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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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12.07.2009
 

Phrasendrusch
Prinzipien vs. Gedankenlosigkeit

Von manchen Leuten bleibt nur ein Schlagwort. Zum Beispiel das "Prinzip Hoffnung". Das ist in die Sprache eingegangen, es gibt auch Abwandlungen nach dem Muster: "Prinzip x".
Nun soll gar der junge Herr Pronold das "Prinzip Hoffnung der SPD" geworden sein. (WELT online)
Ich bemühe mich seit Jahren, den Ausdruck "Prinzip" aus meinen Texten zu verbannen. Schon wenn man "Grundsatz" sagt, verbieten sich viele dieser mechanischen Phrasen, die vielleicht einmal Belesenheit ausdrücken sollten, heute aber nur noch Gedankenlosigkeit zu erkennen geben. Liest man eigentlich noch Ernst Bloch? Ich erinnere mich noch, wie ich lachen mußte: "Wir sind. Aber wir haben uns nicht. Darum werden wir erst." Das waren die Suhrkamp-Zeiten; man mußte wohl durch, aber es ist doch schon sehr lange her.



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Kommentare zu »Phrasendrusch«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.01.2018 um 09.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1187#37447

Was machen die Iraner mit dem Aufstand? Sie "proben" ihn. Probentote inbegriffen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.07.2017 um 17.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1187#35790

„Im direkten Kontakt mit den Menschen und ihren Hoffnungen, Wünschen und Sorgen zu sein, hat mich für mein Leben geprägt.“ (Martin Schulz: Was mir wichtig ist)

Für die Kombination Hoffnungen, Wünsche und Sorgen gibt es, wie man sich denken kann, viele hundert Belege.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.06.2017 um 07.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1187#35369

Die evangelische FDP-Politikerin Leutheusser-Schnarrenberger:

Der säkulare Staat kann auf moralische Ressourcen der Religionen nicht verzichten.

Wieder mal Böckenförde. Seltsamerweise wird Moral wie ein Rohstoff behandelt, der irgendwo in begrenzter Menge lagert und abgebaut werden kann. Das undurchschaute Bild dürfte sich praktisch auswirken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.01.2017 um 06.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1187#34319

Mit ihrer automatischen Ergänzung decken die Schreibsysteme unerbittlich auf, was gerade in Mode ist: Objekt [der Begierde], Leichtigkeit [des Seins] usw. – Es ist ein wenig genierlich, daß die Maschine einem diese Plattheit zutraut, aber man weiß wenigstens gleich, was man unbedingt vermeiden muß.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.08.2015 um 05.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1187#29773

In einer spöttischen Rezension von Rüdiger Safranskis Buch über die Zeit hat Patrick Bahners gezählt, wie oft die Furie des Verschwindens vorkommt. Das ist wirklich nicht auszuhalten. (Nicht zum Aushalten, sagt man in meiner Gegend.)
Wo immer etwas verschwindet, stellt sich für den Gebildeten besagte Furie ein, was immer Hegel im konkreten Fall damit gemeint haben mag.
Über die Zeit gibt es auch ein Buch des Rechtschreibkünstlers Lutz Götze, und ebenso wie bei Safranski kommen Augustinus, die Marschallin usw. zu Wort, dazu die angeblich zyklische Zeitauffassung anderer Völkerschaften. Und die Langeweile.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.04.2015 um 08.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1187#28605

In der gestrigen FAS, im Finanzteil, stand ein Artikel des Philosophen Höffe über die Zeit. Wie 99 Prozent aller Texte über die Zeit fing er mit dem bekannten Zitat von Augustinus an und war auch sonst gänzlich leer.
Ebenfalls vorhersagbar ist der heutige ganzseitige Artikel des EKD-Vorsitzenden über die "Kraft der Religion". Ich hatte nicht die Absicht, ihn zu lesen, wollte aber doch wissen, ob er das Böckenförde-Diktum zitiert. Es steht schon in der ersten Spalte. Dazu ein bekannter Satz Habermas, auf den sich alle Theologen seinerzeit geradezu gierig stürzten, und auch die "religiös Unmusikalischen " wurden wieder einmal vereinnahmt. (Das ist der weberische Habermassche Euphemismus für den eigenen Atheismus). Na, und Rawls. Alles beisammen. Solche Aufsätze schreibe ich im Schlaf.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.03.2015 um 05.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1187#28435

„Eisaugen“-Prozess neu aufgerollt (Sächsische Zeitung 26.3.15). Nachdem der Engel aber nun endgültig freigesprochen worden ist, könnte die Eisaugen-Aufwallung die letzte gewesen sein.
Der "Blick" erkennt scharfsinnig, daß Frau Knox nicht die einzige Schönheit ist, die mit Morden "in Verbindung gebracht" wurde. Statistisch ist es trivial, daß unter den vielen Mörderinnen und Nichtmörderinnen auch recht hübsche gewesen sein müssen.
Der Ausdruck „Eisaugen“-Prozess ist besonders albern, weil es niemals um die Augen der Angeklagten ging, sondern der Journalist einfach nicht von dem blöden Attribut von anno dazumal loskommt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.09.2013 um 04.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1187#24118

Seit Grass drängt sich beim Substantiv Aufstand jedem Journalisten gleich das Verb proben auf, und es bedarf besonderer Charakterstärke, es nicht hinzuschreiben:

Warum wäre das Riesenbündnis ein Problem? 630 Sitze gibt es im Bundestag, nach der Wahlniederlage der FDP bleiben nur vier Fraktionen. CDU/CSU und SPD hätten 503 Plätze, Linke und Grüne 127. Die Zwergen-Opposition könnte also keinen Aufstand proben: Sie hätte nicht genügend Stimmen, für etliche Möglichkeiten der parlamentarischen Regierungskontrolle wird laut Grundgesetz mindestens die Unterstützung von einem Viertel der Abgeordneten benötigt. (Spiegel online 25.9.13)

Hier ist es geradezu widersinnig, aber der Sog ist einfach zu stark.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.07.2013 um 17.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1187#23542

Über den Engel mit den Eisaugen berichtet focus.de:

In der ersten Instanz war die heute 25jährige unter anderem aufgrund von DNS-Spuren verurteilt worden. (...) Die US-Amerikanerin Amanda studiert, hat einen neuen Freund und ihre Geschichte zu einem Buch verarbeitet.

Die 25jährige ist gut, im 17. Jahr der Rechtschreibreform. Aber wer seinen Freund gleich zu einem Buch verarbeitet, ist vielleicht auch noch zu anderem fähig, das hätte sie nicht tun sollen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.03.2013 um 12.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1187#22859

Freispruch gegen Amanda Knox aufgehoben (Welt 26.3.13)

Gegen oder für?

Übrigens ist Frau Knox nach Aufhebung des Freispruchs wieder der "Engel mit den Eisaugen" (ebd.).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.10.2011 um 11.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1187#19289

Das Entstehen von festen Wortverbindungen ist sehr interessant. Zu dem althergebrachten "tief religiös" gesellt sich seit einigen Jahren "aggressiver Atheismus".

Nur am Rande habe ich mitverfolgt, was aus dem "Engel mit den Eisaugen" geworden ist. Nun ist die junge Amerikanerin vom Mordvorwurf freigesprochen worden, und jetzt hat sie natürlich auch keine Eisaugen mehr, sondern muß ohne solche leben.

Die Medien, die jene Eisaugen erfunden haben, könnten nun wieder darüber schreiben, was eigentlich mit den Augen los ist.
 
 

Kommentar von Y.N., verfaßt am 16.07.2009 um 04.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1187#14778

"Wir sind. Aber wir haben uns nicht. Darum werden wir erst."
Diesen Satz habe ich vor über 10 Jahren in mein Grammatiklehrbuch für Japaner aufgenommen, weil er drei wichtige unregelmäßige Verben enthält. Bloch wurde auch ins Japanische übersetzt, aber heute redet man bei uns weder von ihm noch von "Hoffnung".

In der Gesellschaft des Prekariats, wo Kinder armer Eltern nur geringe Chancen haben, es künftig besser zu haben (und auch in der Gesellschaft, wo Kinder zum Lernen der Schlechtschreibung gezwungen werden), gibt es sicher keinen Platz für Hoffnung.

In meinem neuen Lehrbuch habe ich den Ausspruch der Marquise de Pompadour "Nach mir die Sintflut" als Merkspruch für Präposition und Personalpronomen angegeben. Mir kommt vor, als ob der Spruch von den Rechtschreibreformern geäußert worden wäre.
 
 

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