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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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02.06.2011
 

Logik der Negation
Unfromme Anmerkung

Frau Käßmann hat auf dem Evangelischen Kirchentag gesagt:
"Nichts ist gut in unserem Land, wenn so viele Kinder arm sind."
Bekanntlich hatte sie auch in Afghanistan gar nichts Gutes erkennen können, aber ihre neue Aussage läßt mir nun doch keine Ruhe. Wenn in einem Land etwas schlecht ist, dann folgt daraus, daß dort nicht alles gut ist, aber nicht, daß alles nicht gut ist. Man sollte mit der Negation etwas sorgfältiger umgehen. Die Zuhörer waren aber trotzdem begeistert.



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Kommentare zu »Logik der Negation«
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Kommentar von Kurt Albert, verfaßt am 02.06.2011 um 18.50 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#18782

Negation ...

Wäre hier nicht eher die Konjunktion ins Auge zu fassen (Beispiele dieser Art sind mir immer wieder begegnet: Unsicherheiten beim Konjunktionengebrauch)?
Mit "da" oder "weil" formuliert, käme mir der fragliche Satz schon grammatisch akzeptabler vor.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.06.2011 um 20.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#18783

Ich glaube nicht, daß sich Frau Käßmann in der Logik vertan hat. Wenn nichts gut ist, dann ist alles schlecht. Also heißt ihr Satz:

Alles ist schlecht in unserem Land, wenn so viele Kinder arm sind.

Ich glaube, das ist genau das, was sie sagen wollte: nicht daß etwas schlecht ist, sondern tatsächlich alles. Damit muß man nicht einverstanden sein, trotzdem ist dies m. E. weniger eine Frage der Logik, sondern der Rhetorik.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 03.06.2011 um 00.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#18784

Ich stimme Herrn Riemer darin zu, daß an dem Satz von Frau Käßmann weder grammatisch noch logisch etwas auszusetzen ist.

Ich glaube allerdings nicht, daß sie sagen wollte, daß alles schlecht sei in unserem Land. Ihre Aussage ist wohl eher als eine rhetorische Floskel aufzufassen, die ich folgendermaßen verstehe: "All das Gute in unserem Land kann die Tatsache nicht aufwiegen, daß so viele Kinder in Armut leben."

Selbst das halte ich allerdings für eine maßlose Übertreibung. Noch vor 100 Jahren sind in Deutschland 16% der Kinder vor dem sechsten Lebensjahr gestorben, während heute angeblich 14% der Kinder in "Armut" leben – jedenfalls nach einer der diversen Schätzungen, auf die sich Frau Käßmann anscheinend stützt, denn sie spricht von jedem siebten Kind. Ganz abgesehen von der Kinder- und auch Erwachsenenarmut vor 100 Jahren, scheint mir das doch ein gewaltiger Fortschritt für die Kinder zu sein.

Frau Käßmann spricht zugleich von einer "Ethik des Genug". Warum begnügen wir uns dann nicht alle mit dem Lebensstandard eines Sozialhifeempfängers? Weder würden wir dann verhungern, noch gäbe es "Kinderarmut".

Frau Käßmann kritisiert anscheinend auch die deutschen Waffenexporte. Warum kritisiert sie nicht, daß in Deutschland überhaupt Waffen hergestellt werden? Wo sie doch das gemeinsame Gebet bei Kerzenschein für die bessere Lösung hält. Wenn wir Deutsche das Recht auf Selbstverteidigung mit der Waffe haben, warum sollten wir nicht auch anderen Völkern dabei helfen?

Frau Käßmann ist eben Vertreterin einer Hypermoral, die sich um die Lebenswirklichkeit nicht kümmert. Daß so viele Deutsche sie deshalb anhimmeln, stimmt mich sehr bedenklich. Da ist es ja nur folgerichtig, daß anscheinend bei uns ganz praktische Fragen inzwischen nicht mehr von der Regierung, sondern von "Ethikkommissionen" entschieden werden.

Als Theologin sollte Frau Käßmann uns besser mal erklären, wieso ihr Gott solche Mißstände wie "Kinderarmut" überhaupt zuläßt. Für sie ist aber das Evangelium anscheined nur eine "Anleitung zum Glücklichsein". Da könnte ich ja genausogut ein Buch wie "How to get rich without really trying" lesen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.06.2011 um 08.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#18785

Herr Achenbach hat völlig recht, und darauf wollte ich ja auch hinaus, als ich das Ganze für einen logischen Fehler zu halten vorgab. Mich stört diese hemmungslose Rhetorik. Manche Leute fühlen sich in einer Position, wo sie keine Begründungspflichtigkeit ihrer krassen Thesen mehr empfinden. Kanzelreden über Gott und die Welt, besonders aber über letztere, gehören dazu. Die Interventionen in anderen Ländern, wo leider nicht alles gut ist, sind ein sehr schwieriges Thema, ebenso die Rüstung, die Umwelt, die perinatale Medizin und die Energieversorgung, und ich sehe hier keine besondere Qualifikation, mit fromm klingenden Sprüchen Lösungen anzudeuten, die keine sind. "Schreckliche Vereinfacher" ist noch das mindeste, was man hier sagen muß.

Durch den Hinweis auf das Übel in der Welt verschafft man sich augenblicklich einen rhetorischen Vorteil, ohne weiteres Zutun und vor allem ohne seine krassen Forderungen selbst durch einen heiligmäßigen Lebenswandel beglaubigen zu müssen. Das ist eigentlich unfair.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.06.2011 um 09.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#18786

Und gleich noch eine Beobachtung zwischen Theologie und Sprache:

»Der nordelbische Bischof Gerhard Ulrich hat zum Schutz des Sonntags als "verlässliche Größe" aufgerufen. Es müsse darauf geachtet werden, dass "die Menschen strukturierte Zeit bekommen" und Phasen der "Entschleunigung", sagte Ulrich beim evangelischen Kirchentag in Dresden. Die Sonntagsruhe werde gebraucht, "um gesund zu bleiben".« (epd 3.6.11)

Es fällt auf, daß die Begründung so unbiblisch klingt, nicht einmal die "seelische Erhebung" wie in manchen Länderverfassungen wird bemüht. Mir fällt dazu ein, daß in Peter Häberles Abhandlung "Der Sonntag als Verfassungsprinzip" auffallend viele Ausrufezeichen stehen. In einem juristischen Fachtext erwartet man das nicht ohne weiteres. Tatsachenfeststellungen gewinnen dadurch einen seltsam triumphierenden Charakter.
 
 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 04.06.2011 um 19.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#18794

Die Geschlechtslosen oder Geschlechtsgerechten sind eingeladen: "Vom 1. bis 5. Juni 2011 werden rund 100 000 Dauerteilnehmende den 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden feiern."
(Startseite des Kirchentages)
Und an Beugungsschwäche leidet man auch:
"Der dortige "Fahrradfreundliche Kirchentag", gestaltet in Zusammenarbeit mit dem Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club (ADFC) und der Gastgeberstadt, ..."
 
 

Kommentar von Marconi Emz, verfaßt am 04.06.2011 um 23.29 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#18796

Frau Käßmanns Aussage lässt allerlei interessante Deutungen zu, zum Beispiel "Nichts ist gut in diesem Land, solange nicht alle Kinder reich sind" bzw. "Dieses Land ist erst dann ein gutes Land, wenn alle Kinder reich sind". Aber wie auch immer, dümmlich bleibt die Aussage in mehrfacher Hinsicht sowieso, unter anderem, weil Kinder ja an sich arm sind, da sie normalerweise weder über Vermögen verfügen, erfolgreiche Aktiengeschäfte tätigen noch in Firmenvorständen sitzen.

Zudem käme Frau Käßmann dann auch das biblische Gleichnis von den Reichen und dem Kamel in die Quere, und das wollte sie vermutlich unbedingt vermeiden. Naive Kirchentagsbesucher könnten aus diesem Gleichnis möglicherweise sogar schließen, dass Deutschland unbedingt noch viel, viel mehr arme Kinder oder besser gesagt arme Eltern benötigt, um sich endlich in Richtung eines wahren und guten Gottesstaates entwickeln zu können.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 05.06.2011 um 17.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#18798

Herr Achenbach hat völlig recht: Frau Käßmann gefällt sich in rhetorischen Plattheiten und spekuliert dabei erfolgreich auf die fromme Einfalt des Publikums. Daß deutsche Waffenexporte dem selbstlosen Zweck dienlich seien, anderen Völkern bei der Selbstverteidigung zu helfen, war hoffentlich sarkastisch gemeint.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 05.06.2011 um 19.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#18800

Lieber Herr Virch,

in meinem Beitrag war nichts sarkastisch gemeint. Allerdings habe ich auch nicht von einem "selbstlosen Zweck" gesprochen.

Aber wenn wir uns selbst das Recht auf Besitz von Kriegswaffen zusprechen, so können wir dieses Recht nicht grundsätzlich anderen Ländern absprechen. Deshalb können wir Waffenexporte nicht allgemein verteufeln.

Über Einzelheiten kann man sich natürlich streiten. Dann muß man aber genau hinschauen. Wenn wir Minenräumgerät nach Angola exportieren, so ist das nicht beklagens-, sondern begrüßenswert. Und wenn wir wollen, daß afghanische Streitkräfte eines Tages selbst für die Sicherheit ihres Landes sorgen und die Bundeswehrsoldaten in Kundus ablösen, sollten wir tunlich mithelfen, die afghanische Armee durch entsprechende Ausbildung und Ausrüstung dazu in die Lage zu versetzen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 06.06.2011 um 08.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#18803

Lieber Herr Achenbach,

ja, genaues Hinschauen ist angezeigt. Deutschland belegt schließlich Weltrang drei im blühenden Waffengeschäft. Dabei sind Gewinne wie diejenigen der Fondgesellschaft DWS Investments (Tochter der Deutschen Bank), welche die Herstellung von Streubomben finanziert, nicht mal berücksichtigt. So zu tun, als diene die Spitzentechnologie unserer Rüstungsunternehmen vornehmlich der Minenräumung in Angola und der Selbstverteidigung wackerer Afghanen, während man sich ansonsten höchstens um Einzelheiten streiten könne, erscheint mir nicht minder fromm als Frau Käßmanns Pose.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.06.2011 um 11.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#18804

Um mal auf die sprachliche Seite zurückzukommen: Mich interessiert seit je die Gruppendynamik. Im Dialog mit Einzelpersonen würden wir uns manches nicht bieten lassen, was unter den Bedingungen der Massenkommunikation zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Zum Beispiel die These, daß Waffeneinsatz niemals zu Frieden führt. Schon Anfang 2010 hatten mehrere gebildete Menschen Grund, Frau Käßmann an die Beendigung des Zweiten Weltkrieges und an die lange Friedensperiode danach ("Gleichgewicht des Schreckens") zu erinnern. Aber das prallt ab, der radikalpazifistische Spruch ist halt viel attraktiver und gilt auch noch als "mutig".
Dauernd nur von sich selbst zu reden, kann andere ganz schön nerven, aber unter gewissen Umständen gilt es als "Authentizität" und wird mit hohen Auflagen belohnt.
In Gremien erlaubt man auch einiges. Zum Beispiel sind wahrscheinlich alle Anwesenden dagegen, einen Text mit feministischem Finish zu überziehen, trotzdem geschieht es.
Die Rechtschreibreform wurde, wie uns ein Hauptbetreiber verraten hat, von allen Politiker abgelehnt: "Alle waren dagegen, aber unterschrieben haben sie trotzdem!"
Wie geht das zu?

(Übrigens wird der allergrößte Teil der Kriegswaffen niemals eingesetzt, und abschlachten kann man einander auch ohne sie – wie in Ruanda.)

Und noch etwas: Es scheint eine unwiderstehliche Versuchung zu geben, sich zu allem und jedem zu äußern, wenn man von allen Seiten gefeiert wird. Ich kenne das selbst ein kleines bißchen. Nachdem mir der Kampf gegen die RSR einen ungewollten Bekanntheitsgrad verschafft hatte, wurden auch andere Fragen an mich herangetragen. Erst kürzlich habe ich wieder jemanden abweisen müssen. Kirchenleuten, die ja auch ständig in irgendwelche Kommissionen berufen werden, traut man sowieso alles zu (s. Religionsunterricht mit seinem erstaunlichen Themenkatalog!), und das verträgt mancher von ihnen offenbar nicht so gut. Applaus ist eine Droge.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 09.06.2011 um 13.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#18832

Also, ich hätte überhaupt nichts dagegen, wenn Sie sich zu allem und jedem äußern. Aktuell fehlen zum Beispiel noch Ihre Stellungnahmen zu Strauss-Kahn und Kachelmann!

;-)
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 10.06.2011 um 19.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#18844

"Nichts ist gut in unserem Land, wenn so viele Kinder arm sind."
Ist der Satz nicht eine Art ausformulierter Superlativ? Mit dem man immer vorsichtig umgehen sollte. Zumal dann, wenn der Befund Kinderarmut nicht unumstritten ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.07.2011 um 11.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#18948

Lieber Herr Wrase, zu Kachelmann und Strauss-Kahn hatte ich von Anfang an die Meinung, die heute (fast) jeder hat, aber darum geht es mir nicht.
Bei den Medien ist Selbstzerknirschung angesagt. (SZ 4.7.11)
Zuviel des Guten. Zerknirschung (contritio) ist immer selbst, nicht wahr? Andere kann man ja nicht zerknirschen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 04.07.2011 um 12.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#18949

Das klingt ja fast, als sei meine Rückmeldung als ernstgemeint verstanden worden. Das Ironische daran war doch kaum zu verkennen, und zusätzlich habe ich ein Augenzwingern dahinter getippt. Ernst gemeint war immerhin der Hintergrund, daß mich Ihre Einschätzung tatsächlich interessiert hätte, lieber Professor Ickler ...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.05.2012 um 07.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#20631

Eine gewisse Akribie wird man dem anonymen Angreifer nicht absprechen können, wenn er auf jeder sechsten Seite angeblich Plagiate entdeckt haben will. (Deutschlandradio 5.5.12)

Das angeblich ist aus logischer Sicht zuviel. Man kann es mit der Negationenhäufung vergleichen
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.05.2012 um 08.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#20632

Ungemein häufig ist der logische "Overkill" in Sätzen wie diesem:

In den meisten Ländern ist das Tanzverbot nicht nur auf den Karfreitag beschränkt, sondern gilt auch für eine Reihe weiterer stiller Tage. ("Feiertage" bei Wiki)

Es ist also nicht nur auf den Karfreitag beschränkt, sondern auch noch auf andere Tage ...

(Ich bin darauf gestoßen, weil die Zeitungen gerade über einen kuriosen Fall berichten: Ausgerechnet der bayerische Innenminister Herrmann will das Tanzverbot lockern. Die Junge Union ist dagegen, will "die bayerische Kultur und damit auch die christlichen Werte" verteidigen. Dabei wäre die Lösung so einfach: Wer tanzen will, tanzt, und wer lieber still sitzen will, tanzt nicht. Das bloße Bewußtsein, daß andere Leute tanzen, kann doch so störend nicht sein. Und gegen Lärm helfen die bestehenden Gesetze.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.06.2013 um 07.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#23437

Manche Wörter "enthalten" gewissermaßen versteckt eine Negation. Bei nur liegt es auch etymologisch auf der Hand, bei kaum dagegen nicht. Man bekommt es heraus durch verschiedene Tests, z. B. kann man das Modalverb brauchen nur in einem negativen Kontext benutzen: Ich brauchte ihn kaum anzusehen, da wußte ich Bescheid. Oder die Fortsetzung mit sondern: Der Vogel atmete kaum noch, sondern lag im Sterben.
kaum läßt sich meistens mit "fast nicht" umschreiben.

Manche Wörter scheinen ebenfalls eine Negation zu enthalten, z. B. streiken ("nicht arbeiten"), bestehen aber die Probe nicht: *Sie streikten, sondern blieben zu Hause..
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.06.2013 um 10.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#23448

Ich spüre immer ein Unbehagen, wenn ich so etwas lese:

Sie gilt als eine der renommiertesten Grundschulforscherinnen. (SPIEGEL 17.6.13)

Natürlich kann man es konstruieren: Sie steht eben im Ruf, in einem guten Ruf zu stehen. Aber ohne das Fremdwort würde man es nicht so hinschreiben. Semantischer Overkill gewissermaßen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 19.06.2013 um 11.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#23449

Bei mir stellt sich auch ein Unbehagen ein. Aber, wie ich glaube, nicht wegen eines Overkills, sondern wegen zweier widerstrebender Tendenzen: renommiertesten ist ein Maximum, dagegen stehen aber die beiden Einschränkungen eine der und gilt als.

Bei beiden Einschränkungen weiß man nicht, wie stark sie sind: Wie viele renommierteste Grundschulforscherinnen gibt es denn? Wenn es wenige sind, besagt die Zugehörigkeit viel, wenn es viele sind, besagt sie wenig. Und was soll gilt als heißen – "gilt allgemein" oder "wird von manchen so eingestuft"? Soll das eine Tatsache sein oder eine vage Wiedergabe von Meinungsäußerungen?

Einerseits schallt dem Leser ein Superlativ entgegen, aber der wird schon im Vorfeld zweifach verwässert. Es bleibt unklar, was von der starken Behauptung renommiertesten überhaupt noch übrigbleibt. Wie ein mit Wasser übergossener Chinaböller, von dem man die Zündschnur abgetrennt hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.06.2013 um 11.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#23450

Da haben Sie auch wieder recht. Erinnern Sie sich übrigens noch an unsere frühere Diskussion über den Superlativ mit Einschränkung? Das war hier:

www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1409
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 19.06.2013 um 22.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#23458

Auf eine Art enthält ja fast jedes Verb eine versteckte Negation, denn etwas tun bedeutet, das Gegenteil nicht zu tun, sitzen heißt nicht stehen usw. Es gibt m. W. gar kein Verb, das für sich die Probe mit sondern bestehen könnte. Sondern benötigt immer eine explizite Negation mit nicht, nie, kein, kaum. Letzteres geht wohl gerade noch, aber schon die mit kaum fast gleichbedeutenden Wörter wenig, selten bestehen eine Probe mit sondern nach meinem Gefühl nicht:
*(?) Er trinkt selten Tee, sondern meist Kaffee.
Ich bin aber nicht sicher, vielleicht ist dieser Satz doch in Ordnung?
Auf jeden Fall aber besteht nur sie nicht:
* Er trinkt nur Tee, sondern Kaffee.
Heißt das nun, daß nur gar keine Negation enthält? Nein, die Negation steckt schon drin, ich finde, etwa so wie bei den Verben: nur bedeutet nichts anderes als. Aber erstaunlicherweise besteht nur dafür die Probe mit brauchen:
* Du brauchst es zu sagen.
Aber: Du brauchst es nur/nicht/nie/kaum zu sagen.
Nur scheint bzgl. brauchen ein Ausnahmefall zu sein.

*(?) Du brauchst es selten zu sagen. (Bin nicht sicher.)
Aber: Du brauchst es nur selten zu sagen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.06.2013 um 03.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#23459

Er ignorierte kurzfristige Euphorien und Depressionen, sondern dachte langfristig. (SZ 18.9.08)

Wir verzichten deshalb bewußt auf die Erstellung eines Lehrbuchs zur Deutschlandkunde – und damit eines abgeschlossenen und dogmatischen "Deutschlandbildes" –, sondern schaffen Arbeitsinstrumente, die (...) (DAAD: "Deutschlandstudien I" DAAD 1978, Geleitwort)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.06.2013 um 03.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#23460

Wir könnten auch an

www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=316#8624

anknüpfen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 20.06.2013 um 10.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#23461

Diese Beispiele sind schon interessant. Ich sollte doch nie "nie" sagen. Aber so richtig hochsprachlich kommen sie mir dennoch nicht vor:
Er ignorierte/verzichtete auf A, sondern tat B. ?

Weitaus üblicher ist doch:
Er ignorierte nicht/verzichtete nicht auf A, sondern tat genau das, nämlich A.
(Will man auf B hinaus, muß man ein anderes Verb wählen.)

Ich denke, da hat mal jemand was ausprobiert oder sich vielleicht auch versehen. Na gut, man versteht es nicht falsch, aber üblich ist es deshalb m. E. noch nicht. Dies sind die ersten diesbzgl. Beispiele, die ich sehe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.06.2013 um 10.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#23462

Das ist natürlich völlig richtig beobachtet. Mir sind die Beispiele ja auch aufgefallen. Sie gehören in das große Kapitel: Man glaubt etwas gesagt zu haben und knüpft grammatisch daran an, obwohl man etas anderes in gleicher Bedeutung gesagt hat. So erklärt sich zum Beispiel der Nominativ nach es gibt, weil man irgend das Gefühl hat, eine schlichte Existenzaussage gemacht zu haben, und das wirkt der Akkusativ natürlich abstrus. So wirkt auch hier die gefühlte Negation über die tatsächlich (nicht) ausgesprochene.
Aber so ganz exzentrisch ist es auch wieder nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.11.2013 um 11.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#24350

Zum Fall Gurlitt:

Für den Restitutions-Experten Christoph Partsch ist das Schreiben „ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie die anrüchige Herkunft der Bilder kannte“. Für ihren Sohn wiederum bedeutet dies, dass er den Anspruch auf das Milliarden-Vermögen vollends verlieren könnte: „Eine sogenannte Ersitzung mangels Gutgläubigkeit scheidet damit aus. Diese hätte Gurlitt nach so langer Zeit zum Eigentümer gemacht“, sagte Partsch gegenüber „Bild“ weiter. (focus.de 8.11.13)

Gemeint ist: „Eine sogenannte Ersitzung scheidet mangels Gutgläubigkeit damit aus."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.01.2014 um 15.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#24738

Zum semantischen Overkill (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#23448) noch ein Beispiel:
Die Nehru-Gandhi-Dynastie gilt in Indien als legendär. (Handelsblatt 3.1.14)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.04.2014 um 13.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#25633

Margot Käßmann verteidigt das Karfreitags-Tanzverbot:

"Was macht es so schlimm, einen Tag nicht zu tanzen?", fragt sie. Es tue der Gesellschaft gut, auch mal zur Ruhe zu kommen.

Recht so! Nachdem wir die ganze Woche getanzt haben, müssen wir uns auch mal ausruhen. Mich wundert nur die profane Argumentation. Gleichzeitig spricht sie sich doch aus theologischen Gründen gegen das Aufhängen von Ostereiern aus. Und wie soll man sich eine ganze Gesellschaft vorstellen, die freitags zur Ruhe kommt? Die meisten sitzen vor dem Fernseher; ein paar hunderttausend würden vielleicht gern tanzen, dürfen aber nicht. Vgl. Jesus wg. Sabbatruhe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.03.2015 um 05.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#28437

Wie die Zeitung mitteilt, wird die bayerische Polizei am kommenden Karfreitag verstärkt kontrollieren, ob auch wirklich niemand tanzt oder öffentlich Musik macht. An den anderen acht stillen Tagen drückt sie schon mal ein Auge zu.

Gerhard Schröder und ich sind übrigens am selben Karfreitag geboren, wir verzichten folglich alle sieben Jahre darauf, unseren Geburtstag zu feiern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.04.2015 um 07.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#28600

Die Negation ist ein gutes Beispiel für die Rechenschwäche des Menschen (weshalb ich dies auch unter "Kopfrechnen" eintragen könnte). Wir sind erstaunlich gleichgültig gegen den "Skopus" der Negationspartikeln.

"Er hält das Gericht nicht für zuständig. Er hält das Gericht für nicht zuständig."

Eigentlich ein himmelweiter Unterschied, im normalen Sprechen aber dasselbe.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 13.04.2015 um 15.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#28606

In reformierter Schreibung könnte man jetzt auch schreiben: Er hält das Gericht für nichtzuständig. Das würde deutlich machen, was gemeint ist.

Andererseits könnte man reformiert schreiben: Bitte nicht Zutreffendes streichen. Dieser Satz wäre nun zweideutig. Allerdings ergänzen sich beide möglichen Bedeutungen auf wundersame Weise.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.04.2015 um 15.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#28607

Laut altem Duden wurde nicht mit Adjektiven und Partizipien zusammengeschrieben, "wenn die Verbindung eine andauernde Eigenschaft bezeichnet, d. h. klassenbildend gebraucht wird (nur das erste Glied trägt Starkton)". Aus den Beispielen wurde manchmal fälschlich geschlossen, daß letzteres nur bei attributivem Gebrauch der Fall ist, prädikativ also anders betont und getrennt geschrieben wird.

In "Duden Richtiges und gutes Deutsch" von 2001 ist daraus geworden: beliebige Getrennt- oder Zusammenschreibung mit Adjektiven: "Dagegen werden Verbindungen von nicht mit einem Partizip nach der neuen Schreibung nur noch getrennt geschrieben: nicht rostende Stähle (...) Ausnahme ist nicht zielend (= intransitiv), das auch zusammengeschrieben werden kann: ein nichtzielendes Verb."

Ich habe nicht feststellen können, woraus diese einzige Ausnahme hergeleitet wird. Die Revision hat das Ganze überholt.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 13.04.2015 um 17.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#28610

Der Duden von 1991 hat im Eintrag zu nicht die Getrenntschreibung von nicht zuständig ausdrücklich auch für den attributiven Gebrauch vorgeschrieben: die nicht zuständige Stelle.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.10.2015 um 04.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#30355

"Sondern geht von der Verneinung zur Bejahung über, doch kehrt zur Bejahung zurück." (Sekiguchi) Der Vordersatz muß also eine Verneinung enthalten, wenn auch oft nur dem Sinne nach (ad sensum).

Das hat den jüngeren wenig gebracht, sondern die Rationalisierung gefördert. (FAZ 14.10.06)

wenig = nicht viel

Er arbeitet grundsätzlich ohne Tonband, sondern füllt auf seinen Reisen ungezählte Notizheftchen mit kleiner Schrift. (FAZ Magazin 1.10.92)

ohne Tonband = nicht mit Tonband

Wir verzichten deshalb bewußt auf die Erstellung eines Lehrbuchs zur Deutschlandkunde – und damit eines abgeschlossenen und dogmatischen "Deutschlandbildes" –, sondern schaffen Arbeitsinstrumente, die (...)

wir verzichten = arbeiten nicht mit...
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 28.10.2015 um 19.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#30374

Nach meinem Empfinden sind alle drei Sätzen auch bei explizierter Verneinung nicht korrekt. Dazu sind beide Satzteile zu unterschiedlich aufgebaut.

An die Stelle von sondern müßte aber treten. Dann sind die Sätze korrekt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.10.2015 um 05.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#30375

Freilich sind sie nicht korrekt. In allen drei Fällen scheint der Schreiber das Gefühl gehabt zu haben, einen verneinten Satz vorangestellt zu haben, und in diesem Sinne fuhr er dann fort. Aber die Verneinung lag nur im Sinn, nicht in der Grammatik, wie es sein sollte.
Gerade Ihre kritische Reaktion, lieber Herr Achenbach, zeigt, wie fein unser "Sprachgefühl" arbeitet; darum ist die Stilistik der Abweichung so interessant.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.11.2015 um 13.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#30627

In der Zeitung stand vor langer Zeit mal ein Zitat von Helmut Kohl: "Wir werden nicht Spendierhosen anziehen". Darauf hin meldete sich ein Leser und meinte, es hätte keine Spendierhosen heißen müssen. Das entspricht zwar der üblicheren Form der Redensart, aber wenn man z. B. sagen will nicht etwa Spendierhosen anziehen, dann ist die Verneinung durch kein nicht möglich. Anders gesagt: Die Abtönung setzt propositionale Verneinung voraus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.12.2015 um 12.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#30940

Zu kaum (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#23437):

Gestern fiel mir in der Zeitung die Verbindung nur kaum auf und ging mir leise gegen den Strich. Es liegt wohl daran, daß kaum nicht dasselbe ist wie wenig und auch nicht wie mit Mühe, denn diese lassen sich ohne weiteres mit nur verbinden. Vielmehr könnte die Komponente nur auch in kaum schon enthalten sein. Vgl. Oft schmeckt man die Citrone kaum (Wilhelm Busch); hier wäre nur auch in Prosa fast unmöglich. Es ist jedenfalls eines der schwierigsten Wörter. Marga Reis hat ihm kürzlich einen Aufsatz gewidmet, bespricht aber mehr die Syntax. S. a. Michel Pérennec: „Grenzeffekte und kontextueller Sinn: asymptotische Werte in skalierenden Paradigmen“ (FS Paul Valentin, S. 297-311) (nicht leicht zu lesen)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.12.2016 um 04.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#33999

Das Indefinitpronomen man ist nicht betonbar. Vielleicht weil es normalerweise keinen Gegenbegriff gibt, und alle Betonung ist ja schließlich (mögliche) Kontrastbetonung.

Es gibt aber Gegenbeispiele:

Brent Snowcroft gibt zu Protokoll, zu keinem Zeitpunkt habe man damals aktiv den Sturz Saddam Husseins angestrebt. Man nicht, aber Paul Wolfowitz schon. (FAZ 11.3.03)

Allerdings hat das etwas Metasprachliches, man könnte sich Anführungszeichen vorstellen: "Man" nicht, aber Wolfowitz schon.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.12.2016 um 08.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#34002

(Ich habe das Zitat in http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#30355 korrigiert.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.01.2017 um 05.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#34331

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#33999

Während man/einer in allen Formen unbetonbar ist, kann es auch ohne den metasprachlichen Effekt durch Hinzufügung von selbst zu einer normalen betonbaren Gruppe ausbauen:

[Damals waren alle hingerissen.] Man selbst aber nicht. (FAS 6.11.16)

Es liegt an einem selbst.

Schwer erklärbar.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.01.2017 um 04.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#34404

Noch einmal zu

Fundevogel und Lenchen hatten sich so lieb, nein so lieb, daß, wenn eins das andere nicht sah, ward es traurig.

Woher kommt eigentlich dieses nein?

Wahrscheinlich aus einem "das lasse ich mir nicht ausreden, da soll keiner etwas anderes denken" o. ä.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 25.01.2017 um 10.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#34406

Vielleicht soll ausgedrückt werden, daß das erste "so lieb" eigentlich zu wenig war, deshalb wird es negiert und ein zweites, das man auch "sooo lieb" schreiben oder stärker betonen könnte, angefügt.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 25.01.2017 um 13.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#34407

Vielleicht ist es das gleiche nein, das meine alten Tantchen in meiner Jugend ausriefen: "Ist er nicht gewachsen? Nein, isser gewachsen!"
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.02.2017 um 05.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#34444

Gesprochen geht es, geschrieben weniger: Man sollte die Negation nicht hinter ihren "Fokus" stellen.

Anakoluthe sind bisher systematisch nicht behandelt worden. (Ludger Hoffmann)

Das klingt, als habe man es systematisch vermieden, Anakoluthe zu behandeln. In Wirklichkeit hat man sie bisher nicht systematisch behandelt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 23.03.2017 um 15.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#34738

Aus der gestrigen Süddeutschen Zeitung, Seite 10:

Der Journalist Sixsmith sagte anlässlich des Fundes in Tuam, er fürchte, dies sei nicht das einzige Massengrab dieser Art.

So im Text des Artikels. Darüber steht jedoch im Untertitel:

Es könnte nicht das einzige anonyme Massengrab sein

Meines Erachtens ist diese Art der Verneinung falsch. Gemeint ist:
Es könnte sein, daß es nicht das einzige ist.
Es liest sich aber so, als ob jemand meint:
Es könnte nicht sein, daß es das einzige ist.
Das ist etwas ganz anderes.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 23.03.2017 um 20.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#34739

Letzten Endes ist hier it may/might not be übersetzt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.03.2017 um 04.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#34742

Die uneindeutige Reichweite (der "Skopus") der Negation führt zu einem alten Problem, das man durch Klammern verdeutlichen kann:
Es kann nicht [sein].
Es kann [nicht sein].

 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.03.2017 um 11.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#34745

Ich finde hier interessant, daß Sie so klammern:

A: Es kann nicht [sein].
B: Es kann [nicht sein].

Denn A kann man eigentlich noch unterteilen:

A1: Es {kann nicht} [sein].
A2: Es kann {nicht [sein]}.

A2 kommt natürlich aufs gleiche wie B heraus, das heißt, Sie verstehen A, worin man die Klammer ja auch weglassen kann, weil nur ein Wort geklammert wird, von vornherein als A1.

Es gibt also so eine Art sprachliche Übereinkunft, daß die Verneinung per Default, wenn nicht anders verdeutlicht, zum finiten Verb gehört.

Genau das war der Grund dafür, daß ich den zitierten Untertitel in #34738 direkt als falsch bezeichnet habe. Er ist irreführend, da er dieser Standardübereinkunft widerspricht. Aber man kann es wohl auch gerade noch "zweideutig" nennen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.03.2017 um 15.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#34747

Danke für die Präzisierung!
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 24.03.2017 um 22.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#34749

Ich meine nicht, daß hier die Unterscheidung zwischen
may und might eine Rolle spielt, denn beide Wörter sind häufig austauschbar.

So sagt der Merriam-Webster:

"May," "might," and "could" can all be used to say that something is possible, as in "The story may/might/could be true" or "The painting may/might/could be very old." You can use any of the three in contexts like these.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.11.2017 um 06.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#37075

Er hatte keinen Arm mehr wird meistens in dem Sinn verwendet, daß jemand einen Arm nicht mehr hat, wohl aber noch den anderen. Das ist unlogisch, aber ein unzweideutiger Ausdruck wäre recht umständlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.10.2019 um 04.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1455#42207

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1405#18639

Der neue Duden-Rundbrief ("Newsletter") ringt wieder einmal mit der pleonastischen Negation:

"Wenn von Verben des Unterlassens oder Verhinderns wie abraten, untersagen, verhindern, warnen etc. oder von Verben des Leugnens oder Bezweifelns wie bezweifeln, leugnen, zweifeln etc. ein Nebensatz oder eine Infinitivgruppe abhängt, erstreckt sich deren negative Bedeutung auch auf den Nebensatz bzw. die Infinitivgruppe. Sie werden also jeweils nicht auch noch eigens verneint: Was hinderte Colettes Microctenopoma-Gruppe daran, sich zu vermehren? Niemand aus ihrem Aquarienverein bezweifelte, dass sie für ihre Labyrinthfische ideale Voraussetzungen geschaffen hatte."

In Wirklichkeit gibt es viele Beispiele dieser Art:

Verhindern Sie, daß der legitime Anspruch der Gesellschaft, über die mit öffentlichen Mitteln in der Universität erbrachten Leistungen informiert zu sein, nicht auf die bloß ökonomischen Effekte verkürzt wird! (Stellungnahme des Deutschen Germanistenverbands zum Hochschulrahmengesetz, 2002)

Verhindern konnte ich doch nicht, daß es mir bei schlimmem Wetter nicht hinein regnete. (Lichtenberg K 25)

Vgl. auch Ludwig Sütterlin: Die Deutsche Sprache der Gegenwart. Leipzig 1910:297.

Der Newsletter enthält noch weitere schräge Thesen.

 
 

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