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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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21.07.2009
 

Lehrlinge und Appositionen
Unübersichtliche Verhältnisse

Gerhard Helbig hat sich einmal bemüht, bei den sogenannten engen Appositionen die Apposition vom Nukleus zu unterscheiden. Zu den Kriterien rechnet er die Genus- bzw. Sexuskongruenz. Es soll gelten:

Lehrling Martina, die ... (Apposition Lehrling)
Aber:
der Lehrling Martina, der ...(Apposition Martina)

Das jeweilige Gegenteil soll falsch sein. Ich habe mal ein bißchen gestöbert:

...gratuliert ihrem Lehrling Martina, die beim diesjährigen Wettbewerb den 1. Platz belegt hat

Als Ersatz muss der neue Lehrling Monika dienen, die ein Auge auf den zweiten Lehrling Siegfried Fraenkel wirft.

Unser Lehrling Lisa und ihr Nirvana (Reitschule)

Man müßte natürlich noch mehr Lehrlingsmeldungen suchen, aber ich erwarte keine großen Überraschungen: Auch "der" bzw. "unser" Lehrling wird mit femininen Pronomina wiederaufgenommen, wenn er weiblich ist.



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Kommentare zu »Lehrlinge und Appositionen«
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Kommentar von Thomas Paulwitz, verfaßt am 21.07.2009 um 10.48 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#14811

Das heißt doch schon seit langem Azubi bzw. Azubine.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 22.07.2009 um 09.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#14819

"Der Lehrling Monika, die ... " gilt entsprechend auch für:
Ehrgeizling, Feigling, Firmling, Frechling, Häuptling, Neuling, Rohling, Säugling, Schützling, Schönling, Schwächling, Täufling, Weichling, Zögling usw. Für die "-linge" gibt es (noch) keine weiblichen Formen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.07.2009 um 10.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#14820

Ehrlich gesagt, bei "der Lehrling Monika, die ..." usw. hakt etwas in meinem Inneren, und, einige Belege hin oder her, nach meinem Sprachgefühl ist das falsch, ich würde niemals so schreiben.
Obwohl ich "der Lehrling Monika, der ..." als grammatisch richtig ansehen würde, so richtig gefallen tut es mir aber auch nicht. Ich würde also versuchen, so etwas zu vermeiden, vielleicht so:

Als Ersatz muß der neue Lehrling Monika dienen. Monika wirft ein Auge auf den zweiten Lehrling Siegfried Fraenkel.
 
 

Kommentar von Thomas Paulwitz, verfaßt am 22.07.2009 um 11.48 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#14822

In der Schweiz gibt es auch die Bezeichnung „Lehrtochter“ für den weiblichen Lehrling.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 22.07.2009 um 15.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#14826

Früher, als man schon nach acht Schuljahren "aus der Schule kam", sprach man von "Lehrjungen" und "Lehrmädchen", denn es waren fast noch Kinder.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 22.07.2009 um 17.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#14831

Mir scheint, hier haben wir etwas Paralleles zu "Mädchen", wo auch meist das Pronomen "sie" einspringt, sobald die Nähe zum Substantiv, für das das Pronomen steht, solches nicht geradheraus verhindert. (Ich habe eben keinen Beleg parat, aber ich hab's so sehr oft gesehen. Und bei "Mädchen" haben wir das hier sogar schon irgendwo diskutiert, meine ich mich zu erinnern.) Für alle diese "-ling"-Fälle (auch bei "Mädchen" und "Fräulein") teile ich aber Herrn Riemers Bedenken (#14820).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.07.2009 um 18.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#14832

Alles richtig, aber eigentlich ging es um etwas anderes: um einen vermeintlichen Unterschied zwischen artikelhaltiger und artikelloser Verbindung von "Lehrling" und Name, was die Gliederung in Kern und Apposition betrifft. Dafür kommt bei den angegebenen Beispielen nur noch "Neuling" in Betracht.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.07.2009 um 23.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#14833

"..., wenn er weiblich ist" – ich frage mich, ob Herrn Icklers letzter Satz nicht von ähnlicher Art ist wie das Russellsche Mengenparadoxon? (Ein Friseur rasiert alle, die sich nicht selbst rasieren können. Rasiert sich der Friseur selbst?)

Ich dachte immer, ich wüßte, was eine Apposition ist, aber bei diesem Eintrag wurde mir erst klar, daß gar nicht so sicher ist, ob Monika Apposition zu Lehrling ist oder umgekehrt.

Namen werden ohne Artikel verwendet. Wenn kein Artikel steht, kommen deshalb m.E. beide Möglichkeiten in Betracht. Sowohl der Name als auch Lehrling können Kern sein, auf beide kann sich der Nebensatz beziehen. Es kommt auf den Zusammenhang und auf die Intention des Autors an.
Wenn aber mindestens ein Artikel oder mehr davorsteht, der neue Lehrling Monika, dann wird dadurch betont, daß es im Kern um den Lehrling geht, und nur für ihn kann der Relativsatz gelten.

Die Apposition kann man weglassen:
Als Ersatz muss der neue Lehrling dienen, die ein Auge auf den zweiten Lehrling Siegfried Fraenkel wirft.
Dieser Satz ist unmöglich, und zwar sogar dann, wenn man aus dem Kontext von vornherein genau weiß, daß es sich um Monika handelt.
Deswegen meine ich, daß auch mit der Apposition der Nebensatz nur mit der beginnen kann. Aber wie schon gesagt, stilistisch finde ich auch das nicht gut, ich würde es umformulieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.07.2009 um 04.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#14834

Herr Riemer wiederholt aufgrund eigener Überlegungen die Argumentation von Gerhard Helbig (übrigens erschienen in Deutsch als Fremdsprache 29, 1992, S. 23ff.). Die historische Sprachwissenschaft lehrt, daß z. B. bei Personennamen zuerst der heute sogenannte Vorname allein stand: Wilhelm. Dann fügte man zur Unterscheidung hinzu: Müller, Böhm usw. Später faßte man den Familiennamen als Kern auf, den Vornamen als Zusatz: Müllers Wilhelm gewissermaßen. Also ein Umspringen der Verhältnisse.
Ich glaube allerdings, daß sich die einstige Apposition zu einem ganz anderen Verhältnis entwickelt hat, kann es aber im Augenblick hier nicht näher ausführen. Jedenfalls stimmt Helbigs Argumentation nicht mit den Tatsachen überein.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.07.2009 um 21.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#14837

In Süddeutschland sagt man bei häufig vorkommenden Namen umgangssprachlich "der Huber Erwin", aber amtlich "Finanzminister Erwin Huber". So auch bei Ludwig Thoma "der Moosbauer Nazi" (von Ignaz). Deshalb nennen hier Leute mit Nachnamen "König" gerne ihren Sohn "Ludwig".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.06.2013 um 12.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#23370

Die radikale Rassistenjägerin Susan Arndt (Weißseinsforscherin in Bayreuth) schreibt in einem Text, den auch die Bundeszentrale für politische Bildung verbreitet:

„Alternativ erfanden und etablierten Weiße auf der Grundlage ihrer Hegemonie oftmals neue Begriffe. So wurde etwa für die Vielzahl von Selbstbezeichnungen für Herrscherinnen und Herrscher in afrikanischen Gesellschaften ganz pauschal der Begriff 'Häuptling' eingeführt. Der Begriff setzt sich zusammen aus dem Wortstamm 'Haupt-' und dem Suffix '-ling', das eine verkleinernde ('Prüfling', 'Lehrling'), zumeist aber eine abwertende Konnotation ('Feigling', 'Wüstling' usw.) hat. Auch 'Häuptling' ist ein abwertender Begriff. U.a. suggeriert er 'Primitivität', was sich auch aus gängigen visuellen Assoziationen mit dem Wort erschließen lässt. Da das Wort zudem nur mit Männern assoziiert wird, bleibt die Machtausübung von Frauen im Kontext afrikanischer Gesellschaften ausgeblendet.“

Ein Häuptling wäre also ein kleiner Kopf oder wie?

Die Behauptungen sind auch in den Wikipedia-Artikel "Häuptling" übernommen. Die Wörterbücher vermerken, daß es durch Coopers Indianergeschichten zu einer Spezialisierung gekommen ist (Übersetzung von chief).

Duden-online schreibt:

"Das Suffix -ling
Es gibt im Deutschen eine ganze Reihe von Substantiven mit dem Suffix -ling, wie eben den Frühling, den Neuling, den Findling oder den Jährling. Allen gemeinsam ist, dass es sich grundsätzlich um Maskulina handelt. Wird diese Endung mit Adjektiven verknüpft, werden damit oft Personen bezeichnet, die durch eine bestimmte Eigenschaft charakterisiert sind. Er ist eben noch ein Neuling in diesem Ressort. Solche Bildungen haben häufig stark abwertenden Charakter: Und dieser Wüstling will hier seine Moralvorstellungen zum Besten geben? Der Feigling traut sich sicher doch nicht, dem Chef die Meinung zu sagen. In der Umgangssprache entstehen übrigens nicht selten neue Zusammensetzungen dieser Art, der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt: So ein Primitivling hat jetzt hier das Sagen! Ihr neuer Freund ist ein derartiger Naivling, es ist unglaublich!"

Bei den Beispielen ist schon das Grundwort abwertend, ein häufiger Fehler; besser wären Wörter wie Dichterling. Gegenbeispiele wären Liebling, Jüngling, Säugling, Sprößling, Schützling; Lehrling, Zögling, Täufling. Nicht mehr produktiv sind Sachbezeichnungen: Pfifferling, Fäustling, Frühling, Silberling, Frischling, Schmetterling.
 
 

Kommentar von Heinz Erich Stiene, verfaßt am 07.06.2013 um 14.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#23371

Wie sind jetzt Lieblingin bei E.T.A. Hoffmann und Günstlingin bei Ernst Moritz Arndt zu bewerten? Im übrigen meine ich, die Universität schafft sich ab. Was sich da heute an Voodoo-Wissenschaften (Akif Pirincci) herumtreibt, läßt den alten Spukforscher Hans Bender als seriöse Größe aussehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.06.2013 um 05.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#23375

Nicht zu vergessen die oft zitierte Fremdlingin in Hölderlins "Brot und Wein". Aber das ist tatsächlich keine produktive Wortbildung geworden.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 08.06.2013 um 06.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#23377

Die Liste der Veröffentlichungen von Frau Arndt auf der Website der Uni Bayreuth wirkt in der Tat furchterregend. Was ich mich immer häufiger frage, ist, ob Nachwuchswissenschaftler, wenn sie in der akademischen Tretmühle etwas werden wollen, ihre wissenschaftliche Integrität preisgeben und statt dessen solchen PC-Quatsch veröffentlichen müssen. Man kennt das ja aus der NS-Zeit oder den ehemaligen Ostblockstaaten, in der eigentlich integre Wissenschaftler die geforderten Textbausteine einfügten, um dann mitzuteilen, was ihnen eigentlich wichtig war, wenn auch häufig verklausuliert.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem jungen Juristen aus der ehemaligen DDR kurz nach der Wiedervereinigung. Der Mann arbeitete als Assistent an einem Lehrstuhl für Rechtsgeschichte, und auf die Frage, warum er sich für Rechtsgeschichte entschieden habe, sagte er, auf diese Weise sei es möglich gewesen, das Grundgesetz und das BGB juristisch sauber zu analysieren und in der Lehre zu diskutieren. Man mußte nur als Lippenbekenntnis vorausschicken, daß es sich um historische Rechtsdokumente handelte, deren gesellschaftliche Voraussetzungen inzwischen überwunden seien.

Frau Arndt scheint eine Überzeugungstäterin zu sein, aber bei vielen anderen fällt es mir schwer, das zu glauben. Irgendwie erinnert das an die Rechtschreibreform, in deren Gefolge Wörterbuchredaktionen und Sprachwissenschaftler die Erfindungen von Augst & Co ohne Skrupel als wissenschaftliche Erkenntnisse ausgegeben haben (Herr Ickler hat hier ja viele Beispiele aufgeführt). Es packt einen das nackte Grauen, wenn man an die Zukunft von Forschung und Lehre denkt.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 08.06.2013 um 11.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#23381

Nur der Sperling scheint laut Duden-Herkunftswörterbuch keine -ling-Bildung zu sein, sondern ein uraltes Wort.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 08.06.2013 um 14.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#23382

-linge sind Entitäten, denen zunächst nur ein einziges Attribut zuzuordnen ist und die insoweit mit ihm zusammenfallen. Der Teigling ist ein Stück Teig, aus dem im Ofen z.B. ein Brezel werden soll, was aber vorerst nicht interessiert, auch wenn die Brezelform schon erkennbar ist. Der Häuptling ist entsprechend jemand, der einer Gruppe Menschen vorsteht oder sie repräsentiert, ohne daß man sagen könnte oder wollte, worauf sich seine Sonderstellung gründet. Idealtypisch ist der Fremdling, von dem man tatsächlich nicht mehr weiß, als daß er eben fremd ist. Fremdheit ist mangels anderer Attribute seine charakteristische Eigenschaft. Die Fremdlingin und auch die Günstlingin oder die Lehrlingin wirken gequetscht, weil sie ein weiteres Attribut, nämlich Weiblichkeit, gewissermaßen hinzumogeln, wo nur eines zu erwarten ist. Die -linginnen dementieren die -linge.

Daran ändert nichts, daß man meistens nicht nur über den Teigling, sondern sogar über einen Fremdling mehr weiß als nur, daß er aus Teig bzw. fremd ist. -linge stellen Eindeutigkeit nicht durch Differenzierung, sondern durch den Verzicht auf sie her. Der Eindruck, Häuptling habe irgendwie etwas mit Primitivität zu tun, ist deshalb nicht einmal ganz falsch. Es handelt sich aber zunächst um eine Primitivität der Bezeichnung. Herablassend ist sie allenfalls, wo man mehr und etwas Treffenderes weiß. Andernfalls, nämlich mangels gesicherter weiterer einschlägiger Attribute, ist "Häuptling" ein Ausdruck von Bescheidenheit und der Einsicht, daß z.B. "Bürgermeister" oder "Herzog" die Sache vermutlich nicht ganz treffen – also der Ansatz zu einem ethnographischen Blick. Niemand verdenkt es einem Alien, wenn er uns als "Erdlinge" anspricht; vielmehr respektieren wir seine Abstraktionsleistung und seine Sensibilität in der Begegnung mit fremden Kulturen.

Zu tadeln ist dagegen Pippi Langstrumpf. In der Behauptung, ihr Vater sei ein "Negerkönig", verrät sich ihr eurozentrisches Weltbild. Korrekt wäre statt dessen "Negerhäuptling".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2014 um 05.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#24981

Der ewige Kampf zwischen Genus und Sexus um die Kongruenz:

Der Dreiundsechzigjährige ist einer von zwei protestantischen Mitgliedern im Katholischen Männerverein Tuntenhausen. (FAZ 14.11.12)
Hier ist wohl die grammatische Regelung (eines von zwei Mitgliedern) üblicher, aber die Anpassung an das natürliche Geschlecht leuchtet ebenfalls ein. Auch in den folgenden Beispielen setzt sich das natürliche Geschlecht durch:
Einen Tag vor seinem 45. Geburtstag hat sich bei Formel-1-Legende Michael Schumacher, der mit einem Schädel-Hirn-Trauma im Koma liegt, offenbar keine weitere Besserung eingestellt. (welt.de 2.1.14)
Stargast der Konferenz war das SPD-Mitglied Thilo Sarrazin, der die Schutzwälle des Römischen Reichs gegen die Barbaren und Chinas Große Mauer gegen die Mongoleneinfälle als Vorbilder für ein europäisches Grenz- und Zuwanderungsregime empfahl. (Welt 28.1.14)
Der bestimmte Artikel (das SPD-Mitglied) verstärkt aber im letzten Satz die Neigung zur grammatischen Kongruenz.

 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 31.01.2014 um 11.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#24982

Ich denke, daß sich das natürliche Geschlecht nur unter bestimmten Bedingungen durchsetzt, nämlich wenn z.B. der Name als Apposition mitgegeben wird. Dadurch bezieht sich das Relativpronomen im Grunde nicht auf den im Genus abweichenden Kern, sondern auf die Apposition. Eine kleine Umstellung macht das deutlich:

*Michael Schumacher hat Geburtstag. Einen Tag davor hat sich bei der Formel-1-Legende, der mit einem Schädel-Hirn-Trauma im Koma liegt, offenbar keine weitere Besserung eingestellt.

Auch hier ist das natürliche Geschlecht der Formel-1-Legende männlich, trotzdem würde man hier immer die sagen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.07.2014 um 05.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#26288

Als der ägyptische König zu einer Art neuem Kalifen stilisiert wurde... (FAZ 9.7.14)

Diese Konstruktion wirft ein altes Problem auf.

„An die Fügung eine Art ... kann das folgende Substantiv mit von + Dativ angeschlossen werden, es kann aber auch unmittelbar als Apposition oder (seltener, gehoben) im Genitiv folgen: Es war eine Art hölzernes Gestell / von hölzernem Gestell. Selten und gehoben: Es war eine Art hölzernen Gestells. Im Dativ wird das attributive Adjektiv häufig schwach flektiert: Der Topf war mit einer Art blauen (statt richtig: blauer) Glasur überzogen. Standardsprachlich korrekt ist hier nur die starke Flexion (Apposition [4]). Zu einem Kongruenzproblem wie welche Art Übungen zu absolvieren ist / sind Kongruenz (1.1.3).
Duden - Richtiges und gutes Deutsch, 6. Aufl. Mannheim 2007 (CD-ROM)

(Etwas anders in der Druckausgabe 2001: „Auch die schwache Beugung ist korrekt.“)

Es dürfte schwer sein, den Begriff der Apposition so zu definieren, daß er auf diesen Fall angewendet werden kann.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.06.2015 um 20.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#29043

Wir fassen Karl der Große usw. als Appositionen auf, genau wie Heinrich der Vogler. Nach Hermann Paul ist das ein Irrtum. Zugrunde liegt vielmehr das ältere Modell "Substantiv – nachgestellter Artikel – Attribut":

godspel that goda (Heliand)
swert diu scharpfen (Nibelungenlied)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.05.2016 um 05.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#32559

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#26288

Wir erinnern uns an die oft besprochene Wendung aus aller Herren Länder. Dazu meine Bemerkung, daß der Sprecher seine "Kasusverpflichtung" (aus der Präposition) erfüllt zu haben glaubt und daher bei Länder das Dativ-n nicht mehr setzt. (Als "schwacher Kopfrechner" in grammatischen Dingen.)

Ähnlich bei dem "Heckenausdruck" (Hedge) eine Art. Je nachdem, ob der Sprecher ihn als dekliniertes Artikelwort empfindet oder als unflektiert (wie solch, manch), wird er das folgende Adjektivattribut schwach oder stark beugen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.05.2017 um 11.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#35127

Hans, mein bester Freund...

Hans, früher mein bester Freund...

Ich treffe Hans, meinen besten Freund.

*Ich treffe Hans, früher meinen besten Freund.


Warum geht das nicht?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 17.05.2017 um 14.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#35128

Mit dem Wort früher wird die Apposition satzwertig (früher [war er] mein bester Freund), da hat die Stimmigkeit innerhalb des Satzes Vorrang vor der Kongruenz mit dem äußeren Bezug (Hans).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.05.2017 um 14.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#35129

Das entspricht genau meiner Einschätzung. Man könnte auch sagen: Ich treffe Hans, meinen besten Freund, mit dem ich aber früher verfeindet war. Interessant ist, daß die Apposition, wenn sie kasuskongruierend konstruiert wird, "koextensiv" mit dem Verb sein muß. Die Kongruenz scheint es zu sein, was die Deutung entscheidend beeinflußt. Beim Default-Nominativ entfällt diese Bedingung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.06.2017 um 08.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#35330

... ein daumengroßes Stück Ingwerknolle schälen, in dünne Scheiben schneiden und mit einer Tasse kochendem Wasser übergießen.

Es gibt auch Tausende von Belegen mit dem Nominativ: mit einer Tasse heißes/kochendes Wasser

Was ist davon zu halten? Wir wissen, daß all dies aus dem partitiven Genitivattribut entstanden ist. Das ist entweder zum Nominativ neutralisiert worden oder hat sich an den Kasus der Substantivgruppe angeglichen. Sollen wir deshalb annehmen, das syntaktische Verhältnis habe sich vom Attribut zur ("engen") Apposition verschoben? Diese vermeintliche Apposition bringt so viele Schwierigkeiten mit sich, daß man wohl davon Abstand nehmen sollte. Das partitive Verhältnis ist ja erhalten, was sich mit einer Apposition kaum verträgt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.06.2017 um 07.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#35333

von Menschen wie du und ich ist viel häufiger als von Menschen wie dir und mir.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.11.2017 um 08.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1195#36864

Als Praktikantin am Set habe der Oscarpreisträger ihr gegenüber anzügliche Sprüche gemacht und sie begrapscht, schreibt die Autorin. (SZ 2.11.17)
 
 

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