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20.03.2012
Festung Europa
Eurolinguistik als ideologische Aufrüstung
Aus den bescheidenen Anfängen einer Wirtschaftsgemeinschaft europäischer Staaten ist ein Staatenbund hervorgegangen, der trotz auseinanderstrebender Interessen und kritischer Phasen immer mehr als wirtschaftliche und politische Einheit handelt und von der übrigen Welt auch so wahrgenommen wird.
Spielte anfangs neben den wirtschaftlichen Interessen der Friedenswille eine Hauptrolle, so ist mit zunehmendem Abstand vom Zweiten Weltkrieg und dem Heranwachsen mehrerer Generationen ohne Kriegserfahrung das Bedürfnis entstanden, „Europa“ oder, wie man gern sagt, die „europäische Idee“ anders zu begründen. Neben die greifbaren Vorteile der europäischen Einigung – die erweiterten Wirtschafts- und Rechtsräume, die Durchlässigkeit der Grenzen, zuletzt auch die gemeinsame Währung usw. – treten Faktoren, die notwendigerweise eher ideologischer Art sind. Eine „europäisches Bewußtsein“ soll geschaffen werden, sogar ein „Stolz auf Europa“, der als nichtaggressive Variante des früheren Nationalstolzes gilt. Am häufigsten ist wohl von der „europäischen Identität“ die Rede, die entweder aufzuspüren und aus der Geschichte herzuleiten oder allererst zu schaffen sei. Partikularinteressen werden durch das Schlagwort „Europa der Regionen“ aufgefangen.
Dieses Programm hat auch in die Lehrpläne Eingang gefunden. Schon im Kindergarten singen die Jüngsten „Kleine Europäer“ von Rolf Zuckowski („Europa - Kinderland, wir geben uns die Hand“ usw.). Die „Herausbildung eines Europäischen Bewusstseins in der Schule“ ist Teil einer von der KMK festgelegten „Europabildung in der Schule“ (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 8. 6.1978, erneuert am 5. 5. 2008). Aus einer Besinnung auf „ein gemeinsames historisches Erbe und eine gemeinsame kulturelle Tradition“ (KMK) soll irgendwie eine Verpflichtung hergeleitet werden. Die Frage, ob Frieden, Demokratie usw. überhaupt „Lernziele“ sein können, soll hier nicht weiter erörtert werden. Zwischen der „Besinnung“ auf gemeinsame Herkunft und der Verpflichtung auf gemeinsame Zukunftsaufgaben vermittelt oft noch der „Stolz auf Europa“.
Die Leitlinien der KMK begründen nicht, warum die Erziehung zu Demokratie, Menschenrechten, Toleranz usw. – eigentlich universale Ziele – auf Europa beschränkt sein soll. Die Besonderheit Europas wird vorausgesetzt. „Ziel der pädagogischen Arbeit an Schulen muss es sein, in den jungen Menschen das Bewusstsein einer europäischen Identität zu wecken und zu fördern.“ Aber nicht nur Europa „wächst zusammen“. Die Beteiligung außereuropäischer Unternehmen und Staaten an europäischen Firmen schreitet rasch voran. Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Politik sprechen in der ganzen Welt dieselbe Sprache (buchstäblich verstanden ein amerikanisch geprägtes Englisch; aber selbst in den Nationalsprachen entspricht dem eine einheitliche Begrifflichkeit), der Austausch des Personals kennt keine nationalen und kontinentalen Grenzen mehr. Auch die kulturellen „Mittlerorganisationen“ wie Goethe-Institut, Deutscher Akademischer Austauschdienst, Pädagogischer Austauschdienst und Alexander-von-Humboldt-Stiftung arbeiten weltweit und nicht auf Europa beschränkt. Für die Deutsche Forschungsgemeinschaft und ähnliche Einrichtungen gibt es ohnehin keine europäische Begrenzung. Man kann natürlich europäische Austausch- und Förderprogramme (COMENIUS u. a.) organisieren und aus entsprechenen Geldquellen finanzieren, aber das macht „Europa“ nicht zu einer mehr als organisatorischen Einheit.
Englisch ist zwar auch die Sprache Englands und Irlands, aber gelernt wird es als Weltsprache, nicht zuletzt als Sprache der USA. Nur dies erklärt seinen uneinholbaren Vorsprung vor allen anderen europäischen Sprachen.
Die Europa-Idee wird oft als Antwort auf die Globalisierung dargestellt. Daher rührt eine gewisser defensiver Ton mancher Argumente.
Es überrascht kaum, wenn auch die Sprachwissenschaft von dieser Entwicklung profitieren will. Projekte, die „Europa“ im Titel führen, dürfen auf Fördermittel hoffen wie sonst nur noch „Gender“-Studien. Am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim läuft seit Jahren ein Projekt „Deutsche Grammatik im europäischen Vergleich“. Deutsch wird mit Englisch, Französisch, Polnisch und Ungarisch verglichen, bei Bedarf auch mit den übrigen Sprachen Europas. Ein systematischer innerlinguistischer Grund für diese Auswahl ist nicht zu erkennen. In der Projektbeschreibung heißt es: „Das Projekt soll auch einen Beitrag zum europäischen Sprachbewusstsein und zur kulturellen Identität Europas leisten.“ Eine Fülle von Texten hat die sogenannte „Eurolinguistik“ hervorgebracht. Der Begriff wird auf Norbert Reiter (1991) zurückgeführt, der Slawist und und Balkanologe war; auch der Herausgeber des „Handbuchs der Eurolinguistik“, Uwe Hinrichs, ist in dieser Richtung spezialisiert – kein Zufall, denn eine der Grundlagen der Eurolinguistik ist die Sprachbundtheorie, die nach Vorläufern wie Hugo Schuchardt vor allem von Nikolai Trubetzkoy an Balkansprachen entwickelt wurde. Sie besagt, daß Sprachen nicht nur durch gemeinsame Herkunft und typologisch miteinander verwandt sein, sondern auch durch Sprachkontakt einander ähnlich werden können. Das geschieht heute sowohl grammatisch als auch insbesondere semantisch, aber eben gerade heute nicht nur in Europa, sondern weltweit.
Zu den Zielen der Eurolinguistik gehören nach Hinrichs (932):
Entwurf eines europäischen Sprachbundes
Primat der sprachlichen Gemeinsamkeiten (Konvergenz) vor den Unterschieden (Divergenz)
Förderung eine europäischen Bewusstseins
Forderung nach Institutionalisierung der Eurolinguistik in Europa
Es werden noch weitere Ziele dieser Art aufgezählt.
Daß die europäischen Sprachen einen Sprachbund bilden, wird also bereits zu den Voraussetzungen gerechnet. Der Vorrang der Gemeinsamkeiten vor den Unterschieden ist systematisch nicht gerechtfertigt, sondern vom Wunsch nach einem Beweis der Einheit geleitet.
Bildungs- und Fachsprachen greifen in unterschiedlichem Maße auf das lateinische und griechische Material zurück. Das sind zwar europäische Sprachen, aber der Begriff „Eurolatein“ (womit das Griechische gleich mitgemeint ist) ist dennoch irreführend, weil die wichtigste Vermittlungssprache, das Englische, eben schon längst keine rein europäische Sprache mehr ist.
Der Versuch, die europäischen Sprachen durch linguistische Merkmalskataloge als Einheit zu erweisen, hat bisher nicht zu überzeugenden Ergebnissen geführt.
Zu den europäischen Gemeinsamkeiten („Europemen“) sollen u. a. gehören:
Die Zahl der Phoneme liegt zwischen 10 und 110.
Die Zahl der Kasus liegt zwischen 0 und 30.
Indikativ, Imperativ und Konditional unterscheiden sich formal.
Nomen unterscheiden sich formal von Verben.
Damit ist praktisch nichts gesagt. Es gibt auf der Welt nur sehr wenige Sprachen, die mehr als 110 Phoneme haben („Natürliche menschliche Sprachen haben zwischen 10 und etwa 80 Phonemen. Pirahã ist dabei – nach allerdings umstrittenen Analysen – mit 10 Phonemen die phonemärmste Sprache der Welt, ǃXóõ mit 141 Phonemen die wohl reichste.“ Wiki s. v. Phonem)
Die Mindestzahl an Kasus ist 2, es scheint aber nach dem Postulat auch europäische Sprachen ohne Kasussystem zu geben, womit dieses Kriterium praktisch entfällt, denn es besagt nichts anderes, als daß es europäische Sprachen mit und ohne Kasus gibt – das ist aber bei den übrigen Sprachen der Welt ebenso.
(wird fortgesetzt)
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Kommentar von Germanist, verfaßt am 22.02.2013 um 15.09 Uhr
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Englisch als europäische Verkehrssprache ist ja völlig in Odnung, wenn es wirklich Englisch ist und nicht das in Mode gekommene Amerikanisch.
Aber es wird zwei europäische Verkehrssprachen geben: Wer auf Arbeit in Deutschland hofft, muß Deutsch lernen; und das werden immer mehr innerhalb der EU; als nächstes Land ist Kroatien dran, aus dem früher sehr viele fleißige Leute nach Deutschland kamen und wieder kommen werden.
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2013 um 14.23 Uhr
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Gauck will Englisch als europäische Verkehrssprache. Das kommt sowieso. Außerdem fordert er ein europäisches Fernsehen. Kaum ist die Haushaltsabgabe eingeführt, steht schon ihre Erhöhung an. Zum Glück werde ich dafür nicht zahlen müssen, das macht ja mein Haushalt (laut Kirchhof).
"Es müsste nach Auffassung des Bundespräsidenten 'zum Beispiel Reportagen geben über Firmengründer in Polen, junge Arbeitslose in Spanien oder Familienförderung in Dänemark'." –
Für solche Reportagen würde ich mir natürlich auch gleich einen Fernseher anschaffen.
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.12.2012 um 04.37 Uhr
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Vor zwei Jahren habe ich einen Aufsatz heruntergeladen, der seither eine Menge Kommentare hervorgerufen hat und meiner Ansicht nach jeden interessieren sollte, der sich über "Interkulturelles" Gedanken macht:
http://www2.psych.ubc.ca/~henrich/pdfs/WeirdPeople.pdf
Von den vielen Kommentaren sei nur dies erwähnt:
http://neuroanthropology.net/2010/07/10/we-agree-its-weird-but-is-it-weird-enough/
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.06.2012 um 09.35 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1506#20845
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Ein Lösungsvorschlag zur Sprachenpolitik lautet ungefähr, der großen Mehrheit der Deutschen ein „ordentliches, regelgerechtes, auf das Notwendige reduziertes Englisch“ beizubringen (Werbung für Oliver Baer: Von Babylon nach Globylon, ähnlich auch Grzega). Das klingt ganz gut. Dummerweise kann man damit keine englische Zeitung lesen.
Ich lese, wenn ich von der Tageszeitung absehe, viel mehr englisch als deutsch, aber fast nur Fachliteratur. Dazu brauche ich kein Wörterbuch. Aber englische Zeitungen sind, wie wohl alle Zeitungen, voller Idiomatik und Anspielungen und daher doch recht schwer zu lesen. Schon vor vielen Jahren haben mir ausländische Germanisten gesagt, daß der SPIEGEL – für uns ja eher leichte Wartezimmerlektüre – für Nichtdeutsche doch ziemlich schwer ist.
Ich kann mit viel Nachschlagen ein chinesisches Kinderbuch entziffern, aber die Zeitung ist mir entschieden zu schwer. (Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf...)
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.04.2012 um 13.16 Uhr
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Nehmen wir mal die Schweden. Leider bin ich nie in Schweden gewesen. Aber die Sprachwissenschaftlerin Els Oksaar, die sich gut auskennt (und ihre Kinder, nebenbei bemerkt, viersprachig erzogen hat), berichtet irgendwo, daß man in Schweden nicht grüßt, wenn man ein Wartezimmer betritt. Anderswo habe ich gelesen, daß man, wenn man seine Gäste verabschiedet hat, zwar noch bis zur Haustür mitgeht, aber kein Wort mehr mit ihnen wechselt. Kennt jemand sich da näher aus?
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.04.2012 um 07.39 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1506#20358
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Zum Thema Antiamerikanismus (als Spielart der Europa-Ideologie) könnte man einen eigenen Strang aufmachen. Hier nur eine kleine Beobachtung: Eine subtile sprachliche Technik, mit der sich eine gewisse Abneigung gegen die USA ausdrücken läßt, ist der Wechsel ins Englische. So habe ich einmal im selben Aufsatz gelesen: „middle-class-Standard“, „one-world-Mentalität“ – da weiß man doch gleich, wo es langgeht. Die Rede vom "American way of life" ist wohl auch nie empfehlend gemeint.
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.03.2012 um 17.53 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1506#20310
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Im Handbuch der Eurolinguistik schreibt Harald Haarmann:
„Die interdisziplinäre Forschung, die sich auf Europa und seine Sprachenvielfalt konzentriert, läuft Gefahr, sich im Selbstzweck zu verlieren, falls sie keine Verankerung in den gesellschaftspolitischen Prozessen unserer Zeit findet. Der wichtigste dieser Prozesse ist wohl die politische Intergrationsbewegung der Europäischen Union.“ (43)
Von anderen Wissenschaften verlangt man keine solche Zweckbindung. Aber Eurolinguistik wäre in der Tat rein wissenschaftlich nicht zu definieren, insofern ist das Eingeständnis, einer Bindung an politische Interessen zu bedürfen, durchaus gerechtfertigt.
Es folgt ein ziemlich unlogischer Satz:
Mehr als die Hälfte der Länder Europas sind Mitgliedstaaten der Union; das sind 27 von insgesamt 44.
Es müßte heißen:
27 von insgesamt 44 Ländern Europas sind Mitgliedstaaten der Union; das ist mehr als die Hälfte.
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Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 23.03.2012 um 17.00 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1506#20287
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Historisch entspricht der Umlaut durchaus der Vokalharmonie als euphonische Erscheinung. Im Unterschied zu dieser wurde unser Umlaut aber irgendwann beim Übergang vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen phonemisiert. Als wegen des Endsilbenverfalls hoher und höher sich nur noch im Umlaut unterschieden und auch kein lautlicher Grund mehr für die Umlautung erkennbar war (also keine Folgesilbe mit i), wurden die Umlaute, bis dato nur lautliche Varianten, zu eigenen Phonemen, also bedeutungsunterscheidend, und breiteten sich immer mehr im Paradigma aus. So haben wir heute die Bachen an den Bächen, Ofen und Öfen, können zwischen Straußen und Sträußen unterscheiden usw. usf. Der Umlaut ordnete sich damit in das altbekannte (und immer noch wirksame!) Ablautsystem ein: lesen – lasen – läsen, oder noch ganz frisch: brauchte – bräuchte. Damit betont er noch einmal den Strukturunterschied zwischen den Sprachen.
Die agglutinierende Flexionsendung tritt als eigenständiges Sprachelement an einen Wortstamm, der phonematisch unveränderlich ist. (Der im Finnischen vorkommende Stufenwechsel ist wieder rein phonologisch: kirkko, aber kirkossa mit einfachem k, weil -kos- eine geschlossene Silbe ist.) Unsere Flexionsformen aber bilden, allen Bemühungen der Grammatiker, Stamm und Endung zu unterscheiden, zum Trotz, immer eine Einheit. (Bezeichnend die verzweifelt-zirkulären Auslassungen in den Schulgrammatiken: "Man findet den Stamm, indem man vom Genitiv Plural die Endung abstreicht." Aber was ist die Endung? Das, was an den Stamm antritt!) Flexionsendungen, soweit überhaupt erkennbar, haben keine eigenständige Bedeutung (es gibt kein Wort *rum im Lateinischen, nur amicorum, amicarum etc., und bei generum gehört das r schon wieder zum Stamm). Der Wortstamm kann mannigfache Veränderungen erleiden, nicht nur im Deutschen:
engl.: goose – geese
franz.: oil – yeux
russ.: drug, drúga – drusjá
lat.: genus – generis
In der Art der Wortbildung stehen sich Deutsch und Arabisch wesentlich näher als Deutsch und Ungarisch!
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.03.2012 um 16.40 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1506#20286
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Ein sonderbares Buch aus dem Kreis der Eurolinguisten ist dieses:
Joachim Grzega: EuroLinguistischer Parcours. Kernwissen zur europäischen Sprachkultur. Frankfurt:IKO – Verlag für Interkulturelle Kommunikation. 2006.
Grzega unterscheidet ungefähr 8 Kulturräume oder -kreise, darunter die drei westlichen: Europa, Nordamerika, Lateinamerika. „Die Basis der drei westlichen Kulturräume sind das auf dem jüdischen Glauben fundierte Christentum (mit dem Alten und Neuen Testament) sowie die griechische und vor allem die römische Antike (mit der Demokratie und dem Rechtsstaat als Erbe) sowie das germanische Element.“ (6)
Das lateinische Alphabet ist auch ein Kriterium.
„Nicht mehr eindeutig zu diesem (europäischen) Kulturkreis gehören Griechenland und Zypern und auch Island. Auch die Ukraine und Rumänien gehören nur in jeweils einem westlichen Streifen des Landes der westlichen Streifen des Landes der westeuropäischen Kultur an.“ (7)
(„Westeuropäisch“ und „europäisch“ benutzt Grzega gleichbedeutend.)
Kroatien gehört dazu, Serbien nicht, dieses gehört vielmehr zum „slawisch-orthodoxen Kulturkreis“.
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Man schüttelt beim Lesen oft den Kopf wegen naiver und verdrehter Behauptungen über die europäische Geschichte (in der übrigens Glaubenskriege, Ketzer- und Judenverfolgungen nicht vorkommen, weil sie das harmonistisch-fromme Bild stören würden). Zwischendurch so etwas: „die Araber, die ihre Zeitrechnung mit Mohammeds Flucht nach Mekka beginnen lassen“ (15)
Besonders gegen Ende wird das Buch immer mehr zu einer Friedenspredigt. Aber bis dahin dürften die meisten Leser nicht kommen.
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.03.2012 um 07.45 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1506#20285
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Das Pushkin-Manifest wird vom Eurolinguisten Sture Ureland erläutert. Der Text steht in einem Sammelband von Uwe Hinrichs (Die europäischen Sprachen auf dem Wege zum analytischen Sprachtyp. Wiesbaden 2004), man kann ihn aber bequemer hier nachlesen:
www.linguistik-online.de/1_01/Ureland.html
Zum Mannheimer Arbeitskreis dann weiter hier:
www.elama.de/pdf/Newsletter_5_2009.pdf
Übrigens ist das Bild, das Ureland von den in Deutschland betriebenen "Nationalphilologien" entwirft, ziemlich verzerrt. Hier in Erlangen haben z. B. die Romanistik (Forschungsschwerpunkt u. a. Kreolistik) und Anglistik keinen so engen Horizont, allerdings sind sie aus sachlichen Gründen auch nicht auf Europa fixiert.
Ausländerfeindliche Ausschreitungen in Deutschland auf eine Vernachlässigung der Eurolinguistik zurückzuführen ist sehr gewagt, um das mindeste zu sagen. Der vermeintlich gute Zweck scheint auch die unsaubersten Argumentationen zu rechtfertigen, aber wer für Wissenschaftsförderung wirbt, sollte sich seine Worte genauer überlegen.
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.03.2012 um 06.38 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1506#20284
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Der ideologische Charakter der Eurolinguistik kommt wohl am deutlichsten im "Pushkin-Manifest" zum Ausdruck:
Die Pushkin-Thesen
(formuliert im Zusammenhang mit dem 2. Internationalen Symposium über Eurolinguistik im September 1999 in Pushkin, Russland)
A. Multilingualismus im Zentrum der Forschung und Multilingualismus als Faktor der Glottogenese in der Eurolinguistik
These 1: Ausgehend von der Überzeugung, daß der Mensch mit einer faculté du langage geboren ist, die nicht monolingualer, sondern multilingualer Natur ist, stellt die Eurolinguistik das mehrsprachige Individuum ins Zentrum der Forschung.
These 2: Im Fokus der Eurolinguistik steht linguistische und kulturelle Divergenz oder Konvergenz, die durch den Einfluß von Mehrsprachigkeit entstanden ist.
B. Kontakttypologien und Netzwerke von Sprachkontakten
These 3: Die Beschreibung der historischen und heutigen Kontakttypologien der europäischen Sprachen ist eine dringende Aufgabe der Eurolinguistik.
These 4: Die zugrundeliegenden historischen, politischen, sozialen und ökonomischen Faktoren solcher Kontakttypologien sind für die Beschreibung der binneneuropäischen und außereuropäischen Einflüsse auf die Sprachen Europas unentbehrlich.
C. Gemeinsame sprachliche Charakteristika (Europäismen) als Spiegel der Kontaktmuster
These 5: Deshalb sind die gemeinsamen linguistischen Charakteristika der europäischen Sprachen zu beschreiben, die durch Kontakte der europäischen Völker untereinander im Laufe der Jahrhunderte durch Mischung entstanden sind.
These 6: Das gemeinsame europäische Erbe, das diesen Charakteristika (Europäismen) zu Grunde liegt, soll der Allgemeinheit explizit zugänglich gemacht werden.
D. Europäismen, europäische Gemeinsamkeit und Identität
These 7: Eine solche Sichtweise der gemeinsamen linguistischen und kulturellen Grundlagen der europäischen Sprachen wird ein Gefühl von europäischem Zusammenhalt entstehen lassen.
These 8: Ein solches europäisches Zusammengehörigkeitsgefühl von der Antike bis zur Moderne wird bei der Schaffung einer europäischen Identität behilflich sein, die auch heute unter der jüngeren Generation noch fehlt.
E. Eurolinguistik, Nationalismus, nationale Weltbilder und Diskriminierung
These 9: Die Eurolinguistik wird zu einer Disziplin werden, die nationalistischen Tendenzen in der Sprachwissenschaft entgegenwirkt und die Ausbildungspolitik der Mitgliedstaaten der Europäischen Union beim Auflösen vorurteilsbeladener nationaler Weltbilder unterstützt.
These 10: Ein Gefühl einer europäischen Identität, das durch die Überzeugung von einem europäischen Erbe begründet ist, wird helfen, das Heranwachsen radikaler nationaler Bewegungen und ethnische Diskriminierung zu verhindern.
F. Eurolinguistik, weniger verbreitete Sprachen und Sprachengleichheit
These 11: Indem sie die Erforschung der europäischen Minderheitensprachen in Vergangenheit und Gegenwart unterstützt, unterstützt die Eurolinguistik auch die Gleichberechtigung der weniger verbreiteten Sprachen sowie ihre unverzichtbaren Rechte bei der Sprachenverwendung in allen Domänen.
These 12: Mit ihrem europaweiten Programm wird die Eurolinguistik das Verständnis der inneren Gründe der kulturellen, religiösen und politischen Konflikte zwischen den größeren Sprachen wie auch zwischen den großen und den Minderheitensprachen in Europa fördern, womit sie einen Beitrag zur Friedensforschung leisten wird (siehe auch die Europäische Charta der regionalen und Minderheitensprachen von 1992).
G. Europäistik als ein Fach in der Ausbildung
These 13: Eurolinguistik ist ein integrierter Teil einer neuen interdisziplinären Ausrichtung der Europäistik mit dem Ziel, von der Grundschule bis hin zur Universität ein Europa-orientiertes Programm zur Ausbildung junger Europäer zu fördern.
H. Migration und Europäisierung
These 14: Die Eurolinguistik wird auch ein notwendiges mehrsprachiges Programm für die Förderung der Ausbildung der Gastarbeiter und Flüchtlinge mit ihren Kindern beinhalten, die durch lange Perioden der Abwesenheit von ihren Heimatländern zu zweisprachigen Europäern herangewachsen sind.
I. Eurolinguistik und Globalisierung – europäische Sprachen weltweit
These 15: Die Gründung einer internationalen Basis für die Eurolinguistik wird als Beispiel für ein globales Szenario wirken, wobei Englisch world-wide, Spanisch world-wide, Französisch world-wide (Frankophonie), Russisch world-wide etc. eingeschlossen sind.
These 16: Die Kontakte der ehemaligen Kolonialsprachen in Übersee haben neue Pidgin- und Kreolsprachen geschaffen und als Katalysator für die technische, ökonomische und kulturelle Entwicklung außerhalb Europas und auf anderen Kontinenten gewirkt.
These 17: Deshalb ist die Eurolinguistik eine Angelegenheit nicht nur Europas, sondern einer Weltzivilisation in ihrer Funktion als linguistischer Innovator für außereuropäische Sprachen.
J. Eurolinguistische Initiativen für eine europaweite Ausrichtung
These 18: Die Mitglieder des Pushkin-Symposiums unterstützen den ELAMA in seinen Bemühungen um eine europaweite Ausrichtung von Forschung und Organisationen in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union und in anderen europäischen Ländern.
These 19: In europäischen Ländern, wo solche Projekte und Institutionen nicht existieren und wo die Assimilierung von Immigrantenminderheiten eine wichtige Frage ist, sollten Forschungsprojekte und eventuell ganze Forschungszentren für Multilingualismus und Eurolinguistik gegründet werden, damit - besonders bei der jüngeren Generation von Immigranten, Gastarbeitern und Asylanten - ein Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht, das uns Europa als unsere Heimat erleben lässt,.
These 20: Die Mitglieder des Pushkin-Symposiums fordern alle offiziellen und privaten Organisationen auf, eurolinguistische Aktivitäten in allen Ländern zu unterstützen, und fordern Privatpersonen auf, eurolinguistischen Vereinen beizutreten.
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Soweit die Thesen. Natürlich geht es letzten Endes um Geld und Beschäftigung für Linguisten, denen irgendwie der Stoff ausgegangen ist und die deshalb bekanntes Wissen in immer neuen Handbüchern unter neuen Titeln zusammenstellen. Hoffentlich fällt die Politik darauf nicht rein und geht etwas sparsamer mit Steuermitteln um.
(Erstaunlich ist die Übernahme des Schlagwortes "Friedensforschung". Das klang schon damals etwas veraltet, auch weil inzwischen "Frauenforschung" und dann "Gender" die Geldströme auf sich gezogen hatte. "Europa" gehört auch in diese Reihe.)
"... ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das uns Europa als unsere Heimat erleben lässt" – was soll man dazu sagen? Was soll Mr. Anshu Jain dazu sagen?
Übrigens wissen die Europa-Ideologen wohl tatsächlich nicht, wie sehr sie auf Oswald Spenglers Spuren wandeln, wenn sie die "kulturelle Physiognomie Europas" (heute meist "Identität") herauszupräparieren versuchen.
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.03.2012 um 05.22 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1506#20283
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Eine gewisse Entsprechung zur Vokalharmonie der agglutinierenden Sprachen ist der Umlaut der flektierenden. Natürlich ist die Wirkungsrichtung gerade umgekehrt: antizipierend statt perseverierend (retrograd/anterograd). Es ist auch klar, daß der Umlaut teilweise historisch ist und nicht mehr die wirksame Mechanik der Vokalharmonie hat.
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Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.03.2012 um 23.15 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1506#20282
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Es gibt auch im Ungarischen einige meist zweisilbige echte Postpositionen, also Verhältniswörter, die ebenso hinter dem Substantiv, aber getrennt davon stehen, z. B. után (nach), elött (vor). Viele können in gleicher Weise mit Pronominalendungen versehen werden, wie die einsilbigen, die mit dem Substantiv zusammen geschrieben werden. Es gibt also kaum einen Unterschied außer dem, daß die zusammen geschriebenen meistens in zwei Formen wegen der Vokalharmonie vorkommen, die echten aber nur einfach. Das scheint also wirklich ein wichtiges Unterscheidungsmittel zwischen Kasusendung und Postposition zu sein.
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Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 22.03.2012 um 18.48 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1506#20281
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Ich vermute auch, daß beim Vergleich der "Kasus"zahlen unsere Präpositionen mitgerechnet werden sollten. Ohnehin gibt es ja die begründete Tendenz, "Präpositionalkasus" in der Grammatik aufzuführen. Was die Vokalharmonie betrifft, gilt sie doch, soweit ich weiß, normalerweise für das ganze Wort. Vokale können nur in bestimmter Folge oder Kombination erscheinen. Es kann also nur einen talpas geben, keinen *tölpas. Auch *valünk müßte demnach ausgeschlossen sein. Im übrigen ist die Vokalharmonie ja ein Charakteristikum der agglutinierenden Sprachen und den flektierenden fremd. Auch hier also mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten.
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Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.03.2012 um 18.23 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1506#20280
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Als Endung an Substantiven gibt es die Varianten -val und -vel (mit) zur Vokalharmonie, aber in Verbindung mit Pronomen nur vel- (velem, veled; velünk, ...). Ich weiß nicht, ob man daraus schließen kann, daß -val/-vel doch ein Kasus, keine Postposition ist.
Aber ich merke gerade, daß man dann das, was ich als eine Art Dativ betrachte, die Endung -nak/-nek, genauso von den Kasus ausnehmen müßte, denn auch da gibt es die Wörter nekem, neked, ... (mir, dir, ...). Es ist doch schwieriger, als ich dachte. Nur vom Gefühl her kann ich diese vielen, genau unseren Präpositionen entsprechenden Endungen nicht als Kasus ansehen. Kann sein, daß ich mich da irre.
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.03.2012 um 16.14 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1506#20279
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Dagegen spricht aber die Vokalharmonie, nicht wahr? Sie betrifft doch nur Suffixe, nicht Wörter. Ich lasse mich allerdings gern belehren, denn Ungarisch kann ich nicht.
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Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.03.2012 um 15.47 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1506#20278
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Was ein Kasus überhaupt ist, ist wohl auch umstritten. 30 Stück? Ich würde dem Ungarischen nur Nom., Dat. (-nak/-nek) und Akk. (-t) zugestehen, nämlich diejenigen, die, so wie z. B. die deutschen und russischen Kasus, universeller verwendbar sind, d. h. mit verschiedenen Präpositionen, nicht nur in genau einer Bedeutung, oder die ohne präpositionale Bedeutung einfach nur direktes und indirektes Objekt anzeigen.
Die Endungen, die nur für eine ganz spezielle Bedeutung stehen, würde ich im Ungarischen Postpositionen nennen, nicht Kasus. Dazu kommt, daß diese Endungen ja auch als einzelnes Wort vorkommen, das macht ja sonst keine Kasusendung, z.B. steht die Endung -vel für die Postposition mit, aber es gibt auch velem, veled (mit mir, mit dir) usw. Man bezeichnet ja auch die Artikel in den nordgermanischen Sprachen nicht als Kasus, obwohl sie nur Endungen, keine selbständigen Wörter sind.
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Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 22.03.2012 um 11.49 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1506#20276
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Der Forschungsansatz ist sehr interessant und könnte sich als fruchtbar erweisen. Die Liste der Sprachgemeinsamkeiten läßt sich noch gut erweitern. So habe ich nach ausführlichen Studien festgestellt, daß alle europäischen Sprachen in ihrem Lautinventar Vokale und Konsonanten haben, außerdem können Konsonanten verbunden auftreten – Verzeihung: in Clustern.
Aber ernsthaft: Die europäische Sprachwissenschaft blühte auf, nachdem man die Verwandtschaft diverser europäischer Sprachen mit dem Sanskrit und dann auch mit dem Tocharischen entdeckt hatte. Was aber ist davon zu erwarten, krampfhaft Gemeinsamkeiten zwischen Deutsch und Ungarisch oder Finnisch zu suchen? Ob die Kasus der agglutinierenden Sprachen – auf diese bezieht sich wohl die Zahl von 30 – überhaupt so einfach mit denen unserer flektierenden Sprachen – maximal sechs bis acht – gleichzusetzen sind, wäre schon eher ein Thema. Aber vielleicht wird uns bald als sensationelle neue Erkenntnis präsentiert, daß der "Tollpatsch" weder toll ist noch herumpatscht, sondern aus dem Ungarischen stammt. Wenn er dann wieder als Tolpatsch geschrieben werden darf, hätte der ganze Quatsch sogar einen positiven Nutzen.
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Kommentar von Germanist, verfaßt am 22.03.2012 um 00.00 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1506#20274
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Das absolut nicht Gemeinsame der indoeuropäischen Sprachen (über andere weiß ich nichts) sind die Präpositionen und ihr Gebrauch. Sie sind diejenigen Wörter, die man auf keinen Fall anhand von Wörterbüchern einfach übersetzen darf, vielmehr muß ihr Gebrauch für jede Sprache einzeln gelernt werden. Schwierig sind diejenigen Fälle, wo in manchen Sprachen gar keine Präposition benutzt wird und das "Verhältnis" durch eine Substantiv-Endung ausgedrückt wird wie in slawischen Sprachen.
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