zurück zur Startseite Schrift & Rede, Forschungsgruppe dt. Sprache    FDS - In eigener Sache
Diskussionsforum Archiv Bücher & Aufsätze Verschiedenes Impressum      

Theodor Icklers Sprachtagebuch

Die neuesten Kommentare


Zum vorherigen / nächsten Tagebucheintrag

Zu den Kommentaren zu diesem Tagebucheintrag | einen Kommentar dazu schreiben


13.02.2009
 

Niedriger hängen!
Neue Erkenntnisse?

„Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, daß er viel größer ausschaut, als er wirklich ist.“

Neulich lobte Thomas Steinfeld ein (zumindest auf deutsch) neues Buch von Guy Deutscher über den grünen Klee: "Guy Deutscher erfindet die Sprachwissenschaft neu" (so der Titel der Rezension in der SZ vom 3.2.2009). Zugleich lobte er den deutschen Romanisten Jürgen Trabant, den allerdings kein anderer als Deutscher im September 2008 in die wohlverdiente Pfanne gehauen hatte – in derselben Süddeutschen Zeitung. Deutscher ist Semitist und hat eine wichtige Untersuchung über das Akkadische veröffentlicht, ein Buch, das wegen seiner Bedeutung für die Grammatikalisierungsforschung (besonders Entstehung der Hypotaxe) oft zitiert wird.
Deutschers neues Buch heißt "The unfolding of language" und ist 2005 in London und zugleich in den USA erschienen. Es ist ein allgemeinverständliches, auch wissenschaftlich gut fundiertes Werk, das man als Einführung in die Sprachwissenschaft jedermann empfehlen kann. Aber es enthält nichts Neues, von einer Neuerfindung der Sprachwissenschaft kann keine Rede sein. Nehmen Sie nur folgendes:
Deutscher meint, erst in den letzten Jahrzehnten sei man den Ursachen des Sprachwandels auf die Spur gekommen (61): economy, expressiveness, analogy. Das ist aber doch der eiserne Bestand der Junggrammatiker! Deutscher kennt und zitiert Pauls "Prinzipien der Sprachgeschichte". Da steht doch alles drin.

Heute lese ich in derselben Zeitung angeblich neue Erkenntnisse über die Bedeutung der Gesten und insbesondere des Zeigens beim Spracherwerb usw. Auch Susan Goldin-Meadow wird erwähnt. Nun, das ist alles seit Jahrzehnten bekannt, auch Goldin-Meadows Veröffentlichungen zum Thema haben sich seit zwanzig Jahren nur in winzigen Details verändert.
Aber manche schaffen es regelmäßig in die Medien. So auch das Leipziger MPI für vergleichende Anthropologie, dessen Veröffentlichungen ich seit langem aufmerksam verfolge, ohne irgend etwas aufregend Neues zu erkennen. Michael Tomasello schreibt gut lesbare Bücher und solide Aufsätze (wenn auch ziemlich wiederholungsreich), leider alles in traditionell mentalistischer Begrifflichkeit, was bei vergleichender Primatenforschung nachteilig wirkt. Die Öffentlichkeitsarbeit funktioniert noch besser als die Forschung.
Ganz schlimm treiben es aber die "Neurolinguisten", die uns ständig ihre bunten Bildchen – Artefakte der "bildgebenden Verfahren" – an die Wand projizieren und mit weitgehend unverstandenen sprachlichen Erscheinungen korrelieren. Skinner sprach nüchtern von "neural prestige". Na, und dann Manfred Spitzer mit seinen guten Ratschlägen, die er angeblich aus der "Hirnforschung" ableitet! Niedriger hängen geht aber auch nicht, dann bleiben die Mittel aus.



Diesen Beitrag drucken.

Kommentare zu »Niedriger hängen!«
Kommentar schreiben | älteste Kommentare zuoberst anzeigen | nach oben

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.10.2017 um 06.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36611

Die neuronalen Vorgänge, die schließlich zum Sprachverhalten führen, sind unendlich weit entfernt von allem Sprachlichen und Kalkülhaften. Die naive Psychologie und Neurosophie nimmt an, daß das Gehirn (oder der „Geist“) ganz ähnlich wie eine Person mit Zeichen und Regeln arbeitet, die irgendwie „gespeichert“ oder „repräsentiert“ sind. In Wirklichkeit steuern Millionen Zellen und Milliarden Verbindungen zwischen ihnen auf eine feuchte und schmutzige Weise makroskopische Bewegungen, darunter solche, die wir als Sprachverhalten deuten und in denen wir manchmal die soziale Disziplinierung „Logik“ entdecken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2017 um 17.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36584

Im vorigen Eintrag berufen sich die Autoren mit Recht auf Tomasello, der heute wohl der bekannteste Vertreter der naiven mentalistischen Aufassung ist. Man fragt also, ab wann die Menschen Repräsentationen und Metarepräsentationen ("usw.", nicht wahr, "rekursiv"!) ausgebildet haben, setzt aber damit als selbstverständlich voraus, daß wir Heutigen all diese guten Dinge haben. Die Haltlosigkeit dieser Annahme kommt gar nicht in Sicht. (Nicht daß sie sachlich falsch wäre, sie ist einfach ein überflüssiger konventioneller Überbau.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2017 um 09.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36574

Nehmen wir an, die folgenden archäologischen Befunde sind richtig (auf Einzelheiten kommt es nicht an):

Menschen haben sich schon vor 70.000 Jahren geschmückt, etwa mit Muscheln, dann wieder vor 40.000 Jahren. Die Lücke zeigt zusätzlich, daß es sich nicht um einen angeborenen "Trieb" handelte, sondern um eine kulturelle Tradition, die auch mal abbrechen und wieder neu beginnen konnte.

Mentalisten deuten das nun so, wie ich es in einer bequemen Zusammenfassung zitieren möchte:

At a minimum, write Henshilwood and Dubreuil, we can infer that the inhabitants of Blombos Cave must have been attentive to how others saw and understood them. Taking this argument a stage further, the use of cosmetics and ornaments surely ‘‘suggests that one person can understand how she looks from the point of view of another person.’’ The ability to see oneself from the standpoint of others—‘‘to represent how an object appears to another person’’—is not a development continuous with primate self-centered cognition. Citing Michael Tomasello among others (Tomasello et al. 2003;Warneken and Tomasello 2006), the authors view it as a qualitatively new development, unique to humans and lying at the root of all linguistic comprehension and production. For one person to wear beads with a view to others’ appreciation of them is not necessarily to take the further step of actually talking about them. But in cognitive terms, the principle is already there. The wearer is forming not just a representation of her beads but a meta-representation. To construct representations of representations in this way—switching between alternative perspectives instead of remaining imprisoned in one’s own—is to discover the creative potential of recursion as a cognitive principle. Syntactical recursion, write Henshilwood and Dubreuil, is essential to the linguistic articulation of meta-representations of this kind. If this argument is accepted, the authors conclude, we are justified in inferring complex linguistic capacity from the evidence for personal ornamentation found at Blombos Cave. (Rudolf Botha/Chris Knight: The cradle of language. Oxford 2009:4f.)

Ich halte das natürlich für Unfug. Eine begrifflich sparsamere naturalistische Deutung könnte so aussehen: Eine Frau heftet sich eine besonders schöne Muschel an (aus welchen Gründen auch immer, man spielt halt so rum). Dadurch erregt sie die Aufmerksamkeit anderer. Das wirkt als Verstärkung, sie tut es öfter usw.

Der Empfänger des nun zum Zeichen gewordenen Schmucks verändert sich ebenfalls. Er deutet den Schmuck der Frau als Zeichen ihrer Kopulationsbereitschaft und reagiert regelmäßiger darauf usw.

Den modischen Schnickschnack mit "Repräsentationen" braucht niemand, beweisen kann man ihn sowieso nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.10.2017 um 06.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36464

Der Glaube an "mentale Modelle" ist so allgemein verbreitet daß er gar nicht mehr als besondere Annahme wahrgenommen, geschweige denn gerechtfertigt wird.

In a general semiotic sense, iconicity refers to an analogy or similarity between a sign and the concept in our cognitive model of the world which this sign represents.

Usw. – Ich habe aufgehört, Beispiele zu sammeln, es gibt fast gar nichts anderes mehr. Kein Linguist fragt sich, was ihn eigentlich zum Reden über "Mentales" qualifiziert. Wie schon gesagt, es ist die alte Scholastik mit ihrer Hypostasierung des Logischen zum Geistigen; daher die unangefochtene rationale Psychologie. Daß sie aus der Sprache herausgesponnen ist und daher nichts erklärt, wird nicht erkannt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.09.2017 um 05.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36269

Kurz vor der Bundestagswahl läßt man auch noch mal Frau Wehling mit ihrem "Framing" zu Wort kommen (Stern, FNP). Auch das angeblich herabsetzende -ling bleibt uns nicht erspart. Linguistin – Kognitionsforscherin – Politikberaterin (selbsternannt natürlich), aber niemand hört auf sie. So kann man die Wahl nicht gewinnen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.09.2017 um 04.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36249

Menschenaffen erkennen eigenes Unwissen

Schimpansen und Orang-Utans suchen nach Informationen, um Wissenslücken zu schließen
Sie wissen, wenn sie etwas nicht wissen: Schimpansen und Orang-Utans scheinen ihr eigenes Wissen hinterfragen und beurteilen zu können. Ein Experiment zeigt: Die Menschenaffen erkennen, wenn ihnen wichtige Informationen zum Lösen einer Aufgabe fehlen – und versuchen diese Wissenslücke dann gezielt zu schließen. Für die Forscher ist das ein mögliches Zeichen dafür, dass die Tiere, ähnlich wie wir Menschen, die Fähigkeit zur Metakognition besitzen.(...)
Manuel Bohn vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und seine Kollegen haben nun untersucht, ob die Primaten womöglich auch eine weitere kognitive Fähigkeit mit uns Menschen gemein haben: die der Metakognition. Sie wollten wissen: Können Menschenaffen ihre eigenen geistigen Zustände erkennen und überwachen?
(...)

"Unsere Studie leistet einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Komplexität und Flexibilität von Gedächtnisprozessen und der Überwachung eigener geistiger Zustände bei Menschenaffen", schließt Mitautor Josep Call. (Scientific Reports, 2017; doi: 10.1038/s41598-017-11400-z)
(Max-Planck-Gesellschaft, 11.09.2017 - DAL)


-

Die Leipziger Forscher machen weiter mit ihrer mentalistischen Philosophie in Begriffen wie „Wissen“, „Wissen über Wissen“ usw. Sie erwägen nicht, ob eine begrifflich sparsamere Erklärung des Verhaltens möglich ist. Daß Menschen über Kognition und Metakognition verfügen, wird ganz naiv als selbstverständlich angenommen. Das ist sehr bedauerlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.09.2017 um 18.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36216

„Mentale Zustände sind Gehirnzustände, und also berichtet eine Person, spricht sie über ihre mentalen Zustände, in Wirklichkeit über Zustände ihres Gehirns.“ (Holm Tetens: Geist, Gehirn, Maschine. Stuttgart 1994:131)

Ein Trugschluß. Mentale Zustände sind keine Gehirnzustände. Mentale Zustände sind ein philosophisches Konstrukt, also eine bestenfalls nützliche Fiktion, während Gehirnzustände natürliche Gegebenheiten sind, die empirisch aufgefunden werden können.

Sprachkritisch wäre noch anzumerken, daß man nicht "über" etwas anderes sprechen kann, als man zu sprechen meint; aber das will ich hier beiseite lassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.09.2017 um 11.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36179

Der berühmte Physiker Roger Penrose versuchte, Bewußtseinsphänomene durch Quanteneffekte zu erklären, stieß aber von allen Seiten auf Widerspruch. Sein Vorschlag und der Einspruch bedeutender Kritiker sind bequem nachzulesen in John Brockmans „The Third Culture“. Der wichtigste Einwand ist wohl, daß die neuronalen Vorgänge, die unser Verhalten steuern, makrophysikalisch sind und daß die freilich im Hintergrund allgegenwärtigen Quanteneffekte sich auf dieser Ebene neutralisieren. Das ist wie mit dem schon erwähnten Schmetterling in China, dessen Flügelschlag theoretisch einen Wirbelsturm in der Karibik auslösen könnte. Wichtiger ist die Einsicht, daß und warum er es nicht tut.

Auch mit der Freiheit des freien Willens wäre es nicht weit her, wenn irgendwo ein Zufallsgenerator eingebaut wäre, der unser Verhalten nicht „frei“, sondern eben zufällig und unberechenbar machen würde. Der vernünftig begrenzte Begriff des freien Willens gehört in einen Gesprächszusammenhang, wie ich in meinem Essay über die Naturalisierung der Intentionalität gezeigt habe: Wir machen die Erfahrung, daß unser Verhalten durch Zuspruch oder Einspruch anderer, denen wir es angekündigt haben, beeinflußt werden kann. Natürliche Vorgänge wie Regen oder Wespenstiche können das nicht. Auf einer anderen Ebene mag unser Verhalten und das unserer Gesprächspartner physikalisch so strikt determiniert sein wie nur möglich, das spielt hier gar keine Rolle.

„As Heisenberg himself has told me, the principle of uncertainty is entirely irrelevant to the question of causal determination. It is a principle of unobservability, and as a basis for doctrines of will it is in a class with the belief that the invisible face of the moon is made of green cheese." (Karl Lashley: „Cerebral Organization and Behavior“. In: The neuropsychology of Lashley. New York u. a. 1960:530).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.09.2017 um 05.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36175

Der US-amerikanische Soziologe und Sozialpsychologe Luther Lee Bernard stellte 1926 einen Katalog der in der Literatur gefundenen Instinkte zusammen und fand 5684 verschiedene Instinkte. (Wikipedia „Instinkt“)

Heute sprechen Biologen nur noch selten oder gar nicht von Instinkt – der richtige Moment für Pinker, den „Sprachinstinkt“ einzuführen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.09.2017 um 07.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36153

Aus einer Dissertation:

Ist Spracherwerb ein passiver, umweltgesteuerter Nachahmungsprozeß (Empirismus) oder ein aktiver, durch angeborene Fähigkeiten gesteuerter Schaffensprozeß
(Nativismus)?


Wort für Wort sinnlos. Der Verfasser müßte doch bemerken, daß Prozesse schon rein logisch nicht aktiv oder passiv sein können. Außerdem sollen beide Arten "gesteuert" sein, was die Unterscheidung vollends aufhebt. Aber solchen Galimathias findet man auf Schritt und Tritt. Er nennt sich "Kognitive Psychologie".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.09.2017 um 04.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36148

Wenn man zum Beispiel einen Hund beobachtet, der seine Umgebung beobachtet, kommt man unweigerlich ins Grübeln, was er wohl eigentlich sieht. Dasselbe aber auch bei sehr kleinen Kindern. Unsere fünfmonatige Enkelin schaut aufmerksam umher, aber was sie dabei eigentlich sieht und erlebt, können wir nicht wissen.

Freundliche Gesichter und Ansprache bringen sie zu einem dünnen Lächeln, aber so richtig heiter wird sie unfehlbar beim Anblick des Familienhundes, einer Französischen Bulldogge. Das ist bekanntlich ein exorbitant häßliches Tier. Ich nehme an, daß das Kind noch nicht zwischen Mensch und Tier unterscheidet, den Hund folglich als einen besonders komisch aussehenden anderen wahrnimmt. So ähnlich nehmen naive Menschen Affen wahr: komisch durch ihre Menschenähnlichkeit.

Der Hund wiederum, seiner Rasse entsprechend, ist überaus verspielt und "verbeißt" sich spielerisch in jeden Zeh oder sonstigen Körperteil von uns, wobei er aber niemals ernsthaft zubeißt. Woher weiß er, daß der Zeh, mit dem ich da unten wackele, ein Teil von mir ist? Uns fällt auf, daß er selbst dieses sanfte Zupacken bei dem kleinen Mädchen unterläßt; das Maul bleibt immer geschlossen. Auch sonst weiß man ja, daß Hunde die Kindlichkeit und Schutzbedürftigkeit von Kindern intuitiv erkennen und berücksichtigen. Das ist bei der großen genetischen Entfernung bemerkenswert.

Anderswo habe ich schon erwähnt, daß Platon den Hund für ein philosophisches Tier erklärt, weil er das Wissen um seiner selbst liebt (ein Merkmal des Menschen, nach dem Anfang der Metaphysik des Aristoteles). Der Hund begegnet nämlich jedem freundlich, den er kennt, auch ohne je eine Wohltat von ihm erfahren zu haben.

So ist auch für das Marketing die Bekanntheit alles. Das gilt auch in der Politik. Bei der Beliebtheit von Politikern spielt immer die bloße Bekanntheit mit. Außenminister werden wegen ihres Jobs sehr oft im Fernsehen gezeigt und sind daher immer besonders beliebt, ganz unabhängig von ihren Leistungen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.09.2017 um 05.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36110

Tragen Sie den Begriff ein, den Sie regelmäßig falsch schreiben – in diesem Beispiel „druch“. In das Feld daneben tragen Sie die korrekte Schreibweise („durch“) ein.

Zuerst stört die Verwechslung von Begriffen mit Wörtern, aber dann kommt sie einem wieder richtig vor, denn Begriffe sind nichts anderes als Wörter, und das Denken ist ein Sprechen, Propositionen sind Sätze. Darum kann man Gedanken in direkter und indirekter Rede zitieren. Alles darüber hinaus ist metaphysischer Hokuspokus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.09.2017 um 05.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36109

„In the minimal case, a word is an arbitrary association of a chunk of phonology and a chunk of conceptual structure, stored in speakers’ long-term memory (the lexicon).“ (Steven Pinker/Ray Jackendoff: „The Faculty of Language: What’s Special about it?“ Cognition 95, 2005:201-36, S. 212)

So kann man reden, aber man kann sich nichts darunter vorstellen, was ein „chunk of conceptual structure“ sein soll. Struktur sollte doch die Struktur von etwas sein, aber man erfährt nichts Näheres darüber. Am ehesten darf man annehmen, daß es sich um „Begriffe“ handelt, die einer Sprache nachgebildet sind. Dafür spricht die beiläufige Angabe, daß es sich um ein „Lexikon“ im Langzeitgedächtnis handelt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.08.2017 um 04.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36053

Die jeweils herrschende ("selbstverständliche") naive Psychologie läßt sich bei psychologisierenden Nichtpsychologen oft am besten erkennen, weil sie den Kern der Lehre nicht mit begrifflichem Brimborium unkenntlich machen.

Der Vorstellungsinhalt selbst ist also unübertragbar. Alles, was wir von dem eines andern Individuums zu wissen glauben, beruht nur auf Schlüssen aus unserem eigenen. Wir setzen dabei voraus, dass die fremde Seele in dem selben Verhältnis zur Aussenwelt steht wie die unsrige, dass die nämlichen physischen Eindrücke in ihr die gleichen Vorstellungen erzeugen wie in der unsrigen, und dass diese Vorstellungen sich in der gleichen Weise verbinden. (Hermann Paul: Prinzipien der Sprachgeschichte. Tübingen 1960 = 1920:15)

Das klingt evident richtig und ist doch grundverkehrt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.08.2017 um 05.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35989

Schlauer als bisher angenommen
Neue Fähigkeit bei Hunden entdeckt

Einige Hunde sind schlauer als bisher angenommen. Sie können einer Studie zufolge die Perspektive von Menschen einnehmen und zu ihrem Vorteil nutzen, wie Forscher der Veterinärmedizinischen Universität Wien nachgewiesen haben. Die Vierbeiner erkannten in einem Experiment in vielen Fällen, welche Menschen den Ort des Futters erspäht hatten. Sie folgten dann gezielt nur deren Hinweisen. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal "Animal Cognition" veröffentlicht.
Begabung nur bei wenigen Tierarten

"Diese Fähigkeit der Perspektivenübernahme ist ein wichtiger Baustein sozialer Intelligenz und hilft den Vierbeinern, sich in unserer menschlichen Umwelt zu behaupten", schreibt die Hochschule. Tieren sei die Begabung bis auf wenige Ausnahmen bisher abgesprochen worden. Hinweise, dass Tiere Wissenszustände anderer erkennen können, habe es bisher nur bei Menschenaffen und Rabenvögeln gegeben. Forscher in Hannover hatten diese nach eigenen Angaben jedoch auch schon bei Hunden gefunden.


Es wird nicht erkannt, daß die Rede von "Perspektivübernahme" usw. auch beim Menschen nur eine Metapher ist. Es käme darauf an, das Verhalten und seine Veränderung objektiv zu beschreiben. Dann bliebe von der sensationellen These nicht viel übrig. Grundlegende Schwäche der mentalistischen Aufmachung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.08.2017 um 05.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35967

These results show that video games can be beneficial or detrimental to the hippocampal system depending on the navigation strategy that a person employs and the genre of the game. (http://www.nature.com/mp/journal/vaop/ncurrent/abs/mp2017155a.html?foxtrotcallback=true)

Das wird auch in deutschen Medien referiert.

Es ist von vornherein unwahrscheinlich, daß verschiedene Videospiele verschiedene anatomische Veränderungen im Hippocampus verursachen. Man muß auch bedenken: Die Probanden verlassen das Labor und tun dies und das, und dabei müßten ja ganz ähnliche Veränderungen stattfinden, ein ständiger Ab- und Aufbau von grauer Substanz, je nach Art der Tätigkeit: Schach, Karate, Vorlesungen...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.08.2017 um 05.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35871

Große Unternehmen schicken ihr Führungspersonal auf meist zweitätige "Workshops" zum Motivationstraining usw. Die Anleitungen dazu sind sehr reich an Einzelheiten, bis zur Anordnung der Möbel, minutengenauen Dauer einzelner Arbeitsabschnitte usw. - die Lektüre erinnert an halbneurotische Praktiken von Voodoopriestern.
Ob solche Veranstaltungen einen Erfolg haben, dürfte sich schwer nachweisen lassen. Stattdessen findet man regelmäßig die Erwähnung eines amerikanischen Gurus, an dessen Lehrbuch man sich hält. Die Psychologie ist hanebüchen. Immer wieder geht es darum, "Authentizität" vorzuspielen und sich scheinbar für Sachen zu "begeistern", die einen gar nicht interessieren.
Es handelt sich um die moderne Spielart der Rhetorik, wie sie von den griechischen Sophisten zur Ertüchtigung ehrgeiziger junger Männer angeboten wurde.
Die zwangsverpflichteten Teilnehmer reagieren verschieden. Manche genießen die Abwechslung, andere leiden unter der Peinlichkeit. Es wird eine Art Seelenstriptease erwartet und abgeprüft, der aber selbstverständlich auch wieder nur Schauspielerei ist, und der leitende Coach läßt intelligentere Teilnehmer fragen, was so ein hergelaufener Unterhaltungskünstler, der von der Sache selbst nichts versteht, den gestandenen Managern eigentlich beibringen kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2017 um 05.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35815

Der Psychiater Manfred Spitzer wird auch im Ausland als führender Neurologe bezeichnet und anerkennend zitiert:
Triệu chứng này từng được Mandred (sic) Spitzer, nhà thần kinh học hàng đầu của Đức (!) mô tả như sau: là hành vi sử dụng quá mức các thiết bị công nghệ - kỹ thuật số, dẫn đến suy giảm khả năng nhận thức, hiện tượng thường thấy ở những người bị thương ở đầu hoặc bị bệnh tâm thần.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.07.2017 um 03.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35800

Kleinere Menschen haben ein erhöhtes Risiko, an den Herzkranzgefäßen zu erkranken. Das ergab eine Studie der Universität Leicester, die die Forscher im "New England Journal of Medicine" veröffentlichten.
-
Die Wissenschaftler von der Leicester University in Großbritannien stellten bei ihrer Untersuchung fest, dass das regelmäßige Autofahren bei Betroffenen eine Reduzierung der Intelligenz bewirken kann. Eine beunruhigende Nachricht – insbesondere für alle Personen, die täglich aus Berufsgründen weite Strecke mit dem Auto zurücklegen müssen.
-
Rassistische und sexistische Vorurteile sind in unserer Gesellschaft leider immer noch weit verbreitet. Amerikanische Forscher behaupten jetzt, dass man Intoleranz im Schlaf behandeln kann – mit einem speziellen Training.


-

Theodor Ickler von der Universität Erlangen hat festgestellt, daß die tägliche Lektüre von Berichten aus der Wissenschaft zur Volksverdummung beiträgt. Zur Vorsorge empfiehlt er "Bad Science" von Ben Goldacre.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.07.2017 um 08.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35783

Focus wirbt mit einem pseudo-redaktionellen Artikel für diesen Mann:
„Benedikt Ahlfeld coacht und trainiert seit 10 Jahren Top-Entscheider aus Wirtschaft, Sport und Medizin für besseres Management und mehr Umsetzungskompetenz. Er zeigt, wie sich Kaufentscheidungen beeinflussen lassen und Teams effizienter zu Ergebnissen kommen. In seinem Buch verrät er bewährte Strategien der Top-Entscheider.“
Der weiß zum Beispiel:
„20.000 Entscheidungen treffen wir jeden Tag. Die meisten davon blitzschnell. Das beweist die Hirnforschung. Die wenigsten allerdings sind rational und überlegt. Das belegt die Verhaltensökonomie.“
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.07.2017 um 09.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35686

Mittlerweile können Neurowissenschaftler erklären, warum zum Beispiel manche Menschen das Gefühl haben, von Geistern umgeben zu sein. Ja, sie können dieses Gefühl bei Versuchspersonen im Labor sogar erzeugen. (Martin Urban: Ach Gott, die Kirche! München 2016:161)

Das ist kein Beweis. Die Deutung von Ausnahmeständen ist kulturell geprägt. Manche bilden sich ein, von Raumschiffen entführt zu werden usw. Die Einzelheiten stammen immer aus der Zeitung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.07.2017 um 09.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35685

Forscher können jetzt mit Hirnscans erklären, warum wir glücklich sind, wenn wir mit anderen teilen.
Der methodische Fehler ist immer derselbe: Man stellt Korrelationen fest, untersucht aber nicht, ob das Verhalten trennscharf von tausend anderen Verhaltensweisen unterschieden ist. Vielleicht stellt sich (wenn man die Fehlerquelle des Mittelns ausgeschaltet hat) heraus, daß das Spielen einer Klaviersonate oder das Befreien eines verflogenen Vogels oder das Anzünden eines Kleinwagens dieselben Erregungsmuster hervorruft?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.07.2017 um 18.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35596

Auch sittliches Empfinden kann dem Grad der Funktionsfähigkeit bestimmter Hirnareale zugeordnet werden. In die Politik scheinen diese Erkenntnisse bis heute nicht vorgedrungen zu sein. (Thilo Sarrazin: Wunschdenken)

Neuropolitik? Nein danke!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.06.2017 um 16.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35493

Brainporn:

"Unser Gehirn ist darauf programmiert, neue Dinge zu lieben"
Virtual-Reality-Shops und kassenlose Supermärkte sollen die übersatte Gesellschaft bei Kauflaune halten. Dem Gehirn gefällt das, sagt der Konsumexperte Sebastian Haupt.
(Zeit 26.6.17)

= Der Mensch liebt Abwechslung.
 
 

Kommentar von Tante Google, verfaßt am 21.06.2017 um 17.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35427

Inzwischen hat sich Madame la ministre im Alltag und in den Medien weitgehend durchgesetzt. Nur noch böse alte weiße französische Männer verharren in den alten Gewohnheiten.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 21.06.2017 um 12.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35424

Auffällig, aber vielleicht keine Weltanschauung ist, daß in allen slawischen Sprachen (nur) bei männlichen Substantiven, Adjektiven und Pronomen zwischen belebt und unbelebt unterschieden wird.
Amüsant ist franz. Madam Le Ministre.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.06.2017 um 10.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35420

In einem Festvortrag über Humboldt (FAZ 21.6.17) wiederholt Jürgen Trabant dessen These, jede Sprache enthalte eine Weltansicht. Wiederholung ist kein Beweis, und die Einwände bleiben bestehen. Martin Schulz spricht sechs Sprachen, er müßte ein überaus beweglicher Geist sein, der die Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann. Kann ja sein, aber man hat es bisher nicht bemerkt.
Ja, das ist ein sehr banaler Einwand, aber vielleicht sollte man darauf antworten, bevor man die weniger banalen in Angriff nimmt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.06.2017 um 04.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35391

Kant meinte, unser Erkenntnisvermögen sei äusserst beschränkt; dennoch wirft unser Gehirn dauernd Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach der Seele, nach Gott auf. (http://www.0095.info/de/index_thesende3_informationstheorie_alteundneuegottesbeweise.html)

Kant als Hirnforscher.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.06.2017 um 19.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35324

Auf der Seite „Campus“ gibt die FAZ Lerntips (10.6.17):

„Die Studentin setzt auf sogenanntes Mindmapping, um die richtigen der 86 Milliarden Nervenzellen ihres Gehirns zu aktivieren. (...) Längst gibt es solche Karteikartenmethoden auch online. Allerdings mahnt die Hirnforschung: Wer auf Papier liest, der behält deutlich mehr Informationen.“

Usw., lauter Neurobabble, eigentlich leicht durchschaubarer Unsinn. Die Leser scheinen es zu schlucken, seit vielen Jahren schon.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.06.2017 um 06.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35259

„Schließlich gelangen wir zu einer Feststellung, die die Psychologen früher als paradox belächelt hätten: Da wir das Verhalten der anderen besser erkennen als das unsere, kennen wir die anderen auch besser als uns selbst.“ (Paul Foulquié zit. nach Paul Fraisse: Praktikum der experimentellen Psychologie. 166:34)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.05.2017 um 05.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35214

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#22640

Joachim Bauer scheint auch als Gutachter im Zschäpe-Prozeß seine Fachgrenzen zu überschreiten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.05.2017 um 09.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35099

„Auch wenn ein Affe von abstrakten Konzepten Gebrauch machen kann und Motive, Überzeugungen und Wünsche hat, so sind ihm seine Bewußtseinszustände doch nicht zugänglich. Er weiß nicht, was er weiß. Zudem scheinen Affen auch unfähig, anderen Bewußtseinszustände zuzusprechen oder zu erkennen, daß auch das Verhalten der anderen von Motiven, Überzeugungen und Wünschen bestimmt ist.“ (Dorothy L. Cheney/Rober M. Seyfarth: Wie Affen die Welt sehen. München 1994:413)

„Wie wir gesehen haben, scheinen Affen Experten darin zu sein, im Verhalten der anderen zu lesen; bis jetzt haben wir aber kaum Hinweise dafür, daß sie ebensolche Experten darin sind, in der Gedankenwelt der anderen zu lesen.“ (306)

Über Theory of mind bei Affen, Spiegelversuche usw. Es wird als selbstverständlich vorausgesetzt, daß Menschen in der Gedankenwelt der anderen lesen. Durchgehend werden die folkpsychologischen Konstrukte für Tatsachen gehalten. Intentionale Systeme im Sinne Dennetts usw. – in diesem Stil ist das ganze Werk gehalten. Die Beobachtungen der Feldforscher sind interessant, aber man sieht sie durch den mentalistischen Schleier.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.04.2017 um 16.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34974

Zum vorigen:

Äußerlich gesehen sind solche Signalrufe den einklassigen Signalen der Tiere ähnlich, unter denen es ja einige gibt, die verschiedene Warnsignale für Luft- und für Bodenfeinde hervorbringen. (Sie sind nicht zusammengesetzt aus Zeichen für "Luft" und "Feind" usw., haben also keine Syntax.)

Aber wenn man genauer hinsieht, ist das natürlich nicht richtig. Wie Skinner andeutet, ist der Ruf der Fuchsjäger zwar fast ausschließlich in einem einzigartigen Handlungszusammenhang zu finden; aber eben nur fast: Die Jäger könnten sich zum Beispiel darüber unterhalten, warum der eine tally-ho gerufen hat, obwohl gar kein Fuchs zu sehen war usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.04.2017 um 16.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34973

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34678:

„Wenn der Koch vom Feuer her Essen fassen! ruft, ist sein Verhalten eine ebensolche Einheit wie die Reaktion Essen! oder das Erklingen eines großen metallenen Triangels. Zur Erklärung eines solchen Verhaltens brauchen wir keine grammatischen oder syntaktischen Prozesse zu analysieren. Tally-ho! bedeutet unter englischen Jägern soviel wie Da ist ein Fuchs!, und es wäre müßig, über die Funktion des Bruchstücks ho oder Da ist in diesen Reaktionen eines konkreten Sprechers zu spekulieren. Man kann sich andere Situationen vorstellen, in denen die Reaktion Da ist ein Fuchs! grammatisch analysiert werden müßte; bei Tally-ho! wäre das schon unwahrscheinlicher. Je weiter sich das Sprachverhalten eines einzelnen Sprechers entwickelt, um so umfangreichere Reaktionen wachsen im allgemeinen zu funktionalen Einheiten zusammen, und wir brauchen nicht jedesmal über autoklitische Tätigkeiten zu spekulieren, wenn eine Reaktion eine autoklitische Form zu enthalten scheint. Auch im Laufe der historischen Entwicklung einer Sprachgemeinschaft werden, wie man annehmen darf, immer umfangreichere Einheiten bekräftigt.“ (Skinner VB)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.04.2017 um 17.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34908

Soziobiologen haben zu erklären versucht, warum junge Mütter öfter sagen, ihr Neugeborenes ähnele dem Vater, als ihnen selbst. Man kann sich den vermeintlichen Grund denken. Aber in Wirklichkeit ist es wohl so, daß ich überhaupt leichter die Ähnlichkeit mit jemand anderem erkennen kann als mit mir selbst, weil ich gar nicht richtig weiß, wie ich aussehe. Als unsere Jüngste schlüpfte, habe ich sofort eine Ähnlichkeit mit mir selbst erkannt und auch ausgesprochen, aber nur deshalb, weil ich meinem Vater ähnele und die Tochter besonders um den Mund herum wieder diesem. Dieser Zug ist denn auch geblieben und immer deutlicher geworden.

(Daran muß ich gerade denken, weil verschiedene Kommentare zu meiner eben geborenen Enkelin gegeben werden. Keiner der Verwandten entdeckt eine Ähnlichkeit mit sich selbst...)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.04.2017 um 04.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34865

Die FAZ (Christian Geyer) würdigt den Marburger Philosophen Reinhard Brandt zum 80. Geburtstag. (Kleiner Schock in Erinnerung an meine Studienzeit: der junge Assistent von damals auch schon 80?!) Sein kleines Buch "Können Tiere denken?" wird lobend erwähnt.

Nun, gerade davon war ich nicht begeistert. Brandt legt ausführlich dar, was "Urteile" im Sinne Kants sind. Tiere lassen nicht erkennen, daß sie solche Urteile vollziehen. Sie können halt nicht sprechen, das haben wir schon vorher gewußt.

"Urteil" ist wie "Denken" ein Konstrukt, das wir sprachfähigen Lebewesen zuschreiben. (S. meine Ausführungen über "Naturalisierung der Intentionalität".) Zwar hat "denken" viele Verwendungsweisen, aber im Kern konzipieren wir das Denken nach dem Muster eines stillen Sprechens, daher die Möglichkeit der direkten und indirekten Rede bei der Wiedergabe des vermeintlichen Denkens.

Es ist also keine Tatsachenfrage, ob Tiere denken können. Man braucht nur sprachanalytisch seine "Grammatik" in Ordnung zu bringen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.03.2017 um 04.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34784

„Beim Sex werden Hormone freigesetzt, die unsere Religiosität steigern.

Kann unsere Sexualität sich auf unsere Spiritualität oder unseren Glauben auswirken? Forscher fanden jetzt heraus, dass beim Sex Hormone freigesetzt werden, die tatsächlich das Gefühl von Religiosität stimulieren können.“ (Meldung 27.9.16)

Das „Gefühl von Religiosität“ ist nicht definiert, vielleicht ist eine gewisse Desorientiertheit gemeint.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.03.2017 um 10.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34703

„Das Verb ist mit bestimmten Stellen im Satz ausgestattet, die mit ihm im (mentalen) Lexikon gespeichert sind und deren Füllung im Satz gegebenenfalls zu erwarten ist.“ (Katrin Lindner: Einführung in die Germanistische Linguistik. München 2014:155)

In Wörterbüchern stehen die Verben und außerdem Angaben zu ihrer Konstruktion. Dasselbe nun im Kopf oder, na ja, im "Geist". Dann ist alles sehr einfach, denn mit Wörterbüchern kennen wir uns schon aus.

Bleibt nur die bange Frage: Wer schlägt nach?

Die Bienen haben eine Landkarte ihrer Umgebung gespeichert, mit Sternen für Nektarfundstellen wie die Aussichtspunkte im ADAC-Atlas. Nur: Wer liest diese Karten? Kartenlesen muß auch gelernt sein.

Man stellt diese Fragen nicht, weil man die Metaphern nicht als solche erkennt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.03.2017 um 08.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34678

Die menschliche Sprache hat Syntax, also Sätze. Darum beharrten Hermann Paul und andere darauf, daß menschliche Rede grundsätzlich zweigliedrig ist. Bei scheinbar eingliedrigen Ausrufen usw. (Feuer sei gewissermaßen die Situation das ("psychologische") Subjekt, der Ausruf das Prädikat (Rhema).
Man könnte auch sagen: Selbst wenn Feuer allein vorkommt, so steht doch im Hintergrund, daß es auch noch anderswo vorkommen könnte. Diese Vielverzwecklichkeit ist im Grunde dasselbe wie die Zweigliedrigkeit.
Eingliedriges ist nur noch ganz marginal vorhanden. Mit Tieren kommunizieren wir oft eingliedrig: Sitz! Hüst, hott. Das sind keine Menschenwörter, auch wo sie scheinbar noch mit solchen übereinstimmen. Deshalb verquatschen die Reiter Trab, Schritt zu Terab, Scheritt usw., angemessen an die Perzeptionsfähigkeit des Tieres.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.03.2017 um 04.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34653

In den Spracherwerbs- und Sprachursprungstheorien Tomasellos, MacWhinneys usw. ist ständig von "Perspektivenübernahme" die Rede, Hineinversetzen, Empathie usw. – und es gibt kein Anzeichen, daß der metaphorische Charakter dieser Redeweise durchschaut wäre. Was geschieht wirklich, und wie wird es gelernt und weitergegeben? Die Kognitivisten haben sich hoffnungslos verrannt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.03.2017 um 15.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34612

Kürzlich ging durch die Presse, daß Hummeln durch Beobachtung und Nachahmung lernen, z. B. eine kleine Kugel an einen Platz zu bringen, woraufhin sie etwas Süßes bekommen. Sie spielen Soccer bzw. Golf, wie es in reißerischen Überschriften hieß.

Das ist nicht glaubhaft. Nachahmung und Beobachtungslernen sind selbst bei höheren Tieren selten oder gar nicht nachzuweisen. Was so aussieht, ist in Wirklichkeit oft anders zu erklären. Was sehen Hummeln überhaupt? Sehen sie uns? Wie die Welt durch Facettenaugen aussieht und welche Ausschnitte Insekten auf welche Weise wahrnehmen, wird seit langem erforscht. Davon war in den Berichten gar nicht mehr die Rede.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.02.2017 um 15.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34522

"Wissenschaftler des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften und der Newcastle University haben nun herausgefunden, dass auch Affen komplizierte Regeln innerhalb von Silbenfolgen entdecken können. Das Gehirn von Makaken ist beim Hören komplexer Silbenkombinationen in ähnlicher Weise elektrisch aktiv wie das von drei Monate alten Babys. Affen besitzen somit wahrscheinlich „Vorläuferfähigkeiten“ für den Spracherwerb."

Usw.: https://www.mpg.de/10821435

Natürlich sind Säuglinge und Affen so konditionierbar, daß sie das Zusammenvorkommen von Elementen (also Muster, "Patterns", hörbar oder sichtbar, auch über eine gewisse Distanz hinweg) "entdecken", d. h. darauf reagieren. Auch mit Hirnstrommessungen nachzuweisen. Der erste Fehler der Kognitivisten (hier wieder mal Frau Friederici) besteht darin, dem Vorgang "Regeln" zu unterschieben (der Planimeter-Trugschluß also). Es geht um Regelmäßigkeiten.
Der zweite Fehler: Das hat mit Silben und Sprache gar nichts zu tun, jeder andere Reiz tut es auch.

Die kognivistische Einkleidung verhindert, daß die unendlich vielen Laborexperimente der Behavioristen einbezogen werden. An die Öffentlichkeit tritt man gern mit der Verheißung, die Entschlüsselung des Sprachvermögens voranzutreiben. Das soll die Sache interessant und relevant erscheinen lassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.02.2017 um 07.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34482

Ein Englischdidaktiker beglückt uns mit einem "Brainbook":

Heiner Böttger: Neurodidaktik des frühen Sprachenlernens: Wo die Sprache zuhause ist.

Wo die Sprache zu Hause ist Wie funktioniert das Erlernen von Sprachen von Anfang an? Welche Rolle spielt das Gehirn dabei? Können mehrere Sprachen gleichzeitig erworben werden? Auf diese und viele weitere Fragen des Spracherwerbs gibt das Brainbook von Heiner Böttger Auskunft. Das Werk basiert auf aktuellen Hirn- und Spracherwerbsforschungen und soll Sprachlernprozesse im Elternhaus, in der Kita, im Kindergarten, in der Vorschule sowie in der Grundschule unterstützen helfen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.01.2017 um 19.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34374

Amerikanische Forscher haben festgestellt, daß die "Geduld" des Sparens, Investierens, nachhaltigen Wirtschaftens aus dem Ackerbau stammt. Nun, das ist eine der ältesten Einsichten und auch Gegenstand literarischer Werke. Daß man das Saatgetreide nicht aufessen darf, daß der Ertrag des Waldes erst den Enkeln zuwächst usw., Bürgers "Schatzgräber"...
Aber die FAS füllt mit dem "hochinteressanten Erklärungsansatz" der Amerikaner eine halbe Seite.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2017 um 10.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34286

„Unser Hirn kann nicht mit Geld umgehen“ (Überschrift FAZ 11.117)

Die FAZ läßt einen ehemaligen Investmentbanker über „Neurofinanz“ schwadronieren: „Neurophysiologisch ist ein Börsencrash ein Cortisol-Schock.“ usw.

Andere behandeln das Thema bescheidener unter "Verhaltensökonomie". Die Erwähnung von Hirnregionen und Hormonen ist eine modische Zutat zwecks Verkaufsförderung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.12.2016 um 16.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34123

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32595
Noch eine Kostprobe aus diesem Stall:

Eine frühere Bankkauffrau und Fremdsprachenkorrespondentin, jetzt Unternehmensberaterin für Leadership, Gesichterlesen, Coaching am Pferd usw., preist sich so an:

„Meine Arbeitsweise ist einfühlsam und wertschätzend, auf den neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnissen basierend und ist in erster Linie praxisorientiert."

Sie weiß z. B.:

Dopamin erzeugt in uns ein Gefühl des Wohlbefindens und versetzt uns in einen Zustand von Konzentration und Handlungsbereitschaft. „Ich will etwas tun!“
Endogene (körpereigene) Opioide wirken positiv auf das Ich-Gefühl, die emotionale Stimmung und die Lebensfreude, vermindern Schmerzempfinden und stärken das Immunsystem. „Es macht Spaß, etwas zu tun!“
Oxytocin ist eine Art Bindungsstoff, auch „Sozialkleber“ genannt, und ist sowohl Ursache als auch Wirkung von Bindungserfahrungen. „Ich setze mich für die ein, die mich mögen!“


(https://www.taw.de/cms_taw/file.phtml?Slfdnr=3141&disp=dl )
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.12.2016 um 04.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34079

„Dass Affen nicht wie Menschen sprechen, liegt nach Ansicht der meisten Primatenforscher daran, dass ihr Sprechapparat das nicht erlaubt.“ (FAS 11.12.16)

Dann wird über Forschungen berichtet, wonach manche Affen anatomisch sehr wohl in der Lage wären, hinreichend viele Vokale usw. hervorzubringen usw.; den Affen fehlten nicht die anatomischen, sondern die geistigen Voraussetzungen. Ähnlich berichten viele Medien über Arbeiten von Tecumseh Fitch und Angela Friedericis MPI-Forschungsgruppe.

Die „anatomische“ Theorie war eine Zeitlang verbreitet, aber Konsens dürfte sie schon lange nicht mehr sein. Die Lautgebung der Affen kann nicht so konditioniert werden wie die menschliche, weil die entsprechenden Organe nicht mit den notwendigen Nerven vom Gehirn her versorgt sind. Das ist auch eine anatomische Tatsache, man braucht nicht vom „Geist“ zu reden. Die Erbkoordinationen, z. B. auch beim Hundegebell, lassen sich nicht zu einem sprachanalogen „zweiklassigen“ (syntaktischen) Kommunikationsverhalten modifizieren. (Vgl. schon William Orr Dingwall in Haiganoosh Whitaker/Harry A. Whitaker (Hg.): Studies in Neurolinguistics. New York 1979:46f., kritisch zu Philip Liebermans Kehlkopfhypothese; auch Carsten Niemitz in Zs. f. Sem. 12, 1990, S. 332)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2016 um 08.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34065

Zu den Einwänden gegen die Psychoanalyse gehört auch die Erfahrung, daß man peinliche, beschämende Episoden keineswegs verdrängt und vergißt, wie die Theorie es verlangt, sondern sich im Gegenteil ein Leben lang daran erinnert. Darüber jetzt auch Douwe Draaisma ("Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird"). Manche Leute erröten noch mit 80 wegen eines Faux pas, der ihnen mit 8 unterlaufen ist.

Eine Erklärung könnte sein, daß wir uns immer wieder damit beschäftigen, den Vorfall so zu bearbeiten, daß er mit unserem Selbstbild vereinbar wird. Wir legen uns ja innerlich vieles in diesem Sinne zurecht, vorwiegend sprachlich (weshalb ich es hier erwähne), ein ständiges "rehearsal". Vielleicht hängt damit zusammen, daß man den "Backenstreich" (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=134#27290 und http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=134#32891) eben doch nicht vergißt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.12.2016 um 04.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#34023

Hier kann man einen vollkommen sinnlosen Beitrag der Erziehungswissenschaftlers Peter Struck über Schrift, Hirn und Rechtschreibung lesen:

http://www.fr-online.de/wissenschaft/rechtschreibreform-das-hirn-braucht-herausforderungen,1472788,34980984.html
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 30.11.2016 um 18.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33976

Ist das dann aber wirklich Gedankenlesen? So schließt man nur aufgrund ähnlicher äußerer Umstände auf ähnliche Gedanken des anderen.

Das ist, als wenn ich behaupte, ich könnte ein geschlossenes Buch lesen. Ich lese einfach aus einem zweiten, identischen Buch, und dann behaupte ich, ich lese aus dem ersten, geschlossenen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.11.2016 um 09.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33975

Gedankenlesen ist möglich. Jeder kennt den unfaßbar koordinierten Formationsflug der Vogelschwärme. Es ist anzunehmen, daß die Stare alle dasselbe denken, weil sie dasselbe tun. Auch die beiden Pferde im Gespann denken weitgehend dasselbe. Die Chorsänger denken nicht alle dasselbe, aber sie denken wahrscheinlich im Augenblick viel ähnlicher als außerhalb des Chores.
Wenn ich mit meiner Frau durch die Gegend radele, stellen wir oft fest, daß wir an einer bestimmten Stelle dasselbe gedacht haben. Nicht immer fallen uns die Schlüsselreize der Umgebung ein, die das mitbewirkt haben.
Wenn wir durch Konditionierung und Elektroden zwei Menschen dazu bringen können, dasselbe zu tun, werden sie auch ungefähr dasselbe „denken“, denn Denken ist ja nur die Vorbereitung und Steuerung des eigentlichen (sichtbaren) Verhaltens.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.11.2016 um 05.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33894

"Zum Schleife binden [! mehrmals] ist ein komplexes räumliches Vorstellungsvermögen nötig", erklärt die Ergotherapeutin Cathrin Trauernicht im Gespräch mit t-online.de. (t-online 20.11.16)

Typische mentalistische Scheinerklärung durch ein „Vermögen“. Dasselbe könnte man für das Ballfangen und Radfahren geltend machen, es erklärt gar nichts. Geschicklichkeitsleistungen werden Schritt für Schritt gelernt und dann geübt.

Berthold Kohler schreibt in der FAZ über Merkel und ihre Kanzlerei:

Das Amt erfordert eine eiserne physische und psychische Konstitution. Zeit zum Aufladen der Batterien gibt es kaum; der Amtsinhaber muss seine Energie direkt aus dem Erlebnis der Macht, seinem Pflichtbewusstsein und aus der Überzeugung ziehen, „alternativlos“ zu sein.

Woher weiß er das, und wie sinnvoll ist die „Energie“-Metapher? Es entspricht Freuds hydraulischem "Trieb"-Modell. Plausibel und wertos.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2016 um 04.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33812

Die Max-Planck-Gesellschaft verbreitet in ihrem Magazin und auf der Website (https://www.mpg.de/10727086) Forschungsergebnisse zur statistischen Verteilung ikonischer Elemente in den Sprachen der Welt. In "Max Planck Forschung" beginnt der Bericht so:

Die Lehrbücher der Sprachwissenschaft müssen offenbar umgeschrieben werden. Bislang gingen Linguisten davon aus, Laute seien in Wörtern größtenteils zufällig mit Bedeutungen verknüpft. Fälle wie etwa das M, das in vielen Sprachen im Wort für Mutter vorkommt, seien die seltene Ausnahme. Ein internationales Team, an dem Forscher der Max-Planck-Institute für Mathematik in den Naturwissenschaften und für Menschheitsgeschichte sowie der Universität Leipzig beteiligt waren, widerlegt diese Annahme nun mit einer umfassenden Analyse.

Der Bericht geht von der Annahme aus, daß die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft die Verwandtschaft zwischen Sprachen auf Lautähnlichkeiten stützt. Solche Lehrbücher freilich hätten schon längst umgeschrieben werden müssen, denn in Wirklichkeit beruht die Indogermanistik ebenso wie andere Anwendungen auf lautgesetzlichen Entsprechungen.

Über die Untersuchung selbst berichtet z.B.
http://sapir.psych.wisc.edu/papers/dingemanse_blasi_christiansen_lupyan_monaghan_2015.pdf

Auf einzelne Schwierigkeiten will ich hier nicht eingehen, z. B. das Problem der Wortarten (was ist ein "Verb" im Japanischen?).

Aus der umfangreichen Literatur zur Lautsymbolik (Psychophonetik, Ikonismus) scheinen die Verfasser einiges zu kennen (maluma/takete, Zipf, Reduplikation), anderes nicht, vor allem die ältere Literatur; das Ganze war ja schon im 19. Jhdt. ein Thema.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.11.2016 um 09.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33786

Zum letzten Eintrag:

Nach Speer (Spandauer Tagebücher) nahm Hitler Karl May als Beleg dafür, daß man fremde Länder nicht gesehen haben muß, um sie und ihre Bewohner treffend zu beschreiben. Er habe über die Seele der Beduinen oder Indianer mehr gewußt als ein Völkerpsychologe.

Offenbar weil die Darstellung mit Hitlers eben durch Karl May geprägtem Indianerbild übereinstimmte. Ein Fall von "Rezeption" nach Gadamers Vorstellung. Hitler sei als Feldherr stark von der Figur Winnetou beeinflußt. Schüler sollten May lesen statt Goethe und Schiller usw.

So finden auch unsere Literaturkritiker die Schilderungen in einem Roman "treffend", wenn sie mit ihrer durch Romane geprägten Klischeevorstellung übereinstimmen. Der Roman scheint ihnen dann einen hohen Erkenntniswert zu haben. Dasselbe Schema liegt der Plausibilität psychologischer Theorien zugrunde (was manche Psychologen ja auch offen zugeben).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2016 um 06.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33776

Der Kieler „Tatort“-Krimi „Borowski und das verlorene Mädchen“ ist vor allem eine intensive Psycho- und Sozialstudie von beklemmender Aktualität. (focus.de 6.11.16)

Unterhaltungssendungen, Romane usw. sind keine "Studien", aber dieses Geschwätz wird man dem Feuilleton nie ausreden können, zumal es sich damit selbst aufwertet. Bedenklicher ist es, wenn man die Wirklichkeit nur noch als Unterhaltung konsumiert.

In Afrika gibt es 2000 unterschiedliche Sprachen. (FAZ 5.11.16)

Wären sie nicht unterschiedlich, wären es nicht 2000, sondern nur eine einzige. ("Das Adjektiv ist der Tod des Substantivs.")
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 04.11.2016 um 17.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33771

Beherrschung der Schriftsprache ist offenkundig nicht alles. Conrad (Korzeniowski) hatte, wenn er sprach, einen starken polnischen Akzent.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.11.2016 um 16.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33770

Es ist eine Erfahrungstatsache, die auch durch zahllose Tests bestätigt wird, daß man eine Fremdsprache, die nicht in früher Kindheit erlernt wird, niemals so gut beherrscht wie die Muttersprache. Hirnscans können das nicht beweisen und tragen zum Verständnis nichts weiter bei, entgegen dem Aufsatz eines Neuropsychologen in der FAZ vom 3.11.16). Die unterschiedlich starke Aktivierung bestimmter Regionen ist sehr weit von einem Verständnis der "Sprachverarbeitung" entfernt. Auch ist Joseph Conrad keine "geniale Ausnahme", denn gerade in seinem Fall gibt es viele stilistische Untersuchungen, die seinen idiosynkratischen Stil gerade auf die spät erworbene Zweisprachigkeit zurückführen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.10.2016 um 17.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33518

Nicht nur Menschen beherrschen Rechtschreibung, sondern auch Tauben.

Usw., siehe hier:

https://kurier.at/wissen/warum-tauben-rechtschreibung-beherrschen/222.156.333

oder hier:

www.sciencedaily.com/releases/2016/09/160919111535.htm

Güntürkün und seine Kollegen dürften wissen, daß es sich hier nicht um Rechtschreibung im eigentlichen Sinne handelt. Die graphischen Erscheinungen werden von den Tauben ohne Bezug auf eine Sprache wahrgenommen und nach einer zuvor gelernten graphotaktischen Statistik unterschieden. Das kann man auch mit anderen Gegenständen machen, hier sind eben Buchstaben verwendet worden, damit es erstaunlicher aussieht:

Professor Onur Güntürkün, one of the co-investigators from of Ruhr University's Department of Biopsychology, says "that pigeons -- separated by 300 million years of evolution from humans and having vastly different brain architectures -- show such a skill as orthographic processing is astonishing."

Bewußte Irreführung?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.10.2016 um 09.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33500

Anläßlich einer Broschüre des Freistaates Sachsen:

Das Getränkepulver „Neuronade“ (Neuronade Think Drink) wird mit viel Ideologie beworben und schrammt an der Grenze verbotener gesundheitsbezogener Aussagen vorbei. Der Markenname wäre ohne den quasi-medizinischen Bezug sehr ungeschickt gewählt, weil er nach Krankenhaus schmeckt. Die Erfinder wissen das natürlich.
http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/nijoz-neuronade-gehirndoping-aus-der-brausetuete-a-964584.html

Ein ebenfalls staatlich gefördertes Freiberger Start-up-Unternehmen „Laviu“ (warum nicht „Lavmi“?) stellt motorisierte Dildos her, für die der Freistaat Sachsen Reklame macht. „Extrem ästhetisch“ sollen die Geräte sein und sich von der Billigkonkurrenz Ostasiens abheben. „Die LAVIU GmbH verbaut neueste Technologien aus der Luft- und Raumfahrttechnik in stilvollen Love-Toys. Eine spannende Kombination, die in diesem Jahr beim futureSax Ideenwettbewerb prämiert wurde.“
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2016 um 03.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33412

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30879

Vom schweren Entschluß, das Saatgetreide nicht zu essen, der sicher durch harte Sanktionen durchgesetzt werden mußte, führt der nächste Schritt dazu, gerade die besten Körner zurückzubehalten, vgl. hier: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1337#30796

Das Ganze natürlich nur als Beispiel für die Züchtung von Nutzpflanzen und -tieren. Man muß sich vorstellen, daß so etwas in primitiven Gesellschaften sehr lange dauern kann und wahrscheinlich über Speise-Tabus usw. ziemlich irrational verlaufen ist, also ohne Einsicht und Diskussion der wirklichen Zusammenhänge.

Schwer muß es auch gewesen sein, das Feuer zu "zähmen", wie man sagt, vor allem: nicht auszulöschen (Freud: durch Draufpinkeln). Schon vor 800.000 Jahren soll Homo erectus eine abgesonderte „Küche“ betrieben haben (Meldung vom 18.12.09).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2016 um 06.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33328

Wolfgang Schmidbauer hat als Psychoanalytiker vielen Menschen geholfen.

Das steht über einem Interview der FAS mit demselben, einer Werbung für sein neues Buch, in dem er über seine verstorbene erste Frau auspackt. Woher weiß die Zeitung das? Nach Ansicht vieler Kritiker ist Psychoanalyse nutzlos (außer für den Analytiker natürlich).
Zu diesem Wichtigtuer s. a. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1524#31809
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.09.2016 um 11.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33312

Forscher um Itzhak Fried und Michael Hill haben "Schadenfreude-Neuronen" entdeckt. Journalisten auf der ganzen Welt berichten es, ohne mit der Wimper zu zucken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.09.2016 um 21.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33310

Noch zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26214

Der Spruch "Einmal ist keinmal..." soll auf Wilamowitz zurückgehen. Er ist natürlich nicht streng zu nehmen, aber man staunt doch immer wieder, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, daß sich etwas in der Welt der Texte rein zufällig genau wiederholt. Ich hatte schon erwähnt, daß drei oder vier gewöhnliche Wörter aus einem beliebigen Text sich in genau dieser Kombination oft kein zweites Mal finden lassen. Ich greife aus der heutigen Zeitung heraus: Es brodelt im Konzern. Bei Google gibt es einen einzigen weiteren Beleg, aus der taz vor neun Jahren, sonst nichts. Natürlich enthält das Google-Korpus nicht alles je Gedruckte, aber doch einen enormen Ausschnitt. Gerade wenn man vom mächtigen Anteil der Routine am Sprechen beeindruckt ist, wundert einen dann wieder die "Kreativität" auf so elementarer Ebene.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.09.2016 um 05.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33269

Sehe gerade, daß Her Riemer im Diskussionsforum einen Satz aus dem Artikel der FAZ eingetragen hat: Ein mit nichts sagendem Klang gesprochenes "guter Hund" erzeugt keine Reaktion im Belohnungszentrum der Tiere.

Unter dem Gesichtspunkt meines Eintrags kann man hier auch das Problem erkennen: Der Hund kann natürlich nicht wissen, was die beiden (im Ungarischen zweisilbigen) Wörter bedeuten, wenn sie nicht zuvor als Lob (Reinforcement) verwendet worden sind, und selbst dann würden sie eben Verstärkung "bedeuten" und nicht das, was wir unter guter Hund verstehen. Sie könnten also nicht zur Beschreibung eines Hundes oder zur Erzählung verwendet werden, weil der Hund weder diese noch andere sprachliche Verhaltensweisen beherrscht. Der Hund reagiert auf die Wahrnehmung eines komplexen Geräuschs, das er möglicherweise sequentiell "analysiert", aber das wissen wir immer noch nicht.
Wir wissen nicht, ob Tiere "Syntax" haben, und wir wissen nicht, ob sie "Phonologie" haben (also die "double articulation" im Sinne Martinets), und können es mit so naiven Experimenten auch nicht herausfinden. Um so wilder die Spekulationen über Domestikation und Evolution.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.09.2016 um 05.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33268

Das Family Dog Project der Eötvös Loránd Universität läuft schon seit 20 Jahren, und die Nachwuchsforscher müssen immer wieder mal kleine Ergebnisse veröffentlichen. Zur Zeit geht durch die Medien eine in „Science“ erschienene MRT-Studie von Attila Andics. Hunde sollen linkshemisphärisch den Wortlaut, rechtshemisphärisch den Tonfall menschlicher Rede verstehen. (Über dieselben 11 Hunde und 22 Vergleichspersonen wurde vor Jahren schon ähnliches berichtet, vgl. https://familydogproject.elte.hu/publications/)

Die Konditionierungsgeschichte der Hunde ist nicht untersucht worden. Es wird berichtet: „Die Tiere sind allesamt ganz normale Familienhunde gewesen, die ständig von Menschen und deren Unterhaltungen umgeben sind.“ (FAZ 7.9.16) In dieser harmlosen Feststellung steckt die ganze Problematik: Alle Hunde haben Jahre mit ihren Besitzern gelebt und in dieser Zeit eine unübersehbare Menge von Verhaltensweisen im Zusammenhang mit stimmlichen und anderen Reaktionen der Menschen gelernt.

Die Tiere „verstehen“ die Wörter nicht wirklich. Sie reagieren auf gelernte Geräusche anders als auf nichtgelernte. Die „lobenden Wörter“ können in der Menschensprache lobend sein oder nicht, es kommt nur darauf an, ob sie in der Vergangenheit zur Verstärkung (Reinforcement) benutzt worden sind oder nicht.

Den Tonfall mögen die Tiere spontan richtig deuten, es kann aber auch erworben sein; das läßt sich auf diese Weise nicht auseinanderhalten. Darum lassen sich keine evolutionären Schlüsse ziehen. Es könnte sein, daß die linke Hirnhälfte beim Menschen und bei höheren Tieren auf die Erkennung sequentieller Muster spezialisiert ist, die rechte auf ganzheitliche Konturen, ganz unabhängig von Sprache.

(Vgl. auch https://en.wikipedia.org/wiki/Broca%27s_area, wo man wenigstens eine Ahnung von der wirklichen neurologischen Komplexität bekommt, auch wenn die Verfasser noch etwas naiv mit „Repräsentationen“ umgehen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.09.2016 um 07.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33229

Markowitsch glaubt, daß die Naturwissenschaft die Annahme eines freien Willens widerlege. Das kann sie aber gar nicht, weil sie nicht einmal weiß, was der Ausdruck "freier Wille" überhaupt bedeutet. Es ist eine andere Begriffswelt.
Im übrigen sind die Aufsätze und Leserbriefe von Hans J. Markowitsch gemäß seiner eigenen These gänzlich durch Anlage und Umwelt determiniert – warum sollte man sie ernst nehmen? Er kann ja nicht anders.
Wie Peter Hacker immer wieder gezeigt hat, sind manche Fragen philosophisch, also begriffskritisch zu lösen, die irrtümlich für Sachfragen gehalten werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.08.2016 um 18.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33126

Mit Hilfe von Computermodellen und Magnetresonanztomographen haben die Wissenschaftler ermittelt, dass Menschen lernen können, anderen zu nützen. (FAZ 17.8.16)

Auch ein „Großzügigkeitszentrum“ soll es im Gehirn geben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2016 um 06.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#33008

Amerikanische Forscher haben festgestellt:

Glaube ist im Gehirn verankert
Was Atheisten mit Psychopathen gemeinsam haben


(FOCUS nach http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0149989)



Are you an atheist? Then you're probably a PSYCHOPATH: Non-believers 'lack empathy' while religious people are less intelligent, claims study

Read more: http://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-3506294/Are-atheist-probably-PSYCHOPATH-Non-believers-lack-empathy-religious-people-intelligent-claims-study.html#ixzz4GQCEsbDE



(Leserbriefe durchweg höhnisch: Obviously the more religious you are the gentler and more loving you become - ask any pious member of Islamic State and they will confirm it usw.)



Wer an Gott glaubt, verwendet mehr Hirnzellen für Mitgefühl als für analytisches Denken. Das Gehirn von Atheisten arbeitet genau andersherum. Dadurch sind sie intelligenter, aber auch kaltherziger. Diese Eigenschaften definieren auch Psychopathen. (focus.de 25.3.16)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.08.2016 um 07.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32995

„Man sollte folglich nicht verkennen (...), dass alles psychische Geschehen sich durch Anatomie und Physiologie erklären lässt.“ (Leserbrief von Hans J. Markowitsch, FAZ 3.8.16)

Aber wieso dann „psychisch“? Diese Redeweise fällt weg, das Gehirn steuert das Verhalten. Und durch noch so genaue Untersuchung der Anatomie und Physiologie kann man das Verhalten nicht erklären, es gehört auch die Konditionierungsgeschichte dazu, die Software zur Hardware gewissermaßen.

Markowitsch schreibt manchmal etwas sorglos; ich hatte in diesem Zusammenhang schon ein anderes Problem erwähnt:

So vergrößert sich bei Leuten, die frisch mit Jonglieren beginnen, die zugehörige Region in der Hirnrinde. Bei Londoner Taxifahrern zeigte sich, dass diese Volumenvergrößerungen in einer bestimmten Hirnregion zeigten, die für räumliches Vorstellen und räumliches Erinnern wichtig ist, wenn sie mehrere Jahre als Taxifahrer tätig waren. Im Grund vergrößerte sich das entsprechende Hirnvolumen linear mit der Anzahl der Berufsjahre.(Markowitsch 2008)

Preisfrage: Welche Teile des Gehirns schrumpfen dann? Es ist ja nicht beliebig viel Platz. Je besser ein Taxifahrer sich zurechtfindet, desto dümmer muß er auf einem anderen Gebiet werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.07.2016 um 04.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32909

Zugleich zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1315#31492

Lesenswerte Kritik zum Neurowahn:

http://www.csicop.org/si/show/losing_our_minds_in_the_age_of_brain_science
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.07.2016 um 10.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32826

Sie haben recht, es ist so gut wie behauptet.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 13.07.2016 um 08.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32824

Allerdings läßt er offen, ob bisher ein segensreicher Einfluß der Briten auf EU-Texte wirksam gewesen ist.

Er weist es vielleicht nicht nach, aber offen läßt er es für meine Begriffe nicht. Trabant schreibt:

»Die starke Position Britanniens in der EU beförderte natürlich eine große Zahl muttersprachlicher Bürokraten nach Brüssel. Da das Englische die Hauptarbeitssprache Brüssels ist, konnte man bei der Redaktion von Texten und Reden auf die Kompetenz exzellent ausgebildeter englischer Muttersprachler zurückgreifen.«
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.07.2016 um 07.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32823

In der FAZ (13.7.16) überlegt Jürgen Trabant, welche sprachenpolitischen Folgen der Brexit haben könnte. Er sieht „drei unschöne Konsequenzen – für die englische Sprachgemeinschaft!“
Erstens „wahrscheinlich fatale Folgen für das in Brüssel verwendete Englisch“. Dieses werde ohne die Korrektur durch englische Muttersprachler schlechter werden, die Texte „schmerzhaft unenglisch“. Allerdings läßt er offen, ob bisher ein segensreicher Einfluß der Briten auf EU-Texte wirksam gewesen ist. Als "fatal" empfinden die meisten Engländer es bekanntlich nicht, daß ihre Sprache weltweit in so vielen Varianten gesprochen wird. (Diese Vielfalt könnte doch gerade der von Trabant sonst beschworenen Homogenisierung der Weltansichten durch Englisch entgegenwirken...)
Zweitens entfalle der ungerechte Vorteil der geborenen Englischsprecher. Trabant behauptet ohne Nachweis, daß z. B. Forschungsanträge aus England bisher wegen des Sprachvorteils „ungemein erfolgreich“ waren. Aber können die EU-Gutachter das feine Englisch der Anträge überhaupt würdigen? Man könnte auch vermuten, daß die englischen Universitäten teilweise eben sehr gut sind.
Drittens würden die Briten noch weniger Fremdsprachen lernen, eine Bildungskatastrophe.
Trabant bezeichnet es als eine „sprachenpolitische Kuriosität, dass Europa ein Land ist, dessen dominante Verkehrssprache die Muttersprache einer – nunmehr auf ein Prozent geschrumpften – Minorität ist.“ Aber das ist bei Großreichen immer der Normalfall gewesen.
Zum Schluß erwägt Trabant, „ob nicht doch Latein, das überhaupt niemandes Muttersprache ist, eine gute Alternative als Sprache der EU wäre.“
Vielleicht ein Scherz, aber ich habe meine Zweifel.
Trabant setzt unter den neuen Bedingungen seinen ideologischen Kampf gegen Englisch fort, aber es wird immer fadenscheiniger.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.05.2016 um 12.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32666

Helmholtz bemerkt in seinen einst sehr bekannten Vorträgen über das Sehen beiläufig, daß „weiche, mit Wasser durchzogene thierische Gewebe immerhin ein ungünstiges und schwieriges Material für ein physikalisches Instrument sind.“ (Vorträge I:293) (Dasselbe könnte man vom Ohr sagen.)
Das Auge enthält eine mehr oder weniger vollkommene Sammellinse, aber die übrigen Teile haben kaum Entsprechungen in unseren „physikalischen Instrumenten“ zu optischen Abbildungen und zur Analyse des Lichts.
Grundsätzlich kann man aus beliebigem Material, wenn nur genug davon vorhanden ist, eine Rechenmaschine bauen. Im Internet kann man sich den „langsamsten Computer der Welt“ ansehen. Zehntausende von Dominosteinen „berechnen“ 6 + 4; dann muß man sie alle wieder neu aufstellen.
Das Gehirn arbeitet ähnlich wie ein Computer, sogar teilweise elektrisch, aber das Material ist ziemlich ungeeignet für eine Rechenmaschine. Es sind auch analoge chemische Schritte zwischengeschaltet, bevor dann wieder Entladungen nach dem Muster On/Off erfolgen.
Computersimulationen der Sprache gehen so vor, als sei Sprechen ein Spiel wie Schach oder Go, während es in Wirklichkeit (auch) Züge von Billard hat, also eine Geschicklichkeit neben und als Grundlage der Berechenbarkeit.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 22.05.2016 um 17.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32656

Autorennen klingt zunächst einmal genauso legal wie Fußballspiel.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 22.05.2016 um 15.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32655

In letzter Zeit scheint sich der Begriff "illegales Autorennen" fest eingebürgert zu haben.

Der Zusatz "illegal" war m.E. früher in solchen Fällen nicht üblich und erscheint mir völlig überflüssig. Wie viele "legale" Autorennen gibt es denn in deutschem Städten? Anscheinend gibt es in Berlin ein Rennen für Elektroautos. Aber sonst?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.05.2016 um 12.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32639

Das Rätsel der illegalen Autorennen in Großstädten ist geklärt:

Verantwortlich für diese Taten sind nach Erkenntnissen des Wissenschaftlers André Bresges in erster Linie junge Männer zwischen 18 und 27 Jahren, „die mangelnden Erfolg kompensieren müssen“.

Der Professor für Physikdidaktik (!) an der Universität Köln beschäftigt sich seit langem mit der Raserszene und hat ein Profil herausgearbeitet, welches das Phänomen erklärt. „Solche Menschen sind auf der Suche nach Anerkennung, Respekt und vor allem Aufmerksamkeit“, sagt Bresges, „und diese Suche treibt sie immer öfter in die Innenstädte“.
(Berliner Kurier 21.5.16)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.05.2016 um 12.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32617

Aus Wikipedia erfahre ich zu meiner Überraschung, daß es eine "Erlanger Schule der Informationspsychologie" gibt. Davon habe ich in 30 Jahren Erlangen nichts mitbekommen, obwohl es mich hätte interessieren müssen, als Linguisten und als eifrigen Leser psychologischer Literatur. Einige Namen sind mir bekannt, aber als "Schule" ist sie möglicherweise ein selbstgeschaffenes Medienphänomen. Davon gibt es ja nicht wenige, auch "Institute", an denen außer ihrem Gründer niemand tätig ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.05.2016 um 05.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32596

Washoe kommunizierte nicht nur mit ihren Trainern, sondern auch mit ihrem Adoptivsohn via Gebärdensprache. Und sie kombinierte selbst Zeichen zu neuen sinnvollen Worten: Erblickte sie etwa das erste Mal eine Ente, machte sie daraus „Wasser“ und „Vogel“. (Max Planck Forschung 1/16)

Aus der gelegentlichen Juxtaposition zweier Reaktionen darf man nicht auf Wortbildung schließen, wie es sie zufällig in der Sprache der Versuchsleiter gibt. (Wie sollte der Affe beim erstmaligen (!) Erblicken einer Ente darauf kommen?) Auf dieselbe tapsige Weise könnte man einem Affen den Gebrauch des Aorists unterschieben.

Affen können folglich nicht nur aus anatomischen Gründen nicht sprechen. Sie scheinen keine Gedankenwelt zu besitzen, die sie mit Sprache weitergeben können oder möchten. (Max Planck Forschung 1/16:23)

Das entspricht der naiven Psychologie, die am MPI für Psycholinguistik gepflegt wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.05.2016 um 05.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32595

Es wäre verwunderlich, wenn aus dem "Embodiment"-Gerede nicht auch gleich eine Geschäftsidee abgeleitet würde, wie zuvor aus der Hemisphären-Aufteilung ("Nutzen Sie Ihre rechte Hirnhälfte!"), den "Spiegelneuronen" usw.

Maja Storch u. a.: Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen.

Gerald Hüther ist natürlich auch mit von der Partie.

Der altmodische Dualismus von Leib und Seele macht das Ganze schmackhaft – besonders für die Theologen, die sich des Themas vornehmlich angenommen haben.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.05.2016 um 14.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32587

Es ist nicht nur der zu steuernde Körper, sondern es gehören dazu auch die von außen kommenden Signale, die die Software-Verarbeitung jederzeit unterbrechbar machen müssen. Folglich ist das Ganze ein Echtzeit-Prozeßrechner, wie er z.B. in einem verkehrsabhängigen Verkehrssignalgerät vorhanden ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.05.2016 um 08.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32585

Die „Kognitionswissenschaftler“ haben bisher mehr oder weniger unter dem Einfluß der Computer-Metapher den „Geist“ und das „Bewußtsein“ nicht aufgegeben, sondern als „mentale Repräsentation“ beibehalten. Neuerdings wird ihnen klarer, daß der „Geist“ als Software nicht alles sein kann, sondern der Peripherie bedarf, also des ganzen Körpers, dessen Verhalten schließlich gesteuert werden soll – genau das ist ist einzige Funktion des „Geistes“. Statt „Repräsentation“ nun „Embodiment“. („Verkörperung“ ist gerade erst dabei, sich im Deutschen durchzusetzen.)
Das Ganze ist ein halbherziger Schritt, den Organismus als Subjekt des Verhaltens wiederzugewinnen. Die behavioristische Position wird erreicht sein, wenn man das „Mentale“ als überflüssig erkennt und ganz herausstreicht, samt „Geist“ und „Bewußtsein“.
Die deutsche Literatur zu „Verkörperung“ ist allerdings noch stark in der mentalistischen Folk psychology und ihrer philosophischen Gestalt als Phänomenologie (mit vielen Bezügen zur französischen Philosophie) verwurzelt. Die behavioristische Wende ist eher im angelsächsischen Raum zu erwarten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.05.2016 um 06.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32578

Amerikanische Forscher haben herausgefunden, daß Paracetamol das Mitgefühl schwächt. Die Experimente waren von der Art jener lächerlichen Simulationsspiele, wie sie unter Psychologen üblich geworden sind. Der Aufwand ist gering, der publizistische Ertrag groß.
Ob die Flut solcher Veröffentlichungen auch einmal wieder nachläßt? Ein schwacher Trost: Es hebt sich alles selbst auf, durch schiere Überfütterung der Öffentlichkeit.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.05.2016 um 14.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32527

Weil wir gerade bei Flüchtling sind:

FAZ: Sie finden schon das Wort „Flüchtling“ irreführend?
Strubel: Es reduziert das Individuum auf einen Fall, es bringt Unterschiede zum Verschwinden. Solange man verallgemeinert, geht einen nichts wirklich an.
(FAZ 7.5.16)

Wenn diese Schriftstellerin recht hätte, dürfte man nur noch Eigennamen verwenden.
 
 

Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 06.05.2016 um 21.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32518

Weh-ling!
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 06.05.2016 um 17.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32516

Die Endung "-ling" macht diese Menschen klein und wertet sie ab. (...) "Der" Flüchtling ist eher stark als hilfsbedürftig, eher aggressiv als umgänglich.
"klein" und "stark" – Klingt etwas widersprüchlich.
Ansonsten: Häuptling, Neuling, Erstling, Sträfling, Häftling, Sonderling, Fremdling; Winterling, Hänfling, Sperling, Gründling; Bratling, Silberling, Findling (meist ganz besonders klein!) ...
 
 

Kommentar von TheodorIckler, verfaßt am 05.05.2016 um 03.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32496

Besagte Frau Wehling hat die naive Sprachkritik samt Lakoffs "Frames" für sich entdeckt:

Wehling: Allein schon das Wort Flüchtling. Das ist ein Frame, der sich politisch gegen Flüchtlinge richtet.
ZEIT: Wie kommen Sie darauf?
Wehling: Die Endung "-ling" macht diese Menschen klein und wertet sie ab. Denn das Kleine steht im übertragenen Sinn oft für etwas Schlechtes, Minderwertiges. Denken Sie an "Schreiberling" oder "Schönling". Ein eigentlich positiv besetzter Begriff wie "schön" wird durch die Endung ins Negative verkehrt. Außerdem ist "der" Flüchtling männlich – und damit transportiert dieses Wort sehr viele männliche Merkmale: "Der" Flüchtling ist eher stark als hilfsbedürftig, eher aggressiv als umgänglich.
ZEIT: Neutraler wäre es also, von "Geflüchteten" zu sprechen?
Wehling: Ja, oder von den Flüchtenden. Dem flüchtenden Mann, der flüchtenden Frau, dem flüchtenden Kind. Das wäre eindeutiger. Und nicht abwertend.


Die starken, aggressiven Männer kommen wohl mehr aus Fernsehbildern als aus Suffixen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.05.2016 um 12.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32489

Zur Zeit geistert der neueste Neurobluff durch die Medien, mit großem Neuererpathos angekündigt, obwohl der Sache nach seit Jahrzehnten bekannt. Diesmal aus Berkeley:

Ein neuer Hirnatlas zeigt erstmals, wo unser Gehirn welche Wörter verarbeitet. Für mehr als 10.000 Wortbedeutungen kann man direkt erkennen, welche Areale aktiv werden.

Der Hirnatlas, ein mit Wörtern übersätes Schaubild des Gehirns, zeigt keineswegs, daß diese Wörter (oder vielmehr ihre „Bedeutungen“) an diesen Stellen gespeichert oder „repräsentiert“ sind. Jede Wahrnehmung, jedes Verhalten ist mit etwas höherer Durchblutung bestimmter Regionen verbunden; andere Regionen sind aber ebenfalls beteiligt, was die Studie auch nicht verschweigt. Je nach Genauigkeit der Messungen findet man, daß auch an der kleinsten Verhaltenseinheit Dutzende von Zentren oder Kernen beteiligt sind.
Man kann einem Menschen beliebige Aufgaben stellen – immer wird man einen solchen kartenähnlichen Befund unterschiedlich verteilter stärkerer Durchblutung erhalten. Es ist nicht einmal gesagt, daß das Gehirn in irgendeiner Weise mit „Wörtern“ zu tun hat. Diese existieren als abgegrenzte Einheiten zunächst nur im Input der Forscher selbst.
Außerdem stellen sich die Forscher die Sprache nach dem einfachen Muster einer zweisprachigen Vokabelliste vor. Hier sind die Lautgebilde, dort die „Bedeutungen“ oder „Konzepte“. Aber was soll das sein? Die Verstehens- und Verwendungbedingungen der Wörter sind Konventionen, kulturell geprägt und individuell erworben. Zum Beispiel die im Text erwähnten „Konzepte“ Opfer oder Revolution – was gehört alles dazu, daß man versteht, was mit Revolution gemeint ist? Kenntnisse der Politik und Geschichte – wo sind sie „repräsentiert“ und in welcher Form?
Hirnscans sollten sich zunächst auf Eingaben konzentrieren, die weniger historisch-kulturell geprägt und unverstanden sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.05.2016 um 16.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32482

Noch einmal zu Ernst Kretschmer (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31827)

Wie gesagt, die statistischen Untersuchungen kann ich nicht beurteilen, die Typologie interessiert mich eher unter sprachlichem Gesichtspunkt. Zwischen Anthropologie (im deutschen Sinne), Typologie und Rassismus gibt es bekanntlich enge Beziehungen. In einer Ausgabe von "Körperbau und Charakter" aus den 70er Jahren liest man:

Noch jetzt ist die Auffassung verbreitet, Rassenkreuzung führe zu einer Verschlechterung des Charakters. Dies dürfte neben dem Rassenreinheitskomplex hauptsächlich daher rühren, daß sich in Gebieten prinzipieller Rassentrennung zuerst die sozial wenig stabilen Elemente gemeinsam fortpflanzen, welche dann begreiflicherweise auch sozial labile Nachkommen aufziehen. Es gibt jedoch Beispiele von Mischung zwischen weißen Europäern und Negern unter gleichberechtigten sozialen Bedingungen, wo sich der sittliche und beruflicher Stil der Europäer gradlinig fortsetzt.

Auch an vielen anderen Stellen hat sich Kretschmer schon lange zuvor vom Rassismus distanziert, wenn auch ambivalent. Am letzten Satz (jedoch) sieht man besonders deutlich, wie die stille Überzeugung von der Minderwertigkeit der Schwarzen als unausgesprochene Voraussetzung wirkt.
1945 hielt Kretschmer in Marburg einen Vortrag "Das Ende des Rassenwahns", den man in den Psychiatrischen Schriften nachlesen kann.

An anderen Stellen trägt der Verfasser weitausgreifende kulturhistorische und rassenbiologische Überlegungen vor, für die er gar keine empirischen Belege hat. Das Mißbräuchliche wird ihm gar nicht bewußt. Das kennen wir ja von unseren Zeitgenossen, philosophierenden und politisierenden Neurologen usw.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 28.04.2016 um 10.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32433

Elisabeth Wehling (Wehende?): "Wir können heute in Gehirne blicken und sehr genau sehen, wie Wörter verarbeitet werden."

http://www.zeit.de/2016/10/sprache-manipulation-elisabeth-wehling/komplettansicht
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.04.2016 um 06.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32419

Amerikanische Forscher haben festgestellt, daß tiefe Männerstimmen attraktiv auf Frauen und einschüchternd auf andere Männer wirken. Übungsaufgaben amerikanischer Psychologiestudenten, auch wenn sie zum hundertsten Mal repliziert werden, kommen heute über die Nachrichtenagenturen in die internationale Presse.

Was noch in der Zeitung steht: Heute werden einige Verkehrsmittel bestreikt. "Experten empfehlen, auf andere Verkehrsmittel auszuweichen."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.03.2016 um 07.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32093

Darüber hinaus können Affen nicht sprechen, weil ihnen die kognitive Fähigkeit fehlt, die für komplexe Kommunikationsprozesse notwendig ist. Menschen können z.B. eine eingeschränkte Anzahl an Worten kombinieren, um unendlich viele Äußerungen zu bilden. Wir können kleine Informationseinheiten aneinanderreihen, in eine bedeutungsvolle Struktur bringen und damit eine Geschichte erzählen. Das Gehirn von Affen stellt nicht die kognitiven Ressourcen bereit, um diese Vielfalt an Information zu verarbeiten. Affen können hunderte von Wörtern lernen, sind aber nicht in der Lage, diese auf kreative Weise zu benutzen, um komplexe Bedeutungen und Vorhaben darzustellen. Nach jüngsten Erkenntnissen lagen Gehirnstrukturen, die zur Sprachproduktion notwendig sind, allerdings nicht nur in den Vorfahren des heutigen Menschen, sondern auch in den Vorfahren der Schimpansen vor. So scheint es, dass für die Kommunikation von Schimpansen der Bereich im Gehirn, der für Planung und Produktion von gesprochener Sprache und Zeichensprache notwendig ist (Broca-Areal), eine ähnliche Funktion hat.
(http://www.mpi.nl/q-a/fragen-und-antworten/warum-konnen-affen-nicht-sprechen)

Man beachte, daß die Erwähnung des Gehirns und der „kognitiven Fähigkeit“ bzw. der „kognitiven Ressourcen“ (was immer das sein mag) buchstäblich nichts zur Sache beiträgt. Es ist Psycho- und Neurobabble.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.03.2016 um 04.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31997

Selbstlosigkeit ist im Gehirn verankert und wird durch Impulskontrolle unterdrückt, schlussfolgern amerikanische Neurologen in „Social Neuroscience“ nach einer Versuchsreihe. In ihrem Experiment erhielten Versuchspersonen 10 Dollar, die sie mit anderen Probanden teilen oder für sich behalten konnten. Im Vergleich zeigten sich Teilnehmer um 50 Prozent großzügiger, wenn man die für Impulsunterdrückung verantwortlichen Gehirnregionen mittels Magentstimulation dämpfte. (FAS 20.3.16)

Die Studie ist natürlich wertlos, weil sie mit alltagssprachlichen Begriffen arbeitet, die nicht sauber operationalisiert und dann mit neurologischen Befunden korreliert sind.

Real ist aber die Schlußfolgerung im Originaltext:

"The study is important proof of principle that with a noninvasive procedure you can make people behave in a more prosocial way," Iacoboni said.

(http://www.science20.com/news_articles/your_brain_might_be_hardwired_for_altruism-168440)

Man kann also die Menschen nicht-invasiv bessern durch "theta-burst Transcranial Magnetic Stimulation". Wahrscheinlich wird man die neue Technik zuerst in den amerikanischen Gefängnissen anwenden, wo ohnehin ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung einsitzt.

Das ist wirklich "ground-breaking", wie der Mann ohne falsche Bescheidenheit sagt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.03.2016 um 23.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31943

Lieber Herr Achenbach,
Ihren Einwand finde ich richtig, und ich möchte auch zugeben, daß ich mich selbst schon geärgert habe, im Eifer des Gefechts vorschnell gleich das Wort "Unsinn" gebraucht zu haben. Manche anderen Meinungen sind eben kein Unsinn und nicht falsch, sondern sie gehen nur von anderen Begriffen aus.

Daß ich mich hier etwas ereifert habe, liegt daran, daß ich keinen Sinn darin sehe, zwei korrelierten Ereignissen A und B einen Kausalzusammenhang abzusprechen, nur weil sie nicht Ursache und Wirkung sind, obwohl nachweisbar "A genau dann, wenn B" (im Sinne einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit) gilt.

Man möchte doch wissen, ob die Korrellation A, B zufällig ist oder vielleicht von einer dritten Größe ohne Rückkopplung gesteuert ist, d.h. es könnten auch einmal größere Abweichungen auftreten, oder ob man tatsächlich aus dem gehäuften Auftreten z.B. von A mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch auf ein gehäuftes Auftreten von B und evtl. auch umgekehrt schließen kann. Um das zu beantworten, bringt es gar nichts, wenn man lediglich weiß, daß A und B nicht Ursache und Wirkung voneinander sind.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 12.03.2016 um 17.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31942

"Kausalität" oder "Ursache - Wirkung" bedeutet 100% Wahrscheinlichkeit, aber die gilt nur in der "klassischen" Physik und hier auch nur, wenn alle Stör-Einflüsse erfaßt werden können, jedoch nicht im richtigen Leben; dort gelten teilweise viel geringere Wahrscheinlichkeiten, weil man da nicht alle Stör-Einflüsse erfassen kann.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 12.03.2016 um 16.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31938

Lieber Herr Riemer,

Ihr Verständnis von „Kausalzusammenhang“ ist durchaus vertretbar, stimmt aber nicht mit dem üblichen Sprachgebrauch in diesem Zusammenhang überein.

Wenn gesagt wird, daß aus einer Korrelation nicht auf einen „Kausalzusammenhang“ geschlossen werden kann, so ist hier eben eine Ursache-Wirkung-Beziehung gemeint. So kommt es bei Wikipedia auch klar zum Ausdruck.

Daher ist es nicht gerechtfertigt, die Wikipedia-Beispiele als „Unsinn“ zu bezeichnen.

Im übrigen stimmt die Aussage, daß aus einer Korrelation kein „Kausalzusammenhang“ gefolgert werden kann, auch dann, wenn man „Kausalzusammenhang“ in Ihrem Sinn versteht. Daß Eisverzehr und Sonnenbrände eine gemeinsame Ursache haben, kann man nicht aus der Korrelation erschließen, sondern man weiß es aus anderen Gründen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.03.2016 um 00.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31929

Ja, das habe ich vereinfacht. Das steckt auch in Wörtern wie "viele".
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.03.2016 um 22.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31928

Genau genommen muß man mit Wahrscheinlichkeiten rechnen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.03.2016 um 22.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31927

Kausalzusammenhang verstehe ich hier nicht als Beziehung von Ursache und Wirkung, sondern in dem Sinne, daß man vom Eintreten eines Ereignisses auf das Eintreten eines anderen schließen kann.

Bei Korrelationen geht es m. E. auch nicht darum, ob zwei Dinge direkt Ursache und Wirkung voneinander sind, sondern ob sie durch einen solchen Zusammenhang miteinander verbunden sind.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.03.2016 um 17.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31926

Eine Korrelation ist sicher nicht das gleiche wie ein Kausalzusammenhang, aber darüber wird sehr oft Unsinniges geschrieben, beispielsweise bei Wikipedia. Dort soll an einem Beispiel gezeigt werden, daß eine Korrelation nicht notwendigerweise eine Ursache-Wirkungs-Beziehung bedeutet:

Aus der Tatsache, dass in Sommern mit hohem Speiseeisumsatz viele Sonnenbrände auftreten, kann man nicht schlussfolgern, dass Eisessen Sonnenbrand erzeugt.

Was für ein Unsinn! Offenbar kann man genausowenig aus einem hohen Eisverbrauch in einem heißen Sommer schlußfolgern, daß Eisessen einen heißen Sommer macht. Aber man kann aus einem hohen Eisverbrauch schlußfolgern, daß der Sommer heiß ist! Wäre er nämlich nicht heiß, würde wenig Eis gegessen. Und natürlich wird es in einem heißen Sommer auch viele Sonnenbrände geben.

Obwohl Eisessen keinen Sonnenbrand erzeugt, kann man aus der Tatsache, daß in einem Sommer viel Speiseeis gegessen wird, sehr wohl schlußfolgern, daß in diesem Sommer auch viele Sonnenbrände auftreten.

Die Korrelation von Eisverbrauch und Anzahl der Sonnenbrände beruht also tatsächlich auf einem Kausalzusammenhang, nur natürlich auf einem anderen als dem albernen angegebenen! Das Wikipedia-Beispiel ist also falsch.

Formal lassen sich die Zusammenhänge so verdeutlichen:

Aus (A -> B) und (A -> C) läßt sich nicht z. B. (B -> C) folgern. Wenn B und C korrelieren, dann besteht kein Kausalzusammenhang.

(Dies trifft wohl auf das zweite Wiki-Beispiel mit den Störchen zu. Allerdings könnte das auch daran liegen, daß die wirklichen kausalen Zusammenhänge nur noch nicht entdeckt sind. Ein solcher überraschender Zusammenhang müßte natürlich trotzdem nicht darin bestehen, daß Störche Kinder bringen oder umgekehrt, also insofern steht auch Unsinn im zweiten Beispiel.)

Andererseits (zum ersten Beispiel mit dem Eisverbrauch):

Aus (A <-> B) und (A -> C) läßt sich (B -> C) ableiten, eine Korrelation von B und C beruht also hier [zumindest teilweise, und falls auch (A <-> C) gilt, dann ganz] auf einem Kausalzusammenhang zwischen B und C.

 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.03.2016 um 14.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31924

Korrelation ist kein Kausalzusammenhang.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.03.2016 um 04.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31918

Man könnte abergläubisch werden. Tag für Tag findet man in den Medien Berichte, wonach Forscher festgestellt haben, daß es zwischen A und B eine statistisch signifikante Korrelation gibt. Der Witz ist, daß man für die Variablen einsetzen kann, was man will, es stimmt immer. Sechs Tassen Kaffee täglich, Zwillingsgeburten, Tierkreiszeichen, Rotwein, Mittagsschlaf - alles hängt mit der Lebenserwartung, dem Krebsrisiko, dem Eheglück, der Glatzenbildung usw. zusammen. Das ist so verführerisch, daß auch bedeutende Gelehrte sich schon zur Astrologie bekehrt haben, von der Homöopathie ganz zu schweigen.
Es gibt die bekannten Gesetze von Parkinson, Murphy usw., aber anscheinend noch keines der Form: "Wo eine Beziehung untersucht werden kann, gibt es auch eine."

Der Grund ist vielleicht, daß die Widerlegung ungleich schwieriger ist als der Nachweis. Vor allem aber: Die Nachwuchswissenschaftler müssen eine Qualifikationsarbeit einreichen. Da sie Statistik gelernt haben, liegt nichts näher als eine solche Korrelationsstudie; nur dort findet man auch genügend As und Bs (s.o.), die noch keiner untersucht hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.03.2016 um 06.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31884

Auf Fotos erkennt man manchmal andere leichter als sich selbst. Wie sehe ich eigentlich aus? Abgesehen davon, daß man sich fast nur im Spiegel sieht, kann es noch andere Gründe geben.

Soziobiologen haben zu erklären versucht, warum junge Mütter öfter sagen, ihr Neugeborenes ähnele dem Vater, als ihnen selbst. Man kann sich den vermeintlichen Grund denken. Aber in Wirklichkeit ist es wohl so, daß ich überhaupt leichter die Ähnlichkeit mit jemand anderem erkennen kann als die Ähnlichkeit mit mir selbst. Als unsere Jüngste schlüpfte, habe ich zwar sofort eine Ähnlichkeit mit mir selbst erkannt und auch ausgesprochen, aber nur deshalb, weil ich meinem Vater ähnele und die Tochter besonders um den Mund herum wieder diesem. Dieser Zug ist denn auch geblieben und sogar noch deutlicher geworden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.03.2016 um 06.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31874

Britische Forscher (Imperial College) haben festgestellt, daß wir große Zahlen links-, kleine rechtshemisphärisch verarbeiten.
Deutsche Forscher (Uni Jena) haben festgestellt, daß wir Zahlen beidhemispärisch verarbeiten usw. Gemeint sind anscheinend Ziffern. Dafür soll es eine "visual number form area (NFA)" geben. Da Ziffern erst jüngst erfunden und nicht überall bekannt sind, kann es aus evolutionärer Sicht so etwas nicht geben.
Und was heißt überhaupt "Zahlen verarbeiten", "Sprache verarbeiten" usw.? Es geht um die Steuerung eines Verhaltens, das wir dann unter unseren kulturellen Bedingungen als Rechnen oder als Sprechen deuten. Das Gehirn "weiß" nichts von Sprache oder von Zahlen. Nur auf den ersten Blick widerspricht dem die Tatsache, daß es angeborene Begabungen für Mathematik und auch für Sprache gibt. Es gibt ja auch Begabung fürs Klavierspiel, ohne daß man eine Klavierregion im Gehirn annähme.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.03.2016 um 12.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31858

Und die Medizin, z.B. bei der Kurzwellenbestrahlung und der radioaktiven Strahlung und für Träger von Herzschrittmachern.
Zugvögel und Brieftauben haben ein Organ für Magnetfelder.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2016 um 12.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31856

Darum ist ja auch die Physik zuständig.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.03.2016 um 12.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31855

Magnetische oder elektrische Felder sind doch nicht immateriell!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2016 um 11.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31854

Aber Sie wissen doch, wie es gemeint ist, nicht wahr?
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 04.03.2016 um 10.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31853

''Der Unterschied ist bedeutsam, damit niemand auf die Idee kommt, eine Wirkung von Immateriellem auf Materie anzunehmen.''

Nun ja, ein Magnetfeld oder ein elektrisches Feld ist immateriell, trotzden erfährt eine (materielle) Probeladung eine meßbare Wirkung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2016 um 05.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31851

Affen steuern Rollstuhl allein mit Gedankenkraft (welt.de 3.3.16)

Diese und ähnliche Berichte begehen einen Kategorienfehler. „Gedanken“ sind ein alltagspsychologisches Konstrukt, es gibt sie nicht im biologischen Sinn. In Wirklichkeit geht es darum, den Weg vom Nervenimpuls zur Steuerung des Verhaltens prothetisch zu überbrücken, ähnlich wie bei einem Cochlea-Implantat. Nicht Gedanken, sondern neuronale Erregungsmuster steuern den Rollstuhl.

Der Unterschied ist bedeutsam, damit niemand auf die Idee kommt, eine Wirkung von Immateriellem auf Materie anzunehmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.03.2016 um 17.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31827

Das Werk "Körperbau und Charakter" von Ernst Kretschmer war ja ungeheuer erfolgreich, vor mir liegt die 25. Auflage. Der wissenschaftliche Wert ist gleichwohl umstritten. Was mich interessiert:
Während der Körperbau sehr genau und objektiv meßbar beschrieben ist, hält sich die Beschreibung der Charaktere oder Temperamente an die Allgemeinsprache und im Rahmen der seit Jahrtausenden üblichen, auch durchaus wertenden Charakterkunde. Sie ist sehr plausibel, ständig glaubt man die bekannten Typen wiederzuerkennen, wie schon bei Theophrast und dann allen anderen, auch in der Literatur, auf dem Theater und im Film. Gerade das ist der Fehler. Das erkennt man schon an der offensichtlich haltlosen, genau gleichartigen Beschreibungssprache der Horoskope usw. Die Charaktermerkmale sind nicht einmal ansatzweise operationalisiert. Die riesige Literatur zur "Menschenkunde" kann man wegwerfen. (In meinen Aufsatz über die Sprache des Okkultismus habe ich es weiter ausgeführt.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.02.2016 um 07.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31730

Noch zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31698

Ein berühmter Satz von einem Klassiker der neueren Psychologie:

„Geordnetes Denken, kann man sagen, ist ein Mittleres zwischen Ideenflucht und Zwangsvorstellungen.“ (Hermann Ebbinghaus: Abriß der Psychologie. 6. Aufl. Leipzig 1919:130)

Die Ideenflucht findet man bei Schizophrenen, das Perseverieren und Nichtloskommen bei Demenz, auch Aphatikern, beides aber unterschwellig bei jedermann. Die Ordnung und das mäßige Tempo des "gesunden Denkens" bedürfen der Stabilisierung im Dialog (mit anderen oder mit uns selbst).

Aber vielleicht brauchen wir für besondere Leistungen doch ein kleines Abweichen von diesem Grat. Das gerühmte "divergente Denken" des Neuen und dann die Hartnäckigkeit des Festhaltens sind vielleicht Voraussetzungen des Genies (Inspiration und Transpiration).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2016 um 07.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31699

Kommt die Amygdala zu dem Schluss, dass eine ernste Bedrohung vorliegt, entscheidet sie, ob wir Angst oder Wut bekommen. (ZEIT 18.2.16)

Wer seine Hausaufgaben in Psychologie nicht gemacht hat, gerät bei der Neurologie in eine Sackgasse.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2016 um 07.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31698

Warum denken wir so langsam?

Mit dieser Frage hat sich vor langer Zeit Erich von Holst beschäftigt, und seine Vermutung war, daß unser bewußtes Denken (was immer es sein mag) mit der Sprache verbunden und daher an die physiologisch begründete Langsamkeit der artikulierten Rede gekoppelt ist. Er wies darauf hin, daß sprachloses Denken erfahrungsgemäß eine ungleich höhere Geschwindikeit hat, sei es als Mustererkennung, sei es als Traum. Wenn wir aus dem Bett fallen, bauen wir das in einen detailreichen Traum von einer Bergtour ein usw., alles in zwei Sekunden zusammengedrängt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2016 um 12.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31637

Ein Forscherteam unter der Leitung von Richard Kunert vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen hat entdeckt, dass das Broca-Areal mehr kann, als nur Sprache zu verarbeiten. Dazu führten die Wissenschaftler eine Reihe von Tests durch, bei denen die Hirnaktivität der Teilnehmer mithilfe funktionaler Kernspintomografie gemessen wurde. Die Ergebnisse, die in der Fachzeitschrift PLOS ONE publiziert wurden, weisen darauf hin, dass in dem Areal sowohl Musik als auch Sprache verarbeitet wird. Zudem fanden die Forscher heraus, dass die zwei Aufgaben einander beeinflussen: „Wenn wir den Teilnehmern eine besonders schwierige Tonfolge vorgespielt haben, ist es ihnen schwerer gefallen, die Struktur eines Satzes zu verarbeiten“, berichtet Kunert. (https://www.mpg.de/9735071/hirnareal-sprache-und-musik)

Das kann man nicht im Tomografen feststellen, sondern nur durch psychologische Tests, und es ist auch schon lange bekannt. Der Rest ist naive Linguistik und Sprachpsychologie:

Die neuen Erkenntnisse stärken damit auch die These, dass das Broca-Areal nicht für die Sprachverarbeitung allgemein zuständig ist, sondern speziell dafür, verschiedene Elemente zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Diese Spezialisierung ist für Sprache und Musik gleichermaßen von Bedeutung: In der Verarbeitung von Sprache müssen Einzelwörter zu Sätzen kombiniert werden, im Fall von Musik einzelne Töne zu Melodien.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.02.2016 um 12.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31617

Man kann grundsätzlich (aus begrifflichen, nicht aus empirischen Gründen) nicht wissen, ob Raben sich "vorstellen", was der andere sieht usw., denn Vorstellung gehört zur Folkpsychologie, mit der wir Menschen uns verständigen.

James L. und Carol Grant Gould (Bewußtsein bei Tieren. Heidelberg 1997) folgern aus dem flexiblen Verhalten von Tieren, daß sie eine Vorstellung vom Ziel haben müssen, sogar Insekten. Über Termiten: „Möglicherweise können sich die daran beteiligten Arbeiter vorstellen, wie das letztendliche Bauwerk aussehen soll und in welchem Entwicklungsstadium es sich gerade befindet.“ (138) Der soziomorphe Charakter des Konstrukts „Vorstellung“ wird nicht erkannt. „Wahrscheinlich haben Biber eine Vorstellung von den Zielen, die erreicht werden müssen und können bis zu einem gewissen Grad auch darüber nachdenken, wie diese am besten zu verwirklichen sind.“ (151) „...die bei Raben offensichtlich vorhandene Fähigkeit, Gedankenexperimente durchführen und sich eine Lösung vorstellen zu können“ (165)
„Die Frage lautet somit, welche Form der kognitiven Verarbeitung liegt dem Verhalten des Honiganzeigers zugrunde? Offensichtlich verwenden die Vögel eine Art inneres, kartenartiges Bild, das ihnen ermöglicht, ihre Helfer in die richtige Richtung zu führen.“ (173)
Solche Spekulationen werfen mehr Probleme auf, als sie lösen.

(Das Buch ist ziemlich wertlos.)
 
 

Kommentar von TheodorIckler, verfaßt am 10.02.2016 um 07.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31615

Christian Geyer berichtet über neue Versuche von Thomas Bugnyar u. a., die These zu untermauern, Raben hätten eine "Theory of mind". Darüber schreibt Bugnyar ja schon seit mehr als 15 Jahren. Geyer ist mit Recht sehr kritisch und plädiert für eine Erklärung des Verhaltens "unterhalb" solcher Annahmen.
Das Problem besteht darin, daß man Spekulationen über den "Geist" nicht empirisch beweisen kann, weil es gar keine empirische Frage ist. Vielmehr hat man sich vorweg für eine bestimmte Redeweise entschieden, die der mentalistischen Alltagspsychologie entstammt. Davon kommt man nicht mehr los. Die behavioristisch orientierte Verhaltensforschung hat immer wieder gezeigt, daß die mentalistische, allzu menschlichen Deutung überflüssig ist und Ockhams Rasiermesser zum Opfer fallen sollte. Man könnte noch weiter gehen und auch das Verhalten von Menschen ohne "Theory of mind" analysieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2016 um 17.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31581

"Sprachzentren" im Gehirn usw.- in Wirklichkeit sind Funktionen nur sehr grob lokalisierbar, als etwas stärker beteiligte (durchblutete) Regionen. Kritische Neurologen heben die hochgradige Vernetztheit hervor. Dem "Memorandum Reflexive Neurowissenschaft" (gegen das bekannte "Manifest" zehn Jahre zuvor gerichtet) entnehme ich, daß allein am Sehen, soweit bisher bekannt, 30 Hirnareale und 900 Verbindungswege beteiligt sind.

Und da stellen sich (ursprünglich sogar fachfremde) Neurolinguisten hin und behaupten, die "Verarbeitung der Sprache im Gehirn" sei weitgehend aufgeklärt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.02.2016 um 18.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31568

Die Hirnforschung der letzten Jahre hat deutlich gemacht, dass man diesen Sprachbesitz der Lernenden im Deutschunterricht nicht einfach ausklammern darf: Wir speichern unsere lautlichen Erinnerungen im sensorischen Sprachenspeicher der linken Großhirnrinde. Hier sind sie durch Nervenverbindungen, die Synapsen, in einem ganzen Netzwerk von Bildern und Vorstellungen mit unseren Erfahrungen und Gefühlen vielfältig verknüpft, keinesfalls sauber nach Sprachen getrennt. Wir speichern Sprache auch keinesfalls nur lautlich, sondern multimodal – unser Gehirn speichert auch die Wortbilder, ebenso wie situative und affektive Merkmale. Multimodale Repräsentation nennen wir diese Mehrfachvernetzung und Mehrfachspeicherung. usw. (Deutschdidaktiker Hans-Jürgen Krumm in Fremdsprache Deutsch, Sondernummer II/1997, S. 13)

Purer Neurobluff, der Verfasser hat keinen Schimmer von Neurologie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.02.2016 um 18.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31567

Gibt man bei Google "die Hirnforschung zeigt" oder "zeigt die Hirnforschung" ein, erhält man mehrere tausend Stellen – alles Unsinn, so gut wie ohne Ausnahme.
Ob die Öffentlichkeit sich von dieser Verirrung noch einmal erholt? (Zu meinen Lebzeiten?)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.02.2016 um 07.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31564

In einem Leserbrief (FAZ 5.2.16) kritisiert der Mitentdecker des Bereitschaftspotentials Lüder Deecke (neben Kornhuber) die Interpretationen, die Libet und vor allem seine Epigonen dieser Entdeckung gegeben haben: Widerlegung des freien Willens usw. Das ist vollkommen berechtigt. Searle hat sogar auf Quanteneffekte im Nervensystem gesetzt, was Michael Hampe mit Recht lächerlich findet, denn das Nervensystem ist ein makroskopischer Gegenstand, in dieser Hinsicht nicht verschieden von einem Elektromotor. Die Begrifflichkeit des "Willens" usw. hat eben gar nichts mit der Sprache der Neurologie zu tun.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.02.2016 um 12.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31552

Außer dem dogmatischen Gehalt der Religion (z. B. Lehre von Sünde und Erlösung, Gebote und Gebete) gibt es etwa schwer Definierbares, vielleicht das „ozeanische Gefühl“, mit dem sich Freud beschäftigt hat. Jedenfalls außergewöhnliche Zustände, wie man sie auch unter Hypnnose, Sauerstoffmangel, Drogeneinfluß usw. erlebt. Einige dieser Zustände werden manchmal als religiös gedeutet, aber das ist nicht zwingend, sondern seinerseits kulturbedingt.
Nun lesen wir:
Wo das spirituelle Empfinden sitzt: Die Fähigkeit, sich als Teil von etwas Größerem zu begreifen, ist offenbar in bestimmten Gehirnarealen verortet.
Wissenschaftler haben erstmals Hirnareale identifiziert, die an religiösen Erfahrungen beteiligt sind. Italienische Mediziner entdeckten an Patienten mit Hirntumoren, dass die hinteren Scheitellappen des Großhirns maßgeblich die Spiritualität eines Menschen beeinflussen.
Die Forscher der Universität Udine untersuchten bei Krebspatienten das Gefühl der Selbsttranszendenz, also die Fähigkeit, sich nicht nur als Ich, sondern als Teil eines großen Ganzen zu fühlen. Die Wissenschaftler prüften, wie sich diese Eigenschaft veränderte, wenn die Tumore entfernt wurden, und glichen dies zudem mit den durch die Operation verursachten Schäden ab.
"Dieses Vorgehen erlaubt uns, die durch bestimmte Hirnverletzungen verursachten Veränderungen der Selbsttranszendenz und den Anteil der Stirn-, Schläfen- und Scheitelareale zu erforschen", sagt Studienleiter Cosimo Urgesi.
Das Resultat: Bestimmte Verletzungen der hinteren Scheitellappen beider Hirnhälften verstärkten bei den Patienten das Gefühl der Selbst-Transzendenz. Somit beeinflusse die Aktivität dieser Hirnareale die spirituelle und religiöse Haltung eines Menschen, folgern die Forscher im Fachblatt Neuron (Vol. 65, S. 309-319).
In weiteren Studien soll nun überprüft werden, ob sich durch das vorübergehende Ausschalten der Aktivitäten dieser Hirnregionen bei gesunden Menschen das spirituelle Empfinden beeinflussen lässt.

-
Das stand so ähnlich vor fünf Jahren in vielen Zeitungen. „Selbsttranszendenz“ ist schlecht definiert, ebenso „spirituell“. Was heißt es genau, sich als Ich oder als Teil eines großen Ganzen fühlen? Eine empirische Überprüfung ist unmöglich. Zwischen dem anatomisch-physiologischen Befund und der zeitgemäßen Interpretation klafft eine riesige Lücke.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2016 um 05.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31491

Im orbito-frontalen Kortex sind nicht nur Gut und Schlecht, sondern auch Gut und Böse repräsentiert. (Manfred Spitzer)

Ein sinnloser Satz, der aber durchscheinen läßt, worauf die naive Rede von "Repräsentation" beruht: auf der Metapher der Stellvertretung oder Einverleibung. Die Welt muß irgendwie in den Kopf. Das Zauberwort Repräsentation macht es möglich. Eigentlich ist es die gute alte "Vorstellung".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2016 um 05.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31484

Ich bleibe dabei, daß es keine Neurolinguistik gibt, nur den Namen und Lehrstühle.

In den meisten "neurolinguistischen" Arbeiten werden Neuronen gar nicht erwähnt, es sind reine Funktionsmodelle/Leistungsmodelle. Also bestenfalls spekulative Neurologie. Auch John T. Bruer wundert sich darüber, daß bei einschlägigen Kongressen die Neurologen kaum zu Wort kamen. (The Myth of the First Three Years. New York 1999)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2016 um 05.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31467

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1145#14341

Vom selben Verfasser:

„Die Freude von Kindern an sprachlichen Spielen zeigt, dass im kreativen Umgang mit Sprache schon ein menschliches Belohnsystem aktiviert wird.“ (Ludger Hoffmann: Deutsche Grammatik. Berlin 2013:16)

Wenn es den Kindern Spaß macht, wird wohl ein Belohnsystem aktiviert worden sein. Daß es sich um ein Belohnsystem handelt, erkennt man am Spaß. Eine weitere neurosophisch aufgepeppte Tautologie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2016 um 04.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31466

Die Süddeutsche Zeitung interviewte vor einiger Zeit (28.4.09) Gerald Hüther über Veränderungen des Gehirns durch die Nutzung von Internet und SMS. Das einzige Neurologische, was er sagt, ist, daß die den Daumen steuernden Gehirnteile bei Jugendlichen in den letzten Jahren „viel größer“ geworden sind.

Kann das stimmen? Da unser Gehirn sich nicht ausdehnen kann, müssen andere Teile geschrumpft sein – welche? Wie haben sich andere modische Aktivitäten ausgewirkt, Nordic walking oder Skateboardfahren? Bei einem Pianisten müßte praktisch der ganze Schädel von fingersteuernden Neuronen ausgefüllt sein, so daß für anderes einfach kein Platz mehr bleibt.

Alle anderen Äußerungen sind mehr oder weniger pauschale Beurteilungen psychologischer, pädagogischer und weltanschaulicher Art, genau wie bei Spitzer. „Das Fernsehen ist nur die Ersatzbefriedigung dafür, dass man in Wirklichkeit nicht dazugehört. Und das Internet ist nur die Ersatzbefriedigung dafür, dass man tatsächlich keine Aufgaben und keine verlässlichen Beziehungen hat.“ Usw. Darüber ein großes Foto mit eingefärbten Zellen aus Mäusehirnen.

Wir haben schon gesehen, daß solche Schwätzer bis in den Bundestag hinein ernst genommen werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.01.2016 um 05.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31461

Was wir schon immer geahnt haben:

Superfluous neuroscience information makes explanations of psychological phenomena more appealing.

Fernandez-Duque D, Evans J, Christian C, Hodges SD.

Abstract
Does the presence of irrelevant neuroscience information make explanations of psychological phenomena more appealing? Do fMRI pictures further increase that allure? To help answer these questions, 385 college students in four experiments read brief descriptions of psychological phenomena, each one accompanied by an explanation of varying quality (good vs. circular) and followed by superfluous information of various types. Ancillary measures assessed participants' analytical thinking, beliefs on dualism and free will, and admiration for different sciences. In Experiment 1, superfluous neuroscience information increased the judged quality of the argument for both good and bad explanations, whereas accompanying fMRI pictures had no impact above and beyond the neuroscience text, suggesting a bias that is conceptual rather than pictorial. Superfluous neuroscience information was more alluring than social science information (Experiment 2) and more alluring than information from prestigious "hard sciences" (Experiments 3 and 4). Analytical thinking did not protect against the neuroscience bias, nor did a belief in dualism or free will. We conclude that the "allure of neuroscience" bias is conceptual, specific to neuroscience, and not easily accounted for by the prestige of the discipline. It may stem from the lay belief that the brain is the best explanans for mental phenomena.

(http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25390208)

Der Neurobluff kommt von zwei Seiten: Geisteswissenschaftler im weiteren Sinne peppen ihre Texte mit neurosophischen Spekulationen auf, Neurowissenschaftler spekulieren weit über ihr Fachgebiet hinaus. Meist wird eine Wald-und-Wiesen-Psychologie in "Hirnforschung" umgedeutet. In der Lingusitik läuft es so:
If the mind is taken to rest on a neurophysiological foundation, and if language is declared to be a module of the mind, and if syntax is declared to be the central module of language, then it might almost seem that one has indeed acquired the right to study English syntax and call it neurophysiology. (Esa Itkonen)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.01.2016 um 05.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31457

Mit bildgebenden Verfahren hat man nachgewiesen, daß Substantive im Gehirn anderswo gespeichert werden als Verben usw. (Das ganze Gerede vom Speichern ist Unsinn, aber sei's drum.)

Vorschlag eines Experimentum crucis: Hat man je untersucht, ob zwei verschiedene Aufgabenstellungen zu genau identischen Hirnscans führen? Wenn ich jemanden auffordere, den Psalm 27 vorzutragen und anschließend den Psalm 31, werden sich wahrscheinlich im Hirnscanner leicht verschiedene Bilder ergeben. Was folgt daraus für die Repräsentation der Psalmen im Gehirn?



Warum sucht man immer nur nach solchen leicht handhabbaren Sachen? Warum untersucht man nicht, wo im Gehirn korinthische Säulen oder Hypothekendarlehen gespeichert sind? Und was das Verhalten betrifft: Hat man verglichen, welche Zentren aktiviert werden, wenn man Karten mischt, Wollfäden sortiert, Geld zählt?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.01.2016 um 08.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31455

„Die Phonetik befaßt sich traditionell nur mit den physikalisch meßbaren Lautereignissen, die Phonologie aber mit den Repräsentationen der Laute im Gehirn, die es einem Sprecher und Hörer erlauben, bestimmte Laute und Lautkombinationen hervorzubringen bzw. zu interpretieren.“ (Jörg Keller/Helen Leuninger: Grammatische Strukturen – Kognitive Prozesse. Tübingen 1993:15)

Die Phonologie hat sich noch nie mit dem Gehirn befaßt und läßt sich nach wie vor aufbauen, ohne daß man sich je auf das Gehirn bezieht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.01.2016 um 06.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31454

Zum einem Bericht der FAZ (27.1.16): Viele Neurologen wissen nicht, daß die Hirnforschung nichts zur Willensfreiheit sagen kann. „Willensfreiheit“ ist kein biologischer Begriff. Die Versuche Libets und vor ihm Kornhubers sind interessant, ihre Ergebnisse aber nicht überraschend. Natürlich baut sich der Impuls für eine Muskelbewegung allmählich auf. Keine dieser Untersuchungen kann den „gesunden Menschenverstand“ bestätigen, der schon immer vom freien Willen gewußt habe.
Unser Verständnis vom Willen (der per definitionem „frei“ ist) bildet sich in Dialogen, durch die jeder fortwährend erfährt, daß man durch Argumente bewegt werden kann, etwas anderes zu tun. Ohne das sprachliche Spiel von Ankündigung, Zuspruch und Einspruch und deren Wirkung hätte sich der Begriff des Willens gar nicht bilden lassen. Was sollte die Neurologie dazu beitragen können?

Vor einigen Jahren wurde Gerhard Roth mit der These bekannt, man können einem Amokläufer keine Schuld zuschreiben, weil der freie Wille eine Illusion sei. Hier wird der Kategorienfehler der Neurosophen gemeingefährlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2016 um 10.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31443

Im mentalen Lexikon gibt es jeweils ein eigenes Speichersystem für die Wortformen und die Wortbedeutungen. (Volker Harm: Einführung in die Lexikologie. Darmstadt 2015:111)

Einen solchen Speicher voller Bedeutungen würde ich gern einmal sehen. Ich kenne Bedeutungswörterbücher, aber dort stehen nur Wörter drin, manchmal auch Bilder, aber keine Wortbedeutungen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.01.2016 um 07.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31366

Noch zu den Hunden: Eine Wolf-Expertin sagt, daß der Wolf sich vom Haushund (Canis familiaris) dadurch unterscheide, daß Hunde zeitlebens kindliche Verhaltensweisen beibehalten, Wölfe nicht. Hunde werden gern gekrault und spielen, Wölfe weniger.

Der Mensch ist bekanntlich im selben Sinne domestiziert samt Neotenie, wie von Lorenz besprochen. Wir sind eigentlich nie "zu alt, um nur zu spielen", Grenzen zu überschreiten, Neues auszuprobieren. Es wäre zu überlegen, wie das unser Sozialverhalten und auch das Sprachverhalten bestimmt ("Sprachspiel").
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.01.2016 um 05.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31364

Unsere Leipziger Anthropologen müssen alle vier Wochen in die Presse. Irgendwelche Versuche mit Schimpansen laufen ja immer, warum also nicht mal berichten? Vor allem Versuche mit "Kooperation" (ein Affe wird belohnt, aber nur, wenn ein anderer auch belohnt wird usw.); sehr beliebt ist seit langem das Ziehen an Seilen. Wenn man Seile, an denen die Affen ziehen, als „Vertrauen-Seil“ und „Kein-Vertrauen-Seil“ etikettiert, bekommt man natürlich solche Ergebnisse.
Es gibt viele Verhaltensweisen von Tieren, die man als Kooperation usw. deuten kann, wenn man will. Man muß es nur reißerisch genug ausdrücken: Dies deute darauf hin, dass die menschliche Freundschaft nicht so einzigartig sei wie bisher angenommen, erklärte MPI-Experte Jan Engelmann. "Freundschaften beim Menschen sind keine Anomalie im Tierreich."
Wer hat denn das bisher angenommen? Freundschaften zwischen Hunden kann man jeden Tag beobachten. Ich habe früher schon mal Platons Beobachtung zur philosophischen Begabung der Hunde zitiert: Hunde sind freundlich zu Menschen, bloß weil sie sie kennen, nicht weil sie irgendeinen Vorteil von ihnen erlebt haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2016 um 16.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31250

Während Sie wegschauen, stibitze ich mir ein Pommes frites.“(Alva Noë: Du bist nicht dein Gehirn. Eine radikale Philosophie des Bewusstseins. München 2010:161f.)

Das Buch ist weitschweifig und wird seinem Anspruch (Untertitel) nicht gerecht. Schlecht ist es nicht, aber eigentlich genügt vom selben Verfasser „Is the Visual World a Grand Illusion?“ (www.imprint.co.uk/pdf/NOE.PDF) (Das ist auch ein zentrales Kapitel des Buches.)

Mit einem soliden Lehrbuch der Neuropsychologie ist man besser bedient.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.01.2016 um 05.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31167


Die Assoziationsregion im Parietalkortex verarbeitet vor allem die Lokalisation von Gegenständen im Raum sowie die Berechnung von Eigenbewegungen in einer dreidimensionalen Welt. Auch arithmetische Denkprozesse wie das Addieren von Münzwerten beim Bezahlen führen wir primär mithilfe des parietalen Assoziationsareals durch. Der Grund hierfür ist ganz einfach: Wir repräsentieren Zahlen als eine mentale Reihe, also als Zahlenstrahl. Dafür transformieren wir numerische Werte in räumliche Positionen. Durch die Spezialisierung des Parietalcortexes auf räumliche Verarbeitungen entsteht somit auch eine Dominanz für Arithmetik. (Onur Güntürkün: Biologische Psychologie. Göttingen: Hogrefe 2012:119f.)

Die Darstellung ist rein spekulativ, nicht biologisch-physiologisch, und kann daher philosophisch kritisiert werden.
Was ist eine „mentale Reihe“? Selbst wenn introspektiv – was immer das sein mag – das Bild eines Zahlenstrahls nahegelegt wäre, würde das nichts für die Physiologie beweisen. Die vermeintlichen Gegenstände der Introspektion sind kulturspezifische Konstrukte, ebenso wie die „Denkprozesse“, die man hinter dem Verhalten vermutet. Ich selbst kann nicht finden, daß ich mithilfe eines Zahlenstrahls rechne. Bei mir spielt die auswendig gelernte Zahlenreihe (die ich mir aber nicht räumlich vorstelle) und das auswendig gelernte Einmaleins eine Rolle, dazu ein paar auswendig beherrschte Zahlenverhältnisse usw.

Wir wissen nicht im entferntesten, was sich neurophysiologisch abspielt, wenn jemand sich im Raum orientiert oder wenn er rechnet. Es ist möglich, daß die betreffenden Hirnareale für eine sehr allgemeine topologische Ordnung des Verhaltens zuständig sind, die abstrakter ist als das Verhalten im Raum und das Rechnen mit Zahlen. Diese beiden Verhaltensweisen ergeben sich erst im Zusammenspiel mit der motorischen Peripherie. (Ähnlich wie bei einem Computer, wo erst die Peripherie darüber entscheidet, ob Impulse als Sprache, als Bilder oder als Musik in Erscheinung treten.) So könnten Bewegung im Raum und Rechnen etwas gemeinsam haben, aber sicher nicht über den bildlichen „Zahlenstrahl“.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.12.2015 um 08.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31079

Nach einem Bericht in der FAZ (29.13.15) haben Neurophysiologen um David Poeppel im Hirnscan eine Bestätigung für Chomskys These in "Syntactic Structures" (1957) gefunden. Der Bericht ist ziemlich wirr, ich will nur weniges anmerken. Es ging damals um die mit großem Nachdruck vorgetragene These, daß Sätze nicht Schritt für Schritt, immer ein Element mit dem vorigen assoziierend, "erzeugt" werden können, sondern auf Struktur Rücksicht nehmen müssen, also eine Hierarchie, die über das Lineare hinausgeht. Allerdings ging es nicht um die wirkliche Entstehung der Rede im Gehirn, sondern Chomsky hat im Laufe seines Lebens nur bei Bedarf (je nach Geldgeber, wie Adam Makkai bemerkte) die realistische Deutung seiner automatentheoretischen Darstellung nahegelegt.
Wichtiger ist aber, daß der Gegner, der einen "Markov-Prozeß" annahm, gar nicht bekannt war oder vielleicht nur in mathematischen Kreisen. Skinners Behaviorismus, den sich Chomsky wenig später als großen Feind auserkor, macht gar keine Aussagen dazu, bietet allerdings durch die breite Darstellung der "mehrfachen Verursachung" (die auch jetzt wieder im Zeitungsbericht hervorgehoben wird) durchaus die Möglichkeit, das Entstehen hierarchischer Struktur auf natürliche Weise zu erklären. (Syntaktische "Frames" als autoklitische Mittel usw.)
Außerdem wird sich Chomsky an seine frühen Veröffentlichungen, die jetzt "bewiesen" worden sind, kaum noch erinnern...
Daß wieder mal Hirnscans überinterpretiert werden, brauche ich nicht zu erwähnen. Man kann sie nur interpretieren, wenn man schon weiß, wonach man sucht: Sprache, Grammatik, Gott (kein Scherz!)... (Im Pressebericht der Forscher heißt es: We Do Have a “Grammar” in Our Head - also keine Grammatik, sondern eine "Grammatik". Wir reagieren eben auf ungrammatische Wortfolgen anders als auf grammatische, das ist immer der Kern der Sache.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.12.2015 um 04.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30972

„Chimpanzees may possess a richer understanding of the problem and may predict which features are important for a functional tool without trial-and-error learning.“ (Hauser/Santos in Margolis, Hg. 276)

Was könnte „predict“ bei einem Organismus heißen, der nicht über Sprache verfügt? Er könnte gelernt haben, auf ein vorgeschaltetes Ereignis so zu reagieren wie auf das Hauptereignis, oder auf andere Weise zweckmäßig angepaßt. Der Hund entnimmt dem Gesamtduktus der Situation, daß der Herr mit ihm Gassi gehen wird, und begibt sich schwanzwedelnd zur Tür. Er „sagt“ nichts „voraus“. Man muß sich bemühen, auch das wirkliche Voraussagen bei Menschen in derselben Weise zu naturalisieren: Reaktion auf eine Vorphase des Vorausgesagten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.12.2015 um 06.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30915

Einige Forscher (evolutionäre Psychologie, Paläontologie usw.) nehmen an, daß Frühmenschen unverbundene geistige "Module" im Kopf hatten, also getrennt für Sprache, Technik usw., und daß sie darum wenig kognitive und daher auch technische Fortschritte machten. Erst die neuere "cognitive fluidity", die Verbindung zwischen diesen Modulen, habe die technische Entwicklung beschleunigt.

Hier ein Beispiel solcher Gedankenspiele:

Cognitive fluidity is a term first popularly applied by Mithen in his book The Prehistory of the Mind, a search for the origins of Art, Religion and Science.
The term cognitive fluidity describes how a modular primate mind has evolved into the modern human mind by combining different ways of processing knowledge and using tools to create a modern civilization. By arriving at original thoughts, which are often highly creative and rely on metaphor and analogy modern humans differ from archaic humans. As such, cognitive fluidity is a key element of the human attentive consciousness. The term has been principally used to contrast the mind of modern humans, especially those after 50,000 B.P. (before present), with those of archaic humans such as Neanderthals and Homo erectus. The latter appear to have had a mentality that was originally domain-specific in structure; a series of largely isolated cognitive domains for operating in the social, material, and natural worlds. These are termed “Swiss penknife minds” with a set of special modules of intelligence for specific domains such as the Social, Natural history, Technical and Linguistic. With the advent of modern humans the barriers between these domains appear to have been largely removed in the attentive mode and hence cognition has become less compartmentalised and more fluid. Consciousness is of course attentive and self-reflective, and the role of the modular intelligences in neurological “Default mode” is a topic for current research in self-reflective human consciousness.
Mithen uses an appropriately interdisciplinary approach, combining observations from cognitive science, archaeology, and other fields, in an attempt to offer a plausible description of prehistoric intellectual evolution.
-
Das sind ziemlich weit hergeholte Phantasien. Andere wie Panksepp haben davor gewarnt, zu schnell in Neurologie und Genetik überzuwechseln und damit das individuelle Lernen zu unterschätzen.

Ich nehme dagegen an, daß das menschliche Verhalten, und zwar das sprachliche wie das technische und soziale, früher stark ritualisiert war. Die Herstellung von Werkzeug z. B. dürfte dadurch in ihrer Weitergabe gesichert gewesen sein, daß jede Abweichung geahndet wurde. Vgl. die Demonstrationen der Levallois-Technik. Ebenso die Verteilung des Rederechts und die Tabus über dem Reden überhaupt. Es ist nicht einzusehen, warum die "stasis" nur die Technik betroffen haben sollte. Ich nehme auch an, daß eine gesellschaftliche Veränderung die Kommunikationsbedingungen änderte, so daß die kombinatorischen Möglichkeiten, die in der Sprache stecken, sich allmählich entwickeln konnten. Dazu gehört auch das Konkurrenzverhalten, der Wetteifer der Innovation anstelle der heiligen Bräuche.

Ich halte daher die ganze Idee einer Getrenntheit von sprachlichen, sozialen und technischen "Modulen" für falsch. Kommunikation der Gruppenmitglieder, Jagdverhalten, Vorratsbildung und Feinmotorik zum Beispiel waren nie getrennt, weder als Praxis noch im "Geist".

Ich bin auf diese Gedanken im Zusammenhang mit meinen Fachsprachenstudien gekommen. Wenn man die Rationalität, die sich in den Fachsprachen verkörpert, sozusagen zurückrechnet, kommt man bei archaischen Kommunikationsformen an, die zu entsprechenden gesellschaftlichen Strukturen und Techniken passen. Ethnographische Beschreibungen von vormodernen Gesellschaftn bestätigen das. Rudimente sind natürlich auch in unserer Gesellschaft noch anzutreffen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.12.2015 um 06.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30897

Danke für das tolle Zitat!

Was die Grammatik im Kopf betrifft (ich habe die Links noch nicht weiterverfolgt), so ist sie ja keine empirische Frage, sondern begriffskritisch zu behandeln und damit wahrhaft philosophisch, wie Peter Hacker immer wieder gezeigt hat.

Empirisch und zwar sprachwissenschaftlich ist dann wiederum die Frage, wie es überhaupt zu diesen mentalistischen Begriffsverwirrungen gekommen ist.

The English language is heavy-laden with mentalism. Feelings and states of mind have enjoyed a commanding lead in the explanation of human behavior; and literature, preoccupied as it is with how and what people feel, offers continuing support. As a result, it is impossible to engage in casual discourse without raising the ghosts of mentalistic theories. The role of this environment was discovered very late, and no popular vocabulary has yet emerged. (B. F. Skinner: About behaviorism. New York 1974:19f.)
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 14.12.2015 um 23.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30894

Zum Wort Liebe fällt mir Musils schöne Passage aus Band II des Manns ohne Eigenschaften ein (also aus dem Nachlass; die Passage hatte ich mir notiert, weil Musil damit 1937/38 ziemlich genau Wittgensteins Familienähnlichkeit vorwegnimmt):
"Die Unterscheidung zwischen Haß und Zorn festzulegen, ist so leicht und so schwer, wie die zwischen Mord und Totschlag oder einem Becken und einer Schüssel zu bestimmen. Es waltet nicht Namenswillkür, aber jede Seite und Biegung kann dem Vergleich und der Begriffsbildung dienen. Und so hängen auf diese Weise wohl auch die hundert und ein Arten der Liebe zusammen, über die Agathe und ich nicht ganz ohne Kummer gescherzt haben. Die Frage, wie es kommt, daß so ganz Verschiedenes mit dem einen Wort Liebe bezeichnet wird, hat die gleiche Antwort wie die Frage, warum wir unbedenklich von Eß-, Mist-, Ast-, Gewehr-, Weg- und anderen Gabeln reden! Allen diesen Gabeleindrücken liegt ein gemeinsames 'Gabeligsein' zugrunde; aber es steckt nicht als ein gemeinsamer Kern in ihnen, sondern fast ließe sich sagen, es sei nicht mehr als ein zu jedem von ihnen möglicher Vergleich. Denn sie brauchen nicht einmal untereinander alle ähnlich zu sein, es genügt schon, wenn eins das andere gibt, wenn man von einem zum anderen kommt, wenn nur Nachbarglieder einander ähnlich sind; entferntere sind es dann durch ihre Vermittlung. Ja, auch das, was die Ähnlichkeit ausmacht, das die Nachbarn Verbindende, kann in einer solchen Kette wechseln; und so kommt man ereifert von einem Ende des Wegs zum andern und weiß kaum noch selbst, auf welche Weise man ihn zurückgelegt hat."


Zum Thema "niedriger hängen" passt diese Pressemitteilung der NYU: http://www.nyu.edu/about/news-publications/news/2015/12/07/chomsky-was-right-nyu-researchers-find-we-do-have-a-grammar-in-our-head.html (Auch nicht viel besser: http://www.mpg.de/9785401/internal-grammar)
Ging vor wenigen Tagen durch die sozialen Medien, und es würde mich nicht wundern, wenn die Meldung demnächst noch von den traditionellen Medien aufgegriffen würde. Auch Steven Pinker hat es sich nicht nehmen lassen, die Meldung zu "retweeten" (https://twitter.com/sapinker/status/675759591821549568). Sieht man sich die eigentliche Studie an (http://psych.nyu.edu/clash/dp_papers/Ding_nn2015.pdf), merkt man schnell, dass sie mit Chomsky wenig zu tun hat (und mit den üblichen Problemen zu kämpfen hat, wie sehr geringer Probandenzahl pro Experiment). Das ist dann wohl auch Pinker aufgefallen (https://twitter.com/sapinker/status/675761112101609472).
Schön ist aber der Trend, zusätzlich zum eigentlichen Artikel online noch ausführlich auf die Methoden einzugehen (http://www.nature.com/neuro/journal/vaop/ncurrent/full/nn.4186.html, leider teilweise nur mit Uni-Zugang einsehbar) und Datensätze zu veröffentlichen, sodass die statistischen Analysen reproduzierbar sind. Auch die Checkliste von Nature Neuroscience halte ich für eine gute Sache (http://www.nature.com/neuro/journal/vaop/ncurrent/extref/nn.4186-S2.pdf).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2015 um 18.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30889

Begriffskritisches zum Neurowahn:

Wo Hass entsteht
SPIEGEL 29. Oktober 2008
Liebe und Hass liegen nahe beieinander - nicht nur im Beziehungsalltag, sondern auch im Gehirn, wie Wissenschaftler anhand von Scans nun belegen konnten. Beide Gefühle aktivieren teilweise die gleichen Hirnregionen.
Welche Hirnbereiche aktiv sind, wenn Menschen leidenschaftlich hassen, haben britische Forscher herausgefunden. Hass aktiviere andere Hirnregionen als verwandte Gefühle wie Angst und Wut, teile sich jedoch zwei Bereiche des Gehirns mit der Liebe, schreiben die Neurowissenschaftler Semir Zeki und John Romaya vom University College London im Journal "Plos One". Sowohl bei Hass als auch bei romantischen Gefühlen seien das sogenannte Putamen und die Inselrinde aktiv - zwei Teile des Großhirns. "Das Putamen bereitet Bewegungen vor", erklärt Zeki. Eine Aktivierung dieser Hirnrinde haben die Forscher übrigens nicht nur beobachtet, wenn man einem verhassten Feind begegnet, sondern auch, wenn ein Rivale um die geliebte Person auftaucht. Zeki und seine Kollegen vermuten, dass diese Aktivierung eine Vorbereitung auf einen möglichen Angriff oder eine Flucht einleitet.
Die Inselrinde wiederum reagiere auf beunruhigende Reize. "Sowohl geliebte als auch verhasste Gesichter können beunruhigen", schreibt Zeki. Neben Putamen und Inselrinde aktivierten Hassgefühle zudem Hirnregionen, die mit Aggressionen in Verbindung stehen.
Die Wissenschaftler analysierten mit Hilfe eines Magnetresonanztomografen die Hirnaktivität von 17 Probanden, die Fotos eines ihnen verhassten Menschen anschauten. Dabei handelte es sich in den meisten Fällen um Ex-Liebhaber oder Konkurrenten im Beruf. Als Vergleich dienten Fotos von Personen, denen die Probanden neutral gegenüberstanden.
Zuvor hatten die Forscher den Hass jedes Teilnehmers auf einer Punkteskala von null bis 72 eingeordnet. Wurden die Probanden dabei als sehr hasserfüllt eingestuft, zeigte sich auch beim anschließenden Hirn-Scan eine besonders hohe Aktivität der entsprechenden Bereiche. Dies könne für die Beurteilung von Tatmotiven bei Kriminalfällen von Interesse sein, sagte Zeki.

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/hirnforschung-wo-hass-entsteht-a-587217.html
-

Aber Haß und Liebe sind selbst keine Aktivitäten, sondern man muß fragen, in welchem Verhalten, das als Hassen beschrieben wird, die meßbaren Erregungen statttfinden.
Man kann nicht einfach dasitzen und jemanden hassen oder lieben. Womit also werden die gemessenen Hirnvorgänge korreliert? Bilder von gehaßten Personen anschauen ist wirklich ein Verhalten, aber es ist eben nicht das Hassen. Wie steht es mit anderen Verhaltensweisen, z. B. dem Reden über den Verhaßten, dem gehässigen Rezensieren seiner Bücher, dem Töten seiner Kinder...? Beim Lieben gibt es eine noch viel größere Bandbreite der möglichen Verhaltensweisen, in denen sich Liebe ausdrückt (wie man sagt): Briefe schreiben, an Strumpfbändern riechen (Faust), Dinge kaufen, Tagträumen nachhängen...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2015 um 17.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30887

„Hirnforscher haben herausgefunden, dass es für Hass im Kopf eigene Synapsen gibt.“ (http://gfds.de/aktionismus-ist-zu-befuerchten/)

Schönes Beispiel für Neuro-Babble. Ebd. gefunden:

„Wer in einer offenen Gesellschaft leben will, muss in Kauf nehmen, dass er beschimpft und beleidigt wird, dass sich ein Hass auf ihn verbal entlädt. Er muss nicht in Kauf nehmen, dass er verdroschen oder dass sein Haus angezündet wird. Dafür gibt es Rechtsstaat und Polizei.“

Wieso denn? Auch Beleidigung ist strafbar.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2015 um 07.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30879

"Zukunft" hat nur der Mensch, und zwar weil er Sprache hat und zusammen mit anderen Zukunft und Vergangenheit sprachlich konstruiert. Planen und Erzählen gibt es nur beim Menschen.

Schimpansen stellen in begrenztem Umfang Werkzeuge her. Sie tragen gefundene oder hergestellte Werkzeug einige Meter weit, aber niemals schaffen sie sich einen Vorrat an, sie arbeiten immer nur ad hoc daran.

Bienen "erzählen" gewissermaßen (falls die Sache mit dem Schwänzeltanz stimmt), aber das ist angeboren und zu weit von uns entfernt, als daß es hier einschlägig sein könnte.

Selbst der Mensch hat es mit seiner Sprache schwer, die konstruierte Zukunft so realistisch zu "vergegenwärtigen", daß er der Versuchung widerstehen kann, das Saatgetreide aufzufressen. Anderes brauche ich nicht zu erwähnen (mit dem Rauchen aufhören usw.).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.12.2015 um 06.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30871

Wieder räumt die FAS (13.12.15) Gerald Hüther, „einem der bekanntesten Neurobiologen Deutschlands“, eine ganze Seite ein, diesmal im Wirtschaftsteil. Im Interview mit Inge Kloepfer äußert er sich über "Fleiß und Faulheit, das Glück bei der Arbeit und den größten Flop der Wissenschaft“ (das Humangenom-Projekt). Er gibt nur Allerweltspsychologie von sich, aber durch häufige Erwähnung des Gehirns suggeriert er einen Zusammenhang mit der Neurologie.

„FAS: Und wann sind wir endlich glücklich?

Hüther: Wenn alles gut passt. Wir Neurobiologen nennen das Kohärenz, wenn das, was wir uns wünschen, und das, was wir in der Realität erleben, übereinstimmt.“

Man könnte es auch Weihnachten nennen, mit Neurobiologie hat es jedenfalls nichts zu tun.

Zur Entblätterung Hüthers vgl. „Die Stunde der Propheten“, ZEIT vom 30.8.2013 (http://www.zeit.de/2013/36/bildung-schulrevolution-bestsellerautoren/komplettansicht)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2015 um 07.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30823

„... chimpanzees, like humans, understand that others see, hear and know things“ (Joseph Call/Michael Tomasello: „Does the chimpanzee have a theory of mind? 30 years later“. Trends in Cognitive Science 12/2008:187-191, S. 190)

Und woran erkennt man, daß Schimpansen es "verstehen"? An ihrem Verhalten. Behavioristen sind überzeugt, daß das Verhalten samt Vor- und Nachgeschichte ausreicht und man nicht noch mysteriöse mentale Sachverhalte wie Verstehen, Wissen usw. beschwören muß, um das Verhalten zu erklären.

Der Hund "weiß", wann das Frauchen spazierengehen will. Aber Wissen und Wollen sind überflüssig, denn Frauchens Verhalten (Schuhe anziehen usw.) ist eine längst gewohnte vorgeschaltete Phase des Spazierengehens, und darauf reagiert der Hund.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2015 um 11.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30812

Die Aufmerksamkeit wird durch ablenkende Reize gestört. Wer konzentriert liest, überhört Gespräche usw. – Diese uralte psychologische Erkenntnis wird jetzt durch ein bißchen Hirnscan aufgepeppt und kommt so in die Zeitung. Britische Förscherchen haben ihr Publikationssoll erfüllt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 08.12.2015 um 11.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30803

«La multitude et l'étendue des forêts [de l'Allemagne] indiquent une civilisation encore nouvelle», schreibt die Staël gleich am Anfang ihres Buches – eine treffendere Beobachtung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.12.2015 um 07.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30801

Noch einmal zu Canetti in seinen marschierenden Wäldern. Gerade mal wieder Filme aus Nordkorea gesehen. Die Freude an Heeren, an Aufmärschen von genau ausgerichteten Soldatenmassen, ist heute überall größer als in Deutschland. China, wo ich überhaupt keinen richtigen Wald gesehen habe, ist auch groß darin, und in Rußland marschiert dann wohl die Taiga. "Rigide", "aufrechtstehend" – ach geh!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.12.2015 um 05.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30738

Wie bereits berichtet, beherrschen deutsche Kinder sehr früh die häufigsten Abtönungspartikeln, z. B. denn in Fragen, auch wenn der Linguist Mühe hat, den Gebrauch zu beschreiben. Ganz anders der deutschlernende Ausländer. Er beschränkt sich lange Zeit auf das "pragmatische Minimum" und zeigt in der Regel zeitlebens eine geringere Nutzung der Abtönung.

Man könnte sagen, daß der Fremdsprachenlerner ebenso wie jeder Mensch unter behindernden Umständen (Verletzung, Müdigkeit, Demenz, Suff) primär auf die Verständigung Wert legt, während für das Kind der "Beziehungsaspekt" ebenso wichtig ist. Beim Kind entwickeln sich Vorstufen, beim Erwachsenen Reduktionsstufen der vollen Kommunikation. Aufbau und Abbau sind nicht so symmetrisch, wie Roman Jakobsohn annahm ("Kindersprache, Aphasie und allgemeine Lautgesetze").

Ähnliche Beobachtungen bei Skinner, z. B.:

„Bei Schlagzeilen verdrängt der Platzmangel die Autoklitika. Eine Kieferentzündung hat dieselbe Wirkung. Gebrochenes Deutsch steht ebenfalls meist dieser latenten Form nahe, weil in den Anfangsphasen des Fremdsprachenlernens die meisten Autoklitika noch nicht erworben werden.“ (VB 347)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.12.2015 um 17.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30735

"Für den Hörer ist es so wichtig, irgendeinen Hinweis auf die Quelle des Sprecherverhaltens zu bekommen, daß es in manchen Gemeinschaften einfach zum guten Ton gehört, jede Rede mit einem Autoklitikum der genannten Art beginnen zu lassen." (Skinner, Verbal Behavior 316)
Gemeint sind Floskeln wie ich sehe, ich denken usw. - Damit deutet Skinner einen interkulturellen Aspekt an. Hierher gehören im Deutschen manche Modalpartikeln wie denn/eigentlich in Fragen. Sie sind hörerbezogen im beschriebenen Sinne und machen die Rede geschmeidiger, höflicher.

"Manchmal liegt die Art und Weise des Sprecherverhaltens auf der Hand und bedarf keines Autoklitikums; aber wenn es darum geht, unter sozusagen neutralen Bedingungen ein Gespräch allererst in Gang zu bringen, ist ein beschreibendes Autoklitikum fast unabdingbar: Man sagt, Das erinnert mich oder Neulich habe ich (von einem neuen Plan) gehört." (ebd.)

Eine von zahllosen feinen Beobachtungen dieses Werks, das wirklich versucht, Sprache als Verhalten zu erklären und nicht von irgendeinem rätselhaften "Geist" herzuleiten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.11.2015 um 05.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30706

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29976

Auf die Verwandtschaft von Freud und Skinner im Hinblick auf die autoklitische Sprachfunktion hat auch ein gewisser Satish Chandra recht früh hingewiesen (Behaviorism 4/1976), der allerdings bald darauf völlig wegdriftete und die Internetwelt bis heute mit wirren Pamphleten überzieht.

Wie gezeigt, hat Skinner ("In some sense we are all Freudians") seine Beziehung zu Freud immer wieder selbst offengelegt, so daß es da auch kein Plagiat aufzudecken gibt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.11.2015 um 05.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30695

Wenn man ein spekulatives Modell des Gedächtnisses, der Sprachverarbeitung oder überhaupt des Geistes entwickelt, sei es auch so abstrus wie das von Willem Levelt, und dann den Menschen in den Tomographen legt und mit irgendwelchen Aufgaben füttert, wird man im Hirnscan die Regionen entdecken, die laut Modell für bestimmte Leistungen (besonders) zuständig sind. Also wird man auch die "Zentrale Exekutive" und die "mentalen Rotationen" bestätigt finden, dazu alles andere und sein Gegenteil. Das sind Artefakte der Methode. Vgl. etwa: rubin.rub.de/sites/default/files/rubin/2002-2/2002_2.pdf
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.11.2015 um 04.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30642

Ein Münchner "Pädagoge" verspricht, Legasthenie in wenigen Stunden zu kurieren. Seie Firma coacht auch die Beziehungsqualität in Familien usw., der "Auszug meiner Studien und Ausbildungen" auf der Homepage sieht so aus wie bei all diesen Leuten, die nicht einmal wissen, wie man eine seriös aussehende Bewerbung fabriziert.

Ebenfalls im "Focus": Gerald Hüther mit seinen bekannten Patenrezepten für die Schule der Zukunft, alles mit "Hirnforschung" begründet. „Schüler sollten in der Schule vor allem zwei Dinge lernen“, sagt Hüther: „Wie viel Freude es macht, wenn man sich Wissen erschließt, und dass es nichts Schöneres gibt, als sich Wissen von anderen Menschen zu erschließen, mit denen ich in eine Begegnung komme.“ Usw.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.11.2015 um 16.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30611

Christiane Schlüter: Die wichtigsten Psychologen im Porträt. Wiesbaden 2007.

Darin ein Kapitel über Chomsky, der gar kein Psychologe ist. (Außer im Sinn der uralten rationalen Psychologie natürlich, wegen seiner Spekulationen über eine angeborene Universalgrammatik.)


Paradoxerweise könnte man sagen, daß auch sein Gegenspieler Skinner in einem gewissen Sinn kein Psychologe war, sondern eben Verhaltensforscher. Das bemerkt auch sein Biograph Daniel W. Bjork (S. 226). Behaviorismus ist ja eine Psychologie ohne "Seele" (Geist, mind, mentale Zustände usw.). Die Linguistik tät gut daran, das Psychologisieren wieder aufzugeben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2015 um 17.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30567

Obwohl Texte aus einzelnen Buchstaben bestehen, werden vom geübten Leser ganze Wörter oder Wortgruppen erfasst. Dabei nimmt er Wortbilder wahr, die mit den Wortbildern in seinem Gedächtnis verglichen werden. (http://lehrerfortbildung-bw.de/kompetenzen/gestaltung/typografie/schrlesb/formdiff/formd-lesen-s-art.pdf)

Schon das „Gedächtnis“ ist nur ein volkstümliches Konstrukt, die „Bilder“ darin hat erst recht niemand beobachtet. Man könnte allenfalls sagen, das Wiedererkennen von Wörtern sei so, als ob sie mit gespeicherten Bildern verglichen würden. Aber damit erklärt man nichts, sondern erzeugt nur begriffliche und empirische Probleme. Mit welchem Organ werden die Wortbilder im Gedächtnis wahrgenommen, und wer vergleicht da?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2015 um 07.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30522

Aus einer linguistischen Arbeit über wie- und daß-Sätze bei der Wahrnehmung: „wie gibt hier die Anweisung, ein mentales Komparandum zu erstellen, den ganzen Sachverhalt also im mentalen System nachzuvollziehen.“

Wie macht man das? Und was heißt überhaupt nachvollziehen? Die Metaphorik verdirbt alles.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 06.11.2015 um 12.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30484

Das Kanizsa-Dreieck halte ich eigentlich für ein unglückliches Beispiel einer Sinnestäuschung.
Das randlose weiße Dreieck könnte nämlich tatsächlich existieren, es gibt keinen Unterschied zwischen einem existierenden weißen Dreieck und keinem.
Man kann also nicht sagen, man sieht etwas Nichtexistentes.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2015 um 05.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30477

Der Sinn von Sinnestäuschungen wird am bekannten Kanizsa-Dreieck erläutert: „Eine solche Sinnestäuschung bewährt sich aber spätestens dann, wenn wir eine aus dem trüben Wasser ausgestreckte Hand ergreifen, weil unser Gehirn sie zu einem Menschen ergänzt, der zu ertrinken droht.“ (Friedrich – Forschungsmagazin der Friedrich-Alexander-Universität 115:12)

Das ist nicht schlüssig. Daß zur Hand auch ein Mensch gehört, wird auf andere Weise gelernt als durch Gestaltschließung. Daher "sehe" ich auch keinen ganzen Menschen, wenn eine Hand aus dem Wasser ragt.

Die wirklichen optischen Täuschungen nutzen die Redundanzen in der Wahrnehmung aus und reduzieren sie zwecks schneller Orientierung; dabei kann es zu Fehlern kommen, sobald die Umgebung nicht "normal" ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.11.2015 um 05.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30419

"Animals clearly predict the behavior of their conspecifics, predators, and prey." (Kristin Andrews)

Wie könnten Tiere etwas vorhersagen, wenn sie doch gar keine Sprache haben? Man meint eigentlich, daß Tiere das zukünftige Verhalten anderer Lebewesen (metaphorisch gesprochen) vorwegnehmen oder (unmetaphorisch gesprochen) darauf reagieren, bevor es eingetreten ist. Die naturalistische Auflösung ist nicht schwer: Tiere lernen auf eine vorgeschaltete Phase des Verhaltens zu reagieren. Das kann man mit Pawlow oder mit Skinner beschreiben. Der Hund reagiert, wenn sein Herr zu Stock und Hut greift (mit Thomas Manns unsterblicher Geschichte gesprochen), und nicht erst, wenn er schon die Tür geöffnet hat und heraustritt.
Die Ankündigung eines Verhaltens durch den Menschen muß ebenfalls als eine vorgeschaltete Phase dieses Verhaltens verstanden werden; der Vorteil für die Gemeinschaft liegt auf der Hand.
Dazu bedarf es also keines Gedankenlesens (mindreading).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.11.2015 um 08.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30401

Die naive Psychologie ist so verbreitet, daß man gar nicht mehr den Eindruck hat, überhaupt Psychologie zu betreiben, wenn man ihre Annahmen artikuliert: in der Dudengrammatik 2005 (S. 1191, 1196, 1238) wird eine naive mentalistische Sprachpsychologie ausgebreitet. „Innere Gegebenheiten“ (Gedanken, Gefühle usw.) sollen „nach außen gesetzt“ werden; „Versprachlichung kognitiver Inhalte“ usw. – Man fragt sich, was das alles in einer deutschen Grammatik zu suchen hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.11.2015 um 18.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30397

Zur Zeit geht durch die internationale Presse, daß nach neuesten Untersuchungen die verbreiteten Ansichten über anatomische Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Hippocampus nicht (oder kaum) richtig sind. "Other alleged differences that have turned out to be myths include that the corpus callosum – the brain area that allows the brain’s hemispheres to communicate – is larger in women than in men. It’s not. Nor is there strong evidence suggesting that asymmetry between men’s and women’s brains make the brains of women more effective language processors."

Es war also richtig, diese Geschichten nicht weiter zu beachten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.10.2015 um 05.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30376

Warum sollte Manfred Spitzer seinen 15 Bestsellern nicht noch einen inhaltsgleichen sechzehnten nachschicken? Was er nun getan hat. Die Leute, den ganzen Tag mit PC, Internet, Smartphone beschäftigt, verschlingen nur zu gern Bücher, die all dies verdammen. Das Gerede von der digitalen Demenz ist ein Teil der Krankheit, vor der es zu warnen vorgibt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.10.2015 um 11.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30207

Der schwedische Neuropsychologe Germund Hesslow sagt über Skinners "Verbal Behavior":

„Sprachverhalten“ ist ein klassisches Werk und zugleich einer der am meisten unterschätzten wissenschaftlichen Texte des Jahrhunderts. Viele glauben irrigerweise, Noam Chomsky – dessen Werk überschätzt wird wie sonst nur noch das Werk Sigmund Freuds - habe es endgültig erledigt. Von anderen psychologischen und linguistischen Arbeiten unterscheidet sich Skinners Verhaltensanalyse dadurch, daß sie vollkommen naturalistisch ist und keinerlei weitreichende metaphysische Annahmen über „Bedeutungen“ und „Regeln“ macht, wie sie in herkömmlichen Ansätzen üblich sind. Letztere konzentrieren sich auf ein idealisiertes und abstraktes Gebilde, die „grammatisch korrekte Sprache“, die es in Wirklichkeit nicht gibt, während Skinner das tatsächliche Sprachverhalten der Menschen untersucht. Er zeigt, daß sprachliche Erscheinungen zu einem großen Teil nach dem Muster des operanten Konditionierens erklärt werden können, das experimentell gesichert ist, und er dehnt diese Untersuchungsmethode auf Probleme aus, die bisher nur von Philosophen angegangen wurden, etwa das Wesen der Bedeutung, gesellschaftliche Aspekte der Sprache, die Möglichkeit einer Privatsprache und das Wesen des Denkens. Viele Philosophen dürften überrascht sein, wenn sie sehen, daß einige der besten Gedanken des späten Wittgenstein bei Skinner klarer und eleganter ausgedrückt sind.

[Gut gesagt! Die Wittgenstein-Exegese füllt ganze Bibliotheken, während man bei Skinner immer weiß, was er meint, und sich mit der Frage beschäftigen kann, ob es wahr ist.]
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.10.2015 um 16.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30181

Etymology is the archaeology of thought.

Das steht in Skinners spätem Buch "Recent Issues...", und das Kapitel kann auch heruntergeladen werden, es ist für Sprachinteressierte lesenswert:

https://www.marxists.org/reference/subject/philosophy/works/us/skinner.htm
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2015 um 06.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30047

Lernpsychologen und Neurodidaktiker sind sich einig: Es gibt ein Rezept für einen Sprachunterricht, der mehr bewegt. Man muss nur die richtigen Zutaten haben. (Hueber Verlag zu „Menschen“. Lehrwerk für Deutsch als Fremdsprache)

Es gibt keine Neurodidaktik. Das ist nur ein Werbegag.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2015 um 05.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30046

Im Wissenschaftsteil der FAZ (23.9.15) spricht eine Neuropsychologin im Rahmen der Folge "Hirnforschung" von der Plastizität des Gehirns und von sensiblen Phasen. Trotz vieler Erwähnungen des Gehirns und der neuen Forschungsmethoden (EEG usw.) sind sämtliche berichteten Befunde über operierte Blinde, frühes Fremdsprachenlernen usw. psychologischer Art, nicht neurologischer. Es geht entgegen dem Augenschein nicht um die Plastizität des Gehirns, sondern um die Flexibilität des Lernens.
Der Leser wird also auf einer ganzen Seite systematisch irregeführt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2015 um 05.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29976

Sogar Skinner spricht manchmal von einem Rahmen oder einer syntaktischen Rahmenkonstruktion, in die dann die sprachlichen Elemente eingefügt werden, aber was ist ein Rahmen? Man kann sich einen leeren Rahmen so wenig vorstellen wie ein allgemeines Dreieck (Berkeleys Problem). Das muß konkretisiert und naturalisiert werden.
Nun, nehmen wir als Beispiel die Formulierung einer Frage. Hier kann die Intonation bereits programmiert werden, wenn noch kein lexematisches Material vorliegt. Ebenso kann für Fragen eines bestimmten Typs die Modalpartikel denn aktiviert werden. Beides Fälle autoklitischer Bearbeitung, die also nicht voraussetzen, daß zu bearbeitendes Material vorliegt. Auf diesem Wege könnte man eines der größten Probleme des Skinnerschen Modells lösen. Skinner selbst hat immer wieder mal Bedenken gegen die Zweistufigkeit der Redeerzeugung geäußert, konnte aber die Sache nicht zu Ende führen.
Die Zweiteilung in Primärreaktion und sekundäre Bearbeitung hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Freud. Das ist auch kein Zufall. Wie Geir Overskeid gezeigt hat, ist Freud bei Skinner der meistzitierte Psychologe – für viele wohl ein überraschender Befund. ("Looking for Skinner and finding Freud". American Psychologist, 62, 590-595)

Chomsky hat die Frage unlösbar gemacht, weil er einen Homunkulus ansetzt, der "Regeln" befolgt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.09.2015 um 12.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29958

„Alle Organismen verfügen über gewisse Reflexreaktionen, die linear als Reiz-Reaktionsverknüpfungen organisiert sind. Die Behavioristen meinen, daß alles Verhalten auf diese Weise organisiert ist, obwohl die Verknüpfungen bei komplexen Organismen in der Regel gelernt und auf unterschiedliche Weise mit anderen assoziiert werden.“ (Michael Tomasello: Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens. Berlin 2014:22)

Wie ich leider schon früher einsehen mußte, wird Tomasello sein falschen Bild vom Behaviorismus niemals aufgeben. Er wird niemals Skinner lesen und sich von diesem erklären lassen, warum er kein Reiz-Reaktions-Psychologe ist.

Tomasello erkennt nicht, daß "Denken" und "Kognition" Konstrukte, also Fiktionen, und keine natürlichen Gegenstände sind und daß eine "Naturgeschichte" davon gar nicht möglich ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.08.2015 um 07.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29807

Unser Nervensystem enthält Merkmalsdetektoren innerhalb der Sinnesmodalitäten, und die Neuropsychologen (wie früher unter anderem Vorzeichen die Philosophen) haben daraus das "Bindungsproblem" konstruiert: Irgendwo müssen doch die Merkmale zusammengeführt werden, damit es zu einer einheitlichen Vorstellung oder Repräsentation des Gegenstandes kommt. Das ist aber nicht notwendig. Die Einheit liegt ausschließlich in der Exekutive. Die Merkmale meiner Kaffeetasse werden nirgendwo zusammengeführt; es genügt, daß ich eine gut gezielte Bewegung ausführen kann, mit der ich sie ergreife und zum Mund führe. Dazu müssen viele Impulse synchronisiert werden, und das lernt man. Nirgendwo im Kopf ist die Tasse "repräsentiert"; keine Repräsentation ist irgendwo "gespeichert".

Für uns hier ist interessant, daß die motorische Exekutive auch im Aussprechen des Wortes Tasse bestehen kann.
Bei Schädigungen des Gehirns kann es zu einer Desynchronisation kommen, wie sich an Aphatikern beobachten läßt. Dann mißlingt die Exekutive. Logopäden versuchen sie wiederherzustellen. (s. a. „Synchronisierte Antworten aus der Großhirnrinde“ von Wolf Singer (Forschung Frankfurt 4/2005:45-47) Auch: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#22784
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 21.08.2015 um 21.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29761

Es ist eine kritische Feststellung. Daß Chomsky sich an Locke oder einem Locke-Strohmann abarbeitete, war seinerzeit wohl einigermaßen überflüssig, aber inzwischen verbreiten Feministen, Homosexualisten und plastische Chirurgen ja die primitivsten Tabula-rasa-Vorstellungen; daher auch Pinkers Buch zum Thema.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.08.2015 um 15.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29754

Vermutlich. Aber ist das nun eine wohlwollende oder eine böswillige Interpretation? Menschen lernen sprechen, Steine nicht - also ist die Sprachfähigkeit angeboren. Und das vom "bedeutendsten Intellektuellen unserer Zeit" oder so ähnlich?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 21.08.2015 um 09.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29753

Chomskys Redeweise ist unscharf. Er spricht offenkundig nicht von der Sprache selbst, sondern von der Fähigkeit zum Spracherwerb.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.08.2015 um 06.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29752

„To say that 'language is not innate' is to say that there is no difference between my granddaughter, a rock, and a rabbit. In other words, if you take a rock, a rabbit, and my granddaughter and put them in a community where people are talking English, they’ll all learn English. If people believe that, then they’ll believe language is not innate. If they believe that there is a difference between my granddaughter, a rabbit, and a rock, then they believe that language is innate.“ (Chomsky: The Architecture of Language. New Delhi: Oxford University Press. 2000, S. 50)

Dann sind Klavierspielen und Autofahren auch angeboren. Sollte die vielbewunderte Theorie Chomskys nur ein Kalauer gewesen sein?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.08.2015 um 05.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29741

1) Unser Körper – und damit unser Kopf – ist von unserer Umwelt umgeben.
2) Die Prozesse, die für die kognitive Repräsentation unserer Umwelt verantwortlich sind, spielen sich in unserem Kopf ab.
3) Trotzdem nehmen wir das Verhältnis zwischen uns und unserer Umgebung nicht so wahr, daß sich unsere Umgebung in unserem Kopf befindet, sondern so, daß unser Körper (Kopf) von unserer Umwelt umgeben ist.

(Wolfgang Prinz/Gerhard Roth, Sabine Maasen: „Kognitive Leistungen und Gehirnfunktionen“. In: Gerhard Roth/Wolfgang Prinz [Hg.]: Kopf-Arbeit. Gehirnfunktionen und kognitive Leistungen. Heidelberg, Berlin Oxford 1996:3-34; S. 13)

Die Verfasser nennen dies eine Paradoxie, und zu deren Lösung wollen sie den Begriff der „Repräsentation“ einführen, offenbar ohne zu bemerken, daß sie diesen Begriff bereits bei der Konstruktion der Paradoxie verwendet haben, und zwar in einer entscheidenden Weise: Ohne die althergebrachte philosophische Vorstellung, daß Erkennen eine Art Abbildung, Verdoppelung oder Einverleibung der Welt ist, würde man gar nicht auf die Metapher von der „Welt im Kopf“ kommen.

Die Verfasser entscheiden sich dann, ihre Neuropsychologie in der Sprache der Informationstechnik (Computermetapher) auszudrücken, weil dies sich als besonders erfolgreich erwiesen habe. Ziemlich schlechte Neurosophie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.08.2015 um 17.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29660

„Nach Skinner liegt Verhalten generell eine Menge von durch Imitation und Übung erlernten kausalen Reiz-Reaktions-Ketten zugrunde. Auch sehr komplexe Situationen und Verhaltensweisen, z. B. sprachliche Kommunikation, können, nach Skinner, prinzipiell in Temini einer Reiz-Reaktions-Theorie gefaßt werden.“ (Helen Leuninger u. a., Hg: Linguistik und Psychologie. Ein Reader. Bd. II, Frankfurt 1974:XI)
(Es folgt Millers „Widerlegung“ des Behaviorismus: 10 hoch 20 Sätze à 20 Wörter müßten gelernt werden usw.)

So dummes Zeug wurde in den siebziger Jahren viel gelesen, und manche haben sich bis heute nicht davon erholt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.08.2015 um 14.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29658

Amerikanische Forscher haben festgestellt, daß Kinder auf Spielplätzen um so risikoreicher spielen, je mehr die Eltern durch ihr Smartphone oder durch Gespräche mit anderen Eltern abgelenkt sind. Der Effekt ist nicht überwältigend, weitere Forschungen sind notwendig.

Eine andere Überraschung bietet heute die Berliner Morgenpost:

Eigentlich wünschen sich die meisten Deutschen zwei Kinder. Dennoch liegt die Geburtenrate unter 1,5 Kinder pro Frau. Das liegt nicht daran, dass mehr Paare kinderlos bleiben, wie man vielleicht annehmen würde. Es liegt vielmehr daran, dass mehr Eltern sich nach dem ersten Kind entscheiden, doch kein zweites zu bekommen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.07.2015 um 09.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29534

Obwohl es nicht mehr zum Neurostuß gehört, möchte ich den Schluß des Leserbriefs noch zitieren:

„Als Schüler habe ich meine Griechisch-Pauker gehasst, fürs weitere Leben aber wurde Platon mein wichtigster Wegbereiter. Die amtierenden Kultusbürokraten der christsozialdemokratischen Partei Deutschlands (CSPD) streiten ab, dass sie in ihrem Kampf gegen das Altgriechische und das humanistische Gymnasium den Nazis nacheifern. Doch sie tun es.“

Man sieht die Altphilologen vor sich, wie sie sich mit Platons "Politeia" in der Hand gegen Hitlers Führerstaat erheben...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.07.2015 um 08.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29533

„Die Nazis und die SED-Spießer hatten Altgriechisch auf dem Index. Sie wussten, warum: Denn Altgriechisch zu erlernen intensiviert und beschleunigt nachweislich die Synapsenbildung im Hirn. Kaum eine andere Sprache ist so logisch und selbstreflektierend wie das Altgriechische. Eine Jugend aber, die selbst zu reflektieren und selbst zu entscheiden weiß, ist für jedes totalitäre Regime ein Albtraum.“ (Leserbrief von Dr. Franz von Lübcke, FAZ 23.7.15)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.07.2015 um 10.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29417

Zum Amoklauf hier in Mittelfranken erklärt ein Psychologe, solche Ereignisse beeinträchtigten unser Sicherheitsgefühl. Darauf muß man erst mal kommen!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.07.2015 um 05.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29414

Der "Tagesspiegel" ließ kürzlich seinen Hauspsychiater, Mazda Adli, eine Rede des griechischen Ministerpräsidenten Tsipras "analysieren". An dem Text war nichts Psychologisches, es handelte sich um eine sehr schlichte politische Polemik, wie sie jeder Journalist täglich produzieren könnte, nur primitiver:

Das beginnt bei Tsipras’ Sprache. Sie ist von geradezu antiker Beladenheit, bildstark und martialisch. Tsipras spricht wiederholt von den „Völkern Europas“. Aus der antiken Mythologie, aus der Zeit einer vordemokratischen Ordnung stammt das Thema der Rache, dass (!) sich durch die ganze Rede zieht. Alexis Tsipras stilisiert sich zum Helden und Rächer und stellt sich dabei gleichzeitig als Verteidiger der Demokratie dar. Aber unter dieser Oberfläche werden archaische Gefühle mobilisiert.

Usw. – Psychologie und auch Psychiatrie sind wenig gefestigte Wissenschaften und werden durch solche Wald-und-Wiesen-Psychologen noch zusätzlich in einen schlechten Ruf gebracht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.06.2015 um 17.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29305

Forscher haben festgestellt, daß zwischen dem Blickverhalten Neugeborener und ihrer späteren Charakterentwicklung ein statistischer Zusammenhang besteht. Er ist so "moderat", die Beschreibungsbegriffe sind so vage und die Forschungsmethoden so schwach, daß man ebensogut von Ergebnislosigkeit des ganzen Unternehmens sprechen könnte. Daraus wird gefolgert, daß weitere Forschung nötig ist.
Aber der SPIEGEL berichtet ausführlich (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/visuelles-verhalten-neugeborener-was-babys-blick-bedeutet-a-1041198.html)

Psychologen müssen eben dauernd etwas veröffentlichen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.06.2015 um 06.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29209

„Schuld und Reue aktivierte eine Hirnregion im sogenannten medialen Präfrontalkortex (mPFC).“

Das schreibt der bekannte, aber auch, nun ja, umstrittene Neuropsychologe Niels Birbaumer in einem ganzseitigen Artikel der FAZ (FAZ 17.6.15). Er spekuliert über Psychopathen und aggressive junge Männer. Er geht von Milgram-Experiment aus, das er für zuverlässig und oft repliziert erklärt, ohne auf die Kritik einzugehen. Birbaumer glaubt auch, Schwerverbrecher umerziehen zu können. Er hat Verdienste um die Erforschung von Biofeedback, ist aber zu sehr auf dieses Gebiet fixiert. In dem zitierten Satz, der für den ganzen Beitrag charakteristisch ist, werden kulturell definierte Begriffe mit Neurologie kurzgeschlossen. (Vgl. die Kritik an der "neuen Phrenologie".) Das entspricht der Einbildung vieler Neurosophen, aus Durchblutungsunterschieden ließe sich erkennen, was im Gehirn vorgeht. So macht sich eine ganze Branche allmählich lächerlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.06.2015 um 12.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29056

Ich weiß jetzt, wie ein Computer funktioniert. Ich habe nämlich festgestellt, daß sich mein Notebook an verschiedenen Stellen verschieden stark erwärmt. Absurd? Aber es entspricht doch genau dem Niveau unserer Neurosophen. Mit ihren Gehirn-Scans stellen sie fest, daß das Gehirn bei verschiedenen Aufgaben verschieden stark durchblutet wird. Darum behaupten sie zum Beispiel, sie hätten die „Verarbeitung“ von Sprache im Gehirn aufgeklärt: „Nachdem im MPI für neuropsychologische Forschung die neuronale Sprachverarbeitung in extenso aufgeklärt wurde, erkundet die von Angela Friederici gegründete Arbeitsgruppe "Neurokognition von Musik" seit 1998 das Pendant. Denn Musik und Sprache sind beides Mittel der Kommunikation.“ (Das hatte ich schon mal zitiert.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.06.2015 um 06.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29053

In vielen Medien und sogar auf der Wissenschaftsseite der FAZ erschien folgender Bericht:

Vorurteile lassen sich im Schlaf abbauen

Wer rassistische und sexistische Vorurteile hegt, kann im Schlaf davon „geheilt“ werden. Das zeigen amerikanische Forscher, die ihren Probanden vor dem Nickerchen zum Beispiel beibrachten, Frauengesichter mit dem Begriff „Mathematik“ zu verbinden.
Rassistische und sexistische Vorurteile können im Schlaf abgebaut werden, berichten Forscher um Xiaoqing Hu von der Northwestern University in Evanston, Illinois, in „Science“ (doi:10.1126/science.aaa3841).
Vierzig Probanden mussten zunächst ein Porträt eines Menschen einem Begriff zuordnen, der ihrem Vorurteil entgegengesetzt war. Ein Frauengesicht musste etwa mit dem Begriff „Mathematik“ verknüpft werden, ein Gesicht eines Dunkelhäutigen mit positiv belegten Wörtern wie „Sonnenschein“. Bei jeder erfolgreichen Paarung von Bild und Begriff erklang ein bestimmter Ton, abhängig davon, ob es um Sexismus oder Rassismus ging.
Anschließend machten die Probanden einen neunzigminütigen Mittagschlaf. In der Tiefschlafphase spielte man ihnen mehrfach entweder den Rassismus- oder den Sexismus-Ton vor. Als die Wissenschaftler nach dem Schläfchen erneut die Stereotypen der Testpersonen abfragten, stellten sie eine deutliche Minderung bei der Kategorie von Vorurteilen fest, deren dazugehöriger Ton während des Schlafens erklungen war.
(FAZ 3.6.15)

Der Begriff des Vorurteils (Einstellung, attitude...) ist so formelhaft heruntergekommen, daß auch solche "Experimente" nicht so absurd scheinen, wie sie sind. Vielleicht kann man im Schlaf auch Homosexualität bzw. Homophobie, Religion und vieles andere heilen oder "heilen"? Winston Smith brauchte etwas länger, bis er den großen Bruder liebte. Manche waren schon jahrzehntelang mit einer Jüdin verheiratet, ohne von ihrem grundsätzlichen Antisemitismus zu lassen. Aber nun reicht ein Mittagsschläfchen. (Wer schafft es, einen neunzigminütigen Mittagsschlaf hinzulegen?)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.05.2015 um 09.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28920

Aus Planetenkonstellationen oder Handlinien konnte man bekanntlich schon immer den Charakter und die Berufstauglichkeit eines Menschen ablesen. Nun also auch aus der Sprechstimme. In der FAS berichtete eine Journalistin über tolle Software, mit der man die Stimme analysieren kann; es werden aber auch andere sprachstatistische Methoden angewendet. Hauptsächlich wird ein Dirk Gratzel vorgestellt, studierter Jurist, dann Unternehmensberater, der übrigens schon lange mit solchen Geschäftsideen in den Medien ist. "Vor allem aber beriet er Trainer im Profisport. Im Fußball, Handball, Basketball und Eishockey setzen Bundesligisten auf seine Expertise." (VDI-Nachrichten) Angeblich wenden Weltunternehmen schon diese Methoden bei der Personalauswahl an. "Die Unternehmensberatung McKinsey sagt heute schon voraus, dass Firmen wie Psyware in zehn Jahren so viel Umsatz machen werden wie die Volkswagen AG."

Man stützt sich auf den amerikanischen Psychologen James Pennebaker, über dessen Fähigkeiten man sich hier informieren kann:
https://hbr.org/2011/12/your-use-of-pronouns-reveals-your-personality

Hier wie auch bei Gratzel finden wir den bekannten Gegensatz von raffinierter Software und dann einer ganz und gar naiven Wald-und-Wiesen-Psychologie. "Offenheit für Erfahrung", "Neugier", "Kontaktfreude" usw. – kein Wunder, daß sich die Journalistin darin wiedererkannte, ist es doch die horoskoptypische Rhetorik, die jeden etwas Passendes finden läßt. (Pennebaker: "If someone uses the pronoun “I,” it’s a sign of self-focus." – Das ist so ungefähr das Niveau.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.05.2015 um 05.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28878

Die Entstehung von Zeichen wird phylogenetisch und ontogenetisch nach demselben Muster erklärt: empfängerseitige Semantisierung. Dieser Ausdruck (auch: empfangsseitig) stammt aus der Ethologie (Wolfgang Wickler). Skinner sagt dasselbe: „There must be a listener before there can be a speaker. The same seems to be true of the signaling behavior of other species. Something one animal does (making a noise, moving in a given way, leaving a trace) becomes a signal only when another animal responds to it.” (B. F. Skinner: Recent Issues in the Analysis of Behavior. Columbus 1989:36)
Statt einen mysteriösen mentalen Akt des "Meinens" an den Anfang zu stellen, beginnt man nun mit dem leicht operationalisierbaren Verstehen, das ein wirkliches, beobachtbares Verhalten ist ("response").

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.04.2015 um 07.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28729

Jetzt ist Gregory Hickoks Kritik an den Spiegelneuronen-Enthusiasten auf deutsch erschienen, Michael Hagner bespricht sie in der FAZ. Ich habe die Internetdiskussion von Hickok und David Poeppel (das ist Pöppel junior) jahrelang mit großem Interesse verfolgt. Man muß kein Neurologe sein, um allein schon die Begriffsverwirrung der Spiegelneurosophen schrecklich zu finden. Hagner weist mit Recht darauf hin, daß Neurologen selbst und nicht erst die Journalisten es waren, die hier leichtfertig an die Öffentlichkeit getreten sind. Das gilt auch für die gesamte Neuropädagogik.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.04.2015 um 06.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28651

Ein Metaphernwechsel kann harmlos sein. Wir meinen es weder anatomisch noch physiologisch, wenn wir von "Kopfrechnen" sprechen usw. Laxe Ausdrucksweise klingt so:

„Our individual brains are each inhabited by a large number of ideas that determine our behaviour.“ (Dan Sperber: Explaining Culture – A Naturalistic Approach. Oxford 1996:1)

Natürlich sind Ideen nicht im Gehirn. Auf eine solche Kategorienverwechslung ist besonders Peter Hacker eingegangen. Es gibt auch sonst eine breite Kritik am Neurobluff (Neurobabble oder Brain Porn, wie man in Amerika auch sagt), z. B. hier:

http://neurocritic.blogspot.de/2014/10/the-use-and-abuse-of-prefix-neuro-in.html

Das Problem ist, daß uns diese Leute mit ihren Scannerbildern imponieren und Forschungsgelder für eine sinnlose Sache vergeuden.
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 18.04.2015 um 21.24 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28650

"Das weiß man aus der Psychologie, nicht aus der Hirnforschung. Neurobluff, wie üblich."
Ist es nicht so, daß vielerorts inzwischen Psychologie mit Hirnforschung gleichgesetzt oder zumindest verwechselt wird?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.04.2015 um 18.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28649

Dass man Kinder zunächst frei schreiben lasse und erst später Rechtschreibung vermittele, widerspreche auch dem, was man heute über Lernprozesse im Hirn wisse, sagt Prof. Onur Güntürkün, Biopsychologe an der Ruhr-Uni-Bochum: „Umkehrlernen dauert länger und erhöht die Fehlerquote.“ (Kölner Stadtanzeiger 24.4.12)

Das weiß man aus der Psychologie, nicht aus der Hirnforschung. Neurobluff, wie üblich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.04.2015 um 03.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28615

Die Mainzer "Sprachandragogik" bietet ihre Kurse an wie saueres Bier:

Wie funktioniert Lernen eigentlich?
Wie erklärt die Neurodidaktik den Vorgang des Lernens?
Und wie können Lehrende das Lernen erfolgreich unterstützen?
In den letzten Jahren haben vor allem die bildgebenden Verfahren sehr viel über die Vorgänge beim Lernen im Gehirn offenbart. Je nach Lernstil der Lernenden benötigen sie unterschiedliche Herangehensweise ans Lernen.
In diesem Seminar werden in einem ersten Schritt diese aktuellen neurodidaktischen Erkenntnisse präsentiert, daraus werden in einem zweiten Schritt grundlegende Anforderungen an einen „gehirngerechten“ Fremdsprachenunterricht abgeleitet und zahlreiche Übungen für den Fremdsprachenunterricht erprobt.


Das ist unseriös. Wir wissen so gut wie nichts Verwertbares über die Gehirnvorgänge beim Lernen, und niemand kann "Neurodidaktik" lehren. "Gehirngerechtes Lernen" ist eine Phantasiebezeichnung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.04.2015 um 07.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28598

Eine Website über das Gehirn (https://www.dasgehirn.info/) hat den Untertitel "Der Kosmos im Kopf". Das ist die alte Denkweise: Man fragt, wie die Welt in den Kopf kommt, weil dies nötig erscheint, damit der Mensch sich in dieser Welt zurechtfindet. In Wirklichkeit wäre mit einer solchen Verdoppelung nichts gewonnen, und es ist überhaupt absurd, daß alle Erfahrungen eines Lebens, alle Bücher, die ich gelesen, alle Musikstücke, die ich gehört, alle Personen und Landschaften, die ich kennengelernt habe, irgendwie "im Kopf" gespeichert oder "repräsentiert" wären, wie man heute scheinbar fortschrifttlich sagt. Damit lenkt sich die Forschung nur von ihren wirklichen Aufgaben ab. Aber die naive Psychologie ist nur schwer zu überwinden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.04.2015 um 04.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28514

Sprachen, die von Anfang an zusammen gelernt werden, lokalisiert das Gehirn an derselben Stelle; Sprachen, die wir nacheinander lernen, an getrennten Orten. (Judith Macheiner: Englische Grüße. München 2004:13)

Niemand weiß auch nur annähernd, was beim Sprachenlernen im Gehirn vorgeht. Da das Sprechen in der Muttersprache und das Sprechen in der Fremdsprache offensichtlich verschiedene Verhaltensweisen sind, wäre es ein Wunder, wenn die Gehirnscans nicht auch gewisse Unterschiede zeigten. Auch bei Aphasie werden ja Mutter- und Fremdsprache unterschiedlich gestört. Mehr weiß man nicht. Solche Sätze sind also nichtssagende neurosophische Schnörkel.

(Ursprünglich hatte ich den Satz nur notiert, weil er die synoymenscheue Flucht aus der Parallelkonstruktion illustriert – bei einer Übersetzungswissenschaftlerin eher unerwartet.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.03.2015 um 06.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28463

Wie gesagt, ein Roman kann nicht "zeigen, wie Gewalt entsteht", sondern er kann bestenfalls zeigen, wie der Verfasser glaubt, daß Gewalt entsteht. So kann auch der schönste "Tatort", dem die Zeitungen ja ein unfaßbar tiefes Interesse entgegenbringen, kein "Lehrstück über die sozialen Folgen von Vernachlässigung" sein. Sind unsere Presseleute wirklich nicht mehr imstande, Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden? Die Ansichten von Roman- und Drehbuchschreibern sind doch bloß die alltagspsychologischen Klischeevorstellungen der Gegenwart, und gerade darum überzeugen sie wahrscheinlich die meisten Zuschauer mit vermeintlicher Wirklichkeitsnähe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.02.2015 um 15.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28190

Man kann zeigen, daß beim metaphorischen Verstehen eines Ausdrucks andere Regionen des Gehirns etwas stärker aktiviert werden als beim wörtlichen Verständnis. Aber was lernt man daraus, was man nicht schon vorher wußte? Es gibt Millionen Verhaltensweisen A und Millionen Verhaltensweisen B, und wenn man je eine aus jeder Menge miteinander vergleicht, wird man unterschiedliche Hirnscans erhalten, das kann gar nicht anders sein. Deshalb bringt es uns aber auch keinen Schritt weiter.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2015 um 06.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28089

„No one has yet produced an explanation of how the highly interconnected networks of vast numbers of neurons produce our mental life.“ (William R. Uttal: Neural theories of mind. Mahwah, London 2005:99f.)

Eine von tausend Formulierungen des Leib-Seele-Problems. In dieser Fassung ist das Problem natürlich unlösbar. Das "geistige Leben", der "Geist" usw. ist ja nur ein Konstrukt, also eine bestenfalls nützliche Fiktion, mit deren Hilfe man bestimmte Verhaltensweisen beschreibt, erklärt oder rechtfertigt. Das Gehirn ist dagegen ein wirklicher Gegenstand. Er kann natürlich das Konstrukt nicht "hervorbringen".

Konstrukte sind von hypothetischen Gegenständen zu unterscheiden. Letztere kann man entdecken. So hat beispielsweise Sherrington schon 1906 die Synapsen postuliert, aber erst 50 Jahre später wurden sie unter dem Elektronenmiskroskop entdeckt. Den "Geist" kann man nicht entdecken, man kann höchstens das Konstrukt kultivieren – oder aufgeben, wie die Behavioristen empfehlen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.02.2015 um 06.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28064

Dem Plauderduktus der Sachbücher entspricht der "Cliffhanger" als Technik der Spannungserzeugung. Statt einen neuen Gedanken an den Anfang eines neuen Kapitels oder Absatzes zu stellen wie die Fachliteratur, stellt man ihn in den Schlußsatz des vorigen: Aber er sollte die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Journalisten lernen das offenbar auch.

Die Hamburger Verständlichkeitstheoretiker Schulz von Thun/Langer/Tausch haben seinerzeit "zusätzliche Stimulanz" gefordert. Kaum eine populärwissenschaftliche Konstruktion hat solchen Erfolg in Lehrerkreisen gehabt. Man sieht Texten schon von weitem an, ob sie dem Hamburger Verständlichkeitskonzept nachempfunden sind.

Wikipedia stellt den Cliffhanger (ohne freilich an Sachtexte zu denken) in einen Zusammenhang mit dem Zeigarnik-Effekt, schwerlich mit Recht. Dieser ist seinerseits umstritten und kaum replizierbar, wie ich unter dem Stichwort lese, hat mich aber ohnehin noch nie überzeugt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 11.02.2015 um 15.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28061

Die vermeintliche Entdeckung gehört in einen größeren Zusammenhang klimatologischer Modeforschung. Alle möglichen Dinge, für die es keine sichere Erklärung gibt, vom Aussterben der Dinosaurier über den Untergang der Maya bis hin zu der Frage, warum die Deutschen so gerne Nutella essen, werden heutzutage auf Veränderungen oder generelle Bedingungen des Klimas zurückgeführt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.02.2015 um 07.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28060

Die Geschichte von den feuchten Tonsprachen hat es heute in den Wissenschaftsteil der FAZ geschafft, wo Wolfgang Krischke sie überraschenderweise ohne jede Kritik wiedergibt. Auch er erwähnt die imponierenden "Datenbanken", mit deren Hilfe die Verteilung der Tonsprachen ermittelt worden ist. Unter Geisteswissenschaftlern wird "Datenbanken" immer noch zu viel Respekt entgegengebracht. Es kommt schließlich darauf an, welche Daten in die Banken eingetragen worden sind. Vielleicht hat man Hilfskräfte in grammatischen Skizzen jener 3750 Sprachen nachsehen lassen, ob darin etwas von Tönen gesagt ist? Aber der wichtigste Einwand ist jener sprachengeographische: Nicht nur Tonsprachen, sondern verschiedene Sprachen überhaupt werden hauptsächlich in feuchtwarmen Gebieten der Erde gesprochen. Und Töne lassen sich ohne Bezug auf die Luftfeuchtigkeit erklären.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.02.2015 um 12.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28052

Zu einem albernen Buch des "führenden Neurowissenschaftlers" Ramachandran schrieb die FAZ einmal:

„Der enervierende Plauderduktus ist stiltypisch für das Genre neurowissenschaftlicher Populärliteratur, das seit den achtziger Jahren die junge Wissenschaft begleitet.“

Nicht nur die neurowissenschaftliche. Von den USA ausgehend, hat der Zwang, um jeden Preis unterhaltsam zu sein, die Sachliteratur aufgeschwemmt und für Leser, die etwas Neues lernen wollen, unerträglich gemacht. Für das Fernsehen gilt das, wenn ich meinen Erinnerungen und gelegentlichen Einblicken glauben darf, uneingeschränkt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.02.2015 um 05.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28049

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25761:

Wir brauchen Tierversuche, auch in der Psychologie, aber was sich Spitzer leistet, muß man geradezu als verantwortungslos bezeichnen:

All dies scheint nahe zu legen, dass Depression "eben doch nur Chemie", d.h. kausal durch bestimmte neurochemische Prozesse bedingt sei. Dem ist jedoch nicht so, wie nicht nur die Flusskrebse eindrucksvoll belegen. So ist bekannt, dass das Selbstvertrauen von Kindern von deren Erfahrungen im Elternhaus abhängt: Wärme, Geborgenheit, Anrkennung und klar gesetzte Grenzen durch die Eltern fördern das Selbstvertrauen der Kinder.

Und dann geht es wald- und wiesenpsychologisch weiter. Zuvor werden anthropomorphisierend die "Probleme" erörtert, die Flußkrebse miteinander aushandeln.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.01.2015 um 12.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27931

"Weshalb spricht der Mensch? In der Regel spricht er, um Bewußtseinsinhalte seines Partners – und damit auch dessen Handeln und Verhalten – zu modifizieren. Er spricht, um dem Bewußtsein des Partners, so wie er es einschätzt, neue Inhalte hinzuzufügen, andere zu tilgen, an wieder anderen Inhalten Änderungen anzubringen, das Zueinander der Inhalte zu ändern usf. "(Theo Herrmann/Karin Schweizer: Sprechen über Raum. Bern 1998:35)

Der Vorgang wird geradezu zwanghaft in den Jargon einer gewissen mentalistischen Psychologie gekleidet. Der Sprecher würde vielleicht sagen: Daran habe ich nicht gedacht, ich wollte ihn bloß zum Lachen bringen. Warum habe ich den Schnellkochtopf angestellt? Ich wollte die Bewegung der Wassermoleküle beschleunigen. Kann man das wollen, auch wenn man von Wassermolekülen gar nichts weiß?

"Das Sprechen ist, so betrachtet, eine Stelloperation im Dienste der Regulation des Sprechersystems. Diese Grundvorstellung ist in der Regulationstheorie des Sprechens ausgearbeitet worden."(36)

Das ist das Mannheimer Modell, das ich in „Sprache und Kognition“ kritisiert habe. Es beruht auf genau derselben Begriffskontamination, die kein anderer als Theo Herrmann einst in einem freilich folgenlosen Aufsatz kritisiert hat. Man kann in einem kybernetischen System keine Absichten (Intentionen) unterbringen, ohne das Ganze ins Metaphorische zu verschieben. Vgl. auch:

"Dieses Reden aus einer Perspektive, die man faktisch nicht selbst einnimmt, ist nur möglich, weil der Mensch zur mentalen Rotation fähig ist." (25)

Schon die Aufgabe (das Einnehmen einer „Perspektive“) ist in metaphorischer Weise ausgedrückt, wozu dann die ebenso metaphorische Lösung der „mentalen Rotation“ paßt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.01.2015 um 06.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27885

Tonsprachen brauchen es feucht
Sprachen mit vielfältigen Tonhöhen entwickelten sich vor allem in Regionen mit hoher Luftfeuchtigkeit
20. Januar 2015

(http://www.mpg.de/8863373/tonsprachen-luftfeuchtigkeit)

Das Wetter schlägt nicht nur auf unsere Stimmung, sondern auch auf unsere Stimme. Ein internationales Forscherteam, darunter Wissenschaftler der Max-Planck-Institute für Psycholinguistik, evolutionäre Anthropologie und Mathematik in den Naturwissenschaften, hat den Einfluss der Luftfeuchtigkeit auf die Evolution von Sprachen untersucht. Ihre Analyse hat ergeben, dass Sprachen mit vielfältigen Tonhöhen eher in Gebieten mit hoher Luftfeuchtigkeit vorkommen. Sprachen mit einfacheren Betonungen gibt es dagegen vor allem in trockenen Gebieten. Grund dafür ist, dass die Stimmlippen eine feuchte Umgebung brauchen, um den richtigen Ton zu treffen.
Die Tonhöhe ist in allen Sprachen ein wichtiger Teil der Kommunikation – in manchen mehr, in anderen weniger. Deutsch oder Englisch beispielsweise bleibt immer noch verständlich, selbst wenn ein Roboter alle Wörter gleich betont. Im chinesischen Mandarin dagegen kann die Betonung den Sinn eines Wortes komplett verändern. „Ma“ mit einer gleichmäßigen Betonung bedeutet „Mutter“, „ma“ mit einer zunächst sinkenden und dann steigenden Betonung heißt „Pferd“. „Nur wer die Tonhöhe korrekt trifft, kann sich in einer solchen sogenannten Tonsprache ausdrücken“, erklärt Seán G. Roberts, Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen.
Das Klima kann aber für die Sprecher einer Tonsprache zum Problem werden, denn die Stimmlippen im Kehlkopf – umgangssprachlich auch Stimmbänder genannt – leiden darunter. Schon die vorübergehende Erhöhung der Luftfeuchtigkeit wirkt sich auf die Stimmlippen aus: Die Feuchtigkeit hält die Schleimhäute feucht und macht diese elastischer. Zudem verändert sie den Ionenhaushalt innerhalb der Stimmlippenschleimhäute. Bei guter Befeuchtung können die Stimmlippen dadurch ausreichend schwingen und den richtigen Ton treffen.
Die Forscher vermuteten deshalb, dass sich Tonsprachen seltener in trockenen Regionen entwickeln, da variantenreiche Tonhöhen unter diesen Bedingungen schwerer zu produzieren sind und leichter zu Missverständnissen führen. “Moderne Datenbanken ermöglichen es uns, die Eigenschaften von tausenden von Sprachen zu analysieren. Sie bringen aber auch Probleme mit sich, denn eine Sprache kann ihre komplexen Betonungen auch einfach von einer anderen Sprache geerbt haben“, sagt Damián E. Blasi, der an den Max-Planck-Instituten für Mathematik in den Naturwissenschaften und für evolutionäre Anthropologie in Leipzig forscht. In ihrer Studie belegen die Wissenschaftler nun, dass sie diesen Effekt von der Rolle des Klimas trennen können.
Die Forscher haben den Zusammenhang zwischen Feuchtigkeit und der Bedeutung der Tonhöhe an über 3750 Sprachen aus unterschiedlichen Sprachfamilien untersucht. Demnach kommen Tonsprachen in trockenen Gebieten tatsächlich deutlich seltener vor. So sind im vergleichsweise trockenen Mitteleuropa keine Tonsprachen wie in den Tropen und Subtropen Asiens und Zentralafrikas entstanden.
Das Klima formt also offenbar die Rolle der Betonung in einer Sprache und damit die Art und Weise, wie Informationen ausgetauscht werden. Selbst kleine Effekte können sich im Laufe der Generationen so verstärken, dass ein globales Muster entsteht. So bestimmt das Klima die Entwicklung von Sprachen. „Wenn in Deutschland ein feuchter Regenwald wachsen würde, hätte sich Deutsch vielleicht auch zur Tonsprache entwickelt“, sagt Roberts.


Es ist erstaunlich, wie schnell hier aus einer statistischen Verteilung auf Ursachen geschlossen wird. Ende des 19. Jahrhunderts führte man die hochdeutsche Lautverschiebung darauf zurück, daß die alten Deutschen im Hochgebirge ins Schnaufen gekommen sind – was jeder Bergwanderer nachvollziehen kann.
Unter "Tonsprache" kann sich verschiedenes verbergen. Wir wissen von einigen Tonsprachen, daß die Töne lautgesetzlich aus geschwundenen Phonemen entstanden sind – was soll das mit der Luftfeuchtigkeit zu tun haben? Nur Nichtlinguisten können behaupten, sie hätten "3750 Sprachen analysiert". Stärker fällt ins Gewicht: Fast alle Sprachen sind in feuchtwarmen Gebieten entwickelt worden. Dort findet man folglich auch die meisten Tonsprachen. Die Karte des MPI zeigt andererseits riesige feuchtwarme Gebiete, wo es fast gar keine Tonsprachen gibt.

Immerhin: Man kommt in die Presse.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2015 um 06.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27840

Die WamS (18.1.15) widmet eine ganze Seite der Babyzeichensprache, enthält sich dabei eines Urteils über den Sinn und Erfolg. Sie schade den Kindern nicht, sagt eine Expertin. Vielleicht stimmt das. Der Schaden liegt bei den Eltern, die dafür Geld ausgeben und sich selbst und dem Kind das Glück der vielfältigen natürlichen Kommunikation nehmen, indem sie viel Zeit mit künstlichen Maßnahmen füllen. Kleine Kinder gehen ganz in der Situation auf; warum können wir Erwachsenen das nicht auch, statt mit pädagogischen Hintergedanken zweifelhafter Herkunft jede Spontaneität zu untergraben? Ich nehme an, daß gerade die kleinsten Kinder es spüren, wenn man nicht ganz bei der Sache ist. Auch glaube ich, daß die Teilnahme an solchen Kursen typisch für Erstgebärende ist. Sie haben oft eine übertriebene Angst, etwas zu versäumen. Entspannt euch! Das ist die beste Voraussetzung auch fürs Sprechenlernen.

(Die vier beigegebenen Fotos zeigen keine Zeichensprache, sondern die natürlichen Gebärden und Intentionsbewegungen, die man ausnahmslos bei jedem nichtbehinderten Kind beobachten kann.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.01.2015 um 05.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27822

Noch einmal zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27085:

Kann sich das Gehirn meßbar verändern, wenn jemand ein kleines Klavierstück lernt? Man muß bedenken, daß jeder erwachsene Mensch jahrzehntelang mit seinen Fingern tagtäglich die verschiedensten Kunststücke ausführt. Er hat das von Geburt an eingeübt mit einer Ausdauer, die sich nur noch im Einüben des Sprechens wiederfindet. (Viele haben auch Gitarre oder etwas anderes dieser Art gelernt.) Das sprichwörtliche Schnüren der Schuhe gehört dazu, aber noch tausend weitere Fertigkeiten. Und da soll ein zusätzliches Klavierstückchen hirnanatomische Veränderungen bewirken? Ich halte das für einen wunschgeleiteten Beobachtungsfehler.

Noch eine Beobachtung: Hirnforscher sind in der Presse grundsätzlich „führende Gehirnforscher“. So auch der weitgehend unbekannte Alvaro Pascual-Leone bei Wikipedia. Wir haben schon gesehen, daß auch der Psychiater Spitzer ein "führender Hirnforscher" ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.01.2015 um 09.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27770

Durch die Medien geht der Bericht, daß Verhaltensforscher herausgefunden haben, warum Tiere spielen: sie üben für das wirkliche Leben. Das ist allerdings seit mindestens 100 Jahren herrschende Meinung. Richard Byrne umrankt das Ganze mit mentalistischen Schnörkeln. Er hat außerdem herausgefunden: „African elephants can use human pointing cues to find hidden food“. Die Videos zeigen, daß der Elefant einer Geste folgt, die einen Teil der Umgebung auffällig macht. Das ist kein gegenstandsbezogenes Zeigen. Die zeigende Hand der Versuchsleiterin ist dem „gezeigten“ Eimer sehr nahe, fast in Berührungskontakt. So machen wir es doch mit unseren Hunden und Katzen auch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.01.2015 um 05.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27747

„Klassische psychologische Lernmodelle umfassen behavioristische Erklärungsansätze wie das Klassische Konditionieren und das Instrumentelle Konditionieren. Diesen Lerntheorien zufolge kann menschliches Verhalten durch die Beziehung zwischen Reiz (stimulus) und Reaktion (response) erklärt werden. Sie werden häufig auch als Stimulus-Response Theorien oder abgekürzt S-R Theorien bezeichnet. Dieser theoretische Ansatz kann jedoch nicht erklären, wie es zu Imitation kommt, wenn der Beobachter die Aktionen des Modells nicht in der gleichen Umgebung ausführt, keine Verstärkung für sein Verhalten erhält und wenn das beobachtete Verhalten erst dann imitiert wird, wenn das Modell nicht mehr anwesend ist (Bandura, 1971 zitiert nach Horn & Williams, 2009, S. 177).
Demgegenüber stehen kognitive Lernmodelle. Kognitive Lernmodelle kritisieren behavioristische Ansätze dahingehend, dass sie den Menschen als mechanisches Wesen darstellen und menschliches Verhalten nicht derart simplifiziert werden kann (Singer in Gabler, 1986). Anstatt mit der Beziehung von Reiz und Reaktion, die nicht zum Erklären höherer geistiger Prozesse ausreicht, befassen sich Kognitivisten mit Themen wie Wahrnehmung, Problemlösen durch Einsicht sowie Denk- und Entscheidungsprozessen (ebd.).
Lernen durch Einsicht ist ein kognitives Lernmodell, welches beschreibt, dass der Mensch in einer Problemsituation versucht diese zu strukturieren und eine Beziehung zwischen den Elementen der Situation herzustellen. Durch diese Umstrukturierung kann sich dann eine Lösung im Sinne eines „Aha-Erlebnisses“ einstellen (Singer in Gabler, 1986, S. 116).


Jakob Sievers: Zum Einfluss der Perspektive beim Bewegungslernen durch Imitation. Eine empirische Studie. Zentrum für Lehrerbildung der Universität Kassel (Hrsg.): Reihe Studium und Forschung, Heft 16. Kassel 2011. ("Ausgezeichnet mit dem Martin-Wagenschein-Preis 2011 des ZLB")

Man suhlt sich im gesunden Menschenverstand. Der triumphierende Ton ist typisch für die Kognitivisten, die sich ihrer Unwissenheit nicht einmal schämen, denn so steht es ja in ihren Quellen, hier z. B. in einer Einführung in die Sportpsychologie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.12.2014 um 05.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27572

Massive Genetic Effort Confirms Bird Songs Related to Human Speech

(Scientific American 15.12.14)

Diese und ähnliche Sensations-Überschriften sind durch die Tatsachen nicht gerechtfertigt. Die amerikanischen Forscher haben es wieder einmal geschafft, ihre seit Jahrzehnten bekannten und jedesmal ein wenig erweiterten Untersuchungen als großen Durchbruch in die internatlionale Presse zu schleusen. "Sprache" ist für sie die Fähigkeit, Tonsignale zu verändern. Die Singvögel und einige Säugetiere können das, die anderen nicht. Es wird zugestanden, daß die menschliche Vokalisation (mit ganz anderen Organen als bei den Vögeln) evolutionär nicht mit dem Vogelgesang zusammenhängt. Allerdings sollen "ähnliche Gene" dabei eine Rolle spielen. Bedauerlicherweise gibt es eine Unterbrechung zwischen den ersten Vögeln und dem Auftreten des Menschen. Wie kann dann der Vogelgesang mit der menschlichen Rede zusammenhängen? Warum wurde die sprachspezifische Gen-Expression 100 Mill. Jahre unterdrückt?
Neun Supercomputer halfen bei der Forschung – wir sind tief beeindruckt. Seltsamerweise bestätigen die aufwendigsten Untersuchungen immer das, was dieselben Autoren (Erich Jarvis u. a.) vor 20 Jahren schon gesagt haben. Sprachwissenschaftler scheinen nicht beteiligt zu sein, daher wohl die Fixierung auf veränderbare Lauterzeugung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2014 um 06.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27552

Die Neuropädagogen um Antonio Battro wollten mit bildgebenden Verfahren herausfinden, was in den Gehirnen von Probanden vorgeht, die eine standardisierte Form von Platons Dialog "Menon" nachspielen. Ziemlich abstrus. Es läuft aber sowieso immer darauf hinaus, das Projekt "One laptop per child" zu fördern. Auch dem Papst Benedikt hat Battro einen solchen Laptop überreicht, ein phantastischer Werbegag, zumal sich die Neuropädagogen als Heilsbringer für die armen Länder aufspielen.
(Die technischen Einzelheiten des Projekts sind sehr ausführlich bei Wikipedia dargestellt, die pädagogische und bildungsökonomische Kritik wird immerhin angedeutet: http://de.wikipedia.org/wiki/OLPC_XO-1)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.12.2014 um 10.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27511

Olfaction is our basic sense phylogenetically and embryologically. Little is known, however, about how the human brain encodes the quality of odors, odor-associated memories, and emotions. Olfactory information is projected from the olfactory bulb to the primary olfactory cortex, which is composed of the anterior olfactory nucleus, the olfactory tubercle, the piriform cortex, the amygdala, the periamygdaloid region, and the entorhinal cortex. From there, the primary olfactory cortex projects to secondary olfactory regions including the hippocampus, ventral striatum and pallidum, hypothalamus, thalamus, orbitofrontal cortex, agranular insular cortex, and cingulate gyrus. Functional MR studies using olfactory stimuli as paradigms show activation of many of these areas and can advance our understanding of odor perception in humans. (Die Quelle tut hier nichts zur Sache.)

Encoding bedeutet hier nur eine unbestimmte Art der Beteiligung. Man spricht daher auch im einzelnen nur von „Aktivität“ in den Regionen. Das leichtfertige Reden vom Enkodieren suggeriert, daß es sich um zeichenhafte Vorgänge handele. Sind die Spuren, die eine Wahrnehmung oder ein gelerntes Verhalten im Gehirn hinterläßt, Zeichen? Sie müßten ihre Existenz und ihre Form („Topographie“ nach Skinner) der Semantisierung durch den Empfänger verdanken. Ein ausgetrocknetes Bachbett enkodiert nicht den Verlauf des Baches. Die Jahresringe enkodieren nicht die Jahre und das Wetter.
Beim ZNS ist die Frage schwerer zu beantworten. Wir haben mit den bildgebenden Verfahren noch nicht die Ebene erreicht, auf der man von Zeichen sprechen könnte – die „Sprache“ ganzer Nervensysteme. Es wird bloß die veränderte Aktivität großer Regionen gemessen. Diese Aktivität läßt sich nicht „lesen“. Anders bei der DNS, deren „Buchstaben“ entziffert sind und in ihrer Bedeutung wenigstens grundsätzlich und ansatzweise auch im einzelnen verstanden werden.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 02.12.2014 um 07.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27474

Natürlich geht es darum, Verantwortung abzuwälzen. Wenn etwas schiefgeht, dann macht man eben den Freiberufler verantwortlich, der im schlimmsten Fall mit Honorarminderung oder -rückforderung rechnen muß. Wer würde sich dabei nicht "besser fühlen"?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.11.2014 um 10.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27467

Daß man sich "einfach besser fühlt", dürfte der Grund für manchen Hokuspokus sein: Rutengänger, Graphologen, Astrologen usw. In Wirklichkeit gibt man einen Teil der Verantwortung ab, und das hebt natürlich die Stimmung.
Als ich vor Jahren meine Studien zum Okkultismus trieb, hatte ich die Rhetorik der "Berater" noch gar nicht in diesen Zusammenhang gestellt.
Natürlich hängt die massenhafte Vermehrung von "Beratern" auch mit dem Überangebot von Absolventen sonst brotloser Fächer zusammen.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 30.11.2014 um 09.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27466

Man mache sich nichts vor: Solche Scharlatane sind heute dick im Geschäft. Im Vorstand eines großen Vereins, in dem ich, quasi von Amts wegen, Mitglied bin, hat eine von mir sehr geschätzte Kollegin zur Überraschung aller anderen Vorstandsmitglieder erklärt, sie werde zu Fachgruppentreffen nur noch erscheinen, wenn eine "professionelle Mediation" gewährleistet sei. Dazu muß man wissen, daß der Vereinsvorstand mit einer Professionalität handelt, von der sich viele Unternehmen eine Scheibe abschneiden könnten. Es werden zwar manchmal harte Auseinandersetzungen geführt, aber letztendlich rauft man sich im gemeinsamen Interesse zusammen und korrigiert, wenn nötig, auch Fehlentscheidungen.

Pikant an der Sache ist, daß die Kollegin als Beamtin bei einem Landkreis arbeitet, der praktisch pleite ist, sich aber dennoch solche Esoterik-Ausflüge leisten zu können bzw. müssen glaubt. Auf meine Frage, wie es möglich sei, daß eine angeblich hochqualifizierte Beamtenschaft es nicht schaffe, ohne externe "Mediation" zu sachgerechten Lösungen zu kommen, erhielt ich die schlaffe Antwort, sie fühle sich dabei einfach besser.

Wenn man dann noch bedenkt, daß dieselbe Person dem Verein neuwertiges und unbenutztes Mobiliar aus dem Besitz des Landkreises zum Abholpreis angeboten hat, kommen dann doch Zweifel auf, ob die Not der Kommunen und Landkreise wirklich so groß ist, wie immer behauptet wird.

Wenn Unternehmen für derartige "Dienstleistungen" Geld zum Fenster herauswerfen, ist das deren Sache, aber bei der öffentlichen Hand sollte man schon etwas mehr Rücksicht auf die Kosten voraussetzen dürfen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.11.2014 um 05.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27463

Das Entwickeln von Pseudo-Kausalketten hat der amerikanische Psychologe B. F. Skinner in einem Experiment nachgewiesen. Madeleine Leitner schildert das Experiment mit den „abergläubischen Tauben“: Tauben sitzen in einem Käfig. Nach dem Zufallsprinzip werden Körner in den Käfig geschossen. Es gab keinerlei System, wann die Körner kamen. Skinner beobachtete, dass die Tauben im Käfig nach einer Weile anfingen, die verrücktesten Verrenkungen zu machen. Sie hatten offenbar versucht, Hypothesen zu entwickeln, warum sie durch die Körnchen „belohnt“ wurden – nachdem sie vielleicht zufällig den rechten Flügel gehoben hatten oder auf dem linken Bein standen. Und das, obwohl es überhaupt kein Prinzip gab. „Selbst Tiere fangen also an, Hypothesen zu entwickeln, Kausalitäten herzustellen, die nicht vorhanden sind.“ (Ursula Kals in FAZ 29.11.14 „Beruf und Chance“)

Der Text ist sehr bezeichnend. Zuerst wird das bekannte Experiment einigermaßen korrekt wiedergegeben, dann folgt geradezu zwanghaft die mentalistische Verkleidung mit dem "Hypothesenbilden", was Skinner selbst als lächerlich und überflüssig zurückgewiesen hätte. Der Gebirgsbach bildet ja auch keine Hypothese, auf welchem Wege er am schnellsten ins Tal kommt.

Der Zeitungstext führt es auf eine jener Beraterinnen zurück, die heute das ganze Wirtschaftsleben mit ihrem "Coaching" durchsetzen, ohne daß ihr Erfolg je nachgewiesen worden wäre. Man kann ihre banalen Weisheiten allwöchentlich in verschiedenen Medien lesen und hören, das ist ja auch ein Erfolg:

„Seit über 20 Jahren liegt mein beruflicher Schwerpunkt auf Potenzialanalysen. Schon Mitte der 90-er Jahre lernte ich die Ansätze einiger der weltweit führenden Karriereberater kennen: Richard Nelson Bolles (USA), Daniel Porot (Genf bzw. USA) und Walt Hopkins (London). Anschließend wurde ich zum Pionier für Karrierethemen in Deutschland. Dazu trugen zahlreiche Vorträge, Artikel und Interviews in allen relevanten Medien, bundesweite Workshops und Buchbearbeitungen bei. Seitdem habe ich weit über tausend Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet und aus dem Ausland bei der Klärung und Realisierung ihrer beruflichen Ziele erfolgreich unterstützt.“) 
(http://www.madeleine-leitner.de/)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.11.2014 um 15.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27436

Darf ich wegen "Intentionalität" vorläufig an meinen langen Eintrag http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587 erinnern, auf den zu meiner Überraschung seinerzeit niemand eingegangen ist..
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 25.11.2014 um 13.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27433

"Wir können zum Beispiel erkennen, daß Gehirnzustände Objekte und Sachverhalte repräsentieren, daß sie einen Inhalt haben." (Holm Tetens: Geist, Gehirn, Maschine. Stuttgart.1994:42)

Hier stellt sich sofort die Frage, was denn ''Gehirnzustände'' sein sollen. Es gibt Leute, die glauben allen Ernstes, daß wir bereits wissen, wie das Gehirn funktioniert, weil wir wissen, wie ein Neuron funktioniert und sie den Begriff Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (bzw. die englische Version diesers Begriffs) in eine Diskussion einbringen können. (Der Typ studierte Psychologie in einem höheren Semester.)

''So ähnlich liest man es hundertfach, tausendfach. Muß man da nicht kribbelig werden oder an seinem eigenen Verstand zweifeln? Die vermeintliche phänomenologische Evidenz der "Intentionalität" ist mit angelesenem Neurobabble verquickt. In Wirklichkeit wird die genaueste Beobachtung von Gehirnzuständen, mit welchen Geräten auch immer, nicht zeigen, daß diese Zustände einen Inhalt haben. Man kann es sich nicht einmal vorstellen, geschweige denn beweisen oder widerlegen, weil es eben schon rein begrifflich Unfug ist.''

Was Sie hier mit ''Intentionalität'' meinen ist mir nicht klar. Ein Zustand für sich allein mag keinen oder allenfalls einen minimalen (vernachlässigbaren) Teilaspekt des Ganzen repräsentieren, dem – für sich allein betrachtet – keine Bedeutung zugewiesen werden kann. Die Bedeutung könnte in einer Menge von Zuständen (repräsentiert jeweils durch ein oder mehrere miteinander in Kontakt stehende Nervenzellen) liegen, wobei vorerst nicht klar ist, wie groß diese Menge ist, die für die Repräsentation (eines Dinges oder Sachverhalts) verwendet wird, dies könnte individuell verschieden sein und auch von der Lebenserfahrung (mit den entsprechenden Dingen oder Sachverhalten) abhängen.

Wenn wir naturwissenschaftlich vorgehen und uns nicht mit einer metaphysischen (Seele) oder einer phantastischen Erklärung (Hyperraum) zufriedengeben wollen, dann müssen wir von der phänomenologischen Evidenz ausgehen, es sei denn, ich verstehe darunter etwas anderes als Sie, lieber Herr Ickler.

Wenn ich eine Äußerung parsen will, um ihre Bedeutung zu erkennen, muß ich ihre Teile erkennen. Dafür müssen die (von den jeweiligen Sinnesorganen erhaltenen Erregungsmuster oder zumindest eine Abstraktion davon) irgendwie im Gehirn repräsentiert sein, da ein Parser die Symbole einer Äußerung (je nachdem ob als Sprache (Worte) oder als Text (Wörter)) mit der Eingabe vergleichen muß. Zumindest ist es bei Programmiersprachen so. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, wie Parsing ohne Symbolerkennung ablaufen sollte. Daß dies mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht über ein (alphabetisch geordnetes) Lexikon läuft, ist von vornherein klar. Ähnlich kann man für die Erkennung von Buchstaben, Ziffern, Zeichen allgemein und Gesichtern argumentieren. Es ist, besonders bei den Gesichtern, anzunehmen, daß sie nicht vollständig repräsentiert sind und die Erkennung über einen assoziativen Mechanismus erfolgt. Ich vermute, daß dies bei allen zu erkennenden Dingen oder Sachverhalten so ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.11.2014 um 09.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27431

Viel wird geschrieben über "Hirnforschung und Menschenbild". Eigentlich merkwürdig. Warum nicht "Hirnforschung und Hundebild" oder "Darmforschung und Menschenbild"? Was ist überhaupt ein Menschenbild? Das Bild, das ich mir von meinem Nachbarn mache, wäre nicht anders, wenn ich nicht wüßte, daß er ein Hirn hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.11.2014 um 10.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27372

"Wir können zum Beispiel erkennen, daß Gehirnzustände Objekte und Sachverhalte repräsentieren, daß sie einen Inhalt haben." (Holm Tetens: Geist, Gehirn, Maschine. Stuttgart.1994:42)

So ähnlich liest man es hundertfach, tausendfach. Muß man da nicht kribbelig werden oder an seinem eigenen Verstand zweifeln? Die vermeintliche phänomenologische Evidenz der "Intentionalität" ist mit angelesenem Neurobabble verquickt. In Wirklichkeit wird die genaueste Beobachtung von Gehirnzuständen, mit welchen Geräten auch immer, nicht zeigen, daß diese Zustände einen Inhalt haben. Man kann es sich nicht einmal vorstellen, geschweige denn beweisen oder widerlegen, weil es eben schon rein begrifflich Unfug ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.11.2014 um 10.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27371

Der Name der Insel Philae (Philai) scheint etymologisch noch nicht ganz aufgeklärt zu sein, aber ich bin kein Ägyptologe und kann dazu leider nichts beisteuern. Die Namen des Unternehmens Rosetta sollen ja einer Episode in der Entzifferung alter Schriften und Sprachen gedenken, worüber wir hier uns naturgemäß freuen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.11.2014 um 09.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27370

Zur Problematik des Speichermodells und der "Repräsentation", die ich an verschiedenen Stellen abgelehnt habe, möchte ich mich gern mal im Zusammenhang äußern, aber das dauert noch ein wenig.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.11.2014 um 18.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27357

So was amüsiert mich immer: In der Presse ist von der Sonde "Philä" und "er" die Rede. Erstens ist "die Sonde" weiblich, und zweitens heißt "philä" alt- und neugriechisch "Freundin" (weibliche Form zu "philos" Freund).
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.11.2014 um 18.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27346

Wie kann man sich da sicher sein? Immerhin glaubt man im allgemeinen sehr bestimmt zu wissen, ob man ein Wort oder einen Namen schon einmal gehört hat oder nicht (auch wenn man sich manchmal täuschen mag).
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.11.2014 um 17.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27345

Ich wage mal eine Erklärung, auch um zu sehen, ob ich das selbst richtig verstehe.

Das Denken passiert natürlich im Gehirn, aber darin sind weder Wörter noch andere einzelne Wissenseinheiten gespeichert.

Wenn Wissenschaftler einmal in der Lage wären, die Struktur des gesamten Gehirns bis ins kleinste, in jede Zelle, jedes einzelne Neuron, die DNA, alles, meinetwegen bis auf Molekülebene erklären zu können, dann würden sie nirgends, wie auch immer biologisch, genetisch, chemisch oder sonstwie verschlüsselt, auf die Wörter Abend, Gartenschere oder Zimmertemperatur usw. stoßen.

Wie sich ein Mensch an ein bestimmtes Wort, ein Bild, einen Ton, einen Zusammenhang, an einen bestimmten Bewegungsablauf erinnert, ist vielleicht noch nicht ganz genau erforscht, aber mit Sicherheit sind diese Dinge nicht einzeln wie in einer Art Lexikon abgespeichert.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 15.11.2014 um 13.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27344

Zu #27304

''Natürlich sind die Wörter nicht im Gehirn gespeichert, ...''

Hier stellt sich natürlich sofort die Frage, wo sie denn sonst gespeichert sind: in einem anderen Körperteil, in der Seele, im Hyperraum?

Wenn Sie in Ihrem Satz das Wort ''Wörter'' durch das Wort ''Worte'' ersetzten, würde ich Ihnen zustimmen, aber so verstehe ich nicht, wie Sie das meinen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2014 um 05.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27343

Den folgenden Abschnitt hatte ich schon mal wegen des Feminismus zitiert www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1040#23050), möchte ihn aber auch noch einmal aus dem Pseudowissenschaftlichen in Normaldeutsch übersetzen.

Original:

Auf das generische Maskulinum wurde bewusst verzichtet, weil alle Experimente zeigen, dass es sich auf die mentale Repräsentation von Frauen negativ auswirkt und zu Assoziationen mit dem männlichen Geschlecht führt. Bei Studenten und Autoren denken wir hauptsächlich an männliche Vertreter. Die Frauen bleiben unsichtbar, auch mental.

Übersetzung:

= Auf das generische Maskulinum wurde verzichtet, weil alle Experimente zeigen, dass man dabei eher an Männer als an Frauen denkt. Bei Studenten und Autoren denken wir hauptsächlich an Männer. An Frauen denken wir nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2014 um 03.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27341

Zu #15356

"Mit Hilfe bildgebender Verfahren konnte der Hirnforscher Manfred Spitzer unlängst nachweisen, daß man sich an solche Wörter am besten erinnert, die in einem positiven emotionalen Kontext gespeichert wurden, und daß das Speichern emotionsabhängig in unterschiedlichen Gehirnregionen erfolgt: bei positiven Emotionen im Hippocampus, bei negativen im Mandelkern." (Christian Geyer FAZ 5.7.04)

So ging und geht dieser mehrfache Unsinn durch die Welt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.11.2014 um 10.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27304

Die Bibliothek in meinem Kopf: Wie sind Wörter im Gehirn gespeichert?

Wortspiel für die Wissenschaft: Mitmachen erwünscht!

Fragt man Erwachsene, was ihnen zu „Hund“ einfällt, sagen die meisten „Katze“. Warum das so ist und wie genau Informationen in unserem Gedächtnis angeordnet sind, wollen Psychologen des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Zusammenarbeit mit der Universität Tübingen herausfinden. Dafür beteiligen sie sich an dem internationalen Projekt „Small World of Words“ der Katholischen Universität (KU) Leuven.
Ein Erwachsener kennt im Schnitt rund 40.000 Wörter. Diese sind in unserem Gedächtnis, in einem individuellen, mentalen Lexikon hinterlegt und miteinander verknüpft. Bildlich kann man sich das auch wie eine Bibliothek im Gehirn vorstellen, in der die eigenen Bücher nach einem bestimmten Prinzip geordnet sind. Die Wissenschaftler wollen nun herausfinden, wie diese Durchschnitts-Bibliothek aufgebaut ist und, ob es Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Erwachsenen gibt.

(www.mpib-berlin.mpg.de/de/presse/2014/09/die-bibliothek-in-meinem-kopf-wie-sind-woerter-im-gehirn-gespeichert)

Es ist erstaunlich, wie das "Mentale" (ein folkpsychologisches Konstrukt) und das Gehirn hier durcheinandergehen. Natürlich sind die Wörter nicht im Gehirn gespeichert, und die "bildlich" verstandene Bibliothek ist weit entfernt von einer wirklichen. Man wird sie daher im Gehirn nicht finden. Die Experimente wiederholen bis in die Terminologie hinein ("Assoziation"), was im 19. Jahrhundert begonnen und von C. G. Jung fortgeführt wurde. Die Ergebnisse dürften dieselben sein, ich habe sie in meinem Aufsatz "Paradigmen als Syntagmen" interpretiert, natürlich unter Vermeidung der neurosophischen Aufpeppung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.10.2014 um 17.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27085

"Der spanische Neurologe Alvaro Pascual-Leone (...) ließ seine Testpersonen ein einfaches Klavierstück üben. Anschließend untersuchte er jene Regionen in ihrem Gehirn, die die Motorik steuern. Die Gegend, die die Fingerbewegungen steuert, hatte sich vergrößert. Das Gehirn funktioniert also wie ein Muskel, es wächst mit seinen Aufgaben." (Welt 18.10.14)

Bekanntlich vergrößern sich auch Teile des Gehirns, wenn Taxifahrer die Londoner Straßen lernen usw. - Aber der Schädel wächst doch nicht mit? Es muß also Einbußen geben, anders als bei den Muskeln. Darüber habe ich noch nie etwas gelesen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.10.2014 um 15.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26973

Michael Tomasello, dessen letztes Buch jetzt auf deutsch erschienen ist und in Zeitungen besprochen wird, hängt immer noch an der Vorstellung, daß das Kind irgendwann lernen müsse, daß auch die anderen Menschen eine Innenwelt haben, mit Absichten, Perspektiven usw. In Wirklichkeit lernt das Kind natürlich von anderen, daß es selbst und zugleich die anderen ein Innenleben haben. Auf dieses kulturspezifische Konstrukt kommt es ja nicht von selbst, das wird vielmehr in das Kind hineingeredetm bis es den folkpsychologischen Sprachgebrauch seiner Umgebung beherrscht. Zur "Grammatik" dieser Sprache (im Wittgensteinschen Sinne) gehört es, daß alle Menschen eine radikal "private" Innenwelt ganz für sich allein haben. Das kommt ihnen dann evident wahr vor. Die Phänomenologen haben daraus einen einträglichen Beruf gemacht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.09.2014 um 18.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26886

Forscher haben festgestellt, daß die Angst der Deutschen (vor der Kirchensteuer usw.) in den Genen eingebaut ist. Die Angst anderer Völker (vor den Deutschen z. B.) hat es anscheinend noch nicht ins Genom geschafft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.09.2014 um 13.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26776

„Im Gehirn sind alles Wissen und auch die Programme, nach denen dieses Wissen verwertet wird, in der Verschaltung der Nervenzellen gespeichert.“ (Wolf Singer in FAZ 17.9.14)
Das Wissen ist nicht im Kopf oder Gehirn gespeichert, es ist überhaupt nichts gespeichert. „Wissen“ ist ein populärpsychologisches, kulturspezifisches Konstrukt und bezeichnet keine hypothetische Einheit, nach der man suchen kann, wie man nach den Synapsen gesucht hat. Die Hirnforschung als biologische Disziplin sollte gar nicht mit solchen mentalistischen Begriffen wie „Wissen“ arbeiten.
„Woher weiß das Gehirn, welche Erregungsmuster stimmig sind und wie verknüpft es sie mit Empfindungen?“ (Wolf Singer ebd.)
Selbst wenn man das nur für eine saloppe Redeweise hält, zeigt es doch nur, daß der Hirnforscher zum Thema Gehirn und Kunst nichts zu sagen hat. Singer gibt das auch mehrmals zu. Der ganzseitige Artikel brauchte das Wort "Gehirn" gar nicht zu enthalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.09.2014 um 05.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26696

Es ist davon auszugehen, dass die Funktion des Gyrus parahippocampalis über das rein visuelle Erkennen hinausgeht. Es gibt Hinweise, dass dieser Bereich des Gehirns an der Erkennung sowohl sozialer Zusammenhänge als auch den Inhalten verbalen Kommunikation beteiligt ist. (Wikipedia)

Der letzte Satz zeigt die Hilflosigkeit; es ist eben alles möglich, wenn man so schlecht definierte Begriffe verwendet wie „soziale Zusammenhänge“, „Inhalte verbaler Kommunikation“.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.08.2014 um 09.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26579

„Unter Lernen versteht man den Erwerb des Wissens, unter Gedächtnis die Fähigkeit, dieses Wissen wiederfindbar zu bewahren.“ (Spektrum „Gehirn und Bewußtsein“ S. 114)
Es ist aber genau dasselbe: Verhaltensänderung unter dem Einfluß bestimmter Reize. Wenn ich heute Fahrradfahren lerne, kann ich es morgen ("weiß ich morgen, wie es gemacht wird"). Die Frage, ob gestern ein Elefant im Zoo war, kann ich besser beantworten, wenn ich gestern im Zoo war und einen gesehen habe usw. Vgl. Skinner: Verbal behavior. 1957:143.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.08.2014 um 05.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26576

Die Rede von Gedächtnisspuren, neuerdings "Repräsentationen im Gehirn" ist wohlfeil und wertlos.

Erinnerungen können täuschen, wie Testfragen zum vermeintlich klaren Inhalt beweisen. Aber wenn mir Wörter und Namen einfallen, sind sie eindeutig. So fiel mir gerade der Firmenname Kubon & Sagner ein (Buchhandel in München mit dem Spezialgebiet Osteuropa), an den ich bestimmt seit 30 Jahren nicht mehr gedacht hatte und der mir auch nicht viel bedeutet, weil ich nie viel mit slawischer Literatur zu tun hatte. Dazwischen liegen rund 10.000 mehr oder weniger erlebnisreiche Tage. Es dürfte lange dauern, bis man im Gehirn die Spuren von Kubon & Sagner nachweisen kann.
Ich glaube aber zu wissen, warum mir gerade jetzt gerade dieser Name eingefallen ist. Wolfgang Leonhard ist gestorben, der Osteuropa-Experte. Den hatte ich als Schüler kurz vor 1960 bei einer Lesung in einer Buchhandlung erlebt, zwar nicht bei Kobon & Sagner, sondern in der Bahnhofsbuchhandlung in Kassel, aber immerhin, das dürfte die Verbindung hergestellt haben.
Leonhard, der später auch im Fernsehen öfters zu sehen war, hat übrigens unser Bild von der Sowjetunion und ihren Satelliten ziemlich stark beeinflußt, so oder so. Er hat auch auf die zentrifugalen Kräfte hingewiesen. Dazu fällt mir Andrej Amalrik ein, der ziemlich gut das Ende der Sowjetunion vorhersagte; damals glaubten ihm nur wenige.
Aus wie vielen Mosaiksteinchen sich unser Bild von der Welt zusammensetzt! Ohne Fernsehen, bloß vom Zeitunglesen hatte ich im Frühjahr 1989 den bestimmten Eindruck, daß es mit der DDR schnell zu Ende gehen werde. Ich hätte aber nicht sagen können, welche einzelne Information mir diese Voraussage eingab.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 03.07.2014 um 19.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26224

Ich hab zwar keine Ahnung, was Crystal Meth ist, gem. einer Wikipedia-Recherche scheint es aber speziell die Zähne zu zerfressen (Meth-Mund).
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 03.07.2014 um 17.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26223

Es hat keinen Zweck, hier im Sprachforschungsforum gegen bestimmten religiösen Sprachgebrauch zu argumentieren. Dahinter steht eben eine ganz andere Lebenserfahrung als die der Naturwissenschaften, wie wir sie heute in der Forschung erleben und deren Sicht wir anerkennen, weil sie uns weiterbringt. (Wohin, das weiß aber auch keiner so genau.) Mich erstaunte allerdings, wie leicht sich vor einigen Jahrzehnten im Sprachgebrauch der US-amerikanischen damals "Schwarzen", später (und wohl auch heute noch) "African Americans" (eine eigentlich ebenfalls nicht richtig beschreibende Bezeichnung) "soul" als Adjektiv für den von ihnen für sich eingenommenen besonderen Kulturbereich durchsetzte: "soul food / soul music / soul man" und wohl noch einiges andere. Aber wenn wir von jemandem sagen, sie ist eine gute Seele, dann ist damit ja auch mehr gemeint als nur ihr Körper und ihr Geist. - Richtig ist übrigens: Crystal Meth zerfrißt auch die Seele. Da kann dann nur noch Gott helfen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.07.2014 um 17.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26222

Crystal Meth zerfrisst Körper, Geist und Seele (focus.de)

So erfährt man ganz beiläufig, woraus der Mensch besteht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.07.2014 um 04.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26214

Es geht darum, daß der Organismus in bestimmten Fällen so reagiert, als habe er eine falsche Wahrscheinlichkeitsberechnung angestellt, etwa nach dem Prinzip: "Einmal ist keinmal, zweimal ist immer." (Das pflegte einer meiner Professoren zu sagen, wenn es um Belege für eine bestimmte grammatische Form in alten Texten ging.) Das erinnert an Gestaltschließung, wie man sie bei optischen Täuschungen erlebt, aber auch beim Hineinhören einer Melodie in die Meeresbrandung usw. Dahinter scheint ein evolutionärer Nutzen zu stecken. Jederzeit orientiert zu sein (mit dem Risiko des Irrtums) könnte im Sinn der Handlungsfähigkeit und des Überlebens nützlicher sei als langes Abwägen. Das dürfte auch beim Sprechenlernen eine Rolle spielen (Übergeneralisierung). Ich erinnere an den mehrmals zitierten Satz von Wilhelm Havers: "In sprachlichen Dingen ist der Mensch ein schwacher Kopfrechner", der hier eine ganz neue Facette erhält. Oder noch einmal die chinesische Fabel, die hinter dem Sprichwort steht: "Einen Baum bewachen, um einen Hasen zu fangen." (Shou zhu dai tu - Ein Bauer vernachlässigt alles, nur weil zufällig einmal ein Hase gegen einen Baum gerannt ist und sich das Genick gebrochen hat.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.07.2014 um 22.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26213

In diesem Artikel ist mir auch einiges aufgefallen:

Dass Glücks- oder Erfolgssträhnen in den meisten Fällen statistisch gar nicht zutreffen, sondern nur das Ergebnis von Zufällen sind, spielt keine Rolle.

Was soll es denn bedeuten, daß eine Glückssträhne "zutrifft" oder "nicht zutrifft"? Trifft heute eigentlich der Mond zu? Entweder hat man eine Glückssträhne oder nicht, und wenn man sie hat, ist es natürlich Glück bzw. Zufall, was sonst?

Überhaupt, was hier unter einer Sieges-, Erfolgs- oder Glückssträhne verstanden wird: "und drückten weiter denselben Knopf".
Angenommen, ich erkenne ein bestimmtes Muster und gewinne tatsächlich durch wiederholte Anwendung dieses Musters. So etwas ist doch keine Glückssträhne, sondern Berechnung. Wenn ich aber selbst nicht weiß, wieso ich gerade diesen Knopf wähle, ich wähle ihn rein zufällig und gewinne jedesmal damit - das ist eine Glückssträhne.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.07.2014 um 04.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26206

Wenn man verdrängt, was man über den Behaviorismus zu wissen glaubt, kann man immer wieder mal mit sensationellen Forschungsergebnissen in die Presse gelangen. Das hat sich wohl auch der Nachwuchspsychologe Tommy Blanchard gedacht. In der FAZ liest es sich so:

Auch Affen glauben an die Siegessträhne - (...) Doch auch wenn das Futter rein zufällig verteilt war, reagierten sie nach ein paar erfolgreichen Treffern regelrecht euphorisch und drückten weiter denselben Knopf. Wie die Wissenschaftler im „Journal of Experimental Psychology: Animal Learning and Cognition“ schreiben, glaubten die Affen offenbar, ein Muster zu erkennen, das statistisch gar nicht vorhanden war. (FAZ 2.7.14)

Nun, das hat Skinner bereits 1947 dargestellt („Superstition in pigeons“), und es ist seither oft untersucht worden. Aber Skinner kam ohne das mentalistische Beiwerk aus. Es geht um Verhalten und Verstärkungspläne, nicht um „beliefs“. 70 Jahre Rückschritt werden als neueste Forschung verkauft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.06.2014 um 06.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26096

Nicht zum erstenmal geistern Berichte durch die Medien, wonach amerikanische Forscher dem Ursprung der Sprache nähergekommen seien. Mit einer Sprachauffassung, die - am MIT nicht überraschend - von Chomsky geprägt ist, meinen sie, daß die Intonation von den Vögeln stammt, der lexikalische Gehalt von den anderen Primaten oder so ähnlich.

From birds, the researchers say, we derived the melodic part of our language, and from other primates, the pragmatic, content-carrying parts of speech. Sometime within the last 100,000 years, those capacities fused into roughly the form of human language that we know today. (Science daily 2014)

Based on an analysis of animal communication, and using Miyagawa’s framework, the authors say that birdsong closely resembles the expression layer of human sentences — whereas the communicative waggles of bees, or the short, audible messages of primates, are more like the lexical layer. At some point, between 50,000 and 80,000 years ago, humans may have merged these two types of expression into a uniquely sophisticated form of language. (MIT News office 2013)

Schön und gut, aber was haben unsere Vorfahren in den 100 Mill. Jahren gemacht, die uns vom letzten gemeinsamen Vorfahren mit den Vögeln trennen? Es geht doch nicht um 50.000 oder 100.000 Jahre. Fehlt nur noch, daß wir den lexikalischen Gehalt von den waggles of bees ererbt haben.

Das sind bestenfalls funktionale Analogien.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.06.2014 um 14.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26069

Das freut mich aber, daß dieser anregende Band einen weiteren Leser gefunden hat. Zu empfehlen ist auch von denselben Herausgebern: Variations and Selections. An anthology of reviews from JEAB.
In beiden Büchern wird man dank der Vielfalt und Vielzahl der hochqualifizierten Beiträger durch weite Bereiche der Wissenschaft gescheucht und muß sich schwer anstrengen, aber es lohnt sich.
 
 

Kommentar von P. Küsel, verfaßt am 16.06.2014 um 12.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26068

(Schon lange wollte ich mich für die Buchempfehlung Catania/Harnad, The selection of behavior bedanken. Jetzt tue ich es endlich!)

Ein Zitat aus dem Aufsatz Behaviorism at fifty paßt hier gut:

»It took us a long time to understand that when we dreamed of a wolf, no wolf was actually there. It has taken us much longer to understand that not even a representation of a wolf is there.« (S. 286)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.06.2014 um 08.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26065

Gerhard Heldmaier/Gerhard Neuweiler: Vergleichende Tierphysiologie I. Heidelberg (Springer): 2003

Neuweiler spricht im Vorwort davon, daß im Gehirn der Tiere „Repräsentationen der Umwelt“ aufgebaut werden, und auch im Buch selbst ist gelegentlich davon die Rede (S. 1). Bezeichnenderweise kommt im Register das Stichwort „Repräsentation“ nicht vor, was sonderbar wäre, wenn es sich um eine so grundlegende Tatsache handelte. Aber physiologisch ist der Begriff eben gar nicht ratifiziert, er ist nur eine philosophische Konstruktion.

Im Inhaltsverzeichnis heißt ein Kapitel: Die Blaulicht empfindliche Fovea der Kriebelmücken-Männchen. Im Text selbst heißt es dann blaulichtempfindlich; vgl. Vorschau bei www.amazon.de.

(Die Neubearbeitung 2013 habe ich noch nicht in der Hand gehabt.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.06.2014 um 11.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26040

Wenigstens ein Zitat aus diesem sonderbaren Buch:

„In meinem Graduiertenseminar entdeckte ich einen weiteren Aspekt, der Chinesisch von den anderen alten Schriften unterscheidet. Als ich meine chinesischen Studenten an der Tufts University fragte, wie sie in so jungen Jahren so viele Schriftzeichen hätten lernen können, lachten sie und meinten, sie hätten ein „Geheimsystem“ – Pinyin. Leseanfänger lernen die phonetische Umschrift Pinyin, damit sie leichter begreifen, worum es beim Lesen und Schreiben geht, und um sie darauf vorzubereiten, dass sie sich bis zur fünften Klasse 2000 Schriftzeichen einprägen müssen. Was ist das Geheimnis des Pinyin? Es ist ein kleines Alphabet. Indem es den Leseanfängern das Gefühl vermittelt, dass sie eine kleine Teilmenge von Zeichen beherrschen, bereitet es den Boden für das eigentlicheLesen und die Leser gehen die vor ihnen liegenden Aufgaben mit mehr Zuversicht an.
Dies ist nicht die einzige Überraschung, mit der Chinesisch aufwartet.“
(Usw.) (Maryanne Wolf: Das lesende Gehirn. Heidelberg 2010:58f.)

Man kann sich also jahrelang mit Schriftsystemen beschäftigen und seitenweise Behauptungen über chinesische Gehirne aufstellen - und dann einen solchen Unsinn niederschreiben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.06.2014 um 13.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26004

Maryanne Wolf: Das lesende Gehirn. Heidelberg 2009.

Liest sich leicht, verkaufte sich gut.

Der Titel führt, wie der englische Originaltitel, in die Irre. Das Gehirn liest natürlich nicht. Es geht ja auch nicht ins Theater usw. Die Erwartung des Lesers wird nicht enttäuscht: viel Neurobabble. Das muß man nicht lesen.

Als Beispiel für die Oberflächlichkeit, trotz enormer Mengen an Literaturangaben, können die Behauptungen über das Chinesische und die angeblich von der Schrift geprägten chinesischen Gehirne dienen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.06.2014 um 04.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25952

Das MPI für Bildungsforschung, auf das wir gern verzichten würden, muß ab und zu seine Existenzberechtigung nachweisen. Daher das neueste Kapitel Neurobluff:

Die Auswertung der Ergebnisse zeigte einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Stunden, die die Probanden in der Woche mit pornografischem Material verbringen, und der Größe der grauen Substanz im gesamten Gehirn. Im Ergebnis zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Pornographiekonsum und der Größe des Striatums, einer Hirnregion, die zum Belohnungssystem des Gehirns gehört. Das heißt: Je mehr sich die Probanden mit Pornografie beschäftigten, desto kleiner war das Volumen ihres Striatums. „Das könnte bedeuten, dass der regelmäßige Konsum von Pornografie das Belohnungssystem gewissermaßen ausleiert“, sagt Simone Kühn, Erstautorin der Studie und Wissenschaftlerin im Forschungsbereich Entwicklungspsychologie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.
Außerdem war die Belohnungsaktivität des Gehirns bei Probanden, die häufiger und regelmäßiger Pornografie konsumieren, beim Anblick sexuell stimulierender Bilder deutlich geringer als bei Probanden mit seltenem und unregelmäßigem Pornografiekonsum. „Deswegen nehmen wir an, dass Probanden mit hohem Konsum immer stärkere Anreize benötigen, um das gleiche Belohnungsniveau zu erreichen“, so Simone Kühn. Dies legen auch die funktionellen Verbindungen des Striatums zu anderen Hirnregionen nahe, denn bei höherem Pornografiekonsum war die Kommunikation zwischen der Belohnungsregion und dem präfrontalen Kortex schwächer. Der präfrontale Kortex trägt gemeinsam mit dem Striatum zur Motivation bei und scheint dabei das Streben nach Belohnung zu steuern.


-

Das haben wir schon immer geahnt. Sonst wäre ja der Frauenarzt den ganzen Tag in höchster Erregung.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 23.05.2014 um 18.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25881

Früher wurde im linguistischen Grundstudium so getan, als habe es vor Saussure keine Sprachwissenschaft gegeben. (In Wirklichkeit hat es Saussure, so wie man ihn kennt, nicht gegeben, aber das ist ein anderes Thema.) Heute werden offenbar Linguistinnen gezüchtet, die glauben, es habe vor Chomsky keine Sprachwissenschaft gegeben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.05.2014 um 16.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25880

Das Gehirn weiß nichts von Sprache. Die Regeln sind so wenig im Gehirn, wie Bilder, Musik und Sprache im Computer sind. Erst in Verbindung mit Peripheriegeräten kommt es zu Erscheinungen, die wir als Bilder, Musik und Sprache interpretieren. Das Gehirn steuert ein Verhalten, das in bestimmten sozialen Zusammenhängen konventionsgemäß als Sprache usw. interpretiert wird.

Die angedeutete Kategorienverwechslung ist der Hauptfehler der Neurolinguistik und der Grund ihrer Ertraglosigkeit.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.05.2014 um 14.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25877

Aufs Griechische weisen Sie selbst hin, man könnte als weitere bedeutende Sprache das Chinesische und viele andere erwähnen (keine Kasusendung und keine Artikel), so daß also der allgemeine Satz nicht stimmt. Aber darum ging es mir natürlich nicht, sondern um die unglaubliche Unterstellung, daß Chomsky die Syntax gewissermaßen entdeckt habe, abgesehen von weiteren Mängeln der zitierten Ausführungen. Fällt alles unter "Neurowahn und Neurobluff".
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.05.2014 um 10.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25876

Artikel sind nur nötig, wenn es keine eindeutigen Substantiv-Kasus-Endungen gibt. Die meisten slawischen Sprachen außer Neubulgarisch und Mazedonisch kommen wie das klassische Latein ohne Artikel aus. Im Alt- und Bibelgriechischen wird beides verwendet. Im Bibelgriechischen haben ähnlich wie im Bairischen auch die Namen einen Artikel.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.05.2014 um 11.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25873


In der FAZ vom 21.5.14 schreibt die Neurolinguistin Angela Friederici eine ganze Seite über ihre Forschungen. Auszug:

„Der Linguist Noam Chomsky hat ein Theorem formuliert, welches als das Grundprinzip der syntaktischen Kombinatorik gelten darf. Dieses Theorem Z postuliert, dass zwei sprachliche Elemente X und Y gemäß einer einzigen Operation, genannt ‚merge‘, zu einem neuen sprachlichen Element Z zusammengefügt werden. So entsteht durch das Zusammenfügen des Artikels ‚das‘ und des Nomens ‚Schiff‘ die Nominalphrase ‚das Schiff‘. Auf der nächsten Hierarchieebene kann diese Nominalphrase dann ihrerseits mit einem Verb zusammengefügt werden, um einen Satz zu bilden: ‚Das Schiff sinkt.‘ Diese Operation des Zusammenfügens von Elementen kann somit in wiederholter Weise, immer und immer wieder, rekursiv appliziert werden. Dieses syntaktische Grundprinzip kann im Gehirn scharf eingegrenzt innerhalb des Broca-Areals im linken Stirnlappen nachgewiesen werden.“

Es folgt dann noch einiges über Broca- und Wernicke-Areal, durchweg auf dem Kenntnisstand des 19. Jahrhunderts.
-
Es verschlägt einem die Sprache...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.05.2014 um 09.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25815

Die Zahlenangaben mal beiseite - in der zugespitzten Form des Interviews kommt der alte Widerspruch besonders klar heraus: Einerseits sollen die anglophonen Länder einen enormen Vorteil davon haben, daß sie Englisch nicht erst lernen müssen, sondern im Gegenteil mit Englischunterricht noch Geld verdienen. Deshalb schlägt Trabant hier und in seinen Büchern vor, England solle dem Festland Ausgleichszahlungen leisten.
Andererseits soll Fremdsprachenlernen ja einen großen Gewinn bringen, zunächst nur einen Bildungsgewinn (Weltansichten ...), der sich aber dann auch wirtschaftlich auszahlt. Daher die Überschrift "Englisch gefährdet das Denken". Besonders die Amerikaner verblöden, weil sie keine Fremdsprachenlernen, und Deutschlands Export blüht, weil die Deutschen Fremdsprachen lernen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 14.05.2014 um 09.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25814

Versuch einer Übersetzung: Es ist für England von wirtschaftlichem Vorteil, daß dort Englisch gesprochen wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.05.2014 um 06.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25813

In einem Interview der letzten FAS (11.5.14) hat Jürgen Trabant seine Ansichten noch einmal zusammengefaßt. Zitat: „In England gehen, glaube ich, bis zu 20 Prozent der Wirtschaftsleistung auf den Englischunterricht für Ausländer zurück.“
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.05.2014 um 12.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25787

Noch einmal zu:

Jürgen Trabant: Globalesisch oder was? Ein Plädoyer für Europas Sprachen. München 2014.

Das Buch ist wie die anderen durchweg recht polemisch formuliert.
Trabant schildert kurz die mehr oder weniger gewaltsame Durchsetzung des Französischen als Staatssprache nach der Revolution und fährt fort: „Genau das soll jetzt in Europa geschehen.“ (19)
Dabei übergeht er, daß bis auf wenige Ausnahmen (Zwang zu englischsprachigen Förderanträgen u. ä.) kein staatlicher Zwang zur Durchsetzung des Englischen ausgeübt wird. Das gibt er eine Seite später selbst zu und findet es „völlig merkwürdig und irgendwie unmodern“, daß die EU „sich nicht traut, eine jakobinische Sprachpolitik zu konzipieren und zu implementieren.“ Das brauche sie auch nicht, „weil die Wirtschaft selbst dieses Geschäft erledigt“.
Unbewiesen bleibt die Hauptvoraussetzung, also Trabants humboldtianische These von den Weltansichten der Sprachen und von der geistigen Bereicherung durch das Lernen anderer Sprachen. Hinter den Kritikern dieser These vermutet er die Interessen der globalen Wirtschaft. (22) Seine eigenen Argumente sind kümmerlich. Zum Beispiel das Wörtlichnehmen von wie geht es dir?, how do you do?, comment allez-vous? soll unterschiedliche Denkweisen offenlegen. „Während der Engländer etwas selber 'tut' (you do), gibt es im Deutschen ein unpersönliches 'Gehen' (es geht), dem der Akteur im Dativ zuordnet ist, es handelt sich um etwas, was dem Du widerfährt.“ Im Französischen soll das „Gehen“ eine „Handlung des Du“ sein.
Ich halte das für Unsinn. Die Engländer rechnen einander ihr Wohlergehen nicht als Tun an, ziehen niemanden deshalb zur Verantwortung. Die Deutschen betrachten sich auch nicht als „Akteure“ ihres Wohlergehens, denen – widersprüchlich genug – etwas „widerfährt“.
„Es ist mir völlig unverständlich, wie jemand behaupten kann, diese strukturellen Differenzen zwischen Sprachen seien keine Unterschiede des 'Denkens'. Was sollen sie denn sonst sein?“ Er sieht nicht, daß es eines unabhängigen Beweises bedarf. Das bloße Ausdeuten der idiomatischen Wendungen selbst dreht sich im Kreis. Andere Beispiele sind frz. fleuve/rivière gegenüber Fluß usw. Wir hatten das jahrzehntelang, angefangen von den Schnecken (limace/escargot) bis hin zu den Speisen. Verhalten sich Franzosen, abgesehen von den Benennungen, auch sonst gegenüber Fließgewässern ander als die Deutschen? Essen sie Weinbergschnecken wegen der unterschiedlichen Benennungen? Verhalten wir uns gegenüber Nacktschnecken und Hausschnecken gleich? Schon Whorf hat sich vergeblich bemüht, einen solchen Zusammenhang zwischen Sprache und sonstigem Verhalten nachzuweisen, später Helmut Gipper ebenso erfolglos.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.05.2014 um 07.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25761

„Das Gehirn braucht in seiner Entwicklungsphase nicht Regeln, sondern gute Beispiele.“ (Manfred Spitzer: Geist im Netz. Heidelberg 1996:334)

Wieso das Gehirn? Er meint einfach Kinder. Regeln und Beispiele sind nichts, was man mit dem Gehirn in Verbindung bringen könnte.

Auch in diesem Buch zieht Spitzer pädagogische Schlußfolgerungen, die nichts mit dem Abriß neurologischen Grundwissens zu tun haben.
(Das Territorialverhalten von Flußkrebsen ist evolutionär sehr weit von menschlichem Verhalten entfernt und sollte nicht ohne weiteres herangezogen werden. Ein Beispiel von vielen. Aber es gibt auch viele Leser, denen das gefällt.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.04.2014 um 05.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25730

Wolfgang Krischke bespricht in der FAZ vom 30.4.14 ein neues Buch von Jürgen Trabant ("Globalesisch"). Obwohl er sich ein positives Gesamturteil abringt (wie fast alle Trabant-Rezensenten, wegen des rhetorischen Geschicks), macht er den wunden Punkt genau kenntlich: Trabants humboldtisierende These von der geistig bereichernden Wirkung des Fremdsprachenlernens aufgrund der spracheigenen Weltansichten. Er fragt spitz, welche Bereicherung Trabant denn durch die beiden spanischen Wörter für dt. "sein" erfahren habe oder ein Deutschlerner durch die drei Genera vom Messer, Gabel und Löffel erfahre. Man könnte auch Humboldt solche Fragen stellen, wenn er noch lebte.
Damit ist der Ideologie der Fremdsprachdidaktik der Boden entzogen. Es kann andere Gründe geben (warum fragt man nicht die Menschen, die zu Millionen Fremdsprachen lernen?), aber dieser ist ganz untauglich. Was bleibt dann noch von Trabants unermüdlich wiederholten Thesen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.04.2014 um 05.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25729

Wieder auf der Wissenschaftsseite der FAZ (30.4.14): in Beitrag über das Y-Chromosom - invers gedruckt: weiße Buchstaben auf schwarzem Grund, und so schwer zu entziffern, daß ich darauf verzichte und mich lieber anderswo kundig mache.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.04.2014 um 11.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25716

Gibt es reines Quiz-Wissen überhaupt? Das wäre ja so unsinnig wie das Telefonbuch auswendig zu lernen. Na ja, vielleicht gibt es einzelne so "Verrückte". Ich kann es mir nur einfach nicht vorstellen, zusammenhanglos aneinandergereihte Fakten zu lernen.
Menschen mit sehr gutem Allgemeinwissen werden sicher auch in einem Quiz gut bestehen, umgekehrt glaube ich, wer von nichts Ahnung hat, wird in keinem Quiz weit kommen, höchstens ein paar Zufallstreffer landen. Deswegen würde ich ein Quiz doch für einen ganz passablen Wissenstest halten, und unterhaltsam kann es ja auch sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.04.2014 um 06.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25715

In seinem vielgelobten, aber eigentlich sehr schlechten Buch "Lernen" gibt Manfred Spitzer auch eine Tabelle unnützen Wissens: Mozarts Geburtstag, Lebenszeit Karls d. Gr., Name des Hunnenkönigs Attila usw. - weil all das im Internet stehe.
Damit wird die alte Lehre von der formalen Bildung wiederaufgewärmt. Das Internet verführt ja auch dazu. Man braucht nur noch zu wissen, wie man an die Tatsachen herankommt, nicht mehr die Tatsachen selbst.

Ich halte das für eine Täuschung. Wer die Tatsachen nicht im Kopf hat, kann auch keine Beziehungen zwischen ihnen erkennen. Als Amateurmusiker würde Spitzer wohl kaum sagen, man braucht das Instrument nicht spielen zu können, man muß nur wissen, wie es gespielt wird.

Übrigens steht die These auch im Widerspruch zu anderen, vernünftigeren Ansichten Spitzers. Aber Widersprüche sind ja bei diesem fernsehfreudigen Fernsehgegner nichts Ungewöhnliches.

Unnütz ist das Quiz-Wissen. Aber nur deshalb, weil es zusammenhanglos bleibt. Der Name des Hunnenkönigs wird ja wohl im Geschichtsunterricht vermittelt, zusammen mit einigem Wissen über die Hunnen (oder in Deutsch bei Lektüre des Nibelungenliedes). Den Namen Attila zu kennen, wenn man sonst keine Ahnung von den Hunnen hat, ist natürlich sinnlos.

Das Quiz-Wissen ist so unnütz wie das Zeittotschlagen überhaupt und aus demselben Grunde.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.04.2014 um 15.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25698

Das Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nimwegen beantwortet neuerdings auch Fragen von jedermann. Es empfängt uns u. a. auf deutsch:

Gibt es etwas, dass Sie schon immer über Sprache wissen wollten? Vielleicht haben wir die Antwort! Forscher vom Max Planck Institut für Psycholinguistik beantworten hier Fragen über Sprache von Menschen, die selber keine Sprachforscher sind. (http://www.mpi.nl/q-a/fragen-und-antworten)

Das ist nicht gerade vielversprechend, und tatsächlich sind die Texte in beklagenswertem Zustand, was Sprache und Rechtschreibung betrifft (zwei Antworten gelten bisher auch der Rechtschreibung, die Lektüre kann man sich sparen). Aber auch der Inhalt haut einen nicht gerade um:

Darüber hinaus können Affen nicht sprechen, weil ihnen die kognitive Fähigkeit fehlt, die für komplexe Kommunikationsprozesse notwendig ist.

Wer hätte das gedacht! Affen können nicht sprechen, weil ihnen die Sprachfähigkeit fehlt! Das ist zweifellos von Molière entlehnt.

Wenn ich drüber nachdenke, habe ich eigentlich in all den Jahren noch nie etwas Gehaltvolles von diesem Institut gelesen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.03.2014 um 04.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25516

In der Welt am Sonntag wird breit dargestellt, daß Musikhören im Mutterleib den Spracherwerb und überhaupt das ganze Leben erleichtern könne. Der Zusammenhang ist rein spekulativ, das entscheidende Experiment oder auch nur eine statistische Analyse vorliegender biographischer Daten ist nicht gemacht worden. Die beteiligten Psychologen und Neurologen haben auch ein sehr beschränktes Bild von Sprache, aber das braucht man gar nicht näher zu untersuchen, zumal dieselben Thesen von derselben Personen seit Jahrzehnten verbreitet werden (fast wörtlich dasselbe schon im SPIEGEL vor 10 Jahren und noch früher in MPI-Pressemitteilungen).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2014 um 16.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25179

Ein Konzept ist die mentale Repräsentation einer Kategorie. (Hilke Elsen: Wortschatzanalyse. Tübingen 2013:118)

Ein Grutz ist die translunare Entsprechung eines Krokodils.


 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 06.02.2014 um 16.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25064

"können sprechen lernen" muß sich nicht auf Biologisches beziehen, sondern kann auch soziale Befähigung, Berechtigung o.ä. bedeuten.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.02.2014 um 18.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25053

"Die Fähigkeit zum Spracherwerb ist Bestandteil unserer biologischen Ausstattung."

Klingt toll. Ich übersetze:

"Alle Menschen können sprechen lernen."

Klingt nicht so toll, ist aber dasselbe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.02.2014 um 04.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#25028

Wie können wir erklären, dass Menschen ihre Muttersprache so schnell erlernen können? In der Spracherwerbsforschung gibt es zwei klassische Ansichten, die von Noam Chomsky und von Jean Piaget erstmals formuliert wurden.
1.Der von Chomsky vertretene Nativismus geht davon aus, dass Menschen über eine sogenannte Universalgrammatik verfügen. Unter einer Universalgrammatik stellen sich Nativisten wie Chomsky, Jerry Fodor und Steven Pinker ein angeborenes syntaktisches Wissen vor. Nur bei der Annahme von einem solchen Wissen könne man den Spracherwerb von Kindern erklären.
2.Der klassische Kontrahent des Nativismus ist der Kognitivismus, der erstmals in Piagets Theorie der Entwicklung kindlicher Kognition ausgearbeitet wurde. Kognitivistische Theorien gehen davon aus, dass sich der Spracherwerb durch die Denkfähigkeiten des Menschen erklären lasse und man nicht auf eine angeborene Universalgrammatik zurückgreifen müsse. In den letzten Jahren wurde der klassische Kognitivismus zunehmend durch einen Interaktionismus ergänzt, der ein stärkeres Gewicht auf die soziale Interaktion von Menschen legt. In diese Richtung geht auch der Vorschlag des Anthropologen Michael Tomasello. Tomasello schlägt vor, dass Menschen über allgemeine kognitive Fähigkeiten verfügen, die sie zur Kommunikation einsetzen.
(Wikipedia Sprachphilosophie)

Die eigentlichen Lerntheorien fehlen. Der „klassische Kontrahent“ des Nativismus ist der Empirismus, vor allem der Behaviorismus.

Das folgende Stückchen, mit dem angehende Lehrer verdummt werden, ist noch schlimmer:

Demgegenüber argumentieren behavioristisch orientierte Lerntheoretiker (z.B. Skinner, Osgood) empiristisch. Ihnen zufolge besitzt der Mensch eine allgemeine Anlage zur Lernfähigkeit, so dass Sprache wie anderes auch vom Verhalten der Erwachsenen abgeleitet wird. Durch Imitation, Akkomodation und Assimilation bildet sich die Sprache des Kindes aus. (http://www.deutschstunden.de/Material/Seminarfach/Sprachentwicklung-und-Sprachgebrauch.htm)

Die Begriffe Akkomodation und Assimilation stammen von Piaget und haben keinen Platz im Behaviorismus.

Daz noch ein wenig Neurobabble:

Gelernte Verhaltensweisen hinterlassen im Kortex Spuren, doch sind die entsprechenden neuronalen Muster nicht im Sinne einer statischen Organisation konstant verankert respektive ein für allemal lokalisierbar. Während der Entwicklung des Kindes werden diese Muster umorganisiert und auch in den folgenden Lebensphasen verändern sich die Mikrostrukturen im Sinne der sogenannten neuronalen Plastizität. (Wikipedia Spracherwerb)

So wird es wohl sein, aber da niemand diese "Spuren" gesehen hat oder sonst etwas Genaueres darüber weiß, ist die Aussage fast tautologisch und vollkommen wertlos.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.01.2014 um 06.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24966

In der FAZ vom 29.1.14 bespricht Stephan Wackwitz ein Buch von André Aleman: "Wenn das Gehirn älter wird" (bei C. H. Beck). Da ihm (und uns) der Name des Verfassers noch nie begegnet ist, guckt er in der Verlagswerbung nach:

"André Aleman ist Professor für Neuropsychologie an der Universität Groningen und ein international renommierter Hirnforscher.“

Also schreibt er:

„André Aleman, international renommierter Neuropsychologe aus Groningen (...)“

Er schreibt auch, ganz im Sinne des Buches:

"Alte Gehirne sind jungen überlegen in der Fähigkeit, recht zu haben, ohne recht zu wissen, warum.“

Also die übliche Vermischung - als wenn Hirne (statt Menschen) recht haben könnten usw.

In dem Buch steht auch, daß der Wortschatz mit zunehmendem Alter immer größer wird. Und man soll viel Wasser trinken, sich viel bewegen und viel denken, bevor Alzheimer uns einholt. Wird gemacht!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.01.2014 um 04.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24908

Hirnscannen bleibt beliebt, um Spiegelneuronen ist es stiller geworden, allmählich schiebt sich Oxytocin in den Vordergrund. Einige Zeit wurde diskutiert über Altruismus bei Affen, Biosoziologen führten das Wort. Jetzt haben die Leipziger Evolutionsanthropologen (sie machen die beste Pressearbeit von allen deutschen Wissenschaftlern) herausgefunden, daß alles an der Oxytocin-Ausschüttung liegt. Der Stoff wird gefühlt jede Woche zweimal in den Feuilletons erwähnt. Davon wird auch die Linguistik nicht verschont bleiben, die alles Neue dieser Art sehr gern aufgreift.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.12.2013 um 05.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24695

Steigerung ist möglich: Am 27. Dezember steht im Reiseblatt der FAZ ein Beitrag über Brasilia, der weiß auf blaßgrünlichem Hintergrund gedruckt ist und damit dem Ideal der Unlesbarkeit schon sehr nahekommt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.12.2013 um 06.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24683

Die Wissenschaftsbeilage der FAZ bringt zu Weihnachten eine Seite mit prächtigen Fotos von kristallinen Botenstoffen wie Oxytocin. Der beigefügte Text gibt die Schwärmerei der Hirnforscher wieder. Leider ist er kaum lesbar, da invers gedruckt (dünnes Weiß auf Schwarz) – ein Verstoß gegen Grundwissen der Leserlichkeits-Forschung. Das kann man sogar neurologisch begründen. Und dann dies: „Die Psyche, unsere Seele, ist eine andere Herausforderung.“

Das Gehirn steuert das Verhalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2013 um 04.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24586

Der Mentalismus (jetzt Kognitivismus) ist so verbreitet, daß die behavioristische Kritik oder auch nur eine philosophische Kritik wie bei Peter Hacker dagegen fast hoffnungslos erscheint. Skinner hat das Problem, wie gewohnt, unübertrefflich erfaßt:

"The reasons for the popularity of cognitive psychology have nothing to do with scientific advances but rather with the release of the floodgates of mentalistic terms fed by the tributaries of philosophy, theology, history, letters, media, and worst of all, the English language." (In A. Charles Catania/Stevan R. Harnad, Hg.: The selection of behavior. The operant behaviorism of B. F. Skinner: Comments and consequences. Cambridge u.a. 1988:447)

(Dieser Band, in dem die Elite der damaligen Psychologie miteinander diskutiert, sei wärmstens empfohlen; es gibt kaum etwas Anregenderes.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.12.2013 um 16.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24566

98% aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt.  Nach der Schule sind es nur noch 2%. (Ankündigung des Films „Alphabet“)

Man ahnt gleich, daß hier Gerald Hüther mitgewirkt haben muß, und so ist es dann auch.

Wozu die Einschränkung und die Ausgrenzung von 2 Prozent? Ich nehme tapfer an, daß 100 Prozent der Neugeborenen höchstbegabt sind. Natürlich stets im Vergleich mit den anderen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.12.2013 um 04.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24561

Die Firma The Neuromarketing Labs des bereits genannten Kai-Markus Müller hat es wieder mal in die Zeitung geschafft (FAZ vom 7.12.13). Sie hat mit dem Hirnscanner die Wirkung von Fernsehserien untersucht. Bald wird es die hirngerechte Unterhaltungssendung geben.
Es ist allerdings nicht zu erkennen, wieso die Ergebnisse über eine herkömmliche Konsumentenpsychologie hinausgehen sollen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.12.2013 um 11.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24545

Auch für die slawischen Sprachen gilt, daß man einen Satz erst im Kopf grammatisch konstruieren muß, bevor man ihn aussprechen oder hinschreiben kann. Die Verben haben suffigierte Personalendungen und die Substantive suffigierte Kasusendungen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.12.2013 um 04.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24540

Es gibt einen naiven Stolz auf die "Komplexität" oder "Kompliziertheit" der eigenen Sprache - wobei dahingestellt bleiben kann, ob man die Komplexität von natürlichen Sprachen überhaupt messen und vergleichen kann.
Wer sonst nicht viel aufzuweisen hat, beherrscht doch immerhin seine Muttersprache, und wenn die nun besonders komplex ist, vollbringt er tagtäglich eine tolle Leistung. Diese naive Einstellung kann sich neuerdings mit dem "Neurobluff" verbinden, und dann kommt so etwas heraus:

Wer bisher behauptet hat, Türkisch sei eine einfache Sprache, wird nun eines Besseren belehrt. Türkisch wird im Gehirn ganz anders verarbeitet als andere Sprachen.
Wörter mit endlosen Endungen, das rollende „R“ und die vielen neuen Buchstaben, machen es Türkisch-Lernern nicht gerade einfach. Dr. Gülay Ediboğlu-Cedden vom Fremdspracheninstitut der Technischen Universität des Nahen Ostens (ODTÜ) in Ankara erklärt, dass das Lernen einer Fremdsprache immer mit unterschiedlichsten Aktivitäten im Gehirn zu tun hat.
In der Türkei untersuche die Wissenschaftlerin nun auch erstmals die Hirnaktivitäten bei Muttersprachlern untersucht. „Wir haben beim Türkischen bestimmte Aktivitäten gemessen. Diese haben wir mit anderen europäischen Sprachen verglichen. Beispielsweise haben wir bei den Versuchspersonen, die Englisch als Muttersprache haben, weniger Aktivität gemessen. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die Sprache im Türkischen eine weitere Verarbeitung durchlaufen muss.“
Im Englischen und Deutschen komme es nur in der 400. Millisekunde zu einer Aktivität, so Ediboğlu-Cedden. Bei türkischen Muttersprachlern sei das anders. Es zeige sich beim Sprechen eine Hirnaktivität in der 400. und 600. Millisekunde.
Die Wissenschaftler rätseln nun, wie es zu der zweiten Hirnaktivität kommen kann. Was unterscheidet das Türkische von anderen Sprachen? Ediboğlu-Cedden meint, im Türkischen werde die Konjugation als Suffix an den Wortstamm gehängt. Zur Bildung eines Satzes müsse man zudem den gesamten Satz vorher im Kopf bilden, damit die Endungen aufeinander abgestimmt werden können. Das sei in europäischen Sprachen nicht der Fall, so die Vermutung der Sprachwissenschaftlerin.
(Deutsch-Türkische Nachrichten 20.12.11).

Dazu dies.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.12.2013 um 14.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24522

„Aus fMRT- und EEG-Untersuchungen wissen wir, dass es ein Lexikon im Gehirn gibt. Es liegt bei Rechtshändern im hinteren Teil des oberen Gyrus des Schläfenhirns der linken Hemisphäre, und wir wissen einiges darüber, wie es organisiert ist.“
(Ralf Erkwoh/Gerhard Blanken: Neurowissenschaftliche Grundlagen der Kommunikation. e-Journal Philosophie der Psychologie. 2006 (http://www.jp.philo.at/texte/ErkwohR1.pdf))

Kompletter neurosophischer Unsinn, aber wie viele Leser merken es?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.11.2013 um 08.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24496

Gegen Ausdrucksweisen wie Bilder im Geist ist nichts einzuwenden, weil Geist und Bild/Vorstellung usw. zur selben folkpsychologischen Verständigungstechnik gehören, die hierzulande ganz gut funktioniert. Dagegen ist Bilder im Gehirn eine begriffliche Monstrosität, worauf besonders Bennett/Hacker immer wieder hingewiesen haben. Die Suche nach Bildern im Gehirn führt die Neurowissenschaftler auf eine falsche Fährte. Im Gehirn (von dem die Alltagspsychologie nichts weiß) kann es keine Bilder geben (übrigens auch keine Sprache, "language of thought"). Im Computer gibt es ja auch kein Rechtschreibtagebuch, sondern nur Ladungen usw., aus denen man zusammen mit einer bestimmten Peripherie einen Output erzeugen und diesen dann manchmal als Rechtschreibtagebuch interpretieren kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.11.2013 um 04.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24409

Noch zur Wissenschaftsgeschichte der Psychologie:

From 1860 until 1927, experimental psychology was born in Germany, and developed into a formal program of introspection that flourished in America until the death of its last great practitioner, E.B. Titchener. How could something as unscientific as introspection be considered an experimental science? There was no other definition of scientific psychology at the time, and Wilhelm Wundt, the official founder of the introspectionist school, was committed to experimentation defined by controlled observation and measurement. (William Adams: Introspectionism Reconsidered)

Das war zwar ein Irrweg, aber eben doch im wesentlichen von Deutschland aus. Interessant noch aus demselben Aufsatz:

„So what exactly are the elements of consciousness? According to Titchener, there are three classes of elements: sensations, images, and affections. The sensations were the mental elements as given by the senses. Titchener and Wundt had discovered about 50,000 sensations. Images were the elements of ideas, and affections were the elements of emotions. All the elements had attributes: quality, intensity, duration, and clearness (and for vision, extensity in space). The qualities multiply the number of discrete sensory conditions one might discern to 194,250 for vision and 46,222 for the other senses, for a total of 240,470.
Despite this impressive quantity of findings, Titchener's and Wundt's scientific psychology did not seem compelling to other scientists, who increasingly preferred third-person observation, especially of animal behavior. When Titchener died in 1927, so did the whole introspectionist movement. The quarter of a million findings meticulously gathered over so many decades are forgotten.

Ist es nicht faszinierend, daß die Evidenzen von gestern heute nicht einmal mehr verstanden werden? Evidenz ist eben der Feind der Wahrheit, wie schon Russell bemerkte. (Evidenz ist, anders gesagt, der Kern der Rhetorik.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.11.2013 um 05.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24374

Since psychology as an academic discipline was developed largely in North America, some psychologists became concerned that constructs accepted as universal were not as invariant as previously assumed (...)

So Wikipedia unter "Cross-cultural psychology". Die englische Sprache beherrscht zwar international die gesamte psychologische Literatur, und der Publikationsdruck in den USA übeschwemmt die Welt mit unzähligen psychologischen Forschungsergebnissen, aber die Psychologie ist trotzdem keine amerikanische Erfindung. Ziemlich amerikanisch ist der Radikale Behaviorismus, und gerade der erforscht nicht "human behavior and mental processes", da er letztere für ein unnützes und schädliches Konstrukt hält.

Der Vorsatz, keine außeramerikanische Fachliteratur zur Kenntnis zu nehmen, mag bei heutigen amerikanischen Psychologen im Gegensatz zu früher einen solchen Eindruck erzeugen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.11.2013 um 11.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24373

„Während die analytisch-sequentielle Phonem-Graphem-Zuordnung in der linken Hirnhälfte angesiedelt ist, bedarf der Zugriff auf das „innere Lexikon“ der „ganzheitlich-simultanen“ Arbeitsweise der rechten Hirnhälfte (vgl. Brügelmann 1989, 117ff).“ (Sigrun Richter)

Wenn es aber nun gar kein inneres Lexikon gibt – was dann? Hans Brügelmann weiß nichts darüber, Sigrun Richter natürlich auch nicht. Es ist alles nur Neurobabble.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 04.10.2013 um 07.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24173

Ich habe das Buch nicht gelesen und werde das auch nicht tun, aber das Zitat scheint mir ein weiteres Beispiel für den fatalen Einfluß der Generativen Grammatik auf die Linguistik zu sein. Einer der Gründe für mich, im Germanistikstudium den sprachwissenschaftlichen Anteil auf das Pflichtprogramm zu beschränken, war der Eindruck, daß es sich um eine Humanwissenschaft handelte, in der überprüfbares menschliches Verhalten den Erfordernissen von Theorien untergeordnet wurde. Skinner kannte ich damals noch nicht, und auch Paul wurde von unseren "fortschrittlichen" Dozenten niemals erwähnt, aber die unüberbrückbare Distanz zwischen den Theorien der Sprachwissenschaftler und der Sprachwirklichkeit hat mich damals abgestoßen, zumal es einen Psychologen gab, dessen sprachpsychologische Lehrveranstaltungen wesentlich gehaltvoller waren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2013 um 05.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24171

„Am Ende repräsentiert eine bestimmte Neuronengruppe eine bestimmte Informationseinheit wie ein Wort, eine Eigenschaft, eine Handlung, einen regelhaften Zusammenhang etc.“ (Hilke Elsen: Wortschatzanalyse. Tübingen 2013:103)

Wie kann eine Neuronengruppe „einen regelhaften Zusammenhang etc.“ repräsentieren? Die Verfasserin hat wahrscheinlich noch nie eine Neuronengruppe gesehen.

Man scheint etwas gesagt zu haben, aber es ist leeres Gerede, Neurobluff.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.08.2013 um 09.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#23955

In der FAZ (28.8.13) und anderen Medien wird über die Versuche niederländischer Forscher berichtet, aus Hirnscans zu erkennen, welche Buchstaben ein Proband gerade sieht.
Die Bilder zeigen das Wort BRAINS, dazu die handgeschriebene Vorlage.
Irreführend ist zunächst schon die Darstellung in den typischen Falschfarben, die man von computertomographischen Abbildungen her kennt. In Wirklichkeit handelt es sich diesmal nicht um Abbilder von unterschiedlich durchbluteten Hirnregionen, sondern um vorgefertigte Buchstabenbilder, in die anscheinend eingetragen wurde, mit welcher Wahrscheinlichkeit bestimmte Erregungsmuster den Teilen der Vorlage zugeordnet werden konnten. In „Gehirn & Geist“ heißt es: „Aus den optischen Informationen des Gehirns errechnete der Computer die darunter liegenden Bilder.“ Das scheint aber nicht zu stimmen.
Man weiß ja seit Hubel/Wiesel, daß verschieden orientierte Linien in verschiedenen Regionen verarbeitet werden. Abbildungen des Gesehenen sind „oberhalb“ der Netzhaut nicht zu erwarten. Das wird in dem Kurzbericht auch nicht behauptet, aber die farbigen Bilder suggerieren es.
Besonders möchte ich jedoch auf die deutlich erkennbaren Serifen hinweisen, die bei allen Abbildungen des I vorkommen, nicht aber in der Vorlage. Daher die Vermutung, daß die Buchstabenbilder Schablonen sind, die von den Forschern selbst angefertigt und keineswegs aus den Scans gewonnen wurden. Es wäre auch extrem unwahrscheinlich, daß aus Dutzenden von gemittelten (überlagerten) Scans ein so feines Detail wie Serifen erkannt werden könnte.
Warum wurden Buchstaben gewählt und nicht einfache geometrische Figuren? Offenbar soll die Nähe zur Sprachverarbeitung eine höhere Relevanz der Untersuchung nahelegen.
Ich kenne die Originalveröffentlichung noch nicht, bin aber skeptisch.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 29.07.2013 um 09.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#23781

Gute Lehrer zeichnen sich durch Einfühlungsvermögen, fachliche und didaktische Kompetenz sowie Menschlichkeit aus. So etwas kann man nicht auf neurologische Erkenntnisse reduzieren, sondern es ist eine Frage der Persönlichkeit und der Erfahrung. Die Neurowissenschaft mag diese Eigenschaften erklären helfen (was sie bisher nicht tut), aber man kann mit ihrer Hilfe keinen guten Lehrer konstruieren.

Geradezu abstoßend finde ich die Reduzierung von Kindern und Jugendlichen zu Rezipienten von Lernstoffen – als ob die jüngere Generation nicht dieselben Probleme mit der Pubertät, dem Erwachsenwerden hätte wie frühere.

Sind wir wirklich schon wieder so tief gesunken?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.07.2013 um 05.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#23780

Im FOCUS erscheint wieder mal ein Artikel zur alten Frage „Machen Ferien dumm?“. Alle mitgeteilten Tatsachen sind psychologischer Art, trotzdem steht das Bild des Gehirns darüber und werden Hirnforscher befragt:

„In der Lernpause nimmt das Gehirn strukturelle Veränderungen vor“, sagt Korte. Das schnelle Abrufen von mathematischen Gleichungen oder chemischen Formeln brauchen Schüler in den Ferien nicht, deshalb schwächen sich die für dieses Wissen zuständigen Synapsen ab, was zur Folge hat, dass es auch nicht sofort abrufbar ist.

So wird es wohl sein, aber man weiß gar nichts Genaueres darüber, die Veränderungen der Synapsen während der Ferien sind nicht beobachtbar. Es ist also leeres Gerede.

In den Sommerferien organisiert sich das Gehirn neu, knüpft neue Verbindungen und baut die Datenbahnen auf, die es in dieser Zeit benötigt. Dinge, die nicht regelmäßig abgerufen werden, rücken deshalb in den Hintergrund. Das heißt jedoch nicht, dass der Schulstoff in die Tiefen irgendwelcher Gehirnwindungen rutscht und ins Nirvana versinkt, aus dem es keine Wiederkehr gibt. Man braucht nur länger, um sie abzurufen. Vergleicht man den erlernten Schulstoff mit einem Gemälde, zeigt es sich während des Schuljahres als ein klares Bild mit bunten Farben und deutlich erkennbaren Umrissen.

Es werden Ratschläge erteilt: ob Schüler sich in den Ferien mit dem Unterrichtsstoff befassen sollen usw. – alles unbegründbar aus dem wenigen, was die Hirnforschung weiß.

Erstaunlich, was die Öffentlichkeit sich von diesen "Hirnforschern" bieten läßt. Geradezu zwanghaft werden psychologische Ansichten in den Neuro-Jargon gekleidet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.07.2013 um 05.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#23571

Wie einfach alles wäre, wenn man einen Life Coach bezahlen könnte!

www.happytimes.ch
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.06.2013 um 05.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#23468

Neulich bin ich wieder mal auf "Babygebärdensprache" ("Zwergensprache") gestoßen und war erstaunt, wie verbreitet Kurse zu diesem Thema sind. Aus den USA kam seinerzeit das "Baby signing" zu uns, und Eltern glauben ja meistens, etwas Zusätzliches für ihr Kind tun zu müssen,
Der Streit um den Nutzen dieser Methode ist unschlichtbar, weil wissenschaftliche Nachprüfungen angesichts der Komplexität so schwierig sind und ihre eventuell negativen Ergebnisse von den Überzeugten nicht angenommen werden. Wie könnte man den unspezifischen Effekt ausschließen, den jede vermehrte Beschäftigung mit dem Kind hat?
Die zum Teil phantastischen Langzeitwirkungen müßten allmählich für jedermann erkennbar sein. Wo sind die Überflieger aus dem Zwergenprogramm?

Ich hatte das Glück, viel Zeit mit meinen Töchtern verbringen zu können. Unsere Verständigung war allezeit so dicht, daß ich gar nicht gewußt hätte, in welche Lücke da noch eine zusätzliche Gebärdensprache (wie bei behinderten Kindern) hineinpassen sollte. Wenn nun gar erst mit 6 Monaten diese Gebärden eingeführt werden sollen – in diesem Alter kann man auch auf weniger künstliche Art aufs beste mit seinen Kindern kommunizieren.

Wie zu lesen war, dauern Kurse etwa 12 Wochen, und man lernt, wie man dem Kind 75 Zeichen beibringen kann. Als Geschäftsidee sicher bemerkenswert, wie auch NLP und so manches andere.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.05.2013 um 05.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#23285

Durch die sogenannten Bild gebenden Verfahren können wir heute dem Gehirn beim Sprechen, Lesen und Sprache-Verstehen zuschauen. (Markus Reiter: Die Phrasendrescher. Gütersloh 2007:36)

Das ist nicht nur orthographisch und grammatisch falsch, sondern auch inhaltlich. Es folgen psychologische Gemeinplätze, nichts von neurologischen Einsichten. Wenn Wörter gemeinsam einfallen, bilden sie ein „Wortfeld“, das als gemeinsamer Ort im Gehirn gedeutet wird usw., typische neurosophische Hochstapelei.

Mehrmals ist von Probanten die Rede. Sätze werden oft nicht richtig zu Ende geführt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.05.2013 um 14.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#23156

Jürgen Trabant: Mithridates im Paradies – Kleine Geschichte des Sprachdenkens. München 2003 (Beck)

Das Sprachdenken ist hauptsächlich aus romanistischer Perspektive dargestellt, deutsche Autoren sind ebenfalls berücksichtigt, dazu ein wenig Bacon, Locke. Das Werk ist also ganz eurozentrisch, und auch das nur in sehr enger Auswahl. Die Inder kommen zwar vor, aber nur als Gegenstand von Friedrich Schlegels Interesse. Daß es eine monumentale indische Nationalgrammatik gegeben hat, ohne die auch die europäische Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts nicht möglich gewesen wäre, wird nicht erwähnt, ganz zu schweigen von der Fülle sprachphilosophischer Werke, etwa Bhartrhari. Insofern ist Trabants Plädoyer für die Vielfalt der Sprachen wenig überzeugend, denn die europäischen Sprachen seines Gesichtskreises sind miteinander sowohl verwandt als auch durch das fleißige Übersetzen stark vereinheitlicht.
Am Schluß äußert er sich wie auch sonst mit starken Worten gegen die „globalesische“ (= englische) Monokultur:

„Aber daß es nur noch eine Sprache auf der Welt geben soll, ist vielleicht das kommunikative Paradies, es ist aber die kognitive Hölle, ein Triumph der Dummheit.“ (325)

Waren die im wesentlichen einsprachigen Völker – die alten Griechen, die alten Inder, die Chinesen – dumm? Welche unentbehrliche Bereicherung hat Trabant selbst aus seiner Fremdsprachenkenntnis bezogen? Er erwähnt kurz zuvor die „sanglots longs des violons“ Verlaines und ein paar „erdhafte“ Zeilen Heideggers und fügt hinzu, daß man das in keiner anderen Sprache so sagen könne – was sich bei Dichtung in gewissem Maße von selbst versteht. Aber „kognitiv“ gibt das nichts her, und überzeugendere Belege bringt Trabant nicht, auch nicht in seinen sonstigen Arbeiten.

Nach 300 Seiten geruhsamer Darstellung wird er bei diesem Thema richtig giftig:

„Die Globanglisierung setzt den Prozeß der sprachlichen Vereinheitlichung der Welt brutal fort.“ (322)

Brutal? Wem wird denn Gewalt angetan? Die Leute reden und schreiben doch meistens freiwillig englisch.

Wenn er den Durchbruch der Nationalsprachen gegen die „universelle fremde Sprache“ Latein als Befreiung feiert, kann man das bis zu einem gewissen Grade verstehen, aber Latein war da schon tausend Jahre keine lebende Sprache mehr, sondern nur noch unendlich mühsam gepaukte Schulfremdsprache einer winzigen Elite. Mit einer so lebendigen und leicht erlernbaren Universalsprache wie dem (globalen) Englischen ist das nicht zu vergleichen. Ich will die Lage nicht schönreden, aber etwas umsichtiger sollte man Gewinn und Verlust schon abwägen. Und bessere Argumente als das abgestandene, nie bewiesene von der kognitiven Bereicherung sollte man auch bringen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.03.2013 um 05.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#22805

"Die Blendung" und die autobiographischen Schriften habe ich auch gern gelesen, aber "Masse und Macht" bald wieder beiseite gelegt. Das ist bei weitem nicht so spannend wie Freud, von dem ich erst nach viel längerer Beschäftigung abgerückt bin.

Ich hatte eigentlich sagen wollen, daß der romantische deutsche Wald (um es kurz zu fassen) nicht in Reih und Glied steht wie eine Kompanie, sondern eher an eine Kathedrale erinnert, mit gewaltigen Säulen und Gewölbe drüber. Wenn ich mich recht erinnere, kommt er bei Canetti nicht vor, vielleicht hatte er kein Verhältnis zu solchen Sachen. Wer denkt schon bei Stifter an Fichtenplantagen? Übrigens ist die Geschichte des Waldes sehr interessant, das ausgezeichnete Sachbuch "Die Lage des Waldes" von Meister/Schütze/Sperber (1984) müßte mal aktualisiert werden. (Wie sähe Europa aus, auch politisch, wenn nicht die Mittelmeerländer abgeholzt wären? Wenn man durch Sizilien fährt, kommen einem ja heute noch die Tränen.)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 16.03.2013 um 02.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#22804

Aus griechischer Sicht sieht man den Balkan offenbar etwas genauer, vielen Dank für die Berichtigung. Man müßte also im Gegenteil sagen, Canetti stammte aus einer Gegend, die schon die Römer gerodet hatten. (Czernowitz war übrigens durchaus eine deutsche Sprachinsel, zumindest wenn man das Jiddische hinzunimmt.)
 
 

Kommentar von Argonaftis, verfaßt am 15.03.2013 um 22.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#22803

Buchenland - Bukowina
Alte deutsche Städtenamen sind Czernowitz und Radautz. Dort gab es nach meinem alten Diercke-Schulatlas kleine deutsche Sprachinseln.
Cernivci (Czernowitz) ist durch die Verschiebung der Westgrenze heute ukrainisch. Radauti (Radautz) ist rumänisch.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.03.2013 um 22.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#22802

Ist das Buchenland nicht weiter nördlich gelegen, im heutigen Grenzgebiet von Rumänien und Moldawien? Dort gab es wohl auch eine deutschsprachige Minderheit. Canetti wurde aber in Rustschuk (Russe, Bulgarien) geboren. Laut seiner Autobiographie "Die gerettete Zunge" verbrachte er dort seine ersten 6 Jahre, bevor die Familie nach England und 2 Jahre später in die Schweiz und nach Österreich (Wien) zog. So sprach er schon als Kind Spanisch (Muttersprache), Bulgarisch und Englisch. Erst nachdem sein Vater gestorben war, als Elias 7 war, brachte die Mutter dem Jungen Deutsch bei.

Die Verbundenheit der Deutschen zu ihren Wäldern hat er meiner Ansicht nach ganz richtig gesehen, auch die damalige Versessenheit auf alles Militärische. Daß beides sich irgendwie gegenseitig bedingt, ist nun seine Interpretation, dafür sehe ich auch keinen Grund. "Masse und Macht" kenne ich nicht, aber seine autobiographischen Bücher und "Die Blendung" habe ich vor vielen Jahren geradezu verschlungen. Ich wollte sie immer noch mal lesen, bin noch nicht wieder dazu gekommen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.03.2013 um 12.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#22801

Bekanntlich stammte Canetti selbst aus dem Buchenlande. Was sagt uns das nun über ihn?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.03.2013 um 05.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#22799

Eine Zeitung zitiert wieder mal bekannte Sätze aus Canettis "Masse und Macht":

„Das Massensymbol der Deutschen war das Heer. Aber das Heer war mehr als das Heer: es war der marschierende Wald. In keinem modernen Land der Welt ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude. Er sucht den Wald, in dem seine Vorfahren gelebt haben, noch heute gern auf und fühlt sich eins mit Bäumen.“

Das ist die rhetorische "Psychologie", die immer noch zuviel Anerkennung findet. In diesem Fall drängen sich gleich mehrere Einwände auf. Es sind ja wohl kaum die parallel geordneten Fichtenplantagen, die das Waldgefühl erzeugen. Und andere Völker oder Staaten scheinen auch ohne Waldgefühle sehr viel Freude (sogar mehr als die heutigen Deutschen) an genau ausgerichteten Soldatenformationen zu haben, die auch ungemein fotogen sind wie sonst nur noch Kardinalsreihen.

In dem Wortschwall Canettis ist nicht einmal das Bedürfnis nach einer Begründung erkennbar. So etwas sollte man nicht mehr lesen.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 01.03.2013 um 10.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#22725

Bei den Grünen betreibt man Verkehrspolitik jetzt auf der Grundlage der Chaostheorie:

„Man weiß aus der Chaostheorie, dass man mit 120 Stundenkilometern schneller vorankommt. Tempo 120 würde helfen, mehr Mobilität zu erreichen“, sagte die Spitzenkandidatin der Grünen [Katrin Göring-Eckhardt] für die Bundestagswahl im September dem Wirtschaftsmagazin „Impulse“.

Vgl. hier (www.faz.net).

Könnte man dann nicht die Chaostheorie auch auf den Dummfug von politischen Parteien anwenden? Wenn die in Deutschland einfach mal nichts mehr von sich geben, wird es in Japan nicht zu weiteren Erdbeben kommen. Aber was soll's, aus der Chaostheorie pickt sich jeder eh nur das heraus, was er gebrauchen kann. Beweisen muß man da gar nichts mehr. Hauptsache, es klingt schön wissenschaftlich, und vor allem: anders.

(Ich wollte auch mal so einen aufmerksamkeitheischenden Doppelpunkt setzen, bin nachgerade aber doch sehr enttäuscht!)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2013 um 06.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#22705

Beim Erlernen der Grundrechenarten haben wir auch die bekannte Merkhilfe praktiziert: "Null hin, Eins im Sinn" usw., um den Übertrag hinzukriegen. Das ist kein Speichern, sondern man erhöht die Wahrscheinlichkeit, daß wenige Sekunden später die Reaktion Eins erfolgt. Man kann auch die Finger zu Hilfe nehmen. Die Kinder sprechen es zuerst laut vor sich hin, dann stumm. Der Gebrauch der Finger und erst recht der Gebrauch von Papier und Stift gewöhnt uns daran, von Speicherung zu sprechen. Das Speichermodell führt die Gedächtnispsychologie in große Schwierigkeiten. Sie sind aus behavioristischer Sicht unnötig.

Es handelt sich hier um eine wichtige Sprachfunktion. Sie dient der Stabilisierung unseres anderweitigen Verhaltens über Zeitspannen hinweg.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2013 um 15.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#22667

Der Eindruck, daß man etwas vor dem inneren Auge ganz genau sieht, ist bekanntlich trügerisch. Der Platz, den man so oft gesehen hat – wie viele Häuser stehen an der Nordseite, wie viele Stockwerke haben sie, wie viele Fenster gibt es im zweiten Stock? Wir können diese Fragen meist nicht beantworten, auch wenn wir ein sehr konkretes Bild zu sehen glauben. Der Eindruck wird gewissermaßen unabhängig von den Einzelheiten erzeugt, wie beim Déja-vu.
Nachprüfbar ist dagegen die Erinnerung an Wörter. Heute fiel mir unvermittelt ein, daß eine ältere Dame, die ich vor 35 Jahren in München flüchtig kannte, mir erzählte, sie sei mit ihrer Mutter im Café Macher in Planegg gewesen, und ich solle doch auch einmal dort einkehren. (Im Internet habe ich mich gerade überzeugt, daß es dieses Café wirklich gab.) Ich bin nie in Planegg gewesen, immer nur durchgefahren, und Cafés interessieren mich sowieso nicht. Ich habe auch in all den Jahren bestimmt nicht mehr daran gedacht, und inzwischen habe ich so viel erlebt, über 10.000 Tage voller kleiner und großer Ereignisse. Warum habe ich es behalten, und wie kann man sich die „Speicherung“ überhaupt vorstellen? Niemand hat die geringste Ahnung.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.02.2013 um 13.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#22641

Mich hat in diesem Artikel die Wortschöpfung "Sperrholzdeutsch" beeindruckt. Schön, daß die deutsche Sprache solche Kreativität zuläßt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2013 um 06.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#22640

„Joachim Bauer, der Entdecker der Spiegelneuronen, schreibt, die Motivationssysteme des menschlichen Gehirns würden in erster Linie durch ‚Beachtung, Interesse, Zuwendung und Sympathie anderer Menschen aktiviert. Die stärkste Motivationsdroge für den Menschen ist der andere Mensch.‘“ (SZ 16.2.13)

Bauer ist nicht der Entdecker der Spiegelneuronen, sondern in Deutschland ihr erfolgreichster Vermarkter. Existenz und Funktion dieser Neuronen beim Menschen sind sehr umstritten. Bauer verkündet psychologische Allerweltsweisheiten, für die man keine Neurologie braucht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.12.2012 um 10.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#22134

Die mesolimbische Bahn fördert durch Glücksgefühle das Verstärken bestimmter Verhaltensmuster, die mit Belohnung in Verbindung stehen. (Wiki Nucleus accumbens)

Behavioristische Rekonstruktion: Die Belohnung bewirkt sowohl die Verhaltensänderung als auch vielleicht die Glücksgefühle. Aber was wissen wir schon über die Glücksgefühle, insbesondere bei Tieren? Das brauchen wir aber gar nicht, da die beobachtbaren Faktoren das vollständige Erklärungsmuster liefern. Dann kann man noch die neuronalen Vorgänge zu korrelieren versuchen. Die Gefühle fallen als irrelevant heraus.

Sogar Neurowissenschaftler können es oft nicht lassen, immer wieder solche folkpsychologischen Begriffe einzustreuen.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 06.12.2012 um 08.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#22080

Der "New Yorker" hat vor kurzem einen schönen Artikel zum Thema "Neuroscience Fiction" mit interessanten Links veröffentlicht: www.newyorker.com
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.12.2012 um 05.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#22078

„Psychologen an der Universität Göttingen untersuchen, warum Kinder so schnell die Sprache erlernen.“ (Deutschlandradio 2010)

Es ist oft darauf hingewiesen worden, daß diese von und seit Chomsky unendlich oft vorgetragene Behauptung gegenstandslos ist – mangels Vergleich. Wir wissen nicht, ob der Spracherwerb nun schnell oder langsam oder einfach keins von beiden ist. Es erübrigt sich also, nach einer Ursache zu suchen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.11.2012 um 06.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#22030

Die Süddeutsche Zeitung vom 30.11. gibt dem "Neuromarketing"-Auftragsforscher Kai-Markus Müller Gelegenheit, sich über "Neuropricing" (Titel seines Buches) zu verbreiten. Man kann das Wesentliche auch hier nachlesen:
http://www.haufe.de

Die windige Studie der Emory-Universität, auf die Müller sich beruft, gibt es hier zu besichtigen:
http://esciencecommons.blogspot.de

Ich will das nicht näher kommentieren, jeder sieht ja selbst, was für eine Hochstapelei es ist. Warum Firmen Geld zahlen, um sich solche umwerfenden Erkenntnisse zu sichern, erklärt niemand besser als Müller selbst. Offenbar fühlt man sich wohl, wenn man jemanden bezahlt, der mit Drähten an Köpfen herummacht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.11.2012 um 17.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#21931

Im Diskussionsforum ist gerade unser alter Bekannter Markus Reiter zitiert worden, diesmal mit am Erfolg versprechendsten (siehe hier). Wie ich nun sehe, hat er sich Neuro-Rhetorik als Wortmarke patentieren lassen. Erstaunlich, daß so etwas möglich ist, angesichts der zahllosen Neuro-Disziplinen, die in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen sind. Man muß es wohl so sehen: Da es die Neurorhetorik gar nicht gibt, muß man Reiter eine wirkliche Erfindung zubilligen, für die er sich dann auch eine entsprechende Bezeichnung schützen lassen darf. Es gibt sogar Verlage, die den Quatsch drucken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2012 um 13.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#21701

"Man sieht auf diesen Aufnahmen gut das Belohnungszentrum", erläutert Forscher Ponseti. "Im Bereich der Sehrinde, weiter unten, findet eine verstärkte visuelle Analyse statt, sobald ein erwachsener Hetero-Mann eine altersentsprechende Frau sieht. Und in genau denselben Arealen aktivieren nun pädophile Männer ihr Hirn, wenn sie ein nacktes Kind sehen." (www.dw-world.de)

Nun ja, die meisten Männer empfinden Freude an Frauen, Homosexuelle an Männern, Pädophile an Kindern, Feinschmecker an Froschschenkeln. Das ist nicht neu. Diese Freude geht mit Pupillenerweiterung und natürlich auch mit gewissen Hirnvorgängen einher. Die Hirnregionen, die dabei besonders aktiv sind, hat man eben deshalb Belohnungszentren genannt. Es ist tautologisch, hinterher dort wieder einen Beweis für die Erregbarkeit erkennen zu wollen.
(Männer „aktivieren“ nicht ihr Hirn. Wie sollten sie denn so etwas machen?)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.09.2012 um 05.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#21473

Zu Guy Deutscher gibt es jetzt einen auch sonst interessanten Aufsatz von Geoffrey Sampson:

http://www.grsampson.net/AGal.html
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.08.2012 um 15.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#21252

Eine bekannte Fehlerquelle der "bildgebenden Verfahren" besteht darin, daß nur die Regionen der stärksten Durchblutung hervorgehoben werden, woraus man irrigerweise schließt, die anderen seien nicht aktiv. In dem genannten Buch von Blakemore/Frith wird immerhin darauf hingewiesen, daß schon an einer Fingeropponierung die Hälfte des Gehirns beteiligt ist. Was uns hier noch mehr interessieren muß: Beim Lesen sind mindestens 17 identifizierbare Teile des Gehirns aktiv, und es ist nur eine Frage der feineren Einstellung, dann werden es noch mehr (vgl. B. A. Shaywitz et al.: Sex differences in the functional organization of the brain for language. Nature 373, 1995)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.08.2012 um 15.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#21251

Blakemore, Sarah-Jayne/Frith, Uta (2005): Wie wir lernen. Was die Hirnforschung darüber weiß. München (DVA)

Die Hirnforschung weiß eben fast gar nichts darüber. Die Lerntips sind daher alle nicht aus der Hirnforschung abgeleitet, sondern entweder altbekannte Faustregeln oder aus der Lernpsychologie. Der Behaviorismus wird totgeschwiegen, die Ausführungen über den Zusammenhang von Belohnungsmustern und Lernerfolgen werden in neurologischem Jargon gegeben, dabei sind die verhaltenstheoretischen Lernkurven sehr viel länger bekannt.

Da Frith als Legasthenieforscherin bekannt ist, nimmt die Lese-Rechtschreib-Schwäche den verhältnismäßig größten Raum ein. Der Titel läßt das nicht erwarten.

Alle praktischen Folgerungen werden mit mit „möglicherweise“ und „könnte“ abgemildert:

„Die Hirnforschung könnte Lehrern und Erziehern zu Erkenntnissen darüber verhelfen, wie sie Kinder beim Erwerb dieser emotionalen Kompetenzen unterstützen können.“ Usw.

Der letzte Satz lautet:

„Wie können wir das Potenzial unseres Gehirns effizienter ausnutzen? Wir sind der festen Überzeugung, dass die Hirnforschung diese wichtige Frage einmal beantworten wird. Und schon jetzt kann diese Überzeugung zumindest eines: unseren Wunsch verstärken, zu lernen und zu lehren.“

Kümmerlicher geht es nicht.

Immerhin: Bei Spitzer fehlen sogar diese Vorbehalte, er ist der dreisteste aller Neurosophen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.08.2012 um 14.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#21250

Schöne Beispiele für Neurobluff sind auch diese hier:

www.vep-landau.de/bzf/2009_48/%2803%29Lawrenz%283-26%29.pdf

www.vep-landau.de/bzf/2006_44/03_Lawrenz_003-009.pdf

Man kann sicher sein: Wo "gehirngerechtes Lernen" draufsteht, ist kapitaler Unsinn drin. Wenn es dann noch von Laien geschrieben ist, erst recht.

„Darüber hinaus ist es wichtig, dass die neuronalen Bahnen zwischen Lexem und Lemma sowie zwischen Konzept und Lemma schon früh beim Wortschatzerwerb angelegt werden, da es sonst zu festen direkten neuronalen Verbindungen zwischen Konzept und fremdsprachlichem Lexem kommt, was dazu führt, dass bei der Satzproduktion entweder auf den muttersprachlichen Lemma-Eintrag zurückgegriffen wird oder auf allgemeine Syntaxregeln wie „Plural wird durch Anhängen von -s gebildet“.“ (Birgit Lawrenz: „Plädoyer für eine gehirngerechtere Vermittlung des syntaktischen Wortes – oder: Das didaktische Dilemma mit dem Lemma“ (Beiträge zur Fremdsprachenvermittlung 44 /2006:3-9)

Hier ist der Unsinn ja mit Händen zu greifen. (Die Verfasserin ist Lehrerin für Deutsch und Englisch.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.06.2012 um 11.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#20890

Kaum waren die Spiegelneuronen entdeckt, stürzten sich neurologische Laien darauf und bauten luftige Theorien zum Spracherwerb, zur Grundlage der Moral, sogar zur Literaturwissenschaft. Typisch etwa folgender Artikel, in dem es auch um Sprache geht, was uns hier ja besonders interessiert:

http://gerhardlauer.de (PDF-Datei-Abruf)

Man beachte, wie das Neurologische sich ständig mit der Wald-und-Wiesen-Psychologie mischt. Man kommt gar nicht zu den empirischen Fragen, weil zunächst einmal begrifflich und damit philosophisch (wie Bennett/Hacker sagen würden) geklärt werden müßte, was das ganze Gerede überhaupt allenfalls bedeuten könnte.

Schade, daß wieder soviel Zeit und Kraft in derartige Luftschlösser gesteckt werden. Übrigens auch Forschungsgelder, die gerade hier reichlich fließen. Unterdessen zerfällt die Spiegelneuronengeschichte unter der Kritik der Psychologen und Neurologen jeden Tag mehr, aber das nehmen die Enthusiasten kaum noch zur Kenntnis.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 06.06.2012 um 13.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#20839

Wurde hier das Thema NLP (Neurolinguistische Programmierung) schon einmal behandelt?
Mich würden Meinungen dazu interessieren!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.04.2012 um 06.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#20556

In der Kölnischen Rundschau wird über den mit Recht so genannten "Glaubenskrieg" über die richtige Methode des Erstunterrichts im Lesen und Schreiben berichtet. Eigentlich müßte sich die Sache experimentell entscheiden lassen, aber weil das nicht klappt, eifert man um so schärfer.
Gegen Ende heißt es: "Dass man Kinder zunächst frei schreiben lasse und erst später Rechtschreibung vermittele, widerspreche auch dem, was man heute über Lernprozesse im Hirn wisse, sagt Prof. Onur Güntürkün, Biopsychologe an der Ruhr-Uni-Bochum: „Umkehrlernen dauert länger und erhöht die Fehlerquote.“ LdS hält er deshalb für falsch – und fordert neue Studien. „Das Schreibenlernen in der Grundschule wäre ein gutes Feld für experimentelle Psychologen.“

Der letzte Satz stimmt, er widerspricht aber der Behauptung, die Hirnforschung wisse etwas über Umkehrlernen. Sie weiß gar nichts darüber, alle Erkenntnisse stammen aus der traditionellen Psychologie und sind dort ein sehr alter Hut. Aber über die beste Methode des Erstunterrichts besagen sie auch nichts.

Die Glaubenskrieger machen nun sogar die Reichen-Methode für die schlechten Rechtschreibleistungen der heutigen Schüler verantwortlich, was wohl zuviel der Ehre ist. Bezeichnenderweise wird die Rechtschreibreform und deren Folge, die Frustration der Lehrer, überhaupt nicht erwähnt. Das ist ein Tabu bei sämtlichen Pädagogikprofessoren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.03.2012 um 07.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#20302

Wir untersuchen, wie Ihr Kind während seiner Entwicklung verschiedene Silben, die es hört, im Gehirn verarbeitet. Dazu finden in regelmäßigen Abständen Messungen der Hirnströme statt und es werden die sogenannten ereigniskorrelierten Hirnpotentiale (EKP) bewertet. Dabei wird dem Kind eine Art Mütze aufgesetzt, auf der feine Sensoren die vom Gehirn ausgehenden Ströme messen. Sie verändern sich, wenn ein Kind Gehörtes wahrnimmt. Die Untersuchung ist für Ihr Kind völlig harmlos und es kann auch während der Untersuchung schlafen.
 
Projektleitung:
Prof. Dr. Angela Friederici, Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung, Leipzig
Prof. Dr. Manfred Gross & PD Dr. Karsten Nubel, Klinik für Audiologie und Phoniatrie am Universitätsklinikum Benjamin Franklin, Freie Universität Berlin



Natürlich kann man auf diese Weise nicht herausfinden, wie das Kind Silben im Gehirn verarbeitet. Die Veranstalter dürften das auch genau wissen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.03.2012 um 12.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#20272

„Entscheidend für den grammatikalischen Fortschritt, so Angela Friederici, ist die zunehmende Vernetzung von Gehirnarealen, die sich ontogenetisch und phylogenetisch nachvollziehen lässt.“

Es ist nicht nötig, hier eine Stellenangabe zu bringen, denn solches Gerede ist allgegenwärtig. Man weiß zwar nichts, plappert aber schon mal drauflos. Falsch ist es ja auch nicht, denn "Vernetzung" kann gar nicht falsch sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.03.2012 um 13.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#20245

Über die bildgebenden Verfahren liest man Phantastisches. Ich möchte noch folgendes zu bedenken geben: Wenn man zwei Aufgaben stellt, z. B. Vorwärtszählen und Rückwärtszählen, werden sich wahrscheinlich unterschiedliche Erregungsmuster im Gehirn abzeichnen. Aber wie spezifisch ist der Unterschied? Wenn nur zwei Optionen in Betracht kommen, kann der Versuchsleiter vielleicht am Bildschirm ablesen, welche von beiden realisiert wird. Es gibt aber Millionen verschiedene Aufgaben, die man alle durchprobieren müßte, bevor man Gedanken lesen und nicht nur Gedanken unterscheiden kann. Sagt jemand das Vaterunser auf oder die Vornamen der Neffen und Nichten? Usw.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 26.02.2012 um 13.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#20173

„In diesem Moment vollbringt Ihr Gehirn, ohne dass es Ihnen bewusst wäre, eine bemerkenswerte Leistung – es liest.“

Das erinnert mich an einen alten Witz.

Spieß: "Was gucken Sie so komisch, Mann?"

Rekrut: "Ich hab ein künstliches Auge."

Spieß: "Künstlich?! Woraus denn?"

Rekrut: "Aus Glas."

Spieß: "Aus Glas? Ach so, klar. Muß ja – sonst könnt man ja nicht durchgucken."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.02.2012 um 15.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#20166

Stanislas Dehaene: Lesen. München 2010 (frz. 2007)

Wann immer man sagen würde, daß ein Mensch etwas tut, setzt Dehaene das „Gehirn“ ein, so daß der Eindruck entsteht, die zerebralen Vorgänge seien erforscht:
„In diesem Moment vollbringt Ihr Gehirn, ohne dass es Ihnen bewusst wäre, eine bemerkenswerte Leistung – es liest.“ (9)
Das Gehirn liest nicht, der Mensch liest. Das Gehirn geht ja auch nicht einkaufen, erzieht keine Kinder und singt nicht im Chor.
„Dank der Magnetresonanz-Tomografie (MRT) genügen derzeit wenige Minuten, um die Hirnregionen sichtbar zu machen, die beim Lesen aktiviert werden.“ (10)
Richtig wäre: die stärker durchblutet werden als andere. Das beweist aber nicht, daß andere Regionen nicht ebenfalls aktiviert wären.
Damit wir die verschiedenen Formen eines Buchstabens wiedererkennen, bildet das Gehirn angebliche "abstrakte Repräsentationen" aus. Daß es sich hier um reine Spekulation handelt, wird nicht deutlich. Durch Lernen verändert sich das Gehirn, aber es gibt keinen Grund, von "Repräsentationen" zu sprechen.

„Die meisten chinesischen Wörter bestehen aus einer oder zwei Silben, und da es nur etwa 1300 Silben gibt, kann jede auf Dutzende sehr verschiedene Begriffe verweisen. Eine rein phonetische Schrift wäre deshalb absolut unbrauchbar: Jedes dieser Bilderrätsel könnte auf viele Dutzend verschiedene Weisen verstanden werden!“ (48)
Dann könnten sich die Chinesen nicht einmal mündlich verständigen. Zu ihrem Glück wissen sie das nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.02.2012 um 10.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19998

Was in den letzten drei Jahren an neuen Erkenntnissen über die Broca- und Wernicke-Region bekannt geworden ist, wirft so ziemlich alles über den Haufen, was die Neurolinguisten wieder und wieder behauptet haben. Allein schon die Nachrichten der letzten Tage, wonach das Wernicke-Zentrum um drei Zentimeter verschoben werden muß (eine riesige Entfernung im Gehirn), wäre, wenn es zutrifft, eine Katastrophe! Und dabei glaubten die betrogenen Betrüger mit ihren bildgebenden Verfahren schon genau sagen zu können, welche Untergruppe von Substantiven in welchen Gehirnteilen verarbeitet werden ...

Man sollte immer erwägen, daß die Sprachfähigkeit womöglich keine einheitliche Funktion und daher auch nicht Gegenstand evolutionärer Selektion gewesen ist, daß vielmehr unterschiedliche Fertigkeiten sich zu verschiedenen "Zwecken" entwickelt haben, die dann in den Dienst der durch und durch kulturellen und historischen Sprache gestellt wurden und werden (Exaptation). Wenn das annähernd richtig ist, wird deutlicher, wonach die Neurologen eigentlich zu suchen haben. Wenn also bestimmte sprachliche Teilbereiche gestört erscheinen, sollte man erst einmal fragen: Was ist noch gestört? Und wo ist dies wiederum überwiegend zu lokalisieren? Das war übrigens schon einmal Stand der Forschung, bevor es durch die blendenden Fortschitte des Neuroimaging verdeckt wurde. (Heute behaupten Neurolinguisten wie Angela Friederici, die Verarbeitung der Sprache im Gehirn sei nun aufgeklärt, weshalb man sich jetzt der Musik zuwenden wolle ...)
So ist ja auch der Wirbel um das FOXP2-Gen wieder abgeflaut, nachdem die Wissenschaft sich erstens über die Natur dieses Gens (Transkriptionsgen) und zweitens über die Fülle von damit einhergehenden nichtsprachlichen Beeinträchtigungen klar geworden war. (Mit den Spiegelneuronen wird es genauso enden.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.01.2012 um 18.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19867

Micha Brumlik (Hg.): Vom Missbrauch der Disziplin. Antworten der Wissenschaft auf Bernhard Bueb. Weinheim/Basel 2007.

In diesem Band gibt Manfred Spitzer auch etwas zum besten: „Kritik der Disziplin aus (neuro-)biologischer Sicht“ (169-203)

Kostprobe:

„Menschen kommen nicht als Rohlinge (im doppelten Wortsinn von roh) zur Welt, aus denen durch Disziplin überhaupt erst ordentliche Menschen werden. Vielmehr lehrt die Biologie gerade der letzten fünf Jahre, dass Fairness, Hilfsbereitschaft und Gemeinsinn (wenn nicht gar Nächstenliebe) genau so zum Menschen gehören wie seine hochspezialisierten Hände oder sein aufrechter Gang.“ (170)

Das sind aber keine biologisch definierten Begriffe, sondern gesellschaftlich interpretierte Bewertungen.

Es folgt eine kurze Einführung in die Neurologie, Synapsen, Reizleitung usw.

„Was geschieht dabei [beim Lernen] im Gehirn des Kindes? Die Verbindung von 'Beeren sehen' und 'zugreifen und pflücken' wird geknüpft und mit jeder gepflückten Beere stärker.“ (175)

So wird es wohl sein, aber Spitzer weiß auch nicht, wie es im Gehirn zugeht, es sind Verknüpfungen des Verhaltens. Die Redeweise suggeriert wieder einmal, die Neurophysiologie des Lernens sei durchschaut.

„Die Wiederholung ist die Mutter des Lernens.“ (178)

Auch das lehren Erfahrung und Psychologie, nicht die Neurologie.

Es folgt die Sache mit dem Hippocampus und der Amygdala und dem lustbetonten Lernen. Die lächerlichen Replikationen von Versuchen mit bildgebenden Verfahren, die Spitzer an seinem Institut durchführen läßt, haben nichts Neues hervorgebracht.

Von der Myelinisierung usw. kommt er irgendwie auf Disziplin und Pädagogik, und der wissenschaftliche Aufputz gefällt offenbar vielen Lesern, weil die ohnehin vorhandenen Überzeugungen nun auch "wissenschaftlich" untermauert zu sein scheinen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.12.2011 um 17.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19775

Manfred Spitzer, der Hauptvertreter des "Neurobabble" in Deutschland, schreibt in "Vorsicht Bildschirm":

„Aufgrund der Bildschirm-Medien wird es in Deutschland im Jahr 2020 etwa 40.000 Todesfälle durch Herzinfarkt, Gehirninfarkt, Lungenkrebs und Diabetes-Spätfolgen geben; hinzu kommen jährlich einige hundert zusätzliche Morde, einige tausend zusätzliche Vergewaltigungen und einige zehntausend zusätzliche Gewaltdelikte gegen Personen. (...) Wären Bildschirme nie erfunden worden, dann gäbe es allein in den USA jährlich etwa 10.000 Morde und 70.000 Vergewaltigungen weniger."

Das verkündet Spitzer auch in regelmäßigen Fernsehsendungen und auf entsprechenden DVDs, die man ohne Bildschirm nicht recht genießen könnte ... Ist das nun Beihilfe zur fahrlässigen Tötung?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.12.2011 um 16.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19702

„Heute können wir sehr genau verfolgen was im Hirn vor sich geht, wenn sprachliche Äußerungen gehört oder gelesen werden“, sagt Ina Bornkessel-Schlesewsky. Der Computerbildschirm der jungen Wissenschaftlerin ist im Moment voller EEG-Kurven, die aus Sprachexperimenten mit chinesischen Muttersprachlern stammen. Über Elektroden auf der Kopfhaut wurden bei den Probanden Änderungen der Hirnaktivität während der Sprachverarbeitung gemessen. Indem sie auf diese Weise Sprachen direkt auf ihre Verarbeitung im Hirn hin vergleichen, wollen die Forscher in der von Bornkessel-Schlesewsky geleiteten Gruppe die Basismechanismen des menschlichen Sprachvermögens identifizieren – und begründeten nebenbei eine neue sprachwissenschaftliche Disziplin: die Neurotypologie. Der veränderte Blickwinkel bringt teils überraschende Ergebnisse hervor. So hat sich zum Beispiel gezeigt, dass die scheinbar recht ähnlichen Sprachen Deutsch und Englisch nicht, wie man erwarten könnte, auch auf ähnliche Weise in den grauen Zellen verarbeitet werden. Im Gegenteil: Japanisch zum Beispiel ist dem Deutschen in dieser Hinsicht ähnlicher als das Englische. Dieses wiederum ähnelt teilweise dem Finnischen.



Usw. – Solche Geschichten verbreitet die Max-Planck-Gesellschaft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2011 um 05.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19690

Aus der vermeintlichen Erkenntnis, daß das Corpus callosum bei Frauen stärker ausgebildet ist, werden allerlei Folgerungen für weibliche Überlegenheit beim Sprechen, Sprachenlernen usw. gezogen, auch in der Bundestagsdrucksache zur Hirnforschung ist das ausgemachte Sache:

„Der die beiden Hemisphären verbindende Balken ist bei Frauen in einigen Anteilen signifikant größer, was eine bessere Verknüpfung der in beiden Hirnhemisphären etablierten Funktionen nahelegt (Steinmetz et al. 1992).“

Dabei ist die Grundlage ganz unsicher:

„Zusammengefasst lässt sich sagen, dass für geschlechtsspezifische Unterschiede des Corpus callosums kein klares Bild existiert.“ (FunktionelleHirnorganisationUndGeschlecht.PDF)

Man kann sich denken, wie schnell aus solchen Annahmen bildungspolitische Konsequenzen abgeleitet werden, z. B. zur Koedukation.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.12.2011 um 18.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19685

In der Bundestagsdrucksache 16/7821, 16. Wahlperiode - 22. 01. 2008 („Bericht des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung“; PDF-Datei) geht es um die Hirnforschung. In einem besonderen Kasten (S. 41f) heißt es:

„Dem Gehirn ist das Wurscht.“

Immer früher sollen Kinder Sprachen lernen, am besten schon im Kindergarten. Eltern hoffen auf rasante Karrieren ihrer polyglotten Alleskönner. Englisch oder Französisch ab der dritten oder ersten Klasse sind inzwischen Standard an etlichen deutschen Grundschulen. Auch die ersten internationalen Kindergärten unterrichten Fremdsprachen. Doch bei allem Ehrgeiz machen sich viele Eltern auch Sorgen und befürchten babylonische Sprachverwirrung: Passt so viel Sprachwissen in so kleine Köpfe, wird mein Kind überfordert? Entwickelt sich eine Generation überforderter Halbsprachler? Nach Ansicht des Linguisten Georges Lüdi von der Universität Basel ist die Sorge unbegründet, im Gegenteil: Lernt man sehr früh eine andere Sprache, dann profitiert auch die Muttersprache davon. Zusammen mit Neuropsychologen hat Lüdi erforscht, was im Gehirn passiert, wenn Kinder beginnen, sich im Sprachdschungel zu orientieren. Die verblüffenden Ergebnisse: Geht es mit der Zweitsprache früh los, denkt das Kind darüber nach, warum es im Deutschen so viele Artikel gibt und im Englischen nur einen - und lernt daraus. Vor allem aber fällt es Kindern leichter, sich weitere Fremdsprachen anzueignen. Eine entscheidende Rolle spielt dabei das Alter: je jünger, desto besser. Die entscheidende Grenze überschreiten die Kinder mit dem vierten Geburtstag. Zuvor entwickeln sich im Gehirn die neuronalen Netze, in denen die Sprachen verarbeitet werden. Dort werden auch später hinzukommende Fremdsprachen umgesetzt. Hat das Gehirn erst einmal die Infrastruktur ausgebaut, wird sie für jede Sprache genutzt, egal ob Ungarisch oder Französisch. Machen Kinder erst später die ersten fremdsprachlichen Gehversuche, legt das Gehirn für jede neue Sprache auch neue Netzwerke an.

Die Erkenntnisse der Hirnforschung entkräften Elternängste und Kritiker, die vor allem ein Sprachmischmasch befürchten: Flickwerksätze mit englischen Vokabeln und deutscher Grammatik, die für das Lernen eher kontraproduktiv wären. Doch Pädagogen in den Modellschulen und Sprachwissenschaftler an beteiligten Universitäten ziehen bislang ein eindeutiges Fazit: Die Kinder sind hochmotiviert und haben sich sehr schnell an die neuen Sprachen gewöhnt. Das Hauptproblem sei vielmehr die mangelhafte Vorbereitung der Lehrkräfte auf die frühe Fremdsprache, eine bessere Qualifikation und Ausbildung der Lehrer sei vonnöten.

In einem von der Hamburger Universität begleiteten Modellprojekt wird an sieben Hamburger Schulen seit fünf Jahren wahlweise Italienisch, Spanisch, Französisch, Portugiesisch und Türkisch ab der ersten Klasse unterrichtet. Die Klassen sind gemischt: Immigrantenkinder sitzen neben deutschstämmigen Schülern, alle lernen zusammen und profitieren voneinander. Nach allen Beobachtungen verbessern sich Kinder vor allem, wenn auch ihre Muttersprache in der Schule gefördert wird. Kommt dann in der dritten Klasse auch Englisch hinzu, fällt es allen Kindern umso leichter, sich auch in der neuen Sprache zurechtzufinden, denn im Vergleich zum Portugiesischen ist die englische Grammatik eher simpel. Experten diskutieren nun, ob der Sprachhunger der Grundschüler nicht auch bundesweit besser zuerst mit einer komplexeren Sprache gestillt werden sollte. Doch ob oui, si oder yeci - zumindest hirnphysiologisch ist das ohne Belang. Denn neuronale Netze kennen keinen Unterschied zwischen den Sprachen: „Dem Gehirn ist das Wurscht.“




Diese "neuronalen Netze, in denen Sprachen verarbeitet werden", sind reine Spekulation, keiner der Forscher hat sie identifiziert.
George Lüdi weiß vom Gehirn nicht mehr als wir alle. Und wieso ist die englische Grammatik simpler als die portugiesische? Überlegungen, ob man nicht mit einer anderen Sprache als Englisch anfangen sollte, stammen stets von Romanisten, die ihren Anteil an der Stundentafel verbessern wollen; hierher gehört auch das „Nachbarsprachen“-Projekt.
Übrigens ist noch kein Mehrsprachigkeitsforscher je von seinen Forschungsergebnissen überrascht worden: Die Befürworter der frühen Mehrsprachigkeit finden Vorteile, die Gegner Nachteile.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.12.2011 um 09.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19667

Identität, Selbigkeit ist für die Sprache von größter Bedeutung. Ich werde an anderer Stelle darauf zurückkommen, hier nur soviel: Der spekulationsfreudige Neurologe Vilayanur Ramachandran hat mal folgendes gesagt:

When you open your eyes in the morning, it's all out there in front of you. It's easy to assume that it's effortless and instantaneous but in fact you have this distorted upside down image in your retina exciting the photoreceptors and the messages then go through the optic nerve to the brain and then they are analysed in thirty different visual areas, in the back of your brain. And then you finally after analysing all the individual features, you identify what you're looking at. Is it your mother, is it a snake, is it a pig, what is it? And that process of identification takes place in a place which we call the fusiform gyrus which as we have seen is damaged in patients with face blindness or prosopognosia.

Ramachandran spekuliert, daß die Person zwar erkannt, aber erst durch eine Bahn zur Amygdala identifiziert wird. Daher gewisse Störungen durch Verletzung:

That's why when he looks at his mother, he says "oh yeah, it looks like my mother", but the wire, to put it crudely, the wire that goes from the amygdala to the limbic system, to the emotional centres, is cut by the accident. So he looks at his mother and he says - "hey, it looks just like my mother, but if it's my mother why is it I don't experience this warm glow of affection (or terror, as the case may be). There's something strange here, this can't possibly be my mother, it's some other strange woman pretending to be my mother". It's the only interpretation that makes sense to his brain given the peculiar disconnection.

Der Patient interpretiert also das Fehlen einer emotionalen Reaktion im Sinne fehlender Identität. Aber werden Personen allgemein an ihren emotionalen Wirkungen auf uns identifiziert? Wie steht es mit Personen, die wir gar nicht näher kennen? Dutzende von Nachbarn, zu denen wir keine emotionalen Beziehungen haben und die wir dennoch identifizieren. Hunderte oder Tausende von Personen, die im Fernsehen erscheinen. Die spekulative Lösung kann also nicht stimmen.

Für uns Deutsche gibt es noch einen hübsche Nebenbemerkung:

Now clearly laughter is hard-wired, it's a "universal" trait. Every society, every civilization, every culture has some form of laughter and humour - except the Germans.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 29.11.2011 um 00.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19613

Ich bin völlig Ihrer Meinung, Herr Achenbach. Aber es ist doch sehr schön, wie die beiden sich in diesem immerhin noch moderierten – und in der vorliegenden schriftlichen Form gewiß auch geglätteten – Streitgespräch an die Gurgel gehen. Und dabei geht es doch nur darum, daß einer dem anderen die Butter vom Brot nehmen könnte. Etwas Ernsthaftes (oder gar nachweisbare Erfolge) haben beide nicht vorzuweisen. Daher darf auch nun der jeweils andere nicht in der Öffentlichkeit (und beim Verteilen von öffentlichen Geldern) besser dastehen.

Wer weiß, womöglich würden beide sich unter Ausschluß der Öffentlichkeit gegenseitig das Wort "Scharlatan" an den Kopf werden.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 28.11.2011 um 22.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19612

Nun steht die "Lernforschung" der Neurowissenschaft in nichts nach. Wenigstens habe ich bisher nichts von Schäden gehört, die die Neurowissenschaft verursacht hätte. In dieser Hinsicht steht die Lernforschung ganz vorne. Was da für ein Unfug an den Schulen angestellt worden ist von dieser Lernforschung!

Jetzt kommt noch die Frau Stern mit dem Reiskorn auf der Ameise! Hoffentlich sind unsere Physiklehrer durch Ihre naturwissenschaftliche Ausbildung vor solchem Geschwätz gefeit.

Und dann noch diese Mißgeburt eines Wortes: "Mißkonzept". Wer so wenig sprachliche Sensibilität aufbringt, will sich ins Innenleben von Kindern einfühlen?
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 28.11.2011 um 12.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19607

Anfang des Jahres wies Herr Ickler in einem anderen Zusammenhang (vgl. hier) auf Elsbeth Sterns Kritik an Manfred Spitzer hin. Dieses Streitgespräch kann man hier nachlesen: http://pdf.zeit.de/2004/28/C-Spitzer_2fStern2.pdf.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 28.11.2011 um 12.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19606

Gleich auf der zweiten Seite beginnt ein Satz mit "das spannende Ergebnis war, [...]". Und genau dort habe ich mit dem Lesen aufgehört. Mich interessiert nicht, was die Dame "spannend" findet! Wieder einmal zeigt sich, daß Publikationen, in denen dieses Adjektiv auftaucht, nichts mit Wissenschaft zu tun haben.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 28.11.2011 um 09.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19605

Angesichts derart bahnbrechender Forschungserkenntnisse, wie im referenzierten Artikel (#19601) dargelegt, kann man sich nur wundern, wie es Generationen von Altvordern nur gelingen konnte, vollkommen ohne dieses Wissen auszukommen und ihren Kindern trotzdem Werteorientierung mitzugeben.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 27.11.2011 um 23.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19603

Die "Gehirnforschung oder "Neurowissenschaft" ist im Augenblick eine Modewissenschaft wie seinerzeit die Chaostheorie, die Katastrophentheorie (wenige werden sich daran erinnern), die Futurologie, die Friedensforschung, die Kybernetik, die Informationstheorie und viele andere.

Im besten Falle beruhen solche Modewissenschaften entweder auf wirklich neuen Ideen und Lösungsansätzen oder auf neuen instrumentellen oder apparativen Möglichkeiten. Die unübersehbare Schar der Epigonen stürzt sich dann auf diese neuen Ansätze und überdehnt und verwässert sie so, daß daraus nur noch ein Etikett wird, das aber bei der Konkurrenz um Forschungsmittel immer noch hilfreich sein mag.

In anderen Fällen gründet sich die Modewissenschaft nicht auf eine neue Methode, sondern auf ein wünschenswertes Forschungsziel: Der Friede ist natürlich ein hehres Ziel; die Zukunft besser vorauszusehen wäre tatsächlich sehr nützlich. Hier entsteht häufig ein erheblicher Meinungsdruck, dem es nicht leicht ist sich zu entziehen. Wer damals die Friedensforschung kritisierte, begab sich schon ins moralische Abseits. Gerade Politikern fällt es schwer, diesem Druck zu widerstehen. Aber auch den Gremien, die Forschungsmittel verteilen, gelingt es häufig nicht.

Die neuere Neurowissenschaft gründet sich auf den neuen bildgebenden Verfahren, die es erlauben, Vorgänge im Gehirn noch genauer zu lokalisieren als bisher, ja sogar in Echtzeit zu verfolgen. Das ist wahrscheinlich nützlich für Ärzte beim Erkennen und Bewerten von Hirnschäden. Gröbere derartige Lokalisierungen waren aber schon länger möglich. Allerdings konnte man schon damals keine weiteren Schlußfolgerungen von allgemeinem Interesse daraus ziehen. Auch die neuen apparativen Möglichkeiten scheinen bisher, wenn überhaupt, nur wenig daran geändert zu haben.

Die neuere Klimawissenschaft scheint mir auch eine derartige Modewissenschaft zu sein. Die Grundidee zur Erderwärmung ist über hundert Jahre alt (Arrhenius). Sie war mir seit früher Jugend bekannt. Aber erst mit der Entwicklung der Supercomputer schien eine Präzisierung dieser Grundidee in greifbarere Nähe gerückt. Daß das Klima aber auf absehbare Zeit noch wesentlich komplexer als die modernsten Supercomputer ist, geriet dabei leicht außer Sicht (die "Chaostheorie" wäre hier vielleicht wirklich einmal nützlich gewesen). Anders als bei der Neurowissenschaft kommt hier aber noch ein gewaltiger Meinungsdruck, noch viel stärker als seinerzeit bei der Friedensforschung, hinzu.

Das hat mich von Anfang an an die Waldsterbenshysterie seligen Angedenkens erinnert. Kürzlich berichteten die Zeitungen irgendwo versteckt über den neusten Waldzustandsbericht. Dieser kommt, wie seit etwa 25 Jahren, zu dem immer gleiche Ergebnis, daß etwa ein Drittel der Bäume geschädigt sind (wie könnte es anders sein - ein Drittel ist die magische Zahl der Neuzeit). Nur wird dieser besorgniserregend konstante Zustand jetzt auf den Klimawandel und nicht mehr auf den sauren Niederschlag zurückgeführt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.11.2011 um 17.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19601

An einer Arbeit aus jenem Institut, das Ministerin Schavan dem selbsternannten Hirnforscher Manfred Spitzer schenkte, kann man gut sehen, was für ein Humbug die Neurodidaktik ist:

Referat_Hirnforschung.pdf

Die praktischen Ratschläge am Ende haben offensichtlich nichts mit den dürftigen Ausführungen über Hirnforschung zu tun, sondern sind psychologische Gemeinplätze.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß das Land Baden-Württemberg dieses "Transferzentrum" noch lange finanziert.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 19.11.2011 um 17.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19532

Als Nicht-Neurodidaktiker kann ich mir bezüglich solcher Fragestellungen (#19531) natürlich kein Fachurteil erlauben.
Als interessierter Laie würde ich jedoch sagen, Kinder sagen es so, wie sie es in ihrer Umgebung gehört haben, ist es spaziert statt gespaziert, sagen sie spaziert, wäre es umgekehrt, sagten sie sicherlich gespaziert, was denn sonst!?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.11.2011 um 16.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19531

Manfred Spitzer trägt vor:
„Im Vorschulalter wissen Kinder bereits, dass die Verben, die auf „-ieren“ enden, das Partizip Perfekt ohne „ge“ bilden. Sie erzählen, dass sie gestern gelaufen sind, aber nicht durch den Wald ge-spaziert (sondern nur spaziert), und was sie vorgestern nur verloren (und nicht ge-verloren) haben, das haben sie stolz gestern wieder gefunden.“

Schade nur, daß verlieren gar kein Verb ist, das auf -ieren "endet". So wenig wie stieren, gieren ...
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 14.11.2011 um 08.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19505

Was müßte jemand studiert haben, um sagen zu können, er verstünde etwas vom Gehirn?
Wenn ich gesunde Ernährung bevorzuge, muß ich auch nicht Medizin studiert haben. Im Gegenteil, Mediziner verstehen von gesunder Ernährung wenig, weil das absurderweise nicht oder nur ganz am Rande in ihrem Ausbildungsplan vorkommt. Mediziner neigen eher zur Ansicht, Chemie vermittelt Gesundheit.
Mit gehirngerechtem Reden und Schreiben (#19503) meint der gute Mann wohl Klarheit und Verständlichkeit. Allerdings führt er sich selbst ad absurdum, wenn er stattdessen den Begriff „gehirngerecht“ einführt, der eben keine klare und verständliche Bedeutung hat.
Er erweckt aber bei einigen Neugier – das ist es wohl, worauf er abzielt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.11.2011 um 18.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#19503

Ein gewisser Markus Reiter bietet „Neuro-Rhetorik“ an, „gehirngerechtes Reden und Schreiben“.
Er hat Geschichte und Politik studiert, weiß also nichts vom Gehirn.
Er zitiert gern aus populärwissenschaftlichen Schriften über „Bild gebende“ Verfahren. Seine Bücher (über alles Mögliche) verkaufen sich gut.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.07.2011 um 16.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#18969

Dazu gleich noch dies:

www.wienerzeitung.at

Also auch den bekannten pädagogischen Nutzen des Theaterspielens begründet Spitzer mit seinen vermeintlichen Einsichten in des Zusammenspiel der Synapsen, die ja nach seiner Meinung auch "Regeln" lernen und nicht nur "Selbstwertgefühl". Die Begriffsverwirrung ist nicht zu überbieten. Aber die österreichische Zeitung fügt noch die herrliche Überschrift hinzu: Schauspielende! In Österreich gehört nämlich die Vermeidung maskuliner Nomina agentis inzwischen zum Nationalcharakter. Das sollten Hirnforschende einmal näher untersuchen: Hat sie die Amygdala der Österreicher verändert?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.07.2011 um 15.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#18968

"Das Wort Ganztagsschule gibt es als Wort nur in der deutschen Sprache." (Manfred Spitzer laut Thüringer Landeszeitung 28.6.11)
Ja, freilich, es ist ja ein deutsches Wort. Aber auch sonst ist kaum zu glauben, was "Deutschlands bekanntester Hirnforscher" alles weiß; fast jeden Tag berichten die Zeitungen darüber.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.04.2011 um 09.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#18482

„Der behaviouristische Ansatz, der mit dem Namen Skinner verbunden ist und in den angelsächsischen Ländern zum Rückgrat der Experimentalpsychologie wurde, hatte in Deutschland keine institutionelle Basis, beeinflußte aber die Denkmodelle. Die Hypothese war, daß das Gehirn eine Reizbeantwortungsmaschine sei, die nur tätig werde, wenn sie von außen angeregt wird.“ (Wolf Singer im Festvortrag zum 50jährigen Jubiläum der MPG)

Daß der Hirnforscher Singer an philosophischen Fragen wie der Willensfreiheit scheitert, ist noch verständlich, aber daß er die Grundgedanken des radikalen Behaviorismus nicht kennt, hält man kaum für möglich. Und doch scheint es die gebildete Festversammlung geschluckt zu haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.11.2010 um 15.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#17011

Die Hamburger Sparkasse soll heimlich Profile ihrer Kunden angelegt haben, um jeden "Typ" besonders bearbeiten zu können usw. Das Ganze wird in der Presse als "problematische Hirnforschungsmethoden" und "Neuromarketing" bezeichnet. Aber weder das Hirn noch auch nur die Nerven waren Untersuchungsgegenstand, vielmehr ging es um eine ziemlich schematische Psychologie. Hirn und Neuro dienen wieder einmal bloß der pseudowissenschaftlichen Aufmotzung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.09.2010 um 10.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#16790

Guy Deutscher hat den Inhalt seines neuen Buches kürzlich in einem Zeitungsartikel zusammengefaßt:

http://www.nytimes.com/2010/08/29/magazine/29language-t.html?_r=1&pagewanted=all
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2010 um 18.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#16703

Ein guter Text von Guy Deutscher findet sich in folgendem (lesenswerten) Sammelband:

Language Complexity as an Evolving Variable, edited by Geoffrey Sampson, David Gil, and Peter Trudgill. Oxford University Press 2009.

Deutschers Kapitel kann hier heruntergeladen werden (PDF-Datei). (Gibt es wirklich so lange Adressen?)

Das Einleitungskapitel des trefflichen Sampson ist auch leicht zu haben:

www.grsampson.net/ALac.html
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.12.2009 um 17.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#15356

Zum Thema Neurobluff (und Manfred Spitzer) noch dies:

Gudula List: „Was wäre dem Gehirn denn 'fremd'? Gehirnforschung und Fremdsprachenlernen“ (InfoDaF 5/32, Oktober 2005:411-424):

„Spitzer ist in mancher Hinsicht ein Gegentypus zu Singer. (...) Er ist nicht international ausgewiesen in neurobiologischer Forschung, aber er ist ein Bestsellerautor.“
Zitat Spitzer: „Lernt man zum Beispiel Wörter in positivem emotionalem Kontext, werden sie im Hippokampus gespeichert, bei negativem dagegen im Mandelkern. Daraus folgt: Landet gelerntes Material im Mandelkern, ist eines genau nicht möglich: der kreative Umgang mit diesem Material.“ usw.
List kommentiert: „Das mag flapsig oder in übertragenem Sinn gemeint sein, aber auch populäre Literatur, ja gerade sie darf keine falschen Fährten legen. Weder im Hippokampus noch in der Amygdala (das weiß Spitzer natürlich ganz genau) bleiben irgendwelche Lerninhalte 'hängen'.“

Lists gutmütige Parenthese mag ironisch gemeint sein, es gibt keinen Hinweis darauf, daß Spitzer sich bewußt flapsig ausdrückt. Da er seine Texte in immer neuen Aufbereitungen vorträgt und abdrucken läßt, kann man leicht erkennen, daß er es mit der Speicherung in Hippokampus und Mandelkern durchaus ernst meint. Z. B. in einem bekannten Beitrag in der ZEIT, einer Replik auf Jochen Paulus' Kritik an der „Neurodidaktik“, schreibt er genau wie zuvor in seinem Bestseller „Lernen“ (2002):
„In einer eigenen Untersuchung konnten wir zeigen, dass der emotionale Zustand, in dem neutrale Fakten gelernt werden, darüber entscheidet, in welchen Bereichen des Gehirns diese gespeichert werden. Lernt man zum Beispiel Wörter in positivem emotionalem Kontext, werden sie im Hippocampus gespeichert, bei negativen Emotionen dagegen im Mandelkern.“
Das würde ein „Hirnforscher“ (wie er sich selbst nennt) doch nicht schreiben und unzählige Male drucken lassen, wenn er es nicht meinte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.09.2009 um 10.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#15012

Danke für die Korrektur! Der Unterschied war mir schon klar, zumal ich eigene Erfahrungen damit habe, leider ... Ich dachte, ich könnte die CT als Oberbegriff stehenlassen, weil das Bild ja in jedem Fall errechnet werden muß, aber das ist sicher zu ungenau.
 
 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 25.09.2009 um 09.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#15011

Kleine Korrektur: Computertomographie ist nicht das gleiche wie Magnetresonanztomographie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2009 um 18.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#15010

Über eine weitere, dringend nötige Kritik an den bunten Bildchen der Computertomographie (fMRT) berichtet heute die Süddeutsche Zeitung:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/256/488650/text/
Auch Michael Hagner von der ETH Zürich übt ja seit Jahren Kritik an der voreiligen Deutung dieser Bilder. Besonders schädlich sind die Spekulationen der sogenannten Neurolinguistik. Seit langem ist bekannt, daß solche Deutungen der weiland Phrenologie ähneln.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.06.2009 um 07.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#14575

"Wie die moderne Hirnforschung zeigt, werden die Handlung prägenden Wertepräferenzen der Menschen bereits in den ersten zwei Lebensjahrzehnten ausgebildet." (SZ 2.6.09)

Orthographisch und inhaltlich derselbe Unsinn.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2009 um 10.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#13949

Um Worte soll man nicht streiten, deshalb: ob tabuisiert oder nicht, das Thema "Macht Fernsehen dumm?" – oder so ähnlich – wird jedenfalls in den Medien oft genug behandelt, allerdings sind die Darlegungen oft oder sogar fast immer nicht objektiv, sondern dienen gewissen Interessen. Darauf können wir uns wohl einigen.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 23.02.2009 um 08.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#13948

Nicht tabuisiert? Wie tief wird wohl der Eindruck sein, den ein, zwei populärwissenschaftliche Autoren hinterlassen? Gegen das Heer (genau!) der Medienpädagogen, vereinigt mit dem Heer der medialen Kinderschänder?

Jim Morrison: "Ghosts crowd the young child's fragile eggshell mind."

Wäre das Thema nicht wirksam tabuisiert, gäbe es Maßnahmen gegen diese Form der Mißhandlung kleinkindlicher Seelen – angesichts der auffälligen Symptome (Ritalin). Kürzlich gab es sogar Meldungen über Schlaganfall bei Kindern. Ist denn die Zeit endgültig vorüber, in der man bei gravierenden Problemen Gegenmaßnahmen ergriffen hat – anstatt "Projekte" zu zelebrieren?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2009 um 18.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#13923

Ich teile Spitzers Ansichten weitgehend. Nur haben sie nichts mit seiner Hirnforschung zu tun (falls er sie wirklich betreibt; es wird ja angezweifelt).
Das Thema Verblödung durch Fernsehen ist auch nicht tabuisiert, die Bücher von Neil Postman oder Marie Winn haben sich gut verkauft. Wahr ist allerdings, daß ein Heer von Medienpädagogen, die wohl oft Auftragsforschung treiben oder auf andere Weise dem Gegenstand ihres Interesses verpflichtet sind, die Sache verharmlost.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 18.02.2009 um 15.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#13921

Immerhin traut sich Herr Spitzer, ein tabuisiertes Thema anzufassen: Die gewaltsame Verblödung unserer Kinder durch das Fernsehen, das jetzt schon die ganz Kleinen gezielt bewirbt. Wem "gewaltsame Verblödung" zu unfein erscheint, der schaue sich mal eine halbe Stunde "Ravensburger TV" an. Zum Beispiel.
 
 

nach oben


Ihr Kommentar: Sie können diesen Beitrag kommentieren. Füllen Sie dazu die mit * versehenen Felder aus und klicken Sie auf „Kommentar eintragen“.

Sie können in Ihrem Kommentar fett und/oder kursiv schreiben: [b]Kommentar[/b] ergibt Kommentar, [i]Kommentar[/i] ergibt Kommentar. Mit der Eingabetaste („Enter“) erzwingen Sie einen Zeilenumbruch. Ein doppelter Bindestrich (- -) wird in einen Gedankenstrich (–), ein doppeltes Komma (,,) bzw. ein doppelter Akut (´´) werden in typographische Anführungszeichen („ bzw. “) umgewandelt, ferner werden >> bzw. << durch die entsprechenden französischen Anführungszeichen » bzw. « ersetzt.

Bitte beziehen Sie sich nach Möglichkeit auf die Ausgangsmeldung.
Für sonstige Diskussionen steht Ihnen unser Diskussionsforum zur Verfügung.
* Ihr Name:
E-Mail:
(Wenn Sie eine E-Mail-Adresse angeben, wird diese angezeigt, damit andere mit Ihnen Kontakt aufnehmen können.)
* Kommentar:
* Spamschutz:   Hier bitte die Zahl einhundertvierundfünfzig (in Ziffern) eintragen.
 


Zurück zur vorherigen Seite | zur Tagebuchübersicht


© 2004–2017: Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V.

Vorstand: Reinhard Markner, Walter Lachenmann, Jan-Martin Wagner
Mitglieder des Beirats: Herbert E. Brekle, Dieter Borchmeyer, Friedrich Forssman, Theodor Ickler, Michael Klett, Werner von Koppenfels, Hans Krieger, Burkhart Kroeber, Reiner Kunze, Horst H. Munske, Adolf Muschg, Sten Nadolny, Bernd Rüthers, Albert von Schirnding, Christian Stetter.

Webhosting: ALL-INKL.COM