein einziges authentisches Beispiel. Chomsky hat es vorgemacht: "John hit the ball." und "John is easy to please." Mehr braucht man nicht.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 18.07.2015 um 22.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29473

Mit dem Niederländischen hat es vermutlich weniger zu tun. Von der Komplexität der Konsonantenverbindungen her (spleet, burcht, herfst usw.) unterscheidet sich das Niederländische vom Deutschen nicht wesentlich. Mir scheinen niederländische Sprecher bei Konsonantenhäufungen sogar eher an Grenzen zu stoßen als deutsche. So wird schon bei relativ einfachen Verbindungen wie -rf, -rg, -rk, -lf oder -lp oft ein Schwa-Laut eingefügt, um das Konsonantenknäuel aufzulösen: herfst > herrefst, erg > erreg, Mark > Marrek, half > hallef, help > hellep etc. Ich sehe auch keine Tendenz zu mehr heterorganen Verbindungen. Ein Niederländer würde bei einem Wort, das auf [šsk] endet, sicher schneller kapitulieren als ein Deutscher.

Haben wir es nicht eher mit individuellen Unterschieden zwischen Muttersprachlern zu tun? Wie will man eigentlich feststellen, ob eine bestimmte Lautverbindung, die in einer Sprache gar nicht belegt ist, »systemfremd« ist? Und welchen Nutzen hätte eine solche Feststellung? Reicht es nicht, sich mit dem Vorfindlichen zu beschäftigen? Natürlich können Gedankenexperimente dabei helfen, das System besser zu verstehen, aber welchen Wert haben theoretische Überlegungen zu phonetischen Fragen, wenn sie nicht empirisch untermauert werden?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.07.2015 um 19.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29472

Ein Ärgernis: Du schwitzest geht nicht mehr, du schwitzst auch nicht, und du schwitzt sieht auch nicht gut aus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.07.2015 um 05.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29465

Bei mir liegt es wohl daran, daß die eine Kombination nahezu homorgane Laute betrifft, die andere weit auseinanderliegende Artikulationsstellen. Kommt bei Ihnen die Gewöhnung an die Phonotaktik des Niederländischen in Betracht? Oder eine dadurch motivierte "breitere" Wahrnehmung?
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 17.07.2015 um 18.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29464

Die Aussprache von wäschsk bereitet mit eigentlich keine Schwierigkeiten, da finde ich seufzt schon schwieriger. Völlig problemlos erscheint mir die Sache, wenn der Vokal dem [šk] unmittelbar vorangeht, wie in grotesk oder Kiosk, schwäbelnd ausgesprochen. Beispiele aus der Standardsprache fallen mir allerdings so schnell auch nicht ein; vielleicht gibt es tatsächlich keine.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.07.2015 um 16.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29462

„Die Kombination [š] + Konsonant im Wortauslaut wie im Phantasiewort ‹Maschk› ist im Standarddeutschen nicht belegt, gehört aber zum Potential (ist nicht systemfremd) und wäre ohne weiteres nutzbar.“ (IDS-Grammatik 1997:163)

Nach der allgemeinen Form braucht man nicht lange zu suchen: hascht usw., ob aber ein k am Ende möglich ist? Ich habe gerade kein rückläufiges Wörterbuch deutscher Wortformen zur Hand. Während ich wäschst in Explizitlautung ohne weiteres sprechen kann, sträubt sich was bei wäschsk. Vielleicht irre ich mich, aber mit der Postulierung möglicher Wörter muß man vorsichtig sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.07.2015 um 07.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29325

„Da wir Scherzbold haben, brauchen wir nicht auch noch Scherzer.“ (Hilke Elsen: Grundzüge der Morphologie des Deutschen. 2. Aufl. Berlin 2014:27)

Aber nicht jeder, der einen Scherz macht, ist ein Scherzbold; das ist kein Nomen agentis.

DWB: scherzer, m. homo facetus: schlimmer scherzer, grober scherzer Stieler 1761; buben und böswicht, oder spötter und schertzer. Luther 3, 70a.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.07.2015 um 07.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29315

Nach Thea Schippan ist mit einem Sternchen zu versehen:

Er kauft ihr ein Kleid für Geld.

Hier soll es ausgeschlossen sein, ein Sem, das im Verb kaufen enthalten ist, im Text auch noch einmal zu erwähnen. Aber das scheint ganz ad hoc zu gelten, denn in anderen Fällen erwähnen wir solche Dinge durchaus, vgl. z.B. mit dem Kopf nicken. Vgl. auch: Das kann man nicht für Geld kaufen. Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1611#25795
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 24.06.2015 um 14.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29252

Noch immer aber führen wir was "im Schilde".
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.06.2015 um 14.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29250

Auch nicht gerade ganz aktuell:
"Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles." (Goethe)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.06.2015 um 12.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#29249

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#24323

Inzwischen bin ich zu der Meinung gekommen, daß "aus billigem Stahle", "mit schwedischem Stahle" heute so gut wie ausgeschlossen sind. Es gibt keine neueren Belege. Der Kürenberger konnte noch dichten "mit golde", aber das geht heute weder mit noch ohne Artikel.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.05.2015 um 19.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#28906

Es scheint eine große Unsicherheit zu herrschen, ob mit Asterisk nur schlechterdings unmögliche Konstruktionen zu kennzeichnen sind oder auch substandardsprachliche.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.05.2015 um 15.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#28903

In mehreren Grammatiken (IDS, Hentschel-Weydt, Helbig) wird der Satz
Ich finde meinen Nachbarn einen Trottel mit einem Sternchen versehen, weil finden nur mit Adjektiven und vielleicht noch Präpositionalgruppen als Objektsprädikativ stehe. Aber es gibt zahllose Gegenbeispiele, sogar im VALBU (auch vom IDS) steht: Ich finde Jüst (!) die schönste Nordseeinsel.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.04.2015 um 15.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#28741

Von vielen Verben wird behauptet, die Nennung eines Aktanten sei blockiert, so daß zum Beispiel *um etwas bestehlen nicht zulässig sei (Hoffmann, Handbuch deutscher Wortarten: 869)
Ich brauche nicht zu sagen, daß auch dies aus der Luft gegriffen ist, es gibt natürlich zahllose Beispiele wie Das Opfer wurde um sein Smartphone bestohlen. (NOZ 29.4.15)

So bearbeiten die Linguisten Gegenstände, die sie selbst erfunden haben, wie eben fast alle vermeintlichen "Blockierungen".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2015 um 17.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#28167

Die Wörterbücher wimmeln andererseits von Beispielen, die man kaum je findet. Unter "verbleiben" schreibt das DUW: er verblieb zeit seines Lebens ein Träumer.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.02.2015 um 14.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#27995

Der bei einem Dieb gefundene Stahl ist dann Dieb-Stahl.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.02.2015 um 13.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#27993

Bei Stehler wäre ich mir nicht so sicher.
Aber es gibt jedenfalls keinen Stahl, sondern nur Diebstahl.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.02.2015 um 04.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#27990

Unzählige germanistische Bücher versehen das Wort Stehler mit einem Sternchen, um zu zeigen, daß es dieses Wort wegen Dieb nicht geben kann. So z. B. jetzt wieder Monika Schwarz-Friesel/Jeannette Chur: Semantik. Ein Arbeitsbuch. 6. Aufl. Tübingen. 2014:61.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.01.2015 um 05.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#27718

Aus meiner Besprechung der Bertelsmanngrammatik übertrage ich folgendes Beispiel, damit die Sammlung fragwürdiger Asterisken vollständiger wird.

Nach Götze sind folgende Sätze schlicht falsch:
*Ich hoffe, daß du und deine Freundin mitkommen (richtig sei: mitkommt).
*Mein Freund und ich haben sich (richtig: uns) über die Einladung gefreut. (S. 503)
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 21.12.2014 um 19.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#27586

Zu #27582: Eine Menge dieser Probleme gehen auf die Aufforderung zu gutem Stil zurück, wonach alles immer doch so kurz wie möglich zu halten sei. An sich ja eigentlich ganz richtig. Aber auch, daß man z. B. keinen Satz mit "und" beginnt, ist so gerechtfertigt, - und kommt aber doch von wem, der die Bibel nicht so genau gelesen hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.12.2014 um 07.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#27582

Nach Harald Weydt kann man sagen: „Ich bin zu meinem Freund gezogen, Ich bin umgezogen, aber nicht: Ich bin zu meinem Freund umgezogen.“
Aber genau dies, mit denselben Vokabeln, findet man massenhaft im Internet.

So entstehen "Probleme", an deren Lösung sich der Grammatiker abarbeitet, obwohl es sie wegen der falschen Datengrundlage gar nicht gibt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.04.2014 um 09.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#25642

Bei John Benjamins erscheint eine von Werner Abraham herausgegebene Serie „Linguistik aktuell“. „Texts in the series are in English.“ Ich habe einen 20 Jahre alten Band in Fernleihe bestellen müssen, er wirkt immer noch ungelesen: „On extraction and extraposition in German“.
Im ganzen Band werden nur selbstgemachte Beispielsätze untersucht. Vielen hat der jeweilige Erfinder ein Sternchen vorangestellt, weil sie angeblich nicht korrekt sind:
*Wen hast du bedauert, daß du getroffen hast?
*So schlampig wüßte ich nicht, wer sein Auto gewaschen hat.

Darüber läßt sich schwer diskutieren. Das Phänomen ist - vor allem in gedruckten Texten - so selten, daß wir kaum sichere Intuitionen dazu ausgebildet haben. Sie wären auch irrelevant, da die Sprachwissenschaft sich an authentische Belege halten sollte.
Alle Beiträge folgen dem generativistischen Paradigma, einige sind stark formalisiert. Es ist anzunehmen, daß kein einziger Leser diese Formeln Zeichen für Zeichen durcharbeitet; vor allem aber befremdet das „exakte“ Arbeiten mit so unsicherem Material.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.03.2014 um 06.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#25471

*Er zerstört, wer ihm in die Quere kommt.
*Er lädt ein, wer ihm genehm ist.
(Karin Bausewein: „Haben kopflose Relativsätze tatsächlich keine Köpfe?“ in: G. Fanselow & S. Felix, Strukturen und Merkmale grammatischer Kategorien. Tübingen 1991:144-158)

Auf solche Beurteilungen als ungrammatisch werden dann weitreichende Folgerungen gegründet. Man sieht einfach nicht nach, was in der Sprache belegt (und in den großen Grammatiken ausführlich dokumentiert und diskutiert) ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.03.2014 um 07.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#25331


*Sie hat die Hymne singen gewollt. (Said Sahel/Ralf Vogel: Einführung in die Morphologie des Deutschen. Darmstadt 2013:64)

Die Verfasser erklären den Ersatzinfinitiv für obligatorisch:

Sie hat die Hymne singen wollen.

Das ist falsch. Es gibt zahllose Gegenbeispiele:

Aber sie habe halt immer singen gewollt. (Aargauer Zeitung 8.12.09)
usw., ganz leicht zu vervielfachen.

Andererseits führen sie mögliche, aber doch marginale Strukturen, die man mit der Lupe suchen muß, ohne Kommentar an, als wären sie ganz normal:

Diesen Umstand nicht wissen könnend, lief er in sein Verderben.
Mich haben singen hörend ...


Authentische Beispiele kommen in dem ganzen Buch nicht vor, und diese Empirieferne merkt man auf Schritt und Tritt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.03.2014 um 18.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#25280

Angeblich nicht möglich:

*Hans hat nicht kommen gewollt. *Hans hat nicht kommen gekonnt. (Marga Reis)
*Es kamst du. (Manfred Bierwisch)
*des Außenministers Begegnung mit dem Staatspräsidenten (Bernd Latour)

Es gibt Hunderte solcher Beispiele. Die Verfasser räsonieren dann ausführlich, warum sie nicht möglich sind. Da sie jedoch sehr gut möglich sind, sind alle weiteren Überlegungen hinfällig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.03.2014 um 05.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#25273

Der Koch dieser Suppe ist nach Helbig ungrammatisch und kriegt ein Sternchen. (Gerhard Helbig: Probleme der Valenz- und Kasustheorie. Niemeyer, Tübingen 1992:122)

Es erübrigt sich, Beispiele anzuführen, die das widerlegen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.02.2014 um 06.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#25145

In einem generativistisch inspirierten Werk wird behauptet, die Kombination deshalb ... weil ja sei ungrammatisch. Vgl. aber:

Daß (...) von Tag und Nacht zur Zeit vor der Schöpfung gesprochen wird, kann natürlich nicht hiergegen angeführt werden, schon deshalb nicht, weil ja die Sonne damals noch gar nicht vorhanden war. (Reallexikon der Assyriologie II:86)

Das ganze Problem seines Grübelns drehte sich zunehmend um die Frage: ob der Tod eine sinnvolle Erscheinung sei oder nicht. Und die Antwort lautet bei ihm: für den Kulturmenschen – nein. Und zwar deshalb nicht, weil ja das zivilisierte, in den »Fortschritt«, in das Unendliche hineingestellte einzelne Leben seinem eigenen immanenten Sinn nach kein Ende haben dürfte. (Max Weber: Wissenschaft als Beruf)

Für die 83 gilt dieser Vorwurf schon deshalb nicht, weil sie ja nichts verbieten wollen. (FAZ 24.5.09)

So werden ganz willkürlich Zweifel an der Grammatikalität gesät:

*/??[Ist seine Großmutter glücklich], dann ist jeder Linguist glücklich. (wobei "seine" und "jeder" indiziert sind, damit sie auf dieselbe Person bezogen werden)

Die nicht-empirisch arbeitende Linguistik analysiert Phänomene, die sie selbst erfunden hat, oft auch neckische Beispiele wie oben, weil es ja angeblich auf den Inhalt gar nicht ankommt. Das macht die Lektüre so unausstehlich.

 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 12.02.2014 um 21.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#25121

Die von Herrn Ickler genannten Beispiele erinnern mich fatal an ein sprachwissenschaftliches Seminar während des Studiums. Ich weiß nicht mehr genau, um was es damals ging, aber ich konnte die Behauptung der Dozentin mit Texten von Egon Erwin Kisch, Karl Kraus, Gottfried Keller und einem Artikel aus der ZEIT widerlegen. Darauf erhielt ich zur Antwort, literarische und essayistische Texte seien sprachwissenschaftlich nicht relevant.

Angesichts solcher Ignoranz ist es kein Wunder, wenn Studenten nur das linguistische Pflichtprogramm absolvieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2014 um 18.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#25116

Man staunt immer wieder, wie wenig schon die bloße Feststellung der Tatsachen bei vielen Grammatikern gelingt. Gallmann behauptet (wie auch andere):

"Die folgenden Beispiele zeigen, dass das Verb bedauern nur satzwertige Infinitivgruppen bei sich duldet:

a. Unmöglich: *Sie hat diesen Film gesehen zu haben bedauert.
b. Richtig: Sie hat bedauert, diesen Film gesehen zu haben."
Andere schreiben:

"(7) *dass Wanda den Vertrag unterbreitet zu haben bedauert

Eine kleine Gruppe von Verben lassen nur inkohärente Infinitivkomplemente zu, wie das faktive Verb bedauern, siehe (7)“.

Das ist nicht wahr. Auch heute noch kann man Sätze bilden wie Goethe:

...über den Verlust eines so wackeren Mannes, den ich, in seinem Leben, nicht näher gekannt zu haben bedauere
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.01.2014 um 06.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#24891

Grammatiker wie Peter Gallmann und Vilmos Agel sind sich einig, daß eine Tasse Kaffees "ungrammatisch" und daher mit einem Asterisken zu versehen sei. Das scheint mir übertrieben, und es gibt viele Gegenbeispiele, nicht nur veraltete. Besonders unauffällig ist die Genitivmarkierung, wenn der Genitiv noch einen weiteren Auslöser hat, also nicht nur partitiv zu verstehen ist:
nach dem Genuß einer Tasse Kaffees.
(Man darf natürlich nicht in Registern suchen, die ohnehin keinen Genitiv verwenden.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 01.11.2013 um 19.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#24324

Hier fühle ich mich nicht richtig verstanden. Daß ich den Stern für nicht gerechtfertigt hielt, liegt daran, daß ich den Begriff "heutiges Deutsch" weiter gefaßt hatte. Wenn zumindest Goethe und Schiller noch solche Formen benutzt haben, sollten wir das heute wirklich schon mit einem Stern quittieren?

Wie soll man denn Dazu bedarf man Materials sonst sagen? Man bedarf Material? Laut Duden Bd. 9, "Richtiges und gutes Deutsch", 1985, steht das Verb bedürfen i. a. mit einem Genitivobjekt: "Selten (wenn dem Objekt kein Artikel vorangeht [und in Verbindung mit es]) wird bedürfen mit dem Akkusativ verbunden". Wir haben hier kein es. Nun, wie auch immer, aber solch ein Objektgenitiv hat doch erstmal nichts mit dem partitiven Genitiv zu tun, oder?

Ausgangspunkt war ja das aktuelle Zitat über "400 Tonnen Materials". Und da ist Google bei weitem nicht nur bei 1 oder 2 Fundstellen für "Tonnen Materials" oder "Menge Materials".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.11.2013 um 17.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#24323

Herr Riemer schreibt als Antwort auf Herrn Ludwig (siehe hier):

"Ist etwas, das nicht erforderlich ist, deshalb auch gleich falsch?
Eine Sorte Zuckers würde ich normalerweise auch nicht sagen, dennoch halte ich den Stern daran nicht für gerechtfertigt."

Interessante Frage. Bier ist vielleicht noch populärer als Zucker, jedenfalls was die Rede über Sorten betrifft. Bei Google findet man beinahe alles, aber keinen einzigen Beleg für eine Sorte Biers/Bieres, viele Sorten Biers u. ä. Genügt das nicht, um ein Sternchen zu verleihen? Ich bin ja erklärter Feind von (zu vielen) Sternchen, aber hier würde ich doch sagen: das ist wirklich nicht mehr heutiges Deutsch.

Bei Maß- und Mengenangaben ist der partitive Genitiv (einschließlich seiner Periphrase mit von) weitgehend einer anderen Konstruktion gewichen, die man meist als Apposition deutet: ein Glas Wein. Manchmal ist der Nukleus auch zum adjektivischen Attribut umgedeutet: mit viel gutem Wein, mit vielem guten Wein. Eine elliptische Deutung ist oft schon aus formalen Gründen nicht möglich: mit einer Menge/Handvoll Nüssen.

Eine andere Erscheinung, auf die auch Herr Ludwig hinweist: Ohne flektiertes Artikelwort oder Attribut ist weder der Genitiv noch die volle Dativendung üblich: Dazu bedarf man Materials. Das Messer ist aus Stahle. Wohl aber: besten Materials, aus schwedischem Stahle (bißchen veraltet, aber noch möglich).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.09.2013 um 04.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#24027

Andererseits kommt im selben Handbuch vor:

*Er übermittelte die Nachricht für eine Stunde. (884)

Ohne Kontext ist nicht zu entscheiden, ob das Sternchen berechtigt ist. Das Beispiel steht in dem umfangreichen, aber unbrauchbaren Artikel über das Verb. Darin werden, wie in manchen anderen, überhaupt keine echten Texte analysiert. Der moderne Linguist schafft sich seinen Gegenstand selbst. Deshalb kann ihm auch keiner dreinreden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.08.2013 um 04.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#23961

In Hoffmanns "Handbuch der deutschen Wortarten" kommen Beispielsätze vor wie

Wir haben überaus gelacht. Sie hat überaus mit sich gerungen. (405)

Es dürfte schwer sein, so etwas zu belegen. Er lachte überaus? Das gibt es im Deutschen nicht. Grammatiker verteilen nicht nur unberechtigte Sternchen für angeblich Ungrammatisches, sondern erfinden auch am Schreibtisch etwas, was sie nie sagen würden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.07.2013 um 11.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#23699

Natürlich, man muß auch nicht in jedem Dativ gleich einen Anthropomorphismus vermuten, vor allem dann nicht, wenn das Verb ohnehin einen Dativ regiert (wie bei gönnen und verpassen), ebenso dem Substantiv ein Attribut hinzufügen u. ä. Beim Bohnentopf ist Vermenschlichung nicht einmal vorstellbar, denn "Garnelen untermischen" kann man ja einem Menschen nicht so gut. Aber es klingt doch so, als würde Grass seinem Karabiner und Siebeck seinem Bohnentopf etwas Gutes tun.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 19.07.2013 um 09.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#23698

Die "Vermenschlichung von Sachen" kommt in der Umgangssprache öfter vor: seinem Haus einen neuen Anstrich verpassen; seinem Auto einen Ölwechsel gönnen; seinem Fahrrad eine neue Kette einbauen; usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.07.2013 um 06.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#23697

Andererseits muß man auch die wirklich belegten Ausdrücke sichten. In der Dudengrammatik von 2005 wird zum Beispiel angeführt:

Jetzt, wo/da der Bohnentopf vereinigt ist und leicht vor sich hin köchelt, mische ich ihm die Garnelen unter ... (S. 1078)

Es geht hier um das Relativum. Aber der unbefangene Leser könnte auch meinen, daß die Dativkonstruktion bei unbelebten Gegenständen in Ordnung ist. Günter Grass liebte sie seit der Blechtrommel sehr und hat sie zu einer persönlichen Stilmarotte ausgebaut: … der seinem Karabiner das Magazin zum drittenmal füllte (Hundejahre. Neuwied 1963:371). – Sonst ist sie weitgehend unbekannt und kann sicher nicht als normales Deutsch durchgehen.

Das Zitat mit dem Bohnentopf ist nicht nachgewiesen, man kann aber leicht feststellen, daß es aus einem Rezept von Wolfram Siebeck in der ZEIT von 2001 stammt. Komischerweise findet man das ganze Rezept wörtlich auf verschiedenen anderen kulinarischen Seiten im Internet; es wurde jeweils ohne Quellenangabe eingereicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.07.2013 um 05.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#23696

Viele neuere sprachwissenschaftliche Arbeiten beruhen auf selbstgemachten Beispielsätzchen, die der Verfasser nach eigenem Gutdünken in mögliche und unmögliche eingeteilt hat. Es fällt mir schwer, solche Texte zu lesen, wenn ich von Anfang an sehe, daß diese Zuweisungen nicht richtig und also die oft so genannten "Daten" einfach erfunden sind, gleichwohl aber ganze Theoriegebäude tragen sollen.

Sehe gerade, daß Heide Wegener in einem vielzitierten Buch über den Dativ für unmöglich erklärt:

*Ihm blitzen die Augen.

Zum Glück für uns und zum Schaden dieser Art von Sprachwissenschaft gibt es heute das Internet:

Die Augen blitzten ihm voll Unwillen (Karl Spazier 1838)
Die Augen blitzten ihm höhnisch. (Johann Richard zur Megede)
Seht, wie die Augen ihm blitzen! (Lied „Feinde ringsum“)

Usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.06.2013 um 15.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#23494

Ein Sprachwissenschaftler sagt in einer Einführungsvorlesung:

„Ein Sprecher des Deutschen bildet korrekt einen Nebensatz und weiß intuitiv, dass der Satz Ich weiß, dass es regnet sinnvoll, aber der Satz Ich weiß, ob es regnet im normalen Sprachgebrauch nicht sinnvoll ist.“

Nun, wenn ich in meinem Dachstudio nach der Fensterscheibe sehe, weiß ich immer, ob es regnet. Das ist eigentlich ganz normal.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.11.2010 um 15.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1369#17267

Ein Beispiel dazu aus der heutigen FASZ (S. 64):

Als idealer Begleiter eines guten Menüs gilt Wein. Was aber trinkt, wer keinen Alkohol möchte?
 
 

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