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»Sprache und Politik«


Beiträge zum Thema

»Zur Rolle der Schulbuchverlage«

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Dieser Beitrag wurde am 16.12.2005 um 15.01 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=59#439


Beitrag geschrieben von Kai Lindner am 16.12.2005 um 14:35 Uhr:

Liebe Frau Pfeiffer-Stolz...

da scheine ich wohl einen wunden Punkt erwischt zu haben -- Sorry.

Ich will hier nicht moralischer erscheinen, als ich wirklich bin... aber der Ursprung allen Übels liegt -- wie sie so schön beschrieben haben -- im gemeinsamen Mitlaufen mit der Meute. Und besteht die Meute aus Lemmingen, dann geht es irgendwann über die Klippe...
Leider... wir könnten hier auch über den globalen Ölverbrauch, die neue und total überflüssige Gesundheitskarte, die WTO, die Globalisierung (und so weiter und so fort) reden... wir alle rennen mit der Meute, von wunderbaren Hoffnungen getrieben, einem billigen Köder hinterher.

Doch zurück zum Thema. Wenn ich mich recht erinnere (ich bin noch nicht so alt... und als die Rechtschreibreform gerade hochkochte, da hatte ich andere Dinge im Kopf), dann waren es vor allen Dingen Lehrer, freie Autoren und einige *wenige* Verleger, die sich öffentlich dagegen aussprachen. Und zu den wenigen Verlegern gehörten noch viel weniger aus der Lehrbuchbranche.

Und wenn ich mich falsch erinnert habe, dann hat die Schulbuchverlagsbranche eben schlechte PR für sich gemacht.

Und vergessen sie nicht, daß es neben der Staatshörigkeit auch noch eine andere (nicht unbedingt typisch deutsche) Eigenschaft gibt, die im Zusammenhang mit der Rechtschreibreform zunehmend bedeutender wird: Das Vergessen der eigenen Schuld.
Sollte die Reform in vielleicht zehn oder zwanzig Jahren doch noch ein gutes Ende nehmen, dann können wir sicher sein: Man wird nur Opfer und zu ihren Taten genötigte Mitläufer finden, aber es wird keine Täter geben.

Die gegenwärtigen Allüren der Deutschen Bank haben mich zu müde gemacht, als daß ich mir über das deutsche "Unternehmertum" noch Gedanken machen möchte. Und wer ist jetzt so konsequent, und wechselt mit seinen Konten zu einer anderen Bank? (man horcht in die Stille und es kommt keine Antwort)


Beitrag geschrieben von Karin Pfeiffer-Stolz am 16.12.2005 um 10:38 Uhr:

Lieber Herr Lindner, nicht um die Erwartungen geht es mir, sondern um die eingetroffenen Tatsachen. Letztere sind wirtschaftlich ernüchternd. Manche Schulbuchverlage haben sich bei der Umstellung finanziell übernommen. In den ersten Jahren nach der Umstellung wurden etliche Kleinverlage von größeren geschluckt, die Rechtschreibreform spielt dabei unter anderem auch eine Rolle.
Ich schließe nicht aus, daß einige Kollegen Umsatzsteigerungen erwartet haben, doch hat die Skepsis überwogen. Die Verleger haben sich keine Rechtschreibreform gewünscht, doch was hätten sie tun sollen? Sie laufen schließlich in einem Wettstreit aller Verleger mit, und wenn sie einfach stehenbleiben und sich verweigern, dann können sie ihr Unternehmen zumachen. Haben Sie Erfahrungen als Unternehmer, Herr Lindner? Wenn nein, sollten Sie aufhören, leichtfertig über "die Unternehmer" zu urteilen. Als Unternehmer verstehe ich vor allem Personen, die nicht nur die Hände hinhalten, wenn es etwas zu gewinnen gibt, sondern die vor allem ihre eigene Rübe hinhalten, wenn etwas schiefgeht; die großen Wirtschaftsbosse sind keine Unternehmer, sie sind Funktionäre, weil sie leistungsunabhängige Gewinne einstreichen, die Verluste aber sozialisieren, also auf die Allgemeinheit abwälzen. Dabei hilft ihnen die Politik, und neuerdings auch Schröder. Noch einmal: DAS sind keine Unternehmer im ursächlichen Sinne des Wortes. Jedermann schimpft aber auf diese Männer und trägt dazu bei, daß der Begriff „Unternehmer“ am Rand unscharf wird: alle echten Unternehmer leiden darunter.

Der wirtschaftliche Aspekt ist wohl kaum alleiniger Grund für den von Ihnen beklagten vorauseilenden Gehorsam - die Ursache wird eher in der Tradition des deutschen Untertanenstaates zu suchen sein, dem wir immer noch verhaftet sind. "Vater" Staat, das sagt ja schon alles. Wer wird sich gegen den übermächtigen, gütigen "Vater" auflehnen? Gehorsam pflegen wir auch dort, wo er uns nicht nutzt, sondern sichtbaren Schaden zufügt.

Nein, nein, Herr Lindner. Auch das Verhalten meiner Kollegen nicht gutgeheißen werden kann: gegen pauschale Aburteilung muß ich sie in Schutz nehmen. Den Schulbuchverlagen kann man im Zusammenhang mit der Reform weder ein besonders unmoralisches Gewinnstreben unterstellen, noch konnte man von ihnen einen heroischen Widerstandsgeist erwarten. Für einen solchen Schritt hätten sie organisiert sein müssen – jedoch nicht im Verband der Schulbuchverlage (VdS), dessen Interessen sich keineswegs mit den Interessen der Mitgliedsverlage decken, im wesentlichen ein Eigenleben führt. Es gab und gibt bis heute keine Ebene, auf der eine gemeinsame Kommunikation möglich wäre. Jeder arbeitet und kämpft vor sich hin. Und es ist ein harter Kampf.

Verlagsleute sind ganz normale Menschen, wie sie uns überall im täglichen Leben begegnen. Sie sind weder moralischer noch unmoralischer, weder willfähriger noch rebellischer als der Rest der Gesellschaft. Daß der Hebel ausgerechnet bei ihnen und ihren Märkten (ohne die sie nicht leben können) angesetzt hat, dafür können sie nicht. Die Schuldfrage, sofern sie beantwortbar ist, muß den Politikern gestellt werden: es ist die Politik, die sich mit einer fragwürdigen Ideologie verbündet hat. Ideologen mit abstrusen Ideen gab es immer. Es sollte gerade die Aufgabe einer Realpolitik sein, Weltverbesserer dahin zu schicken, wo der Pfeffer wächst. Bei der RSR ist das Gegenteil passiert. Die Ideologen und die durch den Staat subventionierten Geschäftemacher (das ist nicht Markt, nicht freie Wirtschaft!) sind deshalb die wahren Nutznießer; für die meisten von ihnen hat sich ihr unermüdliches Wirken in barer Münze ausgezahlt - und es klingelt heute noch in den Kassen. Wobei die Aussicht auf materiellen Gewinn auch nur einen Teil ihres Engagements erklärt.

Bleiben wir also auf dem Teppich, lieber Herr Lindner.


Beitrag geschrieben von Kai Lindner am 16.12.2005 um 09:41 Uhr:

Naja, Frau Pfeiffer-Stolz,

natürlich müssen Sie die Verlagsbranche (speziell die der Schulbücher) vor uns in Schutz nehmen. Aber ich bin mir sicher, daß sich die vielen Schulbuchverleger zu Beginn der Reform die Hände rieben und freuten: "Alle unsere Bücher müssen nun neu gekauft werden -- welch ein Profit!" (viele Schulbücher wurden über viele Jahre hinweg in den Familien oder Schulen benutzt und waren plötzlich "ungültig" geworden)...

Später kam dann die Ernüchterung, denn wer hätte damals gedacht, daß im Jahresturnus neue Reform-Reförmchen kommen würden, und daß die Bücher so schnell veralteten, wie sie gedruckt wurden.

Dieses schnelle und unkritische Mitmachen am Anfang hat die Reform erst möglich gemacht. Ohne den kritiklosen vorauseilenden Gehorsam der Schulbuchverlage hätte es die Reform nie gegeben. Und man möge nicht die Ausrede fahren: "Wir mußten schließlich mitmachen, denn sonst hätten die Kultusbehörden unsere Bücher nicht zugelassen." -- solch ein Satz schmerzt irgendwie mehr, als die (unglaubwürdige) Behauptung, man fände die NRS einfach besser und sei daher auf den Zug aufgesprungen.

Der Belletristik- und Fachbuchbranche kann das Hickhack um die Rechtschreibung weitestgehend egal sein -- nur die allerwenigsten Leser entscheiden über den Kauf eines Romanes oder Kochbuches aufgrund der Rechtschreibung, denn es geht schließlich um den Inhalt.


Beitrag geschrieben von Karin Pfeiffer-Stolz am 16.12.2005 um 08:19 Uhr:

Na ja, die Verleger haben wohl weniger daran gewonnen. Viele Verlage haben an der Reform sogar Federn lassen müssen. Da sind wir nicht die einzigen.
Profit gab es allenfalls für Wörterbuchmacher und Verleger von Lernprogrammen für die NR, das ist ja nur ein kleiner Teil der Verlage. Man sollte nicht alles in einen Topf werfen, denn so entstehen Mißverständnisse, die sich dann zu Scheinwahrheiten verdichten.
Der wirtschaftliche Erfolg einiger Verleger relativiert sich außerdem durch den hohen Aufwand, der nötig ist, um die Werke immer wieder umzuschreiben und an die aktuelle Entwicklung anzupassen. Da entstehen Kosten, die es früher nicht gab. Richtig profitiert haben wohl weniger die Unternehmer selbst als die Autoren für Lehrwerke und Funktionäre der Reform: aus ihren Reihen rekrutieren sich bekanntlich die aktiven Reformbetreiber.

Wir hoffen, daß es ihnen bald in die nahrhafte Suppe hagelt!


Beitrag geschrieben von GL am 16.12.2005 um 06:29 Uhr:

Die "etwas verworrene Sachlage" infolge politischer Entscheidungen wird jetzt auch noch auf die Bevölkerung abgeschoben. Bevor mir gleich die Tränen kommen, will ich nicht vergessen, dass dieses milliardenteure und unbrauchbare Unternehmen durch die Steuern der Bürger finanziert wurde und wird. Profitiert am Reibach hatten und haben ausschliesslich die Politiker, Kultusminister und Verleger, ohne die Rechtschreibreform zu beherrschen!
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