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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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21.04.2010
 

Unsichere Flexion
Bänke und Banken

An Samenbänke und Datenbänke haben wir uns schon gewöhnt, nun wird auch noch vor der suchthaften Benutzung von Sonnenbanken gewarnt.

Andere bekannte Unsicherheiten: schliff und schleifte, schuf und schaffte. Bei hing und hängte ist schon gar keine Rettung mehr zu erhoffen, und wohin sich die anderen Fälle entwickeln werden, ist schwer vorherzusagen.



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Kommentare zu »Unsichere Flexion«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.06.2019 um 11.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#41693

Die schulmeisterliche Unterscheidung Wörter/Worte führt immer wieder mal zu Diskussionen. Die wirkliche Verteilung ist kompliziert, auch bei den Zusammensetzungen.

„Die Mehrzahl von Sprichwort lautet unlogischerweise Sprichwörter, eigentlich müssten es Sprichworte sein.“

„Die alte Erbsünde aller grammatischen Wissenschaft ist, daß man die menschliche Sprache nicht so nimmt, wie sie ist, sondern so ansieht, wie man sie selbst als Grammatiker gern haben möchte.“ (Karl Brugmann)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.05.2019 um 08.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#41578

Überraschend oft findet man Schnitzer der folgenden Art:

der Tod einer seiner Söhne

Die Konstruktion ist ohnehin der Umgangssprache fremd und überfordert den Sprecher, so daß die mechanische Angleichung eintritt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.02.2019 um 04.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#40818

Dabei möchte ich allerdings nach Möglichkeit an Wortgebrauche (!) der Alltagssprache anknüpfen... (Reiner Wimmer in Friedrich Kümmel u. a., hg.: Otto Friedrich Bollnow – Rezeption und Forschungsperspektiven. Tübingen 2010:146)

Es kann am Kompositum liegen oder an der grundsätzlichen philosophischen Verfremdung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2018 um 06.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#40290

Der Schwang kommt nur noch in einem starren Phraseologismus vor: im Schwang(e) sein; trotzdem zweifelt niemand, daß es maskulin ist wie der (ursprünglich identische) Schwank.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.10.2018 um 05.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39892

Das Neuverb liken ist praktisch und sollte eingedeutscht werden: laiken. Denn die Schreibweise er likt widerspricht allen Gewohnheiten und wird sich kaum halten lassen. Duden online schweigt sich aus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.10.2018 um 06.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39707

Duden newsletter:

Namen von Unternehmen/Firmen werden ganz normal dekliniert (gebeugt): Der Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Artikel in der Süddeutschen Zeitung kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Dies ändert sich auch nicht, wenn der Firmenname in Anführungszeichen gesetzt wird: die Strafzahlungen der „Deutschen Bank“ an den amerikanischen Fiskus. 
Möchte man, dass der Firmenname in der Grundform erhalten bleibt (damit er etwa von Suchmaschinen leichter identifiziert werden kann), kann man einen geeigneten Gattungsbegriff voranstellen, der dann anstelle des eigentlichen Namens die entsprechenden Deklinationsmerkmale aufweist: der Artikel in der Tageszeitung Süddeutsche Zeitung / „Süddeutsche Zeitung“, die Zahlungen des Geldinstituts Deutsche Bank / „Deutsche Bank“. 


-
Das ist zwar deskriptiv falsch, weil es auch viele Belege philologischen Zitierens (unflektiert) gibt, aber interessanter sind ohnehin die vielen Fälle mit Erweiterungen wie: Deutsche Bank AG.

Die DB Direkt GmbH ist Teil der Deutsche Bank Gruppe.

Der Adventskalender für gute Werke der Süddeutsche Zeitung e.V. übernimmt keine Garantie für die Vollständigkeit aller Angaben zu jeder Zeit.

 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 26.09.2018 um 10.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39665

Moselfränkisch würde sie beim Herrn Kauder sagen, und bei dem Versuch, sich hochdeutsch auszudrücken, hat sie das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 26.09.2018 um 08.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39664

Gestern hat sie sich »bei Herr Kauder« bedankt. Hat jemand dafür eine Erklärung? Betrachtet sie womöglich »Herr X« als fixe Einheit, so wie manche »Park des Schloß Bellevue« u. ä. sagen und schreiben? Oder liegt hier ein Kasuskonflikt zwischen Regional- und Standardsprache vor? Nahles wuchs in der Eifel auf.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 23.09.2018 um 23.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39643

Beides. Allerdings tut sie es, indem sie »auf Herr Seehofer« zugeht (https://www.zdf.de/nachrichten/heute/statement-von-nahles-zur-causa-maassen-im-livestream-100.html). Das scheint kein Versprecher gewesen zu sein: »auf Herr Maaßen« (https://www.youtube.com/watch?v=7LUgqmTjzeI), »gegenüber Herr Maaßen«, »aufgrund von Herr Seehofer« (https://www.youtube.com/watch?v=tqHn9dYlWhA). Bemerkenswert.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 23.09.2018 um 19.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39642

SPD-Chefin Nahles hatte auf neue Gespräche gedrungen, ...
(Das Erste, Tagesschau, 23.9.18, 17.15 Uhr)

Dringt oder drängt sie auf Gespräche?
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 10.09.2018 um 09.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39518

Ich hätte sagen sollen, daß es mir um den Plural geht. Muten Hitlergrüße nicht seltsam an?
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 09.09.2018 um 18.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39512

"Rassistische Übergriffe, Hitlergrüße und offene Naziparolen …" (Zeit online) Die gerade häufigen Hitlergrüße wirken seltsam auf mich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.09.2018 um 04.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39486

Sie haben recht, die Pluralformen gibt es ja gar nicht mehr.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 05.09.2018 um 21.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39484

Das dürfte doch eher von dem geläufigeren Partizip Perfekt abgeleitet sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.09.2018 um 15.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39482

Dann scholt er sie doch. (FAZ 5.9.18)

Es gibt zwar auch eine alte Nebenform (aus dem Plural übertragen), aber hier dürfte eine Neubildung wegen der Seltenheit des Gebrauchs vorliegen, nach demselben Muster wie früher.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.08.2018 um 14.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39339

"Die Kirche hat ihre Institutionen geschützt – kostete es, was es wolle", heißt es in dem Papier weiter. (t-online)

Die archaisierende Wendung lautet: es koste/koste es, was es wolle. Wie ist die Vergangenheitsform zu bilden? Ungefähr ebenso häufig ist belegt: kostete es, was es wollte. Dagegen fast gar nicht: es kostete, was es wolle und es kostete, was es wollte – weil dabei der konzessive Modus ganz verlorenginge.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.08.2018 um 05.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39327

Danke für die Ergänzung! Und es liegt eigentlich gar nicht am Eigennamen (Annas Haus), sondern daran, daß mangels Artikel der Genitiv des Femininums markiert werden muß und mit dem Default-s markiert wird, daher von Verfassungs wegen. Niemand würde auf die Idee kommen, der Verfassungs zu sagen. Zur Artikellosigkeit bei Mitte kommt es allerdings nur, weil es hier Eigenname ist.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.08.2018 um 01.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39323

Ist dieser Genitiv von Mitte wirklich in erster Linie dem Eigennamen geschuldet? Ich meine, es liegt vor allem am artikellosen Gebrauch. Der Eigenname könnte ggf. auch mit Artikel und dann ohne s im Genitiv stehen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.08.2018 um 01.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39322

Dazu ist mir gestern, 13.8.18, im MM auf S. 8 auch ein Satz aufgefallen:

Warum die Sonnensonde trotz der heißen Atmosphärenregion mit einer Temperatur von vielen Hunderttausend Grad, die sie durchfliegt, nicht schmilzt:

Neben dem Hitzeschild und anderer technischer Raffinessen liege das vor allem an der dünnen Sonnenatmosphäre, erläutert die Nasa: Die Temperatur ist ein Maß dafür, wie schnell sich Teilchen bewegten, die Hitze aber für die Energie, die diese zusammen übertragen.

Ich habe das in voller Länge zitiert, weil sich an den Flexionsfehler noch eine recht originelle Verwendung des Wortes "Hitze" anschließt. Eigentlich ist damit die Wärmemenge gemeint.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2018 um 19.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39320

Richtig und dennoch überraschend:

Ein überraschender Fund ist Mittes Bezirksstadtrat Ephraim Gothe und einer Gruppe interessierter Bürger geglückt. (morgenpost.de 13.8.18)

(Es geht um ein Stück Mauer in Berlin Mitte.)

Als Eigenname hat Mitte diesen Genitiv.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.07.2018 um 03.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#39135

Denn die Astronomen um Scott Sheppard von der Carnegie Institution fahndeten eigentlich nach Hinweisen auf den hypothetischen Planet 9 – einen Planeten, der sich jenseits des Pluto in den äußeren Gefilden des Sonnensystems verstecken soll.

„Planet 9“ ist Eigenname und bleibt undekliniert, „einen Planeten“ ist Appellativum und wird dekliniert.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.03.2018 um 14.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#38267

Ich denke, ob mit oder ohne Genitiv-s hängt davon ab, ob es sich um ein deutsches (hinreichend eingedeutschtes) oder um ein Fremdwort handelt.

Im Englischen, zumindest habe ich es so in der Schule gelernt, gibt es das Genitiv-s nur bei belebten Substantiven, egal ob männlich oder weiblich, ansonsten wird Zugehörigkeit nur mit of angezeigt. Des Islams hat also im Englischen ("Neudeutschen") kein s, daher oft auch auf deutsch des Islam.

Fremdwörter aus anderen Sprachen werden im Zweifel auch eher nicht flektiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.03.2018 um 08.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#38264

In seiner Rezension zu einem Buch über den Islam kritisiert Thomas Bauer, daß Islam manchmal sein Genitiv-s bekomme, manchmal aber auch nicht. Nun, wir haben schon gesehen, daß diese Genitivmarkierung nach und nach wegfällt, zumal bei vorangestelltem Artikel. Der "sächsische" Genitiv (Icklers Tagebuch) wird wohl als einziger Ort übrigbleiben. Dort ja sogar bei Feminina, was diesen Kasus schon fast aus dem Genitiv-Paradigma herausführt. Unsystematisch kann man das nicht nennen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2018 um 09.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#37924

das einzige Elternteil (FAZ 23.2.18)

Der technische Ausdruck Elternteil ist der Allgemeinsprache so fremd, daß nicht einmal das Genus festliegt. Duden kennt zwar nur das Maskulinum, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Ungefähr ein Drittel der Belege ist Neutrum. Besonders häufig: das einzelne Elternteil.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.02.2018 um 15.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#37803

Während es zum Thema Wiederansiedlung von Wölfen und Lüchsen durchaus unterschiedliche Meinungen gibt, sind sich Naturschützer und Jäger beim Thema Wildkatze einig. (http://www.mittelbayerische.de/region/neumarkt/gemeinden/berching/wildkatzen-streifen-durch-den-wald-21159-art1154650.html)

Weiß jemand, warum der Plural von Luchs Luchse ist, aber von Fuchs Füchse? (https://de.wiktionary.org/wiki/Diskussion:Luchs)

Das weiß wohl niemand, zumal es im Mittelhochdeutschen schon lühse hieß.

Bei Hund kommt mundartlich Hünde vor.

Der Diminutiv ist auch interessant. Man sagt Hündchen, aber auch Hundchen. Ich vermute unterschiedliche Verwendungsbedingungen wie bei Püppchen vs. Puppchen (letzteres eher als Kosewort in der Anrede, heute wohl ein bißchen veraltet; unsere Großväter erinnerten sich noch des Schlagers Puppchen, du bist mein Augenstern).

Anredeformen werden wie Eigennamen behandelt und entziehen sich daher oft dem regulären Umlaut der Appellative. Vgl. auch http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#23313
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 10.02.2018 um 18.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#37782

Kürzlich stolperte ich über die Mehrzahlform Tumoren. Ich habe dagegen immer geglaubt, es heiße Tumore.

Laut Duden heißt es tatsächlich Tumoren; die Form Tumore wird zwar auch angegeben, aber als „umgangssprachlich“ bezeichnet. Diese Einordnung erscheint mir sehr zweifelhaft.

Jedenfalls scheint es nicht so zu sein, daß die Form Tumoren etwa fachsprachlich von Ärzten gebraucht würde, während Laien die andere Form benutzen, so wie es vielleicht bei das/der Virus oder die/das Geschwulst der Fall sein mag.

So wird auf einer vom Bundesverband Deutscher Internisten herausgegebenen Internetseite durchgehend die Form Tumore benutzt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.12.2017 um 07.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#37264

Nach Duden ist mangels eine Präposition mit dem Genitiv. Dabei sind Tausende von Belegen mit dem Dativ nicht berücksichtigt:

mangels eigenem Arbeitsspeicher, mangels neuem Wissen, mangels aktuellem Foto usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.12.2017 um 09.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#37158

Die Titelzeile ist inzwischen entsprechend geändert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.12.2017 um 07.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#37157

US-Senat verschiebt Abstimmung wegen Abweichler (SPON 1.12.17)

Es handelt sich um mehr als einen Abweichler. Darum kommt praktisch nur Abweichlern in Frage.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.11.2017 um 04.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#37108

Den Übergang zum Dativ könnte man im weiteren Sinn zur "Herstellung der syntaktischen Ruhelage" rechnen. Der Genitiv ist sozusagen die "gespannte" schriftsprachliche Konstruktion, die der Sprecher baldmöglichst verläßt. Es gibt unzählige Beispiele:
wenn er einer Onyx-Antilope ansichtig würde, dem edelsten, aber nahezu ausgerotteten Wild Arabiens.
usw.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.11.2017 um 23.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#37107

Es ist doch erstaunlich, wie man diese Regeln automatisch befolgt, ohne sie zu kennen. Ähnlich zweideutig ist die Kasusforderung bei dank und trotz.
Nur, wie man es auch nimmt oder begründet, solche Widersprüche wie in Herrn Achenbachs Fund sollten m. E. trotzdem nicht vorkommen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.11.2017 um 20.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#37106

Über das Vordringen des Dativs bei wegen dieser Eintrag im Grimm:

"da (von) wegen mehr und mehr in die allgemeine sprache eingeht und die nachstellung des subst. das gewöhnliche wird, gerät es unter den einflusz der alten präpositionen und wird deshalb vielfach mit dem dativ verbunden. in den hochd. mundarten ist das wol ganz allgemein (doch kommt beim pron. noch der gen. vor, s. e), aber auch in der umgangssprache ist es herrschend und zeigt sich deshalb gelegentlich bei den besten schriftstellern, wenn sie weniger durch die grammatische regel eingeengt werden (z. b. in briefen). man vermeidet den gen. namentlich, wenn schon ein gen. vorausgeht (wegen Ludwigs todes), wenn der gen. sich vom nom. grammatisch nicht unterscheidet (wegen geschäfte), und auch sonst bei einem einzeln stehenden subst. (wegen mangels)"
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 25.11.2017 um 15.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#37101

Mal so, mal anders:

"... ein Strafverfahren
wegen illegalen Handels mit
Betäubungsmitteln und illegalem
Waffenbesitz ..."

(Bonner General-Anzeiger, 24.11.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.11.2017 um 11.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#37086

Sie haben recht, damit muß man auch noch rechnen. Die Kasusverpflichtung durch eine Präposition kann fälschlicherweise zu früh als erfüllt empfunden werden (aus aller Herren Länder), sie kann aber irrigerweise auch später noch nachwirken.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 23.11.2017 um 11.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#37085

Könnte hier nicht doch die Präposition mit (anstatt eines allgemeinen Appositionskasus) eine Rolle spielen? Es geht ja immer ums sprachliche Kopfrechnen, und manchmal hat man halt nicht so schnell "ausgerechnet", ob nun wie mit denen vom TÜV oder wie durch die vom TÜV gemeint ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.11.2017 um 09.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#37084

Nur mit der Freigabe durch Sachverständige wie denen vom Tüv darf der BER eröffnen. (Tagesspiegel 23.11.17)

Die ("unreine") Apposition steht in größtmöglicher Nähe zum Bezugswort, so daß der Kasuswechsel nicht auf Gedächtnisschwäche oder Unübersichtlichkeit zurückgeführt werden kann. Vielmehr zeigt sich an solchen Beispielen, daß sich der Dativ tatsächlich zum Appositionskasus eigenen Rechts entwickelt hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.11.2017 um 16.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#36871

Sie dürften sich nicht verhört haben, es ist süddeutsch und besonders schweizerisch (s. Deutsches Wörterbuch)

Vgl.
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1614#27321
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24792
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 03.11.2017 um 15.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#36869

Wenn ich mich auf die Schnelle nicht verhört habe, hieß es gestern im DLF in den "Informationen am Mittag", in der deutschen Botschaft in Paris sei eine Schwarze Kasse entdeckt worden, "gespiesen aus Unternehmensgeldern".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.11.2017 um 06.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#36862

Gilles Kepel spricht von einer „Generation Ramadan“, deren Angehörige gelernt hätten, den Vorwurf der Islamophobie zu nutzen, um sich Kritik an ihrem religiösen Dogma zu verbieten. (FAZ 3.11.17)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.10.2017 um 09.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#36666

Politbüromitglied Zhou Yongkang gebat über eine riesige Seilschaft im Sicherheitsapparat und in der Öl- und Chemieindustrie. (FAZ 18.10.17)

Möglicherweise kein Tippfehler. Wer lange im Ausland lebt (wie Frau Kolonko in Peking) wird in der Muttersprache unsicher, und bitten, beten, bieten gehen ja oft durcheinander.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.10.2017 um 07.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#36466

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#32624

Die Unterscheidung der/das Schild ist wohl nicht zu halten. Die Schulgrammatik versucht zwar, unhistorisch genug, eine strenge Unterscheidung durchzusetzen, aber der Nutzen ist gering, der Versuch auch deshalb aussichtslos.
Das Neutrum dominiert, auch der Plural Schilder.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2017 um 06.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#36385

Eigennamen und Gattungsnamen bilden ihren Plural unterschiedlich. So heißen die Angehörigen einer Familie Dobermann die Dobermanns, während Hunde der gleichnamigen Rasse eher Dobermänner genannt werden. Man könnte sagen: Die Dobermanns heißen nur so, die Dobermänner sind wirklich welche.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.09.2017 um 04.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#36250

Die Tagespolitik zu kommentieren verbat sich schon deshalb, weil er über den Parteien schweben und sich im alltäglichen Kleinklein nicht auf eine Seite schlagen soll. (FR über den Buprä 21.9.17)


Übrigens bringt der langweilige Kommentar über den "schwebenden" Bundespräsidenten ungewollt zum Ausdruck, wie überflüssig so etwas ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.07.2017 um 15.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#35636

Zunächst konnten Randalierer mehrere Stunden lang an der Straße Schulterblatt frei gewähren. (Welt 8.7.17)

Die Polizie ließ sie gewähren, und sie gewährten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.07.2017 um 08.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#35629

Jens Spahn, CDU-Politiker und Staatssekretär im Finanzministerium, wollte Augsteins Kommentar so nicht stehen lassen. Der Tweet des Journalisten sei "ätzend wie immer", schrieb Spahn. Polizisten müssten jeden Tag ihren Kopf dafür hinhalten, dass "Typen wie Sie hier so n Zeugs (sic!) raushauen können". (Huffington Post)

Das sic! ist unberechtigt. Seit fast 300 Jahren werden die Genitive Zeugs, Dings alltagssprachlich auch als Nominative und Akkusative gebraucht. Die Herkunft ist die partitive Konstruktion (vil zeugs).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.07.2017 um 03.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#35550

In Rom läuteten seit dem frühen Donnerstagmorgen die Glocken aller Kirchen besonders lange und laut, denn am 29. Juni feiern die Römer Sankt Peter und Paul, ihre Stadtpatronen. (welt.de 1.7.17)

Wie wird man zu einer Stadtpatrone? Stadtmatrone ist einfacher.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.06.2017 um 09.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#35436

Nicht nur bei Appositionen, sondern auch sonst bei Fortführungen tritt der Dativ als gut markierter Kasus ein:

Der Öffentlichkeit wurde David Schnarch durch seine Forschung auf dem Gebiet der Paar- und Sexualtherapie und den damit verbundenen Veröffentlichungen bekannt. (Wikipedia)

Fördernd wirkt eine dativauslösende Präposition irgendwo im Vortext.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.06.2017 um 05.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#35287

Zu Pfingsten 2017 im Politikteil der FAS eine Art Predigt von Judith Neschma Klein (2016 hatte sie an derselben Stelle einen Osterbeitrag). Diesmal wird das Pfingstkapitel der Apostelgeschichte aus jüdischer Sicht nacherzählt und gedeutet:

„In welcher Sprache werdet ihr eure Rede denn halten? Auf Aramäisch, der meistgesprochenen Sprache des Landes? Auf Griechisch, das viele verstehen? Auf Hebräisch, der Sprache der Juden? Gewiss nicht auf Lateinisch, der Sprache der Fremdherrscher.“

Die Apposition im Dativ läßt sich kaum an die Präposition anschließen, die – wenn überhaupt einen Kasus – hier einen Akkusativ regieren würde. Man muß wohl mit dem verallgemeinerten Appositionsdativ rechnen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.03.2017 um 04.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#34683

Auch an der Entdeckung einer weiteren für Akkumulatoren geeigneten Materialklasse, dem Manganspinell, war Goodenough beteiligt.

Der "falsche" Dativ tritt automatisch als Appositionskasus ein, könnte aber zugleich die einleitende Präposition an ausgelöst sein.

Übrigens geht es so weiter: 2017 stellte er im Alter von 94 Jahren gemeinsam mit M. H. Braga, N. S. Grundish und A. J. Murchison in der Zeitschrift Energy & Environmental Science ein Konzept für einen neuen Akku vor. Dieser basiert auf Glas als Elektrolyt und ersetzt Lithium durch das wesentlich günstigere, besser verfügbare und umweltfreundlichere Natrium. (Wikipedia)
Beneidenswertes Leben.



Nachdem Radegundis schon vor 531 Vollwaise gewesen sein muss, wurde sie, mit mindestens zwei Brüdern, am Hof des Thüringer Königs Herminafried, ihrem Onkel, erzogen. (Wikipedia Radegundis)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 01.03.2017 um 23.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#34614

Überschrift der FAZ, 1.3.2017, Seite N2:

Warum die Migräne so oft missgedeutet wird
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.12.2016 um 04.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#34174

Das Weihnachts-Doodle von Google wurde so erläutert:

Das animierte Bild zeigt mehrere Figuren beim gemütlichen Beisammensein am warmen Kaminfeuer. Der Tag ist voller Liebe, Wärme und Tassen voll mit heißen Kakao.

Dieser Fehler ist sehr häufig, zum Beispiel gibt es viele Belege für voll mit heißen Wasser.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.11.2016 um 16.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#33893

An sich richtig, aber doch wohl selten bis zur Obsoletheit sind die Imperative lisch, quill, schwill, die z. B. von Duden (Grammatik und Band 9) gelehrt werden. Natürlich bietet die Alltagsprosa auch wenig Gelegenheit zu entsprechenden Aufforderungen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2016 um 08.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#33805

Die Fingerabdrücke des Raucherkrebs (FAZ 9.11.16)

Es liegt nicht nur an der vermeintlichen Endung -s. Wie schon bemerkt, begünstigt die Zusammensetzung die Unsicherheit in der Flexion. So findet man auch erstaunlich oft des Bürgerkrieg, aber nie des Krieg und selten des Krebs (außer wenn Tierkreiszeichen gemeint ist, also der Eigenname).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.10.2016 um 18.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#33632

Nun, jeder hier kennt Probleme, die noch wichtiger sind als die von Ihnen genannten. Die werden anderswo diskutiert, und ich kann Ihnen nur empfehlen, sich dorthin zu begeben.
 
 

Kommentar von Edith Wohlgemuth, verfaßt am 24.10.2016 um 18.11 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#33631

Es kann doch nicht wahr sein, daß Sie hier darüber diskutieren, welches Unheil die Rechtschreibreform angerichtet hat, während es in Deutschland immer mehr Gebiete gibt, in denen praktisch gar nicht mehr deutsch gesprochen wird. Politiker wie Günther Oettinger oder Volker Beck verlangen von uns, daß wir Englisch, Arabisch und Türkisch zu unseren Umgangssprachen machen und Sie ereifern sich hier über die Zusammen- und Getrenntschreibung bei Verben! Offensichtlich haben Sie alle Bewertungsmaßstäbe bezüglich dessen verloren, was wichtig und was weit weniger wichtig ist!
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 24.10.2016 um 11.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#33630

Vergessene Verbformen: "Wer Kinder und Erwachsene erschrickt und sich dabei hinter einer Maske verbirgt, richtet nicht nur seelischen Schaden bei den Betroffenen an, sondern beschädigt das Bild von Clowns in der Öffentlichkeit", erklärte Claus Gieschen, Geschäftsführer "Rote Nasen Deutschland". (www.dernewsticker.de, heute)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.10.2016 um 08.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#33628

Tatsächlich sponn Ada Lovelace das alte Projekt der mathesis universalis weiter.
(FAZ 24.10.16)

Mit dem Spinnen ist auch die Kenntnis der Verbformen verlorengegangen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.10.2016 um 06.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#33574

Es ist erstaunlich, wie Feierlichkeit, etwa in Predigten, Festreden, aber auch Gedichten uns die grammatische Monstrosität schlicht überhören läßt. Man kommentiert sie nicht einmal, so wenig bemerkt man sie:

Es nehmet aber
Und gibt Gedächtnis die See

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2016 um 17.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#33549

Komische Kauze gibt es fast überall unter den Menschen. Im Wald gibt es in Deutschland aber vor allem Waldkauze. Was die Meisten nicht wissen: der Kauz ist eigentlich eine Eule. (FAZ 15.10.16)

Ein Leser meldet sich mit dem Hinweis, daß der Plural Käuze ist. So eindeutig kann man das nicht sagen. Wo die "Meisten" leben, fragt sich wahrscheinlich keiner, vielleicht in Meistenland. (Und sollte wirklich jemand nicht sofort sehen, daß ein Kauz eine Eule ist? Allerdings kriegt man ihn selten zu sehen; bei uns ruft einer aus dem Wäldchen am Friedhof, aber gesehen habe ich ihn noch nie.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.05.2016 um 09.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#32692

Bei Duden online wird die Gezeit – unter diesem Stichwort – im Singular durchdekliniert, dazu erfährt man, daß es ein Pluraletantum ist. Das ist nur ein Beispiel für teils unklare, teils geradezu falsche Angaben.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 19.05.2016 um 16.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#32627

Im übrigen ist man ja froh, wenn wenigstens deutsch geredet wird. Es gehört zu den Mystifikationen, wenn ständig nur das griechische Cannabis benutzt wird (und dann oft noch mit falschem langen a).
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 19.05.2016 um 13.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#32624

"Gebt das Hanf frei!" Wiewohl hier wahrscheinlich einfach Unwissenheit vorliegt, ist unterschiedliches Geschlecht je nach Gebrauch ja durchaus möglich: der Gummi ~ das Gummi, der Teil ~ das Teil. Auch der Schild ~ das Schild geht ja drauf zurück, ebenso der Stift ~ das Stift, wenn auch hier die Bedeutungen sich weit auseinanderentwickelt haben.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 14.05.2016 um 23.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#32576

Zu #32569 welt.de-Deutsch (heute): "Helmut Schmidt soll während seiner Zeit als Bundeskanzler mehrere Akten in sein Privathaus genommen haben. [...] Schmidt begang damit wohl eine Straftat."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.05.2016 um 16.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#32574

"Gebt das Hanf frei": 200 Teilnehmer beim "Marijuana March" (nordbayern.de 14.5.16)

Wikipedia:

Gebt das Hanf frei! ist ein Lied von Stefan Raab zusammen mit dem Reggae-Pop-Sänger Shaggy aus dem Jahr 2002. Es basiert auf dem Sample eines Ausspruchs des Grünen-Politikers Hans-Christian Ströbele.
...
Tatsächlich ist der Ausspruch grammatikalisch inkorrekt. Hanf ist im Deutschen maskulin, dementsprechend hätte es „Gebt den Hanf frei!“ heißen müssen.


Anm. von Th. I.: Das Neutrum ist wohl analog zu anderen Drogen bzw. seinen Synonymen gesetzt, auf der anderen Seite findet das Maskulinum wenig Unterstützung, weil der Hanf als Faser in unserem Leben keine große Rolle mehr spielt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.05.2016 um 06.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#32569

Deutsch lernen mit Wikipedia. Aus einer Liste der starken Verben:

[schneen/schneien – schneet/schneit] – schnie/[schneete/schneite – geschneet/geschneit]/geschnien

[dünken/dunken/deuchten – dünkt/dunkt/deucht/deuchtet – dünkte/dunkte/deuchte – gedünkt/gedunkt/gedeucht]
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.04.2016 um 12.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#32389

Vor allem das Nachholen des 1. Mai als freiem Tag sei wünschenswert, sagte die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen, Beate Müller-Gemmeke, der Zeitung. "Das hätte Charme. Dann haben Beschäftigte zum einen Zeit für die Kundgebung am Sonntag und können am freien Montag ihre Zeit der Familie widmen." (focus.de 23.4.16)

Neben dem Appositionsdativ ist auch der Inhalt ganz interessant. Es kann ja nicht erst jetzt entdeckt worden sein, daß solche Feiertage alle sieben Jahre auf einen Sonntag fallen. Andererseits wird die Legende gepflegt, daß Arbeitnehmer am Tag der Arbeit zu "der Kundgebung" gehen – auch wenn die Teilnahme großzügig gerechnet bei 1 % liegt.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 19.04.2016 um 18.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#32340

Strauße
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.04.2016 um 13.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#32339

Unbekannte ließen Zirkustiere nahe Pasing frei. Daraufhin irrten zwei Vogelstrauße und eine Gans durch München. (focus.de 19.4.16)

Oder zwei Vögel Strauß?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.04.2016 um 06.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#32221

Zwei kleine Beobachtungen:

beim Erkalten des Eisen

Dabei bilden sich Wirbel des feurig-flüssigen Eisen.

Für die Herstellung des flüssigen Eisen setzt Buderus Guss ausschließlich Stahlschrott und Kreislaufmaterial ein.


und viele weitere Belege. Die Substantivgruppe wird nur einmal flektiert, am Artikel. Außerdem suggeriert das vermeintliche Suffix -en so etwas wie Deklination.

-
Er komme gerade zurück aus Australien: Dort koste das halbe Pfund Butter umgerechnet deutlich mehr als ein Euro. (focus.de 8.4.16)

Ähnlich in zahllosen Fällen. Die undeutliche Aussprache von einen = ein könnte eine Rolle gespielt haben.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.02.2016 um 17.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#31632

Im Slowenischen wird "av" als [au] gesprochen. Man liest auf Reklameschildern z.B. "avto" für [auto]. Der Skispringer "Prevc" wird [Pre-uts] gesprochen (e und u getrennt gesprochen).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.02.2016 um 16.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#31629

Ja, Entschuldigung, ich meinte den Genitiv, der mich gewundert hat. Immerhin hat mein Versehen zu interessanten Seitenwegen geführt...

Manche grammatischen Angaben im Online-Duden sehen wie automatisch erzeugt aus.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 11.02.2016 um 13.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#31628

Wobei man den Deltarhein nach der klassischen Flußeinteilung in Ober-, Mittel- und Unterlauf auch zum Niederrhein zählen kann. Oft wird das Mündungsgebiet aber als eigener, vierter Flußabschnitt betrachtet. Beliebt ist übrigens die Fehlübersetzung »Niederrhein« für »Nederrijn« (den oberen Abschnitt des nördlichen der beiden großen Rheinmündungsarme).
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 11.02.2016 um 12.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#31627

Durch Holland fließt der Deltarhein, der naturgemäß aus verschiedenen Armen besteht. In Deutschland und der Schweiz gibt es weitere Rheine: Vorder-, Hinter-, Alpen-, Hoch-, Ober-, Mittel-, Niederrhein. Im Online-Duden steht aber gar kein fakultativer Plural (das war wohl ein Versehen), sondern ein fakultativer Genitiv, nämlich Saus neben Sau, allerdings ohne Genusangabe.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 11.02.2016 um 11.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#31626

Fließen durch Holland mehrere Rheine?
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 11.02.2016 um 10.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#31624

Sie meinen den Genitiv. In Dudens Großem Wörterbuch der deutschen Sprache wird die Sau als weiblich angegeben, Genitiv: der Sau. Wie die Genitivform Saus in den Online-Duden kommt, die ja auf ein Maskulinum (oder Neutrum) hindeuten würde, ist mir nicht klar, aber es sind bei Duden verschiedene Redaktionen am Werk, und das ist beileibe nicht die einzige Abweichung, wir haben hier ja schon andere diskutiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.02.2016 um 07.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#31621

Kürzlich las ich einen Artikel über Wildschweine, darin war von Säuen die Rede, was aber wohl immer noch von den meisten Jägern als unrichtig empfunden werden dürfte. Journalisten weichen auf diesen Normalplural aus, den wir auch bei übertragenem Gebrauch verwenden: "Welche Säue haben denn hier gewütet?" In den Enthüllungsgeschichten um die vermeintliche Öko-Viehzucht heißt es meist Sauen.
Im Online-Duden steht beim Flußnamen Sau (= Save) zwar kein Genus, aber der fakultative Plural Saus. Ist denn das richtig?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.02.2016 um 05.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#31589

In jedem gut sortierten Getränkemarkt kann der Kunde zwischen gut einem Dutzend Produkten wählen, die vor allem eins auszeichnet: einen hohen Koffeingehalt. (fr-online 7.2.16)

Es ist auf den ersten Blick fast unbegreiflich, daß man das Subjekt nicht im Nominativ beläßt. Andererseits gibt es so viele Beispiele, daß ich längst mit dem Sammeln aufgehört habe. Immerhin ist es in der Sprachgeschichte schon einmal passiert (in den romanischen Sprachen).
Der verallgemeinerte Appositionsdativ ist auf einem anderen Weg entstanden als dieser Akkusativ, aber beide nagen am Nominativ.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.01.2016 um 15.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#31464

Gestern hörte ich einen Polizeimeschen sagen, die Daten der Flüchtlinge würden abgegleicht. Ich weiß nicht, ob er die alte Form gebrauchte oder das Verb im technischen Sinne gegen die moderne Gewohnheit nun schwach konjugiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2016 um 09.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#31376

Bundeswehr-Tornados nicht nachts gegen Islamischer Staat einsatzbar
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2016 um 06.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#31374

Zur Wortbildung gab es unter den Junggrammatikern eine Diskussion, die eigentlich immer noch aktuell ist. Paul vertrat die Ansicht, daß am Anfang das formale Gebilde der Zusammensetzung oder auch Ableitung steht, Brugmann die gegenteilige, daß zuerst eine semantische Umdeutung vorgenommen werde.

Ist die Wortbedeutung erst nachträglich spezialisiert worden oder ist sie von Anfang an spezieller als die reine "Wortbildungsbedeutung", die demnach nur eine linguistische Abstraktion wäre?

Zum Beispiel könnte man meinen, daß eine Überweisung das Gegenteil einer Unterweisung sein müsse. Aber das hat zu keinem Zeitpunkt gegolten. Bedeutungen können sich ändern, aber sie waren von Anfang an immer speziell.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 19.01.2016 um 00.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#31372

Wohl eine Vorstufe zur Zusammenschreibung, s. Hohepriester, Hohelied.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 18.01.2016 um 23.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#31371

Mich hat mal ein Bekannter, der seit Jahren in Köln wohnt, korrigiert, als ich ihm erzählen wollte, was ich auf dem »Alten Markt« gesehen hatte. Es heiße »Alter Markt«. Immer. Und zwar mit Betonung auf »Alter«! Als Kind waren für mich Nudeln »mit Gehacktes« ganz normal. In Westfalen, vielleicht überhaupt in Westdeutschland (und noch in anderen Regionen?) bis heute keine Besonderheit.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.01.2016 um 11.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#31370

Das ist vergleichbar mit in Kölns Hohe Straße u. dgl.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.01.2016 um 10.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#31369

Die Wirkung von Rote Bete wird schon seit Jahrhunderten geschätzt. (t-online)

Ähnliches ist reichlich belegt. Die Großschreibung ist ja neu, aber muß man deshalb gleich auf die Deklination verzichten?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2016 um 10.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#31239

Zur Substantivierung der Adjektive:

„Es giebt eine Mittelstufe zwischen substantiviertem Adjektiv und eigentlichem Substantiv: Wörter, die wie substantivierte Adjektive starke und schwache Biegung gestatten und doch wie Substantive eine adjektivische oder genetivische Bestimmung erhalten können. Dahin gehören: der Bekannte (ein Bekannter, gute Bekannte, die lieben Bekannten, ein Bekannter des Grafen) (...) Wirkliche Substantive sind geworden: der Junge (= Knabe), daher ein Junge (...), der Jünger“. (Blatz I:355)

Also auch wo die Deklination noch die der Adjektive ist, deutet die Genitivfügung schon auf eine gewisse Verselbständigung hin, denn der Bekannte des Grafen ist wie der Freund des Grafen konstruiert, mit Ausfüllung der Leerstelle des relationalen Substantivs durch den Genitiv. Feine Beobachtung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.11.2015 um 06.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#30544

Schon im Titel und dann im Text ihres Beitrags in der FAZ (13.11.15) beklagt Heike Schmoll das "geschliffene Niveau" des Gymnasiums, meint aber so etwas wie abgeschliffen oder eben geschleift.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 12.11.2015 um 12.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#30539

Man könnte sagen, die Form sei ganz richtig: Das Asylrecht erhält einen Feinschliff. Die parteipolitische Provenienz läßt freilich vermuten, daß es sich um eine ähnlichen Fall handelt wie im WDR-Zeitzeichen vom 29.5. 2006, wo gesagt wurde: "Die Festung Mailand wurde geschliffen."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2015 um 12.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#30485

„Auf Teufel komm' raus soll abgeschoben werden, damit wird das Asylrecht weiter geschliffen“, sagte Linksparteichef Bernd Riexinger.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 03.11.2015 um 23.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#30431

Süddeutsche, 3.11.15, S. 10:

Hättste, wärste, könnste

... Vor Stephan Webers Bühnenbild, das eine Kopie der neu gestalteten Schauspielhaus-Fassade darstellt, sitzen sie auf Stühlen und erzählen davon, "was unsere Geschichte hätte sein können". Sie sprechen konsequent im Konjunktiv und in der Vergangenheitsform, in Sätze [!] wie diesem: "Es würde eh immer alles nix geändert haben."

Hoffentlich konsequenter als in der SZ-Überschrift.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.10.2015 um 05.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#30370

Lese lieber ungewöhnlich (Überschrift FAZ 28.10.15)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.10.2015 um 05.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#30291

Wir hafteten uns an die Fersen der kühnen Selbstverleger. (FAZ 17.10.15, Internet)
(In der Druckfassung dann hefteten)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.08.2015 um 05.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#29765

Ich hatte in einem anderen Zusammenhang (siehe hier) schon mal den Beispielsatz angeführt:

Empörung über Mord an Bonner Spitzenbeamten. (SZ 9.10.86)

Die Zweideutigkeit hätte durch adjektivische Deklination vermieden werden können: Spitzenbeamtem.

"In Konjunktionalgruppen wie den folgenden kommt neben der starken Deklination auch die schwache vor: Ihm als Beamten ..., (besser:) Ihm als Beamtem ... substantiviertes Adjektiv." (Richtiges und gutes Deutsch)

Es kommt nicht auf die Konjunktionalgruppe (hier: unreine Apposition) an. Beamter ist auf dem Weg zum reinen Substantiv (vgl. die movierte Form Beamtin), aber noch nicht angekommen, die Deklination schwankt in vielen Fällen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2015 um 08.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#29703

Solche Filme verstößen gegen den sozialen Anstand und würden die Ordnung im Netz stören, hieß es beim Büro gegen Pornografie und illegale Veröffentlichungen. (Spiegel online 13.8.15)
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 07.07.2015 um 17.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#29366

Zu "ihr seiet [...] kaum Belege": Ich hab sie mir nicht angesehen, aber als Konj.-I-Form wäre "ihr seiet" sicher nicht "mitgeschleppt", wenn's dafür auch in indirekten Zitaten ganz natürlich "kaum Belege" gibt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.07.2015 um 16.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#29365

In den Grammatiken wird ihr seiet mitgeschleppt, aber wenn man googelt, findet man kaum Belege. Dabei empfiehlt es sich, unter "News" zu suchen, sonst stößt man auf lauter Wörterbuchauskünfte oder Frühneuhochdeutsch. Aus der Gegenwart fast nur Tippfehler für seit, Seite.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.06.2015 um 08.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#29289

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1000#12077

Noch ein Wunder der Perinatalmedizin:

Tsipras gebiert sich als Widerstandskämpfer. (FAS 28.6.15)
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 29.05.2015 um 18.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#29015

Wollen tun's diese GermanistikprofessorInnen schon, und deshalb tun sie's auch fleißig und viel, wie's und so daß es so auch jedenfalls scheint.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 29.05.2015 um 15.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#29014

Mich wundert schon lange, daß unterbeschäftigte Germanistikprofessoren nicht auch "Fehlentwicklungen der deutschen Grammatik" berichtigen wollen.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 29.05.2015 um 12.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#29013

Die "eigenwillige Vorstellung von Rechtschreibung" geistert schon lange in der öffentlichen Diskussion herum. Da war und ist immer auch von "Schriftdeutsch" die Rede, wo das Problem, das wir durch die KulturministerInnen haben, die Verschriftung des Deutschen jetzt ist.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 28.05.2015 um 22.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#29012

Hier kommt vor allem eine eigenwillige Vorstellung von Rechtschreibung zum Vorschein. Denn welche Pluralformen ein Substantiv hat, ist ja keine Frage der Rechtschreibung im Sinne der richtigen Schreibung eines Wortes. Manche scheinen Orthographie, Grammatik, Stilistik usw. in einen Topf zu werfen und unter »Rechtschreibung« ganz allgemein sprachliche Richtigkeit zu verstehen.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 28.05.2015 um 18.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#29011

Bekanntlich gibt es viele falsche Vorstellungen zur Rechtschreibrefom. So heißt es in Wikipedia beim Eintrag Trema:

„Plural: Tremata, nach der neuen Rechtschreibung auch Tremas“.

Ein Blick in den Duden von 1991 zeigt, daß auch dieser beide Plurale aufführt.

Interessanterweise hat der Duden von der ersten bis zu fünften Auflage (1897) nur den Plural Tremas angegeben. Erst in der sechsten Auflage (1900) kam der Plural Tremata hinzu.

Zum Vergleich: Bei Thema gab der Duden bis zur siebten Auflage (1902) neben Themata und Themen auch den Plural Themas an. In der achten Auflage (1905) wurde der Plural mit -s fallengelassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.05.2015 um 05.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#28963

George Sand oder kurz G.S., das ist die Frau mit dem Männernamen, die schreibend Welten schaffte und Männer wie Frauen liebte. (Ginka Steinwachs)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 20.05.2015 um 22.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#28934

Das Partizip "gewunschen" als Verbform ist möglich, aber als attributive Adjektivform *das gewunschene Buch* sehr gewöhnungsbedürftig.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 20.05.2015 um 22.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#28933

Zu "Erzvater grub, Erzmutter molk", wobei George letzteres ja eigentlich Bedeutende vielleicht durchaus auch gemeint haben könnte, wo aber die Parallelität bei der Arbeitsteilung hier doch nur die Interpretation nahelegt, daß die Erzmutter entsprechendem Vieh im Stall die Milch abzapfte: Eigentlich ist's für den Sprecher doch sehr einfach, sich richtig auszudrücken, ob er nun nur die starke Verbform benutzt oder nur die schwache, kausative, oder beide durcheinander: Ist da ein direktes Objekt, benutzt er es transitiv, und ist da kein solches, benutzt er es intransitiv, schulgerechte Verwendung hin, schulgerechte Verwendung her, und was gemeint ist, ist meist doch ganz klar.

Ein Arzt hier im amerikanischen Mittelwesten (ein gebildeter Mann, allerdings vor langem zum Medizinstudium von einem Konkurrenzcollege mal mit deren Allgemeinbildungsgrad B.A. losgelassen) zu mir: "Lay down." – Ich, mit meinem deutschen Akzent und sprachlichem Studium: "What?" – Er: "Lay down." – Ich: "What?" – Er: "Lay down." – Ich, weil ich ja höflich bin und Leuten mit Sprachschwierigkeiten auch gern helfe: "You want me to lie down?" – Er: "Yes. Lay down."

Und da Standard-Englisch ja "the English of those people" ist, "who run the affairs of the English speaking world", und ich bei der Gelegenheit da im ärztlichen Sprechzimmer durchaus *the most important affair of the English speaking world* war, nahm er die auch mit seinem sprachlichen Ausdruck professionell in Angriff. Ich verstand ja, wovon er redete, und er verstand auch, wie ich in der gegebenen Situation vernünftig zu reden gehabt hätte, als ich eigentlich gar nicht so verständnisvoll, wie es meine Art hätte sein sollen, mit meinem "You want me to lie down?" nachhakte, statt mich seiner situationsgerechten Anordnung entsprechend einfach hinzulegen. Jedenfalls war ich danach verhältnismäßig schnell das Leiden los, dessentwegen ich ja hatte zum Arzt gehen müssen.
 
 

Kommentar von Roger Herter, verfaßt am 20.05.2015 um 21.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#28932

Zu hung parliament: Gäbe es diese politische Situation bei uns, so wäre dafür rasch ein griffiges Wort zur Hand. Spontan übersetzte ich wohl, das britische Parlament sei blockiert, genauer: es sei ein Parlament im Patt.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 20.05.2015 um 17.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#28931

Ich habe auch nichts gegen gewunschen. Ist nur eben nicht die Norm und bei einem klassischen Sekundärverb (denominativ zu Wunsch) eigentlich nicht zu erwarten.
Zu verwünschen machen die etymologischen Wörterbücher verblüffend wenige Angaben. Besonders häufig ist das Wort ja nicht, aber es wäre interessant, ob zwischen partizipialem Gebrauch ("Die Hexe hat das Haus verwünscht/verwunschen") und adjektivischer Verwendung ("Ein verwunschenes Haus") ein Unterschied besteht.
Bei der Gelegenheit fällt mir noch der in Großbritannien (und kulturell davon abhängigen Ländern) übliche Begriff hung parliament ein, für den es einfach keine deutsche Entsprechung gibt. Bei uns ist ja ein Parlament ohne absolute Mehrheit einer Partei der Normalzustand und löst keine Verfassungskrise aus. Ich weiß aber auch keine griffige Übersetzung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.05.2015 um 08.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#28925

Bei hängen ist die heutige schulgerechte Verwendung transitiver und intransitiver Formen erst neueren Datums. Die älteren Verhältnisse sind so verwickelt, daß ich hier nur auf Pauls Wörterbuch oder ein entsprechendes Werk verweisen kann.

Wem fällt dazu nicht die burleske Szene aus dem Nibelungenlied ein:

Die füeze unt ouch die hende si im zesamne bant,
si truoc in zeinem nagele unt hienc in an die want.


- nämlich die Brünhild den armen Gunther. Leider konnte Siegfried die ihm vertraulich gebeichtete Ehetragödie nicht für sich behalten.

hängte, gehängt werden mundartlich weithin zugunsten der starken Formen vermieden.

An verwunschen nehmen wir keinen Anstoß, nicht wahr?
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 20.05.2015 um 08.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#28924

Mit "hängen" scheint's irgendwie tatsächlich leicht durcheinander zu gehen, nicht nur im Deutschen; vgl. auch http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=115#3773, wonach mir bei was ein durchaus gebildeter texanischer Zollbeamter schlagfertig erklärte, *you will be hung by sundown* und ich es wenn auch doch besserwissend vermied, wegen 8 Cent da großes berichtigendes Gerede anzufangen.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 19.05.2015 um 20.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#28921

(Zufalls-)Ergebnis eines Radiowochenendes

"Lange Nacht" in Deutschlandradio und Deutschlandfunk:
Ihre Söhne haben sich selbst erhangen." (nach Gehör, in der schriftlichen Fassung im Internet korrigiert!)

ARD-Radiofeature:
Plötzlich hing sich ein Zwei-Zentner-Kerl rücklings an die beiden Stangen des Radträgers und schaukelte gemütlich daran herum. (So auch in der schriftlichen Fassung)

In der "Unterhaltung am Wochenende" (WDR5, Kabarettsendung, nicht ganz bierernst zu nehmen) gab es einen Wortwechsel, ob es gewunschen oder gewünscht heißt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.05.2015 um 11.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#28864

Das ist bestimmt richtig. Ich hatte es nicht ausdrücklich erwähnt, weil wir es schon einmal hatten: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22659

Aber die Verwechslung würde nicht passieren, wenn die Leute nicht sprachlich über ihre Verhälntisse zu leben versuchten. Das heißt: in entlegenere Wortschatzbereiche wandern, wo ihnen die Orientierung fehlt.
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 11.05.2015 um 10.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#28863

Zu 1299#28861
Mir scheint, bei verbat liegt eine Verwechslung der Verben verbieten und verbitten vor. In der gesprochenen Sprache kann man diese Verwechslung häufig beobachten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.05.2015 um 07.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#28862

Übrigens finde ich, daß sich etwas verbieten/versagen überflüssig sind. Ich verbiete mir, an die Rechtschreibreform zu erinnern = Ich erinnere nicht an die Rechtschreibreform. Allenfalls verzichten ist noch brauchbar.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.05.2015 um 06.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#28861

Unterbrochen von einigen eher beschwingten Barockklängen, verbat sich niemand humorige Anklänge. Am wenigsten natürlich John Irving, der amüsante Erinnerungen an den Freund und das Vorbild vortrug. (SZ 11.5.15 über die Gedenkreden für Grass)

(verbot)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.05.2015 um 03.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#28801

bis die Mühlen der Justiz zu Ende gemahlt haben

Nicht ganz seltener Fehler. Im Hintergrund steht wohl, daß die Leute immer weniger selbst mahlen, sogar den Kaffee "gemahlt" kaufen. So ist ja auch die "Mühle" verallgemeinert worden: Windmühle, cotton mill.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.04.2015 um 04.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#28584

Zudem hat Litauen eine der geringsten Arbeitskosten in der EU. (FAZ 7.4.44)

Das ist bei einem Pluraletantum leider nicht möglich, eine unangenehme Lücke im deutschen Sprachsystem.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.03.2015 um 04.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#28388

Die Organisation der SPD-Linken, dem Forum Demokratische Linke 21, hat erneut einen prominenten Abgang zu verkraften. (ND 7.7.14)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.03.2015 um 15.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#28331

Uber wand hingegen ein, dass alle Abrechnungen elektronisch via Smartphone und Kreditkarte abgewickelt würden und damit transparent und nachvollziehbar seien. (FAZ online 18.3.15)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 28.01.2015 um 13.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#27912

In echtem Bairisch: wega meina, wega deina, wega seina. (Ludwig Merkle, Bairische Grammatik)
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 28.01.2015 um 10.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#27910

Dazu Adelung/Schade (Kleines deutsches Wörterbuch 1824, S. 539 bei https://books.google.de/books?id=JTVGAAAAcAAJ): "Man sagt nämlich nicht: wegen meiner, wegen deiner, wegen seiner, wegen ihrer, wegen unser, wegen euer, wegen Ihrer, sondern man sagt: wegen mir, wegen dir, wegen ihm, wegen ihr, wegen uns, wegen euch, wegen Ihnen." - Ich hatte versucht herauszufinden, ob es "wegen unser/euer" oder "wegen unserer/euerer" heißen müßte; und wenn es das wirklich gäbe, ob ersteres haplologisch aus letzterem hervorgegangen wäre.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 28.01.2015 um 10.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#27909

In meiner Jugend im Sauerland war "wegen meiner“ anstelle von „meinetwegen“ durchaus die Regel, und zwar in der Umgangssprache. Seither habe ich es nur noch ein einziges Mal im Gespräch gehört. Als ich vor einigen Jahren eine behördliche Erlaubnis einholen wollte, sagte der Niedersächsische Beamte freundlich: „Wegen meiner.“ Ich dankte bewegt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 28.01.2015 um 09.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#27908

Wegen meiner brauchst du nicht zu kommen klingt so unvertraut, daß man geradezu vermutet, hier würde etwas fehlen, also beispielsweise wegen meiner Wenigkeit brauchst du nicht zu kommen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.01.2015 um 05.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#27906

Dem Dativ zu retten ist nicht unbedingt nötig, weil er ja als "Default"-Kasus eher noch an Boden gewinnt. Der verallgemeinerte Appositionskasus ist oft erörtert worden. Schmachthagen erinnert in seiner "Deutschstunde" vom 27.1.15 an eine weitere solche Verwendung:

Der Dativ wird gebraucht, wenn der Genitiv im Plural nicht zu erkennen ist. Nicht: Wegen "Geschäfte" ist er in London, sondern wegen Geschäften. Das gilt auch für andere Präpositionen: Der Preis versteht sich einschließlich Getränken. Oder: hinsichtlich Angeboten und Preisen.
Tritt jedoch ein Artikel oder ein Attribut hinzu, dann krabbelt der Kasus auf der Leiter der Fälle vom Dativ wieder eine Sprosse zum Genitiv empor: Mein Chef ist wegen wichtiger Geschäfte in London; die Pauschale einschließlich alkoholfreier Getränke; hinsichtlich der Angebote und Preise.


Der Dativ scheint also als einziger markierte Kasus im Plural die Rolle des "anhängigen" Kasus schlechthin zu übernehmen.

Schmachthagen fährt fort:

Ansonsten heißt es natürlich: Wegen des Regens bleibe ich zu Hause. Wegen meiner (besser: meinetwegen) brauchst du nicht zu kommen, im Schriftdeutsch bitte nicht "wegen mir".

So steht es auch in den Grammatiken, aber ehrlich gesagt: wegen meiner, wegen deiner ist überaus selten, kommt mir fast schon unmöglich vor.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.01.2015 um 13.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#27865

Sie schilderten, dass in vielen Klassenzimmern Jungen mit Migrationshintergrund die Mädchen zu unterdrücken versuchten und ihnen Kleiderregeln aufzwängten. (FAZ 23.1.15)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.10.2014 um 06.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26950

Gebe die tatsächlich benutzte Ausgabe an!
Gebe Belege so an, dass der Leser sie finden kann!

(Ludger Jansen: Wissenschaftlich Schreiben. Eine kurze Anleitung. home.arcor.de/metaphysicus/Texte/tutorial.pdf)

Man findet solche Formen, die sich der Verfasser gerade mündlich wohl nicht erlauben würde, besonders in lehrhaften Texten, die besonders deutlich sein wollen.
(Die Großschreibung in der Überschrift gehört zur Rubrik "Herzlich Willkommen!")
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 30.09.2014 um 14.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26896

In aller Regel wird Pfründe heute nur noch in übertragenem Sinne gebraucht: "sich seine Pfründe sichern" u.ä. (Das aber gar nicht so selten.) Das trägt sicher dazu bei, es als Pluralwort mißzuverstehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.09.2014 um 21.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26871

Das ist schon lange in der Süddeutschen Zeitung die bei weitem vorherrschende Form, aber auch gesamtdeutsch dürfte sie bereits die häufigere sein, mindestens gleichberechtigt neben der schwachen, vgl. www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24743 u. ä.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 27.09.2014 um 17.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26870

Eviva la lengua! Die Süddeutsche Zeitung ist eben eine süddeutsche Zeitung. Heute in "Wirtschaft, Siemens": "nachdem der Aufsichtsrat seine (Kaesers) Pläne durchgewunken hatte".
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 27.09.2014 um 00.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26866

Bei Guicciardini heißt auch noch istorie, was man heute (und schon seit langem) storia nennt. Reinhart Koselleck hat hinter der Entstehung des Begriffs Geschichte eine allgemeine Tendenz zu Kollektivsingularen um 1800 am Werk gesehen (vgl. die Aufsatzsammlung Zeitschichten. Studien zur Historik, 2000), ohne sich allerdings dabei mit der Sprachgeschichte (oder anderen Sprachen wie eben dem Italienischen) lange aufzuhalten, mit voraussehbarem Ergebnis.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.09.2014 um 18.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26865

Kürzlich habe ich bei einer Besichtigung der Burg Stolpen (prominenteste Gefangene oder Bewohnerin war dort die ehemalige Mätresse des sächsischen Königs August des Starken, Gräfin Cosel) eine interessante Entdeckung gemacht, d. h. für mich war sie neu, daß nämlich das Wort Geschichte früher ein Plural war. Man liest dort in Kopien alter Dokumente immer "die Geschichte sind/waren/haben" usw. Erst später ist daraus das heutige eine Geschichte / viele Geschichten geworden.

Vielleicht ist es ja mit den Pfründen umgekehrt? Bisher eine Pfründe, entwickelt sich das Wort immer mehr zu einem Pluraletantum?

Andererseits wird es heute insgesamt so selten gebraucht, daß der relativ häufige "Fehler" vielleicht nicht ausreicht, um von einem sich wandelnden Gebrauch zu sprechen?
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 26.09.2014 um 15.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26864

In der Sendung "Tag für Tag / Aus Religion und Gesellschaft" im Deutschlandfunk war heute in einem Beitrag über den Wiener Kongreß zu hören:
"Der Kirche war es ein zentrales Anliegen, ihre eigenen Pfründe auf dem Kongreß zu sichern" u. ä.
Auch in der Religionsredaktion eines anspruchsvollen Senders weiß man also nicht mehr, was eine Pfründe ist!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.09.2014 um 04.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26858

Der Begriff des "Wortfeldes" ist sicher mit Vorsicht zu gebrauchen. Die Erwartungen der alten Wortfeldtheorie (Trier, Weisgerber) haben sich nicht erfüllt. Was bleibt, sind synonymische Gruppen. Dabei ist es aber, lieber Germanist, nicht erforderlich, daß die Wörter von verschiedenen Wurzeln oder Stämmen gebildet sind.
Worauf es ankommt: Die Bedeutung eines Wortes muß empirisch ermittelt werden, sie kann nicht ausgedacht werden, weder durch grammatische noch durch etymologische Verfahren. Das Wort "Mißbrauch" hat im Deutschen einen ziemlich klaren Gebrauch (= Bedeutung, Funktion).
Bei alten Texten, wo wir nicht viele Belege und wenig Kontext haben, hilft sicherlich auch die Etymologie, aber jeder Philologe weiß, daß das nur ein Notbehelf ist.
Bei "Dank" dürfte keinem normalen Sprecher ein Zusammenhang mit "denken" bewußt sein, und die Kenntnis der Etymologie hilft auch nicht, wie man an meinem Zitat sehen kann; sie führt eher in die Irre.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.09.2014 um 23.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26856

Vielleicht trifft "Gegensätze" nicht ganz den Punkt. Mein Kommentar #26852 war natürlich als Erwiderung auf Herrn Achenbachs "handelt man denn Kinder?" gemeint, was sich wiederum offenbar auf mein Wortpaar mißbrauchen/gebrauchen bezog. Ich wollte damit nur sagen, daß das analoge Wortpaar nicht mißhandeln/handeln ist, sondern mißhandeln/behandeln.

Natürlich "handelt man Kinder" nicht, sondern man behandelt sie (in irgendeiner Weise). Und damit würde, wenn man der Argumentation des zitierten ZEIT-Lesers folgt, das Wort mißhandeln den Sachverhalt richtiger wiedergeben als mißbrauchen.

Ich hatte natürlich diese Art der Argumentation nicht zu meiner gemacht, sondern gefragt, wie man ihr am besten begegnen kann. Die Antwort von Prof. Ickler war mir sehr hilfreich, vielen Dank!
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.09.2014 um 18.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26855

"Dank, Gedanke, denken" habe ich bisher für eine Wortfamilie gehalten, die sich um einen Wortstamm oder eine Wortwurzel gebildet hat. (So habe ich bisher Fremdsprachen gelernt.) Ein Wortfeld habe ich bisher für eine Wortmenge aus verschiedenen Wortstämmen aber mit ähnlicher Bedeutung gehalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2014 um 17.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26854

Ich verstehe, was Herr Riemer meint, aber er hängt doch noch sehr an der Wortbildung. Warum sollte es hier überhaupt Gegensatzwörter geben? (In Wolfgang Müllers Gegenwort-Wörterbuch stehen keine.)

"Haben Sie Ihre Frau mißhandelt?" - "Nein, im Gegenteil, ich habe sie behandelt." (?)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.09.2014 um 16.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26852

Die semantischen Gegensätze sind ja
mißbrauchen - gebrauchen,
mißhandeln - behandeln
(nicht:
mißbrauchen - brauchen,
mißhandeln - handeln).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2014 um 15.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26851

Focus hat die Lösung: „Die katholische Kirche war vom Skandal um jahrzehntelangen Missbrauch an Heranwachsenden in zahlreichen Ländern massiv erschüttert worden.“
Hier werden also nicht die Heranwachsenden mißbraucht, sondern vielleicht die "Geschlechtskraft", deren rechten "Gebrauch" die katholische Kirche ja ausdrücklich lehrt.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 24.09.2014 um 15.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26850

Lieber Herr Riemer,

handelt man denn Kinder?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 24.09.2014 um 14.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26846

Dem betreffenden Geistlichen wird offenbar gar kein Kindesmißbrauch im landläufigen Sinne vorgeworfen, sondern die Inanspruchnahme von Strichjungen. Der Vorschlag des Lesers läuft darauf hinaus, die Begriffe noch weiter zu verwirren. Vatikan, Vatikanstadt, Heiliger Stuhl wird alles ständig durcheinandergeworfen, da ist die Flexion noch das geringste Problem.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2014 um 13.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26845

Einer solchen Argumentation begegnet man ja sehr oft, auch bei Sick, der z. B. "Höflichkeitsbesuch" bemängelt, weil es doch keinen Unhöflichkeitsbesuch gebe, oder bei jenem Kritiker, der mir das ebenso geläufige "Hochburg" um die Ohren schlug, weil es doch keine Tiefburg oder Flachburg gibt usw. - Das ist die logizistische Spielart der Sprachkritik, die sich über den Usus ebenso hinwegsetzt wie über die sprachgeschichtliche Entwicklung. Apropos Usus: "Mißbrauch" entspricht "Abusus", nicht wahr? Das ist doch eine gute Lösung. Antialkoholiker werden einwenden, daß es auch beim Alkohol keinen unbedenklichen "Gebrauch" gebe.
Nahe verwandt ist die etymologisierende Sprachkritik. Heute morgen hatte ich mich über das "Tragische" geäußert. Rein etymologisch ist es das "(Ziegen-)Bocksmäßige". Ziemlich schockierend, nicht wahr?
Man hat auch "Schändung" kritisiert, weil die Schande nicht beim Opfer sei, sondern beim Täter. Auch wieder zu kurz gedacht.
So, wie die Wörter nun mal gebraucht werden (mit zum Teil sehr interessanten Wortgeschichten über Jahrtausende hin!), bilden sie Wortfelder und kleine synonymische Systeme, mit deren Ergründung man sich viel Mühe geben sollte. Ich befasse mich zum Beispiel gerade mit "Dank/Dankbarkeit". Wikipedia zitiert Kluge:
„Etymologisch kommt Dank von Denken, also ist Dank "das in denkender Gesinnung sich äußernde Gefühl".“ Nein, nicht "also"! (Abgesehen davon, daß die Erklärung dunkler ist als das zu Erklärende.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.09.2014 um 11.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26844

Ich hätte den Ausdruck "Missbrauch von Kindern" nicht kritisiert, einfach weil man ihm sehr oft begegnet. Aber ich versuche mal, mich in das Denken des Lesers hineinzuversetzen. Vielleicht fragt er sich, wenn Kinder mißbraucht werden, wie gebraucht man sie dann richtig? Man "gebraucht" sie ja gar nicht, oder? Ist dann nicht doch etwas dran, wenn er fordert, anstatt von Kindesmißbrauch von Kindesmißhandlung zu sprechen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2014 um 06.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26842

"Bei den so genannten Accessoires ist mit der Anzieherei im Standarddeutsch nämlich Schluss." heißt es an einer Stelle. Das ist ein Fall von Dativizid. Es müsste heißen "Im Standarddeutschen..." (Leserbrief an spiegel.de 22.9.14)

Der Leser unterscheidet nicht zwischen das Deutsch und das Deutsche. Darum kommt er zu der falschen Ansicht, nach dem Genitiv liege nun auch der Dativ im Sterben.

Derselbe Leser, der sich übrigens "Paul von Arnheim" nennt (wie bei Musil), schreibt an die ZEIT:

Mehr Sorgfalt bitte, liebe Onlineredaktion
Auch Agenturmeldungen sollten korrekturgelesen werden. "Nachdem er im August 2013 vom Vatikan aus der Domikanischen Republik abberufen worden war und ihm im Juni diesen Jahres die geistlichen Würden entzogen wurden, ist nun das Strafverfahren eröffnet worden." Es heißt immer noch "im Juni dieses Jahres".
"Bei der ersten Anhörung stellte der Richter Wesolowski unter Hausarrest, berichtet die offizielle Nachrichtenseite des Vatikan." Noch so ein Genitivizid; "des Vatikans" ist richtig (ebenso des Islams, des Nils).
"Ihm wird der Missbrauch von Kindern vorgeworfen." Man kann im Deutschen etwas missbrauchen, aber nicht jemanden. Im Zusammenhang mit Menschen ist deshalb die Bezeichnung Missbrauch inakzeptabel. "Ihm wird Kindesmisshandlung vorgeworfen" macht die Opfer sprachlich nicht zu Objekten.
(ZEIT 24.9.14)
-
Dreimal daneben, aber ohne Selbstzweifel.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2014 um 04.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26840

Wegen schweren Missbrauchsvorwürfen (Überschrift) Wesolowski ist der erste hochrangige Kirchenvertreter, der sich wegen Missbrauchsvorwürfen in einem Strafverfahren vor einem vatikanischen Gericht verantworten muss.  (focus.de 24.9.14)

In der Überschrift steht der anstößige Dativ, im Text selbst ist er zwingend. Diese Inkonsequenz kann wohl auf die Dauer nicht bestehen, der Ausgleich in Richtung einheitlicher Dativ ist im Gange.

 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 19.09.2014 um 23.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26799

Der aus dem Tagesspiegel zitierte Satz zeigt sehr schön eine häufig auftretende Mehrdeutigkeit:

Bezieht sich "in der Nazizeit" auf "Antisemitismus", auf "Muslimfeindlichkeit", auf "Vergleich", auf jeweils zwei von beiden oder auf alle drei?

In diesem Fall wird wohl jeder verstehen, was gemeint ist. Das ist aber nicht immer so.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 19.09.2014 um 17.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26797

Vielleicht eine Kontamination mit "Ich verbitte mir das"?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.09.2014 um 16.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26796

Natürlich verbittet sich ein Vergleich von Muslimfeindlichkeit mit Antisemitismus in der Nazi-Zeit. (Tagesspiegel 19.9.14)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 09.08.2014 um 12.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26514

Es gibt viele solche Skandäle.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.08.2014 um 12.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26513

Nicht zu vergessen die Pluräler!
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 09.08.2014 um 11.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26512

Die schwankende Pluralbildung betrifft nicht nur Fremdwörter wie General und Admiral, vgl. Denkmale, Denkmäler. Der Plural Rinnsäle gilt nicht als korrekt, ist aber natürlich durchaus anzutreffen.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 08.08.2014 um 15.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26508

Zu #26506 und was immer zur Begründung des eigenen guten Stils herangezogen werden kann: Die Umlautung ist von Nordnordwesten nach Süden gewandert (vgl. engl. bridge, Delbrück und Innsbruck), und 1455 war sie noch nicht in Mainz gang und gäbe, denn Bücher müssen heute noch erst gedruckt werden, damit wir sie uns auch ans Herz drücken können. "Generale" entspräche also eher dem "Hochdeutschen" als dem doch mehr Norddeutschen. Dazu kommt noch, daß dieses ja eigentliche Fremdwort seinen Umlaut ja gar nicht durch dessen natürliche Wanderung bekommen haben kann, sondern nur durch neumodische Angleichung an anderes Deutsches (Saal, Säle). "Generals" mit seiner ursprünglich nichtdeutschen Pluralendung hat den Umlaut jedenfalls nicht. - Könnten diese ganz generellen Hinweise vielleicht Ihr Glück am Stil wenigstens etwas wieder herstellen, lieber Herr Höher?
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 08.08.2014 um 14.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26506

Was ist der Unterschied zwischen den beiden Pluralformen Generäle und Generale?

In der Netzausgabe der FAZ bin ich darüber gestolpert: "Zwei Generale vereinbarten ein riesiges Tauschgeschäft. Ihr Hubschrauber-Deal sollte angeblich nichts kosten. Jetzt ermittelt der Bundesrechnungshof." Im Text heißt es dann ebenso: "Der Grund: Zwei Generale vereinbarten vor vier Jahren einen Tausch." (Quelle: FAZ-Netzausgabe vom 8.8.2014; http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/bundeswehr-hubschraubertausch-wird-zur-kostenfalle-13078392.html)

Aus dem Bauch heraus hätte ich die Pluralform mit Umlaut geschrieben und deswegen auch im Traum nicht in einem Wörterbuch nachgeschaut. Aber was man so zu kennen glaubt, muß ja nicht immer stimmen.

Der folgende Teil sieht jetzt etwas chaotisch aus, aber ich bin altmodisch und habe zunächst den Ickler, den Duden von 1980 und den Paul aus dem Regal genommen, bevor ich im Internet gesucht habe. Der Ickler verzeichnet zu General leider keine Pluralform. Der Duden von 1980 (18., neu bearb. u. erw. Aufl.) verzeichnet beide Formen, mit und ohne Umlaut. Das DWDS verzeichnet ebenfalls beide Formen (http://www.dwds.de/?qu=general). Der Adelung von 1793 (Bd. 2, S. 560) hat nur die Form ohne Umlaut (vgl. hier: http://www.zeno.org/Adelung-1793/K/adelung-1793-02-0560). Der Paul hilft leider nicht weiter, denn er nennt nur die ersten deutschen Belege und erklärt die Herkunft. Der Grimm ist immerhin noch aufschlußreich, weil er darauf hinweist, daß es wohl schon sehr früh ein gewisses Durcheinander bei den Pluralformen gab (Generale, Generals, Generäle). Schiller verwendet beispielsweise im "Wallenstein" Generals neben Generäle. (Vgl. hier: http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GG07915) Dieses Nebeneinander von zwei Formen läßt zwar aufhorchen, man darf dabei aber nicht übersehen, daß es für Schiller durchaus metrische Gründe geben kann, denn die Form mit Umlaut hat schlicht eine Silbe mehr. Sinnvoller ist es daher, in Schillers "Geschichte des dreißigjährigen Kriegs" (1790) nachzusehen. (Das haben die Bearbeiter vom Grimm offensichtlich nicht gemacht.) Dort findet sich nämlich nur die Form ohne Umlaut. (Vgl. hier: http://www.digbib.org/Friedrich_von_Schiller_1759/Geschichte_des_dreissigjaehrigen_Kriegs_.pdf)

Ich mache nun einen Zeitsprung in die Nachkriegszeit, denn der Roman von Kirst heißt bekanntlich "Die Nacht der Generale" (1962). Und ich muß an dieser Stelle gestehen, daß ich zuerst eine süddeutsche Form mit Umlaut vermutet hatte, aber Kirst hat die meisten seiner Militärromane in München geschrieben, obwohl er aus Ostpreußen stammt.

Der Ur-Duden von 1880 hat schließlich noch den Hinweis auf die Stilistik (S. 64): "_e (besser als: ..räle)" Demnach wäre die Form ohne Umlaut also nur die stilistisch bessere Form.

Insgesamt bin ich damit nicht so ganz glücklich, daß das Ergebnis meiner – zugegeben nicht sehr systematischen oder gar gründlichen – Nachforschung nur ein stilistischer Unterschied sein sollte.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 26.06.2014 um 14.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26161

"Beide Vortrag sind in Deutsch"
Zu lesen auf http://www.eike-klima-energie.eu
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.06.2014 um 06.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#26151

aus der Welt geschaffen (FAZ 25.6.14)
Amazon verwehrt sich gegen die Behauptung des Börsenvereins... (FAZ 26.6.14)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.12.2013 um 13.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#24654

Das sind keine einschlägigen Beispiele, weil der Stamm nicht im Plural vorliegt, sondern nur den gewöhnlichen Umlaut vor dem Diminutivsuffix zeigt.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 19.12.2013 um 12.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#24653

der Vogel, das und die Vögelchen;
das Rad, das und die Rädchen;

Bairisch unterscheidet genauer: das Vogerl, die Vogerln;
das Radl, die Radln.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.12.2013 um 04.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#24646

O ja, das gibt es. Eigentlich sollten Flexionsendungen erst an die fertigen Wortstämme angehängt werden, also nach abgeschlossener Wortbildung (Greenbergs Universale 28), aber hier ist es umgekehrt:

Männerchen, Dingerchen, Eierchen, Dächerchen, Kleiderchen, Länderchen, Lichterchen, Nesterchen, Körnerchen, Blätterchen, Gläserchen, Räderchen

Vgl.: Seine Gipsbüste kostet nur 47,50 Dollar. Man kann sie als Hausgötterchen zu den Penaten stellen. (SZ 2.10.93) (Singular?)

Philipp Scheidemann hat im Kasseler Dialekt veröffentlicht: Geschichderchen und Gedichderchen - was zu denken gibt, denn Pluralformen sind diese Stämme auch in Kassel nicht.

Das sind also alles Pluralformen, aber bei ihrer Entstehung könnten Singularformen wie Dummerchen, Dickerchen, die ich auf Anredeformen zurückführen möchte, mitgewirkt haben. Das Nickerchen und ähnliche Gebilde sind entstanden, indem man zuerst jenes -er an den Verbstamm (nücken nach Seebold) anhängte, das einmalige unbeträchtliche Tätigkeiten bezeichnet, dann das Diminutivsuffix. Das ist also ganz normal.

Die abweichende Form deutet neben anderen Überlegungen darauf hin, daß die Pluralbildung eigentlich gar nicht zur Flexion, sondern zur Wort(stamm)bildung gehört. Das erwägt auch Sütterlin (1910:126, eigentlich Bildung von Sammelnamen), stellt sie dann aber aus praktischen Gründen (weil sie sich durch Pronomina und Adjektive durchzieht) doch zur Flexion.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 19.12.2013 um 00.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#24645

Auch aus einem Weihnachtstext stammt eine andere Anomalie des Wortes Kind: "Ihr Kinderlein kommet".

Oder gibt es sonst noch ein Wort, wo die Diminutiv-Endung -chen oder -lein an den vom Singular verschiedenen Plural angehängt werden kann?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 18.12.2013 um 23.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#24644

Zumindest in bestimmten Wendungen gibt es wohl auch den Singular Beschwerde für die (Alters-)Beschwerden:

"Wir Deutschen leben immer länger und haben oft das Glück, auch im höheren Alter noch fit zu sein. Trotzdem stellt sich mit den Jahren die eine oder andere Beschwerde ein und auch der Bewegungsapparat ist nicht mehr so belastbar. Altersbeschwerden neigen dazu, schnell chronisch zu werden."
(http://www.vhs-hildesheim.de/index.php?id=139&kathaupt=11&knr=B34117M)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.12.2013 um 17.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#24641

Manche Wörterbücher führen den Sägespan an, immerhin mit dem Hinweis, daß meist der Plural gebraucht werde. Tatsächlich würde man die einzelnen Teilchen nicht Späne nennen, nicht wahr? Späne entstehen bekanntlich beim Hobeln, und sie können sogar so groß sein, daß man daraus essen kann (engl. spoon). Man sagt auch Sägemehl.
Es gibt noch andere Wörter, die im Singular etwas anderes bedeuten. Zum Beispiel die Beschwerden, die man hat, wenn einem etwa der Zahn wehtut, aber eine Beschwerde wäre das nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.12.2013 um 15.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#24639

Ist es nicht merkwürdig, wie gleichmütig wir Storms Sind's gute Kind, sind's böse Kind? hinnehmen? Den groben Verstoß gegen die heutige Grammatik empfinden wir wohl als dichterische Lizenz, während es in Wirklichkeit die alte Pluralform ist, von der wir sonst gar nichts mehr wissen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.09.2013 um 04.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#24124

Unser Geld geben wir den Banken, nicht den Bänken, aber bei den Blut-, Samen und Saatgutbanken geht der Unterschied leicht verloren:

Wenn man sich von Tilman Riemenschneiders heiliger Anna und ihren drei Männern endlich los gerissen hat und in die Gegenwart des Kopftuchstreits, der Religionskonflikte, der demografischen Hysterie, der familienpolitischen Richtungskämpfe, der Samenbänke und Leihmütter, wenn man also in den alltäglichen Meinungslärm zurück kehrt, erleidet man einen Banalitätsschock.
(Eckhard Fuhr in der Berliner Morgenpost 21.02.07)

Ausländer lernen unter http://deutsche-rechtschreibung.org/flexion/Samenbank#:

die Samenbank – die Samenbänke (usw.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.07.2013 um 04.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#23564

Wenige Jahre nach dem Tod von Sayyid Qutb schwörte die Muslimbruderschaft der Gewalt ab. (FAZ 5.7.13)
 
 

Kommentar von Heinz Erich Stiene, verfaßt am 06.06.2013 um 13.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#23363

Ich weiß nichts über das Verhältnis der Imperative "nimm" und "nehme" zueinander, weiß also auch nicht, wann und von wem die eine Form zugunsten der anderen zurückgedrängt worden ist. Sicher ist nur, daß "nehme" keine junge Entwicklung ist:
Johann Joseph Beckh, Elbianische Florabella. Schäferroman (Rarissima litterarum, hg. von Gerhard Dünnhaupt, Bd. 6), Stuttgart (Anton Hiersemann) 1997, Nachdruck der Ausgabe Dresden 1667, hier S. 231: „Also nehme hin den willen“.
Jüngere Beispiele bietet der Briefwechsel zwischen Achim und Bettina von Arnim: „Drum sei bei mir in Gedanken und nehme alles freundlich an, was Dir mein Herz giebt“. – „Adieu und nehme mir nichts übel“. – „nehme es aber als ein gutes Zeichen“. Dort findet sich auch "vergesse": „Vergesse nicht, mit Deinem Bruder über die Pacht ins reine zu kommen.“ – „Vergesse nicht, daß ich zu Oktober das Quartal zu bezahlen habe.“ Etwa zur selben Zeit schreibt Franz Schubert an seinen Bruder Ferdinand: „Vergesse ja nicht auf das ‚Stabat mater‘!“
Den Imperativ "trete" kennt Adalbert Stifter, Wien und die Wiener, in: Sämtliche Werke III, hg. von Hannsludwig Geiger (Berlin u. a. 1959), S. 1034: „So, nun steige hinab, und trete an das nächst beste Individuum“; S. 1054: „Trete hier links heraus aus dem Strome der Hauptallee“.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.06.2013 um 10.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#23361

Bei nehme! usw. machen wir die Hebung rückgängig und sorgen damit für Konstanz des Wurzelvokals. Kinder verfahren manchmal auch umgekehrt, wenn sie etwa sagen: Das giltet nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.06.2013 um 10.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#23313

Der Wunsch, sich deutlich auszudrücken, führt auch sonst im Umgang mit kleinen Kindern zu "falschem" Sprechen, weshalb man ja auch die Kinderstube als Laboratorium der Sprachentwicklung bezeichnet. Ein weiteres Beispiel: Sütterlin hat beobachtet, daß „die Kinderstube [den Umlaut in Diminutiven] aus Gründen erleichternder Vereinfachung gern ausschaltet (Annchen).“ (Neuhochdeutsch. München 1924:129)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 27.05.2013 um 23.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#23279

Wie schön, daß es für Gedichte Befehlsform-Kurzformen und Empfehlungsform-Langformen gibt. Uralte Maschinenbauer-Regel: "Eine Schraube, die was halten soll, nehme stets dreiviertel Zoll." (18 mm)
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 26.05.2013 um 06.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#23264

Den Hinweis auf Optativ und höfliche Formen finde ich interessant. Früher gab es Aufforderungen der Form Er schreibe das auf. Vielleicht gibt es von da aus ebenfalls eine Brücke zu der heutigen Form schreibe (als Variante von schreib).
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 25.05.2013 um 16.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#23262

Die höflichere Alternative zum Imperativ wäre der Optativ. Obwohl es ihn im Deutschen amtlich nicht gibt, scheint er im Entstehen zu sein. Es entspricht dem Wandel vom Befehlsempfänger zum Mitarbeiter. und vom Untertanen zum Bürger.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.05.2013 um 15.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#23261

Eine "Luthersche" Besonderheit ist wohl das bis heute erhaltene siehe.

Übrigens gibt die Dudengrammatik (S. 494) den Imperativ gilt! an. Wann soll man den verwenden?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 25.05.2013 um 13.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#23260

In der Werbung wird sehr oft aufgerufen: Gewinnen Sie XY! In der Duzform heißt dasselbe immer: Gewinne XY! Die reguläre Form Gewinn XY! wäre irritierend, weil der Leser (bzw. Hörer) bei Gewinn zunächst das Substantiv verstünde und danach grammatisch umdisponieren müßte.

Das ist ein Spezialfall, aber es gab und gibt vermutlich weitere Einzelfälle, bei denen das Anhängen von -e beim Imperativ geradezu nötig oder zumindest vorteilhaft ist. Von da aus ergibt sich die allgemeine Möglichkeit, die Imperativformen mit -e zu bilden und dann auch auf die Hebung e/i zu verzichten, also nehme statt nimm. Wenn nehme anschließend wieder gekürzt wird, analog zu normalen Imperativformen, landet man bei nehm.

Ein Motiv für die Erzeugung solcher Varianten sehe ich darin, daß beides Vorteile haben kann: eine möglichst knappe Aufforderung (nimm) oder eine Aufforderung, die man mit einer weiteren Silbe ausbaut (nehme). Das Bellen eines Befehls ist nicht immer der passende Tonfall; die bedächtiger klingende Form mit einer weiteren Silbe kann auch etwas für sich haben. Auch die gedehnte Form nehm unterscheidet sich in dieser Hinsicht bereits von der Form nimm.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.05.2013 um 12.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#23259

Bei einigen starken Verben tritt im Imperativ die sogenannte „Hebung“ des Stammvokals e zu i ein: tritt, sprich, iß usw. Etwa seit dem späten Mittelhochdeutschen unterbleibt diese Veränderung, aber wir können heute dasselbe beobachten, sogar bei Sprechern, die den Unterschied sonst kennen und beachten. Die Beibehaltung des Stammvokals trägt zweifellos zu einer größeren Deutlichkeit bei, und so ist sie denn sehr oft in der Sprache von Lehrern (und Schulbüchern), Pfarrern sowie von Erwachsenen im Umgang mit Kindern zu beobachten. Es folgen einige Beispiele:

Spreche den Empfänger des Briefes möglichst oft an. (Anweisung auf einem Schüler-Arbeitsblatt)

Nehme dein Buch heraus und lese auf S. 3 ... (Anweisung des Lehrers an Schüler)

Betrete nie den Bordstein! (Pass auf im Straßenverkehr. Ravensburger 1999)

Gebe Licht. (Maria Jacques: Mein weißer Fuß. dtv Junior 1999:43)

Gebe die tatsächlich benutzte Ausgabe an! - Gebe Belege so an, dass der Leser sie finden kann!
(http://home.arcor.de/metaphysicus/Texte/tutorial.pdf)

Mixa trägt die Fürbitten vor: "Herr, Dein Sohn ist selber ein Opfer von Gewalt geworden. Sei mit denen, denen Gewalt geschieht, richte sie auf. Den Schuldigen aber gebe die Einsicht, die Reue und den festen Willen, ihr Unrecht anzuerkennen." (SZ 4.4.10)

Freue Dich, lade ein, bereite unalltägliche Speisen und Getränke, nehme Geschenke in Empfang und bedanke Dich! (Klaus P. Hansen: Kultur und Kulturwissenschaft. Tübingen 1995:110)

Empfehle Elvis' Website und kassiere 3000 Records.

Trete bei deinem Aufstieg nie jemanden, dem du beim Abstieg wieder begegnen könntest. (FAZ 30.3.02)

Trete der weltweit größten Video-Community bei! (Youtube) (2008)

Treffe Deinen Fußballstar! (Werbetext auf einer Pizzaverpackung 2008)

Stehle ein Bild! (FAZ 1.9.09, Überschrift)

Bevor du hier Fragen stellst, lese alle Dokumentationen und klicke die folgenden Links um mehr zu erfahren. (Internet)


Diese Tatsachen sind auch herangezogen worden, um den sprachgeschichtlichen Übergang von starken zu schwachen Verben zu erklären. Im Anschluß an Andreas Bittner wird behauptet: „Die Zahl der starken Verben nimmt stetig ab. Ihr Wandel zu schwachen Verben setzt beim Imperativ an (gib / geb; lies / les); es folgt ein Abbau der Vokalhebung in der 2./3. Person, danach werden die Präteritalformen schwach, am längsten widerstehen die Partizipialformen (noch heute gebacken).“ (Bredel/Töpler in Hoffmann: Handbuch der deutschen Wortarten: 831f.)

„Als erstes wird der Imperativ schwach, als zweites die 2., 3. Sg. Präs., weiters das Präteritum, dann der Konj. Prät. und schließlich das Partizip II. Wenn Sprecher bei einem Verb eine starke Imperativform bilden, dann bilden sie auch Präsens, Präteritum, Konj. Prät. und Partizip II stark.“ (Angelika Holl als Wiedergabe von Bittners Theorie)

Allerdings bilden viele Sprecher die Imperativformen zwar ohne Hebung, die anderen Formen aber trotzdem stark. So muß auch Damaris Nübling, die sonst die These Bittners übernimmt, zugeben:

„Die Hebung im Imperativ wird als erstes starkes Merkmal abgebaut, auch wenn ein starkes Verb sonst nicht 'schwächelt'. So gibt es durchaus umgangssprachlich schon Nehm' dir nicht so viel Kuchen und geb' mir mal den Senf. Verben, die wirklich schwach werden, haben dieses Stadium längst hinter sich. Niemand würde heute sagen: Milk die Kuh – die meisten kennen diese Form nicht einmal mehr.“ (Damaris Nübling in Zusammenarbeit mit Antje Dammel, Janet Duke und Renata Szczepaniak: Historische Sprachwissenschaft des Deutschen. Eine Einführung in die Prinzipien des Sprachwandels. Tübingen 2006:211)

Als solche Verben könnte man anführen: befehlen, bergen, brechen, empfehlen, essen, fressen, geben, gelten, geschehen, helfen, lesen, messen, nehmen, sehen, sprechen, stechen, stehlen, sterben, treffen, treten, verderben, vergessen, werben, werfen.

Außerdem sind viele Verben schwach geworden, bei denen Hebung von vornherein nicht in Frage kommt (schnauben usw.).

Deshalb ist zu überlegen, ob die Verdeutlichung durch Beibehaltung des Stammvokals überhaupt der richtige Ansatz für den Übergang zur schwachen Konjugation ist. Wahrscheinlicher ist es, daß das Anfügen des schwachen -e an die suffixlosen Imperative der starken der entscheidende Schritt war. Dieses zusätzliche -e tritt nur selten zusammen mit der Hebung auf, aber gleichmäßig häufig auch bei Verben mit einem anderen Vokalismus. In der Frühneuhochdeutschen Grammatik (Ebert et al. Tübingen 1993:260) wird die Suffixlosigkeit auch bei helff, werff, brech als Beweis der weiterhin starken Flexion gewertet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2013 um 04.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22659

Ein Dekan verbat mir schließlich, jemals wieder über das Ende unseres Arbeitsverhältnisses zu sprechen. (FAZ 19.2.13)

verbieten liegt semantisch näher an verbitten als an bieten, daher die Unsicherheit beim Konjugieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.02.2013 um 08.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22593

Gebe die tatsächlich benutzte Ausgabe an!
Gebe Belege so an, dass der Leser sie finden kann!


http://home.arcor.de/metaphysicus/Texte/tutorial.pdf

In diesem Text steht auch:

Bedenke, dass Dein Text oder Dein Wortbeitrag ein Beitrag zum wissenschaftlichen Gespräch ist, für das – wie für andere Gespräche auch – die Grice’schen Konversationsmaximen beachtet werden sollten:
Quantität
2. Mache Deinen Gesprächsbeitrag so informativ wie (für die augenblicklichen
Gesprächszwecke) nötig.
3. Mache Deinen Gesprächsbeitrag nicht informativer als nötig.
Qualität
4. Behaupte nichts, von dessen Wahrheit Du nicht überzeugt bist.
5. Behaupte nichts, wofür Du keine Beweise hast.
Relation
6. Sei relevant.
Modalität
7. Vermeide Unklarheiten im Ausdruck.
8. Vermeide Mehrdeutigkeiten.
9. Vermeide Weitschweifigkeit.
10.Vermeide Ungeordnetheit.


Grice wird wie so oft mißverstanden, als habe er eine Anleitung geben wollen, während er in Wirklichkeit die unausgesprochenen Maximen darstellen wollte, die unserem Sprechen zugrunde liegen. Es sind keine Maximen, "die man beachten sollte". Daher auch die Anlehnung an Kants Urteilstafel, auf die eine normative Stilistik niemals gekommen wäre. Übrigens sind die Maximen als Normen auch wertlos, weil es keinen Maßstab für Relevanz, Ordnung usw. gibt.
 
 

Kommentar von BS, verfaßt am 22.01.2013 um 13.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22428

Nachtrag zu meinem letzten Beitrag: bei rinnen fehlt der Verweis auf das Kausativum rennen, bei schwinden das diminutiv-iterative schwindeln und das Kausativum verschwenden. (Irgendwas übersieht man immer.)
 
 

Kommentar von BS, verfaßt am 21.01.2013 um 15.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22422

Zu "gehen wir!": In den historischen Grammatiken werden diese Formen tatsächlich als Imperativ gebucht. Besonders deutlich in subjektlosen Sätzen wie "nu binden ûf die helme!" (Nibelungenlied, 1601).
––
Zum Verständnis von "regelmäßig" und "unregelmäßig": Es kann natürlich mehrere konkurrierende Regeln geben. Man stelle sich vor, im Lateinunterrucht würde nur die a-Konjugation mit v-Perfekt (amare, amo, amavi, amatus) als "regelmäßig" anerkannt, und alles andere wäre "unregelmäßig"! Und ab wann ist eine Regel eine Regel? Ich glaube, bei Orwells "1984" steht irgendwo der Spruch "Ein Verrückter ist eine Minderheit, die nur aus einer Person besteht." Konkret: werden – wird – ward – geworden geht im Kern genauso wie
a) brechen – bricht – brach – gebrochen // Bruch, Brache
sprechen – spricht – sprach – gesprochen // Spruch, Sprache, Gespräch
stechen – sticht – stach –- gestochen (W1) // Stich, Stachel, Stichel; ca. 5 sekundäre Verben
treffen – trifft – traf – getroffen
schrecken – schrickt – schrak – erschrocken (!) (W2)
befehlen – befiehlt – befahl – befohlen
stehlen – stiehlt – stahl – gestohlen // Diebstahl
gebären – gebiert – gebar – geboren // Geburt; Bahre, -bar
a*) nehmen – nimmt – nahm – genommen // -nahme, Benimm, Vernunft
b) helfen – hilft – half – geholfen // Hilfe (Hülfe)
gelten – gilt – galt – gegolten // Gült; gültig (giltig)
schelten – schilt – schalt – gescholten
verderben – verdirbt – verdarb – verdorben (W3)
sterben – stirbt – starb – gestorben
werben – wirbt – warb – geworben // Wirbel
werfen – wirft – warf – geworfen (W4) // Wurf, Würfel; worfeln
bergen – birgt – barg – geborgen
bersten – birst – barst – geborsten (W5) // englisch: burst
mit leicht erkennbarer Regel.
Dabei hat Gruppe a) im Präteritum Langvokal und Einfachkonsonant (h ist ja nur orthographisches Zeichen für Vokallänge oder Reibelaut), Gruppe b) Kurzvokal und Mehrfachkonsonanz.
Weitere Anmerkungen zu wechselnder Flexion:
(W1) dazu das Durativum stecken – stak
(W2) ursprünglich schwach flektierend (auch mit Formen wie schrachte, vgl. brachte, dachte), schwache Formen noch teilweise beim Kausativum und bei Komposita ab-, auf-, verschrecken.
(W3) vom ausgestorbenen parallelen schwachen (kausativen) Verb noch als Adjektiv übriggeblieben: verderbt.
(W4) man beachte:
überwerfen – warf über – übergeworfen -> Überwurf,
überwerfen – überwarf – überworfen -> Überwerfung.
(W5) daneben schwache Formen(berstet statt birst, wohl auch Präteritum borst) bis Anfang/Mitte des 20. Jahrhunderts belegt. Jüngere Belege?
Die abweichende Schreibung von gebären nicht gerechnet (Rechtschreibreformer ans Werk!!), sind daran "unregelmäßig" nur:
– das Präfix von erschrecken (wie erhaben, erloschen), wobei das Simplex nur selten gebraucht wird, meist wird das Präfix durch alle Formen geführt.
– das lange Präsens-e von nehmen (historisch genauer wohl: das Ausbleiben der Dehnung bei nimmt genommen), ein Parallelentwicklung ist werden, verwandt geben mit dem schwankenden Gebrauch von gibt und giebt.
– das eigenwillige werden mit
» ebenfalls langem Präsens-e, das aber lautgesetzlich ist, d.h. einer anderen, strengeren Regel gemäß (Stellung vor r+Dental, vgl. Erde ~ irdisch, Wert ~ Wart,Wirt,Wort,Wurt);
» dem Imperativ werde;
» dem konfusen wurde;
» dem altertümlichen wurden (wie einst auch hulfen, sturben, pp.).
Nächstverwandt dieser Familie sind
c) schwimmen – schwamm – geschwommen // ; schwemmen
beginnen – begann – begonnen
rinnen – rann – geronnen // 'Runst' (blutrünstig)
sinnen – sann – gesonnen
spinnen – spann – gesponnen // 'Gespunst' > 'Gespünst' > Gespinst
gewinnen – gewann – gewonnen
die naturgemäß keinen e/i-Wechsel kennen und durchgehend Kurzvokal haben bei labialem oder dentalem Nasal im Stammauslaut, sodann diejenigen mit Guttralnasal oder Nasal+Konsonant im Auslaut, bei denen lautgesetzlich /u/ statt /o/ erscheint (vgl., verdunkeltes, Gold ~ gülden,Gulden, hold ~ Huld, loben ~ Gelübde, voll ~ füllen, Zorn ~ zürnen) wie (Auswahl)
binden – band – gebunden // Bund, Band
schwinden – schwand – geschwunden // Schwund
schwingen – schwang – geschwungen // Schwung, Schwang, Schwingel; 'schwengen' -> Schwengel, schwenken, schwanken
singen – sang – gesungen // Sang
sinken – sank – gesunken // ; senken
trinken – trank – getrunken // Trank, Trunk, Getränk; tränken
etc.
So schwer dürfte das doch alles nicht zu lernen sein (wir haben es ja auch alle geschafft).
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 18.01.2013 um 20.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22392

Zu #22386: Formal ist "gehen wir!" eine Konj.-I-Struktur, parallel zu "gehen Sie", welch letztere wir ja als "Imperativ" verstehen. Diese ist bei Singular-Bedeutung Höflichkeitsplural von "gehe er/sie", was ja auch erst vor so 150 Jahren außer Mode kam. Ob man nun "gehen wir" als Imperativ oder als Optativ einordnen will oder muß, hängt von der eigenen Neigung in der Situation ab, wo es gebraucht wird.
Ich nenne es "Imperativstruktur, die anzeigt, daß sich der Sprecher in die angesprochenen Personen einfügt." Interessant ist sie nämlich für mich deshalb, weil ihr im Englischen "Let us ..." entspricht. Diesem wiederum entspricht deutsch neben Konj.-I mit wir auch "Laß uns ...", meist mit dem Singular "laß", auch wenn mehrere Personen angesprochen werden. Aber "laßt uns froh und munter sein" ermahnen?, befehlen?, jedenfalls singen wir fröhlich, wenn's uns von alters her so ankommt und wir es wünschen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.01.2013 um 19.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22391

tritt oder sprich sind zwar regelmäßig gebildet, aber wegen des Vokalwechsels in der 2. Pers. Sg. Präsens dieser Verben wirken die Formen trete oder spreche wie regelmäßige Entsprechungen zu geh(e), setz(e) usw., denn wer seine Imperative so bildet, kann sie regelmäßig vom Infinitiv ableiten, wie von Herrn Ludwig schon dargelegt.
 
 

Kommentar von BS, verfaßt am 18.01.2013 um 16.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22388

Von Ersetzung unregelmäßiger Formen durch regelmäßige war noch gar nicht die Rede, nur vom Gegenteil (unregelmäßiges wurde verdrängt regelgemäßes ward). Wenn aber aus irgendeinem Grunde konkurrierende Formen oder Ausdrücke existieren, gibt es eine natürliche Tendenz der Sprache, sie nebeneinander zu benutzen und semantisch (evtl. auch syntaktisch) zu differenzieren:
schlicht ist eine veraltete Variante von schlecht (oder umgekehrt?).
gediegen ist eine veraltete Form von (gedeihen – gedieh –) gediehen.
verrucht ist eine Variante von verrufen; drucken eine mundartliche (obdt.) Form von drücken; fordern und fördern sind etymologisch identisch – abgeleitet von einem Wort, das als vor und für erscheint, usw. usf. Auf einem etwas anderem Gebiete haben wir die Ausdrücke Uraufführung und Zerrbild, die nicht wie beabsichtigt die Begriffe Premiere und Karikatur verdrängen konnten, sondern nun neben ihnen stehen.
 
 

Kommentar von ppc, verfaßt am 18.01.2013 um 15.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22387

>Habe (wohl ob der grassierenden Genitivitis) prompt am falschen Ende nach dem vermeintlichen Fehler gesucht.

Die in unnötigen Großschreibungen (Kurzem/Weitem/Längerem/Weiteres - Die MacherInnen vom Dudenverlach mit ihren "Empfehlungen" scheinen eine geradezu unheimliche Macht zu besitzen) und Leerzeichen ("fertig gestellt", "bekannt gegeben", "verloren gegangen") schwälgende hannoversche H.A.Z. schrieb unlängst:

- "... flüchteten mitsamt ihrer Kinder ..."
- "... entgegen des Beschlusses ..."
- "... entsprechend eines Erlasses ..."

und

- "... die Burg wurde geschliffen ..." – bis sie schön glatt war, oder was?
- "... tat ihr Leid ..."

Dazu kommt, daß kaum ein Artikel das Lektorat (wenn es eins gibt) verläßt, ohne daß mindestens einmal komplett überflüssigerweise das Wort "komplett" drinsteht.

Mir wird regelmäßig übel beim Lesen, und das einzige, was mich tröstet, ist, daß ich nicht auch noch dafür bezahle.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 18.01.2013 um 12.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22386

Nach allem, was ich hier gelesen habe, ist die erste Person Plural wie "gehen wir!" nicht eindeutig als Imperativ oder Optativ einzuordnen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.01.2013 um 21.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22382

Es kann sich hier schwerlich ein neuer Optativ oder Hortativ bilden, weil es sich ja um alte, um veraltete Formen handelt. Deren Tradierung in einigen Redewendungen hat wiederum nichts mit der Ersetzung von unregelmäßigen durch regelmäßige Formen zu tun.
 
 

Kommentar von BS, verfaßt am 17.01.2013 um 20.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22381

Das ist alles soweit richtig. (Interessant ist in der Tat die unregelmäßige Form werde. Im Gegensatz zur ebenfalls unregelmäßigen Form wurde, die sich erst in jüngerer Zeit gegenüber dem regelmäßigen ward durchgesetzt hat, kenne ich keinen Imperativ wird. Vielleicht hängt das mit der Homonymie zu er/sie/es wird zusammen.)
In den indogermanischen Sprachen gab es aber auch noch einen vom Imperativ – der Befehlsform – und dem Konjunktiv – der Möglichkeitsform – unterschiedenen Optativ zum Ausdruck eines Wunsches. Wenn es sich um eine Ermahnung handelt, kann man auch von einem Hortativ sprechen (lat. hortari, hortor, hortatus sum = ermahnen). Eigentlich ist der bei uns längst ausgestorben. Meine, vielleicht etwas verschrobene Idee war nun, daß sich aus verschiedenen sprachlichen Bruchstücken ein neuer Optativ formt. Ein weiteres Beispiel:
"Seid still!" (Befehl)
"Seid nicht so kindisch!" (Befehl)
"Seiet wie die Kinder!" (Wunsch, Ermahnung)
Die mit e und ohne e gebildeten Formen wie gehet und geht sind historisch natürlich eigentlich gleich, aber aus dem eher weihevollen Gebrauch der langen Form bildet sich eine besondere optative Verwendungsweise.
Ein Spezialfall ist das Verb wollen. Eigentlich ist wollen,wollte,gewollt ein ganz normales schwaches Verb. Die Formen mit i im Präsens Singular sind aber eben ein alter Optativ, der zum Indikativ geworden ist. Das Verb hat sich damit den Präteritopräsentia angenähert. Als Imperativ sollte man daher eigentlich will erwarten. Einen Imperativ kann es hier aber eigentlich nicht geben, denn zum Wollen kann niemand gezwungen werden. Die Form wolle hat daher ebenfalls optativen Charakter.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 16.01.2013 um 21.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22372

Ich hab's so gelehrt: Verben mit Vokalwechsel von [e] zu [i] in der 2. und 3. Person im Präsens (Beispiel: lesen - er liest) formen auch ihren Du-Form-Imperativ mit diesem [i] und haben nie die Endung [e]. (Ausnahmen [Einzelfälle]: Mensch, werde wesentlich; Siehe, ich bin eine Magd des Herrn.)

Auf meinen Reisen habe ich festgestellt, daß Kindermundformen in Norddeutschland (Lüneburg) diesem von mir als Standard Gelehrten oft nicht entsprechen, sondern dem Du-Form-Imperativ nach dem allgemeinen System: Infinitivstamm plus [e], und dieses [e] heute fällt meist aus: esse, eß; trete, tret; usw.

Zum [e] der Endung: Auch im Plural fällt das [e] (in "Gehet hin in Frieden!") aus, meine ich, weil alles in unsern Tagen schneller geht und es ja tatsächlich einen Unterschied nur im Ton, aber nicht in der Bedeutung ausmacht.
 
 

Kommentar von BS, verfaßt am 16.01.2013 um 20.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22371

Habe (wohl ob der grassierenden Genitivitis) prompt am falschen Ende nach dem vermeintlichen Fehler gesucht.
Bei "entspreche" handelt es sich aber m.E. um einen feierlichen Optativ (oder Hortativ). Das imperativische "Entsprich niemals..." schien wohl nicht angemessen.
Vgl. dazu:
1. "Tritt ein, bring Glück herein!" – direkte Aufforderung;
"Tritt die Tür ein!" – Befehl bei einer Razzia oder einem Einbruch;
"Trete ein, müder Wanderer" – Türinschrift an einer Baude;
Oder in Goethes Worten (steht angeblich über dem Tor des Alten Schlosses in Dornburg/Saale, von Wustmann mißbilligend und unverstanden zitiert) "Freudig trete herein und froh entferne dich wieder (...)". Das freudige Eintreten wird nicht befohlen, sondern gewünscht.
2. "Sprich lauter!" – direkte Aufforderung;
"Spreche langsam und deutlich!" – Regel für einen gelungenen Vortrag.
3. "Iß nicht so viel" – direkte Aufforderung;
*"eß" – aua; **"ess" – doppelt aua;
"Esse in Maßen!" – Diätregel.
4. Zum (sprachgeschichtlich konfusen) Indikativ "du willst" ist "wolle" Optativ. Ich kann – semantisch bedingt – nicht gut jemandem befehlen, zu wollen ("Will es!"), wohl aber hoffen und wünschen, er möge wollen oder allenfalls eine Notwendigkeit behaupten ("Du mußt es wollen!").
5. "Gib mir mal die Zange!"
"Gebe den Armen!"
6. So gedacht war vielleicht auch der Satz "Werbe oder sterbe ist der Kampruf unserer Zeit." (in der vierzehnten Auflage des Wustmann angeführt), obwohl das imperativische "Wirb oder stirb", analog zu "friß oder stirb", das Drastische der Situation besser trifft; das Sterben wird ja nicht gewünscht, sondern angedroht.
Entsprechend und ähnlich auch
7. "Sing/singt Tante Erna was vor!"
"Singe/Singet dem Herrn ein neues Lied!"
8. "Geht nach Hause!"
"Gehet hin in Frieden!"
9. "Laß los!"
"Laß dich nicht so hängen!"
"Lasse dich nicht von deinen Trieben beherrschen!"
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.01.2013 um 23.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22367

Nicht nur Substantive, auch Verben sind flektierbar.
 
 

Kommentar von BS, verfaßt am 15.01.2013 um 19.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22364

wem – Dativ – entsprechen?
Der Kundenwunsch, NomSg
Kundenwünschen Dativ Plural.
Wo ist das Problem?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.01.2013 um 08.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22352

Entspreche niemals Kundenwünschen. (FAZ 14.1.13)

(Das soll übrigens ein Gebot des Luxusartikelmarketings sein.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2013 um 08.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#22319

Die Reserven schmilzen rasant. (FAZ 10.1.13)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.06.2012 um 16.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#20880

„Viele Verben gibt es transitiv und intransitiv:
transitiv: Er schleift Messer.
intransitiv: Das Rad schleift.“
(Hans Jürgen Heringer: Kleine deutsche Grammatik. Berlin:Cornelsen 1997:11)

Da die beiden Verben sogar verschiedene Konjugation haben, wird man hier unbedingt von zwei Verben sprechen müssen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.04.2012 um 10.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#20386

"Ähnlich wie Bienen gemeinsam das Wachs der Osterkerze schafften, bringe die Zusammenarbeit der Gläubigen in der Kirche das Licht Christi zum Leuchten, sagte der Papst." (Frankfurter Rundschau 8.4.12)

Man sieht die Bienen richtig vor sich, wie sie ihre Waben betrachten: "Geschafft!"

Nicht auf das Konto der FR geht allerdings das Spiel mit den Begriffen:

„Der Glaube sei die wahre Aufklärung, sagte das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche in seiner Predigt im Petersdom in Rom.“

Gleichzeitig hat der Kirchen-Journalist Matthias Drobinski (SZ) herausgefunden:

„Der Fundamentalismus ist ein Teil der Aufklärung.“

Der Aufklärung kann man alles in die Schuhe schieben. Nur wenn es wieder mal gegen den Islam geht, sind sich alle einig, daß der die Aufklärung (gefälligst) noch vor sich habe.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.03.2011 um 20.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#18342

Luise Kinseher als Bavaria auf dem Nockherberg: "Ich bin abgeschwiffen."

Das Imperfekt oder Präteritum können die Süddeutschen außer Acht lassen, weil sie es nicht benutzen. Das steht schon in den Grunschul-Deutschbüchern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.03.2011 um 09.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#18312

preisen soll das letzte Verb gewesen sein, das zur starken (ablautenden) Konjugation überwechselte. Trotzdem schreibt die "Welt am Sonntag": Der Bundespräsident preiste den Freiheitsdrang der Friesen. (Der Beitrag scheint aus dem Hamburger Abendblatt übernommen und nur leicht umgearbeitet zu sein; dort stand das Präsens.)
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 06.09.2010 um 00.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16779

"Es lächelt der See, er ladet zum Bade": Eigentlich zeigt Schillers "ladet" nur, daß es keinen Umlaut hat. Wann hat er sich bei den starken Verbformen im 2. und 3. Sg. präs. ganz durchgesetzt? Er bewegte sich doch von Nordnordwesten nach Südsüdosten (engl. bridge, Innsbruck), und 1455 war er noch nicht bei allen in Mainz, denn wir drucken Bücher, wo wir sonst anderem Papier einen Stempel aufdrücken.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 05.09.2010 um 20.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16778

Ich kenne nur Ausdrücke wie "wer etwas illegal herunterlädt", oder auch "die Batterien sind geladen", "die Spannung hat sich entladen" usw. Ich weiß keinen einzigen Beleg für den Gebrauch schwacher Formen im Zusammenhang mit "herunterladen" oder anderen technischen Anwendungen. (Nebenbei klingt "etwas herunterladen" immer so wie "einen runterholen"; hat vielleicht auch etwas verwandtes, ich mag diesen Ausdruck, eine schlichte Übernahme des englischen download, jedenfalls nicht.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.05.2010 um 09.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16242

Wir haben ja wohl alle auch Schillers "Es lächelt der See, er ladet zum Bade" im Ohr. Das ursprünglich starke (h)ladan 'aufladen' und das nicht damit verwandte ursprünglich schwache ladon 'vorladen' sind schon früh vermischt worden. Abzuwarten bleibt, wie sich die Konjugation bei der modernen technischen Bedeutung (= download) entwickelt. Zu erwarten ist eigentlich die schwache Form (wie bei Staub saugen).
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 20.05.2010 um 22.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16241

Daß "Pfründe" oft für eine Mehrzahl gehalten wird, hat wohl einerseits damit zu tun, daß kaum noch jemand weiß, was eine Pfründe eigentlich ist, zum anderen dürfte eine Kontamination mit "Pfund", Mehrzahl "Pfunde" vorliegen.

Bei der sehr häufigen Verwechslung von starken und schwachen Verbformen ist auffällig, daß ganz überwiegend die starken Formen bevorzugt werden. Ganz im Gegensatz zur Ansicht vieler Grammatiker, die die starken Verben am liebsten totreden und auf den Aussterbeetat setzen wollen, ist die starke Verbbildung im Sprachbewußtsein der Bevölkerung gut verankert (das predige ich seit langem). Sätze nach dem Muster "Er hing das Bild an die Wand" sind sehr häufig, "Das Bild hängte an der Wand" hört man jenseits des Grundschulalters fast nie. Entsprechend "habe ich meinen Freund zu der Veranstaltung mitgeschliffen" oder wird auch mal (in einer Radiosendung) eine Festung "geschliffen", obwohl in beiden Fällen natürlich "geschleift" die richtige Form ist. Aber daß ein Edelstein "geschleift" werde, habe ich noch nie gehört.
Heinz Rühmann sagte in einem Film in den Dreißiger Jahren noch "Der Direktor ladet dich ein", heute ist dieses schwache Verb völlig von seinem starken Stiefbruder verdrängt worden. Anführen läßt sich auch die immer weitere Verbreitung von "gewunken", das bei uns im Rheinland schon lange als Standard gelten kann (und einfach viel melodischer ist als "gewinkt").
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.05.2010 um 18.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16221

Gut möglich, daß der Bischof »ich bin erschrocken« gesagt hat und der Fehler erst in der Wiedergabe durch die Journalistin entstanden ist.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 15.05.2010 um 16.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16220

Zu #16219: Erstaunt bin ich über die verbreitete Unsicherheit hier nicht. Genau wie beim engl. "lie/lay" (#16112) wird der gemeinte Bedeutungsunterschied durch Zusatz des direkten Objekts (Akk.-Obj.) hinreichend klar. Selbst daß ein schwaches Verb mal in die Klasse der starken übergeht, setzt mich nicht in Erstaunen (engl. "dove" zu "dived" [aber niemand "has diven" bisher; denn "they have been diving", und das geht ja auch]).
Beim Bischof hier mangelt's nur an der Sprachpflege durch den Deutschunterricht. Daß jedoch gepflegte Sprache auch zur Lebensqualität beiträgt, das erfahren unsere Erziehungsgewaltigen bei ihrem politischen Wollen und in ihrer gekünstelten Hast eben nicht (denn diese Art Lebensqualität ist ja auch nicht meßbar, wie's der ja schon jährlich eingebürgerte Italienstrandaufenthalt doch augenfällig und politisch verwertbar ist), und die denen Unter- und Ergebenen erleben's eben auch nicht. Daß wir bei solch einem Bildungsverhalten nicht nur hie und da, sondern eben links und linker und fast überall bei der Nachrichtenübermittlung auf Fälle stoßen, wo die Unterscheidung wichtig ist, das Durcheinander aber eben fast niemandem auffällt, — wen wundert's!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.05.2010 um 06.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16219

Bei der Veranstaltung "Nichts gesehen, nichts gehört, nichts gesagt? Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche" gab es sogar Pfiffe gegen den Trierer Bischof Stephan Ackermann, den Beauftragten der Bischofskonferenz für die Aufarbeitung des Skandals. Ackermann sagte, zwei Beiträge zu Beginn der Diskussion hätten ihn "erschrocken".(RP online 15.5.10)

(= erschreckt - das ist ein weiteres Beispiel verbreiteter Unsicherheit)
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 26.04.2010 um 23.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16150

(Hier die Fassung ohne nicht darstellbare diakritische Zeichen:)

hangen, hängen. Form. Es besteht ursprüngl. (schon gemeingerm.) ein trans. Verb, mhd. hahen, hienc, hiengen, gehangen (vgl. fangen) mit der trans. Bedeutung „hängen“; daraus abgeleitet drei schwache Verben mhd. hangen (ahd. hangen) intr. „hangen“, henken trans. „hängen“, hengen in dem Sinne „(die Zügel, das Leitseil u. dgl.) hangen lassen, nicht straff anziehen“ (s. verhängen 1, nachhängen). Durch Vermischung zwischen diesen vier Verben sind die heutigen Verhältnisse zustande gekommen: hengen (hängen) hat die Bedeutung von henken angenommen, das mehr und mehr außer Gebrauch gekommen ist (s. d.); das Prät. und Part. von hangen sind schon im Mhd. verlorengegangen (nur in einigen md. Quellen erscheinen sie noch), statt ihrer werden hienc, gehangen gebraucht, die also nun trans. intr. Bedeutung vereinigen, während das Präs. hahen bis auf wenige Ausnahmen trans. bleibt; weiterhin wird hahen durch ein neu zum Prät. und Part. gebildetes hangen (du hängst, er hängt) verdrängt (wie fahen durch fangen), das zunächst auch trans. und intr. Bedeutung vereinigte; die 2. 3. Sg. Ind. fielen lautlich zusammen mit denen des trans. hängen, die übrigen Präsensformen mit denen des intr. hangen; dieses ging dann ganz unter, indem hangst, hangt aus der Schriftsprache schwanden; das st. Präs. wurde auf die intr. Verwendung beschränkt, während die trans. dem schw. hängen vorbehalten blieb; auch das Part. gehangen wurde in der Schriftsprache ausschließlich intr., doch noch nicht im 18. Jh., vgl. jetzt wird ihm ein armes Mädchen angehangen Le., auch hat er sich mit einer Frau behangen Bürger, hätte ich mich nur bei Zeiten gehangen Goe., ein Engländer hat sich aufgehangen Goe., des Reimes wegen geblieben mitgefangen, mitgehangen; in der oberd. Umgangssprache ist auch jetzt noch trans. gehangen gebräuchlich; endlich nahm hängen neben der trans. auch intr. Bedeutung an, wozu der Anstoß von der 2. 3. Sg. gegeben wurde, die ja mit der von hangen gleich lautete. Demnach haben wir jetzt: Präs. hangen st. intr. (nur noch D. und südd. mdal.; selten unrichtig trans. gebraucht: klammernd fest sich anzuhangen Goe.). – hängen trans. und intr.; Prät. hing intr. und trans. (von der normativen Grammatik noch nicht anerkannt) – hängte trans.; Part. gehangen intr. – gehängt trans. – Funktion. I. Intr.: wir sprechen von hängen (hangen) 1. wenn ein Körper an einem Punkte befestigt ist, die Hauptmasse aber durch die Schwerkraft nach unten gezogen wird; so hängt ein Rock an einem Haken, der Dieb am Galgen usw.; 2. wenn ein Gegenstand derartig gestützt ist, daß er zum Teil nach oben gerichtet ist, aber doch teilweise wieder durch die Schwerkraft eine Neigung nach unten bekommt; so hängen die Zweige eines Baumes, der Kopf eines Menschen, die Flügel eines Vogels. Bei 1 kann die Vorstellung des Befestigtseins besonders hervortreten und derart zur Hauptbedeutung werden, daß h auch angewendet wird, wo die sonstigen Merkmale der Grdbd. fehlen: eine Klette, Staub hängt an den Kleidern, man hängt an dem Halse eines Freundes, bleibt mit dem Rock an einem Dornstrauch h., aneinander h., zusammen h.; uneigentlicher: mein Auge hing an deinem Angesichte, an deines Himmels Harmonie mein Ohr Schi., sein Herz hing an ihr Lu., er hing leidenschaftlich an der alten Amme Goe., dazu anhangen; h. bleiben = „im Gedächtnis haften“, U. alles was drum und dran hängt (damit verknüpft ist), bei einem h. = „Schulden haben“. Andere bildl. Anwendung: des Kaisers Acht hängt über ihm Schi. (droht auf ihn zu fallen); es hängt nur an einem Faden; ein Prozeß hängt (ist noch in der Schwebe, noch nicht erledigt, vgl. anhängig); mit Hangen und Bangen. Aus 2 entwickelt sich die Bedeutung „(nach unten) geneigt sein“, übertragen auf räumliche Verhältnisse: sollte man sein Urteil nicht eben darum für so viel unparteiischer halten, weil er innerlich nach keiner Seite hing Le., ihre Seele hängt sehr nach diesen Ideen Goe., unsere Natur hängt sehr dahin Goe.; jetzt nicht mehr üblich (s. Hang). Über voll h. s. voll. II. Trans.: man kann zwei Hauptbereiche der Bedeutung unterscheiden, den oben angegebenen des Intransitivums entsprechend. Nur zum Teil trifft damit zusammen eine Unterscheidung nach einem anderen Gesichtspunkt. Entweder liegt in h. das Befestigen eines Gegenstandes an einen anderen, der dann auch immer ausgedrückt wird (an einen Haken, die Wand, auf eine Leine), außer wenn es „an den Galgen hängen“ ist (hierher auch mit Hängen und Würgen, dessen ursprüngl. Sinn verdunkelt ist); oder die erforderliche Befestigung ist schon vorhanden, und der Gegenstand wird dadurch in hängende Lage gebracht, daß die außerdem vorhandene Stütze, die ihn bisher in der Richtung nach oben hielt, beseitigt wird, vgl. den Kopf, die Ohren, die Arme, den Schwanz h.; wofür jetzt üblicher hängenlassen (vgl. Kopfhänger). Wieder kann die Vorstellung des Festhaltens zur Hauptsache werden: sein Herz an etwas h., an etwas muß der Mensch seine Gedanken h. Immermann; vornehmlich bei refl. Gebrauch: sich einem an den Hals h., sich an ein Mädchen h.; die Philister hingen sich an Saul (verfolgten ihn auf den Fersen) Lu.; da hängt er sich an jeden Mutwillen, der vorbei ist (klammert sich an, macht viel Wesen daraus) Goe. – Zus. wie Hängelampe, -backe, -bauch, -matte (s. Matte). Ableitungen: Hang, Anhang, Abhang, Umhang, Vorhang, Henkel, Henker, anhängig, abhängig, Anhängsel.

Hermann Paul: Deutsches Wörterbuch, Tübingen 1966
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.04.2010 um 12.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16135

Ein anderer bekannter Fall ist die "Imme" (= Biene), aus einem umgedeuteten Maskulinum "imbi" (= Bienenschwarm), den manche noch aus dem Lorscher Bienensegen im Ohr haben werden.
 
 

Kommentar von R. H., verfaßt am 25.04.2010 um 06.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16130

Warum "umgekehrt"? So verhält es sich doch gerade mit Pollen – viele halten das Wort für einen Plural und schreiben daher die Pollen... und dazu dann die Einzahl die Polle. (Etwa wie die Pocken, der Mehrzahl von die Pocke.)

Der Pollen aber ist ein Kollektivum im Singular wie z.B. der Regen; will man diesen 'vereinzeln', so wird er zum Regentropfen, jener zum Pollenkorn.

(Pollen wie Regen sind zudem Singulariatantum, Pfründe nicht.)
 
 

Kommentar von MG, verfaßt am 25.04.2010 um 00.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16127

| Wie ich nun sehe, ist "die Polle" sogar ziemlich häufig. Eine
| Art grammatische Rückbildung aus dem ungleich
| bekannteren Plural.

Ein sinngemäß ähnlicher, wenngleich gerade umgekehrt gelagerter Fall ist "die Pfründe". Dieses Wort verstehen viele Leute als Plural.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.04.2010 um 09.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16123

In Hermann Pauls Deutschem Wörterbuch ist die verwickelte Geschichte, wie es zu der Episode der Unterscheidung von hangen und hängen kam, sehr gut dargestellt. Der Text ist ein bißchen zu lang zum Abschreiben. – Wilhelm Busch dürfte spielerisch auf die schon veraltende starke Form zurückgegriffen haben.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 23.04.2010 um 23.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16122

Wilhelm Busch dichtete über die Hühner der Witwe Bolte:

Ach, sie bleiben an dem langen,
Dürren Ast des Baumes hangen.
...
Nimmt die Toten von den Strängen,
Daß sie so nicht länger hängen,


Ich hielt das bisher für dichterische Freiheit um des Reimes willen, aber auch das Grimmsche Wörterbuch führt, wie ich erst jetzt sehe, zwei Formen an: stark gebeugtes hangen und schwaches hängen. Allerdings überraschenderweise beide jeweils mit Beispielen sowohl für transitiven, als auch für intransitiven Gebrauch! Genau wie bei Busch.
Wie kommt es dann, daß wir das heute unterscheiden (hing – hängte)?
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 23.04.2010 um 20.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16121

Nicht zu vergessen der Paparazzi und das Visa.

In Holland scherzt man über dieses Phänomen mit Sätzen wie »Mijn man is technici en werkt in een winkelcentra«.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 23.04.2010 um 19.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16120

Unsicherheit besteht nicht nur bei "Pollen", sondern auch bei anderen Wörtern, die im täglichen Leben ebenfalls nur im Plural auftreten: beispielsweise "Spaghetti" und "Graffiti". Es mag daran liegen, daß wir selten nur einen "Spaghetto" essen oder bei den Wandschmierereien (nun habe ich mich als Banause zu erkennen gegeben!) genau sehen können, wo ein "Graffito" aufhört und wo der nächste beginnt. Eine gewisse Unvertrautheit mit der italienischen Sprache mag hinzukommen. Schließlich ist bis heute kaum ein Bäcker oder Kiosk in der Lage, den albernen "gefleckten" Kaffee (der tatsächlich fast nur aus Milchschaum besteht) korrekt auf italienisch zu schreiben. Aber sie bieten dieses vermeintlich so schicke Gebräu natürlich trotzdem alle an, wo "Milchkaffee" es auch täte.
Außerdem habe ich schon so oft von Studenten gehört, daß ihnen der Arzt ein Antibiotika verschrieben habe, oder daß sie in diesem Semester noch ein Praktika machen müßten. Grammatische Unsicherheit und das Aussterben von Fremdsprachenkenntnissen mögen hier also einhergehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.04.2010 um 16.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16119

"lay down" ist mir letzthin in vielen amerikanischen Büchern begegnet, es war mir neu (was natürlich nur zeigt, wie unvertraut mir das gesprochene Englisch ist). Die Bildung der kausativen Verben ist an sich ganz durchsichtig, aber die Unterscheidung löst sich heute auf. Das starke intransitive Verb "hangen" ist ja praktisch ausgestorben.

Etwas anderes fiel mir heute morgen in der Süddeutschen Zeitung auf: Neben einem Artikel über Pollenallergie war "eine Polle unter dem Elektronenmikroskop" abgebildet. Wie ich nun sehe, ist "die Polle" sogar ziemlich häufig. Eine Art grammatische Rückbildung aus dem ungleich bekannteren Plural.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.04.2010 um 15.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16118

Die von Herrn Riemer angeführten Verb-Paare, die es sehr ähnlich auch in der schwedischen und der dänischen und als Reste in der englischen Sprache gibt, haben ihre Entsprechungen in den slawischen Sprachen, wo sich ebenfalls untereinander nur durch Abweichungen in der Schreibweise unterscheiden. Das hat aber nichts mit den slawischen Verb-Aspekten "imperfektiv oder perfektiv" zu tun, denn die werden durch bestimmte Präfixe ausgedrückt, die ein Verb zu einem perfektiven machen. Diese Verb-Paarungen müssen folglich viel älter sein als die Entwicklung der slawischen Aspekte.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.04.2010 um 17.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16114

Die Paare stehen – stellen, sitzen – setzen, liegen – legen, hängen (hing – hängte) mit starker Konjugation der intransitiven Verben auf "wo?" und schwacher für transitive auf "wohin?" erinnern mich entfernt an Verbpaare in anderen Sprachen: die beiden Aspekte (unvollendet – vollendet) im Russischen usw., die Germanist kürzlich erwähnte (siehe hier), oder die zwei verschiedenen Konjugationstypen (unbestimmt – bestimmt) im Ungarischen, die wie die deutschen Beispiele und das englische, wie Herr Ludwig ausführte, etwas mit Transitivität zu tun haben, z.B.:
csókolni = küssen
unb.: (én) csókolok = (ich) küsse
best.: (én) csókolom = (ich) küsse Sie im Sinne von Küß die Hand!

Gibt es über solche Verb- bzw. Konjugationspaare eine allgemeine Theorie?

Bemerkenswert finde ich auch, daß Deutsche und englisch Sprechende einige dieser Formen so leicht verwechseln, was anscheinend z.B. für Russen und Ungarn nicht gilt, oder vielleicht doch?
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 21.04.2010 um 22.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16112

Auch mir drohte, wie ich anderswo hier schon berichtete, ein Zollbeamter des hochehrenwerten Staates Texas einmal, "you will be hung by sundown", wenn ich noch lange 7 amerikanische Cent Zoll diskutieren wollte, die ich m. E. nicht zu zahlen brauchte, für die er mit aber schon das Etikett an meine Flasche mexikanischen Wein geklebt hatte. Aber Verwechslungen sind hier nicht möglich: "hängen plus Akk.-Obj." = hang tr.; "hängen ohne Akk.-Obj." = "hang intr."
Gleiches gilt für engl. "lay" und "lie". Mein Arzt: "Lay down." Ich sage, sprachlich gut geschult: "What?" (mit fallender Intonation). Er: "Lay down" Ich sage: "What?" (weiterhin mit fallender Intonation). Er: "Lay down." Ich, der ich ja ein höflicher Mensch bin und besonders gern helfe, wenn's um sprachliche Dinge geht, jetzt: "You mean I should lie down?" Er: "Yes. Lay down."
Daß gewohnte Unterscheidungsmethoden durch andere ersetzt werden (reine Fälle durch präpositionale Ausdrücke z. B.), — na und? Das passiert schon in der Sprachgeschichte. Auch engl. "dove" für "dived" finde ich hier bei jedem Schwimmtrainer. Wenn ich denen das kommentiere und erkläre: "Nobody on your team has diven yet.", – am nächsten Wochenende jubiliert die ganze Mannschaft: "And we dove well, too."
Daß "frug" nicht weiter verbreitet ist, ist nur den Lehrern zu verdanken, nicht der "normalen" Sprachentwicklung, wenn auch in der (bestimmt[?]) noch nie einer was *gefragen hat. Und "backte" hat, meine ich, "buk" schon fast ganz ersetzt, aber ich glaube, noch keiner hat je ein Brot *gebackt.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 21.04.2010 um 19.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16110

In einem der ersten Kinderbücher, die ich selbst lesen konnte (ich kam 1943 in die Schule) endete die Geschichte vom tapferen Kasperle mit dem Vers: "Räuber Jaromir gefangen, Krokodil wird aufgehangen."
 
 

Kommentar von Heinz Erich Stiene, verfaßt am 21.04.2010 um 13.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1299#16109

Die Vermischung von hing und hängte ist bekanntlich sehr alt. Ich habe mir seinerzeit notiert:
Wilhelm von Kügelgen, Bürgerleben. Die Briefe an den Bruder Gerhard 1840-1867, hg. und mit einer Einleitung versehen von Walther Killy (München 1990), S. 745: „die Bilder, die ich aufhing“.
Joseph von Eichendorff, Ahnung und Gegenwart, Buch I, Kap. 5: „Der schöne Ritter zog sogleich eine dreifache Schnur von Perlen hervor und hing sie dem Fräulein um den Hals“.
 
 

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