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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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13.01.2010
 

Stämme und Wörter
Zur Unterscheidung zwischen Konstrukten und Ereignissen in der Wortbildung

Herr Riemer fragt im Diskussionsforum nach meiner Unterscheidung zwischen Stämmen und Wörtern. Das ist ein großes Thema für die ganze Sprachwissenschaft. Ich will es kurz aus meiner Sicht darstellen.

Stamm, Wurzel, Morphem, Phonem usw. sind theoretische Konstrukte, die man durch bestimmte Verfahren herstellt, es sind keine wirklichen Verhaltensabschnitte wie die Wörter oder Sätze. Schon Sütterlin scheint etwas ähnliches gemeint zu haben:
"Stämme sind sozusagen die Träger der Grundbedeutung, die einer Gruppe bedeutungsverwandter Einzelwörter gemeinsam ist. An sich sind sie in der Sprache nicht vorhanden, sondern sie werden aus der Form der von ihnen ausgegangenen Bildungen erschlossen, und zwar dadurch, daß man den einer Bedeutungsgruppe gemeinsamen Lautkörper aus der Hülle der ihn vorn und hinten umgebenden Zusätze herausschält." (Die deutsche Sprache der Gegenwart 1910:114)

Moderner drückt sich Ernst Pulgram zum Phonem aus:
"Phoneme is a class name, hence a phoneme cannot occur." (Ernst Pulgram: "Phoneme and grapheme: a parallel". Word, Bd. 7, 1951)

Man hat sich darauf geeinigt, diesen eigentlich nicht aussprechbaren Konstrukten eine sprechbare Form zuzuordnen, damit man sich überhaupt darauf beziehen kann. Aber dadurch werden sie nicht etwa homonym mit den wirklichen Formen. Eine Familie von Allophonen(= ein Phonem) kann man ja nicht eigentlich aussprechen, das ist klar.

Zur Erläuterung sei an die semitischen Wurzeln erinnert. Man hat sich darauf geeinigt, z. B. bei den Verben die 3. Pers. sg. perf. akt. zu sprechen: kataba (statt ktb). Wie heißt die Wurzel von deutsch "binden"? bind-, band, bund, bänd, bünd-?

In Haustür ist der erste Teil nicht das Wort Haus, sondern es ist ein Abschnitt, der systematisch auf den Stamm "Haus" bezogen ist, ohne bestimmte Wortart, Genus usw.

Ich weiß, daß diese Theorie die ganze Wortbildungslehre anders aussehen läßt, als sie in den stumpfsinnigen Lehrbüchern von Fleischer/Barz, Donalies usw. aussieht.

Verlegt man die Stämme (Morpheme) und die Wortformen auf dieselbe Ebene, gerät man in Schwierigkeiten.

Bei Verben wie kommen gibt es nach den üblichen Lehren eine mit dem Stamm „homonyme“ (bzw. sogar mit ihr als „unflektierte Stammform“ identische) Wortform komm! (Imperativ), der Stamm wäre also ein „freies“ Morphem. Bei lesen ist das aus historischen Gründen nicht der Fall: lies! (Barz, Donalies) Eine solche Ungleichbehandlung der Verbstämme nur wegen der historischen Zufälligkeiten des Flexionsparadigmas ist nicht wünschenswert.
Lühr kommt auf derselben begrifflichen Grundlage zu einem anderen Ergebnis:
„Ein Problem ist, ob z. B. {komm} in kommt ein freies Morphem ist, weil es dem Imp. komm! entspricht. Da es aber auch Imperative mit dem Allomorph -e wie arbeit-e gibt und in diesem Fall {arbeit}, wie eben bemerkt, ein gebundenes Morphem ist, betrachtet man der Einheitlichkeit wegen auch {komm} als gebundenes Morphem.“ (Rosemarie Lühr: Neuhochdeutsch. München 1986:143)
Im Widerspruch zu diesen Ausführungen erkennt Lühr in schiffbar das freie Morphem schiff und identifiziert es ausdrücklich mit dem Substantiv Schiff, obwohl -bar heute nur mit Verbstämmen zusammentritt (ebd. 144, 170). schiffbar ist laut DWb seit dem 17. Jahrhundert belegt und sicher vom Verbstamm abgeleitet, nicht mehr, wie es davor üblich war, vom Substantivstamm.
Bei Busch/Stenschke 2007 ist spül- in Spülmaschine eine „freies Morphem“, weil es den Imperativ spül! gibt.

Man kann, kurz gesagt, die Analyse eines Wortes nicht davon abhängig machen, was im Flexionsparadigma oder gar in den unendlichen Weiten des Wortschatzes sonst noch für Formen vorhanden sein mögen.



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Kommentare zu »Stämme und Wörter«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.02.2019 um 09.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#40796

Johannes Eriugena zum Beispiel leitet theos "Gott" gleich von zwei Verben ab: theoro "schaue" und theo "laufe", findet beide treffend und die doppelte Herleitung sogar stärker als eine einfache. Also die gleiche Methode wie im "Kratylos" und noch bis 1800, als die historische Sprachwissenschaft entstand - 2500 Jahre ohne den geringsten Fortschritt, ganz anders als die Naturwissenschaften im gleichen Zeitraum (mit Ausnahme des finsteren Mittelalters). Dabei ist die Sprache dem Menschen doch näher als die Gegenstände der Naturwissenschaften, und Johannes konnte ziemlich gut Griechisch, hatte also jederzeit zwei durchsichtig gebaute Fremdsprachen zur Hand. Trotzdem kam kein einziger Sterblicher in Europa auf die Grundlagen der Morphologie, die den alten Indern schon vor diesen 2500 Jahren sonnenklar waren. Es ist und bleibt erstaunlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2018 um 08.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#40345

Als es noch keine historische Sprachwissenschaft gab, hatte man auch noch keine Vorstellung davon, daß ein Wort (ein Stamm, eine Wurzel...) etymologisch auf genau ein anderes zurückzuführen sei, aus dem es sich gleichsam mechanisch (lautgesetzlich) entwickelt haben mußte. (Sonderfälle wie volksetymologische und analogische Veränderungen lasse ich beiseite.) Man spekulierte über die Bedeutung des Wortes und seiner Bestandteile, auch einzelner Laute, sogar numerologisch aus den Buchstaben, und je mehr schöne Vorstellungen sich damit assoziieren ließen, um so besser; daß die Erklärungen einer widersprachen oder aufhoben, sah man nicht und hätte diesen Einwand nicht verstanden, weil alles und jedes unendlich deutbar war.
Dem Interesse der Kirche kam es zum Beispiel entgegen, caelebs (ehelos) als caelo beatus (im Himmel selig) zu erklären (Isidor). Diese schon im „Kratylos“ exzessiv vorgeführte Methode herrschte über 2000 Jahre, obwohl alle wichtigen Daten zur Entwicklung der historischen Methode vorlagen. Aber vielleicht waren sie zu vertraut, als daß sie den entscheidenden Gedanken zugelassen hätten, der erst aufkam, als das Sanskrit hinzukam – das auch nichts wesentlich anderes bot als die bekannten Sprachen, aber eben unvertraut und mit seinen Entsprechungen überraschend war.
Obwohl jeder weiß, wie dem Kind sein Name gegeben wird, findet man nichts dabei, aus diesem Namen den Charakter oder das Schicksal abzuleiten usw.

Dies alles zeigt, daß die Menschen über ihre Sprache vergleichsweise wenig aufgeklärt waren und recht kindlich dachten, verglichen nämlich mit ihren naturwissenschaftlichen und mathematischen Fortschritten. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war dieses Mißverhältnis geradezu grotesk angewachsen (aus heutiger Sicht). Man findet es heute noch bei vielen Menschen.

Dieselbe Ungleichzeitigkeit setzt sich fort im geradezu kindischen Niveau der Semiotik – man denke an den "bilateralen Zeichenbegriff" und ähnliche Mystifikationen. Sollte es denn so schwer sein zu erkennen, wie Zeichen entstehen und funktionieren? Aber die Befangenheit in den mentalistischen Konstrukten der folk psychology wirkt wie eine Denkhemmung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.10.2017 um 08.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#36782

In Erzählungen kommen viele Bezeichnungen von Lebewesen und Gegenständen vor, entsprechend viele Wortstämme, die man kennen muß. Die Bildungssprache arbeitet dagegen mit wenigen geläufigen Wurzeln und Stämmen und kombiniert sie zu abstrakten Ausdrücken, deren Bedeutung sich geschichtlich in unvorhersehbarer Weise entwickelt, oft mehrfach terminologisiert. Von den Bestandteilen her, also etymologisch, würden wir niemals darauf kommen, was Verstand, Vernunft, Umsatz usw. bedeuten. Im Sanskrit ist das noch ausgeprägter. Was mag apādāna heißen? Oder samprasāraṇa? Darum sind Erzählungen zwar „wortweit“, aber doch in gewisser Weise leichter zu verstehen als Fachtexte mit ihrem scheinbar übersichtlicheren Vokabular.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.10.2017 um 17.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#36510

Kluge/Seebold weist auf die sehr späte Bezeugung von "Humpen" hin (17. Jhdt.!) und erwägt eher Verwandtschaft mit engl. "hump" und vielleicht studentensprachliche Verwendung eines Wortes, das eher "Klotz" bedeutet, für einen schweren Bierkrug. Vgl. Grimms Wb. zu "humpe".
"Kump" könnte nur über Entlehnung verwandt sein, unter Umgehung der Germanischen Lautverschiebung.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.10.2017 um 16.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#36509

Entschuldigung, das verstehe ich nicht.
Kumbha ist das gleiche Wort wie in Kumbh Mela und bedeutet Krug, richtig?
Humpen bedeutet auch Krug.
Wieso macht dann die Verwandtschaft dieser beiden (trotz stimmendem Anlaut) ausgerechnet semantische Schwierigkeiten? Ist nicht gerade die Semantik das, was so schön passen würde?

Ist der Kump(en) (Brunnen, Gefäß) nun mit ind. Kumbha verwandt oder nur zufällig ähnlich?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.10.2017 um 15.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#36508

Jeder kennt wenigstens aus den Medien die Kumbh Mela, das gigantische indische Fest mit mehreren Millionen Teilnehmern, heute erstaunlich gut organisiert und daher meist glimpflicher ablaufend als früher.
Der Name bedeutet eigentlich "Krug-Fest" (Näheres bei Wikipedia).
Der Marktbrunnen in meiner Heimatstadt Witzenhausen heißt "der Kump". Solche Kümpe gibt es auch anderswo.

Man sieht daran erstens, daß der Zwickel zwischen Fulda und Werra schon ins Niederdeutsche ragt, sonst müßte es "Kumpf" heißen. Ich habe auch durch meine Schwiegerfamilie (Mitteldeutschland und Berlin) das "Kümpchen" kennengelernt, das ist eine Dessertschale oder kleine Schüssel.

Die Verwandtschaft mit altindischem "Kumbha" ist erwogen worden, natürlich stimmt der Anlaut nicht, darum sind komplizierte Zusatzannahmen erforderlich. Stimmen tut er wieder bei "Humpen", was aber semantische Schwierigkeiten macht.

Schade, würde so schön passen!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.06.2017 um 09.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#35275

Wenn ein intelligenter Mensch mehrere verwandte Sprachen und dazu noch mehrere geschichtliche Stufen dieser Sprache kennt - also praktisch jeder gebildete Europäer -, dann müßte er doch, so denkt man, sozusagen von selbst auf die Etymologie kommen. Unsere heutigen Etymologen haben doch auch nichts anderes zur Verfügung, es liegt gewissermaßen alles offen zutage, man braucht nicht auf Mikroskope zu warten. Bekanntlich war es nicht so.

Sieht man von dichterischen Spekulationen ab, war Platons Kratylos ein erster Höhepunkt der vorwissenschaftlichen etymologischen Spekulation: Platon wußte offenbar, daß er nichts "Belastbares" (wie man heute sagt) vorlegen konnte, daher der scherzhafte Grundzug des Textes. Es ist sicher falsch, seine spielerische Haltung darauf zurückzuführen, daß er etwas Besseres in der Hand hatte. Nein, die gesamte Antike und die folgenden tausend Jahre haben in dieser Hinsicht nicht die kleinsten Fortschritte gemacht. Vittore Pisani zeigt es sehr schön (Die Etymologie. München 1975). Selbst bei einem so klugen Mann wie Varro findet man haarsträubende Denkfehler. Sie beruhen alle darauf, daß es der europäischen Grammatik nie gelungen war, jene sachgerechte Aufteilung der Wörter in Wurzeln, Stämme, Affixe vorzunehmen, die der indischen Grammatik vom ersten greifbaren Anfang an selbstverständlich war. Aber die Inder haben die Etymologie aus einem ganz anderen Grund auch nicht entdecken können. Dazu fehlte ihnen das geschichtliche Denken überhaupt. Es gab die vedische und die "reine" Sanskritsprache, zusammen behandelt von Panini und anderen, die sich zwar jederzeit bewußt waren, welche Formen vedisch (Vermerk "chandasi") und welche nachvedisch waren, aber der ganze Rest war Verfall, nicht Entwicklung. Dabei war die "synchrone etymologische Kompetenz" (wie Augst sagen würde) hoch entwickelt; der Zusammenhang mit Verbwurzeln zum Beispiel wurde weiträumig und im wesentlichen richtig erfaßt.
Diese Kenntnis der sachgemäßen Zerlegung der Wörter mußte mit dem geschichtlichen Sinn der Romantik zusammentreffen, um die Etymologie zu ermöglichen, die dann im 19. Jahrhundert geradezu explodierte.

Der Fall ist exemplarisch wegen des anfangs genannten Tunnelblicks: Es liegt alles vor Augen, und doch sieht man es nicht.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 19.02.2017 um 13.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#34559

Sehr modisch auch das Suffix[-oid?] -technisch, erst gestern wieder im DLF gehört
(http://www.deutschlandfunk.de/tarifabschluss-im-oeffentlichen-dienst-neue-entgeltstufe.1766.de.html?dram:article_id=379305):

(...) Entgeltstufe sechs. Sie wird es für Angestellte mit langer Berufserfahrung und Akademiker geben, für die bislang einkommenstechnisch irgendwann Schluss war.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2017 um 05.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#34552

Hier sind noch ein paar Kandidaten:

Schlüssel-
General-
Kult-
Berufs-

Zu letzterem:

"Berufs- im Subst, begrenzt produktiv; verwendet, um auszudrücken, dass jemand eine Tätigkeit als Beruf ausübt; Berufsboxer, Berufsfeuerwehr, Berufsmusiker, Berufsschauspieler, Berufssoldat, Berufssportler"
(Langenscheidt DaF; hier ist also schon der Affix-Charakter angedeutet, denn bei Komposita kann man nicht von "Produktivität" sprechen.)

Dazu kommen noch die ironischen Anwendungen wie Berufsschlesier.

Be|rufs|ju|gend|li|che (ugs. abwertend für sich bemüht jugendlich gebender Mensch) (RS-Duden)

Affixoide tendieren zu Einsilbigkeit und Unbetontheit. (Munske)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2017 um 05.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#34551

Es bleibt kaum noch Platz für Zusammensetzungen. Schließlich sind Komposita immer irgendwie spezialisiert gegenüber der rein analytischen Bedeutung, darum werden sie ja gebildet (wenn nicht ganz ad hoc). Natürlich gibt es eine Übergangszone, in der auch die lautlichen Reduktionen der Affixe noch nicht wirksam sind, aber diese Übergangszone so auszuweiten scheint mit nicht sinnvoll.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.02.2017 um 21.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#34550

Solange Suffix und Suffixoid, Präfix und Präfixoid auseinandergehalten werden, sollte das doch ungefährlich sein. Was spricht für eine engere Definition eines losen Begriffs?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2017 um 17.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#34549

Wenn man den Begriff des Affixoids so großzügig auslegt, wie es heute oft gehalten wird, ist -keule ein Suffixoid und Vorzeige- ein Präfixoid. Beide Kriterien – Reihenbildung und Idiomatisierung – sind erfüllt. Aber wohin soll das führen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2016 um 05.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#33005

Indien hat 2004 eine Briefmarke zu Ehren Paninis herausgebracht: http://www.istampgallery.com/panini/

Sie zeigt den Meister schreibend, was sicherlich ein Anachronismus ist. Er kannte die Schrift, verwendete sie aber nicht für ernsthafte Zwecke.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.07.2016 um 14.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#32834

„Der Veda ist die älteste uns erhaltene Literatur Indiens; sie umfasst das religiöse Wissen der Brahmanen, der Dichter und Priester der vedischen Periode (etwa 1500–500 v. Chr.). Diese Texte wurden (...) ohne Kenntnis der Schrift verfasst und sind bis heute (fast) ohne Textveränderungen streng mündlich, wie eine 3000 Jahre alte 'Tonbandaufnahme', überliefert worden.“ (Michael Witzel: Das alte Indien. München 2003:24).

Mitsamt den Akzenten, kann man hinzufügen, weshalb der Vergleich mit einer Tonbandaufnahme zutrifft.

Norbert Oettinger führt diese Tatsache gegen die (eurozentrische) These an, daß mündliche Überlieferung kaum über zwei bis drei Generationen hinausreiche.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.04.2016 um 13.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#32455

Stämme sind keine "freien Morpheme", auch wenn sie scheinbar "gleich lauten". Im eigentlichen Sinn können Wörter und Stämme nicht gleich lauten oder "identisch sein" (Gallmann), weil sie ganz verschiedenen Status haben. Wörter gibt es, Stämme nicht.

„Der reine Stamm aber ist in dem uns vorliegenden Zustande der indogermanischen Sprachen eine gelehrte Abstraktion, zu der wir durch grammatische Analyse gelangt sind.“ (Hermann Jacobi: Compositum und Nebensatz. Bonn 1897:1)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.04.2016 um 17.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#32425

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15550

Ich bin gegen die großzügige Ansetzung von Suffixoiden. Seidelmann wendet ein operationalisierbares Verfahren an:

Schulzeug = Kompositum, weil "Zeug für die Schule"
Schuhzeug = Suffixoid-Ableitung, weil kein Syntagma möglich.

Zeug für die Schule ist am Rande des Üblichen. Aber ich habe ein stärkeres Gegenargument: Schuhe und anderes Zeug – folglich sind die Schuhe auch Zeug!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.12.2015 um 08.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#30904

Die Sprachgeschichte ist voller Zufälle, und wir wissen oft nicht, warum eine Ausdrucksweise sich durchsetzte und eine andere nicht.

Zum Beispiel haben sich die Zusammenrückungen zufrieden, vorhanden u. a. aus den präpositionalen Gefügen zu normalen Adjektiven entwickelt und werden flektiert, aber vonnöten ist auf halbem Weg stehengeblieben und wird nicht attributiv gebraucht. Früher gab es das aber mal, und die Negationsform unvonnöten war lange sehr gebräuchlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.12.2015 um 18.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#30806

Den verschiedenen "Werken" (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15550) möchte ich ehrenhalber noch das Weckewerk hinzufügen, das die meisten nicht kennen werden. Meiner Frau mußte ich es auch erst erklären, und meine Töchter werden es wahrscheinlich nie zu essen kriegen. Eigentlich schade, unsere nordhessischen Metzger wurden nicht zuletzt nach der Qualität ihres Weckewerks beurteilt. Noch besser war das bei Hausschlachtungen hergestellte. Ich muß aber zugeben, daß es besser in die Nachkriegszeit paßte...
Jedenfalls ist auch dieses "-werk" eine organisierte Sache und nicht einfach eine Anhäufung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.10.2015 um 13.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#30323

Joachim Latacz (Homers Ilias 2014) meint, die Art der Iliaszitate bei Alkaios "beweise", daß dem Lyriker die Ilias schriftlich vorgelegen hat. Letzteres nehme ich zwar auch an, aber der Beweis ist nicht stichhaltig. Natürlich kann man so nicht zitieren, wenn ein Werk "nur aus Rhapsodenvortrag bekannt" ist, aber auswendig Gelerntes kann man grundsätzlich ebenso raffiniert zitieren wie schriftlich Vorliegendes.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.10.2015 um 07.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#30234

Der Wissenschaftsteil der FAS (11.10.15) berichtet über Forschungen zu Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Die bekannten Unterscheidungen von Koch/Oesterreicher werden erwähnt. Ich habe schon gesagt, daß es sinnlos war, einer rein mündlichen Kultur wie der vedischen „konzeptionelle Schriftlichkeit“ zuzuschreiben. (Das hat man für diesen Einzelfall auch nicht getan, weil Indien überhaupt außerhalb des Gesichtskreises blieb.) Auch „Sprache der Distanz“ ist nicht die richtige Kategorie für durchgeformte Dichtung. Zugrunde liegt die Annahme, schlichte Alltagsprosa sei der Nullpunkt der Sprache, über den sich dann die durchgeformten Sprechweisen erhöben. Das ist aber sehr fraglich. Religiöse Dichtung ist nicht im Sinne „förmlichen Sprechens“ (wie respektvolles Reden zwischen Fremden und Ungleichen) durchgeformt, sondern wegen der magischen Qualitäten des heiligen Textes. Davon leben auch die säkularisierten Formen noch. Es geht ja nicht um soziale "Distanz", das wäre bloß ein Wortspiel.
Was Homer betrifft, werden wieder einmal die subtilen Querbezüge als Beweis für Schriftlichkeit angeführt. Als wenn es leichter wäre, die Übersicht zu behalten, wenn der Verfasser einen Eimer voll Papyrusrollen neben sich hat! Das Ganze im Kopf zu haben ist doch eine viel bessere Voraussetzung.
Indien wird wieder einmal nicht erwähnt. „Das“ Mahabharata gibt es ja eigentlich gar nicht, nur unzählige mündlich weitergegebene Fassungen, aus denen man dann die verschiedenen schriftlichen „Rezensionen“ herstellen kann, wie einst das Staatsexemplar der Ilias.
Freilich kannten die Griechen zu Homers Zeit die Schrift. Aber auch in Indien war die Schrift früh bekannt, wurde aber eben nicht für die Überlieferung von Epos und sogar Lehrtexten (Paninis Grammatik) benutzt. Noch heute wird Panini auswendig gelernt – wozu denn wohl? Die Vorstellung, das Mahabharata sei vorgelesen worden oder die Barden hätten den Text aus Schriften gelernt, ist abwegig.
Man muß versuchen, sich in eine Kultur hineinzudenken, in der ein irgendwo aufbewahrtes „Buch“ nicht denselben lebenspraktischen Wert hat wie der auswendig beherrschte und besessene Text.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.10.2015 um 15.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#30213

Zu einigen Zitaten aus dem AT und Platons Kratylos über die Richtigkeit der Namen:

„Bedenken Sie: Alle diese Texte sind Übersetzungen. – Was könnte es mit dem Übersetzungswort Name auf sich haben? Es geht um das griechische Wort Logos.“ (Hans Jürgen Heringer/Rainer Wimmer: Sprachkritik, Paderborn 2015:54)

Aber das AT ist auf hebräisch geschrieben, und in Platons Dialog geht es um onomata, nicht um den logos.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.09.2015 um 14.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#29943

Freilich, aber hier geht es nicht um die Entwicklung der Sprache, sondern um die "Reflexion" über sie, also die Linguistik, s. a. hier

http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#22141 (gerade auch zu Krischke, der sich nun implizit korrigiert)

und hier

http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#22252
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.09.2015 um 12.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#29942

Die altgriechische Sprache vor Homer und der Verschriftlichung durch das Alphabet war auch schon voll entwickelt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.09.2015 um 05.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#29939

Wolfgang Krischke (FAZ 15.9.15) wundert sich in seiner Besprechung eines Buches von und über Émile Benveniste darüber, daß der große Indogermanist und Sanskrit-Kenner das Verhältnis von Sprache und Schrift so falsch bestimmt: Erst Schrift ermögliche die Objektivierung der Sprache usw. (also wie Jack Goody und viele andere). Er erinnert an die altindische Grammatik, die Benveniste natürlich gut kannte und die rein mündlich entwickelt worden war. Ein weiterer Irrtum des großen Mannes (vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#27669).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.07.2015 um 09.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#29437

„Die Indischen Grammatiker fassen die Nomina (sowohl Substantive, als Adjektive, Pronomina und Zahlwörter), in ihrem absoluten, von allen Casusverhältnissen unabhängigen, und von allen Casuszeichen entblöſsten Zustande auf, und nehmen daher eine Grund- oder Stammform an, zu welcher der Nominativ und die obliquen Casus der drei Zahlen sich als abgeleitet verhalten. Diese Grundform kommt häufig in zusammengesetzten Wörtern vor, indem die ersten Glieder eines Compositums aller Casusendungen beraubt, und somit identisch mit der Grundform sind, insofern nicht die Wohllautsregeln eine Veränderung des Endbuchstaben nothwendig machen.“ (Franz Bopp: Ausführliches Lehrgebäude der Sanskrita-Sprache. Berlin 1827, § 115)

Wilhelm Schulze kommentiert: „Welch ein Abstand von jener primitiven, ja rohen Lehre der antiken Grammatik, die willkürlich den Nominativ als Ausgang wählte und auf ihn ganz mechanisch nicht nur die übrigen Kasus, sondern auch Komposita wie eosphoros und kerasphoros (orig. griechisch) bezog!“ (Kl. Schr. Göttingen 1934: 5f.)

Unsere heutigen deutschen Wortbildungslehren sind zu jener rohen Grammatik zurückgekehrt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.06.2015 um 15.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#29224

Noch einmal zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#22383

„Es ist heute zu Recht fast unbestritten, dass Homer seine Epen geschrieben oder diktiert hat. Aber in erster Linie waren sie zum mündlichen Vortrag bestimmt, als Textbücher für Rhapsoden (epische Vortragskünstler), die wohl vor allem bei mehrtägigen (panhellenischen) Festen damit aufgetreten sind.“ (Wilfried Stroh: Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom. Berlin 2009:26, Fn.)

Der Rhapsode trug mündlich vor, das sagt Stroh selbst. Dazu hielt der Sänger ja auch noch ein Instrument in den Händen. Es gibt auch kein Vasenbild, auf der einer anders als so dargestellt wäre. Sollen wir uns wirklich vorstellen, daß der Rhapsode den Text aus einer Schriftrolle auswendig lernte? Das ist für die spätere Zeit möglich und sogar wahrscheinlich, aber nicht für die ältere. Auch aus anderen Kulturen wissen wir, daß große Textmassen durch Vorsagen und Nachsprechen gelernt werden können. Die homerischen Verse sind optimal eingängig, durch die zahllosen Wiederholungen von Abschnitten, Versen und Halbversen kann ein Rhapsode jederzeit seinen Text neu zusammenfügen. Später wurde dann in Athen ein Staatsexemplar schriftlich fixiert. Da ging es aber mit den Rhapsoden zu Ende, es kamen die bloßen Rezitatoren wie heute.

Was den legendären Dichter selbst betrifft, so scheint immer nur das Argument vorgebracht zu werden, das ich aus Heubeck zitiert habe: die Komplexität der Ilias sei nur schriftlich möglich gewesen. Aber das ist überhaupt nicht einleuchtend. Gerade an einem Text, den ich im Kopf habe, kann ich arbeiten und Bezüge herstellen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.01.2015 um 05.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#27894

Zu #23217:

Wie ich gerade sehe, gibt es ein sehr gutes Video dazu, nur viereinhalb Minuten, das ich wärmstens empfehle:

www.unesco.org/culture/ich/index.php?lg=en&pg=00011&RL=00062

Beachten Sie bitte auch die Verbindung mit Handgesten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2014 um 14.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#27058

Nichts gegen die Araber, aber deren Abhängigkeit von den Griechen ist ja allgemein bekannt, und zu ihren großen Verdiensten gehört die Bewahrung der antiken Wissenschaften. Das Dezimalsystem war weit verbreitet, die Stellenschreibweise mit oder ohne Null ist indisch. In der Sprachwissenschaft gibt es bemerkenswerte Erkenntnisse zur Determination, das haben wir anderswo schon besprochen; es lag ja von der Struktur der Sprache her auch viel näher als z. B. im Lateinischen. Aber das ist natürlich alles nichts im Vergleich mit der altindischen Grammatik 1500 Jahre früher. Noch einmal Wilhelm Rau:

"Sobald [die Inder] ungefähr im 5. Jahrhundert v. Chr. von Semiten die Schrift übernahmen, brachten indische Grammatiker die völlig willkürliche Reihenfolge der Buchstaben, an der bis heute sonst niemand Anstoß genommen zu haben scheint, in eine wohldurchdachte Ordnung. Es kam ihnen dabei zustatten, daß ihre Vorgänger bereits in vedischer Zeit eine wissenschaftliche Phonetik geschaffen hatten." (a.a.O. 43)

Und das ist nur ein Beispiel für die unfaßbare Überlegenheit, mit der diese Hungerleider an ihren Gegenstand herangingen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.10.2014 um 12.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#27057

Wieder einmal wurden die arabischen Wissenschaftler ignoriert. Die erste arabische Grammatik war die des Sibawaih, eines arabisierten Persers, der um das Jahr 793 u.Z. starb. Quelle: Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität, Eine andere Geschichte des Islams, S. 230.
Aber es gibt Besserung: Man kann T-Shirts kaufen, auf denen die Muslime für alles um Entschuldigung bitten, was sie den Europäern angetan haben: die arabischen Zahlzeichen, das Zehnersystem, die Dezimalbrüche, die Algebra, die Chemie, die Medizin, die Physik, die Astronomie, also das Ende des finsteren europäischen Mittelalters.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2014 um 05.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#27043

„Diese Grammatik, die Astadhyayi, war nicht nur die erste wissenschaftliche Darstellung irgendeiner Sprache, sondern auch beinahe 2300 Jahre lang die einzige. Bis hart an die Schwelle der Gegenwart hatte ihr die übrige Welt nur höchst unvollkommene, dilettantische Versuche entgegenzustellen. PLATON im Kratylos, ARISTOTELES in der Poetik, die stoischen Sprachphilosophen (Analogisten wie Anomalisten), die lateinischen Grammatiker des Mittelalters, ja noch LEIBNIZ, blieben weit hinter PANINI zurück, wirken mit ihm verglichen öfter geradezu kindlich. So war es allein sein Werk, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch HENRY THOMAS COLEBROOKE in Europa bekannt gemacht, alsbald FRANZ BOPP und die ihm folgende Generation zu Begründern der vergleichenden indogermanischen Sprachwissenschaft werden ließ.“
(Wilhelm Rau: Indiens Beitrag zur Kultur der Menschheit. Wiesbaden 1975:45 f.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.07.2014 um 06.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#26303

Ich habe weder auf jemanden eingedroschen noch einen Nachruf kommentiert. Vielmehr habe ich meine frühere Kritik an einer Theorie wiederaufgenommen und nochmals begründet. Andere Arbeiten ohne Begründung für "gelungen" zu erklären tut niemandem weh, bringt aber auch nicht weiter.
 
 

Kommentar von Johannes Kabatek, verfaßt am 11.07.2014 um 19.12 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#26300

Ich finde den Kommentar zu Wulf Oesterreichers Nachruf auf Peter Koch vollkommen unangebracht. Erstens wird bei Koch/Oesterreicher bewusst von Nähe und Distanz gesprochen, zweitens hat die Differenzierung den Hintergrund für unzählige sehr gelungene Untersuchungen gebildet und drittens scheint es doch pietätlos, auf einen eben verstorbenen Kollegen einzudreschen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.07.2014 um 12.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#26290

Der Romanist Peter Koch ist verstorben, sein Kollege Wulf Oesterreicher hat ihm in der FAZ einen Nachruf gewidmet. Beide zusammen haben die Lehre von Schriftlichkeit und Mündlichkeit stark beeinflußt - leider, muß man sagen, denn die Unterscheidung von medialer und konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit war von Anfang an verfehlt und ist durch nachträgliche Verfeinerungen nur unverständlicher, aber nicht richtiger geworden. Sie beruht auf der eurozentrischen Voreingenommenheit für die Schrift und konnte nur von Menschen entwickelt und übernommen werden, die nicht in genuin mündlichen Kulturen Bescheid wissen. Durchgeformte, mündlich verfaßte und mündlich überlieferte Textmassen wie in der hier immer vorbildhaften indischen Kultur "konzeptionell schriftlich" zu nennen geht an der Sache so gründlich vorbei, daß nichts mehr zu retten ist. Aber zahllose linguistische Einführungen plappern es nach.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.04.2014 um 13.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#25682

Eisenberg (Grundriß I) unterscheidet mit einigen neueren Autoren:

Flexionsstammform (klag-)
Derivationsstammform (kläg-)
Kompositionsstammform (Klage-)

Er erwähnt nicht, daß bei der Derivation nur (ehemals) i-haltige, also umlautende Suffixe für diesen Stamm in Frage kommen. (Also nicht -bar, -haft, -heit, -sam, -schaft, -tum, -sal, -ung)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.01.2014 um 12.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#24903

„Erst durch die Schrift wird die Identifizierbarkeit und Reidentifizierbarkeit von Grundbausteinen der Sprache tatsächlich gewährleistet. Das Phonem als abstrakte, unteilbare, sinnlich nicht wahrnehmbare Grundeinheit im Sprechereignis, erweist sich in dieser Perspektive als ein Epiphänomen des Graphems.“ (Sybille Krämer: "Ich ziehe den Schluss, dass es so etwas wie eine Sprache gar nicht gibt?" Vom Sprechen und der Sprache. www.fu-berlin.de/presse/publikationen/fundiert/archiv/2001_01/2001_01_kraemer/index.html)

Hätte die Philosophin die geringste Kenntnis der altindischen Sprachwissenschaft, über 2500 Jahre die fortgeschrittenste der Welt, wäre sie nicht zu solchen Fehlurteilen gekommen. Auch sonst wird hier munter drauflos philosophiert, weil es sich scheinbar mit der Sprache so verhält, wie man meint, daß es sich mit ihr verhalten muß. "Eine Wirklichkeit ist nicht vonnöten." (Gottfried Benn)

Übrigens sind Phoneme nicht die Bausteine der Sprache, denn man kann Wörter zwar in Phoneme zerlegen, sie sind aber nicht aus ihnen aufgebaut. Das ist der Unterschied zu Wörtern, aus denen man tatsächlich Sätze aufbaut. Es bedurfte in der Tat einer außergewöhnlichen Anstrengung und Abstraktionsleistung, um Wörter in Phoneme zu zerlegen, aber die indischen Gelehrten haben das ohne Schrift geschafft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.05.2013 um 12.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#23217

Bei Wikipedia ("oral literature") kann man auch nachlesen, was Staal, Filliozat und andere Indologen ausführlicher darstellen:

In ancient India, memorization of the sacred Vedas included up to eleven forms of recitation of the same text. The texts were subsequently "proof-read" by comparing the different recited versions. Forms of recitation included the jaṭā-pāṭha (literally "mesh recitation") in which every two adjacent words in the text were first recited in their original order, then repeated in the reverse order, and finally repeated again in the original order.[3] The recitation thus proceeded as:
word1word2, word2word1, word1word2; word2word3, word3word2, word2word3; ...
In another form of recitation, dhvaja-pāṭha (literally "flag recitation") a sequence of N words were recited (and memorized) by pairing the first two and last two words and then proceeding as:
word1word2, word(N-1)wordN; word2word3, word(N-3)word(N-2); ...; word(N-1)wordN, word1word2;
The most complex form of recitation, ghana-pāṭha (literally "dense recitation"), according to (Filliozat 2004, p. 139), took the form:
word1word2, word2word1, word1word2word3, word3word2word1, word1word2word3; word2word3, word3word2, word2word3word4, word4word3word2, word2word3word4; ...
That these methods have been effective, is testified to by the preservation of the most ancient Indian religious text, the Ṛgveda (ca. 1500 BCE), as a single text, without any variant readings. Similar methods were used for memorizing mathematical texts, whose transmission remained exclusively oral until the end of the Vedic period (ca. 500 BCE).

Ich habe das mal hier eingefügt, weil es so anschaulich ist. Fremde Kulturen – davon spricht man ja gern, aber die wenigsten haben eine Ahnung, wie fremd es in Wirklichkeit zugehen kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.05.2013 um 12.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#23209

Hier noch einmal das Vorurteil in reiner Form:

"Es ist die Schriftkultur – und noch mehr: die Alphabetkultur –, die eine totale Verdinglichung des Sprechens durch die Schaffung des visuell gebundenen (und auditiv entbundenen) Begriffs der Sprache ermöglicht/erzwingt und die Idee überhaupt aufkommen läßt, daß Texte grammatisch strukturierte Wortketten mit jeweils eigenen Bedeutungen seien, die sich zu einem Sinnganzen zusammenfügten. Unsere Vorstellungen von grammatischen Relationen und Strukturen entstammen der durch die Alphabetkultur begründeten und durch die Buchkultur totalisierten zweidimensionalen Visualisierungskultur."
(Vilmos Ágel)

Im Gegensatz zu den germanistischen Klassikern, die jederzeit anerkannten, was sie der indischen Nationalgrammatik verdankten, glauben die Heutigen das einfach ignorieren zu können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.05.2013 um 12.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#23154

Sehr unterhaltsam:

de.wikipedia.org/wiki/Indogermanische_Fabel

www.youtube.com/watch?v=SU5qI1MCzss

www.youtube.com/watch?v=Xfr340MIo-Y
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.05.2013 um 08.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#23144

Die Deutsche Wortbildung des IDS (Bd. 2:26) stellt die lautliche Struktur der Morpheme dar, und weil sie Suffixoide annimmt, haben -wesen, -mittel, -gerät die Struktur kvkvk. Ebenso bei den „Präfixen“ Affen- (vkvk), Haupt- (kvkk) usw. Das ist ziemlich sinnlos. Diese Teile haben einfach die normale Struktur deutscher Wörter, was sie ja auch sind. Interessant wäre ja nur der reduzierte Vokalismus der echten Präfixe (be-, ge-).

Im dritten Band über die Adjektiv-Präfixe setzt sich das fort: hyper- (kvkv), inter- (vkkvk) usw. „Auch sechsphonemige Lehnpräfixe kommen vor: extra-, krypto-.“ (27)

Das Verfahren bezeugt die Ratlosigkeit der synchronen Wortbildungslehre: Was soll man mit den Wörtern anfangen? Historisch erklären darf man sie nicht. Da beschreibt man eben mal die phonologische Struktur der Affixe, auch wenn weiter nichts daraus folgt.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 05.05.2013 um 18.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#23140

Vor dem (indogermanischen) Perserreich gab es das (indogermanische) Hethiterreich, mit dem die mykenischen Griechen engen diplomatischen Kontakt hatten, wie man aus hethitischen Sprachdenkmälern ersehen kann, denn die Hethiter konnten schon vor den Griechen Berichte schreiben, wenn auch mit Keilschriftzeichen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.05.2013 um 16.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#23139

„Da die alten Griechen nicht nachhaltig genug in Kontakt standen mit einer anderen, ähnlich differenzierten Sprache wie beispielsweise dem Sanskrit in Indien, war es vielleicht nicht naheliegend, ein philosophisches Bewusstsein von der Bedeutung verschiedener Sprachen für das Denken zu entwickeln.“ (Rolf Elberfeld: Sprache und Sprachen. Eine philosophische Grundorientierung. Freiburg 2012:21)

Die Griechen hatten ständig engen Kontakt z. B. mit den Persern. Welches Volk des Altertums hat sich schon für andere Sprachen interessiert? Übrigens sprachen die Perser eine sehr ähnliche Sprache wie die Inder, haben aber trotzdem keine Sprachwissenschaft wie diese entwickelt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.01.2013 um 06.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#22383

Hier noch ein ziemlich bekannter Aufsatz von Frits Staal, den man auch ohne Sanskritkenntnisse lesen kann:
„The Fidelity of Oral Tradition and the Origins of Science“ (Mededelingen der Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen, Afd. Letterkunde 49/8. Amsterdam u. a.1986:250-288)

Staal zeigt darin, mit welchen - für uns geradezu unfaßbaren - Methoden die getreue Überlieferung der Veden sichergestellt wurde. Es gibt auch im Veda kleinere Varianten, wie schon Wackernagel 1896 im ersten Band seiner altindischen Grammatik erklärt, aber die Zweifel von Walter Ong u.a. an der vielgerühmten Texttreue sind trotzdem unbegründet. Veda-Zitate in ebenfalls sehr alten anderen Texten zeigen stets genau denselben Wortlaut wie der Urtext selbst. Die Texttreue der mündlichen Überlieferung von Ritualtexten ist nahezu perfekt. Epen und andere Unterhaltungsliteratur dagegen arbeitet mit den bekannten, immer wieder neu zusammengefügten Halbfertigteilen, wie von Milman Parry und anderen nachgewiesen und auch bei Homer und den indischen Nationalepen lange bekannt und dokumentiert.
Das Auswendiglernen des Rigveda dauert nach Staals Schätzung 5 Jahre, während Paninis Grammatik sehr schnell gelernt wird (wie ich selbst bestätigen kann), vor allem weil man in der Regel als Kind damit anfängt, natürlich ohne ein Wort zu verstehen. Letzteres trifft auch auf den Rigveda zu.
Bei Panini kann man keine Silbe ändern, ohne daß im ganzen Werk Folgen eintreten. Dieser Beziehungsreichtum ist unüberbietbar. Daran scheitern die Thesen westlicher Schriftlichkeitstheoretiker, wenn sie z.B. so argumentieren:

„Der Beziehungsreichtum, die vielfältige Verflochtenheit des Ganzen und die Zentrierung des Geschehens: all dies deutet darauf hin, daß hier die Möglichkeiten improvisierenden mündlichen Dichtens überschritten sind, mit anderen Worten: daß hier die Grenze zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit das erste Mal bewußt und absichtlich übersprungen ist, daß eine Dichtung wie die Ilias nur mit Hilfe der Schrift hat konzipiert und gestaltet werden können. Die eben gewonnene Vertrautheit der Griechen mit der Kunst des Schreibens und der wache Blick eines genialen Dichters für die ihm zur Verwirklichung neuer Intentionen durch die Schrift gebotenen Möglichkeiten sind hier in einem glücklichen Kairos zusammengetroffen.“ (Alfred Heubeck: Die homerische Frage. Darmstadt 1974: 149)

Vielleicht hat Homer geschrieben, aber so kann man es nicht beweisen. Es ist sehr schwer, in Papyrusrollen den Überblick zu behalten, bei indischen Bündeln von beschriebenen Palmblättern ist es geradezu unmöglich. Die Pandits haben alles im Kopf, können zu jedem Stichwort die vorangehenden und nachfolgenden Textteile zitieren usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.01.2013 um 10.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#22252

Eine hervorragende Arbeit, auch für Nicht-Indologen verständlich, ist diese:

Harry Falk: "Goodies for India – Literacy, Orality, and Vedic Culture". In: Wolfgang Raible, Hg.: Erscheinungsformen kultureller Prozesse. Tübingen 1988:83-102.

Den berühmten Jack Goody und seine starken Thesen kann man nach der Lektüre nicht mehr ernst nehmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.12.2012 um 16.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#22141

„Tatsächlich ist schon die scheinbare Selbstverständlichkeit, dass wir beim Sprechen einzelne Wörter aneinanderreihen, eine von der Schrift geprägte Vorstellung, denn die gesprochene Sprache ist nichts als ein kontinuierlicher Fluss von Lauten, erst die Schrift macht durch ihre Abstände Wörter erkennbar.“

(Wolfgang Krischke in einer Besprechung des neuen Buches von Utz Maas: Was ist deutsch? München 2012, FAZ 6.11.12)

Das wird durch die früheste und außerordentlich durchdachte altindische Grammatik widerlegt, die an keiner Stelle von der Schriftlichkeit beeinflußt ist. Angefangen hat sie mit orthoepischen Darlegungen, die eine korrekte Veda-Rezitation gewährleisten sollten, natürlich ohne Rücksicht auf eine etwa schon bekannte Schrift. Dann ging es um die Zerlegung des Textes, die wegen des durchgreifenden Sandhis kein kleines Problem war. Neben der eigentlichen Rezitierfassung entstand eine Wort-für-Wort-Fassung mit aufgelöstem Sandhi. Sie wird zum Zwecke der getreuen Überlieferung ebenfalls mündlich überliefert und aufgesagt. Panini lehrt Wortbildung und Flexion der Wörter, zweifelt keinen Augenblick an der Wirklichkeit von Phonemen und Wörtern usw. Die raffinierte Sphota-Lehre hat keine Parallele in der vergleichsweise stumpfsinnigen abendländischen Grammatik.

Es wäre wirklich dringend nötig, sich einmal von diesen abendländischen Vorurteilen zu befreien.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.12.2012 um 08.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#22131

Paninis Grammatik des Sanskrit ist nur so umfangreich wie ein kleines Vokabelheft, geht aber erstaunlich ins Detail. So stellt Regel 8.2.83 fest: "Der letzte Vokal in der Antwort auf den Gruß eines anderen, außer wenn er ein Shudra ist, wird dreifach gedehnt." Sehr feine Beobachtung und zweifellos korrekt.
Die extreme Kürze wird durch eine halbkünstliche Sprache erreicht, die, wie u. a. Filliozat gezeigt hat, vollständig auf Sprechbarkeit angelegt ist, im Gegensatz etwa zu den Buchstabenkürzeln, die Aristoteles in seiner Syllogistik verwendet. Die genannte Regel beispielsweise lautet: pratyabhivâde ashudre. Diese Tatsachen könnten manche verkehrten Ansichten über Mündlichkeit und Schriftlichkeit korrigieren.
Wer es genauer wissen will: Pierre-Sylvain Filliozat: „Formalisation and Orality in Panini’s Astadhyayi“. Indian Journal of History of Science 28/1993:291-301 – Hier abrufbar (PDF-Datei).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2012 um 10.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#20147

Der große Indologe Frits Staal ist gestorben. Im Nachruf der FAZ wird vor allem seine Pionierarbeit über Rituale hervorgehoben. Er war aber auch ein hervorragender Kenner der altindischen Grammatik, besonders Paninis. Sein Sammelband "A Reader on the Sanskrit Grammarians", Cambridge Mass.1972 (nachgedruckt von Motilal, Delhi) steht in der Handbibliothek jedes Indologen. Staal hat Panini als Vorläufer Chomskys gewürdigt, welch letzteren er sehr verehrte. In diesem Punkt kann ich ihm zwar nicht folgen, aber die Paninistudien sind natürlich trotzdem sehr anregend. Zu dumm, daß man weder diese noch den Sammelband nutzen kann, wenn man nicht gewisse Sanskrit-Kenntnisse erworben hat. Das Wunder der indischen Nationalgrammatik bleibt daher vielen Menschen verschlossen, die ansonsten bestimmt Sinn dafür hätten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.03.2010 um 16.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15882

Die abendländische Sprachwissenschaft ist schriftgeleitet. Das erkennt man schon äußerlich an der Etymologie des Wortes "Grammatik". Die stoischen Grammatiker hangeln sich bei der Beschreibung der Laute an den Buchstaben entlang. Die antike Phonetik ist entsprechend kläglich. Eine knappe Darstellung findet man z. B. in Berthold Delbrücks "Einleitung in das Studium der indogermanischen Sprachen".

Die altindische Grammatik ist vollkommen frei von Rücksichten auf die Schrift. Die Phonetik war dort sehr früh entwickelt und hat ein hohes Niveau. Als die alten Inder dann das Alphabet kennenlernten, lösten sie sich – als einzige auf der Welt – von der abstrusen, bei uns immer noch erhaltenen Anordnung und gaben ihm jene logische Ordnung, die heute noch die indischen Wörterbücher bestimmt: Kurzvokale, Langvokale, Kurzdiphthonge, Langdiphthonge, Verschlußlaute nach der Artikulationsstelle geordnet, jeweils ohne und mit Aspiration usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2010 um 05.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15659

Ein Germanist schreibt:

„In oralen Gesellschaften spricht man nicht über Sprache. Wie es scheint, verfügen viele schriftlose Sprachen nicht über ein Wort für das Diskursobjekt Wort (Goody 1987). (...) Orale Gesellschaften kennen keine Geschichte, keine Schulen, keine Philosophie und keine Linguistik (Ong 2002, Luria 1976).“ (Wolfgang Teubert: Korpuslinguistik, Hermeneutik und die soziale Konstruktion der Wirklichkeit. Linguistik online 28/3, 2006)

Die indische Kultur ist im wesentlichen oral, obwohl die Schrift dort lange bekannt ist. Die indische Sprachwissenschaft, bis vor kurzem die höchstentwickelte der Welt, war zweifellos rein mündlich entwickelt, sie wurde und wird bis in die Gegenwart mündlich weitergegeben. Ich habe selbst Leute kennengelernt, die nicht nur Panini, sondern auch die Kommentare bis hin zum Lehrgedicht des Bhartrhari auswendig konnten. Ja, in Paninis Werk findet man sich erst zurecht, wenn man es auswendig im Kopf hat. Von anderen mündlichen Traditionen will ich hier gar nicht reden. Die indische Philosophie genießt ja auch einen legendären Ruf (s. Wiki-Artikel, die Beiträge von Kuno Lorenz und der abrufbare Text von Lutz Geldsetzer seien zur Einführung empfohlen).

An der völligen Unkenntnis oraler Hochkulturen leidet die europäische und besonders deutsche Diskussion über Mündlichkeit und Schriftlichkeit unsäglich. Koch und Oesterreicher haben ihr bekanntes, auf Ludwig Söll zurückgehendes Modell durch nachträgliche Modifikationen zu retten versucht, aber es ist der Wurm drin, von Anfang an, eben aus besagter Unkenntnis. Sie führte dazu, mündlich fixierte kanonische Texte als "konzeptuell schriftlich" zu bezeichnen, und das stellt die Wirklichkeit auf den Kopf. Da gibt es nichts mehr zu retten.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 27.01.2010 um 15.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15654

Die erste große Lateinisierung griechischer Wörter war die der biblischen griechischen Namen durch die lateinische Kirche. Griechisch war zur Zeit Jesu die Weltsprache und lingua franca der östlichen Mittelmeerhälfte und Latein nur die Amtssprache der ungeliebten römischen Besatzer, aber die Päpste konnten kein Griechisch (die meisten waren Juristen) und waren auch nicht willig oder fähig, es zu lernen.
 
 

Kommentar von Robert Roth, verfaßt am 27.01.2010 um 13.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15653

"Der altgriechische Genitiv hat etliche Funktionen des lateinischen Ablativs."

Griechenland
Des Ägäischen Meeres

so lautet ein Faltblatt der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr vom September 1973, das ich, als ich obigen Satz las, hervorgekramt habe. Es gab eine Menge davon mit dem Genitiv.
Zu Beginn des einsetzenden Fremdenverkehrs und ungeübt im Deutschen hat man wörtlich aus dem Griechischen übersetzt.
An den Ortsbezeichnungen ist der "Ablativ", der ein Genitiv ist, schön sehen: Pirgos/HLIAS, die Stadt Pirgos in Ilia.
 
 

Kommentar von Robert Roth, verfaßt am 27.01.2010 um 11.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15652

"Aber paradigma ist doch lateinisch!" (Konietzko).
... durch Lateinisierung aus dem Griechischen.
(Vgl. Germanist gestern 19:05)
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 27.01.2010 um 10.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15651

Lieber Herr Konietzko,
es freut mich, Sie nach langer Abwesenheit wieder in diesem Forum zu treffen. Aber wenn paradigma lateinisch und nicht griechisch ist, dann ist Paradigma deutsch und weder lateinisch noch griechisch. Wollen Sie das wirklich sagen?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 27.01.2010 um 10.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15650

Der altgriechische Genitiv hat etliche Funktionen des lateinischen Ablativs; die Griechen brauchten ihn wirklich. Einiges hat sich im Altkirchenslawischen erhalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.01.2010 um 07.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15649

Germanist hat recht. Das Griechische ist größtenteils lateinisch vermittelt in unsere Sprachen gekommen, man denke auch an die Eigennamen (Apollonius Dyscolus, Plato usw.). Die grammatische Terminologie ist früh ins Lateinische übersetzt worden (wobei ich ja mit Ernst Kapp schon mal dafür plädiert habe, daß "casus accusativus" keineswegs eine Fehlübersetzung war!); nur vor dem "Aorist" mußten die Römer natürlich kapitulieren – dafür konnten sie mit dem "Ablativ" punkten, den die Griechen nicht kannten ...
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 26.01.2010 um 19.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15648

Dank an Herrn Konietzko! Jetzt kann ich es analysieren: Altgr. "para" neben; "deigma" Probe, Beweis; "parádeigma" Beispiel, Muster, Vorbild, Modell.

Wort-Bastarde aus Giechisch und Latein gibt es massenhaft. Die klassischen Latein-Grammatiker wollten griechische Wörter aussperren, aber nach der Wiederentdeckung des Griechischen in der Renaissance wurden sie massenhaft ins Mittellatein aufgenommen und lateinisiert, hier als "paradigma". Beide Wörter, "Flexion" und "Paradigma", haben schon lange nebeneinander existiert. "Flexionsparadigma" heißt folglich wörtlich übersetzt "Beugungsmuster".
 
 

Kommentar von David Konietzko, verfaßt am 26.01.2010 um 18.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15647

J. Hohenembs nimmt Anstoß an dem Wort Flexionsparadigma, weil hier Lateinisches mit Griechischem vermischt werde. Aber paradigma ist doch lateinisch! Das griechische Original heißt parádeigma.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2010 um 17.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15646

Ich hatte ja bloß florafoxens Transkription verteidigen wollen ...
 
 

Kommentar von Vardapet, verfaßt am 26.01.2010 um 16.41 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15645

Lieber Herr Ickler,

natürlich wollte ich Ihnen nicht zu nahe treten. Mich hatte nur das -ng- etwas gestört, zumal es eine solche Ligatur im Sanskrit ja durchaus gibt. In einem normalen Textprogramm (z. B. WORD) hätte man ja das n der Velarreihe auch korrekt wiedergeben können ... Wenn keine Sonderzeichen zur Verfügung stehen, lasse ich sie eben weg ...

Panini (langes a, Punkt unter dem ersten n) ist selbstverständlich seit Bekanntwerden seiner Grammatik (Colebrooke, 1910) aus der westlichen Sprachwissenschaft nicht mehr wegzudenken. Doch zeichnet für die grammatische Terminologie z. B. der griechischen und lateinischen Schulgrammatik Dionysios Thrax verantwortlich.

Aber wie Sie schon sagten – genug davon.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2010 um 15.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15643

Die Transkription war ein Versuch, hier ohne Sonderzeichen auszukommen, nicht wahr? Und eine "westliche" Sprachwissenschaft ohne Panini (den ich auch lax genug transkribiere ...) gibt es nicht. Von ihm haben die Europäer gelernt, Wörter fachgerecht zu zerlegen, den Ablaut zu verstehen und manches andere.
Aber wie gesagt, wir können es nun mit ihm genug sein lassen.
 
 

Kommentar von Vardapet, verfaßt am 26.01.2010 um 14.39 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15642

Ich weiß nicht, warum immer wieder auf Panini rekurriert wird, wenn es um die grammatische *westliche* Terminologie geht, und nicht auf Dionysios Thrax ...

Im übrigen verstehe ich auch *suptingantam* nicht. Vielleicht ist ja *suptinanantam* (sup-tin-antam) gemeint (Panini 1,4,14).

*Flexionsparadigma* ist seit langem gebräuchlich, und ich wüßte nicht, was daran auszusetzen sein sollte, außer daß es sich um eine "Bastardbildung" handelt ...

Geht es um Ästhetik oder um den treffenden Ausdruck? Für mich geht es um Präzision im sprachlichen Ausdruck, welche die neue Rechtschreibung nicht gewährleisten kann. Womit wir endlich wieder beim Thema wären ...
 
 

Kommentar von J.Hohenembs, verfaßt am 26.01.2010 um 10.40 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15641

Tatsächlich muß ich meinen Stil verbessern, um nicht dermaßen mißverstanden zu werden.
Wahrscheinlich liegt die geringe Verständlichkeit in einer mangelhaften schulischen Ausbildung begründet, wie hier vermutet.
Dennoch sei ein zweiter, erklärender Versuch dargebracht, womit zu sagen bleibt, daß eine Sprachwissenschaft auf Wörter wie "Flexionsparadigma" verzichten solle und nicht generell [!] auf internationales [!] Vokabular [!].
Die von Germanist erwähnte Bezeichnung "Beugungsmuster" täte dem fraglichen Wort zu viel der Ehre an. Flexionsparadigma ist hingegen mindestens so hässlich wie "Abwandlungs pattern". Im übrigen sollte man die Paradigmen den Soziologen und Ökonomen zwecks Wechsel derselben überlassen, einem gewichtigen Teil deren Arbeit.
Gehörten die Ansprüche an den Wortschatz einer Sprachwissenschaft nicht höher gesetzt als an andere Gegenstände?
Dem Chirurgen genüge es, keine besonderen Wünsche an seine Fachwörter aus einem griechisch-lateinischen Kauderwelsch zu richten, dafür aber sein Skalpell sauber zu halten. Der Linguist möge doch auch sein Werkzeug – selbst in bloß theoretischen Ergüssen – möglichst frei von septischer Kontamination halten.
Möglicherweise sind aber meine Vorstellungen zu kindlich, entsprechend der unterklassigen Reife.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.01.2010 um 16.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15629

Ich hatte den Gebrauch der Fachterminologie – falls das unklar sein sollte – gegen den Einwand von Herrn Hohenembs verteidigen wollen.

Was florafox zur Induktion usw. sagt, verstehe ich leider wieder nicht.
Meine Frage nach dem "Ablaut" ist nicht beantwortet. Nicht jeder Vokalwechsel ist schließlich Ablaut.
Zu "suptingantam padam" gehört ergänzend, daß die Indeklinabilia als Nomina zu betrachten sind, die ihr Suffix einbüßen ("luk").
Aber ich nehme die Mahnung ernst, dem Kreis der Diskutanten nicht noch mehr zuzumuten, und nehmen von weiteren Bemerkungen zu Panini Abstand. Höchstens daß ich noch einmal auf ihn zurückkomme, weil er ein Beispiel für strikte Mündlichkeit von hochrangiger Wissenschaft ist, was viele im Westen nicht für möglich halten.
 
 

Kommentar von florafox, verfaßt am 20.01.2010 um 21.32 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15594

Schön, dass mir bei Gebrauch deutscher Fachwörter postwendend ein gelungener Grundschulabschluss unterstellt wird, mein Motiv war jedoch maximale Allgemeinverständlichkeit, womit ich dem Trend im Forum klar zuwiderlaufe. Ich hätte auch das passende Panini-Sutra nennen können, was zur Schrumpfung des Kreises der Disputanten geführt hätte.
Zum Thema: Imperative im Singular sind zuweilen mit dem Stamm gleich, zuweilen nicht. Der strukturell geschulte Analytiker wird durch Sonderbildungen nicht verwirrt, wenn er im Überblick der indogermanischen Sprachfamilie durch Abstrahieren, Gewichten und Prüfen mit Hilfe des tertium comparationis mit folgender Induktion Gleichheiten erkennt, wo Oberstudienräte im Duden-Schmollwinkel sitzend längst einen Sonderstatus reklamieren, um sich damit interessant zu machen. Verschiedene Sprachen ähneln sich in ihren Unterschieden mehr als in ihren Gleichheiten, könnte man hier in Abwandlung eines weniger bekannten Aperçus von Lévi-Strauss behaupten. Natürlich ist der Ablaut kein Klang im Sinne einer konkreten Obertonkombination, sondern ein Wechselsystem von Vokalen. Panini hat die Basis dazu glasklar wie immer dargelegt.
A propos – an anderer Stelle im Forum wurde die Frage erörtert "Was ist ein Wort?" "suptingantam padam" lautet die knappe Antwort des altindischen Meisters, also "das was eine nominale oder verbale Endung hat."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2010 um 09.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15580

Es gibt bekanntlich Flexions-, Derivations- und Kompositionsstämme. Eine übersichtliche Darstellung z. B. bei Eisenberg und in der Dudengrammatik. Aber hier ist auch Kritik angebracht. Dudengrammatik 660f.: Man steht vor der Tatsache, daß die Derivationsstammform bei umlautfähigen Stämmen in zweierlei Gestalt auftritt: umgelautet und nichtumgelautet (rot-, röt-; krank-, kränk-). Bei Eisenberg: klag-, kläg-. Aber das ist eine Folge der Suffixe, die teils umlauten, teils nicht. Kompositumszweitglieder lauten natürlich nicht um, das ist ein wichtiges Kriterium. Das müßte aber an geeigneten Zweitgliedern gezeigt werden, nicht wie in der Dudengrammatik an Dorfstraße und rotbraun, sondern an Dorfrichter und Rotlicht mit i-haltigen Zweitgliedern. Die unpassenden Beispiele zeigen, daß der Zusammenhang mit umlautbewirkenden Folgeelementen nicht verstanden ist.
Die umgelauteten Derivationsstämme sind in Wirklichkeit Sandhi-Erscheinungen, mechanische Folgen der umlautenden Suffixe, und können nicht einfach nebeneinandergestellt werden. Erfände man ein neues Wort wie das Wuhm, so wüßte der deutsche Sprecher, daß das Diminutiv vermutlich Wühmchen lauten würde.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.01.2010 um 17.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15577

Die Sprachwissenschaft wird sich, wie jede andere, ihre weitgehend internationale Terminologie nicht nehmen lassen. Mit einer rein deutschen ist schon Glinz auf die Nase gefallen. Besser war das von mir gern zitierte und hoch geschätzte Werk von Sütterlin, das der damaligen Schulpraxis entsprach. Inzwischen wird jenseits der Grundschule keine deutschsprachige Terminologie mehr verwendet. Es gibt übrigens seit Jahrzehnten ein Verzeichnis grundlegender grammatischer Fachausdrücke für den mittleren (!) Schulabschluß von der KMK; dies sollte man dann wohl voraussetzen können.

Was bedeutet "Tiefstufung des Wurzelvokals e zum i". Der Umlaut kann nicht mit dem idg. Ablaut gleichgesetzt werden. Der Imperativ der ai. fünften Klasse ist natürlich hübsch ausgewählt, aber ich will hier nicht auch noch auf das indische Verbsystem eingehen, das würde wirklich zu weit führen und gehört nicht zu meinem Argument.

Ich behaupte natürlich nicht, es sei Zufall, wie der Imperativ lautet. Aber daß er im Deutschen mal mit der Stammform gleichlautet (scheinbar, s. meinen Haupteintrag: in Wirklichkeit mit der sprechbaren Zitierform, die wir dem abstrakten Stamm zugeordnet haben), mal nicht, das ist ein historischer Zufall. Und Zufall ist auch, wie die Nationalgrammatiken verfahren.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 18.01.2010 um 16.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15576

Zum Imperativ 2.Sg. findet man in Schmitt-Brand, Einführung in die Indogermanistik: "Wie in vielen Sprachen der Erde können wir auch für das Gemein-Indogermanische annehmen, daß der Imperativ im Singular aus dem reinen Verbalstamm bestand, an den gelegentlich verstärkende Partikeln antraten, ..."
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 18.01.2010 um 13.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15573

Man könnte ja auch "Beugungsmuster" (österreichisch "Biegungsmuster") sagen, aber ohne Fremdwörter ist es wohl nicht richtig wissenschaftlich.
 
 

Kommentar von J.Hohenembs, verfaßt am 18.01.2010 um 08.51 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15571

Eine Wissenschaft, die Wörter wie "Flexionsparadigma" gebiert, und vorgibt, mit Sprache zu tun zu haben, verbietet sich von selbst. Es existieren nur unaussprechliche Ausdrücke, um so etwas zu kommentieren, damit sei's getan. Gehn Sie in sich! Bitte!
 
 

Kommentar von florafox, verfaßt am 18.01.2010 um 01.32 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15568

Bezugspunkt sind die angeblichen "historischen Zufälligkeiten des Flexionsparadigmas".
Die Identität der 2. Person Sg. Imperativ mit dem Stamm im Beispiel "komm" ist zutiefst strukturell innerhalb unserer Sprachfamilie angelegt. In der 1. Präsensklasse des Sanskrit finden wir das systematische Vorbild z.B. "bhava", "sei!".
Im Beispiel "Lies!" finden wir eine weitere Parallele, nämlich die Tiefstufung des Wurzelvokals e zum i (hier gedehnt), die für die 2. Pers. Sg. Imperativ so auch im Sanskrit in der 5. Präsensklasse vorgeschrieben ist: "sunu", "presse" ist auch Stamm. Dasselbe gilt für den Imperativ "iß", wo der Wurzelvokal zurückgestuft wird. Zu beachten ist, dass der Inder einen Vokal zweimal steigert (u-o-au ), statt von Schwund- und Dehnstufe zu reden. Des weiteren: sprechen – "sprich!" etc.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.01.2010 um 16.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15550

Hier ist noch etwas Diskussionsstoff zur Wortbildung:
Die Zweitglieder -werk und -wesen sind bei Fleischer/Barz und Barz (Dudengrammatik) die einzigen beiden mit Wörtern homonymen "Suffixe", und zwar wegen der abweichenden Bedeutung. Formal kann ja von einer solchen Grammatikaliserung keine Rede sein.

Aber ist das schlüssig? Bei anderen Autoren liest man:

„Laubwerk bezeichnet keine Art von Werk, sondern Laub.“
„So ist das Laubwerk nichts anders als Laub...“

Das ist offenbar nicht richtig. Laub, das auf dem Boden liegt, ist kein Laubwerk. -werk bezeichnet immer eine geordnete oder organisierte Ganzheit: Buschwerk, Wasserwerk, Beiwerk, Fachwerk, Fahrwerk, Flechtwerk, Flickwerk, Studentenwerk, Netzwerk, Schuhwerk usw. Die Bedeutung des Bestandteils ist also durchaus spezifischer, als es bei Annahme einer Grammatikalisierung naheläge.

Besonders das Wasserwerk und das Elektrizitätswerk (Monopoly!) sind zwar keine "Werke" im üblichen Sinne, aber Suffixe zur bloßen Kollektivbildung sind es auch nicht.
Natürlich hat dieses Problem zu "Affixoiden" geführt. Man sollte sparsam damit umgehen, denn ein semantisches Abdriften von Kompositumsgliedern ist ungemein häufig und kann sehr weit gehen. Ich plädiere also dafür, den Begriff des Kompositums nicht allzu eng zu interpretieren. Auch Wörter mit -zeug und -szene sind für mich Komposita.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.01.2010 um 15.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15549

Das ist natürlich eine Frage der Wortwahl und der Definition. Ich habe ja selbst auch oft vereinfachend von Stämmen gesprochen wie Herr Wrase. Man könnte auch "Morphem" für das Konstrukt reservieren und den tatsächlich sich ereignenden Wortrest "Stamm" nennen. Ich bin mir selbst noch nicht über die endgültige Terminologie im klaren. Hinzu kommt ja noch mein persönliches Problem: Da ich eine strikt verhaltensbegriffliche Darstellung für wünschenswert halte, "gibt es" für mich letztlich auch die Abstraktionen oder Konstrukte nicht, sondern diese sind weiteres Sprachverhalten, das mit dem zu erklärenden in einer bestimmten Beziehung steht ... (So wie Skinner nicht davor zurückschrak, sein behavioristisches Reden vom Verhalten seinerseits als Verhalten eigener Art zu verstehen ...)
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 15.01.2010 um 12.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15548

Grundsätzlich einverstanden; aber mir stellt sich die Frage, ob Wortstämme sehr wohl im realen Sprechverhalten vorkommen und somit zu diesem gehören. Ich bin kein Grammatiker, aber ich hätte bisher gesagt, daß der erste Bestandteil des Wortes Schwimmbad der Stamm des Verbs schwimmen (mit dessen verschiedenen Erscheinungsformen) ist. Wenn das Wort Schwimmbad der Realität angehört ("wirklicher Verhaltensabschnitt", also kein Konstrukt), dann ist auch die erste Hälfte ein "wirklicher Verhaltensabschnitt", jedenfalls ein Bestandteil davon. Wie sollten wir dieses schwimm bezeichnen, wenn nicht als Wortstamm?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.01.2010 um 19.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15547

Manche Erstglieder von zusammengesetzten Substantiven erinnern an Genitive (Sg oder Pl) dieser Bestimmungs-"Wörter".
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.01.2010 um 18.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15546

Vielen Dank, lieber Professor Ickler. Das ist alles sehr interessant und wird mich sicher, bis ich's einigermaßen verstanden habe, noch eine Weile beschäftigen.
 
 

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