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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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27.04.2007
 

selbstständig
Eine kleine Beobachtung

Wenn mich nicht alles täuscht, ist die beflissene Schreibweise „selbstständig“ aus den größeren Zeitungen fast wieder verschwunden oder doch stark zurückgegangen. Wer benutzt sie überhaupt noch? Die Schulbuchverlage und die Stiftung Lesen natürlich.
Der Fall war immer besonders bemerkenswert, weil die Änderung ja an sich gar nichts mit Rechtschreibung und Reform zu tun hatte, aber aus einem Mißverständnis heraus („Putativgehorsam“ habe ich es seinerzeit genannt) die Bedeutung eines Ergebenheitssignals bekommen hatte. Interessanterweise setzen sich die Zeitungen nun über die einheitliche Empfehlung von Duden und Wahrig hinweg.



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Kommentare zu »selbstständig«
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Kommentar von Herrmann Müller, verfaßt am 27.04.2007 um 13.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#8348

Das stimmt, nur in der Schule liest man immer noch regelmäßig „selbstständig“ – und übrigens auch „allgemein bildend“.
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 27.04.2007 um 20.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#8351

Die Techniker Krankenkasse kennt in ihren Formularen nur den „Selbstständigen“ bzw. die „selbstständige Tätigkeit“.
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 28.04.2007 um 00.06 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#8353

Womit das unaussprechliche "selbsständig" in diesem Forum wieder quellen- und massenweise aus dem Wald gelockt wird, weil es ja so, vielleicht auch abundant oder noch anders möglich wäre, war, sein könnte, postulierbar oder wenigstens projizierbar und in einem virtuellen Graphie-Universum spekulativ nicht völlig ausgeschlossen ist, damit die deutsche Graphie endlich auch etwas notieren kann, was unaussprechlich ist und wahrscheinlich - zur Erhaltung und Nicht-Überforderung primärer und späterer Gebisse - nie ausgeprochen wurde, aber Artikukationspotenzforschern und morphologischen und vielleicht sogar "phonologischen" Mythen tiefgründig Nachgehenden (mit dem Altindischen im Hintergrund) immer eine höchst wichtiges Thema bleiben wird. Die diesbezüglichen Ergüsse im Forum können dann nachgelesen oder "reaktualisiert", "geupdatet" usw. werden. Es bietet sich somit wiederholt die schöne Gelegenheit, philologisch mindestens sprachtypologisch oder universalartikulatorisch zu glänzen, ganz ohne fisimatente Scheidungen wie die von Endung und Suffix oder anderen morphologischen Nebensächlichkeiten.
 
 

Kommentar von Alexander Glück, verfaßt am 28.04.2007 um 10.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#8358

Ich sehe das Verhalten der Zeitungen so:

Ist der Frieden erst diktiert,
Wird der Unsinn abmontiert.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.04.2007 um 23.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#8369

Ich glaube, es wird noch ziemlich lange dauern, bis der ganze Unsinn der Rechtschreibreform abgebaut ist.
Sogar der Duden empfiehlt ja schon wieder Zusammenschreibung, wo z.B. der MM heute auf Seite 1 immer noch über einen "Ekel erregenden Fund" und gleich daneben über eine "Aufsehen erregende Ankündigung" schreibt. Nochmal direkt daneben steht, was W. Putin gesagt habe: "Das Bedrohungspotenzial ... sei das Gleiche wie ..."
So viel auf einen Haufen, das kann einem schon das Frühstück verderben. Aber gar keine Zeitung lesen ist ja auch keine Lösung.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.04.2007 um 04.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#8371

Nur für die später Hinzugekommenen: Gegen "selbstständig" wäre an sich gar nichts zu sagen, das Wort kam vor 500 Jahren auf, als der Stamm "selb-" nicht mehr produktiv war. Die Wörterbuchmacher haben sich im 19. Jahrhundert seltsamerweise darauf geeinigt, es als "falsch" zu betrachten und nicht in ihre Werke aufzunehmen, und dabei blieb es dann bis zur Reform, als man sich zwar eines Besseren besann, aber mit einer falschen Begründung. Beim Reformer Nerius zum Beispiel kann man ausdrücklich lesen, die Vereinfachung solle rückgängig gemacht werden, während es in Wirklichkeit gerade umgekehrt gewesen war.
Es handelt sich also eigentlich um zwei verschiedene Wortbildungen mit derselben Bedeutung.
 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 29.04.2007 um 06.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#8372

"Aber gar keine Zeitung lesen ist ja auch keine Lösung."
Nicht unbedingt. Ich halte es in der letzten Zeit mit Thomas Jefferson:

Ein Mensch, der gar nicht liest, ist gebildeter als ein Mensch, der außer Zeitungen nichts liest.
 
 

Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 29.04.2007 um 08.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#8374

Ich empfinde "selbstständig" durch die starke Trennung zwischen den beiden "st" immer als von "ständig" im Sinne von "dauernd" abgeleitet. Dadurch entweicht mir immer ein leichtes Schmunzeln, wenn ich das lese.
 
 

Kommentar von Lukas Berlinger, verfaßt am 30.04.2007 um 18.32 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#8382

Auch ich bin selbständig:
Ich arbeite selbst und ständig.
 
 

Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 30.04.2007 um 19.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#8383

Obwohl ich selbständig bin, arbeite ich nicht ständig selbst. Ich lasse auch mal jemand anderen etwas für mich erledigen.
 
 

Kommentar von K.Bochem, verfaßt am 15.08.2008 um 00.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#12906

Das WDR-Fernsehen brachte am 10. August 2008 "Die große Show der Naturwunder". Im Rahmen dieser Sendung führte Yogeshwar gegen 21.45 Uhr den Film eines Selbstversuchs vor: Er demonstrierte, daß man - als in einem Moor einsam Verirrter - entgegen landläufiger Meinung durchaus nicht unrettbar versinken müsse. Er habe bei diesem Versuch "sich selbst ständig befreien" können. Dabei meinte er - wie filmisch in Wort und Bild auch mehrfach betont - selbständig bzw. selbstständig, also ohne Hilfe. Offensichtlich führte seine in diesem Fall doch recht angestrengt wirkende "korrekte" Artikulation dazu, daß er das Wort hörbar trennte und es damit seines intendierten Sinnes beraubte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.08.2010 um 09.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#16644

Lehrer wollen nichts falsch machen, deshalb schreiben sie mehr als andere Leute "selbstständig", z. B. in den Wortzeugnissen der Grundschule, wo dazu besonders oft Anlaß besteht.
Bedenkt man, daß eine Lehrerin mal vom Schulleiter gerüffelt worden ist, weil sie unter eien Schülerarbeit "ist zufriedenstellend" geschrieben hatte (inzwischen wieder korrekt und grammatisch sowieso das einzige Richtige), kann man diese Ängstlichkeit verstehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.04.2013 um 06.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#23070

Im "uni kurier aktuell" 90/2013 der Universität Erlangen wird auch über das langfristige Forschungs- und Trainingsprogramm „Selbstständig im Alter“ berichtet, das aber gar nicht so heißt, sondern „Selbständig im Alter“. Die Abkürzung SimA ist sogar eingetragenes Markenzeichen.
Der Irrglaube, die Rechtschreibreform habe hier etwas geändert, und der Wunsch nach bedingungsloser Unterwerfung führen zu einer neuen Unstimmigkeit.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.07.2016 um 11.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#32788

Nach meiner Erfahrung halten 99 von 100 Mitmenschen die "Schreibweise" (eigentlich ja Wortbildung) selbstständig für "logischer". Sie glauben es, wenn man ihnen erzählt, hier sei dummerweise ein st ausgefallen und die Reform habe es wiederhergestellt.
Daran können wir nichts ändern.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 08.07.2016 um 14.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#32789

Ich erinnere mich noch genau, daß ich während meiner Schulzeit auch dachte, es wäre eine Ausnahmeschreibweise, ein st würde weggelassen, ungefähr wie das dritte t in Ballettanz, und mein damaliger Lehrer hat es mir auch nicht richtig erklärt oder erklären können.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 08.07.2016 um 17.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#32791

Mir wurde die Schreibweise von "selbständig" so beigebracht: "was von selber steht". Das blieb uns im Gedächtnis, und so vergaßen wir jegliche evtl. "Logik" mit dem doppelten "st". Die zwei "st" sprach ja sowieso keiner. Auch heute tut's keiner.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.07.2016 um 18.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=826#32793

Aus meinem Kritischen Kommentar:

selbstständig*, selbständig

Das Sternchen ist unberechtigt, da die Form selbstständig zwar im Duden bisher nicht verzeichnet, deshalb aber keine Falschschreibung, sondern eine beabsichtigte Lemmalücke war. Das Wort existiert seit Jahrhunderten, wurde aber aufgrund eines Gelehrtenstreits im 19. Jahrhundert nicht als normgerecht anerkannt, und der Rechtschreibduden sowie fast alle anderen Wörterbücher (auch der neue achtbändige Duden) fügten sich seltsamerweise diesem absurden Urteil – unter Vernachlässigung ihrer eigentlichen Aufgabe, nämlich den Bestand des deutschen Wortschatzes zu registrieren. Es handelt sich also gar nicht um ein orthographisches Problem. – Die Behauptung von Gallmann/Sitta (1996a s. v.), selbständig sei auf eine „Ausspracheerleichterung“ zurückzuführen, ist historisch falsch, schon weil es sich um die ältere Form handelt. Auch bei Heidrun Pelz: (Linguistik. Hamburg 1996:104) wird selbständig irrigerweise als Beispiel für Haplologie angeführt.

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Dazu noch: Die Lehrer könnten mal zur Diskussion stellen, woher das t in selbst eigentlich kommt, und die Aufgabe stellen, weitere Wörter mit einem solchen "unorganischen" t zu suchen.
 
 

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