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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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02.11.2010
 

Liebe und Hölle
Nachrichten aus der Welt der Griechen

Vor einigen Monaten ließ sich auch der "Sexualforscher" Volkmar Sigusch zur Mißbrauchsdebatte vernehmen:

»Wird danach gefragt, warum es bei uns so viel sexuelle Gewalt gibt, müssen wir uns eingestehen, dass unsere Kultur keine Ars erotica entfaltet hat. Bei uns gibt nicht Eros den Ton an, sondern sein Gegenspieler Anteros. Dessen Manifestationen begegnen uns auf Schritt und Tritt, ob es nun um die halbnackt präsentierten Mädchen bei Heidi Klum geht oder die Lockrufe abgetakelter „Damen“ im nächtlichen Fernsehen. Hinzu kommt, dass Kinder bei uns weitgehend schutz- und rechtlos sind. Grundsätzlich können Erziehungsberechtigte mit Kindern machen, was sie wollen. Sie können sie ungestraft seelisch und sozial vernachlässigen, quälen und demütigen. Viele Kinder leben familiär nicht in Paradiesen, sondern in Höllen.« (Der Freitag 7.4.10)

Auch im Interview sagte er:

»In allen Bereichen, von den festen Beziehungen bis hin zum Shopsex. In unserer Kultur regiert nach wie vor Anteros, nicht Eros.« Dazu gab es eine Anmerkung der Redaktion: Eros ist in der griechischen Mythologie der Gott der Liebe, während Anteros der Gott der Rache ist.
(http://www.sexmedpedia.com/artikel/kopf-der-woche-volkmar-sigusch#*+Eros+und+Anteros)

Ich habe das schon damals nicht verstanden. Anteros ist die Gegenliebe, als Gott rächte er auch die verschmähte Liebe – ein ziemlich entlegener Mythos. Wie das zum Kontext paßt, weiß ich nicht. Aber ich erlaube mir die Frage, warum sich die Leute nicht schlichter ausdrücken. Welcher Leser kann denn mit Anteros überhaupt etwas anfangen?



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Kommentare zu »Liebe und Hölle«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2019 um 16.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#40920

Im Bundestags-Antrag der Grünen vom 19.2.19 („Feministische Außenpolitik konsequent umsetzen – Gewalt und Diskriminierung überwinden, Geschlechtergerechtigkeit und Menschenrechte weltweit verwirklichen“) ist konsequent von „sexualisierter und genderbasierter Gewalt“ die Rede, am Ende gar von „sexualisierter Ausbeutung“. Das ist nicht anders zu erwarten, aber warum macht die FAZ mit?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.02.2019 um 04.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#40837

Beim Missbrauch an Nonnen geht es um ultimative Machtausübung (Christian Füller, WELT)

Daher sexualisierte Gewalt auch hier. Mir ist anderes berichtet worden: Es geht um Geilheit und Gelegenheit. Warum übernehmen alle die feministische Sprachregelung?

(Interessant auch die schiefe Ausdrucksweise Missbrauch an (!) Nonnen, die sich bereits eingebürgert hat und die Bedeutung zu "Verbrechen" verschiebt.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2018 um 11.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#39573

Drobinski schreibt:

Fünf Monate sind es noch bis dahin, eine lange Zeit – zumal vom 3. Oktober an sich die Bischöfe der Welt in Rom versammeln, um über die Jugend zu reden und über Priesterberufungen. Die sexuelle Gewalt durch Priester an Jugendlichen steht nicht offiziell auf dem Programm.

Auch sein Kollege Daniel Deckers (FAZ) spricht zum selben Thema von sexualisierter Gewalt.

Diese Überdehnung und Verschiebung des Gewalt-Begriffs hilft im Grunde den Übeltätern. Sie können mit Recht geltend machen, daß sie keine Gewalt angewendet haben. Weltliche Päderasten behaupten das seit je, sprechen sogar von einer Liebesbeziehung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.09.2018 um 18.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#39560

Nachtrag:

Sexualisierte Gewalt und sexualisierter Machtmissbrauch sind Begriffe, die „sexuelle Gewalt“ gemäß feministischem Verständnis nicht als Ausleben sexueller Bedürfnisse deuten, sondern als Ausübung von Macht interpretieren. (Wikipedia)

Dankenswerterweise wird auf den feministischen Hintergrund hingewiesen. Der scheint vielen gar nicht mehr bewußt zu sein, so normal ist die Ideologie schon geworden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.09.2018 um 18.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#39559

Noch einmal zum Begriff "sexualisierte Gewalt":

Sexualisierte Gewalt kommt überall vor, in Sportvereinen wie auch der evangelischen Kirche - die Anfälligkeit katholischer Milieus ist jedoch auffällig. Der Essener Forensiker Norbert Leygraf untersuchte 2012 die Akten 80 einschlägig straffällig gewordener katholischer Priester und fand heraus, dass die große Mehrheit nicht fixiert pädophil war, wohl aber vereinsamt, alkoholabhängig, sexuell unreif, psychisch labil. (Matthias Drobinski, SZ 15.9.18)

Wie paßt das zusammen? Der Delinquent hat doch nicht den Drang, jetzt unbedingt Gewalt ausüben zu müssen, sondern ist schlicht und einfach geil. Irregeleiteter Geschlechtstrieb, nicht "sexualisierte Gewalt". Mehr begriffliche Klarheit könnte helfen.

Übrigens weiß ich von Katholiken, daß sie sich über das problematische Geschlechtsleben ihrer Priester seit je mehr oder weniger im klaren waren, daß aber der Nimbus der Priesterweihe ihnen half, über die menschliche Unzulänglichkeit hinwegzusehen. Dieser Nimbus schwindet heute allmählich.

Zum Priester sahen die kleinen Mädchen im katholischen Internat auf wie zu einem höheren Wesen, und wenn gar der Besuch des Bischofs angekündigt wurde, fielen sie beinahe in Ohnmacht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.04.2018 um 16.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#38595

Heute morgen blökten alle Medien von einem "gruseligen" Fall von sexueller Belästigung, obwohl ein Blinder sehen konnte, daß die vierzehnjährigen Gören das Ganze erfunden hatten, bis hin zum "südländischen" Dialekt des Übeltäters. Ein paar Stunden später dann das "Update": alles fake.
Ich frage mich wieder einmal, warum die Journalisten das nicht ebenso leicht erkennen wie wir Leser.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.12.2017 um 11.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#37311

Ein Drittel der Kinderschänder in Australien waren katholische Geistliche. Daher empfiehlt die Untersuchungskommission auch die Aufhebung des Zölibats.
Das wirft ein Licht auf die neudeutsche Redeweise von der „sexualisierten Gewalt“. Hindert der Zölibat den Mann daran, sein Bedürfnis nach Gewalt – ob sexualisiert oder nicht – legal zu stillen? Oder ist er einfach geil und hält sich an Kindern schadlos, weil legale Partner nicht zur Hand sind? So hat es das Volk immer gesehen und wird wohl nicht ganz falsch liegen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.12.2017 um 05.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#37276

Ich bin nicht der erste, der auf folgendes hinweist: Vorwürfe sexueller Belästigung beziehen sich, wie man an den Medien sieht, auf Vorfälle, die meist verjährt und oft ohnehin kaum justiziabel sind. Trotzdem sind solche Vorwürfe oft der endgültige soziale Tod, für immer unverzeihlich. Im Gegensatz dazu können rechtskräftig Verurteilte nach Verbüßung ihrer Strafe wieder wie jedermann ihren Geschäften nachgehen; es gilt geradezu als anstößig, ihnen die Vergangenheit noch nachzutragen. Mein Maßstab ist immer noch jener bayerische Politiker, der im Suff einen Menschen totgefahren hatte, zu einem halben Jahr auf Bewährung verurteilt wurde und nach einer einträglichen Sinekure bei einer Parteistiftung Minister werden konnte. Schwamm drüber – aber nicht bei Vorwürfen "sexualisierter Gewalt" vor 30 Jahren!
Das Ganze ist aber kein Beleg besonders hochstehender Moral, sondern eine abgrundtiefe Heuchelei.
Unterdessen sehen wir zu, wie ein Promi nach dem anderen darüber zu Fall kommt. Weil es Promis sind, die mehr als ihre 15 Minuten Ruhm hatten, hält sich unser Mitleid in Grenzen. Die im Dunkeln sieht man ja ohnehin nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.03.2016 um 05.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31951

Um es noch einmal anders zu sagen: "sexualisierte Gewalt" ist haargenau die Definition von Sadismus: Jemand quält andere und zieht aus deren Leiden einen sexuell getönten Lustgewinn (jedenfalls nach psychoanalytischer Auffassung, aber wenn man de Sade liest, kann man sich diesem Eindruck nicht entziehen). Das ist aber nicht das, was in der großen Mehrzahl der Fälle von Päderastie vorliegt. Dort geht es schlicht um eine fehlgeleitete Sexualität (die "Objektwahl" betreffend). Der Pädophile redet sich und anderen sogar gern ein, es gehe um Liebe.

Ich erwarte, daß in einigen Jahren der Mißbegriff "sexualisierte Gewalt" als solcher durchschaut und dies dann wieder als große Entdeckung verkauft wird.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 15.01.2016 um 18.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31331

Die feine Unterscheidung zwischen „sexualisierter Gewalt“ und „sexueller Gewalt“ scheint mir den meisten hierzulande nicht klar zu sein. Die Bezeichnung „sexualisierte Gewalt“ wird schlicht als die politisch korrekte Ausdrucksweise angesehen - mit dem Ergebnis, daß „sexuelle Gewalt“ inzwischen nahezu ausgestorben zu sein scheint.

Rein sprachlich ist der Begriff „sexualisierte Gewalt“ auch mißglückt. Man fragt sich doch unwillkürlich: Wer oder Was hat denn die Gewalt sexualisiert? Und ist das Ergebnis der „Sexualisierung“ der Gewalt nicht „sexuelle Gewalt“?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.01.2016 um 18.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31299

Mahmoud (Name von der Redaktion geändert)

Na, dann wird er wohl Hussein geheißen haben. Übrigens sind Marokkaner, die sich nach allen Regeln der Kunst als Syrer ausgeben, weil ihnen dann nichts passieren kann, auf dem Weg der Integration doch schon erfreulich fortgeschritten. (Wenn bloß nicht die echten Syrer wären, die den Fake gleich am Dialekt erkennen...)
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 12.01.2016 um 11.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31271

An Ihrem Einwand ist natürlich etwas dran, Herr Metz: Die hohe Aufmerksamkeit ermutigt Anzeigen und reduziert die Dunkelziffer, anders als sonst. Aber den Unterschied der Größenordnungen sowie auch der Verhaltensweisen zwischen Köln und Oktoberfest werden Sie damit nicht weginterpretieren können.

Ich halte die Rede von der neuen Dimension nicht nur der Wahrheit zuliebe für nötig, sondern auch, um die Polizei vor den Anschuldigungen durch die Politiker in Schutz zu nehmen. Gegen ein Ereignis, das es so noch nie gab, kann man sich nicht ausreichend wappnen. Es gab im Vorfeld keine warnenden Anzeichen zum Ausmaß der bevorstehenden Überfälle in Köln. Jetzt hacken die Politiker auf den Kölner Polizisten herum, der Ober-Sündenbock wurde schon entlassen. Die Reden der Politiker sind verlogen und feige. Die Polizei ist am wenigsten schuld an diesen Vorgängen, nicht zuletzt, weil das Ausmaß nicht zu erahnen und in Deutschland bisher unbekannt war.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 12.01.2016 um 10.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31270

Das Ablenkungsmanöver hat bei vielen Frauen so gut funktioniert, daß sie heute noch nicht wissen, was eigentlich vorgegangen ist.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 12.01.2016 um 09.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31269

Noch zu Herrn Wrases Einwand: Mich stört, daß allzuoft reflexartig von einer »neuen Dimension« gesprochen wird, wenn der Kommentator eigentlich nur sagen will, daß ihm die jeweiligen Vorgänge neu sind. Oft steckt wohl auch der Wunsch dahinter, seiner Empörung Ausdruck zu verleihen. Da setzt man sprachlich gern mal einen drauf. Das alles wirkt auf mich etwas hilflos.

Hinzu kommt, daß manche Politiker, darunter vor allem solche, die ihren armen Pressesprecher Tag für Tag anweisen, mal banale, mal provokante »Tweets« auf die Menschheit loszulassen, weil sie emsig an ihrer Karriere stricken, gerne zu solchen und anderen Kraftvokabeln greifen, ohne mehr Fakten zu kennen als Sie und ich. Sie haben ja selbst gesagt, daß wir viel zu wenig wissen. Und so weiß ich eben auch nicht, ob es solche Straftaten in dieser »Dimension« schon gegeben hat. Die Masche als solche ist jedenfalls nicht neu, wie Fachleute berichten, und auch daß sich mehrere Personen zu Straftaten verabreden, ist nicht neu. Die Zahl der Anzeigen finde ich nur sehr bedingt aussagekräftig. Wer weiß, wie viele Frauen, homosexuelle Männer usw. bei anderen Gelegenheiten Anzeige erstatten würden, wenn die Medien ihre Scheinwerfer in gleicher Weise auf die Vorgänge richten würden, wie sie es jetzt in einer aufgeheizten Debatte über Flüchtlinge und Zuwanderer tun. Das Ganze hat eben auch viel mit Stimmung und Stimmungsmache zu tun.

(Und um einem Mißverständnis gleich vorzubeugen: Nein, ich verdächtige kein einzige Anzeigeerstatterin und keinen einzigen Anzeigeerstatter, daß sie bzw. er nur auf den Zug aufgesprungen ist und sich aus Spaß an der Freude mal eben bei der Polizei gemeldet hat, sondern ich fände es, im Gegenteil, schlimm, wenn bei Oktober- und sonstigen Festen kaum jemand Anzeige erstattet, weil er nicht jeden Abend in Sondersendungen und durch Aufrufe der Polizei dazu ausdrücklich ermutigt wird.)
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 12.01.2016 um 06.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31266

Das ist richtig, aber wir haben ja nun einen konkreten Bezug, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht und die Debatten bestimmt. In diesem Fall (Silvester in Köln) stellt sich die Frage nach verschleiernden Redeweisen anders. Zum einen, weil vor allem vertuscht werden soll, daß sich in Köln eine neue Dimension von Frauenfeindlichkeit zeigt, die mit der Herkunft und der kulturellen Prägung der arabisch-muslimischen Migranten zu tun hat. Zum anderen, weil eine Kombination von massenhaftem Diebstahl/Raub und sexuellen Übergriffen vorliegt, begangen von größeren Tätergruppen. Für so ein besonderes Verhaltensmuster ist der Begriff "Gewalt" zu allgemein. Und der Ausdruck "sexualisiert" – im Sinne eines Tatmotivs – paßt auch nur halb, wenn sich die Gier zur Hälfte, wenn nicht in erster Linie auf Geldbörsen und Handys gerichtet hat.

Ansonsten, wie gesagt, paßt der Begriff "sexualisierte Gewalt" doch ganz gut zu den konkreten Verhaltensweisen. (Mit Ausnahme der Fälle, wo einem Opfer, ob Frau oder Mann, eine Geldbörse nebenbei aus der Tasche gezogen oder ein Handy mit einem harten Griff entwendet wurde, ohne weitergehende Belästigung.) Der Begriff "sexualisierte Gewalt" dient also in diesem Fall nicht einer ideologischen Theoriebildung, sondern eher der erklärenden Beschreibung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.01.2016 um 04.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31263

Mir ging es eigentlich um die flächendeckende Einführung des Ausdrucks sexualisierte Gewalt. Der Eintrag bei Wikipedia legt offen, woher das kommt, aber warum machen alle mit?
Unabhängig von Köln hatte ich schon mal spekuliert, daß es erst einmal darum ging, Sex aus der Schußlinie zu nehmen. Sex an sich ist ja gut, auch mit Kindern, nicht wahr? Das war die Ideologie, alles andere galt als spießig. Aber Gewalt! Das ist das Böse, vor allem in der uferlosen Ausweitung der siebziger Jahre, "strukturelle Gewalt" (synonym mit Massenwohlstand) usw. So konnte man auch den sexuellen Mißbrauch wieder verdammen, nicht wegen Sex, sondern wegen Gewalt. Das Sexuelle hatte dann nur noch die Qualität eines Zeichens oder Symbols für Herrschaft (des Mannes natürlich, per def.).
Die Verbreitung der neuen Formel erinnert an die ebenfalls ohne Zwang befolgte Redeweise gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 12.01.2016 um 03.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31262

Noch zu Herrn Metz, wegen der "neuen Dimension": Das trifft doch wirklich zu. Hat es so was schon mal gegeben, in dieser Dimension?

Die Dauerbeschwichtiger kommen ja nun damit an, dasselbe gebe es auf jedem Oktoberfest, sprich: unter Einheimischen. Auch in der aktuellen Titelgeschichte des Spiegel wird die neue Dimension in dieser Art wegformuliert: "Dabei gibt es bei jedem Oktoberfest eine Vielzahl sexueller Übergriffe bis hin zu Vergewaltigungen." Mich wundert der Vorwurf "Lügenpresse" überhaupt nicht mehr. Hier eine Ausnahme, eine Richtigstellung zum Thema:

www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-uebergriffe-in-koeln-und-falsche-zahlen-von-der-wiesn-14004617.html

Natürlich ist das Oktoberfest auch nachts gut ausgeleuchtet und bewacht, sonst würde es dort auch krimineller zugehen. Aber trotzdem, die Zahlen von Köln und die vom Oktoberfest sind überhaupt nicht vergleichbar, sie bewegen sich in völlig verschiedenen Größenordnungen. Sonst würde nämlich niemand das Oktoberfest besuchen wollen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 12.01.2016 um 03.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31261

Aus den Zahlen geht auch nicht hervor, wie viele von den Opfern Männer waren. Man erfährt nicht, welche Delikte in welcher Zahl von geschädigten Frauen und Männern jeweils angezeigt worden sind. Dabei müßte man das wissen, um eine genauere Vorstellung zu bekommen. Sonst führt auch die Unterstellung des angeblich sexuellen Motivs möglicherweise in die Irre, da hat Herr Mahlmann völlig recht.

Und man bräuchte genauere Schilderungen von den Opfern. Wenn eine Frau "nur" sexuelle Belästigung angezeigt hat, was bedeutet das? Wurde in dem Fall kein Diebstahl versucht? Hatte die Frau keine Wertsachen dabei? Trug sie einen Geldbeutel gut geschützt in der Jacke? Hat sie ihre Handtasche erfolgreich vor einem Zugriff schützen können? Oder gab es verschiedene Arten von Angriffen auf Frauen, je nach Tätergruppe, Stimmung und Zufall? Man weiß zu wenig.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 12.01.2016 um 00.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31260

Es wurden auch die Begleiter der Frauen ausgeraubt - Männer. Daran haben heterosexuelle Männer kein sexuelles Interesse. Inwiefern der Raub zum Nachteil der Männer nun Hauptabsicht oder beiläufige Mitnahme war, geht nicht aus der Zahl der Anzeigen hervor.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 11.01.2016 um 21.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31259

Nicht sehr originell, aber ich würde schlicht von Diebstahl in Tateinheit mit sexueller Nötigung sprechen, je nach Fallgestaltung liegt möglicherweise auch Raub vor. Es handelt sich hier um schwere Straftaten, die hoffentlich angemessen geahndet werden. Hellhörig werde ich immer dann, wenn irgend jemand eine »neue Dimension« verkündet. Nach meiner Erfahrung tun das fast immer nur Leute, die bisher keine Gelegenheit hatten, den betreffenden Teil der häßlichen Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen (oder solche, die damit eine bestimmte Absicht verfolgen).
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 11.01.2016 um 20.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31258

Fazit: Es war sexualisierter Diebstahl. Sexualisierte Eigentumsdelikte. (Hiermit melde ich Urheberschaft an den Begriffen an, es gibt sie noch nicht bei Google.)
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 11.01.2016 um 19.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31257

Überwiegend Zustimmung, aber das ist ein anderes Thema. Einschränkung: Die Polizisten hätten ganz sicher geholfen, aber sie konnten es aus Personalmangel nicht – und weil die Täter ihre Übermacht schamlos ausgenutzt haben. Die Polizei würde auch jetzt noch helfen wollen, aber ihre Mittel sind sehr begrenzt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 11.01.2016 um 19.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31255

Die Erniedrigung der hellhäutigen Bürgerin besteht u. a. auch darin, daß sie von vornherein weiß, daß ihr die Polizei nicht helfen wird und die Justiz schon gar nicht. Von den jetzt ihre Hände in Unschuld ringenden Politikern erst recht nicht. Daher haben ja die meisten Opfer zunächst auch nicht Anzeige erstattet.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 11.01.2016 um 17.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31254

Aktuell aus dem Netz: "Insgesamt [...] 516 Strafanzeigen, die bei der Bundes- und Kölner Polizei eingegangen sind. In 237 Fällen [...] Sexualstraftaten. In 107 dieser Fälle sei zugleich ein Diebstahldelikt angezeigt worden. Bei den übrigen 279 Delikten handele es sich um Eigentums- und Körperverletzungsdelikte."

Etwa zur Hälfte "nur Diebstahl". Zur anderen Hälfte Sexualstraftaten, davon knapp die Hälfte inklusive Diebstahl; mutmaßlich hat also bei der anderen Hälfte der "Sexualstraftaten" der Diebstahl nicht geklappt.

Also gut: Das Motiv war wohl vor allem Diebstahl. So gesehen hatte das Ganze überhaupt nichts mit Sex zu tun, die "Sexualisierung" war nur Mittel zu einem nüchternen Zweck, der teils erreicht wurde und teils nicht.

Andererseits: Mußten die Männer den Frauen zwischen die Beine greifen und sie rundum anfassen, um an die Handtaschen zu kommen? Wohl kaum. Wenn sie eine Frau schon im Rudel umzingeln, dann hätten die Männer doch zum Beispiel die Umzingelung nur so eng schließen müssen, daß die Frau sich nicht mehr rühren kann. So kommt man auch an die Handtasche. Dafür spricht ja auch jene Hälfte der Anzeigen, die "nur Diebstahl" betreffen. Das Anfassen hatte also einen zusätzlichen Zweck. Den würde ich aber nicht "Sex" nennen, sondern "Erniedrigung". Vielleicht werden wir ja irgendwann genauer informiert, wie die Männer sich verhalten haben und wie sich das angefühlt hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2016 um 17.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31253

Aber Herr Markner, haben Sie Freud nicht gelesen? Eine Handtasche ist doch keine Handtasche!
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 11.01.2016 um 16.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31249

In erster Linie geht es um die Handtaschen, das sollte man nicht übersehen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 11.01.2016 um 13.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31243

Ich finde die Einordnung unter "sexualisierte Gewalt" in diesem Fall wirklich passend. Wenn Horden von Männern mitten auf Kölner Domplatz Frauen einkreisen und ihnen überfallartig an die privatesten Stellen fassen, hat das mit einer Befriedigung sexueller Bedürfnisse wenig zu tun. Es geht ihnen darum, irgendwelche beliebigen Frauen extrem zu erniedrigen, mit Gewalt ihre Gefühle zu verletzen und sich an der eigenen Macht zu weiden. Nicht viel anders, als wenn jemand gemeinschaftlich verprügelt, angeschrien oder angespuckt wird. Wenn jemand lange keinen Sex hatte, wird er doch nicht deshalb in solcher Weise übergriffig. Unzählige Menschen haben jahrelang keinen Sex und würden so etwas nie tun. Gewaltbereite Machos verhalten sich so, egal wieviel Sex sie haben.

Bei einer ordinären Vergewaltigung im "privaten" Raum (ohne Öffentlichkeit) ist das anders, da handelt es sich normalerweise um eine Kombination von Gewalt/Erniedrigung und tatsächlicher sexueller Befriedigung, und es ist oft nicht einfach zu entscheiden, was das eigentliche Motiv ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.01.2016 um 12.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#31193

Die Sprachregelung „sexualisierte Gewalt“ wird nach den Kölner Vorfällen vor allem im linken Spektrum strikt befolgt. Wie gesagt: Es geht um gewalttätige Sexualität. Die Männer werden vermutlich übergriffig, weil sie lange keinen Sex hatten, nicht weil sie lange keine Gewalt ausüben konnten. Kriminell sind sie außerdem.

Ist es eine verquere Art von Prüderie, die besonders bei Linken, politisch Superkorrekten dazu führt, Sexualität herabzustufen, wenn man sie schon nicht ganz zum Verschwinden bringen kann?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.12.2015 um 05.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#30798

In einem Artikel über den Psychoanalytiker Kernberg (den ich anderswo erwähnt habe) wird dieser mit der Ansicht zitiert, das kleine Mädchen genieße bei der Vergewaltigung durch seinen Vater heimlich den Triumph über die Mutter, die es aus dem Ehebett verdrängt. (Das ist das immergleiche Ergebnis, wenn man in Freudschen Bahnen denkt.) Worauf es mir ankommt: Im Gegensatz zur traditionellen, auch von Kernberg vertretenen Psychoanalyse wird im neueren Text aus dem gewalttätigen Sex die "sexualisierte Gewalt". Nur: Was genießt das Mädchen dann eigentlich? Nicht Geschlechtspartnerin des Vater zu sein, sondern dessen Gewaltopfer? Die scheinbare Modernisierung der Theorie im Sinne des Zeitgeistes nimmt ihr die Pointe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.09.2015 um 14.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#29894

Es ist kaum noch möglich, die Dinge beim Namen zu nennen, überall mischt sich der Psychojargon ein, wie er eben gerade Mode ist.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung sorgt sich um die Sicherheit der Flüchtlingskinder: Sie seien in den riesigen Sammelunterkünften der Gefahr sexueller Übergriffe ausgesetzt. (...)
Sowohl in den Sammelunterkünften der DDR-Flüchtlinge als auch in den Massenunterkünften jüngerer Zeit habe es sexualisierte Gewalt gegen Kinder gegeben, sagt Ursula Enders, Gründerin und Leiterin von Zartbitter. (...) "Teilweise sind das auch Unterwerfungsrituale und Machtdemonstrationen. Die Kinder sind dort in ihrer Bedürftigkeit sehr ausnutzbar."
(welt.de 10.9.15)

"Sexualisierte Gewalt"? Auch in den vielen Berichten über Prostitution und Pornographie wird geflissentlich der Eindruck erweckt, als gehe es primär um Machtausübung, die dann eben in einigen Fällen sexualisiert auftritt.

Das ist unbiologisch gedacht. Abgesehen davon, daß die Gefährdung von Kindern in Sammelunterkünften eingestandenermaßen weitgehend spekulativ ist – dort herrscht andererseits ja auch eine strenge soziale Kontrolle –, sind die nicht-pädophilen Übergriffe doch wohl in erster Linie von schlichter Geilheit verursacht. Übrigens fällt es dem Mann aus dem Volke naturgemäß nicht ein, den Jargon mit seiner "sexualisierten Gewalt" zu übernehmen.

Auch die Armeeführungen wissen es besser. Die Männer, die vor den Feldbordellen Schlange stehen, wollen keine Gewalt oder Macht ausüben...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.02.2015 um 06.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#28057

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#25671:

Fünf Jahre nachdem der damalige Rektor des Berliner Canisius-Kollegs mit Unkultur des Beschweigens sexualisierter Gewalt brach... (Daniel Deckers FAZ 10.2.15)

Wie eine Suche bei Google News zeigt, ist diese Ausdrucksweise allgegenwärtig, und gerade das legt nahe, daß es sich um eine Gedankenlosigkeit handelt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sämtliche Journalisten der sozialwissenschaftlichen These zustimmen, es gehe primär um Gewalt und nicht um Sex.

Reemtsmas triadische Gewalttypologie
An militärstrategische Hinweise anschließend hat der Literaturwissenschaftler und Sozialtheoretiker Jan Philipp Reemtsma in seiner 2008 erschienenen Studie „Vertrauen und Gewalt“ aktuell drei Typen von Gewalt unterschieden: einmal die lozierende Gewalt, die einen anderen Körper entfernt, weil er der Verfolgung eigener Interessen im Wege steht (z. B. im Krieg, bei Raub und Mord), zum anderen die raptive Gewalt, die sich des anderen Körpers bemächtigt, um ihn für seine Interessen zu benutzen (vor allem in Formen sexueller Gewalt), und schließlich die autotelische Gewalt, die im Unterschied zu den beiden erstgenannten Gewaltformen keinem außerhalb der Gewalthandlung(en) liegenden Zweck dient, sondern vielmehr um ihrer selbst willen angewandt wird. Hierunter thematisiert er ausdrücklich auch den unmittelbaren Lustgewinn Vieler, wenn sie Gewalt anwenden (schrecken, quälen, foltern) können.
(Wikipedia "Gewalt")

In der sozialwissenschaftlichen Literatur, in Bereichen der Arbeit mit den Opfern und in psychologischen Zusammenhängen wird auch die Bezeichnung sexuelle Gewalt oder konkreter sexualisierte Gewalt benutzt. Der Begriff sexualisiert soll meinen, dass Gewaltaspekte nicht ihren Ursprung in der Sexualität haben, jedoch hier mittels sexueller Handlungen zum Ausdruck gebracht werden. Machtmissbrauch und narzisstischer Missbrauch sind von der Beziehungsstruktur her gesehen Teile des sexuellen Missbrauchs. (Wikipedia „Sexueller Missbrauch“)

Sozialwissenschaftlich, aber eben nicht biologisch. Man sollte den Sinn für das Modische dieser Auffassung nicht ganz verlieren. Daß das Strafrecht und die Pornographiediskussion im Widerspruch zur "Gewalt"-Theorie stehen, habe ich schon angemerkt. Mal sehen, wie der Jargon in zehn Jahren aussieht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2015 um 09.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#28016

Die Griechen waren immer schon ein bißchen anders...

Als Griechischlerner und -leser nahm ich es gewissermaßen achselzuckend hin, daß es da eben in besseren Kreisen die Knabenliebe gab und auch, daß darüber in den Schulbüchern und Auswahltexten hinweggegangen wurde.
Wenn die weisen Männer sich bemühten, Freude, Vergnügen und Lust synonymisch zu differenzieren, gaben sie als völlig selbstverständlich an, Lust sei etwas, was man im Beisammensein mit Knaben erlebe. Woraus folgt, daß die Ehe eine Pflichtübung war. Sicher nicht ausschließlich, es gab ja außerdem auch die Prostitution.
Aber das Allerseltsamste ist die Bezeichnung für einen solchen Knaben, mit dem der Mann eine durchaus anerkannte Beziehung einging: ta paidika. Das ist Neutrum Plural. Ja, wir hatten auch das "Frauenzimmer", das entfernt vergleichbar sein mag. Obwohl pais auch ein Mädchen bezeichnen kann, kommen minderjährige Mädchen hier selbstverständlich niemals in Betracht, paidikos bedeutet in allen Kombinationen, falls auf Erotik bezogen, immer nur Beziehungen zu Knaben.

Nebenbei: Man ließ die Kinder morgens von einem "Kinderführer" (Pädagogen) zur Schule bringen und mittags wieder abholen (manchmal auch ein zweites Mal). Der Pädagoge scheint - das weiß man nicht genau - während des Unterrichts in einer Ecke des Schulzimmers gehockt zu haben. Zu Hause mußte er mit dem Kind den Stoff wiederholen und es auch sonst erziehen im Sinne des Hauses, dem er zugehörte (meist als Sklave). So wurde aus dem geringgeschätzten Pädagogen allmählich das, was wir heute darunter verstehen. Marrou weist darauf hin, daß die Einheit von Lehrer und Erzieher erst in den Klosterschulen aufkam.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.04.2014 um 06.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#25671

Sowohl die FAZ (Melanie Mühl) als auch die Süddeutsche Zeitung (Tanjev Schultz) sprechen nun von "sexualisierter Gewalt", das ist jetzt der Mainstream. Ich greife meinen Erklärungsversuch noch einmal auf. Früher hätte man schlicht von Perversionen gesprochen, worunter ja auch Homosexualität fiel, und man betrachtete das einerseits als Krankheit, andererseits als moralisch verwerflich. Beides ist heute weggefallen. Man soll ja auch niemanden mehr normal nennen, weil das impliziert, etwas anderes sei unnormal. Das geht also gar nicht. Das Verwerfliche ist jetzt die "Gewalt", und die kann sexualisiert sein oder auch nicht. Also die genaue Umkehrung des psychoanalytischen Standpunktes, von dem aus der Sadismus eine Form der Sexualität war, ein Derivat der "Libido"-Energie usw.
Zum Beispiel die Zoophilie. Moralisch kann gegen Sex mit Hunden nichts mehr eingewandt werden, folglich kümmert sich jetzt der Tierschutzverein um die Sache.
Nun dürfte es auch dem geübten Begriffsakrobaten schwerfallen, von "Gewalt" zu sprechen, wenn ein Mann sich im stillen Kämmerlein an Abbiildungen nackter Jungen erfreut. In Thomas Manns Arbeitszimmer hing jahrzehntelang ein Ölbild, das nackte junge Männer zeigt, die im Wasser planschten. Manns begehrliche Blicke richteten sich auch auf halbwüchsige Knaben, zeitweise sogar den eigenen Sohn Klaus. Aber von Gewalt, sei es auch nur in der Phantasie, kann bei ihm keine Rede sein.
Sollten tatsächlich auch rein künstlich hergestellte kinderpornographische Darstellungen strafbar sein (ich weiß es immer noch nicht), wäre die Heuchelei klar zu erkennen: die moralische Verurteilung der bloßen Vorstellung käme wieder zum Vorschein, denn zu Schaden gekommen wäre ja bei der Herstellung niemand.
Kurzum, ich glaube, daß hier sachlich und sprachlich etwas grundsätzlich schiefläuft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.01.2014 um 05.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1358#24909

Zum ersten Mal hat am Dienstag in der Stadt ein Fachtag zum Thema „Sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen — erkennen und gemeinsam sicher handeln“ stattgefunden. (nordbayern.de 23.1.14) Im ganzen Bericht heißt es „sexuelle Gewalt, sexualisierte Gewalt“. Das entspricht der neuen Ideologie, daß Gewalt das Eigentliche, Sexualität nur eine Zutat ist. Wenn das mal keine Fehlkalkulation ist! Auch in der feministischen Literatur wird es so dargestellt: Die Männer wollen Macht ausüben, deshalb vergewaltigen sie. Näher liegt die umgekehrte Auffassung: Man nutzt eine Machtposition, um Sex zu haben. Das ist allerdings weniger „politisch“.
 
 

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