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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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07.12.2013
 

Die Planeten
Wie viele sind es?

Wie wir alle gelernt haben, gibt es seit einiger Zeit nur noch 8 Planeten. Bei Wikipedia ist gut dargestellt, wie und warum Pluto degradiert wurde. Interessant ist, daß dies Gegenstand einer Abstimmung war.
Natürlich ging es nicht darum, eine Reihe von Gegenständen abzuzählen und dann per Abstimmung zu entscheiden, ob es 8 oder 9 sind. Vielmehr ging es um die in gewissem Maße willkürliche (aber nicht sinnlose) Definition des Begriffs "Planet". Man kann dort auch ein Foto von der Schlußabstimmung im halbleeren Saal sehen.

Damit werden hübsche Merksprüche gegenstandslos. Ich habe solche Sprüche immer gern gesammelt, für die Handwurzelknochen, die Hirnnerven (auch auf englisch sehr nett!), lateinische Grammatik ...

Frege hat sich bekanntlich mit dem Morgen- und Abendstern herumgeschlagen, ich habe das schon mal erwähnt. In einer naturalistischen Semiotik kommt die bei Frege mit anderen Worten vorgeprägte Unterscheidung von Intension und Extension nicht vor. Damals glaubte man noch, die Ausdrücke "die Zahl der Planeten" und "neun" hätten dieselbe Extension (nämlich die Zahl 9) und verschiedene Intension. Damit sollte das Problem gelöst werden, daß "Nenne die Zahl der Planeten!" nicht dasselbe bedeutet wie "Sag mal 'neun'!". Man braucht aber bloß umzuformen: "Sag, wie viele Planeten es gibt!", um die Sinnlosigkeit dieses Unternehmens einzusehen. Das Abzählen der Planeten ist etwas anderes als das Aufzählen der Kardinalzahlenfolge, das sollte man auch sprachlich auseinanderhalten.

Naturalistisch gesehen, "beziehen" sich Zeichen auf nichts, denotieren nicht, referieren nicht. Das muß man erst mal entmystifizieren, dann verschwinden diese Ladenhüter der Philosophie.



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Kommentare zu »Die Planeten«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.06.2020 um 15.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43682

Beim Wiederlesen von Freges "Sinn und Bedeutung", zur Identität von Morgenstern und Abendstern:

Wenn man von unserer Gegend zur Fränkischen Schweiz hinüberblickt, sieht man an einem bewaldeten Berghang 20 km entfernt eine kleine, strahlendweiße Kirche liegen.
Das Kirchengebäude Sankt Nikolaus ist auch als „Vexierkapelle“ bekannt und liegt idyllisch gelegen auf dem Reifenberg bei Weilersbach.
Ihren zweiten Namen verdankt sie ihrem sich scheinbar ständig wandelnden Anblick, je nachdem von wo aus im Wiesenttal man die Kirche betrachtet.
(https://www.kulturerlebnis-fraenkische-schweiz.de/kirche-st.-nikolaus.html)
(Jahrelang konnte ich mir den Namen der Kirche, die ich praktisch jeden Tag auf meinen Spaziergängen sehe, einfach nicht merken, und es kann sein, daß ich ihn morgen schon wieder vergessen habe.)

Meine Frau hat einmal in einer fremden Stadt ein Café besucht und dort zum Kaffee ein Stück Schokotorte gegessen. Einige Stunden später hat sie während einer Stadbesichtigung von einer anderen Straße aus wieder ein Café betreten und erst nach längerer Zeit bemerkt, daß es dasselbe war, nur eben von einer anderen Seite. Vielleicht ist sie auch durch die Schokotorte darauf gekommen, die zwar nicht dieselbe, aber die gleiche war.

Freges Problem ließe sich besser auflösen, wenn man nicht mit dem traditionellen Zeichenbegriff operierte, wonach Zeichen sich auf etwas beziehen usw. Darum die beiden anekdotischen Beispiele oben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.04.2020 um 05.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43492

Zu Pascals Schaudern (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#39895:

Das Allerkleinste ist nicht weniger zum Schaudern. Die Zellen, aus denen wir bestehen, sind so klein, daß man sie mit Ausnahme der Eizelle nicht mit bloßem Auge sehen kann. Im Zellkern gibt es über 3 Mrd. Basenpaare, die genetische Steuerung ist vollständig digitalisiert. Die chemischen Vorgänge, z. B. der Auf- und Abbau des Hämoglobins (astronomische Zahlen jede Sekunde!), spielen sich unvorstellbar schnell (und präzise) ab, alles durch Zehntausende von Enzymen beschleunigt.

Wenn all dies den Menschen nachdrücklicher beigebracht würde, käme mehr Vernunft in die Corona-Diskussion. Und überhaupt. Die Krise wäre ein guter Anlaß, die Lehrpläne zu durchforsten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.03.2020 um 04.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43308

“Consciousness exists, but just isn’t what some folks think it is.” (Daniel Dennett: From Bacteria to Bach and Back. 2017:223)

Das erinnert an den bekannten Witz: „Was, Müller heißen Sie auch nicht mehr?“

Analog könnte man sagen: „Das Qi existiert, es ist aber nicht das, was die Chinesen sich darunter vorstellen.“ Das Qi ist genau das, was die Chinesen sich darunter vorstellen, denn es ist ein Konstrukt, das überhaupt nur in der chinesischen Kommunikationspraxis seinen Platz hat. Außerhalb ist es ein leeres Wort. Ob man das „Existenz“ nennen sollte, sei dahingestellt. Wissenschaftlich kommt man ihm nur durch die Analyse (und historische Erforschung) dieser Kommunikationspraxis näher, nicht indem man danach sucht, was es in Wirklichkeit ist.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 31.03.2020 um 00.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43302

zu #43256:
Zur Notwendigkeit gehört immer die Nennung der Voraussetzung: notwendig WOFÜR?

Genaugenommen gilt das auch in der Modallogik. Nur nimmt man dort, wenn das Wofür vereinfachend weggelassen wird, stillschweigend an, daß es notwendig sozusagen für alles ist. Notwendig (ohne Angabe, wofür) sind danach Aussagen, die immer, unter allen Bedingungen, unbedingt wahr sind. Das ist ein Spezialfall des allgemeinen Notwendigkeitsbegriffs.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.03.2020 um 16.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43294

Die sogenannte Seele ist ein Konstrukt, d. h. eine (nützliche) Fiktion. "Abstrakt" ist kein alltagssprachliches Prädikat. Ich habe schon versucht, es zu definieren, mit Porzigs "Namen für Satzinhalte". In diesem Sinn ist die Seele nicht abstrakt. Sprachlich folgt sie der Grammatik der Körperteile. Was heißt bei einem solchen Gegenstand "metaphorisch"? Die Konstrukte der "inneren Welt" sind alle metaphorisch oder, wie ich mit Heinz Kronasser sage, "transgressiv" (weil es hier den unmetaphorischen Gebrauch gar nicht gibt). Innerhalb dieses transgressiven Seelenmodells ist "liegen" nicht metaphorisch, es ist eben Teil der Modellierung des "Inneren".
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 29.03.2020 um 15.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43293

Besonders "anschaulich" sind die imaginären Zahlen in der komplexen Rechnung: j = Wurzel aus -1
 
 

Kommentar von Ivan Panchenko, verfaßt am 29.03.2020 um 12.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43292

Zu Das liegt mir auf der Seele: Ist liegen hier nicht im übertragenen Sinn gemeint? Soweit ich weiß, ist Seele im alltagssprachlichen Verständnis ein Abstraktum, da kann so eine Redewendung doch nicht als Widerlegung dienen, oder?

Zu „nicht wissenschaftsfähig“: Selbst in der Wissenschaft ist ja von physikalischer Möglichkeit die Rede etc. Einerseits ist eine Aussage natürlich entweder wahr oder falsch; würde man eine physikalische Theorie zugrunde legen, die die Welt widerspruchsfrei und vollständig beschreibt, so könnte man sagen, alles Wirkliche sei schlicht notwendig (in Bezug auf diese Theorie), andererseits lassen sich gewisse Vorkommnisse verallgemeinern und so kommt die Rede von Kontingenz zustande. Bei „nicht objektivierbar“ stimme ich Ihnen zu, wenn Sie damit meinen, unterschiedliche Sprecher könnten unterschiedliche Gesetzmäßigkeiten zugrunde legen – nur: Eine Modallogik soll lediglich einen „Rahmen“ liefern, welche Gesetzmäßigkeiten man konkret zugrunde legt, bleibt einem überlassen.

Zum Vergleich sei hier die Axiomatisierung der Wahrscheinlichkeit nach Kolmogorow genannt, sie liefert auch nur einen Rahmen, wie Wahrscheinlichkeiten konsistent zugewiesen werden können, und nicht etwa eine konkrete Methode der induktiven Statistik, da gibt es durchaus unterschiedliche Ansätze, vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Statistik#Schulen_und_Denkrichtungen
 
 

Kommentar von Manfred Riemer , verfaßt am 29.03.2020 um 11.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43291

Aber so geht man doch in der gesamten Mathematik vor, umgangssprachliche Wörter werden aufgrund ihrer halbwegs passenden umgangssprachlichen Bedeutung ausgewählt, sodann exakt im mathematischen Sinn definiert und dann genau im definierten Sinn verwendet. So entsteht die Geometrie mit „Punkt, Gerade, Ebene“ usw., eine „stetige“ Funktion, „gerade“ oder „ungerade“ Zahlen. Man kann Wahrheitstafeln auch mit den umgangssprachlichen Wörtern „und“, „oder“, „wenn ... dann ...“, „genau dann, wenn“ aufstellen, dazu braucht man doch keine Symbole. Ebenso kann man „notwendig“ und „möglich“ wissenschaftlich exakt definieren und ohne Symbole in Wahrheitstafeln verwenden. Das sehe ich wie Herr Panchenko, Symbole dienen nur der kürzeren, überschaubareren Darstellung. Statt „möglich“ und “notwendig“ könnte man auch simm und somm sagen, warum nicht? Man benutzt halt lieber anschauliche Wörter.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.03.2020 um 05.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43285

Symbole sind nicht einfach kompakt, im übrigen aber einer Beschreibung in natürlicher Sprache gleichwertig. Sie ermöglichen eine Definition über Wahrheitstafeln und ein Absehen vom Sinn. Gerade darum geht es mir aber. Ich halte umgangssprachliche Wörter wie notwendig, möglich für nicht wissenschaftsfähig, nicht objektivierbar. Pointiert gesagt: Es gibt keine Möglichkeit oder Notwendigkeit. Man könnte statt der Modaloperatoren ganz bedeutungsfreie Pseudowörter wie simm und somm einsetzen, ohne etwas zu ändern.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.03.2020 um 00.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43284

Die Modallogik allein oder die Aussagenlogik allein könnten weder etwas zum Wahrheitsgehalt empirischer Aussagen beitragen, noch brächten sie uns überhaupt erst dazu, solche Aussagen zu formulieren. Jede angewandte Logik stützt sich auf ein System von Axiomen, Definitionen, Grundannahmen und ggf. auf empirisch für wahr gehaltene Sachverhalte und leitet daraus weitere logische Schlüsse ab.

Meiner Meinung nach betreffen Modalaussagen wie falsch, aber möglich oder wahr, aber nicht notwendig immer empirisch gewonnene Erkenntnisse. Nur diese sind unbestimmt. Man kann jeweils Bedingungen angeben, unter denen eine mögliche Aussage wahr oder eine nicht notwendige Aussage falsch würde. Dagegen können rational gewonnene Aussagen immer eindeutig als wahr oder falsch klassifiziert werden (sinnvolle Definitionen vorausgesetzt, die z. B. das Barbier-Paradoxon vermeiden).
 
 

Kommentar von Ivan Panchenko, verfaßt am 28.03.2020 um 20.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43283

Zu #43257: Ob etwas als möglich angenommen wird, kann unterschiedlich sein (je nach Kontext / zugrunde gelegter Theorie / Hintergrundwissen*), auf jeden Fall ist es aber zum Beispiel inkonsequent, zu sagen, p sei wahr, aber unmöglich; den Sinn einer Modallogik sehe ich darin, zu beschreiben, wie über Möglichkeit/Notwendigkeit logisch kohärent gesprochen werden kann, aber wie in der Aussagenlogik operiert man dabei ja mit Variablen (man kann die Regeln auch in natürlicher Sprache beschreiben, Symbole wie □, ◇, ¬, … sind halt kompakt) statt mit solchen Sätzen wie Das Sonnensystem hat acht Planeten – ob dieser konkrete Satz notwendigerweise wahr ist, sagt uns die Modallogik alleine nicht, so wie uns die Aussagenlogik alleine nicht sagt, ob der Satz überhaupt wahr ist.

* Bei vollständigem Hintergrundwissen und wenn man mit möglich ‚mit dem Wissen kompatibel‘ meint, könnte man sogar sagen, alles Mögliche sei wirklich, aber das ist nur ein spezieller Kontext, als modallogische Regel ist ◇pp nicht sinnvoll.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.03.2020 um 12.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43271

Mein Definitionsbeispiel in #43261 ist sicher leger und verkürzt geschrieben, aber für eine ausführliche Erörterung ist hier wohl auch nicht der richtige Platz. Es ging mir nur prinzipiell darum, daß m. E. die Modallogik vollständig durch die klassische Logik beschreibbar ist.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 25.03.2020 um 21.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43266

Ich würde sagen, die Hinzufügung dieses unbedingten "notwendig" ist insofern überflüssig, als man ggf. den Unterschied von "(wahr und) notwendig" zu "wahr (und nicht notwendig)" auch ausdrücken kann, indem man jeweils die Voraussetzungen der wahren Aussagen konkret benennt.

So folgt z. B. die Wahrheit von "9 ist ungerade" direkt aus den Definitionen der natürlichen Zahlen und der Eigenschaft "ungerade". Andere Ideen oder konkreten Gegebenheiten haben darauf keinen Einfluß.

Dagegen gilt die Wahrheit, daß unsere Sonne 8 oder 9 (je nach Zählweise) Planeten hat, unter der Bedingung, daß die Welt genau die konkrete Entwicklung genommen hat, die wir heute feststellen. Hätte sie sich anders entwickelt, könnte die Anzahl Planeten anders sein.

Die Voraussetzungen gehören zur Aussage, dann gibt es nur eine einzige Wahrheit, keine relativen oder modalen Wahrheiten, was auch immer.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.03.2020 um 16.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43263

Laut Dudengrammatik ist die Seele abstrakt, weil man sie nicht wahrnehmen kann. Das ist naiv.

Sprachlich gesehen ist sie konkret, nämlich ein Körperteil: Das liegt mir auf der Seele usw.

Allerdings ein imaginärer, denn es gibt ja keine Seele.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.03.2020 um 15.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43262

Es genügt also zu sagen, daß eine Aussage aus einer anderen folgt, und die Hinzufügung von "notwendig" ist überflüssig.

Notwendigkeit gehört ins Leben, wo es eine Not zu wenden gibt. (Kein Kalauer)

Die Erde bewegt sich annähernd elliptisch um die Sonne. Wozu noch "notwendig" hinzufügen? (Das ist jetzt die andere, die empirische Art von Notwendigkeit.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 25.03.2020 um 15.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43261

Wenn es sonderbar ist und komisch klingt, daß die Zahl 9 notwendigerweise ungerade ist, wie Sie, lieber Prof. Ickler, schreiben (und genau das wollte ich auch mit meinem letzten Beitrag nur bekräftigen), dann kann man ja kaum vermuten, daß wir uns hier außerhalb der klassischen Logik begeben wollen.

Deshalb hat mich Ihr Hinweis auf eine Modallogik überrascht. Natürlich kann ein Logiker ggf. jederzeit definieren, was "A ist notwendig" bedeuten soll, z. B. so:
Die Aussage A heißt genau dann notwendig,
wenn für jede wahre Aussage W gilt: W -> A

Somit haben wir die sogenannte Modalität des Notwendigen auf die klassische Logik zurückgeführt.

Ist A möglich? Ja oder nein?
Ist B notwendig? Ja oder nein?
Wie man sieht, gibt es auch in der sogenannten Modallogik genau diese zwei Wahrheitswerte wahr oder falsch, nichts anderes.

Das heißt, Modallogik ist überhaupt nichts Neues, höchstens eine detailliertere Sicht auf die klassische Logik. Man kann daher auf die Definition solcher Modalitäten auch gut und gerne verzichten.
(Ickler: "Es fügt nichts hinzu.")
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.03.2020 um 03.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43257

Ein Logiker kann mit dem Satz „A ist notwendig“ nichts anfangen.

Ich kenne keine Logik, in der nicht genau dies, eben die "Modallogik", ausführlich dargestellt wäre. Angefangen hat Aristoteles, und allein über "Aristoteles und die Seeschlacht" sind ganze Regale vollgeschrieben worden. Noch der große Quine hat sich damit herumgeschlagen. Es gibt zwar Zweifel an den Modalitätsbegriffen, aber losgeworden ist die Logik dieses Kapitel nie.

Man kann das Problematische vor sich selbst und anderen verschleiern, indem man für "notwendig" und "möglich" künstliche Zeichen einführt und das Ganze "Formalisierung" nennt, wodurch es wunderbar "exakt" aussieht, wie Mathematik. Was die Zeichen bedeuten, braucht man nicht mehr zu fragen, denn sie werden durch Wahrheitstafeln definiert. So schleppt sich Metaphysik ewig fort.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.03.2020 um 23.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43256

„Es ist notwendig, daß die Zahl 9 ungerade ist“

Ein Logiker kann mit dem Satz „A ist notwendig“ nichts anfangen. Sinnvoll sind z. B. „A ist wahr“ oder „A ist falsch“. Aber „A ist notwendig“ – was soll das bedeuten?

Zur Notwendigkeit gehört immer die Nennung der Voraussetzung: notwendig WOFÜR?

Ist z. B. bekannt, daß der Satz „Aus X folgt, daß die Zahl 9 ungerade ist“ wahr ist, dann kann man daraus folgern, daß X überhaupt nur dann wahr sein kann, wenn 9 ungerade ist. Dann ist „9 ist ungerade“ notwendig DAFÜR, daß X gilt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.03.2020 um 16.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#43253

Die Sache mit den intensionalen Kontexten (s. Haupteintrag: Zahl der Planeten) wird bei Tuigendhat/Wolf, Logische Propädeutik S. 246 so dargestellt:

Es ist notwendig, daß die Zahl 9 ungerade ist, aber es ist nicht notwendig, daß die Zahl der Planeten ungerade ist – obwohl beide Ausdrücke dieselbe Zahl bezeichnet.

Das ist natürlich Unsinn. "Die Zahl der Planeten" bezeichnet nicht die Zahl 9 (auch damals nicht, als es geschrieben wurde), sondern ist die Substantivierung des Satzes "wie viele Planeten es gibt" (in unserem Sonnensystem). Es ist natürlich nicht notwendig, daß die Sonne 9 Planeten hat.

Man sollte aber auch die Sonderbarkeit der angeblich wahren Aussage erwähnen: Die Zahl 9 ist ungerade, aber warum sollte man das außerdem noch als notwendig bezeichnen? Es fügt nichts hinzu, klingt nur komisch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.10.2018 um 04.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#39902

Kurzum:

Wenn ich dies Wunder fassen will,
so steht mein Geist vor Ehrfurcht still.


In älteren Texten ist ständig von Geist und Herz die Rede, obwohl man es auch damals schon besser wußte. Der Geist ist psychologisch durch Bewußtsein, sonst auch Kopf oder (meist zu Unrecht, als Neurobluff) Gehirn/Hirn ersetzt, ganz schick auch Brain. Herz ist so lange durch Gedichte und Poesiealben gejagt worden, bis es auch als Metapher nicht mehr gebraucht werden konnte.
 
 

Kommentar von A.B., verfaßt am 22.10.2018 um 20.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#39900

Lieber Herr Riemer,
man hätte kleine Erbsen nehmen können. Mit 3,5 mm Durchmesser (laut Wikipedia zulässige Erbsengröße) geht es auf.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.10.2018 um 19.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#39899

Ich habe hier den Sonnendurchmesser zum Maßstab genommen, aber die Größe der Sterne variiert auch, wie die der Sandkörner (das 0,1- bis 25fache der Sonne, vereinzelt sogar viel mehr). Je nachdem, was man genau zugrundelegt (vielleicht geht die FAZ mehr von einer durchschnittlichen Sternengröße aus), können diese Entfernungsvergleiche schwanken. Aber es kommt ja vor allem auf die Größenordnungen an.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.10.2018 um 17.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#39897

Was intuitiv auch immer wieder überrascht, daß die Gravitation dieser Körnchen, an sich ja eine schwache Kraft, dennoch über vergleichsweise riesige Entfernungen wirkt. Ich weiß schon, was es mit der dritten Potenz auf sich hat, aber trotzdem...

(Ich habe schätzenswerte Bekannte, die es als selbstverständlich ansehen, daß diese Welt von Gott geschaffen ist, demselben, der auch bewirkt, daß jemand durch Gebete zu einer verstorbenen Nonne von einer Krankheit geheilt wurde und etwas später an einer anderen starb. Ich vermeide es aber heute, mich auf Diskussionen darüber einzulassen, sondern gucke dann woandershin.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.10.2018 um 16.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#39896

Vom allernächsten Stern, dem Proxima Centauri, sind es 4,2 Lichtjahre, also rund 40 Millionen Millionen km bis zur Sonne, deren Durchmesser 1,4 Millionen km beträgt. Das ist ungefähr das 28millionenfache.

Ein Sandkorn hat laut Wikipedia einen Durchmesser von 0,063 bis 2 mm. Eine Kette von 28 Millionen Sandkörnchen ist dann 28 x 0,063 bis 28 x 2 Millionen mm oder 2 bis 56 km lang.

Der Sirius, hellster Stern und auch einer der nächsten (8,6 Lichtjahre), wäre als 2mm-Sandkorn ca. 100 km entfernt.

Die FASZ (21.10.) illustriert mit diesem Beispiel die bevorstehende Kollision der Milchstraße mit der Andromedagalaxie. Dabei passiert fast nichts, denn ein Zusammenstoß zweier im Durchschnitt 140 Kilometer weit entfernten Sandkörnchen ist extrem unwahrscheinlich. Auch die Planeten mitgerechnet, die unser 2mm-Sonnensandkorn als Feinstaub im Abstand von bis zu 14 Metern umkreisen würden, ist die Gefahr eher gering.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.10.2018 um 07.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#39895

Die "Planetenwege" in manchen Städten und Parkanlagen sind eine sehr schätzenswerte Einrichtung. Schönes Bildungserlebnis ganz nebenbei.

Wenn die Sonne ein Sandkorn wäre, dann wäre der nächste Fixstern 100 km entfernt; das ist aber nur die allernächste Umgebung und praktisch nichts gegenüber dem Ganzen (50 Mrd. Galaxien mit je 100 Mrd. Fixsternen). „Le silence éternel de ces espaces infinis m’effraye.“
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.07.2015 um 05.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1589#29535

Auf die vielen Pannen der NASA folgt, wie zu erwarten, eine "Erfolgsmeldung" über die Entdeckung eines Exoplaneten, der auch gleich zum "Cousin" der Erde ernannt wird. Eine völlig belanglose Nichtnachricht, die sich aber in den Medien an die erste Stelle der Schlagzeilen drängt. (Dazu paßt ein paar Tage vorher die Spekulation des Physikers Hawking über außerirdisches Leben.)
Auch diese wäre keine Bemerkung wert, denn es ist der Alltag der Vernebelung unserer unterhaltungsbedürftigen Köpfe, aber selten wurde die Ablenkung von wirklich weltbewegenden Ereignissen so greifbar.
 
 

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