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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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26.12.2016
 

Auslegungssache
Zur Hermeneutik

Wie ich gerade sehe, habe ich vor vielen Jahren einmal eine kurze Zusammenfassung der geheimnisumwitterten "Hermeneutik" versucht und rücke sie hier ein:

Grundgedanken der Hermeneutik nach Gadamer u. a.

Hermeneutik ist die Lehre vom Verstehen und Erklären („Auslegen“) zeichenhafter Gebilde (Texte, Kunstwerke). Nach Auffassung vieler Philosophen ist sie das geisteswissenschaftliche Verfahren schlechthin, im Unterschied zu naturwissenschaftlichen Methoden.
In den dogmatischen Wissenschaften wie Theologie und Rechtswissenschaft erkennt der Interpret die Autorität des gegebenen Textes an, betrachtet ihn also nicht (nur) historisch-philologisch. Gadamer überträgt dieses Verhältnis (zur Vorbildlichkeit von Theologie und Rechtswissenschaft vgl. Hist. Wb. d. Philos. 1069) auf die Interpretation von Kunstwerken: Auch darin komme ein „Anspruch“ an den Rezipienten zur Geltung. Ohne dessen Anerkennung könne man sie nicht richtig verstehen. Dem entspricht der Glaube bei der Interpretation religiöser Texte: Nach Bultmann kann man die Bibel nur dann verstehen, wenn man sie als Gottes Wort versteht, wenn man also den christlichen Glauben hat. Gadamers „Anerkennung“ und Bultmanns Glaube sind also zwei Formen des „vorgängigen Verhältnisses“ zum Text, eine „Betroffenheit“ durch ihn. Bei Kunstwerken zeigt sich der Geltungsanspruch an einer gewissen „Ergriffenheit“. (Gadamer zitiert auch Emil Staigers Formel für die Aufgabe des Geisteswissenschaftlers „Begreifen, was uns ergreift“.) Kunst wird als Offenbarung erlebt, in der sich eine „Wahrheit“ ausdrückt, freilich von anderer Art als die naturwissenschaftliche (die Gadamer immer etwas geringschätzig behandelt).

„Die Grundvoraussetzung der hermeneutischen Aufgabenstellung, die man nur nicht recht wahrhaben wollte und die ich wiederherzustellen versuchte, war von jeher die Aneignung eines überlegenen Sinnes.“ (WuM II:264)

Man könnte den Unterschied so fassen: Die historisch-philologische Forschung will feststellen, wie ein Text vom Verfasser gemeint war, welche historischen Voraussetzungen zu ihm geführt haben und wie er auf die damaligen Adressaten gewirkt hat (vielleicht auch auf spätere Rezipienten: Wirkungsgeschichte). Die dogmatische Interpretation fragt danach, was der Text uns hier und heute zu sagen hat („Applikationsanspruch, der von der Überlieferung erhoben wird“ WuM 345). Das ist wegen der Wandelbarkeit der Rezipienten für jeden einzelnen und für jede Epoche immer wieder etwas anderes, so daß die Interpretation nie zum Ende gelangt.

Die Verstehensvoraussetzungen, die wir an den Text herantragen, sind nun ihrerseits durch ebendiesen Text (mit)erzeugt, sie sind ein Ergebnis der Wirkungsgeschichte des Textes, den wir verstehen wollen. Der Gläubige ist durch die Bibel (auf welchen Umwegen auch immer) zum Glauben gekommen, der Rezipient der Klassikertexte ist (u. a.) durch diese Texte zu dem geworden, was er ist usw. Man könnte geradezu sagen: Der Text legt sich durch die von ihm geprägten Menschen nach und nach selbst aus. Das kann man auch auf das Verstehen der Geschichte anwenden: Wir sind, wenn wir die Geschichte zu verstehen versuchen, durch diese Geschichte selbst geprägt.

Die historisch-philologische Distanzierung („Historismus“) erscheint aus dieser Sicht nicht nur als Verfahrensfehler, sondern als Sündenfall. Nach Gadamer „zerstört, wer sich aus dem Lebensverhältnis zur Überlieferung herausreflektiert, den wahren Sinn dieser Überlieferung.“ (WuM II: 366)

Wir sind von Natur Kulturwesen. Es gibt keinen Menschen, der nicht durch Überlieferung und zeichenhaften Umgang mit anderen geprägt wäre. Als Personen sind wir also unauflöslich in Zeichenwelten eingebettet. Verstehen ist daher die menschliche Weise, in der Welt zu sein. Der Rest ist Hantierung mit Dingen („Zeug“ nach Heidegger).

„Alle Welterkenntnis ist sprachlich vermittelt.“ (Gadamer in: Hist. Wb. 1072)

Auf diesem universellen Anspruch der Hermeneutik beruht ein ebensolcher der Rhetorik, die sich heute ebenfalls stark auf Gadamer stützt.

Textauslegung in diesem höheren Sinn kann also nicht gelingen, wenn man seine eigenen Verstehensvoraussetzungen („Vorurteile“, hier positiv zu verstehen) abzulegen versucht:

„Die Forderung, daß der Interpret seine Subjektivität zum Schweigen bringen, seine Individualität auslöschen müsse, um zu einer objektiven Erkenntnis zu gelangen, ist also die denkbar widersinnigste.“ (Bultmann in Gadamer/Boehm (Hg.): Philos. Hermeneutik. Frankfurt 1976, S. 255).

Vgl. auch:

„Es gilt nicht, das Vorverständnis zu eliminieren, sondern es ins Bewußtsein zu erheben, es im Verstehen des Textes kritisch zu prüfen, es aufs Spiel zu setzen, kurz es gilt: in der Befragung des Textes sich selbst durch den Text befragen zu lassen, seinen Anspruch zu hören.“

Und:

„Wie die Interpretation eines Werkes der Dichtung und der Kunst nur dem gelingen kann, der sich ergreifen läßt, so das Verstehen eines politischen oder soziologischen Textes nur dem, der von den Problemen des politischen und sozialen Lebens bewegt wird.“ (ebd. 256)

Zur Rehabilitation des „Vorurteils“ vgl. noch:

„Das grundlegende Vorurteil der Aufklärung ist das Vorurteil gegen die Vorurteile überhaupt und damit die Entmachtung der Überlieferung.“ (WuM I:275)

Unter Juristen versteht sich von selbst, daß der normative Text nicht nur so ausgelegt wird, wie die Verfasser ihn verstanden haben. Die Kontinuität der Rechtspflege verlangt, daß das Gesetz auf immer neue Sachverhalte angewandt wird, von denen die Verfasser noch nichts wissen konnten. Diese fortlaufende „Applikation“ (d. h. „die Anwendung von etwas Normativem auf den Einzelfall“ (WuM II:427) auf immer neue Lebensverhältnisse überträgt Gadamer auf alle überlieferten Texte:

„Die psychologische Grundlage der idealistischen Hermeneutik erwies sich als problematisch: Erschöpft sich der Sinn eines Textes wirklich in dem ‚gemeinten‘ Sinn (mens auctoris)? Ist Verstehen nichts als die Reproduktion einer ursprünglichen Produktion? Daß das für die juristische Hermeneutik, die eine offenkundig rechtsschöpferische Funktion ausübt, nicht gelten kann, ist klar.“ (Gadamer in Hist. Wb. 1067)

„Das eigentliche [hermeneutische] Geschehen ist dadurch (...) ermöglicht, (...) daß das Wort, das als Überlieferung auf uns gekommen ist und auf das wir zu hören haben, uns wirklich trifft, als rede es zu uns und meine uns selbst.“ (WuM I:465f.)

Vgl. auch:

„Die Aufgabe des Interpreten ist in concreto niemals eine bloße logisch-technische Ermittlung des Sinnes beliebiger Rede, bei der von der Frage der Wahrheit des Gesagten ganz abgesehen würde. Jede Anstrengung, den Sinn eines Textes zu verstehen, bedeutet das Annehmen einer Herausforderung, die der Text darstellt. Sein Wahrheitsanspruch ist noch dann die Voraussetzung der gesamten Anstrengung, wenn im Ergebnis bessere Erkenntnis zur Kritik daran führt und den verstandenen Satz als falsch erweist.“ (WuM II:285)

Nach Bultmann geht es darum, die überlieferte (biblische) Erzählung nicht historisch-distanziert als „Mythos“ aufzunehmen, sondern als „Botschaft“, „existenziale Anrede“, „Anruf“, „Appell“ – also als Wort, das zu uns gesprochen wird. Diese Voraussetzung, also der Glaube, wird auch als „Lebensverhältnis zwischen dem Ausleger und der auszulegenden Sache“ (Ernst 1972:38) bezeichnet.

Am heutigen Philologen kritisiert Gadamer:

„Er hat (...) den Anspruch aufgegeben, als besäßen seine Texte für ihn eine normative Geltung. Er sieht dieselben nicht mehr als Vorbilder des Sagens und in der Vorbildlichkeit des Gesagten.“ (WuW II:342)

Nähe der Hermeneutik zur Übersetzung:

„Die Leistung der H. besteht grundsätzlich immer darin, einen Sinnzusammenhang aus einer anderen ‚Welt‘ in die eigene zu übertragen.“ (Gadamer in: Hist. Wb. 1061)

Das Grundverhältnis der Fremdheit ist durch die fremde Sprache nur gesteigert, aber nicht wesensverschieden von der gewöhnlichen Beziehung zu historisch oder kulturell entfernten Texten überhaupt.

Zur Kritik:

Es wird nicht klar, wie der behauptete „Geltungsanspruch“ der überlieferten Texte zu einer „Verbindlichkeit“ für den heutigen Leser führen kann (naturalistischer Fehlschluß). Wieso erhebt die Überlieferung überhaupt einen „Anspruch“? Sehr oft verwendet Gadamer deontische (verpflichtende) Redeweisen wie es gilt usw., ohne sich zu einer näheren Begründung verpflichtet zu sehen. In Wirklichkeit geht es nur um den Willen des Rezipienten, sich von den Texten etwas Verbindliches sagen zu lassen.

Außerdem hat man die Verschwommenheit der Gadamerschen Begriffe und seine Distanz zu wissenschaftlichen Begründungen und Beweisen kritisiert:

„Gadamers durchgängiger Verzicht auf eindeutige Begriffsbestimmungen ebenso wie auf deutliche Argumentationen macht ein Verständnis seiner Schriften und eine Auseinandersetzung mit ihnen schwierig; darüber ist er sich auch im klaren, jedoch nicht bereit, darin nur einen ‚Mangel‘ zu sehen.“ (Beate Rössler: Die Theorie des Verstehens in Sprachanalyse und Hermeneutik. Berlin 1990:244)

„Die anti-aufklärerische Haltung Gadamers, die in solchen und ähnlichen Passagen [gemeint ist die Rehabilitation von Vorurteil und Tradition] zum Ausdruck kommt, ist zum Teil nur schwer erträglich, zumal wenn sie mit einer dezidierten und argumentativ nicht plausiblen Legitimation von Autorität als solcher einhergeht.“ (ebd. 266)

Beispiele für die charakteristische Vagheit Gadamers findet man praktisch auf jeder Seite:

„Lebendiges ist nicht von der Art, daß man von außen her je dazu gelangen könnte, es in seiner Lebendigkeit einzusehen. Die einzige Weise, Lebendigkeit zu erfassen, ist vielmehr die, daß man ihrer inne wird.“ (WuM I:239)

Was heißt etwas in seiner Lebendigkeit einsehen, erfassen, inne werden? Zugleich pflegt Gadamer einen eigentümlich getragenen Ton, der manchmal bis zum Leerlauf geht:

„Die Ubiquität der Rhetorik ist eine unbeschränkte.“ (WuM II:237)

Sätze wie Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache zitiert er immer wieder, so gut scheinen sie ihm zu gefallen; aber was bedeuten sie eigentlich?

Literatur:

Bultmann, Rudolf (1960): Glauben und Verstehen. 3. Band. Tübingen. (Auszüge auch in: Gadamer/Boehm (Hg): Philosophische Hermeneutik. Frankfurt 1976).
Ernst, Josef (Hg.) (1972): Schriftsauslegung. Paderborn.
Gadamer, Hans-Georg (1974): „Hermeneutik“. Hist. Wörterbuch der Philosophie. Bd. 4, Basel.
Gadamer, Hans-Georg (1986): Wahrheit und Methode II: Ergänzungen, Register. Tübingen. (Ges. Werke 2)
Gadamer, Hans-Georg (1990/1960): Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen.
Nassen, Ulrich (Hg.): Klassiker der Hermeneutik. Paderborn u.a. 1982.



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Kommentare zu »Auslegungssache«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.08.2017 um 13.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1655#35947

Eine sonst schätzenswerte Kollegin ließ einmal eine literaturwissenschaftliche Seminararbeit zurückgehen, weil sie zu "unwissenschaftlich" geschrieben sei, womit sie aber nicht belletristisch meinte, sondern "zu einfach". Sie selbst begann einmal einen Text mit Die, die die.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 10.08.2017 um 11.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1655#35946

"unbeschränkt" ist viel zu gewöhnlich; es muß durch "infinit" oder "apeiros" ersetzt werden, damit es wissenschaftlich aussieht.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 10.08.2017 um 09.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1655#35945

"Der Jargon ersetzt den Inhalt, alle sind zufrieden.“ Ich habe die Berichte meiner Kinder darüber während ihres Studiums mit Befremden und anfangs auch ein wenig ungläubig gehört. Je mehr Beispiele sie mir aber zeigten, desto größer wurde mein Verdruß. Welche unfaßbare, verantwortungslose Verschwendung von Lern- und Lebenszeit!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.08.2017 um 06.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1655#35944

Im Haupteintrag habe ich Gadamer zitiert:

Die Ubiquität der Rhetorik ist eine unbeschränkte.

Das heißt auf deutsch: "Rhetorik gibt es überall."
Der hohe Ton, den der Verfasser so liebt, verbirgt den Leerlauf. Diese bildungssprachliche Perle bringt mich wieder auf meine alte Frage: Wie ist so etwas möglich? Wie kommt ein Mann, der als kleiner Junge doch sicher ganz normal gesprochen hat, dazu, sich dermaßen gestelzt auszudrücken? Die Schule belohnt den "differenzierten" Ausdruck, nicht die Einfachheit. An der Universität setzt es sich fort: "komplex" muß man schreiben. Der Jargon ersetzt den Inhalt, alle sind zufrieden.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 19.01.2017 um 09.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1655#34351

Ich stimme Herrn Heudtlaß ausdrücklich zu und werfe einfach mal die faszinierende Rezension www.jcrt.org/archives/06.1/grieve-carlson.pdf in die Runde.

Wenn es nicht so furchterregend wäre, könnte man sich als "Intellektueller" entspannt zurücklehnen und nun zuschauen, wie die Saat der ideologischen Linken (Postmoderne, Konstruktivismus usw.) nunmehr von Nationalisten und Rechtsextremisten ausgenutzt wird.
 
 

Kommentar von Serjosha Heudtlaß, verfaßt am 19.01.2017 um 03.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1655#34349

Ich finde die Sachen von Gadamer eigentlich ziemlich intelligent und anregend.

Außerdem können wir uns glücklich schätzen, daß in Deutschland durch den Einfluß Gadamers und die Dominanz seines – Achtung, Wortwitz – hermeneutischen Zirkels die Wirkmächtigkeit postmoderner Ideen (Dekonstruktion & Co.), im Vergleich etwa zu Frankreich und den Vereinigten Staaten, noch für eine etwas längere Zeit begrenzt werden konnte.

Leider haben dann irgendwann auch die hiesigen Hochschulen das Potential jener Theorien als speisende Quellen für identity politics, Sprachfeminismus etc. fruchtbar zu machen gewußt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.01.2017 um 05.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1655#34343

Wie schon gesagt, ist die Theologie im Unterschied zur Religionswissenschaft ein Teil der kirchlichen Praxis. So steht es auch im "Wörterbuch des Christentums". Entsprechend ist der konfessionelle Religionsunterricht einzuordnen, der ausdrücklich nicht Religionenkunde ist.
Das Theologistudium umfaßt etliche Hilfswissenschaften ohne dogmatische Bindung. In diese wandern erfahrungsgemäß viele Theologiestudenten ab.
Ein bekannter katholischer Theologe hat kritisiert, daß Theologen in Berufungskommissionen wissenschaftlicher Fächer, z. T sogar anderer Fakultäten mitwirken. Das alles sind historisch erklärbare Besonderheiten in Deutschland und einigen anderen Staaten ("hinkende Trennung"). Man kann darüber diskutieren, ob es immer so bleiben soll, aber der Sachverhalt selbst ist nicht strittig.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 17.01.2017 um 21.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1655#34342

Zu „Hermeneutik“ fällt mir sofort eines meiner Lieblingszitate ein, nämlich jenes des römischen Satiredichters Juvenal:

„Difficile est satiram non scribere“
 
 

Kommentar von Sinologe, verfaßt am 15.01.2017 um 03.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1655#34323

Sämtliche Aufklärung konnte nichts daran ändern, daß christliche Theologie bis heute als seriöse Wissenschaft an staatlich finanzierten Universitäten gelehrt wird, inklusive des Kernbereichs Dogmatik.

Das ist eher keine Frage der Aufklärung, sondern der Tatsache geschuldet, daß die Kirche als Entschädigung für einige Enteignungen im Zuge der Säkularisierung zahlreiche Sonderrechte erhalten hat. Sie bestimmt sogar über die Besetzung der Lehrstühle anderer Fakultäten mit.

Erforderlich ist allerdings, die üblichen Paradigmen wissenschaftlicher Arbeit über Bord zu werfen und hermeneutisch durch unbewiesene und häufig auch vollkommen unwahrscheinliche „Begebenheiten“ aus „heiligen Schriften“ zu ersetzen, die eine undiskutierbare Basis bilden (Offenbarung -> Vorverständnis -> Glauben).

Auch der Philologe kann nur mit dem Text arbeiten, der ihm vorliegt. Was in dem Text drinsteht, das steht da nunmal drin. Für wen das eine undiskutierbare Basis ist, wenn der Inahlt mal unbewiesen und unwahrscheinlich ist, der macht genau das, was hier den Theologen vorgeworfen wird.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden auch rein historischen Aufzeichnungen anderer Kulturen nicht geglaubt und das allein deshalb, weil sie weiter zurückreichten als europäische Aufzeichnungen!

Also eine Pseudowissenschaft, die sich zwar (mehr oder weniger anerkannt) Wissenschaft nennt, die allgemein üblichen Grundsätze wissenschaftlicher Arbeit aber umgeht und dies nach außen durch hochtrabend klingende, aber überwiegend unverständliche „Theologensprache“ zu verbergen sucht, […]

Das ist genau das, was ein Theologe nicht macht und keinesfalls machen sollte gemäß Aussage eines Theologen, wenn man ihn damit konfrontiert. Das Studium der Theologie macht ihn nämlich nicht automatisch zu einem Vertreter der Kirche. Vielmehr ist das, was dort geglaubt wird, das Forschungsobjekt des Theologen.

[…] trotzdem natürlich mit absolutem Wahrheitsanspruch, der den anderen Religionen Irrtum unter anderem aufgrund von Zirkelschlüssen unterstellt…

Normalerweise interessiert sich der Theologe nicht für andere Religionen. Daher unterstellt er denen auch nichts.

Daß es mal so weit kommt, daß ich noch Theologen verteidige…
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 13.01.2017 um 02.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1655#34311

Theologen versuchen, mit ihrer Art der Hermeneutik ein künstliches rhetorisches Paralleluniversum zu bauen. Sämtliche Aufklärung konnte nichts daran ändern, daß christliche Theologie bis heute als seriöse Wissenschaft an staatlich finanzierten Universitäten gelehrt wird, inklusive des Kernbereichs Dogmatik.

Erforderlich ist allerdings, die üblichen Paradigmen wissenschaftlicher Arbeit über Bord zu werfen und hermeneutisch durch unbewiesene und häufig auch vollkommen unwahrscheinliche „Begebenheiten“ aus „heiligen Schriften“ zu ersetzen, die eine undiskutierbare Basis bilden (Offenbarung -> Vorverständnis -> Glauben). Man ist bemüht, rhetorisch Scheinprobleme zu lösen, die es ohne die Theologie gar nicht gäbe.

Also eine Pseudowissenschaft, die sich zwar (mehr oder weniger anerkannt) Wissenschaft nennt, die allgemein üblichen Grundsätze wissenschaftlicher Arbeit aber umgeht und dies nach außen durch hochtrabend klingende, aber überwiegend unverständliche „Theologensprache“ zu verbergen sucht, trotzdem natürlich mit absolutem Wahrheitsanspruch, der den anderen Religionen Irrtum unter anderem aufgrund von Zirkelschlüssen unterstellt…
 
 

Kommentar von Sinologe, verfaßt am 01.01.2017 um 07.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1655#34204

Mir scheint dieser Gadamer nur konsequent zu sein. Wenn sowieso jeder Leser einen Text nur gemäß des eigenen zeitgenössischen und kulturellen Vorverständnises verstehen kann, jeder zu jeder Zeit etwas anderes, unabhängig von der Intention des Autors, verstehen darf und der Autor keine Chance hat, die Filterblase des Rezipienten zu durchdringen, dann kann man auf Genauigkeiten und Begründungen auch gleich verzichten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.12.2016 um 04.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1655#34153

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#31129

Der katholische Theologe Marius Reiser will die Bibel wieder allegorisch auslegen (FAZ 21.12.16).
„Natürlich kann man die Bibel als ein Buch wie jedes andere lesen, aber das wird dem theologischen Anspruch nicht gerecht. (...) Wir wollen dieses Buch doch verstehen, und zwar richtig verstehen. Dazu brauchen wir eine Art Kompass. Dieser Kompass ist die sogenannt regula fidei, die Glaubensregel, in der Hauptsache das christliche Credo. Es bietet das sachgemäße Vorverständnis für die Lektüre.
Der hermeneutische Zirkel ist unumgänglich und kein circulus vitiosus. Ich beginne mit einem Vorverständnis und lasse es am Text korrigieren und vertiefen, um dann mit einem verbesserten Vorverständnis neu zu lesen. Das ist kein Kreisgang, sondern so etwas wie eine Spirale.“

Das ist Bultmann, terminologisch mit etwas Gadamer versetzt. Zweierlei ist einzuwenden. Der „theologische Anspruch“ kommt aus heiterem Himmel und ist eine Fassung des naturalistischen Fehlschlusses (vom Sein aufs Sollen). Daß ein Text einen „Anspruch“ stellen kann, läßt sich nur vom zweiten kritischen Punkt aus verstehen: Das „Vorverständnis“ ist die Annahme, die Bibel sei Gottes Wort (Reiser formuliert es etwas anders, aber das ist hier ohne Belang). Es trifft auch nicht zu, daß dieses Vorverständnis durch die Lektüre korrigiert werden könne. Ein Philologe kann sich korrigieren lassen, wenn er ein Notizblatt für ein Romanfragment gehalten hat und erkennen muß, daß es sich um einen Einkaufszettel handelt. Dem Theologen kann das nicht passieren, sonst geht es ihm wie David Friedrich Strauss, den Reiser auch ausdrücklich erwähnt: durch die Bibel zum Unglauben.
Die katholische Theologie hat die protestantische Hermeneutik schon vor Jahrzehnten übernommen, vgl. etwa Josef Ernst (Hg.): Schriftsauslegung. Paderborn 1972. Deshalb glaubt man das alles schon unendlich oft gelesen zu haben, und versteht nicht recht, warum die FAZ unter "Geisteswissenschaften" ein ganzseitiges Gespräch von Christian Geyer mit Marius Reiser bringt.

In den wirklichen Geisteswissenschaften dürfte es nicht leicht sein, das "Vorverständnis" dingfest zu machen, ohne das man angeblich keinen Text verstehen kann. Man muß natürlich die Sprache beherrschen, aber die Annahme, ein Text sei das Wort Gottes, ist denn doch sehr spezifisch. Bekanntlich sieht Gadamer in dieser Annahme (dem christlichen Glauben also) eine Wirkung der Bibellektüre und -verkündigung selbst, aber das ist für ihn kein Problem, sondern etwas Wunderbares, die mystische Einheit mit der "Überlieferung".
 
 

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