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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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12.03.2008
 

Welle
Jetzt ist auch in Deutschland „Die Welle“ verfilmt worden

Tobias Kniebe sagt in der Süddeutschen ein paar goldene Worte über das miserable Buch von "Morton Rhue", das bezeichnenderweise fast keinem Deutschschüler der letzten Jahre erspart geblieben ist. Auch meinen Töchtern nicht, weshalb es auch mir in die Hände fiel, natürlich in der flugs auf neue Rechtschreibung umgestellten Ausgabe von 1997:
Da hast du Recht, die Grundi-dee, am Freitag Nachmittag; Die Welle war Furcht erregend; wie mir das Leid tut! – aber auch mit vielen zusätzlichen Fehlern. Über 2 Mill. Exemplare sollen allein in Deutschland verkauft worden sein, natürlich alles aufgrund einer irregeleiteten Pädagogik, die uns damals auch nötigen wollte, aus erzieherischen Gründen den amerikanischen Holocaust-Unterhaltungsfilm anzugucken.
Die Bundeszentrale für politische Bildung läßt im "fluter" über das Buch mitteilen: "Es zeigt, wie einfach und schnell Faschismus entstehen kann." Die armen Historiker können da natürlich nicht mithalten, machen es sich offenbar unnötig schwer.



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Kommentare zu »Welle«
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Kommentar von Kai Lindner, verfaßt am 12.03.2008 um 17.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=985#11642

Sobald ein Buch im Kanon der deutschen Schulbürokratie angekommen ist, hat der Autor ausgesorgt... das betrifft viele schlechte Bücher von schlechten Autoren.

Angesichts der gegenwärtigen Literatur spricht m.E. nichts dagegen, nur noch gemeinfreie Texte von lange verstorbenen Autoren (70 Jahre sind es wohl) im Deutschunterricht zu verwenden. Natürlich in der originalen Rechtschreibung der jeweiligen Zeit! ;-)
 
 

Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 12.03.2008 um 22.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=985#11645

Aus dem englischen Wikipedia-Artikel zum Thema:

The experiment was not well documented. Of contemporary sources, the experiment is only mentioned in Cubberley High School student newspaper "The Cubberley Catamount". It is only briefly mentioned in two issues[4][5], and one more issue of the paper has articles about this experiment, but without much detail.[1] The most detailed account of the experiment is an essay written by Jones himself some six years afterwards.[3] Several other articles about the experiment exist, but all of them were written after a considerable amount of time had passed.
...
Researchers of the experiment have had some trouble in eliciting reports from any of the students involved.

Hence, nearly all detailed information about The Third Wave comes from Ron Jones himself.
 
 

Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 13.03.2008 um 10.28 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=985#11646

Ich habe mich vor 29 Jahren der Einvernahme durch diese amerikanische Seifenoper des Grauens entzogen. Ich wollte auch nicht gezwungen werden, einen für Deutschland damals neuen Begriff für den Massenmord an den Juden zu übernehmen – mochte diese fiktive Fernsehserie auch noch so phantastisch "Quote machen" (ebenfalls ein damals ganz unüblicher Ausdruck).
Ich konnte darin einfach keinen Sinn finden. Und so geht es mir heute noch. Hatte ich mir damals Unmengen über den Nationalsozialismus, sein Aufkommen und seine Verbrechen erlesen und erfragt (als eine wirklich herausragende Quelle dazu sehe ich nach wie vor die Doktorarbeit des amerikanischen Historikers William Sheridan Allen: "The Nazi Seizure of Power – the Experience of a Single German Town", über die ich seinerzeit ein Referat vor meiner Klasse gehalten – und die ich unlängst, in der erheblich erweiterten 2. Auflage, nochmals gelesen – habe), so hatte ich über das unendlich unwichtigere Thema Rechtschreibreform immerhin alles gelesen, was von Dieter E. Zimmer dazu in der ZEIT zu lesen war, und ich gehörte auch zu den interessierten Käufern der Ankündigungsbroschüre aus dem Hause Duden von 1994. Diese Broschüre habe ich durchgeblättert, nicht gelesen; dazu war sie auch schlecht geeignet. Erst zwei Jahre später – mit den ersten Wörterbüchern – wurde klar, was mit der Reform angerichtet werden sollte: Ich konnte darin einfach keinen Sinn finden. Und so geht es mir heute noch.
Und dieser Parallelität mangelt es zwar an Symmetrie, sie ist aber beileibe nicht zufällig.
 
 

Kommentar von Florian Bödecker, verfaßt am 13.03.2008 um 17.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=985#11648

Mehr als der Erziehungscharakter stört mich die falsche Faschismustheorie, die man annehmen soll. Es zeigt gerade nicht, wie Faschismus entsteht und enthält nicht einen kritischen Gedanken zu seinem politischen Programm
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 13.03.2008 um 23.17 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=985#11650

Es ist eher unwahrscheinlich, daß eine "irregeleitete Pädagogik" selbst in Meinongs eingermaßen elastischer Ontologie zu Stuhle kommt, denn ganz im Gegentum:

Konstitutives Merkmal des "Pädagogik" genannten Phänomens / Gegenstands / Seins / Ontons bzw. der so genannten [getrennt!] Größe / Entität / Wesenheit etc. ist, daß sie "leitet", so sich leiten lassen (müssen) [Objektsatz zu leiten ohne Katapher oberhalb].

Wir folgen den feineren Trieben der Scholastik, wenn wir einem Gegenstand eine seiner inneren Eigenschaften als (evtl. privatives) Attribut zueignen.

Dieses Aporion könnte seit Freges Scheidung des Fallens in einen Begriff vom Fallen unter einen Begriff ad acta liegen – außerhalb der Pädagogik freilich.

Pädagogen wird dieser Jenenser heute genauso unbedeutend sein wie weiland dem dortigen Fakultätsrat. Einem Mächtigen in Berlin ging dies damals gegen den Strich. Der wiederum war zum Glück nicht Pädagoge, denn diese Gattung war diesen grauen Vorzeiten unbekannt.

Selbst der als Feigenblatt zuhauf mißbrauchte Comenius verstand sich nicht als solcher (wie denn wohl auch?). Aber welcher Pädagoge läßt sich dazu herab oder darauf ein, Komensky zu lesen, um in Zweifel am eigenen Tun zu verfallen?

Gestellungsbefehle für renitente Professoren (an die heilige Erziehungsfront) sind längst ausgefertigt und werden nach Ende des Poststreiks prompt zugestellt. Das garantiert ver.di ganz ohne Melos.
 
 

Kommentar von Florian Bödecker, verfaßt am 14.03.2008 um 20.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=985#11659

Die Pädagogik ist einfach die Wissenschaft von der Erziehung, die es ja in jeder Gesellschaft gibt und geben wird.

Daran kann man nichts aussetzen, wenn sie denn wirklich wissenschaftlich ist.

Das Problem ist die gesellschaftliche Funktion, die sie in dieser Gesellschaft bekommt und die sie annimmt – wie in anderen Wissenschaften auch.

Wenn ich das mal als Pädagoge anmerken darf.
 
 

Kommentar von David Weiers, verfaßt am 15.03.2008 um 13.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=985#11661

Daran kann man nichts aussetzen, wenn sie denn wirklich wissenschaftlich ist.

Ja, wenn... Nach meiner Erfahrung ist sie nur dann wirklich wissenschaftlich, wenn sie sich auf historische Betrachtungen beschränkt. Hingegen erscheint mir alles, was aus dem psychologisch-neurobiologischen Bereich in sie hineingezogen und dort mit pseudoanthropologischen "Ansätzen" geradezu verquirlt wird, einfach nur – ich muß es leider mal so sagen – schlichtweg lächerlich bzw. bestenfalls peinlich, schlimmstenfalls gefährlich.

Ich erinnere mich da an ein erziehungswissenschaftliches Seminar in der Uni, in dem die klassische Konditionierung "zerkaut" wurde. Der Dozentin war nicht klar, daß auch diese Art der Konditionierung reversibel ist; und den Studenten wurde es folglich nicht klar, wenn sie nicht schon anderweitig, z.B. im Rahmen der Biologie, mit dem Thema vertraut waren. Man kann sich leicht vorstellen, was diese Unkenntnis für Folgen nach sich ziehen kann, gerade im Bereich der Erziehung!
Ganze Modelle werden so von vorneherein wertlos, weil sozusagen ihr Fundament schon faul ist.

Solche Klöpse sind mir immer wieder im Rahmen der "Pädagogik" begegnet. Und durch ihre teils vehement apodiktisch verbreiteten "Feststellungen" werden solche Fehler eben nicht ausgebügelt, ganz im Gegenteil sogar! ("Der Schüler, ist...", "Der Schüler hat...", "Das Kind ist immer...", "Auf diese Weise wird zwangsläufig..." usw.)

Ja, ich weiß: ich bin aber auch ein Ketzer... ;)
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 16.03.2008 um 19.10 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=985#11681

Wenn man in der Lebensmittelindustrie, Werkstoffkunde, Verfahrenstechnologie (usw.) und auch in der Biologie (sowohl phylo- als auch ontogenetisch) von "Konditionierung" spricht, ist das legitim (billig). Wenn allerdings die nachwachsenden "human resources" (Ressourcen!) von Pädagogen ebenfalls "konditioniert" werden, steigt mir ein brenzliger Geruch in die Nase. Bernstein etwa sprach von "Sozialisierung", aber das ist sicher völlig unmodern.

"Konditionierung" hat – auf die Behandlung von Menschen bezogen – deutlich faschistoiden Beigeschmack. Leider wird LTI heute fast nur noch als Bericht über ferne Zeiten gelesen, obwohl es auch ein Kompendium der klinischen Pathologie (Bereich Sprache) ist.
 
 

Kommentar von David Weiers, verfaßt am 16.03.2008 um 22.59 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=985#11687

Es ging in besagtem Seminar um Angst, nicht primär um Konditionierung. Aber die klassische Konditionierung ist angesprochen worden.
Ein direkter Bezug zwischen Pädagogik als "Disziplin" (wie es mich anwidert, so etwas zu schreiben...) und Konditionierung als "Verfahren" (ich nenn's mal so) ist also nicht hergestellt worden, mein Beitrag hat ihn wohl nur suggeriert.

Trotzdem haben Sie recht, Herr Schatte: dieser üble Beigeschmack ist doch zu penetrant. Und bei Lichte betrachtet rührt er dann eben doch nicht bloß von jenem nur scheinbar direkten Bezug her, ist also nicht nur "suggestiv evoziert" (ich schäme mich ja schon...), sondern durchaus ursächlich begründbar. Mit anderen Worten: das, was "die Pädagogik" sich da mitunter so zurechtlegt und -zimmert (oftmals mit Brachialgewalt!), hat durchaus Potential, und zwar welches, das dann doch lieber ungenutzt bliebe...
So manches Mal bleibt einem da der Mund offen stehen – und will sich dann aber auch so gar nicht wieder schließen.
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 17.03.2008 um 13.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=985#11695

Zu Ch. Schatte (#11681): Wofür, bitte, steht "LTI"?
 
 

Kommentar von PaulW, verfaßt am 17.03.2008 um 14.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=985#11696

Zu #11695 und #11681: Mit LTI dürfte LTI. Notizbuch eines Philologen von Victor Klemperer gemeint sein, der sich mit der "Sprache des Dritten Reichs" (LTI = Lingua Tertii Imperii) auseinandersetzt.
Bei www.amazon.de findet sich eine Besprechung des Titels.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.07.2008 um 16.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=985#12644

Anscheinend gibt es nicht genug deutsche Originaltexte, die im Deutschunterricht (!) unserer Schulen gelesen werden könnten. Nicht nur Rhues "Welle" wird in deutscher Übersetzung gelesen (statt auf englisch im Englischunterricht, wo es immerhin sprachlich noch was bringen könnte), sondern auch Stevensons Jekyll & Hyde. Andererseits kann man den gymnasialen Fremdsprachenunterricht an unserem Gymnasium abschließen, ohne ein einziges Buch auf englisch oder französisch gelesen zu haben. Auch Zeitungen in diesen Sprachen kommen in all den Jahren kein einziges Mal in die Klassenzimmer.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.11.2013 um 07.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=985#24454

Wie ich sehe, hat Morton Rhues "Welle" bei der deutschen amazon fast 300 lobende Rezensionen, die meisten offenbar von Schülern. Der ehemalige Werbetexter und damalige Besitzer einer Glückskeksfabrik (laut Wikipedia) hat das sehr geschickt gemacht. Schüler haben im allgemeinen keinen besonders ausgeprägten literarischen Geschmack, und die meisten Menschen sind auch als Erwachsene noch bereit, sich "erschüttern" zu lassen, wogegen dann bloß die tägliche Abstumpfung durch Fernsehen hilft, wo ja, um es mit meiner Lieblingswendung zu sagen, eine Erschütterung die nächste jagt.

Ich kann es immer noch nicht verwinden, wieviel Dreck die Schulkinder zu fressen kriegen. Meine Töchter hatten es insofern gut, als sie zu Hause jede Menge Bücher vorfanden und außerdem vom Kindergartenalter an daran gewöhnt waren, sich etwas in der Leihbücherei auszusuchen. Die meisten haben dieses Glück nicht, bleiben also bei Junk food, auch in der Lektüre. Warum muß aber auch die Schule noch hinterherrennen?
 
 

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