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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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19.04.2007
 

Wortbildung – ganz entspannt
Anmerkungen zu einem neuen Buch von Elke Donalies (IDS)

Donalies, Elke: Basiswissen Deutsche Wortbildung. Tübingen, Basel 2007.

(Neckische Aufmachung: die Überschriften beginnen mit einem Unterstrich und enden mit einer schließenden Klammer, beides in Rotdruck.)

Die Verfasserin unterscheidet durchgehend nicht zwischen historischen und aktuellen Wortbildungen. Dadurch kommt es zu falschen Eindrücken und Pseudoproblemen: vergüten, verhüten, beschönigen, kleidsam, Gebirge usw. sind historische Formen, es erübrigt sich, nach heute geltenden Ableitungsregeln zu fragen. „Die Basis von bedeuten ist deuten.“ Ja, gewiß, aber nach heutigen Regeln kann man das eine nicht aus dem anderen herleiten. Kausative wie senken oder tränken (95) werden heute nicht mehr gebildet, auch nicht als „Randphänomen“ (95).
Ebenso werden spielerische und scherzhafte Bildungen nicht von den wirklich regulären Formen unterschieden. Sterbing und Rutsching sind eben nur Sprachspielereien, aus denen sich nichts schließen läßt. Es steht Donalies natürlich frei, zu Nachtigall auch Tagigall zu bilden, aber was soll's? (30) Aus der taz wird zitiert: Schreibmaschinerich und Photokopiermaschinin. Es wimmelt von Gelegenheitsbildungen wie ich werweißte noch.
Das ständige Durcheinander historischer, regulär gegenwärtiger und dann auch wieder exzentrisch-verspielter Wortbildungen wirkt äußest verwirrend. Man kann schlechterdings nicht sagen, daß Adjektive auf -bar meist aus Verben, selten auch aus Substantiven abgeleitet werden wie fruchtbar (59). Dieser Typ ist der ursprüngliche, jener der heutige, beide schließen einander synchron aus. Das Beispiel zeigt, wie schief die gesamte Darstellung geraten ist.

Bemerkenswert: das Höchste der Gefühle (4), bi-oweiß (10), Subs-tantiv (passim).

Fuchs statt schlauer Mensch ist nicht „metonymisiert“ (6), sondern metaphorisch.

Bei den Wortbildungseinheiten S. 9 fehlen ausgerechnet die Stämme, sie werden erst später eingeführt.

Daß Affixe nicht „mit sich selbst“ neue Wörter bilden, ist falsch ausgedrückt; gemeint ist, daß sie sich nicht mit anderen Affixen verbinden, daher nicht *unlich usw.

Daß in Kindchen -chen, in Sensibelchen aber sensibel das determinierende Element sein soll, leuchtet nicht ein. Vgl. auch Dummchen, Liebchen, Grauchen (Eselchen), Schneeweißchen.

Wie schon ihrem früheren Buch unterscheidet D. zwischen paradigmatischen und nichtparadigmatischen Elementen in der Kompositionsfuge. Sie führt drei Gründe an, warum pluralische Formen als Erstglieder tatsächlich als Pluralformen und nicht als Stämme mit Fugenelementen angesehen werden sollten: Erstens paßt es semantisch, in Länderspiel einen Plural zu entdecken (im Gegensatz zu Landesverteidigung). Das ist aber zirkulär, denn oft paßt es ja gerade nicht: Hühnerei, Kinderwagen. Hierzu äußert sie sich leider nicht, entsprechende Beispiele kommen gar nicht vor. Hühnerzucht kann man zwar nur mit mehreren Hühnern treiben, aber das Ei wird von einem einzigen Huhn gelegt. Zweitens sollen flektierte Formen in der Wortbildung nichts Besonderes sein; sie verweist auf Infinitivkonversionen wie das Denken und komparierte Adjektive. Aber der Infinitiv ist an sich ein Substantiv, die Flexion kommt hinzu: des Denkens. Der Komparativ ist eine nominale Stammbildung, Flexion kommt hinzu: breiter, breiteres.
Vor der kategorialen Einordnung des Partizips I kapituliert die Verfasserin wie ihr Gewährsmann Eisenberg, der das Partizip deshalb nicht als Verbform gelten lassen will, weil es nicht zur Bildung periphrastischer Formen herangezogen wird. Die Logik dieser Begründung entzieht sich meinem Verständnis. Es bleibt nur übrig, das Partizip als „ungewöhnliches“ Adjektiv mit „höchst unadjektivischen Eigenschaften“ anzusehen.

In Ladenaufschriften wie Reinigungs Annahme sieht Donalies das „entspannte Verhältnis zur Orthografie“, das sie schon im Vorgängerwerk erwähnte und brieflich auch für sich selbst in Anspruch nahm. Allerdings wissen wir, daß Ladeninhaber noch nie richtig schreiben konnten und Werbeleute sich bewußt manche Freiheit nehmen; mit der Standardsprache hat das nichts zu tun.

D. wehrt sich dagegen, substantivierte Adjektive wie die Kluge überhaupt zu den Substantiven zu rechenen, weil Substantive im Deutschen nicht wie Adjektive flektieren und auch keine Steigerungsformen haben. Sie setzt lieber Ellipsen an – ein hoher Preis, bei dem ihr selbst nicht ganz wohl zu sein scheint, und außerdem übergeht sie die Tatsache, daß Adjektive und Substantive von alters her gar nicht scharf getrennt waren und in der historischen Grammatik niemand mit Ellipsen rechnet. Die doppelte Adjektivflexion ist ja eine Neuerung. Man braucht auch die Substantive nicht zu steigern, wenn man zuerst die Adjektive steigert und sie dann substantiviert.

Diminution soll universal verbreitet sein. Wie ist dann aber die These zu verstehen, daß Augmentation universal an die Präsenz von Diminution gebunden sei? (76) Wenn es doch die Diminution überall gibt, kann man nichts weiter von ihr abhängig machen.

Die Verfasserin prägt auch selbst eine Reihe von neuen Wörtern, was die Verständlichkeit nicht immer fördert. Was bedeutet z. B. der Satz: „Das oppositioniert uns auch ein Text sehr schön“? Was ist eine „zarte Zärtlichkeit“? Ein „besonders gauniger Gauner“, „Nichtlebewesliches“ sollen wohl besonders originell wirken. Wortbildungsmuster sind „vital“ oder „invital“ oder „halblebig“, die Ergebnisse der Motion heißen „Motiva“ (ein Ausdruck, den ich noch nie in dieser Bedeutung angetroffen habe).

grünbraun (63) muß nicht kopulativ verstanden werden, da es Übergänge zwischen diesen Farben gibt.
Die Ausdrücke Nomen agentis, patientis, actionis, instrumenti usw. werden stets unreformiert klein geschrieben.

Bahuvrihi ist kein „indogermanisches“ Wort (60), sondern ein altindisches.

Die Fachausdrücke Dvandva und Karmadhâraya werden unnötigerweise nach Laurie Bauer zitiert, sie sollten Gemeingut der Sprachwissenschaft sein.

Das Adjektiv schmuck ist nicht aus dem Substantiv abgeleitet (93, dieser und weitere Irrtümer ähnlicher Art fanden sich schon im früheren Buch).
zahnen ist kein „Privativum“ (93), denn so nennt man nicht den Verlust der Zähne, sondern deren erstes Durchbrechen beim Kleinkind.
milchen und nachten (dieses beim Schweizer Autor Hürlimann!) sind keine „Okkasionalismen“ (94).

Mit „Rückbildungen“ kommt die Verfasserin erwartungsgemäß nicht zurecht, da es sich hier um die historische Herleitung handelt, für die aber gar keine Begriffe bereitgestellt werden. Bloße Vermutungen, ob das Verb oder das Substantiv (mähdreschen, notlanden) primär seien, sind irrelevant (97). Übrigens macht die Verfasserin selbst sehr gern von Rückbildungen Gebrauch: wortgebildet, bedeutungsbestimmen usw.

Christian Morgenstern ist falsch zitiert (99).

haiitianisch (104) ist zuviel des Guten.

Es gäbe noch mehr zu sagen, aber ich habe nicht vor, eine richtige Rezension zu schreiben.


Siehe auch http://rechtschreibung.com/Forum/showthread.php?postid=14968#post14968



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Kommentare zu »Wortbildung – ganz entspannt«
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Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 19.04.2007 um 21.26 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#8289

Da das "Basiswissen. ..." ja nicht die erste Veröffentlichung von E. Donalies zur deutschen Wortbildung und somit die Potenz der Autorin in diesem Bereich ohnehin sattsam kund ist, muß man sich dieses nicht unbedingt zu Gemüte ziehen. Im Vermeidungsfalle hat man den Gewinn, sein morphologisches Wissen in minimaler Basisordnung zu halten und zugleich starker Verwirrung zu entgehen.

Wunder nimmt indes, daß solche Art "Morphologien" des Deutschen bestimmten Institutionen und Verlagen aus bisher tief verborgenen Gründen verbreitungswürdig scheinen. Vielleicht ist Mannheim wirklich die Haupstadt der Verwirrten. Falls nicht, ist sie auf dem Wege, wenigstens Megapolis der Verwirrenden zu werden. Die Beseitigung der letzten verbliebenen Klarheiten (z.B. im Bereich der deutschen Wortbildung) ist immer noch eine jedes Opfer werte Aufgabe, das zum wiederholten Male zu erbringen E. Donalies sich nicht nehmen ließ.
 
 

Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 20.04.2007 um 09.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#8290

"aber das Ei wird von einem einzigen Huhn gelegt" - Hatten wir schonmal. Ich denke weiterhin, man kann argumentieren, daß das dem Bauern egal ist, und er das Ei als eines ansieht, das von Hühnern stammt. Von welchem Huhn genau, spielt wohl keine Rolle.

Zur Gattungsbezeichnung wird gerne einmal der Plural verwendet. Nicht immer, so z.B. nicht beim Wachtelei oder der Fischsuppe. Aber eine Hühnersuppe aus nur einem Huhn als Huhnsuppe zu bezeichnen, fiele wohl niemandem ein. Nur weil die Sprachgemeinschaft den Plural bisweilen großzügig zur Artbezeichnung einsetzt, muß meines Erachtens nicht jeder Plural in ein Fugenelement umgedeutet werden.

Kinderwagen: ein zum Transport von Kindern geeigneter Wagen. Natürlich in der Regel nur eines pro Transport.

Hundehütte: für Hunde. Paßt aber meist nur einer rein.

Gästebett: für Gäste. Pro Jahr 134 Gäste, aber seriell, einer nach dem anderen.

Augenlid, Nasenscheidewand, aber Ohrläppchen: hier kann man sich streiten.

Wenn all diese Formen aus Fugengründen gebildet werden, dann stellt sich die Frage, warum aus der Fugenbildung immer die Pluralform hervorging, und nicht Hundshütte o.dgl. entstanden ist. Und wo in Gästebett das Fugen-ä herkommt.
 
 

Kommentar von Ballistol, verfaßt am 20.04.2007 um 10.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#8291

Recht erstaunlich finde ich, daß die Hühnersuppe (Hühner=Pl.) zwar aus nur einem Huhn gemacht wird, die Nudelsuppe (Nudel=Sg.) aber fast immer aus mehreren Nudeln (Nachkriegsrezepte ausgenommen).

Vielleicht können die germanistisch Beleckteren einmal nach den Gesetzmäßigkeiten gründeln, die hinter dem Unterschied zwischen Singular und Plural stecken:

Hundehütte - Hundsfott
Männertreu - Mannweib
Gästebett (ein Gast) - Gasthaus (mehrere Gäste)
Bücherstütze (ein Buch) - Buchhandlung (mehrere Bücher)

usw.
 
 

Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 20.04.2007 um 10.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#8293

Nicht zu vergessen das Gästehaus und die Bücherei.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 20.04.2007 um 11.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#8297

Es muß nicht immer Plural sein; in sehr alten Wortbildungen kann der heutige scheinbare Nom. Plural auch ein alter Genitiv Sg. auf -en sein, und der alte Plural hatte einen anderen Endungsvokal: ahd. hano (Hahn), des hanen, die hanon; das herze, des herzen, die herzun. Auch der Umlaut kennzeichnet nur meistens den Plural, aber z.B. nicht in ahd. kraft, Gen.Sg. krefti = Nom.,Akk.Pl.
Trotzdem ist besonders bei Speise und Trank die Wortbildung sehr willkürlich: Gänsebraten, Gansbraten, Schweinebraten, Schweinsbraten, Apfelmus, Birnenmus, Kartoffelknödel, Semmelknödel, Marillenknödel usw., eben eine gewachsene Sprache mit langer Geschichte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.04.2007 um 15.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#8299

Die Verteilung von Singular und Plural im Erstglied von Zusammensetzungen sowie von Fugenzeichen ist noch nicht endgültig geklärt. Folgende Gesichtspunkte helfen, das scheinbare Chaos etwas aufzuhellen:
Erstens spielt der Ausgang des Erstgliedes eine Rolle, vgl. etwa Wörter auf -ung oder oder -heit mit Fugenzeichen s.
Zweitens die Region: Wo man Rindswurst sagt, sagt man eben nicht Rinderwurst.
Drittens - und das ist am interessantesten - scheint es zumindest Tendenzen zur semantischen Differenzierung zu geben. So verhalten sich Schwesterschiffe zueinander wie Schwestern, das Element "Schwester" hat also ungefähr die Funktion eines qualifizierenden Adjektivs. Ähnlich Tochterfirmen usw. Dagegen wären Schwesternschiffe Schiffe für Schwestern (KdF-Fahrten für Schwestern ..., vgl. Schwesternheim). Das Ganze muß noch einmal umfassend untersucht werden. Wir arbeiten dran.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 20.04.2007 um 16.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#8300

Weiteres Beispiel: Die Neubildung Gästehaus bedeutet etwas anders als das sehr alte Wort Gasthaus.
 
 

Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 20.04.2007 um 17.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#8301

Ebenso Bücherei <-> Buchhandlung. Spannend ist dabei, daß manche Leute auch eine Verkaufsstelle für Bücher - eben eine Buchhandlung - als Bücherei bezeichnen. Ist das regional bedingt?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 20.04.2007 um 19.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#8303

Die Doppeldeutigkeit von "Bücherei" als "Buchhandlung" und "Bibliothek" ist wohl historisch durch die Lehnübersetzung aus "libreria" verursacht: ital. libreria Bibliothek, Bücherschrank, Buchhandlung; span. libreria Buchhandlung, Bibliothek, Bücherei.
 
 

Kommentar von K.Bochem, verfaßt am 21.04.2007 um 00.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#8304

Germanist (#8297): ... der Umlaut kennzeichnet nur meistens den Plural, aber z.B. nicht in ahd. kraft, Gen.Sg. krefti = Nom.,Akk.Pl.

Könnte es sein, daß Sie sich da irren? Meines Wissens ist der Laut "e" in krefti als a-Aufhellung zu verstehen, also durchaus als Umlaut.
 
 

Kommentar von David Konietzko, verfaßt am 21.04.2007 um 12.07 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#8306

Natürlich handelt es sich um einen Umlaut, aber er kennzeichnet eben nicht den Plural, sondern den Genitiv Singular. „Germanist“ wollte darauf hinweisen, daß Erstglieder von Zusammensetzungen nicht immer auf einen Plural zurückgehen müssen, nur weil sie einen Umlaut enthalten.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.04.2007 um 00.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#8313

zu Germanist, verschiedene Arten von Knödeln (#8297):
Schon Karl Valentin, der das zweite n seiner berühmten "Semmelnknödeln" überhaupt für unstrittig hielt, ließ bezüglich des ersten n durchaus mit sich reden:
"Aber solang die Semmelnknödeln aus mehreren Semmeln gemacht werden, sagt man unerbitterlich: Semmelnknödeln." Genauso wollte er die "Kartoffelnknödeln" gemacht haben, und bei den "Schinkenknödeln" war das n sowieso "schon zwischendrin, es gibt keine Knödeln ohne 'n'." Dann aber gab er zu: "Ja stimmt - Lebernknödeln kann man nicht sagen!"
 
 

Kommentar von "Germanist", verfaßt am 22.04.2007 um 09.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#8314

Auf bairisch scheint die Mehrzahl von "Kartoffel" ebenfalls "Kartoffel" zu sein, denn an den Bauernhöfen hängen überall Tafeln mit "Kartoffel zu verkaufen". Wirklich überall, sodaß es kein Schreibfehler sein kann. Oder es ist hier ein Mengenbegriff wie Kraut.
 
 

Kommentar von Theodor Tempelmeier, verfaßt am 22.04.2007 um 12.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#8315

Zu Germanist:
> Auf bairisch scheint die Mehrzahl von "Kartoffel" ebenfalls
> "Kartoffel" zu sein, denn an den Bauernhöfen hängen
> überall Tafeln mit "Kartoffel zu verkaufen". Wirklich überall,
> sodaß es kein Schreibfehler sein kann.

Richtig.

Bairisch:
oa (=ein) Kartoffe, zehn Kartoffe,
oa Kürbis, zehn Kürbis, (ebenfalls an den Bauernhöfen zu sehen)
oa Schoof (=Schaf), zehn Schoof, (wie im Englischen)

Übrigens: Weiß das hier jemand, oder kann mir jemand Literatur dazu nennen: Es gibt noch mehr Ähnlichkeiten zwischen Bairisch und Englisch (oder bilde ich mir das nur ein?):

Bairisch: oa Apfe, a Apfe
Englisch: one apple, an apple
Hochdeutsch: Keine Unterscheidung ein - ein

Bairisch: oiwei (allweg?), hat die Bedeutung immer
Englisch: always
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.04.2013 um 10.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#23090

Die Betonung von Schneeweißchen, Dornröschen usw. – doch wohl auf der zweiten Silbe – ist schwer zu erklären. Es sind ja Determinativkomposita. Ich nehme an, daß der Gebrauch als Eigenname eine Rolle spielt. Da sie nicht appellativisch funktionieren, ist das Erstglied auch nicht unterscheidend, sondern man betont wie in unanalysierbaren Wörtern die letzte schwere Silbe. Ein Röschen an einen Dornenstrauch wäre ein Dórnröschen mit normaler Erstsilbenbetonung.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 29.04.2013 um 20.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#23092

Bei Namen aus einem zweisilbigen Grundwort und einem zweisilbigen Bestimmungswort scheint es keine strengen Betonungsregeln zu geben: Rosamunde, Swinemünde, Travemünde, Bremerhaven, Kellenhusen usw.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 30.04.2013 um 21.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#23100

Bei den von Germanist genannten Beispielen (das letzte soll wohl Kellinghusen heißen) wird, soweit mir bekannt ist, durchweg auf dem zweiten Glied betont. Die Zweisilbigkeit scheint eine prosodische Rolle zu spielen: Míttenwald ~ Mittenwálde, Maríenfeld ~ Marienfélde. Es gibt aber auch Schwankungen: Éuskirchen ~ Euskírchen ("Kirche in der Aue", am Umlaut ist das i wohl unschuldig, eine gewöhnliche Aukirche würde natürlich auf der ersten Silbe betont), Namen auf -hausen (Oberhausen, Sachsenhausen,...), Fránzensfeste. Aber auch bei einsilbigem Zweitglied gibt es Zweitbetonung: Bingerbr´ück, Waidbrúck (zumindest nach meinem Verständnis, ich weiß nicht, wie die Tiroler sagen), Belderbérg (Bonner Straßenname), Paderbórn (wie sagt man bei Quickborn?), Elmshórn. Viele legen auch Wert darauf, Westerwald auf dem a zu betonen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.06.2013 um 05.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#23403

Fast alle neueren Wortbildungslehren nehmen für das Suffix -er neben den Nomina agentis eine zweite Funktion Nomen instrumenti an. Ich halte das für verfehlt, weil es sich einfach um eine Metapher handelt, die sehr weit verbreitet ist und auf eine sozusagen archaische Denkweise zurückgeht. Man hat schon immer Werkzeuge und später Maschinen personifiziert, ihnen eine gewisse Eigenaktivität zugeschrieben. Wackernagel hat u. a. auf die Kriegsmaschinen hingewiesen, die schon bei Griechen und Römern so gesehen und teilweise mit Tiernamen versehen wurden. Noch heute tragen Raketen und Marsfahrzeuge Eigennamen, früher die Dicke Berta usw. Das gehört aber nicht in die Wortbildungslehre.

Bei Ableitungen wie Heber, Drucker, Spannungsprüfer haben wir denn auch den reinen Stamm des Nomen agentis, der uns wegen seiner Sexusneutralität so lieb und teuer ist.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 14.06.2013 um 21.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#23419

Sprachgeschichtlich sind die -er-Bildungen wohl nomina agentis, wenn sie tatsächlich auf das lateinische -arius zurückgehen (Müller < molinarius). Sind sie einmal etabliert, brauchen wir aber keine Metaphern, wenn die Bildung einfach Kausativ-Substantive darstellt. Ob ein Träger ein Mensch oder ein Gerät ist, ist nebensächlich, wenn er nur seine Funktion erfüllt, irgendetwas zu tragen. Andere Bildungsweisen betonen mehr die instrumentell-vermittelnde Funktion: eine Trage ist immer ein Gerät. Ähnliche Gruppen könnte man vielleicht genauer untersuchen, etwa:
Heber – Hebe – Hebel
Schläger – Schlegel
Stecher – Stachel
Schließer – Schließe – Schlüssel
Bildungen wie Bote (zu bieten), Bürge, Ferge (über Ecken zu fahren), Zeuge (zu ziehen) bezeichnen dagegen immer Personen oder als Personen gedachte Dinge ("Nur der Mond war Zeuge"). Chemische "Boten" werden interessanterweise durchweg als "Botenstoffe" bezeichnet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.06.2013 um 04.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#23420

Man muß die rein historischen, heute nicht mehr produktiven Muster von den noch aktuellen unterscheiden.

Spannungsprüfer ist offensichtlich neu, das Muster versteht sich für uns Muttersprachler von selbst, aber eigentlich ist es nicht selbstverständlich, wenn auch nachvollziehbar. Ich möchte also im Sinne von Hermann Paul sagen: Dieselben Gründe, die einst das Muster hervorgebracht haben, nämlich die Übertragung von der Person auf das Gerät, sind auch heute noch wirksam. Wir haben also nicht zwei homophone Suffixe für Personen und Geräte, sondern ein und dasselbe für beides. Herr Strowitzki hat also recht: es ist egal, ob ein Träger eine Person oder ein Ding ist, aber daß es egal ist, ist nicht egal, denn es könnte auch anders sein..

Manche lesen in die Wortbildung die sogenannten "Tiefenkasus" hinein, hier also gegebenenfalls die "Instrument"-Relation. Ich halte das für unnötig. Auch die Zeugmaprobe finde ich nicht triftig. Dieter E. Zimmer brachte vor 20 Jahren in der ZEIT eine Glosse zum neuen Suffixoid -träger: Hosen- und Hoffnungsträger. Für manche ist das ein Beweis, daß hier zwei verschiedene Funktionen vorliegen, aber es gibt viele Koordinationen, die wir seltsam finden würden, weil wir die "Gemeinsame Einordnungsinstanz" (Ewald Lang) nicht sehen. Das muß man nicht auf der grammatischen Ebene diskutieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.06.2013 um 07.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#23424

Zu den nicht mehr produktiven Mustern gehören auch Bogen,Tropfen, Graben.

Einige Nomina agentis sind erst nachträglich zum Verb gezogen worden, ursprünglich aber von Substantiven abgeleitet. Manchmal sieht man es ihnen noch an:

Sänger, Täter, Lügner, Redner

Manchmal nicht:

Geiger, Mörder, Lehrer, Spieler

Bei Wellmann (IDS-Wortbiildung) wird auch Lateiner zum Nomen agentis, offensichtlich falsch. Ebenso macht Wikipedia aus dem Substantiv „Stadt“ das denominale Nomen Agentis „Städter“. Der eine lateint, der andere städtet.
Nicht von der Wortbildung, aber von der Funktion her könnte man Dieb als suppletives Nomen agentis zu stehlen auffassen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.06.2013 um 13.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#23426

Das ist ein ergiebiges Feld für lustige Zeichnungen zu möglichen Doppelbedeutungen als Sache oder Person, z.B. Flaschenträger, Betonträger usw.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 15.06.2013 um 17.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#23430

"Flaschenträger, Betonträger usw."

Pfui, Gemanist!

Korrekt: Flaschentragende, Betontragende, Türsummende, Brotmessende, Scheinwerfende …
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 18.06.2013 um 14.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#23440

Das -er-Suffix hat Karriere gemacht. Bei Städter, Lateiner usw. ist es offenbar ein reines Zugehörigkeitssuffix, insofern dem latainischen -arius nicht unähnlich (molinarius = wer mit der molina zu tun hat). Interessant in diesem Zusammenhang auch Tier- und Pflanzennamen wie Fliege, Schlange, Schleiche, Winde, die doch wohl auch als Nomina agentis zu verstehen sind. Andere -e-Bildungen dagegen sind
Sprache, Rede, Denke als Nomina actionis und
Schmiede, Schenke, Wache, Warte, Tanke als Nomina loci.
Wie aber soll man einen Begriff wie Senke bezeichnen?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 18.06.2013 um 18.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#23442

Viele deutsche Wöter haben mehrere ganz unterschiedliche Bedeutungen. Für "Senke" gibt Wikipedia Anwendungen in der Geographie, Verfahrenstechnik und Mathematik an. Folglich kann "Senke" ein Nomen loci oder agentis oder actionis sein, Für "Quelle" gilt ähnliches. Die "Schubladisierung" hat ihre Grenzen.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 18.06.2013 um 20.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#23444

Eine Quelle ist da, wo etwas quillt, aber bei einer Senke, jedenfalls im geographischen Sinne, sinkt nichts. Das ist allenfalls eine abgesenkte Stelle. Als Gegensatz zu "Quelle" ist es allerdings ein Ort, wo etwas versinkt. Nomen loci wäre dann doch das nächste, aber es stimmt, man kann die Schubladisierung nicht bis ins äußerste treiben.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 18.06.2013 um 21.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#23445

Gerade geht mir der Begriff "Grube" durch den Kopf. Da gräbt auch nichts. "Grube" und "Senke" gehören demnach in eine eigene Kategorie passivischer-perfektivischer Substantivierungen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 18.06.2013 um 23.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#23446

"Grube" ist auch ein anderes Wort für Bergwerk, und dieses ist ein Mittel zur Gewinnung von Bodenschätzen. (Das Wort "Bergwerk" kommt davon, daß man anfangs nicht vertikal, sondern horizontal in den Berg oder das Gebirge eindrang.) Was in einer "Grube" wirklich gegraben wird, heißt Schacht und Stollen. In der Grube werden die Bodenschätze "abgebaut".
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 19.06.2013 um 13.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#23453

Eine Grube ist, wo jemand gegraben hat – wonach oder wofür, spielt keine Rolle. Fast synonym ist übrigens Gruft. Entsprechend ist eine Gabe etwas, was gegeben wird, wiederum ursprünglich fast synonym mit Gift (das sich erst nachträglich semantisch entfernt hat). Bezeichnend ist, daß nicht der Präsensstamm, sondern der Präteritalstamm verwendet wird (was bei Senke nicht hervortritt). Bei den Komposita wird es allerdings verwickelt: "Aufgabe" im Sinne von "einen Kampf beenden" oder auch "Eine Fracht zum Versand geben" ist Nomen actionis, im Sinne von "Problem" gehört es in die Kategorie von Gabe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.10.2013 um 07.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#24271

Ich weiß nicht, ob ich es schon einmal erwähnt habe: Nach meiner Beobachtung und flüchtigen Internet-Recherche wird der Plural "Ratschläge" ungefähr viermal so oft verwendet wie der Singular. Das ist aus einer Betrachtung der beiden Formen allein nicht zu erklären. Man muß vielmehr darauf zurückgehen, daß "Ratschläge" auch noch suppletiv als Plural zu "Rat" (in gleicher Bedeutung) verwendet wird.

Nur ein kleines Beispiel für die enormen Schwierigkeiten, die sich einer gescheiten Lexikologie in den Weg stellen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.01.2014 um 09.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#24914

Bei Fällen wie Landmann – Landsmann liegt der Bedeutungsunterschied auf der Hand, es fragt sich nur, ob in der Setzung des Fugen-s eine gewisse Systematik liegt. Das kann nur durch weitere Beispiele geklärt werden. Sportfreund – Sportsfreund wäre ein Anfang.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 23.01.2014 um 10.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#24915

Liebedienerin – Liebesdienerin
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 23.01.2014 um 11.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#24916

(Für alle Fälle: Man denke sich das Smiley dazu ...)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.07.2015 um 17.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#29352

Wie gesagt, halte ich das meiste, was in neueren Wortbildungslehren über "Konversion" gesagt wird, für falsch. Der Infinitiv ist mit dem Wortbildungssuffix -(e)n gebildet und ist ein Verbalsubstantiv. Die Neueren rechnen das Suffix zu den Flexiven, stehen also wieder einmal vor der Tatsache, daß sie eine flektierte Form nochmals flektieren müssen: des Essens. (Vom Vorgang des Essens zur Speise selbst – das ist ein rein semantischer Vorgang, ein gängiger Bezeichnungswechsel, der die Wortart nicht betrifft.)
Das Verb röntgen ist tatsächlich aus dem Eigennamen konvertiert. kneippen aber nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2016 um 03.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#33323

Nachtrag zu "Hühnersuppe":

Die Hühnersuppe spielt in Büchern (besonders Erinnerungsbüchern) und Filmen eine gewisse Rolle. FAS zitierte mal eine Hebamme, für die es zu einer normalen Frau und Mutter gehört, Hühnersuppe kochen zu können. Das ist sozusagen sprichwörtlich.

Umfassend (teilweise nach der englischen Vorlage):
https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%BChnersuppe

Zu den wunderbaren Wirkungen der Hühnersuppe gehört, wie man dort erfährt, ein Placebo-Effekt.

Auf Wolfram Siebeck habe ich anderswo verwiesen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2016 um 03.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#33410

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#8299

In der FAS war neulich vom Schwesterkrieg zwischen CDU und CSU die Rede. Das wäre ein benachbarter zweiter Krieg und nicht ein Krieg zwischen Schwestern. Umgekehrt sind die beiden Parteien Schwesterparteien, während man bei einer Schwesternpartei an Lobbyismus von Krankenschwestern denken würde.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.01.2017 um 10.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#34207

Bekanntlich wird um so eher ein Fugenelement gesetzt, je komplexer das Erstglied einer Zusammensetzung ist: Werkzeug – Handwerkszeug, Trittbrett – Eintrittskarte usw.

In vielen Fällen geht es darum, daß die komplexeren Gebilde einfach jünger sind. So ist Oberlandesgericht mehrere Jahrhunderte jünger als Landgericht und zeigt die modernere Bildeweise. Die Funktionalisierung, die von der Komplexität unabhängig ist (Landmann – Landsmann), darf man hier nicht suchen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.05.2018 um 04.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#38650

Eine Probenraum ist ein Raum für Proben, ein Proberaum ein Raum zur Probe (tentativ: Probealarm, Probeabzug usw.). Die Verwendung geht aber durcheinander, wozu beitragen könnte, daß Probe- auch der Infinitivstamm ist: also Proberaum = Raum zum Proben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2019 um 09.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#40904

Zur heilsamen Wirkung der hier bereits ausführlich besprochenen Hühnersuppe bei Erkältungen lassen sich die Ärzte immer neue Begründungen einfallen. Sprachlich interessant:

Das enthaltene Hühnchen in der Suppe ist reich an Proteinen. (https://www.heilpraxisnet.de/naturheilpraxis/alte-hausmittel-wie-effektiv-hilft-huehnersuppe-tatsaechlich-bei-erkaeltungen-20190219441496)

Diese Wortstellung trifft man oft, die stammt wohl aus der Abneigung gegen erweiterte Attribute, hier also

Das in der Suppe enthaltene Hühnchen...

Viele stellen die Hühnerbrühe allerdings wie Wolfram Siebeck her: Ich koche zwei Hühner und werfe sie weg..., also eine klare Brühe. Das ist die feinere Küche, weil Suppenhühner ja ziemlich ausgeleiert sind.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.02.2019 um 13.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#40905

Das Attribut enthaltene klingt sowieso leicht gestelzt, egal wo die Erweiterung steht. Warum nicht einfach wie folgt?

Das Hühnchen in der Suppe ist reich an Proteinen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2019 um 14.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#40906

Genau. Das ist auch die Richtung, die ich in meinem "Schlankdeutsch" einschlage und einübe: Immer so einfach wie möglich, ohne daß es unnatürlich klingt.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 22.02.2019 um 14.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#40908

Es kommt auf den Zusammenhang an. In Tütensuppen zum Beispiel dürfte kaum Huhn enthalten sein, da wäre es übertrieben, vom Hühnchen in der Suppe zu reden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.02.2019 um 16.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#40909

Es geht aber gerade nicht um irgendwelche Tütensuppen, sondern um Suppen, die tatsächlich und ausdrücklich Huhn enthalten. Und dazu sagt man dann besser das Huhn in der Suppe anstatt das in der Suppe enthaltene Huhn.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 22.02.2019 um 17.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#40911

Das Huhn in der Suppe, das Haar in der Suppe, der Stein in der Suppe (Geoffrey Chaucer) usw. schön!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2019 um 04.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#40912

Dem Hinweis auf Chaucer würde ich gern nachgehen, aber meine Bildung reicht nicht aus. Können Sie helfen?

Den Huhngehalt von Tütensuppe hatte ich bereits ermittelt:
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=783#39028

Ein Freund versicherte mir, daß Tütensuppen, obwohl junk food schlechthin, eine gute Hilfe beim Abnehmen sind.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 23.02.2019 um 13.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#40918

Hühnertütensuppe ist (mit oder ohne Huhn) auch gut gegen Kater.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.02.2019 um 19.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#40923

Englische Wikipedia: "Stone Soup". Möglicherweise habe ich sie fälschlich den "Canterbury Tales" zugeschrieben.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 20.11.2019 um 22.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#42438

zu 820#24914 f.:

Ein weiteres Paar wäre Menschenkinder – Menschenskinder, mit unterschiedlicher Verwendung.

Außerdem ist es wohl ein sehr seltener Fall eines Fugenelements, egal ob man es zusätzlich zum eindeutig markierten Plural oder als zwei verschiedene Fugenelemente auf einmal ansieht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.11.2019 um 05.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#42441

Vergleichbar wäre Schmerzensgeld usw., wobei zu berücksichtigen ist, daß Schmerz auch um n erweitert vorkam und dann erst das Genitiv-s angehängt wurde. Starke und schwache Deklination wechselten oft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.02.2020 um 17.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#43040

Im Lexikon Deutsche Morphologie (Hentschel/Vogel) gibt es ein kurzes Kapitel Wortbildung von Elke Donalies:

"Bei der Rückbildung, auch Pseudokomposition oder retrograde Derivation genannt, werden explizite Derivate um ihre Wortbildungsaffixe gekürzt: So soll Sanftmut aus sanftmütig, notlanden aus Notlandung gekürzt worden sein. Dieses Erklärungsmodell ist nötig, wenn Wörter wie Sanftmut nicht als übliche Komposita analysiert werden sollen. Es spricht jedoch nichts dagegen, Wörter wie Sanftmut als Komposita zu analysieren. Auch erklärt das Erklärungsmodell Rückbildung nicht, wie Wörter wie sanftmütig ohne eine Basis Sanftmut überhaupt entstanden sein können (Donalies 2007: 95–97).“

Dann kann sie bestimmt auch das feminine Genus von Sanftmut erklären.
 
 

Kommentar von Ivan Panchenko, verfaßt am 27.02.2020 um 21.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#43043

Auf das Argument mit dem Genusunterschied (der Mut, aber die Sanftmut) wird übrigens hier eingegangen: https://grammis.ids-mannheim.de/systematische-grammatik/638
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.02.2020 um 05.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=820#43045

Die Argumentation dort ist nicht schlüssig.

Erstens würde das Argument der immer unvollständigen Textüberlieferung jede historische Sprachwissenschaft unmöglich machen. Im Einzelfall ist mit Unsicherheit zu rechnen, aber in der großen Masse ist es sehr wohl möglich, aus der Datierung der Erstbelege von Wörtern historische Schlüsse zu ziehen. Mähdrescher und Spritzguß dürften sich wohl zweifelsfrei als früher nachweisen lassen als die auch von Donalies angeführten Verben. Ein gewaltengeteilter Staat setzt Gewaltenteilung voraus, inzüchten ist später als Inzucht, schleichwerben später als Schleichwerbung.
Verben sind überhaupt weniger kompositionsfreudig als Substantive. Niemand würde studentenbewegt bilden, wenn es nicht schon Studentenbewegung gäbe. (Vgl. die große Menge von mehr oder weniger unzweifelhaft belegten Entsprechungen bei Wilhelm Schmidt: Deutsche Sprachkunde.)

Zweitens: Donalies schreibt hier wie anderswo: „...können die in der Forschungsliteratur als Rückbildungsprodukte interpretierten Bildungen synchron gegenwartssprachlich gesehen offenbar in allen [!] Fällen als Wortbildungsprodukte der sonstigen Wortbildungsarten verstanden werden.“
Natürlich kann man historische Zusammenhänge auch gegenwartssprachlich simulieren, und das tut Donalies durchgehend, weil sie historische Tatsachen mit gegenwartssprachlichen Möglichkeiten gleichstellt und die Belege unterschiedslos vermischt. Die historische Frage, wie Sanftmut entstanden ist, läßt sich aber nicht mit Spekulationen darüber entscheiden, wie man es heute herleiten könnte. (Ein Fehler vieler „moderner“ Wortbildungslehren, wie schon bei Altmann und anderen diagnostiziert.)

Drittens: Genuswechsel kommt oft vor, das ist klar, aber auch hier wieder wäre zu zeigen, daß aus der Sanftmut die Sanftmut geworden ist. Und zuvor natürlich der sanfte Mut zu der Sanftmut. Mit einer allgemeinen Bemerkung über Genuswechsel ist es nicht getan. (Auch nicht mit der allgemeinen Tatsache des Bedeutungswandels.)

Viertens: Die Tatsache der Rückbildung läßt sich nicht bestreiten. Männerfreund ist aus Männerfreundschaft gekürzt, während es formal umgekehrt aussieht. Es ist plausibel, daß zwischen Schröder und Putin eine Männerfreundschaft besteht, während man Putin nicht als Schröders Männerfreund bezeichnen würde. (Ich rechne auch mit Rückbildung aus Komposita, also auch ohne Wortartwechsel; die Beschränkung auf Ableitung scheint mir nicht gerechtfertigt. Auch Kürzung muß nicht stattfinden: Familienunternehmer geht sicher auf Familienunternehmen zurück. Das Muster ist immer dasselbe: scheinbare Herleitung des Früheren vom Späteren. Eine entsprechende Definiton wäre wünschenswert.) Daß das Rückbildungsmodell „synchron gegenwartssprachlich nicht unbedingt gebraucht wird“, kann ich nicht erkennen.

Fünftens: er bruchrechnet (nicht: er rechnet Bruch, wie Donalies schreibt) ist unbestreitbar ein Wort und aus Bruchrechnung rückgebildet. Von „syntaktisch mobilen Bestandteilen“ kann keine Rede sein. Zu notlanden (er landet Not?) äußert sich Donalies hier nicht mehr.

Sechstens: Donalies fragt, „wie denn offensichtliche Wortbildungsprodukte des Typs sanftmütig oder eigensinnig (...) analysiert werden sollen: Ableitungen aus Sanftmut und Eigensinn + -ig können sie der Rückbildungshypothese zufolge ja nicht sein, wenn Sanftmut und Eigensinn gerade umgekehrt Ableitungen aus sanftmütig und eigensinnig sein sollen. Was aber dann?“

Donalies hat aber einige Seiten zuvor Zusammenbildungen bestritten und stattdessen etwa grünäugig usw. als „explizite Derivate aus Nominalphrasen (grün(es) Auge + -ig) analysiert“. Das ist übrigens auch nur eine formalisierte Simulation, mit der man einen Chomskyschen Automaten füttern könnte, und keine wirkliche Alternative zur herkömmlichen Zusammenbildung, die gar kein solches pseudo-prozessuales Generierungsmodell ist.

(Derivation aus Nominalphrasen scheint mir keineswegs so unproblematisch zu sein. Das ist ein anderes Kapitel.)

Insgesamt kommt mir der halsbrecherische Versuch, Rückbildung aus der Wortbildung auszuschließen, sowohl historisch als gegenwartssprachlich gescheitert vor. Er gehörte zu der Welle „generativer“ Simulation anstelle historischer Analyse.
 
 

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