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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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26.01.2008
 

eigen oder Eigen
Stille Revision

Wahrscheinlich haben wir schon einmal darüber gesprochen, aber ich kann mich nicht mehr erinnern. Aus gegebenem Anlaß (heutige Zeitung) schlage ich noch einmal nach, wie das mit der Reform und ihren Revisionen war.
Im alten Duden hieß es zu eigen machen (und Pauls Wörterbuch führte die Kleinschreibung als Indiz der Desubstantivierung an!), 1996 wurde daraus zu Eigen machen, und so blieb es auch 2004 (§ 53). Erst in der Vorlage des Rechtschreibrates vom Februar 2006 erfolgte die Rückkehr zur Kleinschreibung (nun § 58, 3.1). Aber ist der Fall je diskutiert worden? Ich habe ihn in meinem damaligen Kommentar jedenfalls nicht genauer erörtert, sondern zusammen mit den übrigen, an sich ja erfreulichen Wiederherstellungen registriert. Im Rückblick fällt mir auf, wie schonend wir mit den Sünden der Vergangenheit (und den ja immer noch anwesenden Sündern) umgegangen sind.

Übrigens ist in den Dudenwörterbüchern (auch im DUW) die Wendung zu eigen sein nicht angeführt.



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Kommentare zu »eigen oder Eigen«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.11.2011 um 07.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=958#19478

Der Papst „macht sich die entscheidenden Elemente im antiprotestantischen Weltbild der Pius-Brüder selbst zu Eigen.“ (Friedrich Wilhelm Graf: Kirchendämmerung. München 2011:114)

In diesem sonst flott geschriebenen Büchlein gibt es noch weitere reformbedingte Auffälligkeiten.

Leider werde ich immer noch ziemlich wütend, wenn ich daran denke, mit welcher Frechheit die Reformer zehn Jahre lang variantenlos die Großschreibung durchsetzten, um sie dann stillschweigend wieder abzuschaffen. Solchen verantwortungslosen Leuten setzen wir unsere schulpflichtigen Kinder aus!
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 17.03.2010 um 10.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=958#15853

Sich etwas zu eigen machen wurde zwar wiederhergestellt, nicht aber etwas sein eigen nennen.

In der insgesamt sehr reformgeschädigten Übersetzung von "Tod aus dem All", Philip Plait, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Jan. 2010 (mit vielen orthographischen Blüten und Widersprüchen) steht, dem letzten Duden (2009) entsprechend:

S. 401: ... bis wir schließlich unser ... Universum ... unser Eigen nennen können.
S. 425: ... aber wir müssen uns an dieser Stelle eine praktische Sicht der Dinge zu eigen machen
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.03.2010 um 09.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=958#15851

Sie haben das Böse der Aggressoren sich zu Eigen gemacht und sind damit dazu verdammt, diese sogar zu verteidigen. (Welt 16.3.10)

Das hat sich damals festgesetzt und wird so bald nicht wieder verschwinden. Warum auch? Wo doch Ratsmitglied Schrodt meint, "universalgrammatisch" stehe nach Präpositionen ein Substantiv. Die Reformer stehen durchweg und programmatisch auf seiten der formalen Betrachtung – auf Kosten der Bedeutung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.03.2009 um 16.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=958#14057

Wenn die Reformer das wiederhergestellte zu eigen machen mit dem Eintrag von 1996 vergleichen, zu Eigen machen*, mit dem stolzen Sternchen für "Neuschreibung", müßten sie eigentlich schamrot werden. (Das Beispiel steht ja für viele.) Zehn Jahre lang haben sie also versucht, die deutsche Sprachgemeinschaft mit ihren Schnapsideen zu traktieren, nicht ohne Erfolg bei Zeitungen, Buchverlagen – und Germanisten. Und dann das Ganze halt und zurück, und zwar still und leise, damit es nur keiner merkt.

Ich muß es ab und zu erwähnen, zumal es mit wachsendem Abstand immer grotesker anmutet.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 27.01.2008 um 18.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=958#11309

Daß im deutschen Sprachraum die ehedem hochentwickelte Kulturtechnik Schreibung langsam und sicher in Vergessenheit zu geraten scheint, kann täglich in Zeitungen durch Vergleich des selben Blattes mit Jahrgängen von vor >10 Jahren nachgeprüft werden.
Daß die RSR daran entscheidenden Anteil hat, dürfte unwidersprochen sein.
Die Frage ist allerdings, ist diese Erscheinung auf den deutschen Sprachraum beschränkt oder handelt es sich um einen allgemeinen Trend der Zeit, auch in anderen Sprachen, auch ohne RSR? Gibt es dazu Informationen?
 
 

Kommentar von Rüdiger Zielke, verfaßt am 27.01.2008 um 01.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=958#11299

Worauf wir hoffen sollen? Nicht darauf, daß jemals – und schrieben sie noch so fehlerfrei – staatliche Stellen und kulturelle Einrichtungen eine Art Vorbildfunktion erfüllen. "Nur Kampf auf breitester Front" rief in ihren besseren Zeiten (29.01.2001) die FAZ.
Um das Sündenregister der Reformer immer auf dem neuesten Stand zu halten, muß man aber nicht den Einzug der Gossensprache in die Salons den 68ern vorwerfen. Als die Gosse Einzug hielt, schrieb Rudolf Borchardt vom "Analphabet gewordenen Illiteratien". Das war 1935, nicht 1968! Für Schopenhauer (1856) war die Journaille der Quell des Übels. Liest man seine Kataloge der Sprachverhunzung, meint man, eine frühe Auflage dieses Tagebuchs vor sich zu haben. Im Nachsatz erinnert er an das schöne Wort Goethes von der "orthographischen Nacht" – 1812!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2008 um 12.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=958#11297

Das Bösartige der stillschweigend vorgenommenen Revisionen kann man gerade an diesem Beispiel gut erkennen: Im neuesten Duden sind bekanntlich die Änderungen gegenüber 1991 rot markiert, aber nicht die Revisionen gegenüber 1996. Es steht also in unschuldigem Schwarz zu lesen: zu eigen machen. Daß zehn wilde Jahre lang etwas anderes vorgeschrieben war und in zig Millionen Büchern steht, wird verschwiegen.
 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 26.01.2008 um 07.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=958#11296

Stillschweigende Revisionen werden als Signal nicht von der schreibenden Bevölkerung wahrgenommen. Der Havarist "Reformschreibung" dümpelt unter der allseits sichtbaren ss-Flagge tapfer dahin, und solange dieses optische Signal über den qualmenden Schloten weht, wird alles noch schlimmer, weil die Leute nicht mit künstlichen Regeln klarkommen (und das ist nicht nur in der Rechtschreibung so). Wenn der „Instinkt“ vernebelt wird, kommt es bei den Orientierungslosen zu grotesken Suchbewegungen, die stets im Irrtum enden, man denke da nur an die massenhafte Fehlernährung der Bevölkerung durch denaturierte Industrienahrung, deren Langzeitfolgeschäden in Form der allgegenwärtigen und leidbringenden Zivilisationskrankheiten sichtbar werden. Letztere „bekämpft“ man wiederum durch künstlich hergestellte, also chemisch-fabrikatorische Bausteine, was natürlich erfolglos bleiben muß (aber gutes Geld für die Betreiber bringt -– auch hier Parallelen zur RSR).

Nun also die Sprache. Verschämte Revisionen werden kaum sichtbare Wirkung haben, denn je kränker der Körper, desto stärkerer Signale bedarf es für dessen Genesung. So lange die normale Rechtschreibung von autorisierter Seite nicht lautstark und für alle wahrnehmbar rehabilitiert wird, kann sich am derzeitigen Negativtrend nichts ändern. Wir werden Zeugen einer rasch voranschreitenden Proletarisierung der Schreibung, angefacht durch die Verbreitungsmöglichkeiten der neuen Kommunikationsmedien. Da sinkt die Schwellenfurcht, und das Geschriebene verliert seine Autorität. Damit schwindet gleichzeitig der Wegweiser des Guten und Richtigen.

Selbst Druckwerke und Formulare staatlicher Stellen und kultureller Einrichtungen, die vor der „Rechtschreibwende“ eine Art Vorbildfunktion erfüllten und immer so gut wie fehlerfrei waren, sind heute schlampig korrigiert und belustigen den Leser durch reformbedingten Unsinn. Nicht nur die Schwellenfurcht, auch die Schamschwelle sinkt. Seit mit den 68ern die Gossensprache mehr und mehr akzeptiert wird, ist auch die Gossenschreibung salonfähig geworden. Was drastisch ist, muß auch mit drastischen Worten gesagt werden dürfen.

Worauf sollen wir hoffen? Niemand kann das wissen. Wichtig ist, daß unser Kreis aktiv bleibt und wir die schreibenden Finger nicht aus der Wunde zurückziehen.
 
 

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