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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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18.06.2009
 

Habermas
Zum 80.

Habermas, der heute 80 wird, hat uns schon mal beschäftigt, weil er auf eigenen Wunsch bei Suhrkamp in Reformschreibung gedruckt wurde, wenn auch in fehlerhafter. Die großen Zeitungen überschütten ihn mit lobenden bis hymnischen Feiertexten, als wenn er schon tot wäre. Mir fällt ein, was Johannes Gross einst zum Geburtstag Gadamers schrieb:

"Zum Jubiläum des großen Denkers Hans-Georg Gadamer sind zahlreiche Würdigungen erschienen. Aus den vielen hundert Zeilen der Schüler und Bewunderer konnte kein Leser faßlich entnehmen, was die philosophische Leistung des Hochbetagten ausmacht, und keine weckte ein Interesse, das Werk zur Hand zu nehmen." (FAZ Magazin 10.3.95)

Man liest "der Größte", "Wichtigste", "Bedeutendste" usw. – aber was ist der Ertrag seines Werkes?

Die FAZ redet vom deutschen "Wissenschaftswunder" vor 50 Jahren, nennt aber ausschließlich Philosophen und Geisteswissenschaftler, also nur das, was dem Feuilleton faßlich ist.

Es gibt unter alle den Lobhudeleien, für die man sich als Leser geradezu schämt, auch ein paar kritische Artikel, z. B. diesen (Sibylle Tönnies im Deutschlandfunk).

Und als Habermas noch ein Stück von der Heiligsprechung entfernt war, veröffentlichte Harald Weinrich seinen bekannten Aufsatz "System, Diskurs oder die Diktatur des Sitzfleisches" (Merkur 26, 1972).



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Kommentare zu »Habermas«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.06.2019 um 13.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#41704

Zehn Jahre später. De nonagenariis nil nisi bonum.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.07.2017 um 18.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#35572

„Die Theorie des kommunikativen Handelns ist nicht mein Fall (...). Aber sie ist unzweifelhaft ein grosses Werk – eines jener Werke, die es dem Autor erlauben, die Geistesgeschichte so zu schreiben, dass sie folgerichtig zu ihm und seinem Denken führt.“ (Ralf Dahrendorf: Über Grenzen. München 2002:183)

Hübsch gesagt (hübsch boshaft). Dahrendorf war einige Wochen Assistent bei Horkheimer, bevor er das Weite suchte. Die Schilderung ist auch ganz nett. Im Gespräch sagte Adorno, er habe die „Dialektik der Aufklärung“ allein geschrieben und Horkheimers Namen nur darübergesetzt, weil der schon lange nichts mehr veröffentlicht hatte. (Das ist aber wohl schon bekannt.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.10.2015 um 05.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#30368

Zu einem Rückblick des Habermas-Biographen Müller-Doohm in der FAZ (28.10.15) fällt mir ein, daß ich in sehr jungen Jahren etwas ähnliches entwickelt hatte: den herrschaftsfreien Diskurs als Voraussetzung von Rationalität (mit anderen Worten damals). Ich bin aber von selbst wieder davon abgekommen, weil ich einsah, daß es gerade umgekehrt ist. Wo herrschaftsfreier Diskurs möglich ist, hat die Rationalität schon gesiegt. Sie steckt in den Institutionen, die einen Dialog unter Gleichberechtigten erst möglich machen, eine Rarität und Kostbarkeit, stets gefährdet.

Seither beobachte ich die Einschränkungen. Zum Beispiel die Bischofssynode. Überall lesen wir, die Bischöfe könnten ihren "Dialogprozess" ganz offen führen, das letzte Wort habe allerdings der Papst, unangefochten wie nie in der Geschichte. Dazu die Kostümierung der Kleriker, das Weihevolle und Nichtalltägliche. Kermani... (Kopf ab zum Gebet!)
 
 

Kommentar von F.A.Z., 02.11.2010, Nr. 255 / Seite 31, verfaßt am 01.11.2010 um 20.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#16996

Formal populär

Auf der Meinungsseite der "New York Times" hat Jürgen Habermas gerade unter dem Titel "Leadership and Leitkultur" über deutsche Debatten geschrieben. Dabei verfährt er nach Art eines guten Korrespondenten als Chronist der Beiträge zu Thilo Sarrazins Buch und Christian Wulffs Rede am Einheitstag. Wenn es sich um kritische Beiträge zu Sarrazin handelte, wie denjenigen des Soziologen Armin Nassehi, standen sie übrigens "in a newspaper". Kritisierten sie Christian Wulff, fanden sie sich hingegen in "the conservative press" – auch wenn es beide Male dieselbe Zeitung, nämlich diese hier, war. Habermas findet jedenfalls, anders als Anhänger einer angeblich jüdisch-christlichen Leitkultur – "eine arrogante Inbeschlagnahme des Judentums" (Habermas) –, dass von den Einwanderern liberalerweise nicht mehr zu verlangen sei als Deutschkenntnisse und das Akzeptieren der Verfassung. Aber was heißt da, angesichts der Empirie, "nicht mehr"? Die bloß formale Demokratie plus Deutsch, das wäre doch schon etwas, auch für manche Einheimische. Was den Philosophen aber mehr umtreibt als nationale Sentiments, ist die von ihm konstatierte Neigung der Deutschen zu charismatischen Nichtpolitikern. Unter diesen Begriff bringt er Joachim Gauck und Karl Theodor zu Guttenberg. Deren Beliebtheit zusammen mit dem Proteststurm gegen den Stuttgarter Bahnhofsbau und den Islamquerelen deutet Habermas als Ausdruck eines neuen Unbehagens an der Parteienpolitik. Diese könne sich dabei nicht, so meint er zu Stuttgart 21, auf ein formalistisches Demokratieverständnis stützen, wonach die im Verfahren unterlegene Minderheit fortan schweigen müsse. Es gehe darum, die "Argumente von Bürgern" in die politische Willensbildung einzubeziehen. Hier also, beim Bahnhof, reicht Habermas die bloß formale Demokratie nicht aus. Hier repräsentieren ihm die ungehörten Stimmen, die auf der Straße mitunter ähnlich laut werden, wie Lodenträger im Münchner Literaturhaus, wenn sie Nassehi niederbrüllen, nicht Ressentiments und "soziale Ängste", sondern Argumente von Bürgern. Es kommt eben immer darauf an, wer wen niederbrüllt oder wer vom wem mehr als Formalien verlangt. Man sieht insofern, wie schwierig es für normative Theorien der Demokratie im konkreten Fall ist, nicht einfach nur als das politische Dafürhalten ihrer Erfinder dazustehen. kau
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.07.2010 um 09.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#16595

Nun, der Begriff faßt anschaulich Weinrichs Erfahrungen mit der Gruppen-Universität zusammen. In den unzähligen, schwach legitimierten Gremien wurde so lange diskutiert, bis nur noch die Beharrlichsten (die sonst nicht viel zu tun hatten) übrig waren und Mehrheitsbeschlüsse faßten, unter deren Folgen dann alle leiden mußten. Ich habe jene Zeit der "herrschaftsfreien Diskurse" an der Universität Marburg genossen, Harald Weinrich in Bielefeld. Die Älteren werden sich erinnern.
 
 

Kommentar von Peter Steinberg, verfaßt am 22.07.2010 um 23.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#16594

Könnten Sie vielleicht kurz ausführen, was von dem besagten Aufsatz Weinrichs zu erwarten ist? Google spuckt dazu nichts brauchbares aus und meine Neugier ist geweckt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.05.2010 um 09.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#16206

Als Gegenmittel gegen die Habermassche Überhöhung und Verkennung der Rhetorik (und auch gleich gegen Gadamer sowie kritisch zur Tübinger Schule) empfiehlt sich das neue Buch von Wilfried Stroh: "Die Macht der Rede". Es ist gründlich aus den Quellen gearbeitet, dabei gut geschrieben. Über die reformierte Rechtschreibung kann man hinwegsehen.
Stroh stellt immer wieder klar, daß es der Rhetorik nicht um Konsens- und Wahrheitsfindung geht, sondern um Interessendurchsetzung. An dezenten Hinweisen auf Gegenwart und jüngste Vergangenheit fehlt es auch nicht, aber der Hauptteil ist eine ungemein stoffreiche und belehrende Darstellung der antiken Rhetorik, wie der untertreibende Untertitel es ankündigt: "Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom".
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 26.06.2009 um 07.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#14688

Lieber Herr Markner,
Ralf Dahrendorf hatte ja die britische Staatsangehörigkeit angenommen. Im Lichte heutiger Diskussionen könnte man seine englische Karriere als Beispiel einer besonders gelungenen Integration eines Mannes "mit Migrationshintergrund" ansehen. Sein Lordtitel sei ihm also hetzlich gegönnt.

Dieser Titel hat allerdings eine tiefere Symbolik, denn sie wurde einem Mann verliehen, der zu den führenden Vertretern deutscher Anglophilie, ja Angloidolatrie gehörte.

Als vor langer Zeit die Diskussion über einen angeblichen deutschen "Sonderweg" durch die Feuilleton-Spalten geisterte, habe ich sein Buch "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland" gelesen, das als eine Hauptquelle dieser Debatte genannt wurde.

Zwei Eindrücke haben sich mir damals besonders eingeprägt:

Erstens die mangelnde Stringenz, ja Lässigkeit seiner Behandlung des doch sehr problematischen Begriffs eines "Sonderweges". Zwar führte er die auf der Hand liegenden Gegenargumente an, allerdings hat er sie auch nicht halbwegs überzeugend widerlegt. Vielmehr hat er sie eher mit lässiger Handbewegung beiseitegeschoben.

Zweitens stellte er dem deutschen Sonderweg einen gewissermaßen "normalen", ja normativen "westlichen Weg" der westeuropäischen Demokratien, insbesondere Englands und Frankreichs, entgegen. Auf die Besonderheiten der französchen Entwicklungen und Zustände ging er aber fast überhaupt nicht ein. Vielmehr war es das britische Modell, das er in so gut wie allen staatlichen und gesellschaftlichen Bereichen als das nachahmenswerte Vorbild hinstellte.

Dahrendorf war ein prominenter Vertreter der liberalen Reformbewegung der frühen 60er Jahre. Andere Reformer dieser Zeit orientierten sich allerdigs eher an dem Vorbild der USA und der Lichtgestalt John F. Kennedys.

Die Fachsoziologischen Leistungen Dahrendorfs kann ich nicht beurteilen, sicherlich hat er sich aber dadurch verdient gemacht, daß er von einer liberal-reformerischen Position aus den Auswüchsen der 68er Bewegung entgegengetreten ist. Dabei kam ihm zugute, daß er als ausgewiesener Reformer nicht in Verdacht stand, den angeblichen "reaktionären Adenauerstaat" verteidigen zu wollen. Ferner konnte er als Soziologieprofessor auf höherem theoretischen Niveau den überspannten Theorieansprüchen der 68er entgegentreten. Er ist damit dem lange in Deutschland vernachlässigten Karl Popper vergleichbar, der damals von den liberalen Kräften in Deutschland als Gegenspieler marxistischer Totalitätsansprüche wiederentdeckt und dann zum Leib- und Magenphilosophen Helmut Schmidts wurde.

Es war diese Rolle Dahrendorfs in den ideologischen Kämpfen der 60er Jahre, die ihn in weiteren Kreisen Deutschlands bekannt machte und den Ausgangspunkt seiner politischen Karriere bildete.

Ich bitte um Verzeihung für diesen Exkurs und komme zurück zum Thema: Im Gegensatz zu Habermas hat Dahrendorf sein Denken nicht in hermetische Sprache gehüllt, sondern sich verständlich ausgedrückt.
 
 

Kommentar von stefan strasser zu 1175#14648, verfaßt am 20.06.2009 um 11.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#14659

Die »Theorie des kommunikativen Handelns« zu übersetzen, dürfte eine ziemliche Herausforderung an Übersetzter darstellen, da der Übersetzter die Bedeutung des zu Übersetzenden zunächst einmal selbst in Habermas' Sinn verstehen sollte, um es richtig zu übersetzten.

Interessant wäre für mich daher eine Aussage zur Erkenntnis des englischen Philosophen, nachdem er die durch einen Übersetzer übersetzte Version mit seinem eigenen Verständnis, nachdem er Deutsch gelernt hatte, verglich.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 19.06.2009 um 20.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#14655

Für jemanden, der es - aus welchen Gründen auch immer - seinen Lesern offenbar schwer machen möchte, seine Inhalte zügig und stolperfrei zu verstehen, für den ist die reformierte Rechtschreibung doch eine Art Geschenk des Himmels, trägt sie doch schon für sich alleine genommen das Potential in sich, Verständnisprobleme zu erzeugen.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 19.06.2009 um 20.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#14654

Wenn einer es mit dem "herrschaftsfreien Diskurs" hat und dann dermaßen hermetisch schreibt wie Habermas, ist das schon eine Bemerkung wert, unabhängig davon, ob man den Stil mag oder nicht, den Verfasser der Texte für einen bedeutenden Denker hält oder für einen Aufschneider.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 19.06.2009 um 14.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#14650

Herr Birken-Bertsch stellt fest, daß die Kommentatoren sich auf die Frage nach der Bedeutung Habermas’ auf dessen Sprache stürzten. Das ist aber ganz folgerichtig, vermittelt doch die Philosophie über die Sprache ein theoretisches Denkgebäude. Wenn die Sprache nun derart verklausuliert ist, daß ich das Haus vor lauter Steinen nicht mehr sehe, oder, nachdem ich es mühsam doch gefunden habe, feststelle, daß es nichts Besonderes ist, dann darf ich mich schon fragen, warum dieser ganze Aufwand überhaupt nötig war. Wie ich schon schrieb, schätze ich Sloterdijk ebenfalls nicht sehr, aber das Wenige, das er mitteilen möchte, ist dann doch noch leichter faßlich.

Und natürlich würden wir uns hier nicht weiter mit Habermas beschäftigen (ich selbst zumindest nicht in der Öffentlichkeit des Internets), wenn er nicht auf deutsch schriebe. Aber er ist ja doch nicht der einzige philosophierende Schreiber deutscher Zunge, der bei Suhrkamp publiziert, um noch kurz auf die Suhrkamp-Kultur einzugehen. Blumenberg und Luhmann sind noch nicht so lange tot und der erwähnte Sloterdijk kann inzwischen auch schon einige Bände vorweisen. Dieses Werk wird ebenfalls im Ausland wahrgenommen und teilweise übersetzt. Blumenberg und Luhmann eher in Frankreich, Szondi (den ich vorhin aufzuzählen vergaß) in Italien (zählen Sie nur mal die italienischen Dissertationen über Szondi!) und Sloterdijk und Habermas mehr in Großbritannien und den USA. Daran haben mit Sicherheit Autoren wie Salman Rushdie, Susan Sontag und Harold Bloom keinen geringen Anteil. Und ebenso natürlich ist, daß der ältere Habermas bekannter und verbreiteter als der jüngere Sloterdijk ist, dessen „Critique of Cynical Reason“ man aber in Fachkreisen zumindest dem Namen nach kennt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.06.2009 um 11.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#14649

Peccavi! Leider ist es mir nicht ganz gelungen, mich jeder inhaltlichen Äußerung zu Habermas zu enthalten. Schreiben Sie es bitte dem lockeren Charakter eines Tagebuchs zugute! Allerdings handelt Habermas über weite Strecken von Sprache, das IST der Inhalt., und deshalb wurde die Theorie des kommunikativen Handelns auch oft von Linguisten zitiert, manchmal sogar zugrunde gelegt.
(Ich habe als sehr junger Mensch, ohne Habermas zu kennen, mal selbst eine "Theorie" sehr ähnlichen Inhalts (herrschaftsfreier Dialog und so, nur mit anderen Worten) entwickelt und dafür sogar einen Philosophenpreis bekommen, das Geld konnte ich damals verdammt gut gebrauchen. Aber ich bin von der Sache bald wieder abgekommen und erwähne das nur, um ein wenig die Entschiedenheit zu erklären, mit der ich mich heute gegen all das Zeug verwahre.)
Noch zur Sprachkritik: Nicht nur Adorno, sondern auch und gerade Habermas war die Zielscheibe von Popper und mehreren Anhängern des "Kritischen Rationalismus", die dann auch naturgemäßig gewaltig zusammengestaucht wurden von den Dialektikern und Hermeneutikern. "Positivismusstreit"! Haust du meinen Strohmann, hau ich deinen usw. Tja, damals war es noch eine Lust zu leben, heute gibt es solche "Glücksfälle" tatsächlich nicht mehr. Stattdessen: "Strohfrauen und -männer" usw., wie jämmerlich!
 
 

Kommentar von Hanno Birken-Bertsch, verfaßt am 19.06.2009 um 11.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#14648

Theodor Ickler fragt in seinem Rechtschreibtagebuch nach der Bedeutung von Jürgen Habermas.

Seine Kommentatoren aber stürzen sich auf die Sprache des Philosophen. Diese Art der sachfremden Kritik begleitet die Philosophie ganz traditionell, und sie trifft natürlich immer auch einen Punkt. Weniger treffend allerdings war nach meiner Erinnerung eine Gegenüberstellung von Sätzen Kants mit ihrer angeblich verständlicheren Übersetzung in der »Deutschen Stilkunst« (1943) von Ludwig Reiners. Stefan Stirnemann hat sich ausführlicher zu diesem Buch geäußert.

Im Unterschied zu den Kommentatoren erscheint mir an der Sprache von Jürgen Habermas nur eines für »Forschungsgruppe Deutsche Sprache« wirklich wichtig: Es war und ist die deutsche Sprache. Mir erzählte ein englischer Philosoph, daß er Deutsch gelernt hat, um die »Theorie des kommunikativen Handelns« lesen zu können. Habermas' Werke werden ins Englische übersetzt, weil sich Menschen – Fachleute allerdings, keine Stilkritiker – dafür interessieren. Ein vergleichbares Interesse gibt es für keinen anderen lebenden Philosophen deutscher Sprache. Und viele der heute bemerkenswerten deutschen Philosophen, für deren Werk man sich interessieren könnte, brauchen Kritik auf diesen Seiten hier ohnehin nicht mehr zu fürchten, da sie gleich auf Englisch veröffentlichen.

Die Bedeutung von Jürgen Habermas in philosophischer oder politischer Hinsicht? Dazu ist an dieser Stelle nichts zu sagen, denn danach fragt Sprachforschung nicht. Aus ihrer Sicht ist das Werk von Jürgen Habermas nur in sprachlicher Hinsicht Forschungsgegenstand und ansonsten, als kulturelles Kapital, ein Glücksfall von der Art, wie sie sich zur Zeit nicht zu wiederholen scheinen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 19.06.2009 um 10.22 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#14647

Vielen herzlichen Dank für den Hinweis auf diese Nicht-Hommage von Frau Tönnies!
Ich habe gerade die Preiswürdigkeit einer Arbeit zu beurteilen, die an einer anderen Alma mater mit Bestnote bewertet worden ist. Der Autor hat die verschiedenen Stufen unseres Bildungssystems wohl wie ein Solitär durcheilt und vermag schon in seinen ersten beiden Sätzen durch deren Unverständlichkeit zu beeindrucken, ganz Habermas-like. Nur, wenn man nicht aufgibt und weiterliest, versteht man das zunächst Unverständliche doch und sieht, wieviel einfacher man es hätte formulieren können (und wie schlicht es zugleich in Wahrheit ist).
Das hat Popper einmal sehr schön an einem Textausschnitt - wenn ich mich recht entsinne, von Adorno - gezeigt: Was bleibt übrig, wenn man den Inhalt verständlich formuliert? Und Popper verband dies mit der Forderung, man solle die Arbeit, die die klare Formulierung eines Gedanken erfordere, unbedingt leisten - alles andere sei eine Mißachtung des Lesers.
Man kann im Deutschen ganz besonders gut im Ungefähren wabern - und hat man sich erst einmal daran gewöhnt, fällt es ungeheuer leicht - wie meinem Summa-cum laude-Autor oder eben Jürgen Habermas. Aber daraus spricht genauso eine Arroganz dem Leser gegenüber, wie sie auch die Rechtschreibreform kennzeichnet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.06.2009 um 09.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#14646

Habermas geht uns Sprachwissenschaftler an, weil er sich in die fachliche Diskussion eingemischt hat, und von Kommunikation glauben wir ja auch ein bißchen zu verstehen. Ich will aber hier keine Debatte über die insgesamt nicht sehr ergiebige gegenseitige Beziehung eröffnen. Komisch war ja immer auch – und wurde auch in diesem Sinne diskutiert – die Heilserwartung, die Habermas ausgerechnet auf die "emanzipatorische" Wirkung der Psychoanalyse richtete, zusammen mit der typisch literatenhaften Aneignung dieser Lehre. Es ist ein unentbehrliches Ingrediens des irgendwie dann doch frankfurterischen Gebräus geworden, von dem auch die Hälfte der Suhrkamp-Kultur geprägt ist (Hegel, Marx, Freud, ein bißchen Wittgenstein dazu, Anleihen bei Karl Mannheim usw.). Na ja, bleiben wird nicht viel.
Was Dahrendorf betrifft, lieber Herr Markner: als Brite, nicht als Deutscher. Und bei Wiki lese ich, daß Baron Dahrendorf über einen Parkplatz bei der London School of Economics herrscht ... Warum nicht? Schwarzenegger ist – oder war – Österreicher, nicht wahr?
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 18.06.2009 um 22.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#14645

Immerhin hat Habermas ein Grundprinzip kommunikativen Handelns in akademischen Zusammenhängen begriffen: Man muß dem Adressaten/Leser/Studenten so viel Streß (im Falle des Studenten: Sozialisationsstreß) machen, daß er am Ende von dem tatsächlich oder vermeintlich Verstandenen nicht mehr lassen mag, weil andernfalls die ganze Anstrengung ja vergeblich gewesen wäre.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 18.06.2009 um 20.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#14643

Bei Habermas’ 80. Geburtstag möchte auch Reclam nicht abseits stehen, obwohl der Jubilar eigentlich Suhrkamp-Autor ist. Zwei Titel hat Reclam im Programm: „Kommunikatives Handeln und detranszendentalisierte Vernunft“ (2001) und „Politik, Kunst, Religion“, eine Essaysammlung (1986).

Aus dem ersten Werk mit dem fast unaussprechlichen Titel wird der Anfang des Vorwortes als Leseprobe zur Verfügung gestellt:

„Vorwort

Mit dem vorliegenden Text habe ich meinem Freunde Thomas A. McCarthy zum 60. Geburtstag gratuliert. Gleichzeitig will ich damit einem hervorragenden Kollegen für drei Jahrzehnte der gemeinsamen Arbeit, der unermüdlichen Diskussion und der fortdauernden Anregung Dank sagen.
Ich nütze diese Gelegenheit, um den Begriff einer performativ, im Vollzug des kommunikativen Handelns oder der Argumentation vorgenommenen „Idealisierung“ zu klären. Die Genealogie dieses Begriffs spiegelt eine Detranszendentalisierung der Vernunft, die von Kant ausgeht und zu der in Wahrheit und Rechtfertigung (1999) entwickelten Konzeption eines Kantischen Pragmatismus führt.“

http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018164-5

Schon diese vier (!) Sätze zeigen eindrucksvoll, wie recht Sybille Tönnies hat:

„Kaum jemand hat in den letzten Jahrzehnten das intellektuelle Selbstbewusstsein vieler junger Menschen so nachhaltig geprägt und beeinträchtigt wie Jürgen Habermas. Kritiker geben dabei zu bedenken, dass er seinen Erfolg als Sozialphilosoph auch der Schwerverständlichkeit seiner hochkomplexen Texte verdankt haben könnte.
Wer wollte dann wagen, sie zu kritisieren, wo sie doch kaum zu packen sind. Vermutlich hat er mit seinem umfangreichen Werk junge Menschen weniger geistig erhellt als unglücklich gemacht. Sie verstehen nämlich seinen eklektizistischen Gedankengänge nicht, und scheinen dabei an sich selbst zu verzweifeln.“

So ist von den vier bei Reclam öffentlich zugänglich gemachten Sätzen genau die Hälfte, nämlich die beiden letzten Sätze, nicht verständlich. Hoffentlich bleibt dem Geburtstagskind bei der Produktion von derart viel heißer Luft noch genug Atem zum Auspusten der Geburtstagskerzen!
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.06.2009 um 18.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1175#14642

Johannes Gross jedenfalls war größer, soviel ist sicher – die personifizierte geschärfte Aufmerksamkeit. Und was mag von Dahrendorf bleiben? Vielleicht nur die Erinnerung an die Stillosigkeit, sich als Deutscher ins Oberhaus von Westminster berufen zu lassen.
 
 

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