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Neues aus dem Rat - von Theodor Ickler

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30.03.2012
Metrisches
Trochäus mit Auftakt

Die deutsche Sprache ist überwiegend trochäisch.
"'Die Feigen fallen von den Bäumen' könnte, wie in deutschen Gedichten häufig, eine Verszeile mit vierhebigem Jambus und Alliteration abegeben." (Heinz Schlaffer: Das entfesselte Wort. München 2007:649)
Wohl eher Trochäus mit Auftakt, vgl. Feigen fallen von den Bäumen – was im wesentlichen dasselbe wäre, denn der bloße Auftakt verschiebt ja nicht das Metrum der ganzen Zeile.

Das Nietzsche-Buch scheint das letzte Werk Schlaffers zu sein, das in herkömmlicher Rechtschreibung erschienen ist, das neueste („Geistersprache“, 2012), ebenfalls bei Hanser, ist reformiert gedruckt.



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Kommentare zu »Metrisches«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2014 um 10.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1509#27055

Ich weiß, was Sie meinen, aber für mein Gefühl ist die Logik hinter der Rhetorik eine etwas andere. Die Gemeinsamkeit, von Menschen geplant und hergestellt zu sein, ist freilich der Kern der Aussage, aber sie hat ja nichts mit den alliterierenden Bezeichnungen zu tun. Mit Ewald Lang könnte man wieder mal die "gemeinsame Einordnungsinstanz" (GEI) heranziehen. Die aufgezählten Dinge sind provokativ unvergleichbar, d. h. nicht unter eine gemeinsame GEI subsumierbar - sollte man meinen, und das wird durch die Alliteration, eine von der Sache her rein zufällige Übereinstimmung, noch unterstrichen, Und dann kommt die Aussage: Doch, sie haben etwas gemein, nämlich daß sie Artefakte sind.

Ein ähnliches Spiel, nur mit dem Reim, treibt Wilhelm Busch: "Näh- und Mäh- und Waschmaschinen, Klauenseuche und Trichinen" – also zwei Gruppen in wüster Aneinanderreihung, um das Durcheinander der täglichen Zeitungsmeldungen zu kennzeichnen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.10.2014 um 06.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1509#27053

Wenn man es nun so sieht: So verschiedenartig die Dinge auch sein mögen, sie haben dennoch etwas Gemeinsames, nämlich auf menschlichem Design zu beruhen. Genau diese eine Gemeinsamkeit soll mit der Alliteration unterstrichen werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2014 um 17.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1509#27052

Die coaches knüpfen an die zuvor behandelten pumpkin coaches aus dem Märchen an. Es handelt sich um ein üppig bebildertes Jugendbuch mit knappen, leichten Texten. Der Text geht so weiter: "Once again, no magic."
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 14.10.2014 um 16.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1509#27051

Zeilenschinderei; im übrigen stehen sich coaches (Fernbusse) und cars zu nahe, scissors and symphonies ist schon viel besser.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2014 um 15.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1509#27050

Ich weiß nicht, ob man es schon beobachtet hat: Die Alliteration wird zwar von manchen Sprachmystikern dazu benutzt, eine geheime Verwandtschaft der Dinge aufzuspüren, es gibt aber auch die umgekehrte Begründung. Nehmen wir dies:

Human brains, once they had evolved, were able to design and create coaches and cars, scissors and symphonies, washing machines and watches. (Richard Dawkins: The magic of reality. London 2011:31)

Die Alliteration unterstreicht hier die Beliebigkeit der genannten Dinge, gerade weil es eine zufällige Ordnung ist: Der Anlaut der Bezeichnungen hat nichts mit einer Ordnung der bezeichneten Gegenstände zu tun. Also ein ikonischer Widerspruch, wenn man so will.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2014 um 15.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1509#27049

Während die älteren Rhetoren wie Gorgias noch viel Freude daran hatten, ihre Prosarede fast wie Poesie klingen zu lassen, erschien genau dies den späteren als geschmacklos, und den klassischen römischen Rednern konnte fast nichts Schlimmeres passieren, als aus Versehen Verse zu schmieden...
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 01.04.2012 um 21.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1509#20333

Das liegt m.E. weder am Reimschema noch am Metrum, sondern an der Silbenzahl – zehn Silben pro Zeile wirken nicht so gut wie sieben bis acht (je nach Kadenz):

"Ja! Ich weiss, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr’ ich mich.
Licht wird Alles, was ich fasse,
Kohle Alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich."

Nicht nur Poes berühmter Rabe folgt demselben Schema – wie gut das letztendlich klingt, hängt natürlich nicht vom Metrum allein ab, sondern auch wesentlich davon, wie die Akzente gesetzt sind. Man liest so ein Gedicht ja für gewöhnlich nicht mit gleichbleibender Betonung.

Zum eigentlichen Tagebucheintrag:
"Die deutsche Sprache ist überwiegend trochäisch." – Das heißt ja eigentlich auch nichts anderes, als dass nun mal überwiegend Stammsilbenbetonung gilt und die Stammsilbe meist am Anfang eines Wortes steht.
Ich halte nicht viel von Begriffen wie Auftakt, Trochäus und Jambus (von Auftakt würde ich nur im Zusammenhang mit Lyrik sprechen, wenn ein Vers mehr Silben hat als die übrigen, ohne dass dies beim normalen Lesen oder Sprechen wirklich auffiele). Im wesentlichen wechseln sich einfach betonte und unbetonte Silben ab.
Ansonsten lässt sich wohl sagen, dass im Deutschen auf eine betonte Silbe üblicherweise ein bis zwei unbetonte Silben folgen, ehe wieder eine betonte kommen muss. Auf Äußerungsebene von Trochäus, Jambus, Daktylus oder Anapäst zu sprechen, dürfte relativ sinnlos sein.
 
 

Kommentar von Jason Honk, verfaßt am 01.04.2012 um 19.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1509#20331

Eine mich manchmal störende ästhetisch-euphonische Schwäche des Deutschen: die zweisilbigen Wörter mit dumpfen Endsilben. Vorteil: deutliche hörbare Trennung der Wörter, da fast alle mit -en, -er, -e usw. enden. (Zusätzliche Hilfe: das Wortanfangssignal durch "glottal stop" – macht Deutsch leicht verstehbar!) Friedrich II von Preußen wollte dem Mangel durch Anfügen eines -a abhelfen: "gebena", "nemena" usw. (man vergleiche die lateinischen oder polnischen Flexionen).

Aber Gedichte wirken dadurch oft molto molto moderato:

"Habt ihr nicht gesehn den König reiten,
Gold an ihm und Gold an allen Seiten,
über ihn und alle seine Großen
ausgesät wie dichte Hagelschloßen..." etc.

Besonders klappernd in Verbindung mit Reimschema aa-bb-cc etc.!

(Ist aber nach einem beruhigenden Glas Wein ein wunderbares Gedicht...)
 
 

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