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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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10.07.2009
 

Chuckchee
Auswüchse der Sprachtypologie

Die Großen der Sprachwissenschaft haben sich nur über Sprachen geäußert, die sie einigermaßen beherrschten. Das ist völlig passé.
Nicht selten vergleichen Sprachtypologen Hunderte von Sprachen, von denen sie höchstens ein Dutzend kennen. Der Rest wird aus Grammatiken abgeschrieben. Wenn man bedenkt, welche Schwierigkeiten es auch in grundlegenden Fragen des Deutschen noch gibt, einer der am besten bekannten und beschriebenen Sprachen, bekommt man große Bedenken. Wie viele Germanisten haben sich über das Dyirbal ausgelassen!

Ein Germanistin diskutiert die deutschen Objektinkorporationen, die uns wegen der GZS und GKS ja auch interessieren, und erwähnt mal eben das "Chuckchee": "In einer ergativen Sprache, in Chuckchee, wird das Subjekt eines Verbs mit inkorporiertem Objekt wie ein intransitives Subjekt kasusmarkiert. Zudem wird in Sprachen mit Objektkongruenz des Verbs der Kongruenzmarker verändert oder getilgt."
Was das alles in einer so unbekannten Sprache bedeutet, kann der Leser so wenig beurteilen wie die Verfasserin, denn beide kennen höchstens ein einziges Wort aus diesem ominösen "Chuckchee": Keta (wegen des Kaviars).
Übrigens handelt es sich um das gute alte Tschuktschische, wie man auf deutsch sagt.



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Kommentare zu »Chuckchee«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.02.2018 um 04.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1186#37783

Wegen der Olympischen Winterspiele ist nun oft nebeneinander zu lesen Pjöngjang und Pyeongchang. Die erste Hälfte ist tatsächlich dasselbe, nur verschieden transkribiert. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Revidierte_Romanisierung
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.04.2017 um 18.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1186#34806

Auf einem Poster (offenbar als Wandbehang gedacht) des "Zentrums für Allgemeine Sprachwissenschaft" über "Belebtheit in der Grammatik" liest man Pluraliatanta.
(amor.cms.hu-berlin.de/~h2816i3x/Poster/Belebtheit.pdf)

Und auch folgende geistreiche Darstellung:

"Menschen und Leute
Die grammatische Sonderstellung des Menschen zeigt sich auch in der Weise, in der wir auf ihn bezugnehmen können. Im Deutschen gibt es neben Mensch und Person auch das Substantiv Leute, das nur im Plural auftritt. Was aber unterscheidet Menschen von Leuten? Leute sind immer “bestimmte” Menschen. Daher der Unterschied von Menschen, ich liebe euch! und Leute, ich liebe euch! Daher die Unmöglichkeit allgemeiner Aussagen: *Leute haben zwei Beine klingt seltsam, Menschen haben zwei Beine jedoch ganz normal. Für Tier- oder Dingbezeichnungen gibt es keine Doubletten wie Menschen und Leute."

Und solche Linguisten erzählen uns etwas über Dyirbal (ebd.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.10.2016 um 14.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1186#33600

Seit 15 Jahren steht ein Seminarpapier über Relativsätze im Netz: http://amor.cms.hu-berlin.de/~h2816i3x/Relativsatz.pdf

Auf wenigen Seiten werden folgende Sprachen behandelt:
Deutsch, Englisch, Persisch, Luganda, Warlpiri, Türkisch, Baskisch, Koreanisch, Quechua, Bambara, Tibetanisch, Digueno, Malagasy. – Die meisten davon dürfte der Verfasser nicht beherrschen. Aber schon seine deutsche Muttersprache stellt er falsch dar:

7.2.6. Eigenständige Relativsätze
Wir haben gesehen, dass sich Relativsätze nicht an einen nominalen Ausdruck anlagern müssen.
Das Deutsche kennt den folgenden Typ:
(30) [Was der Bauer nicht kennt], isst er nicht.
Das Relativpronomen was hat hierbei gleichzeitig eine Funktion im Relativsatz und im Hauptsatz wahrzunehmen. Diese Funktionen müssen identisch sein:
(31) a. [Wen die Polizei nicht gesehen hat], zeigt sie auch nicht an.
b. *[Wen die Kerle verprügeln], ruft die Polizei.
c. [Wer verprügelt wird], ruft die Polizei.
d. [Wem die Burg gehört], gehört die Stadt.
e. *[Wem sie vertrauen], beschenken die Stadtbewohner.
Interessanterweise genügt aber eine rein formale Identität – gar so genau nimmt es die Sprache auch nicht:
(32)[Was ich nicht weiß], macht mich nicht heiß. (Akkusativ und Nominativ)


Wie seit dem 19. Jahrhundert allgemein bekannt ist und neuerdings auch von den Generativisten wiederentdeckt wurde, gilt diese "Matching"-Regel keineswegs – ich habe das bereits besprochen.

Was ist erst von den Beispielen aus exotischen Sprachen zu halten?

Die Leute vergleichen entlegene Sprachen miteinander, aber da sie diese Sprachen nur aus Grammatiken kennen, müssen sie sich auf die vorliegenden Beispiele beschränken und können nicht zum Beispiel ein und denselben Satz in diese Sprachen übersetzen, damit man die Ähnlichkeiten und Unterschiede genau erkennt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.02.2014 um 12.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1186#25103

In vielen Sprachen, vielleicht den meisten, gibt es verblose "Nominalsätze", da braucht man gar nicht weit zu gehen, aber es ist natürlich schick, etwa das Mongolische zu erwähnen, von dem man als Germanist so viel weiß wie der Leser, nämlich nichts.

Was bedeuten aber „Substantiv“ und „Verb“ in Sprachen, die für beides dieselben Numerus- und Possessivsuffixe verwenden oder „Verb“-Formen (weil sie auf Partizipien zurückgehen) nach dem Genus bzw. Sexus flektieren?

Also wie war das noch mal mit dem Mongolischen?

Manche Germanisten geben ihren Werken ein Sprachenverzeichnis bei, das sämtliche Sprachen auflistet, von denen sie ebenfalls nichts verstehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.02.2014 um 10.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1186#25101

In einem "Handbuch der deutschen Grammatik" steht:

„Wenn man nun Sprachen wie Dyirbal und Deutsch miteinander vergleicht ...“

Aber die Verfasser kennen die besprochene Einzelheit über das Dyirbal nur aus zweiter oder dritter Hand und können nicht beurteilen, was sie da gelesen haben. Und was hat das in einem Handbuch der deutschen Grammatik überhaupt zu suchen? Es könnte auf die Hälfte seines Umfangs reduziert werden, wenn man die sinnlosen Seitenblicke auf andere Sprachen und andere Grammatikmodelle wegließe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2014 um 06.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1186#24884

şehirlileştiremediklerimizdensiniz - das ist im Türkischen EIN Wort, Guy Deutscher übersetzt 'you are one of those whom we can't turn into a town-dweller'. Wir spüren aber, daß in solchen Sprachen der Begriff des "Wortes" nicht ganz derselbe ist wie im Deutschen. Das gilt erst recht für die sogenannten Wortarten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.07.2013 um 11.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1186#23687

„So stellt Matthew Dryer (1988) in seinem Vergleich von 316 Sprachen fest, dass die meisten Sprachen die Tendenz aufweisen, alle vom Nomen abhängigen Elemente auf einer und nur auf einer Seite des Nomens zu positionieren (Hinweis übernommen aus J. E. Schmidt (1993:89)).“ (Christa Dürscheid: Syntax. Grundlagen und Theorien. 6. Aufl. Göttingen 2012:68)
Obwohl Dryer nur über Schmidt zitiert wird, ist er im Literaturverzeichnis angeführt. Dryer wird seine 316 Sprachen auch nicht alle beherrschen, er stützt sich also auf weitere Literatur beliebigen Grades über diese Sprachen. Bedenkt man, wie strittig die Wortarten sind, kann man zweifeln, ob Nomen überhaupt in allen Sprachen dasselbe ist.
Das Wissen, daß im Koreanischen eine Interrogativpartikel an das Verb gehängt wird, verdankt Dürscheid einer „p. c.“ (personal communication) von Yi-Joung Choe (64). Das ist lächerlich. Entweder man kann ein wenig Koreanisch oder man kann es nicht. Man stelle sich vor, ein Koreaner würde sich auf die persönliche Mitteilung eines namentlich genannten Deutschen berufen, daß es im Deutschen starke und schwache Verben gibt.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 01.06.2011 um 21.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1186#18775

Das i-Tüpfelchen ist wirklich "Chuckchee", das ich für eine nordamerikanische Sprache gehalten hätte wie Cherokee oder so. Das zeigt mal wieder die sklavische Abhängigkeit der deutschen Germanisten von ihren US-amerikanischen Vorbildern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.06.2011 um 17.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1186#18773

Typologische Literatur ist mit größter Vorsicht zu genießen. Ich zum Beispiel verstehe kein Wort Khmer. Wenn ich mich dazu äußern wollte, könnte ich an ein Handbuch geraten, mit dem es sich folgendermaßen verhält: Ein nicht ganz unbekannter Germanist hat dazu einen Artikel über das Khmer beigesteuert, obwohl er von dieser Sprache, wie er mir schmunzelnd erzählte, ebenfalls kein Wort versteht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.09.2009 um 18.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1186#14999

In dem Sammelband von Ludger Hoffmann (Deutsche Wortarten) äußert sich eine andere Germanistin über lauter Sprachen, von denen sie offensichtlich keine Ahnung hat. Man liest das, wenn überhaupt, mit größtem Mißtrauen, da ja sämtliche Einzelheiten nur aus zweiter, dritter oder vierter Hand stammen können. Bei einer so großen und bekannten Sprache wie Chinesisch stimmt schon die Transkription ganz gewöhnlicher Wörter nicht: piaolang soll "schön" heißen, und das gleich zweimal (statt piaoliang). Und was soll man von Sprachen halten, die nur eine einzige Wortart kennen? Dann ist eben der Begriff "Wortart" nicht anwendbar. Das ist wie bei den ominösen Sprachen, deren Substantive nur ein Genus haben ...
 
 

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