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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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03.10.2009
 

Donauschrift
Zu einer Verlagsankündigung

Bei Buske wird ein neues Buch angekündigt:
Harald Haarmann: Einführung in die Donauschrift.
Der Verlag schreibt u. a.: »Dieses archaische Schriftsystem wurde gegen Ende des 20. Jhs. als "alteuropäische Schrift" bezeichnet. In den letzten Jahren hat sich bei den Experten, die aktiv an der Erforschung beteiligt sind, der Terminus "Donauschrift" (engl. Danube script) durchgesetzt.«
Der Schriftcharakter dieser Zeichen ist aber sehr umstritten, um das mindeste zu sagen. Haarmann ist gewiß ein sehr gelehrter Mann, aber seine Deutungen auch zu anderen alten Schriften (Diskos von Phaistos) sind auch recht phantasievoll. Der Verlag riskiert einiges, wenn er solche Sachen nun in Lehrbuchform herausbringt. Ich habe mir schon in Haarmanns Schriftgeschichte manche Fragezeichen an den Rand gemalt.
Der Leser kann sich ja mal selbst umschauen, man stößt da auf erstaunliche Verbindungen.



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Kommentare zu »Donauschrift«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.05.2018 um 04.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1222#38731

Als ich mich vor 50 Jahren in die Entzifferung der Linearschrift B einarbeitete, bemerkte einer meiner Professoren, die Entzifferungsversuche bei einer unbekannten Sprache ähnelten oft dem Versuch, ein riesiges Puzzle zusammenzusetzen. Wer sich in den Kopf gesetzt hat, daß es den Kölner Dom darstellen müsse, kommt ein ganzes Stück weit, auch wenn es in Wirklichkeit den Mailänder Dom darstellt. Je "erfolgreicher", desto irriger, bis zum Wahnsinn.

Das ist ein tiefer Einblick in die menschliche Natur. Manche forschen ihr Leben lang an einer fixen Idee. Atlantis soll in Wirklichkeit Troia sein usw.

Es ist die Psychologie der Verschwörungstheoretiker und Rassisten. Die Regierung der USA bzw. die Juden haben das World Trade Center zerstört. Merkel ist eine kommunistische Agentin, die Deutschland abschaffen will. Neger sind dümmer.

Es gibt immer Anhaltspunkte, und dann wirkt der Mechanismus der Gestaltschließung, der bei der Wahrnehmung gut untersucht ist, aber auch im ZNS wirksam sein dürfte.

Bei mir ist es umgekehrt. Ich spüre immer den Drang, Gewißheiten, auch meine eigenen, anzuzweifeln und nach einer Weile mal das Gegenteil anzunehmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.09.2015 um 06.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1222#29839

Die FAZ (2.9.15) widmet sich kurz der Frage, warum die Indus-Schrift noch nicht entziffert ist. "Piktographisch" wird sie allerdings nicht dadurch, daß bildliche Darstellung zu erkennen ist; es müßte eine Bilderschrift sein, was aber gerade in Frage steht.
Außerdem bezeichnet Axel Michaels die Inschrift des Steins von Rosette als "zweisprachig". Dazu:

Die Priester haben das Dekret in drei Sprachen verfasst: Griechisch, Demotisch und Hieroglyphenägyptisch (aufgrund der Verwandtschaft der letzten beiden Sprachen sprechen manche auch von einem „zweisprachigen“ Dekret). (www.bibelwissenschaft.de)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.01.2013 um 06.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1222#22504

Wer sich sehr gründlich mit der Erfindung der Schrift beschäftigen will, kann mal einen Blick auf die heftige Diskussion um die Indus-Schrift werfen. Als Einstieg mit allen nötigen Verzweigungen eignet sich (neben dem Wiki-Artikel) dies:

http://www.safarmer.com/fsw2.pdf

Der kürzlich verstorbene Frits Staal hat auch bestritten, daß es sich um Schrift im eigentlichen Sinn handelt. Ich habe mich nicht mehr damit beschäftigt, seit ich vor 40 Jahren miterlebt habe, wie ein talentierter Indologe sich in einen Entzifferungsversuch verrannte. Wenn man weder die Schrift noch die Sprache kennt, sind solche Unternehmungen lebensgefährlich, das ist keine Übertreibung!
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 18.03.2012 um 23.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1222#20257

Beim Lesen von H. Haarmann, Weltgeschichte der Zahlen, Verlag C. H. Beck, München 2008 mußte ich leider feststellen, daß auch er inzwischen umgefallen ist. Dieses Bändchen ließ er in reformierter Rechtschreibung herausgeben. Fragwürdig fand ich darin außerdem:

"... und deshalb gibt es sehr wohl Sprachen, die keine Zahlwörter kennen" (S. 34),
denn kurz danach nennt er einige dieser angeblichen Sprachen und beschreibt, welche Zahlwörter sie benutzen.

"Schon früh in der Geschichte des Rechnens in China wurde zur Organisation der hohen Zahlbegriffe der Begriff 10000 (chines. man) als Basiseinheit verwendet." (S. 53)
man ist aber der japanische Ausdruck (chinesisch wan).
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.03.2012 um 21.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1222#20225

Inwiefern Haarmann damit recht hat, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber zumindest "plausibel" (MG) klingt das auch. Immerhin scheint er sich der Problematik ausgerechnet der Schneewörter bewußt zu sein, und wenn er das Thema trotzdem aufgreift, wird er es doch wohl wissen. (?)

Wie ist es denn mit seinen anderen Büchern? Kann man die "Universalgeschichte der Schrift" guten Gewissens lesen?
Ich neige ja immer dazu, den Autoren eher zu trauen, die weiterhin in guter Rechtschreibung schreiben.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 05.02.2012 um 23.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1222#20009

zum Einwand von MG:
Haarmann schreibt: "Als sprachwissenschaftliche Stereotype wurde lange Zeit ... das Inuit (Eskimo) mit seiner Schneeterminologie bemüht. Neuerlich ist die lexikalische Differenziertheit dieser Sprache in Frage gestellt worden; es wurde nachgewiesen, daß viele der Spezialausdrücke für Schneephänomene lediglich Ableitungen von bestimmten Grundwörtern sind (Pullum 1991). Deshalb sei hier die Schneeterminologie des Inari-Saamischen dargestellt."
Es folgt das von mir schon Zitierte. Haarmann weiter:
"Bei den einzelnen Ausdrücken handelt es sich sämtlich um Basiswörter, d. h. um nicht abgeleitete lexikalische Elemente, deren Wortstämme jeweils verschiedene Grundformen repräsentieren. Diese 21 Ausdrücke für die verschiedenen Schneeformen grenzen sich bedeutungsmäßig klar gegeneinander ab, sind also keine Synonyme zur Bezeichnung ein und desselben Begriffs."
Es folgen die 21 "Ausdrücke für <Schnee> im Inari-Saamischen (nach Itkonen 1986-89)" und ihre Bedeutung. Ähnliches gelte für das gesamte Gebiet der Rentierzucht der Saamen.
 
 

Kommentar von MG, verfaßt am 05.02.2012 um 15.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1222#20005

| Haarmann erwähnt 21 verschiedene Ausdrücke des
| Inari-Saamischen für verschiedene Schneeformen
| als Beispiel dafür, wie durch Kultur und Klima der
| Wortschatz einer Sprache beeinflußt wird.

Die Unaussprechliche sagt dazu:

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Eskimo-Wörter_für_Schnee

| Der Glaube, daß die „Sprache der Eskimo“ (in
| Wirklichkeit gibt es viele davon) eine im Vergleich
| zu anderen Sprachen extrem hohe Anzahl an
| Wörtern für Schnee habe, ist ein verbreiteter Irrtum.
| Tatsächlich sind es nicht mehr als in anderen Sprachen,

... und wenn man weiterliest und die dort angegebenen zahlreichen Wörter für "Schnee" findet, hält man diese Darstellung auch für plausibel.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.02.2012 um 12.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1222#20002

Die Finnen gehören zu den ältesten Einwanderern Europas. Sie kamen gleich nach der letzten großen Eiszeit und siedelten in den eisfreien Gebieten auch im heutigen Nordwestrussland. Nach ihnen kamen die Balten (Indoeuropäer), die die Finnen zurückdrängten, und noch später die Slawen, die die Finnen aus dem heutigen Nordwestrussland verdrängten. Der Name "Rus" ist die finnische Bezeichnung für die schwedischen Wikinger, die von Norden her das heutige europäische Russland eroberten. Der Name "Rurikiden" stammt von altnordisch "Roderik", dem Gründer der Nowgoroder Rus, von wo aus die Kiewer Rus gegründet wurde.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 03.02.2012 um 15.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1222#20000

Harald Haarmann, Weltgeschichte der Sprachen, Verlag C. H. Beck, München 2006 (in bewährter Rechtschreibung):
"Die Inari-Saamen haben ihren Namen vom Inari-See im Osten der finnischen Provinz Lappi (Lappland). Ihr Siedlungsgebiet liegt nördlich des Polarkreises, wo im Winter monatelang sonnenlose Dunkelheit herrscht."

Dieser Satz könnte auch aus dem "Lexikon der populären Irrtümer" von Walter Krämer stammen. Ich habe gerade im finnischen Lappland nicht weit von Inari ein paar Wochen Urlaub verbracht und sah dort Mitte Januar die Sonne gegen halb elf auf- und halb drei untergehen (OEZ). Zusammen mit der zweimal rund zweistündigen Dämmerung, die zur Hälfte noch fast taghell ist, kann man sagen, daß es Mitte Januar (und entsprechend Anfang Dezember) täglich schon 6 Stunden taghell ist. Es ist ja auch klar, denn von 0 Stunden (Winteranfang) am Polarkreis bis 12 Stunden (Tagundnachtgleiche) dauert es 13 Wochen, also steigt jede Woche die Sonne rund eine Stunde am Tag länger über den Horizont, jeden Tag 8 Minuten länger. Selbst am Nordkap ist es an den wenigen Tagen um Weihnachten herum, an denen die Sonne gar nicht auftaucht, wegen der langen Dämmerung mindestens 2 Stunden über Mittag fast taghell. Wirklich monatelange Dunkelheit gibt es etwa ab Spitzbergen.

Ich fand es faszinierend, in der Weltgeschichte der Sprachen von den vielfältigen Verflechtungen der Sprachforschung mit den anderen Wissenschaften zu lesen. Letztlich spiegelt sich ja die ganze Menschheits- und Kulturgeschichte in der Sprachentwicklung wider.

Haarmann erwähnt 21 verschiedene Ausdrücke des Inari-Saamischen für verschiedene Schneeformen als Beispiel dafür, wie durch Kultur und Klima der Wortschatz einer Sprache beeinflußt wird. Niemand sortiert aber die Sprachen der Welt nach der Anzahl der Wörter für Schnee, sondern bei der Systematisierung der Sprachen geht es meist um Grammatik: Sind es synthetische oder analytische Sprachen, sind sie eher isolierend, agglutinierend oder flektierend, wie ist die Wortstellung im Satz (SVO, SOV, ...), haben Substantive Genera usw. Oder es geht um lautliche Kriterien: Vokalharmonie, Tonhöhen, werden Schnalzlaute verwendet usw. Leider fand ich kaum etwas darüber, inwiefern solche grammatischen oder lautlichen Unterschiede auch kulturell bedingt sind oder ob und welche spezifischen Vorteile sie bringen.

Ist es z.B. nur eine Sache des Zufalls und von Kriegen und Völkerwanderungen, wenn sich in Europa agglutinierende Sprachen eher im Norden/Osten gesammelt haben, flektierende dagegen eher im Süden/Westen? Flektierende sind außerdem zumindest in Europa in der Mehrzahl, aber das Englische scheint sich, was die Grammatik betrifft, dem isolierenden Chinesischen anzunähern. Hatten vielleicht die Chinesen schon immer die "bessere", irgendwie effektivere Sprache?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.10.2009 um 17.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1222#15067

Glaubt man den bei Wikipedia unter "Vinca-Schrift" abgebildeten Zeichen, ist das Hakenkreuz in linksgewinkelter Form schon von den Ur-Europäern lange vor den Indogermanen verwendet worden. (Die Inder verwendeten es rechtsgewinkelt.)
 
 

Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 03.10.2009 um 13.05 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1222#15060

Das Vorgehen bei der Deutung der konfusen Zierkrakel der Vinča-Kultur als Schrift erinnert doch sehr an die Methodik eines gewissen Barry Fell, der in vorkolumbianischen Ritzungen die Ogham-Schrift erkannt haben wollte und sogar lesen konnte.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 03.10.2009 um 11.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1222#15059

Umschauen kann man sich auch hier:
http://www.prehistory.it/scritturaprotoeuropai.htm
 
 

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