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Neues aus dem Rat - von Theodor Ickler

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14.03.2012
Heizen mit Brot
Konnotationen können sich ändern

In den Medien wird nach Kräften versucht, Empörung über die Vernichtung von Lebensmitteln zu schüren. Wer es feierlich mag, kann auch von "täglich Brot" reden.
Von der Wertbetontheit solcher Wörter ist zweifellos noch ein Rest vorhanden, allerdings kaum bei den Geschäftsleuten, die ihr Geld mit Agrarprodukten verdienen. Wer schon etwas länger auf der Welt ist, wundert sich vielleicht manchmal, wie unmerklich und dann auf einmal doch sehr deutlich sich die Wertmaßstäbe verschieben. So auch bei den Konnotationen der Wörter. Man muß aber etwas zurückdenken: Ich sehe noch die Bilder, auf denen riesige Berge Äpfel oder Tomaten von Raupenfahrzeugen zusammengeschoben und vernichtet werden. Viele Millionen Tonnen sind damals auf Veranlassung der EWG/EG vernichtet worden, natürlich unter demselben Gejammer der Presse wie heute. Das Ziel war, die Preise hoch zu halten.
Inzwischen werden große und schnell größer werdende Flächen für die Herstellung von Autotreibstoff genutzt. Zwischen solchen Feldfrüchten und Brotgetreide gibt es objektiv keinen Unterschied, es ist nur eine Frage der Benennung. Sollte es sich als günstig erweisen, mit Brot zu heizen, wird es natürlich umgesetzt – warum auch nicht? Man wird es nur anders nennen müssen.
Durch geschickte Wortwahl kann man erreichen, daß die größte Zumutung überhaupt keine mehr ist. Die Umerziehung im Interesse der Wirtschaft ist erst am Ziel, wenn auch die Sprache entsprechend zugerichtet ist.
Die Macht der Sprache ist gerade bei Nahrungsmitteln sehr groß. Wenn jemand bei uns ein Gulasch verzehrt und es ihm – naturgemäß – sehr gut schmeckt, werde ich mich hüten, ihm die Herkunft des Fleisches mitzuteilen. (Ich habe Gulasch noch nie aus etwas anderem als Pferdefleisch gekocht!) Hierher gehört ja auch die camouflierende Doppelbezeichnung: pork vs. pig, mutton vs. sheep usw.
Pascal Boyer hat einmal erwähnt, daß wir uns wahrscheinlich sehr ekeln würden, wenn uns jemand sagte, das Glas Wasser, aus dem wir gerade trinken, enthalte einen kleinen Tropfen Kuhharn. Man würde es nicht schmecken, und schädlich ist es auch nicht, aber trotzdem...



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Kommentare zu »Heizen mit Brot«
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Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.04.2013 um 14.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#22962

Viel tragischer ist, daß die Mongolen die letzten Wildpferde aufgegessen haben, sodaß jetzt in Europa nachgezüchtete dort ausgewildert wurden und Wildhüter sie vor dem Abschuß schützen müssen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.04.2013 um 12.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#22960

Der nächste Pferdefleisch-"Skandal" galoppiert heran, da will ich auch noch etwas ergänzen:

„Der Pferdefleischskandal zieht immer erschreckendere Kreise. Jetzt kam heraus, dass auch in Fertiggerichten von Starkoch Alfons Schuhbeck Pferdefleisch gefunden wurde. Doch es geht noch schlimmer. In Großbritannien wurde jetzt in Proben von Hackfleisch sogar Eselfleisch nachgewiesen.“ (shortnews)

„Pferde-Lasagne? Papperlapapp! Es geht noch viel schlimmer: In Südafrika haben Forscher nun ebenfalls Burger und Würste aus Rinderhack untersucht. Sie fanden Spuren von Büffel-, Ziegen- und Eselfleisch.“ (SPIEGEL)

Büffel sind doch auch Rinder, was soll also "noch viel schlimmer" sein? (In Indien war Fleisch von Wasserbüffeln besonders billig, auch ein bißchen zäh; ich erinnere mich, daß das Rindfleischtabu für die Büffel nicht galt oder nicht so streng.)

Esel gehört in eine anständige Salami. Gerade heute war ich beim Pferdemetzger, der in letzter Zeit soviel Nachfrage erlebt, daß ich mich sputen muß, wenn ich noch ein gutes Stück bekommen will. Er erinnerte sich noch, daß ich an Esel interessiert bin, und verkaufte mir ein Stück Eselsalami, echt lecker.
Esel sind laut Wikipedia schwindelfrei, anders als Pferde. Dies wurde einem großen Sprachwissenschaftler zum Verhängnis.
Ich weiß nicht, ob ich das schon mal erzählt habe: Der Mann war im Orient unterwegs, ich glaube im Hindukusch oder Karakorum. Er wollte seine eigenen Esel fotografieren, die ihm mit den ausladenen Traglasten auf einem schmalen Gebirgspfad entgegenkamen. Nun gehen Esel immer am äußersten Rand, lassen den Kopf schief hängen und stellen fest, ob der Weg gefährlich überhängt. Der Kollege stand ebenfalls am Rand, guckte nur durch den Sucher seiner Kamera – und wurde vom ersten Tier in die Schlucht gewischt. Ich weiß nicht, ob man die Leiche bergen konnte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2013 um 06.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#22746

In Island hat man jetzt Fleischpasteten entdeckt, die überhaupt kein Fleisch enthalten.
Wie man hört, werden sogar die Löwen eines Tages kein Fleisch mehr essen, sondern neben den Antilopen grasen. Wahrscheinlicher ist, daß es dann längst keine Löwen mehr gibt.

Bei Youtube gibt es neben viel Unsinn auch ganz hübsche Filmchen, in denen z. B. Löwinnen jagen. Als Fernsehverweigerer gönne ich mir manchmal ein paar Minuten davon. Ich bin sicher nicht der einzige, der inständig hofft, die Gazelle möge entkommen. Warum freue ich mich nicht mit den Löwen auf die leckere Mahlzeit? Wahrscheinlich haben unsere Vorfahren das ganz anders wahrgenommen als wir Fernseh- und Bilderbuchkinder. (Ist es nicht eine schöne Vorstellung, als Wespenlarve in einer fetten Raupe zu wohnen und sie allmählich aufzufressen? Eigentlich doch das Schlaraffenland.)

Die Betrachtung des Lebens, wie es wirklich ist, versetzt uns nicht gerade in festliche Stimmung. Man sollte dran arbeiten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2013 um 13.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#22697

Ja, das ist sehr interessant. Wir hatten ja schon den Fall, den Bühler berichtet: "Sie Alpha, Sie Beta!" usw.
Wenn auf einer Tube steht: "Enthält ABC", dann glauben alle, ABC müsse etwas Gutes sein, und wenn auf einer Packung steht: "Frei von XYZ", dann denken sie, XYZ sei schädlich. Auf diesen Ton ist die ganze Pferdefleischdebatte gestimmt. Hinzu kommt nun noch, daß das Zeug armen Leuten angedreht werden soll. Dann muß es ja wohl was ganz Schlechtes sein.
Ich habe der Bischofskonferenz daraufhin vorgeschlagen, die Pferdefleischgerichte ordentlich zu deklarieren und dann den Bedürftigen anzubieten. Das wäre doch viel besser, als die Kirchen damit zu heizen, oder?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 22.02.2013 um 10.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#22696

Es wird immer komischer. Der Vorschlag, die fragwürdigen Produkte an Hilfsbedürftige zu verteilen, anstatt sie zu vernichten, löst ein gemischtes Echo aus und stößt überwiegend auf den Protest der Hilfsorganisationen, weil das "menschenunwürdig" sei. Aus dieser Sicht ist die Vernichtung der Mahlzeiten besser, als sie interessierten Hilfsbedürftigen anzubieten. Währenddessen verzeichnen die Pferdemetzger einen Zustrom neuer Kunden, die neugierig geworden sind und Pferdefleisch ausprobieren wollen. Aber zugegeben, diese aufgeschlossenen Kunden würden sich vor der suspekten Rinder-Pferde-Mischung vermutlich auch ekeln, nachdem sie in Grund und Boden dämonisiert worden ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.02.2013 um 12.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#22690

In der FAZ nutzt ein Herr Friebe die Gelegenheit, uns mit krassen Worten zum Vegetarismus zu bekehren, erklärt nebenbei auch die Abneigung gegen Pferdefleisch. Er ist wohl eigentlich Popmusiker. Unser Pferdemetzger, den ich heute neugierig fragte, ob die Diskussion sich negativ auf sein Geschäft ausgewirkt habe, sagte mir: Im Gegenteil, er habe etliche neue Kundschaft gewonnen. Auch sei gestern im Fernsehen ein Vergleichstest gelaufen, bei dem Pferd besser abschnitt als Rind.

Wikipedia schreibt unter dem hübsch gebildeten Schlagwort "Speziesismus".

Ähnlich den feministischen Versuchen, eine nicht-sexistische Sprache etwa unter Verzicht auf generische Maskulina zu etablieren, verweisen manche Antispeziesisten darauf, dass die allgemeine Sprache speziesistisch sei, und propagieren einen nicht-speziesistischen Sprachgebrauch.
Als Beispiel speziesistischer Sprache wird etwa die Abwertung von Tieren im Zuge der Beschimpfung anderer Menschen als „dumme Kuh“, „blöde Ziege“, oder „faule Sau“ angeführt oder die Tatsache, dass etwas als „affig“ bezeichnet wird. Zudem wird kritisiert, dass auch dort, wo sich Menschen nicht von den übrigen Tieren unterscheiden, also sachlich die gleichen Vorgänge oder Zustände vorlägen, sprachliche Unterschiede gemacht werden, wenn etwa von „essen“ versus „fressen“, „sterben“ versus „verenden“ oder „gebären“ versus „werfen“ die Rede sei. Auch das Einschreiben des Nutzens für den Menschen in Begriffen wie „Nutztiere“, „Legehennen“ oder „Haustiere“ wird als speziesistisch bezeichnet.
Zu den Forderungen im Zuge eines antispeziesistischen Sprachgebrauchs zählt die Verwendung des Begriffs „nichtmenschliche Tiere“, um zu betonen, dass der Mensch auch eines von vielen Tieren sei. In diesem Sinne kritisiert auch der Philosoph Jacques Derrida die verallgemeinernde Verwendung des Tierbegriffs im Singular. Durch die Rede von „dem Tier“ als Gegenüberstellung zum Menschen werde die Vielfalt tierischen Lebens verdeckt, da eine Spezies „Tier“ nicht existiere: Erica Fudge erkennt zwar Derridas Hinweis auf das homogenisierende Potential in dem Begriff „Tier“ an, schlägt aber dennoch eine Verteidigung vor. Der Begriff von „dem Tier“ könne Menschen dazu zwingen, die Gewalt gegenüber manchen und Zuneigung gegenüber anderen Wesen, die alle unter denselben Begriff „Tier“ fallen, als willkürlich und widersprüchlich zu erkennen.
Zuweilen wird auch kritisiert, dem Begriff „tierisch“ hafte eine abwertende Konnotation an. Aus diesem Grunde soll stattdessen die Bezeichnung „tierlich“ verwendet werden.



Da stehen uns also noch viele sprachliche Eingriffe bevor. Aber sollen wir nun die weiblichen Brüste "Zitzen" oder "Euter" nennen oder umgekehrt vom Busen der Kuh sprechen?

Es wird auch darauf hingewiesen (an gleicher Stelle), daß Tiere, selbst wenn wir sie nicht mehr essen, nicht aufhören werden, uns zu essen. Aber darauf hat anscheinend Peter Singer eine Antwort gefunden.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 19.02.2013 um 11.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#22665

Zu 1505#22660:

Die Desinformation oder sogar Fehlinformation des Publikums (bzw. der Verbraucher) gehört zu den herausragenden schauspielerischen Fähigkeiten der Ministerdarstellerin Ilse Aigner. Deshalb ist sie in dieser Rolle auch schon mehrmals erfolgreich in diversen Satyrspielen aufgetreten. Die Netzausgabe der "Süddeutschen" erinnert aus gegebenem Anlaß noch einmal an ihre großen Erfolge der letzten Jahre. Von der "Sauerei" bis zum Gurken- und Tomatenverbot.

Vgl. hier: www.sueddeutsche.de

Und dann noch zum Roastbeef in 1505#22661:

Anders als die italienische Mortadella, das Wiener Schnitzel oder die Frankfurter Wurst bezeichnet Roastbeef kein Produkt aus einer bestimmten regionalen Herkunft. In meiner Kindheit hieß beim Metzger fast jede Brühwurst (egal ob mit Pistazien oder ohne) "Mortadella" und jedes panierte Stück Schnitzelfleisch war ein "Wiener Schnitzel". Die ABM der EU haben inzwischen dafür gesorgt, daß nur noch die Produkte, die aus den Regionen der Ursprungsbezeichnung kommen, diese Namen tragen dürfen. (Ich warte darauf, daß die Stadt Lyon sich über die vielen umbenannten deutschen Mortadellas aufregt.)
Roastbeef ist daher zunächst ein bestimmtes Fleischstück vom Rind, das es so tatsächlich vom Pferd nicht geben kann. Darüber hinaus bezeichnet Roastbeef aber auch die Zubereitungsart, bei der Fleisch bei niedriger Temperatur langsam im Backofen gebraten wird. Daher finde ich es nicht so kurios, wenn der Pferdemetzger Fleisch, das auf diese Weise zubereitet wird, als "Roastbeef" bezeichnet. Das Wort ist zum Glück (noch) keine geschützte Herkunftsangabe. Etwas anders sieht das die EU womöglich mit den brotähnlichen Eierkuchen, die in England die traditionelle Beilage zu diesem Fleischgericht sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2013 um 06.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#22661

Kurioserweise bietet unser Pferdemetzger auch Roastbeef an, das liegt im Preis zwischen Gulasch und Lende. Umgekehrt sprechen sämtliche "normalen" Metzger und auch fast alle anderen Leute das Wort als Roßbief aus. Also Pferdefleisch vom Rind, Rindfleisch vom Pferd...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2013 um 05.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#22660

Das Satyrspiel zum Schluß:

„Doch der Widerwille gegen Pferdefleisch kommt nicht vom Ponyhof – er kommt aus Stalingrad. Dahinter steckt nicht Kleinmädchenhysterie, sondern historische Erfahrung. Nirgendwo ist der Ekel vor Pferdefleisch so ausgeprägt wie in der Generation, die noch den 2. Weltkrieg und die Nachkriegsjahre erlebt haben.“ (Matthias Heine in der Welt vom 19.2.13)

In Wirklichkeit war das die große Zeit der Pferdemetzgereien, in unserer Kleinstadt gab es sogar zwei davon. Es gab natürlich auch sehr viel mehr Pferde, weil sie als Zugtiere noch eine Rolle spielten.

Die Leserbriefe in der "Welt" sind, wie gewohnt, die allerdümmsten, aber in der Ablehnung von Heines Phantasieprodukt sind sie sich einig und haben recht.

Eine Journalistin schrieb neulich: Pferd statt Rind, das sei ungefähr so, als habe man einen VW bestellt und müsse mit einem BMW vorlieb nehmen.

Das Ganze ist ein kommunikatives Desaster. Die Leute sind über ihre Lebensmittel hinterher weniger aufgeklärt als vorher. Da kann auch die geforderte "genauere" Deklaration (vor allem wenn sie zwar genau, aber falsch ist ...) nichts mehr ändern. Besonders schon ist die Forderung, Lebensmittel müßten teurer werden. Dann würden ja die Fälscher noch mehr verdienen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2013 um 03.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#22625

Inzwischen überschlagen sich die Medien mit Schlagzeilen wie "Pferdefleischskandal erreicht Deutschland". Auffälligerweise sind die Leser und Blogger viel besonnener als die Journalisten mit ihrer Sensationsmache und auch die Politiker, die selbst im Beschwichtigen noch die Maßstäbe verlieren. Wahrlich, ich sage euch: Pferd statt Rind ist wie Pute statt Huhn. Es ist nicht in Ordnung, aber es ist auch nicht weiter schlimm.
Bemerkenswert auch, wie viele Leser durchaus realistisch sagen: Verglichen mit dem, was sonst noch alles in Fertigkost und überhaupt in "veredelten" Lebensmitteln steckt, ist das wirklich belanglos.

In der chinesischen Provinz habe ich mal Bullenpenis gegessen, in Ringe geschnitten und geschmort. Aber wenn ich es bedenke, könnte es sich auch um etwas anderes gehandelt haben, weil die Chinesen ihre Gerichte gern metaphorisch-hyperbolisch benennen; so ist ja das bekannte südchinesische Ragout "Tiger und Drachen" auch bloß Katze und Schlange. Verglichen mit neueren deutschen Speisekarten sind die chinesischen Bezeichnungen allerdings noch schlicht und ehrlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.02.2013 um 04.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#22582

Herr Ludwig hat es vielleicht besser getroffen als ich mit meinem Einfall. Ich kenne mich da leider nicht aus. Daß ein Tier verehrt wird, schließt ja nicht aus, daß es geopfert wird, im Gegenteil, es ist "opferrein" - ahd. zebar, das Gegenteil ist Ungeziefer.
In der brahmanischen Literatur bin ich während meines Studiums auf Pferdeopfer (ashvamedha) und sogar Menschenopfer (purushamedha) gestoßen, die von den Hindus heute meist als Priesterphantasien abgetan werden, aber ich glaube, daß so etwas immer einen realen Hintergrund hat, von dem spätere, "zivilisiertere" Zeiten nichts mehr wissen wollen. Ritualspezialist Frits Staal behandelt diese Fragen in einem seiner letzten Bücher: Discovering the Vedas. Penguin Books 2008. (Allgemeinverständlich und sehr interessant!)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 08.02.2013 um 19.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#22580

Verunreinigung ist im Grunde ja korrekt, da die Produkte kein reines Rindfleisch mehr enthalten haben. Aber man verbindet mit dem Begriff Verunreinigungen durch Ungenießbares (= Nichteßbares) oder gar Giftiges.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 08.02.2013 um 19.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#22579

In den Niederlanden kann man Pferdefleisch im Supermarkt kaufen, sogar geräuchert, geschnitten und in Plastikfolie verpackt, genauso wie man hierzulande Cervelatwurst oder Bierschinken angeboten bekommt.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 08.02.2013 um 17.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#22578

Wohl nicht aus indogermanischer, denn in anderen indogermanischen Kulturen gibt's diesen "Horror" ja nicht. Es hat wohl mehr mit der Einführung des Christentums bei den Germanen zu tun. Denn bei denen war das Pferd ja Wodan heilig, deren höchsten Gott. Und das Kommunizieren von Pferdefleisch war für die Christen dann ein religiöses Bekenntnis zu dem alten Gott, der ja abzulehnen war (wegen welcher Haltung dann im Hochdeutschen sogar das Wort Mittwoch als Bezeichnung des mit Wodan bezeichneten Tages aufkam). In Frankreich z. B. hatte das Pferd nie etwas mit dem höchsten Gott der Heiden da zu tun, und die da "finden Pferdefleisch nicht so schlimm, viele betonen sogar den delikaten Charakter", heute noch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.02.2013 um 14.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#22577

Natürlich sollten Lebensmittel korrekt deklariert sein. Die Verbraucher müssen dann selbst entscheiden, was sie essen wollen. Das gilt besonders für gentechnisch veränderte Waren. Sie sind wahrscheinlich unschädlich, aber trotzdem ...

Nun ist in England und Irland Pferdefleisch entdeckt worden, wo Rindfleisch draufsteht. Interessant ist die Sprache, in der das berichtet wird:

Der Hersteller McAdam Food hatte polnische Zulieferer für die verunreinigten Produkte verantwortlich gemacht.
Die FSA-Chefin Catherine Brown sprach laut "Times" von einer "entsetzlichen Situation".
(spiegel.de 8.2.13)

Die meisten Leserbriefschreiber reagieren aber sehr besonnen und finden Pferdefleisch nicht so schlimm, viele betonen sogar den delikaten Charakter. Bei uns ist Pferdefleisch übrigens nicht teuerer als (gutes) Rindfleisch und war früher ausgesprochen billig. Pferde werden nicht gemästet und sind darum auch nie wahnsinnig. Esel ist übrigens auch sehr gut, besonders als Wurst.

Der Horror stammt wohl aus germanischer Frühzeit (oder indogermanischer? Die Ashvinau der alten Inder entsprechen den gekreuzten Pferdeköpfen auf niedersächsischen Bauernhäusern) und ist der Ablehnung des Schweinefleischs bei Juden und Muslimen vergleichbar.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.03.2012 um 09.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#20258

Die fragwürdigen Statistiken zur Lebensmittelvernichtung werden auch unbesehen geglaubt. Vorwurfsvoll hält man den Deutschen vor, sie würfen pro Kopf täglich fast ein halbes Pfund Essen weg, was natürlich ganz unglaubwürdig ist. Die einzige bekannte Langzeituntersuchung ausgewählter Familien kommt auf ein Fünftel der Menge.

Menschen, die in Kliniken, Heimen usw. arbeiten, sind allerdings oft entsetzt, weil dort das aus Großküchen angelieferte und stets sehr reichlich bemessene Essen tatsächlich zwangsweise vernichtet werden muß; nach einigen Stunden darf es nicht mehr genossen werden, schon gar nicht von den Angestellten selbst. Ich glaube, für die Schweinemast ist es dann auch nicht mehr zulässig. Aber die Empörung ist auch hier ziemlich archaisch.
 
 

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