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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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12.10.2008
 

Plastikwörter
Warum begnügen wir uns mit leerem Stroh?

Gestern machte sich jemand in der Süddeutschen Zeitung über die in der Tat lächerlichen Buchankündigungen lustig, mit ihren Adjektivgirlanden usw. Ich wundere mich auch schon lange, warum wir so vieles hinnehmen, was eigentlich sofort in sich zusammenfallen müßte, wenn man auch nur einen Augenblick genauer hinschaute.

Elke Heidenreich sagt über den gerade ernannten Literaturnobelpreisträger Le Clézio: "Sein Werk ist ein sehr intelligentes, sehr kluges Werk, aber es hat immer eine ganz große menschliche und dichte und warme Dimension."
Gibt es eigentlich andere Sprachen, in denen man ungeniert von "warmen Dimensionen" reden kann? (Das "aber" wäre auch einen Kommentar wert.)

Hier sind noch ein paar Dimensionen, jeweils mit Übersetzung:

"Den mathematischen Verfahren kommt die Dimension der Instrumentalität zu." (Mathematische Verfahren sind Werkzeuge.)

"Der Massenselbstmord der vierhundert in Guyana hatte, bevor es dazu kam, die Dimension der Unvorstellbarkeit." (war unvorstellbar)

"Es steckt ebenfalls eine ausgeprägt autobiographische Dimension in diesem Text." (Der Text ist autobiographisch.)

Es geht mir, wohlgemerkt, nicht um ein paar stilistische Entgleisungen, sondern um die grundsätzliche Haltung gegenüber Texten. Wie gleichgültig muß man das Bildungsgeschwätz hinnehmen, damit so etwas zum beinahe normalen Stil der Sachprosa werden konnte? Es scheint eine verbreitete Scheu zu geben, das Einfache einfach auszudrücken (oder den Mund zu halten, wenn es gar zu einfach ist ...).



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Kommentare zu »Plastikwörter«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.10.2018 um 13.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#39959

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#35892

Die Google-Suchen nach Phänomen des/der ergibt gut anderthalb Millionen Belege. Auch wenn man Abstriche macht, bleiben mehrere hundertausend vollkommen überflüssige Blähungen. Nach kurzer Durchsicht wird man das Wort Phänomen nie wieder verwenden wollen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.03.2018 um 05.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#38275

Phänomen ist wohl der Spitzenreiter der überflüssigen Wörter. Mir ist kaum ein Text begegnet, in dem es nicht weggelassen werden könnte. Das Phänomen Spiel ist das Spiel. Amazon bietet Tausende von Büchern mit Phänomen schon im Titel. Am schönsten vielleicht von Peter Lauster: Die Liebe – Psychologie eines Phänomens. Da alles und jedes ein Phänomen ist, eignet sich der Begriff nicht zur Kategorisierung. Psychologie der Liebe wäre richtig gewesen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2017 um 05.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#35892

Man nehme ein beliebiges Substantiv, am besten ein Abstraktum wie Klimawandel, setze Phänomen davor und gebe das Ganze als Suche bei Google ein: Phänomen des Klimawandels: 7000 Fundstellen.
 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 03.11.2008 um 08.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13392

Ich greife noch einmal meinen ersten Eintrag in diesem Strang auf und will ihn wie folgt ergänzen:

Bellende und beißende Wörter
Von der Macht der verbalen Verkleidung

Die Sprache dient der Schaffung illusionärer Wirklichkeiten. Sobald gewissen, eigens zum Zweck der Verführung geschaffenen Begriffen die verführerische Maske abgerissen wird, fangen sie an zu jaulen, zu bellen oder gar zu beißen. Beißende Wörter sind die gefährlichsten, denn sie lassen den unbedingten Machtanspruch des Halters erkennen. Letzterer wendet viel Zeit und Mühe darauf an, seine Wörter mit der Maske der Sanftheit und des ergebenen Blickes auszustatten, auf daß sie das Vertrauen der Menschen gewinnen, die er hinters Licht zu führen gedenkt.
Aber ach, Dressur und Verkleidung sind niemals von Dauer gewesen! Das lehrt die Geschichte. Doch wer kennt diese schon? Das Gedächtnis des Menschen ist kurz, gerade hinsichtlich der Wörter.
Noch werden vom Volk Begriffe wie Sparguthabengarantie, Rentensicherheit, soziale Gerechtigkeit, Bankenrettungspaket, Geldstabilität oder Konjunkturprogramm – um nur einige wenige zu nennen – mit erstaunlich viel Vertrauen und sogar Ehrfurcht aufgenommen. Bei genauerem Hinhören und -schauen kann man bereits das Zähnefletschen hinter den Masken wahrnehmen. Sobald die wahre Natur der mißbrauchten Begriffe nicht mehr zu verkennen ist und jeder Glaube an deren Gutmütigkeit und Wahrhaftigkeit schwindet, fallen die tollwütigen Biester über ihre Opfer her – überraschend ehrlich und unter ihren echten Namen. Diese bedeuten nun das genaue Gegenteil.

Spätestens dann, wenn wir ausgeraubt, um die Zukunft betrogen und zutiefst verletzt am Boden liegen, wird jeder einzelne erkannt haben, welchen verbalen Täuschungen er wieder einmal erlegen ist. Der vertrauende Mensch ist unbelehrbar. Immer wieder erliegt er dem Zauber der verbalen Macht. Und doch: ohne Vertrauen läßt sich keine Gemeinschaft erhalten, keine Kultur begründen. So wird auch diesmal Neues entstehen: auch unsere Sprache einschließlich der zerstörten Rechtschreibung hat dann wieder eine Chance, sich – für wie lange? – zu erneuern.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 19.10.2008 um 13.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13303

Einem Hinweis Kratzbaums dankbar folgend weise ich darauf hin, daß ich in #13277 den Anfang von Musils "Mann ohne Eigenschaften" aus dem Kopf zitierte. Einige kleinere Versehen sind mir dabei unterlaufen. Deshalb findet sich im Diskussionsforum nun ein philologisch einwandfreier Abdruck des Zitats nach der Ausgabe Frisés.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 14.10.2008 um 18.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13281

Der Satz von Wierlacher ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Neben dem erwähnten Plastikgehalt besteht er aus sage und schreibe 62 Wörtern, und zwischen 'darf' und 'beschrieben werden' hat der Autor einen Minimalismus von schlichten 43 Wörtern untergebracht. Viel Glück und Inspiration dem Simultanübersetzer, der diesen Satz in Echtzeit übersetzen muß. Auch nach mehrmaligem Lesen bin ich mir nicht sicher, ob der Satz grammatisch dem hohen Plastikgehalt standhält.

Noch 'ausdrucksstärker' ist dieses >100 Wörter Kunstwerk:

FAZ 2005:
"Wollschlägers Künstlermodell, von ihm zurückprojiziert auch auf so gegensätzliche Figuren wie Friedrich Rückert oder Karl May, ist die gebrochene, leidende, sublime Überhöhung des sich als Kunstwesen denkenden, nach innen zwar verkorksten, aber aus dieser Verkorkstheit auch ungeheure Energien für glückhafte wie tragische Kulturleistung gewinnenden bürgerlichen Ichs, dessen Entstehungsbedingungen Sigmund Freud zu einer Zeit erforscht und beschrieben hat, als dieses Ich bereits im Absterben begriffen war, weil seine historischen Träger, nämlich ökonomisch nicht so ohne weiteres erpreßbare Menschen mit reichem Innenleben, als Helden von Thomas-Mann-Romanen, in die um 1900 beginnende Phase des 'techno-romantischen Abenteuers' (Kraus) und seine gigantischen Nivellierungsflächenbrände nicht mehr paßten."

Klar doch, oder?
 
 

Kommentar von ppc, verfaßt am 14.10.2008 um 14.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13280

Heutzutage ist jeder banale technische Sachverhalt eine Technologie. Aus einem biederen Breitbild-Fernseher wird so ein "TV mit Widescreen Technologie" (man beachte dabei auch das Deppen Leer Zeichen).
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 13.10.2008 um 23.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13277

So ganz neu ist dieser Hang zur terminologischen Überfrachtung eines Textes indes nicht. Ein viel eleganteres und – im Gegensatz zu Wierlacher, Straub und Meißner – auch bleibendes Beispiel ist folgendes:

Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum. Es wanderte ostwärts zu einem über Rußland lagernden Maximum. Das Minimum wich dem Maximum noch nicht nördlich aus. Die Isothermen und Isotheren verhielten sich in normalen Grenzen. Die Lufttemperatur stand in einem normalen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur. Also zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur nichtperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.

Das Beispiel ist berühmt, es ist bekanntlich der Anfang des ersten Teils von Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, entstanden seit 1905 und zuerst 1931 erschienen. Musil macht sich hier über die Verwissenschaftlichung der Sprache lustig und hält den terminologischen Wucherungen mit seiner lapidaren Zusammenfassung den Spiegel vor. Sprachlich hat Musil zudem nicht einfach wie ein Papagei nachgeplappert, denn er studierte zunächst Maschinenbau und promovierte 1908 in Philosophie, Physik und Mathematik. Als Assistent an der Technischen Hochschule Stuttgart hat er sogar populärwissenschaftliche Artikel für Zeitschriften geschrieben (die leider in der Ausgabe von Frisé fehlen). Kurz: Er wußte fachlich also durchaus, wovon er schrieb.

Im Falle Musils stimme ich daher Frau Pfeiffer-Stolz zu: hier löst sich ein Schuß. Es ist jedoch keine Spielzeugpistole, sondern sieht zunächst nach einem unangemessen großen Kaliber aus. Am Ende entpuppt es sich dann als das kleine Kaliber eines Kunstschützen. Nur bei Wierlacher, Straub und Meißner ist und bleibt der laute Knall ein Rohrkrepierer.

Bei Musil steht immerhin der Satz "Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913". Was jedoch steht eigentlich bei den drei anderen Textauszügen?
 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 13.10.2008 um 19.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13276

Wie ist es zu erklären, daß die Imponierrhetorik trotzdem nicht wirklich erheiternd, sondern eher einschüchternd wirkt? Sind das die neuen "Plastikwaffen" der Herrscher? Es könnte sich ja ein Schuß aus der vermeintlichen Spielzeugpistole lösen ...
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 13.10.2008 um 17.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13274

Wenn ich mir etwas aus diesem Strauß aussuchen darf, dann nehme ich Wierlacher. Von diesem Satz hat man wohl am meisten. Ich mußte ihn dreimal lesen, um auch nur durch die "Darf"-Konstruktion durchzusteigen.

Wo bleibt eigentlich das kleine Kind aus Andersens Märchen? Laut müßte es jetzt rufen: "Aber die sagen ja gar nichts!"
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.10.2008 um 17.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13273

Hier ist noch etwas zur allgemeinen Erheiterung:

"Während die Auswahl der Wissensbestände auch eine Funktion der jeweiligen Schwerpunktbildung und Dimensionierung des Faches ist, darf transdisziplinär und transkulturell als Können die Fähigkeit des systematischen Denkens sowie eine im engeren Sinne selbstbewusste fachwissenschaftliche Analyse- und Bedeutungskompetenz einschließlich der Grundbefähigung der Problemerkennungskompetenz, der Methodenkompetenz, der Sozialkompetenz, einer Mehrsprachlichkeits- und Mehrkulturenkompetenz sowie wissenschaftsorganisatorischer Fähigkeiten und die Schlüsselqualifikationen sozialer und emotionaler Kompetenz beschrieben werden.“ (Alois Wierlacher in Ders./Bogner, Andrea [Hg.]: Handbuch interkulturelle Germanistik. Stuttgart: Metzler 2003)

Und noch dies:

"Kulturen sind symbolisch vermittelte Lebensformen, die den Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn jener Personen prägen, welche geschichtliche, also die kollektive Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfassende, konjunktive Erfahrungsräume und Erwartungshorizonte miteinander teilen, zumindest als ein gemeinsames Bezugssystem, auf das sie referieren, um verbindliche und verbindende Welt- und Selbstdeutungen sowie damit verwobene Lebens- und Handlungsorientierungen auszuhandeln.“ (Jürgen Straub in ders. u.a. [Hg.]: Handbuch interkulturelle Kommunikation. Stuttgart 2007)

Na, und noch einen:

„Interlexikologische Äquivalenztypisierungen zielen pädagogisch weniger auf die Ausbildung von Enkodationsroutinen als auf die analytische Potenz der Lernenden, d.h. auf Sprachenbewußtheit.“ „Ob und wie Wortschatz individuell (im Sinne der Sprachnorm) verwendet wird, koinzidiert mit verfügbaren mentalen Strukturationsschemen.“ (Franz-Josef Meißner)
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 13.10.2008 um 15.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13272

Wie verbreitet (oder beliebt) Plastikwörter wie "Phänomen" oder "Kultur" nun tatsächlich sind, wird wohl vom jeweiligen Anwendungsgebiet (ich wollte zuerst "Fach"gebiet schreiben) abhängen. "Phänomen", "Bereich" und "Folie" kann man eigentlich fast überall einstreuen. Die zahlreichen "Diskurse" bleiben wohl meist auf die Geisteswissenschaften beschränkt (oder gibt es die in der Physik auch?), und der "Bedarf" scheint mir schließlich eine Erfindung der Politik zu sein. Dieser Phrasendrescherei im vermeintlich öffentlichen Auftrage ist eh für eine weite Verbreitung von Plastikwörtern unterschiedlicher Herkunft zu danken. Plastikwort in Politikermund tut Weisheit kund! Frau Nahles ist dafür ein sprechendes Beispiel.

Aber die ungenaue Kenntnis einiger Begriffe, die wiederum womöglich aus fremden Sprachen stammen, sorgt dann doch regelmäßig für Erheiterung (bei mir zumindest). Die auf Zimmertemperatur angewärmte Kanzlerin hatten wir hier ja schon. Und an der TU Braunschweig fand noch vor einigen Jahren ganz banal die jährliche "Firmenkontaktmesse" statt. Inzwischen ist die natürlich vom Denglisch-Wahn eingeholt worden und zum "Bonding" mutiert. Aber einige kleinere Fachbereiche hier können mit dem Begriff offenbar nur sehr wenig anfangen und haben ihn nun schon zu "Firmen-Bondage" verändert. An solchen Tagen kann man mich dann immer mit breitestem Grinsen herumlaufen sehen.

So kann ein depperter Anglizismus schnell zu einem Plastikwort werden. Eine bekannte Parfümerie-Kette warb bis vor kurzen mit dem auf den ersten Blick so schicken englischen Satz "Come in and find out". (Nun, hoffentlich findet jeder Kunde in diesen Geschäften auch problemlos wieder den Weg nach draußen.) Aber gemeint war ja wohl etwas Anderes, weshalb ich auch diesen Satz zu den Plastikwörtern zähle. Anscheinend hat man sich inzwischen aber in der Firmenleitung einen Englischkurs gegönnt, denn ich habe den Spruch letzte Woche gar nicht mehr in der Stadt gesehen.
 
 

Kommentar von Heinz Erich Stiene, verfaßt am 13.10.2008 um 09.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13269

Nicht zu unterschätzen auch die Kultur, etwa: "Wir brauchen eine Kultur des Hinsehens, nicht des Wegsehens." Kultur der Narretei.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.10.2008 um 06.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13268

Das beliebteste Plastikwort ist meine Ansicht nach "Phänomen". Worum es dann wirklich geht, das wird im Genitiv angeschlossen, womit es schon einmal in eine Distanz rückt, die man als "theoretisch" empfinden kann.
 
 

Kommentar von Retter der Bleiwüste, verfaßt am 12.10.2008 um 18.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13267

... sondern um die grundsätzliche Haltung gegenüber Texten.

Just lese ich gerade dieses Buch:

Ludwig Laher, Ixbeliebige Wahr-Zeichen, StudienVerlag, Innsbruck 2008.

Es kreist genau um diesen Gedanken.

(Kürzer habe ich es auf Anhieb nicht hinbekommen.)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 12.10.2008 um 15.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13265

"Worthülsen" nannte Franz Josef Strauß Aussagen und Begriffe seiner Gegner, die seiner Meinung nach keine Substanz enthielten.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 12.10.2008 um 13.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13264

Ohne jetzt mit Herrn Markner in den Wettbewerb einer Beispielsammlung treten zu wollen, gehört neben der "Folie" auch der "Bereich" zu den ubiquitären Plastikwörtern.

Was hat nicht alles Bereiche! Das Wohnzimmer beispielsweise wird unterteilt in den Relax-Bereich (Denglisch macht sich hier immer gut!), in den Unterhaltungsbereich (geht wahrscheinlich auch als 'Entertainment'-Bereich durch) und den Rückzugsbereich. Keine Erfindung von mir, sondern aus einem Möbelkatalog. Wer sich vor was wohin zurückzieht, habe ich nicht verstanden, zumal das alles in nur einem Zimmer stattfinden soll.

In der Politik liegt vieles im Bereich des Möglichen (ist also möglich), junge hippe und weitgehend gehirnlose Fernsehköche brutzeln im Cross-over-Bereich der chinesischen und thailändischen Küche (verbinden also chinesische und thailändische Küche) und ein Buch liegt zwar im Hochpreisbereich, hat aber dafür im Ausstattungsbereich einiges zu bieten (ist also sehr teuer, aber zumindest noch gut ausgestattet).

Wenn sich in den Geisteswissenschaften, die gerne jeder Mode nachlaufen, dann noch die Diskurse in diversen Bereichen vor unterschiedlichen Folien abspielen, sollten eigentlich keine Wünsche mehr offenbleiben.

Sinn und Zweck dieser Plastikwörter ist doch lediglich die Tarnung. Sie sollen kaschieren, daß jemand eigentlich nur sehr wenig oder nichts zu sagen hat. Und dieses Nichts soll nicht auffallen, es wird also – wie Salomé – in sieben Schleier gehüllt: Dimension, Folie, Bereich, Diskurs, Identität, Sexualität (Bi-, Homo-, Hetero-, Metro- sowie zahlreiche noch zu entdeckende) und Kompetenz (Lese-, Schreib-, Hör-, Schlüssel-).

Aber eigentlich ist damit doch die ständige Angst vor Enttarnung die Mutter dieser Kreaturen.
 
 

Kommentar von Florian Bödecker, verfaßt am 12.10.2008 um 13.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13263

Da sprechen Sie mir aus der Seele!

Allerdings trägt ja der Unibetrieb auch gehörig selbst dazu bei. Zwar findet auf Nachfrage jeder den gespreizten Stil kritikabel, er wird aber gerade von Professoren und den publizierenden Wissenschaftlern gepflegt. Ist es ein Wunder, wenn dann die Studierenden, die von deren Bewertungen abhängig sind, diesem offensichtlich gültigen Maßstab folgen?

Daß man nicht einfach hinschreibt, was man herausgekriegt hat, scheint auch daran zu liegen, daß die Wissenschaftler in Konkurrenz zueinander stehen. Es geht ja nicht darum, eine Sache gemeinsam zu erforschen, sondern darum, geistige Leistung individuell zurechenbar zu machen - für Abschlußnote und Unikarriere. Dementsprechend werden die Texte mit sachfremden Motiven überladen. Das Wissen ist nicht einfach Zweck der Veranstaltung, sondern Sortierungsmittel.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 12.10.2008 um 12.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13262

Ein bei geisteswissenschaftlichen Schwätzern besonders beliebtes Plastikwort ist Folie. Alle denkbaren Entitäten nehmen in diesem Jargon auf rätselhafte Weise eine plane und dünne, möglicherweise auch durchsichtige Form an. Nur ein Beispiel:
„Lösungen vor der Folie der Angst“
http://www.ms.niedersachsen.de/master/C759967_L20_D0_I674.html
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 12.10.2008 um 11.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13261

Die Dimension gibt den Zusammenhang einer physikalischen Größenart (z.B. Fläche, Volumen) mit den Grundgrößen (z.B. Länge) an: dim (Volumen) = Länge³.
Für Leute, die physikalische Begriffe benutzen, ohne etwas von Physik zu verstehen, gilt der Spruch von Physikprofessor Bömmel aus der Feuerzangenbowle: "Schreibt, über wat ihr wollt - Unsinn wird et ja eh!"
 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 12.10.2008 um 06.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1062#13260

Wenn Wörter nichts mehr zu sagen haben, fangen sie an zu bellen.
 
 

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