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»Sprachwissenschaft«


Beiträge zum Thema

»Sprachwandel«

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Wolfram Metz
Den Haag, Niederlande

Dieser Beitrag wurde am 16.04.2016 um 11.51 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#11346


Noch zu #7262:

Eben gehört: »Du bist aber vom Zeitmanagement her gut unterwegs.«
(= Du liegst gut in der Zeit.)
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Wolfram Metz
Den Haag, Niederlande

Dieser Beitrag wurde am 12.11.2015 um 08.05 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#11211


Der Artikelschwund hält an (Fortsetzung zu #3022 und #4430).

WDR 5, 12.11.2015, gegen 7.20 Uhr: Mit Rheine geht es wirtschaftlich bergab, weil die Bundeswehr dort abgezogen wird. Eine Expertengruppen denkt darüber nach, wie man den Abwärtstrend aufhalten kann. Ihre Ideen sollen nach den Worten eines Beteiligten, der in der Sendung im O-Ton zu hören ist, »eine Chance darstellen, daß Stadt sich neu aufstellen kann«.
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Reinhard Markner
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 31.08.2011 um 20.51 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#8126


Im Rheinischen ist der Einsatz des Plusquamperfekts anstelle von Imperfekt oder Perfekt verbreitet, also z. B.: Isch wa jästern im Kino jewesen.
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Gunther Chmela
Raubling

Dieser Beitrag wurde am 30.08.2011 um 23.12 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#8124


Sprachwandel? Ich hoffe jedenfalls, das Folgende gehört hierher.

Immer mehr scheint es mir, als würden wir eine Inflation des Gebrauchs des Plusquamperfekts erleben. Es würde mich interessieren, ob andere Beobachter unserer Sprache diesen Eindruck ebenfalls haben. Diese Inflation findet vor allem in der Umgangssprache statt, leider aber auch in den Medien, sogar in renommierten großen Tageszeitungen.
Es wird sehr häufig das Plusquamperfekt verwendet, wo keinerlei Notwendigkeit dazu besteht, wo also das Perfekt oder einfach nur das Präteritum stehen sollte. Das sieht dann beispielsweise so aus: Ich frage einen Besucher, ob er Hunger habe und etwas essen möchte. Antwort: „Danke, ich hatte bereits in München gegessen!“ Oder in der Zeitung: „Die Polizei hatte gestern einen LKW-Fahrer kontrolliert, der...“ Wohlgemerkt, ohne daß diesem Bericht ein Satz im Präteritum oder im Perfekt vorausgegangen wäre!
Ist es denn nicht nach wie vor so, daß das Plusquamperfekt (also die Vorvergangenheit!) irgendeine Aussage in der Vergangenheit voraussetzt?
Geradezu lustig wird es, wenn die Liebhaber der dritten Vergangenheit in ihrer Rede dann wirklich einmal die Vorvergangenheit brauchen. Dann wird eben eine vierte Vergangenheit herbeigezaubert, sozusagen ein Plus-Plusquamperfekt: „Ich hatte bereits gegessen gehabt...“

(Es sei mir noch eine vielleicht amüsante Anmerkung erlaubt. Da die bairische Sprache meine Kindersprache ist, weiß ich, daß uns Bairisch-Sprechern diese vierte Vergangenheit nicht zugänglich ist. Wir bilden nämlich das Plusquamperfekt konsequenterweise mit dem Perfekt des Hilfszeitworts, da es das Präteritum – zumindest im Indikativ – im Bairischen nicht gibt. Der letzte oben zitierte Satz müßte also theoretisch heißen: „Ich habe bereits gegessen gehabt gehabt...“ Daß das nicht geht, liegt auf der Hand!)
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Horst Ludwig
St. Peter, MN, USA

Dieser Beitrag wurde am 14.08.2011 um 23.10 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#8043


DTS-Meldung (14.08.2011) schreibt, wie man spricht: "[D]er 38-jährige Cuxhavener [hatte] in einer Linkskurve die Kontrolle über sein [sic] Pkw verloren. [... E]in nachfolgender Pkw prallte jedoch frontal mit dem Auto des 38-Jährigen zusammen." Aber bei genauem Hinhören hört man schon einen Unterschied zwischen "sein Pkw" und "sein'n Pkw". Sollte man wenigstens, nicht wahr? Denn wir haben bei "sein'n Pkw" im Deutschen "ein langes 'n'"! (Die Zungenspitze wird nicht von den Alveolen genommen. Also haben wir auch keinen noch so kurzen Vokal zwischen den zwei gemeinten /n/.)
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Hanno Birken-Bertsch
Dreieich

Dieser Beitrag wurde am 06.03.2011 um 23.40 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#7577


Google bietet mit dem Books Ngram Viewer seit einiger Zeit ein neues Hilfsmittel zur Erforschung des Sprachwandels an. Auf diesen Seiten hier habe ich dazu noch nichts gelesen. Philipp Teichfischer jedoch berichtet in seinem Blog von ersten Erfahrungen. Er hat sich die Verbreitung von th/t im Deutsch des 19. Jahrhunderts am Beispiel von »Theil«/»Teil« angesehen.

Teichfischer stellt dieses neue Instrument in den Kontext der Culturomics, eines quantitativen Zugriffs auf Daten aus Kultur und Gesellschaft, der im Januar durch eine Veröffentlichung im Wissenschaftsmagazin Science einige Aufmerksamkeit erfuhr.
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Robert Roth
Gau-Algesheim

Dieser Beitrag wurde am 25.12.2010 um 23.53 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#7293


Zwei verschiedene Ausgaben meiner "Webster´s New World Dictionary": marry (´mare), aber Mary und merry (´mere) (Unterstrich in der Lautschrift anstelle des nicht verfügbaren Oberstrichs).
Mary, marry und merry sind in der Ausprache kaum unterschiedlich herauszuhören, außer bei einem Texaner, der die Vokale dehnt. Bei eggs und ax sollte man deutlich auf richtige Aussprache achten.
"English is easy".
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Reinhard Markner
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 25.12.2010 um 22.16 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#7292


Im vornehmeren Englisch wiederum tendiert here in Richtung hare. Daß dies nur "some speakers in East Anglia and South Carolina" (!) betreffe, dürfte untertrieben sein.
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Dieser Beitrag wurde am 25.12.2010 um 22.08 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#7291


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.12.2010 um 07.44 Uhr

Vgl. dazu hier.

In amerikanischen Filmen ist es mir auch schon aufgefallen, ich selbst bin aber bei meiner schulenglischen Aussprache geblieben.

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 25.12.2010 um 00.35 Uhr

Lieber Herr Ludwig,

nur "ein Dialektgebiet"? Ich spreche alle drei Wörter seit jeher gleich aus – wenn ich meiner Selbstbeobachtung trauen kann. Im Merriam-Webster ist bei Mary die erste der angegebenen Aussprachevarianten identisch mit der Aussprache von merry und marry.

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 24.12.2010 um 17.17 Uhr

Ich auch. Es gibt übrigens ein Dialektgebiet in den USA, wo "merry", "marry" und "Mary" gleich ausgesprochen werden.

Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.12.2010 um 14.51 Uhr

Ich wünsche allen eine schöne Mary Christmess. (Udo Jürgens singt von ihr.)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 21.12.2010 um 19.32 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#7277


Die Presse, 19. Dezember 2010

Sprache ändert sich
Die deutsche Sprache ist kein fixes und einheitliches System zur Kommunikation. Selbst die Grammatik ist Veränderungen unterworfen – nicht zuletzt durch die Neuen Medien.

Die Sprachgeschichte ist einmal als schwärzeste aller schwarzen Künste bezeichnet worden: Als einziges Mittel, die Geister verschwundener Jahrhunderte zu beschwören, vermag sie am ehesten, das Geheimnis Mensch zu lüften. Was dunkel klingt, erhellt sich spätestens dann, wenn die Sprache explizit zur Sprache kommt: Unser Handeln und das resultierende kulturelle und gesellschaftliche Miteinander sind sprachbasiert. „Wenn wir also unser gesellschaftliches Leben besser verstehen wollen, müssen wir auch die Funktionen und Wirkungen von Sprache verstehen lernen“, erklärt Arne Ziegler, Professor am Institut für Germanistik der Karl-Franzens-Universität Graz.

Dazu wählt der Wissenschaftler mehrere Zugänge zum „Gebäude“ der Sprache. Die eine Tür, nämlich die Sprachgeschichte, führt zu „sprach-inhärenten“ Betrachtungen, indem die Entwicklung der Sprache vom Althochdeutschen bis in die Gegenwartssprache verfolgt wird. Die andere Tür ist die sogenannte Varietätenlinguistik – sie eröffnet Einsichten, wie sich Sprache und außersprachliche Bedingungen der Gesellschaft, Regionen und Kommunikationssituationen zueinander verhalten.

Das Fundament bilden dabei die grammatikformenden Elemente der Sprache. Denn die sprachlichen Einheiten interagieren miteinander und sind hierarchisch strukturiert: vom Laut zum Wort zum Satz zum Text.
Wenn man die volle Kontrolle über sprachliche Tätigkeit haben will, dann setzt das daher auch das Verstehen über Funktionen niedrigerer sprachlicher Ebenen voraus. „Jedes Reden über Funktionen und Wirkungen von Sprache, ohne dabei grammatische Strukturen und Ausdrucksmittel mit einzubeziehen, ist aus linguistischer Sicht zutiefst unseriös“, hält Ziegler fest. Der Grund: „Jene Strukturen erfüllen letztlich Funktionen und erzielen Wirkungen.“

Stiefkind Grammatik. – Die Grammatik verliert heutzutage an Schulen, in der gesellschaftlichen Wahrnehmung und oftmals auch in der Germanistik selbst zunehmend an Bedeutung. Ja noch mehr: Sie muss sich zuweilen für ihre bloße Existenz rechtfertigen. Ein Hauptgrund dafür mag ihr schlechter Ruf und eine einseitige Sicht auf Grammatik sein. Anstatt eines Gebäudes, das zu Erkundungen einlädt, haben Schüler oftmals eine feindliche Mauer vor sich.

Im Unterricht soll „der mündliche und schriftliche Sprachgebrauch frei von groben Verstößen gegen die Sprach- und Schreibrichtigkeit sein“. So steht es trocken im AHS-Lehrplan. Grammatikunterricht trennt demnach zwischen Falsch und Richtig und wird in der Folge als eine Art Normenkontrollinstanz wahrgenommen. Nun: Die Sprache ist aber kein starres Gebäude. Was konservative Sprachkritiker als Sprachverfall abtun, ist aus wissenschaftlicher Perspektive nichts anderes als Sprachwandel und Variation: „Der Fehler von gestern ist die Norm von morgen“, sieht auch Richard Schrodt vom Institut für Germanistik in Wien. „Die Standardsprache erneuert sich aus der Umgangssprache, die der Duden endlich akzeptieren müsse“, so Schrodt. Der Forscher ist übrigens Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung. Die Sprachwissenschaften sehen sich heutzutage mit medialen, interdisziplinären und kulturwissenschaftlichen Einflüssen konfrontiert. Es ist daher umso wichtiger geworden, einerseits Pforten in Richtung aktueller Gegenwartssprache zu öffnen und andererseits, dem „eigenen Forschungsgegenstand treu zu bleiben“, so die Sprachwissenschaftler.

Schulisch gesehen hieße das zum Beispiel, den Kindern „echte Sprache“ mitsamt ihren Normverstößen und „Fehlern“ im Unterricht anzubieten – und nicht mehr Musterbeispiele nach allen Regeln der Kunst durchzukauen. Die Lust der Schüler an der Grammatik und an der Sprachgeschichte könnte dadurch neu geweckt werden, und mit dieser Freude könnten auch Geschichtsbewusstsein sowie reflexives und kritisches Denken über sprachliche Prozesse vermittelt werden.

Variantengrammatik. – Für Universitäten würde das bedeuten, dass nicht mehr das Beseitigen schulischer Defizite der Grammatik im Zentrum stünde, sondern dass viel mehr zu prozess- und problemorientiertem Denken angeregt werden sollte, um so zu einer vertieften Reflexionsfähigkeit beizutragen. Den zukünftigen Lehrern käme das sicher zu Gute.

Eine erfolgreiche Fortbildung für Lehrer, öffentliche Vorlesungen sowie Kooperationen mit der Industrie zeigen dabei, dass die Abteilung für „Deutsche Sprache – Historische Sprachwissenschaft und Varietätenlinguistik“ der Grazer Germanistik ihre Forschungen nicht im Elfenbeinturm verortet wissen will, sondern den Austausch mit der Öffentlichkeit sucht. Diese Aktivitäten bezeugten in Zieglers Augen die Vielseitigkeit der Grazer Germanistik und „unseren ganzheitlichen Forschungsansatz“.
In einem Projekt, das alle drei deutschsprachigen Länder umfasst, werden zum Beispiel standardsprachliche Varianten des Deutschen in regionalen Zeitungen erfasst und in einem Handbuch als Basis für weitere grammatische Untersuchungen veröffentlicht. Dieses soll für interessierte Laien zugänglich sein, soll allgemein verständlich sein und Lehrern, Lektoren und Übersetzern über die Normgemäßheit grammatischer Varianten Auskunft geben.

Mit anderen Worten: Die geschriebene Standardsprache ist in den drei Staaten Österreich, Deutschland und der Schweiz zwar sehr ähnlich, sie kann je nach Region aber dennoch stark variieren. „Diese Varianten unterscheiden sich zum Teil in der Wortstrukturierung, Phrasenstruktur und der Rektion (abhängige Elemente, Anm.). Einige Beispiele: Störefried/Störenfried; die Parks/die Pärke/die Parke oder Das Wetter ändert/Das Wetter ändert sich. Das im deutschen Sprachraum einzigartige Kompendium soll den Nutzern erlauben, sich im jeweiligen Standard unauffällig zu bewegen.

Neue Medien. – Ein weiterer Schwerpunkt behandelt Neue Medien. Ziegler: „Sie bieten uns die Chance, aktuelle Formen des Sprachwandels ,in progress‘ zu beobachten.“ Der Sprachgebrauch in Neuen Medien wie etwa bei Facebook oder Twitter findet in zeitgenössischen Grammatiken kaum Eingang. Laut Ziegler ist das eine „defizitäre Situation“, da das Schreiben von Grammatiken die aktuelle Sprachwirklichkeit abzubilden habe. Neue sprachliche Muster, Routinen und Formen bilden sich heraus oder werden in veränderter kommunikativer Funktion verwendet.

Man sollte genau wissen, was man wie in Neuen Medien von sich preisgibt. Denn wenn etwas seit jeher gleich geblieben ist, dann die Tatsache, dass Mensch wie auch Sprache stets im Wandel sind: Sprache ist geordnete Vielfalt.


(diepresse.com)
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Reinhard Markner
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 19.12.2010 um 23.45 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#7263


Ähnelt in der Verwendung etwas dem in der betrieb- und behördlichen Selbstbeweihräucherung zur Zeit unentbehrlichen aufgestellt. Während man dieses unschwer auf positioned zurückführen kann, scheidet das Englische bei unterwegs als Quelle wohl aus.
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Wolfram Metz
Den Haag, Niederlande

Dieser Beitrag wurde am 19.12.2010 um 21.57 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#7262


Das Wort unterwegs wird seit einiger Zeit in einer Weise verwendet, die mir bisher fremd war. Danach ist man in irgendeiner Weise bzw. in irgendeinem Sinne »unterwegs«. Einige Beispiele:

»Auch im Umweltbereich ist Wiener Neustadt sehr fortschrittlich unterwegs« (Das City Magazin)

»Ich bin der festen Überzeugung, daß es uns noch gelingen kann, bis zum März die Menschen davon zu überzeugen, daß die CDU im Interesse des Landes unterwegs ist.« (Tanja Gönner im ZDF)

»Bei Glühlampen ist man mit Niedervolt-Halogen und IRC Technik noch halbwegs vernünftig unterwegs.« (wer-weiss-was.de)

»Ich bin schon etwas chaotisch unterwegs, und zwar grundsätzlich.« (Zoë Jenny im Gespräch mit Axel Robert Müller)

»CSU-Kreisverband Forchheim engagiert unterwegs« (Der Neue Wiesentbote)

»Die selbe Schreiberin redet von Missklängen und ist sehr strukturiert und belehrend unterwegs ...« (utopia.de)

»BB [Bezirksblätter Burgenland]: Ist die Innenministerin Ihrer Meinung nach die richtige, um das Integrationsthema zu behandeln?
WERNER FAYMANN: „In Eberau war sie auf jeden Fall falsch unterwegs. Es ist ein schwerer Fehler, hinter dem Rücken eines Landeshauptmanns etwas zu machen. [...]“« (regionaut.meinbezirk.at)

Ich fühle mich erinnert an das niederländische bezig (= beschäftigt, zugange). Wenn man zum Beispiel »verkeerd bezig« ist, macht man etwas falsch. Ist diese Verwendung wirklich neu, oder ist sie mir früher nur nicht aufgefallen? Handelt es sich um einen Modebegriff? Um einen Regionalismus (man findet viele süddeutsche, österreichische und schweizerische Quellen)?

Nachtrag vom 22. Dezember 2010:
Man sei insgesamt »stabil unterwegs«, höre ich gerade einen Sprecher der Deutschen Bahn in der ARD sagen, und er meint damit nicht etwa, daß die Züge beim Fahren nicht wackeln, sondern daß sich die Situation nach den Verspätungen und Zugausfällen der letzten Tage heute stabilisiert habe.
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Urs Bärlein
*

Dieser Beitrag wurde am 05.11.2009 um 17.08 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#5561


Lieber Herr Westrich,
unter "gelungen" verstehe ich "zumindest nicht schlechter als der bisherige Usus". Nach Auffassung der Professorin ist die reformierte s-Schreibung gelungen. Nach meiner Ansicht ist kein Teil der Reform gelungen (von ein paar Einzelwortschreibungen abgesehen, die aber ohnehin schon angebahnt waren).
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Paul Westrich
Kusterdingen

Dieser Beitrag wurde am 05.11.2009 um 15.45 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#5559


zu #5545:
Lieber Herr Bärlein,
danke für Ihre Erläuterungen zu meiner Frage. Ja, Feigheit ist ein weitverbreitetes Verhalten, nicht nur in Bezug auf die Rechtschreibreform.

Zu Ihrem zweiten Absatz: "Solange auch nur irgendein Teil der Reform als gelungen gilt ...". Ist nach Ihrer Auffassung oder der von Frau Professor Habermann irgendein Teil der Reform tatsächlich gelungen? Ich bin da immer noch am Suchen. Oder was verstehen Sie hier unter gelungen?
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Urs Bärlein
*

Dieser Beitrag wurde am 05.11.2009 um 13.40 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#5558


Lieber Herr Achenbach,

ich denke bei dem "metaphysischen Vorverständnis" an einen Kernspruch der Sprachwissenschaft, der auch in der Reformdebatte häufig angebracht wurde: „Die Schrift ist nur das äußere Kleid der Sprache.“ Als wissenschaftliche Aussage über Schrift ist dieser Satz unsinnig, einmal abgesehen von der einen, banalen Hinsicht, daß es jeder Disziplin unbenommen ist, ihren Gegenstandsbereich festzulegen und damit auch das, was nicht dazugehört bzw. sich zu ihm als Äußerlichkeit verhält. Nicht unsinnig (unabhängig davon, ob man die betreffende Auffassung teilt) ist der Satz als metaphysische Aussage über Sprache. Er enthält zunächst eine Bestimmung von Sprache als Gegenstand überhaupt und dann, genauer, eine Bestimmung dieses Gegenstandes als eine Wesenheit, also als etwas, das von seinen Erscheinungsformen unterscheidbar ist, in diesem Fall von der Schrift als einer besonders entlegenen Artikulation von Sprache. Statt „Schrift ist nur das äußere Kleid von Sprache“ könnte es auch heißen: „Sprache ist das Notwendige, Schrift das Zufällige.“

Aufschlußreich hierzu fand ich, was Hans-Martin Gauger in dem Valerio-Heftchen 3/2006 über seine Initiation in die Sprachwissenschaft berichtet: „Einer meiner großen Lehrer … pflegte, wenn man ihn in einem altfranzösischen Text etwa nach einem bestimmten Buchstaben fragte, zu sagen: ‚Ja, also das ist dann reine Graphie!’ Da wußte man, man hatte eine dumme Frage gestellt.“ (S. 92) – Auffällig ist hier nicht nur die dumme Antwort des Professors (denn nach nichts anderem als „Graphie“ war er schließlich gefragt worden, und mit einem Verweis auf den Kollegen von der historischen Fakultät, der sich wahrscheinlich besser auskennt, hätte er sich nichts vergeben), sondern vor allem, daß der junge Gauger (und vermutlich nicht nur er) die ostentative Bräsigkeit gar nicht bemerkt hat, die einem Fachfremden sofort ins Auge springt.

Diese Vorstellung von der Schrift als einer Äußerlichkeit bzw. Zufälligkeit teilt der Reformer mit anderen Sprachwissenschaftlern. Er unterscheidet sich von ihnen, indem er aus dem Satz vom „äußeren Kleid“ nicht die Konsequenz zieht, sich nicht weiter mit „Graphie“ zu beschäftigen, sondern ihn als Lizenz, wenn nicht als Auftrag deutet, die Zufälligkeit von Schrift dadurch zu demonstrieren, daß er sie exekutiert. Dadurch gerät er freilich in eine paradoxe Situation: Eine Rechtschreibreform hat nur dann Sinn, wenn es so etwas wie eine notwendige oder ideale Orthographie gibt, der man sich durch Änderungen annähern kann.
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Reinhard Markner
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 05.11.2009 um 10.11 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#5557


Daß es möglich ist, am grünen Tisch eine Rechtschreibreform auszuhecken und dann mit den Machtmitteln des Staates auch durchzusetzen, ist ja schon vielerorts demonstriert worden. Das (partielle) Scheitern einer solchen Maßnahme beweist da nicht viel. Mal gelingt der Versuch eben und mal nicht.
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Klaus Achenbach
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 05.11.2009 um 03.59 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#5556


Lieber Herr Bärlein,
was verstehen Sie denn unter dem "metaphysischen Vorverständnis von Sprache"?
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Urs Bärlein
*

Dieser Beitrag wurde am 03.11.2009 um 22.21 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#5545


Lieber Herr Westrich,

mit "Leuten wie sie" meine ich Personen, die von Berufs wegen dazu gezwungen sind, sich zur Rechtschreibreform zu verhalten, die klug genug sind zu wissen, daß es sich dabei um Unfug handelt, die aber nicht den Mut haben, diese Einsicht kompromißlos zu vertreten. Sie suchen dann nach einer Unterwerfungsformel, und da bietet sich Heyse als der vermeintlich verständigste Teil der Reform an.

Bei Sprachwissenschaftlern kommt noch etwas anderes hinzu, das mit Feigheit oder Opportunismus nichts zu tun hat. Solange auch nur irgendein Teil der Reform als gelungen gilt, kann das Scheitern der übrigen Teile als Zufall durchgehen. Sobald aber alle systematischen Teile als gescheitert gelten, steht nicht nur die Rechtschreibreform von 1996 ff. in Frage, sondern die Möglichkeit eines solchen Unternehmens überhaupt. Damit wiederum wird zugleich das metaphysische Vorverständnis von Sprache fragwürdig, das die Skeptiker unter den Sprachwissenschaftlern mit den Anhängern der Reform innerhalb ihrer Disziplin teilen.
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Paul Westrich
Kusterdingen

Dieser Beitrag wurde am 03.11.2009 um 18.59 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#5541


Lieber Herr Bärlein,

was heißt "Leute wie sie"? Und warum muß sie etwas Gutes an der Reform finden? Das einzig Gute, was ich von der Reform bislang hatte ist, mich noch intensiver mit der deutschen Sprache auseinandergesetzt zu haben.

Hier übrigens ein Zitat aus einer Antwort eines großen Schweizer Verlags auf die Frage, warum in einem demnächst erscheinenden Buch trotz des Protestes einiger Autoren die deutsche "Variante" der Rechtschreibreform verwendet wird:
"Wir richten uns an die deutschen Gepflogenheiten. Grund hierfür ist, dass sämtliche Schweizer Verlage, die nicht lediglich Schweiz bezogene Themen publizieren, Deutschland als den wichtigeren Absatzmarkt erkennen. Das erstaunt nicht, wenn man die ca. 80 Million Deutsche neben die ca. 4 Millionen Deutschschweizer setzt – erstere sind schlicht die bedeutende potenzielle Käuferschaft. Entsprechend ist es sinnvoll, sich den deutschen Gepflogenheiten anzupassen – nicht zuletzt auch deshalb, weil man in Deutschland helvetische Eigenheiten (wie z.B. die Schreibung „ss“ anstatt „ß“) nicht kennt und demzufolge gerne als Fehler interpretiert."

Achten Sie auch auf "nicht lediglich Schweiz bezogene Themen", schon wieder steigt mein Adrenalin :-((
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Urs Bärlein
*

Dieser Beitrag wurde am 03.11.2009 um 17.25 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#5540


So unverständlich ist der Standpunkt der Professorin gar nicht. Für Leute wie sie kommt es darauf an, überhaupt etwas Gutes an der Reform zu finden, um nicht ganz dagegen sein zu müssen. Es hätte deshalb auch gar keinen Sinn zu versuchen, ihr die Sache mit Heyse auszureden. Denn wenn das gelingt, was nicht einmal ganz unwahrscheinlich ist, wird sie danach irgendeinen anderen Teil der Reform gutheißen.
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Paul Westrich
Kusterdingen

Dieser Beitrag wurde am 03.11.2009 um 16.50 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#5539


Zitat: "Eine gute Sache hat die Rechtschreibreform - das ist die Regelung der "S"-Schreibung. Man hat sich an das Doppel-S gewöhnt, ebenso an die Regel, dass nach kurzem Vokal Doppel-S kommt und nach langem Vokal "ß". "

Diese Aussage ("eine gute Sache") aus einem Mund einer Germanistik-Professorin ist mir völlig unverständlich, ebenso die darin enthaltene Verbreitung von Halbwahrheiten bezüglich des kurzen und langen Vokals. Ich brauche das ja hier nicht näher auszuführen. Ich habe viel mit von Schweizern geschriebenen Dokumenten zu tun und immer wieder fehlt mir beim Lesen das ß, natürlich auch in "deutschen" Texten mit Reformschrieb. Es wäre besser gewesen, man hätte die Schweiz an die Adelungsche Schreibung oder das ß ganz abgeschafft (was ich extrem bedauert hätte). Wie hat Herr Köster vor einem guten Jahr schon mal geschrieben: "Wir haben eigentlich nur die Wahl zwischen Adelung und der schweizerischen Schreibweise." (http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=108#4001). Aber dieser Zug ist abgefahren und ich glaube nicht, daß er so schnell zu stoppen ist.
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 03.11.2009 um 14.34 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#5538


"Von der Uhralten Teutschen HaubtSprache"
Prof. Dr. Mechthild Habermann in Schleiz

Schleiz (OTZ/-dre-). Am Donnerstag, 5. November, um 18 Uhr sind die Schleizer zu einem sprachlichen Leckerbissen in die Aula des Duden- Gymnasiums eingeladen: Prof. Dr. Mechthild Habermann, Lehrstuhl-Inhaberin für Germanistische Sprachwissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, referiert zum Thema "Von der Uhralten Teutschen HaubtSprache - Streifzüge durch die Geschichte des Deutschen". Organisiert hat das alles Dr. Manfred Eckstein. OTZ sprach mit Prof. Habermann zum Inhalt ihres Vortrages.

Frau Prof. Habermann, Germanistische Sprachwissenschaft - da erinnert sich der Laie an seine Schulzeit, in der er sich zu einer guten oder weniger guten Note in Deutsch durchschlug. Ist das nicht ein trockener Stoff?

Prof. Habermann: Nein, überhaupt nicht. Sprachliche Strukturen bestimmen unser Denken, sind Grundvoraussetzung dafür, dass wir unser Denken auf die Reihe bringen können. Wir haben bestimmte sprachliche Muster als indogermanische Sprache, die uns zu ganz bestimmten Aussagen verleitet. Es geht darum, wie es in der Geschichte des Deutschen war - im Althochdeutschen, Mittelhochdeutschen, und wie sich das fortsetzen wird, also welche Entwicklungen es gibt in der deutschen Sprache. Zum Beispiel sind viele Fehler von heute die Norm von morgen. Im Moment darf man "wegen" zum Beispiel noch nicht so ohne weiteres mit Dativ verbinden - wegen dem Wetter - aber das wird in fünfzig oder einhundert Jahren der Fall sein. Sprache verändert sich also nach ganz bestimmten Gesetzmäßigkeiten und die erforschen wir.

Das sind dann aber keine Gesetzmäßigkeiten, die von einer Rechtschreibreform vorgegeben werden ...

Prof. Habermann: Nein, ganz bestimmt nicht. Die Rechtschreibreform ist sowieso schief gelaufen, das kann man anders nicht sagen. Das sehen viele meiner Kollegen und ich genauso. Man muss gleichzeitig sagen, dass Menschen, die vorher in der Rechtschreibung sattelfest waren, jetzt viel häufiger zum Duden greifen. Wir sind verunsichert, wo Varianten erlaubt sind, was man zusammen oder getrennt schreibt. Eine gute Sache hat die Rechtschreibreform - das ist die Regelung der "S"-Schreibung. Man hat sich an das Doppel-S gewöhnt, ebenso an die Regel, dass nach kurzem Vokal Doppel-S kommt und nach langem Vokal "ß". Auf alles andere hätte man bei der Reform gerne verzichten können. Insbesondere die Groß- und Kleinschreibung, die gegen den Sprachtrend gerichtet ist. Man hat versucht, durch Normative den natürlichen Sprachwandel aufzuhalten.

Sprache entwickelt sich ja aus dem Volk und nicht per Dekret...

Prof. Habermann: Ganz genau. Sprache kann sich NUR aus dem Volk entwickeln. Jede Regelung von oben scheitert. Aber die Veränderungen sind nicht bewusst, sie geschehen unbewusst, sind aber dennoch immer von mehreren getragen.

Was kann man der Sprache in ihrer Entwicklung für Erkenntnisse über das Leben der Menschen entlocken?

Prof. Habermann: Sprache gibt großen Aufschluss über das Denken und das Leben der Menschen. Das wird auch ein Teil meines Vortrages sein. Hochinteressant zum Beispiel die Entlehnungen aus anderen Sprachen, wie Latein, Griechisch oder Französisch. Daran sieht man zum Beispiel auch, welchen Mangel das Deutsche noch an Wörtern hat. Es ist mir ganz wichtig zu zeigen, dass man da Kulturimporte nachzeichnen kann. Ein Kulturimport sind zum Beispiel unsere Wochentagsnamen. Die Germanen hatten keine Namen für die Wochentage. Die wurden aus dem Latein übersetzt. Ich werde einige Kultureinflüsse auf die deutsche Sprache zum Beispiel im Mittelalter näher eingehen. De facto ist Sprache immer ganz eng bezogen auf die Gesellschaft und auf unsere jeweiligen Erkenntnismöglichkeiten - also auf das, was wir wahrnehmen.

Wir stellen oft fest, das junge Leute nach zehn oder elf Schuljahren die Schriftsprache relativ mangelhaft beherrschen. Ist das ein Problem der Gesellschaft, der Eltern oder muss man das einfach hinnehmen?

Prof. Habermann: Das ist ein sehr komplexer Prozess. Diese Schlüsselqualifikationen haben heute meiner Meinung nach in den Schulen nicht mehr den Stellenwert, den sie früher hatten. Allerdings hat jede Zeit zu ihrer Zeit beklagt, dass die nachfolgende Generation verlottert sei. Die heutige Jugend hat dafür andere Qualifikationen und Fähigkeiten. Aber ich muss schon sagen, dass Grammatik und Rechtschreibung Grundwerte sein sollten, die gelernt werden müssen. Ich kämpfe sehr dafür, dass eine korrekte Schriftsprache mit Stil und Regeln zu den Grundnormen gehören muss, mit denen ein Gymnasiast die Schule verlässt.

Interview: Uli Drescher


(Ostthüringer Zeitung, 2. November 2009)
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Horst Ludwig
St. Peter, MN, USA

Dieser Beitrag wurde am 11.09.2009 um 23.01 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#5351


Nun, ich weiß nicht; aber ich habe im Leben oft wieder von vorne anfangen müssen, und nicht nur, weil ich in vielem halt "platt und unbeholfen" war. Wirklich gerne habe ich das nicht getan; aber so ist's nun mal im Leben: die einen haben diesen Stil, die andern einen andern. Und deshalb lasse ich bei diesen "e" die Leute sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Bin ich deshalb noch blöde oder schon nur blöd?

Und ich finde auch gut, daß Schriftdeutsch manchmal etwas aufgelockert erscheint. Ich stimme aber mit der Kritik überein, wo's um Berichterstattung ganz ernster Sachen geht. Da kann derartige Auflockerung gewaltig stören, eben weil eine unangebrachte, also eine falsche Tonart mit ins Spiel kommt. Sprachwandel in diesem Falle? Eher wohl ein Stilwandel, so wie manche eben selbst in der Oper kurz vor der Sommerpause in der Hitze den Schlips doch weglassen und den Kragen offen haben. Und das wäre die positive Erklärung. Eine andere wäre, daß manche Leute unbedingt anders reden wollen, obwohl sie nichts Neues zu sagen haben. Dann hätten wir es hier mit einer Modeerscheinung zu tun, so à la "auf den Punkt bringen" (übrigens ein Ausdruck, den ich nicht ausstehen kann).
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Wolfram Metz
Den Haag, Niederlande

Dieser Beitrag wurde am 11.09.2009 um 20.53 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#5350


Wo genau ist eigentlich »vorne«?

Das Land, die Wirtschaft, die Gentechnik, der Frauenfußball – seit ein paar Jahren wird das alles nicht mehr voran-, nein, es wird »nach vorne« gebracht. Was ist davon zu halten? Ich kann mir nicht helfen, aber in meinen Ohren klingt das immer noch platt und unbeholfen, nach einem Interview mit Boris Becker oder der Stellenanzeige einer mittelständischen Provinzklitsche.
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Paul Westrich
Kusterdingen

Dieser Beitrag wurde am 22.06.2009 um 15.48 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#5096


Ergänzend zu #3025:
Da das Forum gestern nicht zugänglich war, kommt dieser Beitrag erst heute.

Gestern abend in der Sendung "Heute" stand im Lauftext: "Was passiert in Iran?". Konsequenterweise begann Claus Kleber dann auch seine Moderation mit "Wir müssen wieder mit Iran beginnen."

Wenn sich dies bei solchen Sendungen wiederholt, wird es sich aufgrund des Nachahmeeffekts auf den Sprachgebrauch auswirken, befürchte ich. Mein Bild von Claus Kleber hat erneut einen Kratzer bekommen.
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Wolfram Metz
Den Haag, Niederlande

Dieser Beitrag wurde am 14.01.2009 um 16.24 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#4430


Ergänzend zu #3022 hier einige Beobachtungen von heute und gestern:

»Ich kann bestätigen, daß es mit diesem Programm gelingen wird, Wirtschaft in Deutschland zu stärken.« (Frank-Walter Steinmeier gestern vor der Bundespressekonferenz)

»Es muß ja nicht so schlimm kommen, wenn Politik richtig reagiert.« (Rudolf Hickel gestern in »Maischberger«)

»Das wird nicht gelingen, wenn die großen Wirtschaftsnationen […] sich nicht auch ihrer Verantwortung für Weltwirtschaft bewußt sind.« (Volker Kauder heute im Bundestag)

»Da hat Opposition in diesem Land eine große Verantwortung.« (Matthias Platzeck heute im Bundestag)

Und, irgendwo vor kurzem aufgeschnappt:

»Das ist die Frage, die sich Gesellschaft zuerst stellen muß.«
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Christoph Schatte
Poznan

Dieser Beitrag wurde am 05.08.2008 um 00.32 Uhr eingetragen.
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Lieber Herr Baumert,

Sie haben die Lux und die Crux der deutschen Komposita ausführlich dargetan. Die zurückhaltende Gliederung in nur 16 Punkte ist beeindruckend. Geradezu berückend ist, daß Ihnen die echten "Blüthen" deutscher Komposita, die Mark Twain martialisch einherschreitende Wortkompanien schienen. Ihre 16 Fälle berühren allerdings höchstens die Oberfläche der Oberflächlichkeit bzw. des Tiefgangs der Schludrigkeit der neueren deutschen Wortschöpfer (bes. von Großkonzernen, soweit sie sich noch zu deutschem Morphemmaterial hinabbeugen).

In etwa einem Jahr wird ein Buch darüber erscheinen, was auf dieser Wiese im Deutschen piepst und natürlich von keinem deutschen Grammatikbuch wahrgenommen wird, denn ein solches "stehe über dem Volke".
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Georg-Hinrich Baumert
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 08.07.2008 um 21.32 Uhr eingetragen.
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Langdeutsch (1)

Kaum etwas bewundert die Welt so sehr wie unsere langen Wörter. Selbst das legendäre Wirtschaftswunder verblaßt dahinter. In der Tat ist unsere Sprache mittlerweile auf dem Weg zur Exklusivität so weit voran gekommen, daß sie nunmehr viele Ansätze bietet, um aus ihrem Wuchs eine Methode zu machen, die den weiteren Fortschritt sichert und beschleunigt. Deshalb soll eine kleine Folge von Anregungen zur Entwicklung dieser Fortschrittsmethode (bzw. zur Methode dieser Fortschrittsentwicklung) beitragen.

Wem verdanken wir die bisherigen Erfolge? Hat unsere Verwaltung auch hier den Grund gelegt, oder waren Technik und Wissenschaft genauso beteiligt? Können gar alle Schichten der Gesellschaft sich gleich viel Verdienst anrechnen? Das Handwerk wohl nicht, es folgt noch immer der Devise: Handeln statt Reden. Aber die wachsende Zahl derer, die mehr mit Menschen zu tun hat als mit Dingen, ist auf Sprachkultur angewiesen und kann sich hier keine Halbheiten leisten.

Welche Länge braucht ein Wort nun zur Vollständigkeit? Wenn wir uns da etwas umhören und -lesen, merken wir bald: es braucht 5 Silben, um anständig existieren zu können. Natürlich gehört noch etwas mehr dazu, wenn aus dem Existenzminimum eine blühende Sprachkultur werden soll. Aber schon der Mindeststandard kostet manchmal Mühe. Umso mehr muß man üben, um jeder Zeit das rechte deutschlange Wort parat zu haben und also das deutschlange Langdeutsch wirklich fließend zu sprechen. (Beim Schreiben hat man mehr Zeit, nach Wörtern zu suchen).

Fortsetzung folgt
Michel


Langdeutsch (2)

Wenn wir uns bemühen, unsere geerbte Muttersprache in üppigem Wachstum zu erhalten und vor dem Vertrocknen zu bewahren, so tun wir das eigentlich ganz im Sinne des Dichterwortes "was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!" Aber gerade an diesem Spruch selbst fällt dabei eine befremdliche Kürze und Dürre auf. Also fangen wir doch gleich an, dieses Erbwort zu erwerben und dabei unser Worterbe auch anständig zu mehren:

Was ist das, "was du ererbt hast"? - Hinterlassenschaft! (5, geschafft). (Die Klammer hinter dem Erwerbs- und Mehrungswort gibt an, bis zu welcher Silbenzahl unsere Mehrung gediehen ist).

Was sind nun "deine Väter"? - Jeder hat nur einen, darin sollte man sich nicht beirren lassen. Gemeint sind Vorfahrengeschlechter (6). 6 Silben, ein gutes Ergebnis, und noch dazu sind Vorfahren und Geschlechter viel poetischer als Väter.

"Erwirb es"? - So geht es garnicht, das ist ja erschreckend direkt. Eignen müßte sich etwas wie Erwerbstätigkeit.

"Um es zu besitzen"? - Damit kann nur Besitzstandswahrung gemeint sein.

Und nun das Gesamtergebnis:

"Die Besitzstandswahrung (5) der Hinterlassenschaft (5) unserer Vorfahrengeschlechter (6) hat durch Erwerbstätigkeit (5) zu erfolgen. "

Hierbei ist es gelungen, die plumpe Aufforderung "erwirb es!" elegant zu umspielen, und zwar durch Verwendung des Wortes "erfolgen", das uns noch viele Erfolge verspricht. Es ermöglicht nämlich, Tuwörter durch Hauptwörter zu ersetzen. Und Hauptwörter lassen sich leichter auf das Soll von 5 Silben dehnen.

Fortsetzung folgt
Michel


Langdeutsch (3)

Manchmal fällt es ja nicht leicht, ein dürftiges Wort auf die anständige Länge von 5 Silben zu bringen, und man sieht sich Hilfe suchend um. Wer nun aber hofft, bei den Dichtern versierte Wortbildungen zu finden, wird leider enttäuscht. Gerade diejenigen, deren Beruf es doch ist, Worte zu reihen, sind damit seit Jahrhunderten nicht voran gekommen. Da kann man nur von Glück sagen, daß Gesetze, Verlautbarungen und Zeitungen nicht von Dichtern geschrieben werden.

Man nehme eine beliebige Zeile eines Gedichtes zum Vergleich mit der heute schon gewohnten Sprache, z.B.: "Knabe sprach: ich breche dich, Röslein auf der Heiden!" Die Bilanz dieses Satzes ist erschütternd: fünf 1-silbige Wörter auf vier nur 2-silbige und null Wörter von kompletter Länge. Das ist nicht nur sprachlich unterentwickelt sondern auch laienhaft naiv.

In einem professionellen Kriminalbericht läse sich das heute so: "Der Heranwachsende verlaut-barte sich dahingehenderweise, daß er beabsichtige, an einem kleingeratenen Rosazeengewächs im Heidekrautbereich eine Abbruchmaßnahme durchzuführen."

Fortsetzung folgt
Michel


Langdeutsch (4)

Was uns die Dichter einsilbig versagen, spendet reichlich die Polizei, dein Freund und Helfer. Selbst ein komplett 5-silbiges Wort wie Fußgängerampel (Knopfampel wäre 2 Silben zu kurz) ist ihr zu mickrig; sie verdoppelt und schenkt uns die Fußgängeranforderungsanlage (10!)

Nicht nur aus Großmut, auch aus Pädagogik, um zum Denken anzuregen: Was mag das für eine Anlage sein? Wie, woher und wozu fordert sie Fußgänger an? Alles Fragen, die wir uns bei einfältigen Wörtern garnicht erst stellen würden. So aber werden wir auf die Wunder unserer Welt aufmerksam gemacht.

Fortsetzung folgt
Michel


Langdeutsch (5)

Der Polizei ist das Wort Fußgängeranforderungsanlage zu verdanken. Und es ist ein Geschenk, das Früchte trägt, denn das letzte Glied der Wörterkette läßt sich ablösen und vielfach weiter verwenden. Mit dem Anhängsel -anlage kann man viele der zu kurzen Wörter, die wie zu klein gewordene Anzüge wirken, stattlich machen, ohne ihren Sinn zu berühren, z.B. Kraftwerk - Kraftwerksanlage (5).

Auch Wörtern, die schon recht üppig sind, kann eine -anlage zusätzlichen Glanz verleihen, wenn sie einem zu guter Letzt noch einfällt. Das mag die folgende Wortbildung zeigen: Entphosphater / Phosphatentzug - Phosphatelimination (7) - Phosphateliminationsanlage (10).

Fortsetzung folgt
Michel


Langdeutsch (6)

Aus fast jedem Ding läßt sich mit einer -anlage ein anständiges Wort machen. Anders ist es bei Tätigkeiten: da bietet sich die -maßnahme an.

Z.B. kann Heizung Ding oder Tat sein. Also entweder Heizungsanlage oder Heizungsmaßnahme. Beide Wörter erreichen das Soll von 5 Silben, sie lassen sich aber durch Be- Vorsatz noch verbessern: Beheizungsanlage, Beheizungsmaßnahme. Ein Raum braucht dann auch nicht mehr lediglich ge- oder beheizt zu werden; er wird nun beheizungsbemaßnahmt (6) und das ist eine Beheizungsbemaßnahmung (7).
Die Heizkosten sind nunmehr Beheizungsbemaßnahmungskosten (9).

Hat man sich erst einmal an die -maßnahme gewöhnt, wird sie auch schon unentbehrlich. Dann bemerkt man nämlich, daß z.B. Sanierung oder Entwicklung eigentlich nur so Ideen sind, die unverbindlich wie Ballons in der Luft herum gaukeln. Erst durch Anhängen einer -maßnahme werden sie auf den Boden unserer Verwaltungstatsachen herab gezogen, erst dann passiert etwas.

Fortsetzung folgt
Michel


Langdeutsch (7)

Erfolgreich ist das Wort "erfolgen". Deshalb sollte man es stets im Hinterkopf parat haben, wenn man nach Vollendung strebt.

Schon ganz automatisch sagt man ja statt "wir sanieren": eine Sanierungsmaßnahme wird durchgeführt. Aber das ist eben bloßer Standard. Der Erfolgsorientierte wird darüber hinaus streben: Es erfolgt die Durchführung einer Sanierungsmaßnahme. Das dürfte etwa das Optimum sein, und beim Versuch weiterer Verbesserungen oder auch Variationen wäre dann schon Vorsicht geboten. Unüblich und verwirrend wären z.B. "die Erfolgung einer Sanierungsmaß- nahme wird durchgeführt " oder etwa "der Sanierungserfolg wird durchführungsbemaßnahmt" oder dergleichen mehr.

Welche methodische Lehre können wir nun aus dem gewählten Beispiel ziehen (sanieren, Sanierungsmaßnahme, .. durchführen, .. Durchführung erfolgt)? Nun, die Methode ist natürlich, vor einer Tat möglichst viele Hürden aufzubauen. Das macht man ja eigentlich ganz instinktiv, schon um nicht zur Verantwortung gezogen zu werden, aber man muß sich das nun auch einmal richtig bewußt machen, um es bei allem, was man sagt und schreibt,
methodisch anwenden zu können.

Fortsetzung folgt
Michel


Langdeutsch (8)

Vor jeder Tat möglichst viele Hürden aufstellen ist auch sprachlich ein wichtiges Prinzip. Es bietet der Behörde neben dem Schutz vor Verantwortung auch die Möglichkeit, ihre Hoheit voll zur Geltung zu bringen.

So wird sie nicht einfach gleich etwas zulassen oder gar unterstützen (das könnte noch als Kumpelei mißverstanden werden), sondern sie wird -ggf.- eine Genehmigung erteilen oder eine Förderung gewähren.
Dafür muß man einen Antrag auf Erteilung einer Genehmigung oder auf Gewährung einer Förderung stellen (besser: auf Gewährung einer Zuwendung zur Förderung). Das klingt schon ganz nobel. Es ließe sich übrigens noch verbessern, wenn es statt "Antrag" Beantragung (4) hieße, oder schließlich Antragsgestellung (5).

Fortsetzung folgt
Michel


Langdeutsch (9)

Manchmal will einem das rechte Wort nicht einfallen. Deshalb ist es schade, daß noch kein Wörterbuch zur Vervollkommnung der Sprache existiert. So gibt es nur eine Lösung: "do it yourself!"

Dafür legt man sich am besten eine alphabetische Datei an, in die sich dann jeder neue Wortfund ohne Schwierigkeit einordnen läßt, bis – vielleicht nach vielen Jahren - die Sammlung reichhaltig genug ist, um als Wörterbuch veröffentlicht zu werden..

Als Grundstock werden nun jeder Folge einige Vokabeln angehängt:

Abdeckerei Tierkörperbeseitigungsanlage (10)
Abschiebung Aufenthaltsbeendigungsmaßnahme (10)
Altenheim Senioreneinrichtung (6)
Ampel Lichtzeichenanlage (6)
Anbau Bauerweiterungsmaßnahme (8)
Antwort Rückantwort, besser: Rückbeantwortung (5)
Asylant Asylbewerber (5)
Authentik Authentizität (5) - meist werden Wörter gekoppelt, aber manches ist auch so durch Endungen dehnbar.Die maximale Dehnung war wohl im Frühbarock: magni- ficabilitudinitatibus. Damals gab es auch üppige deutsche Floskel-Grüße wie "Euer allerhöchst Wohlgeboren alleruntertänigster Diener".

Fortsetzung folgt
Michel


Langdeutsch (10)

Früher gab es die Redewendung "samt und sonders". Sowas spricht uns heute gar nicht mehr an. Heutzutage müßte man schon min- destens "insgesamt und insbesondere" sagen, um überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden.

Immerhin erreicht das Wort "insbesondere" schon das Soll von 5 Silben. Wir sollten uns also die Vorsilben in(s)-, ge- und be- für alle Fälle merken, getreu dem alten Sprichwort "Kleinvieh macht auch Mist". Wenn auch jede dieser Vorsilben allein noch nicht viel bringt, können sie eben doch bei geschickter Kombination zum Erfolg führen, oder manchmal fehlt auch nur gerade eine einzige Silbe am Soll.

Das kleine in- hat übrigens noch einen Zauber, der vielleicht wichtiger ist als die 1 Silbe, die es bringt: es gibt laienhaften Wörtern einen fachmännischen Klang. Z.B. sofern - insofern, wie fern - inwiefern, wie weit - inweiweit. Das hat sich schon eingebürgert, aber nun könnte man doch noch weitere Wörter auf diese Art zum Blühen bringen, z.B. insobald, insogar, insolange, insowie, insowohl.
Auch diese Wörter sind allerdings noch zu kurz (oder könnte man etwa auch insbesolange sagen?). Dagegen läßt sich vielleicht gerade das Vollwort insbesondere noch weiter verschönern. Wenn man nämlich zum Stamm "sonder" zurück geht, kommt man von da auf Sonderheit und sonderheitlich, und schon winkt die Kombination insbesonderheitlich (6) - ja, warum nicht gar insbesonderheitlicherweise (9)?
Man sieht: Manchmal lohnt es sich sogar, zu den primitiven Wurzeln zurück zu gehen.

Bank Finanzdienstleistungsunternehmen (9)
Bau Bauanlage, besser: Gebäudeanlage (6)
oder Baumaßnahme, besser: Bebauungsmaßnahme (6)
Bauantrag Antrag auf Erteilung einer Baugenehmigung, besser: Antragsgestellung auf Erteilung der Genehmigung für eine Bebauungsmaßnahme
Bauernhof landwirtschaftlicher Betrieb (5+2)
Berufsberatung Berufsinformationszentrum (8)
bessern eine Verbesserung bewirken
Beweis Beweiserbringung, Beweisvorlage, Beweisgegenstand (je 5)
Bezirksrat Bezirksverordnetenversammlung (9)
billig kostengünstig (4), besser: kostenbegünstigt (5)
Bodenablauf Fußbodenentwässerung (7)
Brücke Überführungsbauwerk (6)
Bushof zentraler Omnibusbahnhof (3+5)

Fortsetzung folgt
Michel


Langdeutsch (11)

Was macht man bloß mit diesen einsilbigen Wörtern wie in, an, auf, bei, zu, ab, von - und nun gar: ja und nein?
Einsilbigkeit wirkt immer provinziell; dem Metropolitischen quillt der Wortstrom üppig über die Lippen.

Am leichtesten vermeiden lassen sich wohl ja und nein. Statt "ja" sage man "möglicherweise" (5). Das hat nicht nur die nötige Länge sondern ist auch inhaltlich eleganter und außerdem multi- kultureller, denn man legt sich nicht einseitig fest. Man kann dann auch nicht fest genagelt wer-
den. Und wer auch nur etwas gewissenhaft ist, wird sofort zustimmen, daß man es ja nie so genau wissen kann.

Und statt "nein"? Man sage z.B. "dagegen sprechen viele Gründe". Gegengründe gibt es immer. Es gibt doch nichts, was sich nicht in Frage stellen ließe. Man soll sich sogar selbst in Frage stellen. - Die eventuellen Gründe kann man ruhig für sich behalten.

Damm Fahrbahnaufschüttung (5)
Deich Hochwasserschutzanlage (7)
Eingrünung Durchführung von Eingrünungsmaßnahmen (3+1+6)
Elastik Elastizität (5)
Elektrik Elektrizität (5)
enthalten beinhalten, besser: beinhaltigen oder verbeinhalten (5)
Erbe Hinterlassenschaftsanteil (7)
erkennen identifizieren (6)

Fortsetzung folgt
Michel


Langdeutsch (12)

Spannend ist es, den Gesetzestextern bei ihrer Arbeit über die Schulter zu kucken. Sehen wir zu, wie eine schlichte Vorschrift schrittweise ausformuliert und eingekleidet wird. Ihr nackter Kern lautet: Bauleitplanung und Flurbereinigung sollen abgestimmt werden.

1. Schritt: Maßnahmen der Bauleitplanung und der Flurbereinigung sollen städtebaurechtlich abgestimmt werden.

2. Schritt: städtebauliche Maßnahmen insbesondere der Bauleitplanung sollen mit denen der Flurbereinigung städtebaurechtlich abgestimmt werden.

3. Schritt: Städtebauliche Maßnahmen insbesondere der Bauleitplanung sollen mit denen der Flurbereinigung nach den städtebaurechtlichen Regeln abgestimmt und durchgeführt werden.

4. Schritt: Die Abstimmung und Durchführung städtebaulicher Maßnahmen, insbesondere der Bauleitplanung, mit denen der Flurbereinigung soll sich nach den allgemeinen städtebaurecht-lichen Regelungen vollziehen.

Hier mußten die Gesetzmacher aufhören, denn ihre Zeit ist begrenzt. An sich wäre der Text noch weiter entwicklungsfähig, z.B.:

Die Abstimmung und Durchführung städtebaulicher Planungsmaßnahmen, insbesondere der Bauleitplanung, mit agrarstrukturellen Planungsmaßnahmen, insbesondere der Flur-bereinigung sollen im allgemeinen insbesondere nach den allgemeinen städtebaurechtlichen
Regelungen eingeleitet, abgestimmt, durchgeführt und abgeschlossen werden.

Festnahme unmittelbare polizeiliche Zugriffsmaßnahme (5+5+5)
Flugzeug Luftfahrzeug, besser: Luftverkehrsfahrzeug (5)
Fachthof Güterverkehrszentrum, Güterverteilzentrum (je 6), besser: Güterverteilungszentrum, Handelslogistikcenter (je7)
Fußgängerampel Fußgängeranforderungsanlage (10)
Gefängnis Justizvollzugsanstalt (6)
Gefahr Gefährdungslage (5)
gefühlvoll emotionsgeladen (6)
Geldspenden Sponsorengelder (5)
Gestank Geruchsbelästigung (6)
Gier Erwartungshaltung (5)
gut qualitätshaltig (5)

Fortsetzung folgt
Michel


Langdeutsch (13)

Wer nicht wüßte, daß mit Lichtzeichenanlage eine Ampel gemeint ist, würde an alles Mögliche denken: eine Morseblinkerei, einen Leuchtturm, oder was es sonst noch alles geben mag.

Warum wurde der Name Ampel durch einen Gattungsbegriff ersetzt? Erstens natürlich, weil er zu kurz war. Aber Zweitens traf er auch zu genau den gemeinten Gegenstand. Und das ist unfein. Man will nicht immer gleich persönlich und eindeutig werden, sondern drückt sich allgemeiner
aus und läßt mehrere Deutungen offen. So verlangt es schon das gesellschaftliche Feingefühl. Hinzu kommt der Ehrgeiz, unsere Sprache zum Kunstwerk zu gestalten. Was jeder gleich ver-steht, ist keine Kunst. Bestenfalls nützlich mag es sein, aber Kunst ist zweckfrei.Das Volk aller-dings legt jede Umschreibung bald wieder auf Eindeutigkeit fest, und deshalb ist dem Kunst-streben niemals ein Ende gesetzt.

Handy Mobiltelefon (5)
Heimat Identifikationsbereich (8)
Hunger Hungergefühle (5)
Kinderausweis Kinderlichtbildbescheinigung (8)
Klärwerk Abwasserbehandlungsanlage (9)
Kraftwerk Elektrizitätsversorgungsanlage (11)
Krankenhaus Krankenhausbetrieb (5)
Kreuzweh Rückenbeschwerden (5)
Lärm Lärmbelästigung (5)
Lehrling Auszubildender (5)
Lehrstätte Ausbildungseinrichtung (6)
Löschteich Löschwasserentnahmestelle (8)

Fortsetzung folgt
Michel


Langdeutsch (14)

Wir streben vielleicht unbewußt nach einer Vollkommenheit, wo die Sprache schließlich zum Selbstzweck wird wie die Kunst. Eine so hohe Stufe kann aber das Volk nicht erklimmen. Es bleibt drauf angewiesen, sich auch über Brot und Käse zu verständigen.

Deshalb muß man sich darüber klar werden, daß eine gewisse Exklusivität unvermeidlich ist. Wenn die Sprache zur Kunst wird, kann sie nicht mehr verständlich sein, und gefallen wird sie nur noch den Eingeweihten. Dann ist sie auch vor Ausländern sicher. Das Schicksal der englischen Sprache, schutzlos in aller Munde zu sein, ist eine Warnung. Zwar wehren sich die Engländer noch, indem sie alles anders sprechen als schreiben. Aber das hilft ihnen nun auch nicht mehr. Mangels Vorsorge wurde ihre Sprache zu schlicht - oder wäre "populistisch" das passendere Wort?

Mehrangebot angebotsverbessernde Maßnahmen (7+3)
Merkmal Identifikationsmerkmal (8)
Methode Vorgehensweise (5)
Müllofen Müllverbrennungsanlage (7), Abfallbeseitigungsanlage (9)
Nebelwarner Streckenbeeinflussungsanlage (9)
Not Notsituation (5)
nutzen zur Anwendung bringen, zur Anwendung kommen lassen
Parkhaus Stellplatzanlage (5)
Putzfrau Raumpflegerin, besser: Räumepflegerin (5)

Fortsetzung folgt
Michel


Langdeutsch (15)

Ein modernes Wörterbuch sollte vielleicht nicht nur Übersetzungen der herkömmlichen Begriffe ins Zeitgemäße enthalten sondern außerdem als Sprachführer auch ganze moderne Redewen- dungen zu einzelnen Wörtern anbieten.

Zum Stichwort "Beweis" fände sich da etwa: "Dem Versicherten obliegt eine Beweisführungs- verpflichtung" (7) - (dem Versicherten obliegt der Beweis). Oder zum Stichwort "Haftpflicht": Der Antragsteller muß "über eine die berufliche Haftpflicht abdeckende Berufshaftpflichtver- sicherung verfügen" (für seine Berufshaftpflicht versichert sein).

Beim Durchblättern eines reichhaltigen Sprachführers fände man auch Ausdrücke, auf die man von allein garnicht so käme, z.B. Identifikation. Dies Wort eignet sich gut zur Zungenübung (täglich nach dem Zähneputzen 3x sprechen). Aber es kann auch in einen modernen Text gehö-
ren. Ein Stadtplaner von heute würde ja nicht sagen, daß der durch einschönes Ortsbild den Bürgern eine "Heimat" bieten will. Statt dessen heißt es, "das Erscheinungsbild des Ortes durch Übereinkünfte zur Gestaltung so zu beeinflussen, daß eine geordnete, gestaltete Umwelt Grundlage für die Identifikation der Bewohner mit dem Stdtgebiet werden kann".

Zum Wort Identifikation (6) wären auch noch sinnvolle Verlängerungen anzugeben, z.B. Identifikationsbereich (8) oder -gebiet (Altstadt), -merkmal (Fachwerk), -objekt (Rathaus).

Radweg Fahrradverkehrsanlage (7)
Rang Stellenwert, besser: Stellenbewertung, Stellenwertigkeit (5)
Räuber Raubtäter, besser: Beraubungstäter (5)
Rauchr ohr Abgasanlage (5)
Regenrinne Regenwasserablaufrinne (8) (alt: Dach-/Trauf-rinne)
Rücksicht Rücksichtnahme, besser: Berücksichtigung (5)
Sanierung Sanierungsmaßnahme, Sanierungsdurchführung (je 5)
Durchführung von Sanierungsmaßnahmen (3+1+5)
Sausezug Hochgeschwindigkeitsexpreß (7)
Scheu Berührungsängste (5)
Schluß Ab- oder Beschließung, besser: Verabbesclhließung (5)
Schneefegen Schneebeseitungsarbeiten (8)
Schornstein Abgasanlage (5)

Fortsetzung folgt
Michel


Langdeutsch (16)

Noch ist unser altdeutsch/langdeutsches Worterbuch recht dünn, und doch sind wir schon bei Z angekommen. Viele Wörter müssen noch eingefügt werden. Aber für ihre Anwendung sollten auch möglichst viele Textbeispiele gesammelt werden. Z.B. beim Wort Fahrkarten, daß es als Überschrift eines Fahrkarten-Schalters zu ersetzen wäre durch Fahrausweisverkaufsstelle (7).

Oder beim Wort kein wäre die Warnung angebracht, daß es womöglich kürzend wirkt, was nie erwünscht sein kann und sich geschickt vermeiden läßt, wenn man einen möglichst langen positiven Satz am Ende durch nicht wieder entsorgt. Das wird in der Rechtspflege besonders gepflegt. Da kommt es ja nicht nur darauf an, ob man es war, sondern genauso wichtig ist eben, ob man es nicht war. Deshalb hat das Wort "nicht" dort solche Bedeutung, daß für "kein" keine Berechtigung bleibt. Man würde z.B. nie schreiben"er hat keine Schramme", sondern eher etwa "eine Hautabschürfung am Arm, am Bein, an der Hand, der Stirn und dem linken Ohrläppchen hat er nicht".
- Weiter so! -

Sehnsucht Erwartungshaltung (5)
Sonnenblende Verschattungselement (6)
Spurgrenze Fahrstreifenbegrenzung (6)
Stadtkern innerstädtischer Kommunikationsbereich (5+7)
Straßenbau Durchführung einer Straßenbaumaßnahme,
Ausführung eines Straßenbauvorhabens (je 3+2+6)
Synthese Synthetisierung (5)
Teil Bestandteil, besser: Einzelbestandteil (5)
teuer kostenintensiv (5)
treu beziehungsstabil (5)
treulos beziehungsinstabil (6)
Turnhemd Herrensportjacke (5)
Verhaftung unmittelbare polizeiliche Zugriffsmaßnahme (5+5+5)
Verkehrsleite,
-leitung Verkehrsbeeinflussungsanlage (9)
-leitwerk
Versuchung Tatgelegenheitsstruktur (3+7)
Wahlankündung Abstimmungsbenachrichtigung (8)
Wunsch Erwartungshaltung (5)
zeigen signalisieren (5)
Ziel Zielsetzung/-stellung, besser: Zieldefinition (5)
Zugfahrer Triebfahrzeugführer (5)
Zuschuß Föderungszuwendung (6), Gewährung einer Zuwendung zur Förderung

Ende
Michel
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Christoph Schatte
Poznan

Dieser Beitrag wurde am 13.03.2008 um 22.11 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#3028


Nicht erst die RSR zeigt, daß die a priori jeder Verantwortung enthobenen Beamten des zweiten und dritten Gliedes (mit genereller Anonymität und Unverantwortlichkeit als Klassenmerkmal) sich berufen fühlen, das Deutsche zu- und hinzurichten, was sie beweisen mit:

"Das »Länderverzeichnis für den amtlichen Gebrauch in der Bundesrepublik Deutschland« mahnt: »in amtlichen Schriftstücken ohne Artikel, z.B. 'die Hauptstadt Iraks' oder '... von Irak'«."

Wolfgang Metz hat uns – ohne Anästhesie – klargemacht, daß im AA seit langem Subalterne "sprachrichtend" in jedem Sinne wirken.

Die Grammatik und die Nominationstradition des Deutschen sind ihnen Wiesenblümchen, über die sie dank ihrer orbitalen bzw. exorbitanten Perspektive ganz unökologisch hinweglatschen dürfen. Im AA sitzen also selbsternannte Regulatoren des Deutschen, die dieses nach Gutdünken hin- oder verbiegen dürfen gemäß ihrer letzten sprachlichen Nach- und Hilfserleuchtungen (nach Augst: "~läuchtungen") irgendwo am Ende von "Sek II".
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Horst Ludwig
St. Peter, MN, USA

Dieser Beitrag wurde am 13.03.2008 um 21.18 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#3027


Alle so gesehen: "von Kosowo", "der Kosowo", "das Kosowo/Kosovo".
"Das »Länderverzeichnis für den amtlichen Gebrauch in der Bundesrepublik Deutschland« mahnt: »in amtlichen Schriftstücken ohne Artikel, z.B. 'die Hauptstadt Iraks' oder '... von Irak'«." Das ist einfach durch nichts in der Sprache begründete Vorschreiberei und hat nichts mit natürlichem Sprachwandel zu tun.
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Wolfram Metz
Den Haag, Niederlande

Dieser Beitrag wurde am 13.03.2008 um 17.51 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#3026


Die Weglassung des Artikels bei Ländernamen wird selten konsequent betrieben. Oft werden »Irak« und »der Irak« in ein und demselben Text munter durcheinander verwendet. Und wenn in der 20-Uhr-Tagesschau über all das Schreckliche berichtet wird, was am Tag wieder »in Irak« passiert ist, dann sollte man sich nicht wundern, wenn im selben Bericht der Präsident »des Irak« zitiert wird.

Dem Auswärtigen Amt scheint der Artikel jedenfalls ein Dorn im Auge zu sein. Das »Länderverzeichnis für den amtlichen Gebrauch in der Bundesrepublik Deutschland« mahnt: »in amtlichen Schriftstücken ohne Artikel, z.B. "die Hauptstadt Iraks" oder "... von Irak"«.

Ob man das in Schweiz genauso sieht?
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Christoph Schatte
Poznan

Dieser Beitrag wurde am 13.03.2008 um 00.08 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#3025


Die "moderne" Artikelverdrängung ist vielleicht wirklich die Folge von Blaupausen englischer Strukturen.

Früher hatten wir

der Iran, der Irak, der Tienschan, der Libanon, der Hindukusch usw.

Heute haben wir "In Iran herschen die Mullahs" oder wer auch immer. "In Irak sterben weiter Menschen durch Attentate."

Und die Hochgebildeten in den Oberetagen des Business sagen nur noch: "In 2007 hatten wir 20 % mehr / weniger Gewinn als in 2008." Diesen Business-Gebeutelten scheint entfallen zu sein, daß die Präposition in in diesen Adverbialien des Englischen unterscheidungsnotwendig ist, denn sonst wäre sie längst der Ökonomie des Englischen geopfert worden. Im Deutschen indessen ist sie in diesen Syntagmen flüssiger als Wasser, d.h. überflüssig wie die RSR.
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Horst Ludwig
St. Peter, MN, USA

Dieser Beitrag wurde am 12.03.2008 um 00.25 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#3023


Eben auf dem Rückflug von einer Sprachlehrer-Konferenz (wo ich ein Referat zur verrückten reformierten Schreibart hielt) gelesen: "Rauchen an Bord dieses Flugzeugs ist keinerzeit gestattet." Ich finde "keinerzeit" gut.
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Wolfram Metz
Den Haag, Niederlande

Dieser Beitrag wurde am 11.03.2008 um 23.58 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#3022


Politik muß endlich handeln

Es mag fünfzehn Jahre her sein, da forderte im Fernsehen irgendein Soziologe im mißlaunig-nörgelnden Alternativoton: „Das muß Politik leisten, jaa?!“ Tags darauf prägten meine Kollegen und ich nicht minder heitere Formulierungen wie „Das muß Kultur bringen!“ und „Was kann Film leisten?“ Wenige Jahre später verging uns das Lachen: die Initiative „Wir sind Kirche“ war geboren. Heute treten Institutions- und Bereichsbezeichnungen wie Politik, Kirche, Gesellschaft (selbst Zivilgesellschaft!), Wissenschaft, Erziehung, Schule, Sport, Kunst und Kultur ganz selbstverständlich artikellos in Erscheinung. Die Beispiele sind Legion, daher hier nur ein Beleg: »Politik muss endlich handeln« (bundestag.de).

Welche unsichtbare Kraft besorgt denn hier die Verdrängung des bestimmten Artikels? Die Sprachökonomie? Das angelsächsische Vorbild? Oder galt es irgendwann einfach nur als (s)chic(k), den Artikel wegzulassen, wie es an anderer Stelle Mode geworden ist, ihn hinzuzufügen (»Ich bin der Klaus«)?
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Horst Ludwig
St. Peter, MN, USA

Dieser Beitrag wurde am 26.09.2007 um 12.25 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#2349


>>Wer gar Texte von Luther kennt, weiß, daß dieser "Gedanken" stets auch so bezeichnet hat – meint er "Gedanken", so schreibt er "Gedanken".<<
Wer gar hin und wieder Gedichte in einem bestimmten Versmaß schreibt, weiß, wie dankbar man manchmal auch für historische sprachliche Formen des Gemeinten ist, die nicht unbedingt in allem der eigenen Prosasprechart entsprechen, aber durchaus allgemein verständlich sind.
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Roger Herter
Basel

Dieser Beitrag wurde am 26.09.2007 um 04.23 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#2348


Wer Texte aus der Lutherzeit kennt, hat keinen Zweifel, daß in diesem Kontext genau das nicht gemeint ist, was man heute "Gedanke" nennen würde. Wer gar Texte von Luther kennt, weiß, daß dieser "Gedanken" stets auch so bezeichnet hat – meint er "Gedanken", so schreibt er "Gedanken".

Ein andermal vielleicht mehr; es gibt schließlich selbst Theologen (!), die diese Fakten kennen und anerkennen.

Immerhin sei hier wenigstens auf die Biographie von Heiko A. Oberman hingewiesen: "Luther – Mensch zwischen Gott und Teufel" (1981), die manchem eine Ahnung davon vermitteln mag, ob Luther mit seinen Teufeln wirklich 'Schriftverdreher' im Sinn gehabt haben kann – oder nicht vielmehr etwas ganz (unmetaphorisch) anderes.

Für jene allerdings, die ohnehin schon alles im vornherein wissen, gilt Bacons Wort: "Was man am liebsten als das Wahre haben will, das glaubt man am leichtesten."
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Christoph Schatte
Poznan

Dieser Beitrag wurde am 19.04.2007 um 21.44 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1759


Roger Herter verwies auf das Notwendigste. Wer Texte aus der Lutherzeit kennt, hat keinen Zweifel, daß in diesem Kontext genau das gemeint ist, was man heute "Gedanke" nennen würde. "Stehenlassen und nicht eierköpfig oder emanzisch drin herumrühren!" würde man heute sagen.
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Roger Herter
Basel

Dieser Beitrag wurde am 09.04.2007 um 02.57 Uhr eingetragen.
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Noch einmal zu "... und kein' Dank dazu haben"

Das Grimmsche Wörterbuch (DWb 1854-1960) unter dem Stichwort "gedanke" (I):

"2) auch ohne ge-, älter hd. wie nd. [...]: c) besonders in einer bestimmten bed. hat sich dank bis in sehr neue zeit erhalten, für absicht, vorsatz, wille (s. unter "dank 2"), [...] d) aber eine mischung mit "dank" (danksagung) konnte nach form und inhalt nicht ausbleiben. [...] auch schon in der wendung in Luthers liede:

das wort sie söllen lassen stan
und kein dank dazu haben,

wir danken ihnen gar nicht dafür, denn sie m ü s s e n es thun
(das alte suln ist oft müssen)."
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Horst Ludwig
St. Peter, MN, USA

Dieser Beitrag wurde am 22.03.2007 um 16.07 Uhr eingetragen.
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Zu "Das Wort sie sollen lassen stahn und kein' Dank dazu haben":
Ich beziehe mich nur auf Kluges Etymologisches Wörterbuch, wonach "Dank [...] eigtl. Verbalnomen zu d e n k e n" ist und also ursprünglich "das in Gesinnung, nicht in Tat sich äußernde Gefühl" bezeichnet. Und Markners Hinweis (#1596) sagt mir, daß dieses Wort bei Luther noch nicht die Bedeutungsverengung erfahren hatte, mit der wir es heute nur gebrauchen. Ich verstehe deshalb Luthers Satz hier anders als die englische Übersetzung ("That word above all earthly powers, no thanks to them, abideth" [#1604; "no thanks to" funktioniert beinahe wie eine konzessive Präposition]); — ich meine, wir haben hier Luthers Meinung, daß sie das einfache Wort so stehen lassen sollen, wie es ist, und keinen weiteren Gedanken zusätzlich ("dazu") einbringen sollen, der um dessen ursprüngliche Bedeutung herumredet und es auf diese Weise eben verändern würde. Bei der Übersetzung "abideth" (Feststellung) geht die Bedeutung von "sollen" verloren.
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Michael Schuchardt
Oberursel

Dieser Beitrag wurde am 22.03.2007 um 13.40 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1677


Lieber Herr Herter,
also mein letzter Beitrag war durchaus nicht ironisch gemeint. Vielleicht hätte ich noch fragen müssen: Warum betont Luther hier "und keinen Dank dafür haben" noch besonders, wenn es doch sowieso so klar ist wie mit Ihrem Beispiel zum Feuerlegen.

Also ich kann Ihnen keine weiteren Argumente nennen, weil ich es nicht bin, der auf die Idee gekommen ist und ich es auch nicht aus besagter Predigt im Internet abgeleitet habe und jemand noch weitere Gedanken(sic!) dazu hat. Aber geben Sie doch mal zu, wenn hier "Gedanke" stünde, dann bliebe doch die Zeile verständlich, d. h. es kann zwar sein, daß die Annahme, hier sei Dank = Gedanke gemeint, falsch ist, aber sie würde doch dem Satz den Sinn nicht nehmen.

Gibt es dafür einen Fachausdruck, wenn man ein Wort in einem Satz austauscht und der Satz den Sinn ändert aber trotzdem "sinnvoll" ist?
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Roger Herter
Basel

Dieser Beitrag wurde am 22.03.2007 um 09.47 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1675


Lieber Herr Schuchardt,

Sie fragen zu Das Wort sie sollen lassen stahn und kein' Dank dazu haben, warum "bestimmte Menschen (...) nicht 'mal Dank dafür erhalten sollen", wenn sie das Geforderte tun, und ob sie denn Dank bekämen, wenn sie es nicht täten?

Ich kann dieser Logik nicht folgen. Ist's bloß Rhetorik, Ironie? Oder bin ich – um ein profanes Beispiel zu geben – den Leuten wirklich Dank schuldig, die unser Haus nicht anzünden? Nein, die sollen das einfach unterlassen, basta!

Das Stichwort sollen füllt im Grimmschen Wörterbuch (unter "II. bedeutung") über 32 Spalten. Wie also ist es zu verstehen? Da es hier gegen die teuflischen, die irdischen Mächte geht ("Und wenn die Welt voll Teufel wär'..."), ist wohl die im DWb gegebene Grundbedeutung gemeint, nämlich "die einer verpflichtung oder eines zwanges, der auf einer fremden macht beruht".

Im weitern kann man die Stelle mit dem Dank schlicht unverständlich, ja überflüssig finden oder, da sie einmal dasteht, in etwas - von heute aus gesehen - 'Plausibleres' umdeuten. Es ist aber immerhin möglich, sie beim Wort zu nehmen... Luther wird sollen kaum grundlos mit diesem Zusatz versehen haben.

Herr Lohse führt in dem Zusammenhang aus [#1605], die Verbindung keinen Dank dazu haben (sollen) begegne vor allem bei Luther, und zwar formelhaft im Sinne von 'ob man will oder nicht', ..."weil wider willen gewährtes keinen anspruch auf dank begründet".

Die Wendung verstärkt gleichsam das Gesagte, färbt sollen in Richtung müssen: Wenn sie schon alles zerstören und vernichten, an das Wort sollen sie nicht rühren, ob's ihnen gefällt oder nicht.
Mir jedenfalls erscheint diese Bekräftigung keineswegs unsinnig oder redundant, sondern im Kontext des Liedes sehr angemessen.

(Inhaltlich gehe ich übrigens ganz mit der erstgenannten englischen Übersetzung von Frederic H. Hedge einig, vgl. #1604.)
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Michael Schuchardt
Oberursel

Dieser Beitrag wurde am 11.03.2007 um 22.13 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1634


Lieber Herr Herter,

soweit ich weiß war F. Nietzsche kein Christ, deshalb geht die Schelte schon über die Theologen hinaus. Kritik an den Theologen ist oft angebracht aber sie muß sachlich begründet sein und nicht pauschalierend.

Ich habe die Forumsantworten weitergeleitet allerdings soll ich dazu nichts mehr sagen - nur soviel möchte ich nachfragen: Trotz Ihrer Antwort verstehe ich den Zusammenhang zu "Dank" leider immer noch nicht. Wenn es so einfach ist, dann erklären Sie es mir doch einmal. Ich verstehe nämlich nicht, warum bestimmte Menschen das "Wort" stehenlassen sollen und wenn sie dem folgen, dafür angeblich nicht 'mal Dank dafür erhalten sollen? Ja, zum Donnerwetter, kriegen sie denn Dank, wenn sie das "Wort" nicht stehenlassen oder oder kriegen diese Armen immer nur den "Dank des Hauses Österreich" (Bitte nicht böse sein, liebe Österreicher)?
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Roger Herter
Basel

Dieser Beitrag wurde am 10.03.2007 um 01.10 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1613


Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als zwei

Theologenschelte ist keine Religionskritik! Verwünsche ich mein schepperndes, klangverzerrendes Radio, so sage ich damit doch nichts gegen die Qualität der gesendeten Musik.
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Michael Schuchardt
Oberursel

Dieser Beitrag wurde am 09.03.2007 um 14.39 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1610


Die unerwartet vielen Antworten leite ich weiter. Nochmals vielen Dank dafür. Wenn ich eine Rückmeldung erhalte, dann werde ich ggfs. nochmals dazu etwas ins Forum schreiben. Herr Herter hat die Predigt, die ich im Internet auch fand ebenfalls gefunden. Ich stimme zu, man sollte schon einen Beleg für seine Behauptungen angeben können.

Also eine generelle Religionskritik hilft hier jedenfalls nicht weiter. F. Nietzsche hat auch keine bessere Philosophie als sie die Bibel hat, zu bieten gehabt. Luther war auch nur ein Mensch und samt und sonders auch alle heute lebenden Theologen. Warum sollten letztere weniger irren als Petrus?
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Christoph Schatte
Poznan

Dieser Beitrag wurde am 08.03.2007 um 20.01 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1606


Eingedenk der Vorbehalte Nietzsches gegen Seminar-"Exegese" und angesichts neuerer Übersetzungen des Neuen Testaments wie etwa die von Berger und Nord, sollte man Luthers "... und kein Dank dazu haben" eher als Caveat für Neuschreiberlinge oder Gerechtigkeitsbibelneudichter(innen) lesen.
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Nikolaus Lohse
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 08.03.2007 um 11.48 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1605


Zur Bedeutung von "Dank" (Luther, Schuchardt, Markner):

In der – leider noch zu wenig beachteten – Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuchs (Buchstaben A-F) findet sich unter Punkt A2e eine ausführliche Darstellung der speziellen Bedeutung; auch der fragliche Beleg ist dort gebucht.

Danach schließt sich die Verwendung durchaus an die Grundbedeutung 'Denken, Gedanke' an, spezieller an 'Wille, Absicht, Zustimmung, Gefallen, Geneigtheit' (Punkt 2). Der Unterpunkt e lautet (in der Grimm-typischen Kleinschreibung): "die umstrittene..., weil mehrdeutige ... verbindung 'keinen dank dazu haben (sollen)' u.ä., die formelhaft vor allem, original oder in nachschriften, bei Luther begegnet, aber älter und vielleicht nd. ursprungs ist, gehört in solchen zeugnissen hierher, die im sinne von ohne jmds. willen oder zustimmung, ob man will oder nicht, nolens volens interpretiert werden müssen. oft zwischen 'dank' A und B schillernd, weil wider willen gewährtes keinen anspruch auf dank begründet". Unter den Luther-Belegen ist, wie gesagt, auch der fragliche Vers aus 'Ein feste Burg' aufgeführt - allerdings mit Vorbehalt ("eher hierher als zu B2c/delta oder 3a").

Entsprechend äußert sich auch das einbändige 'Deutsche Wörterbuch' von Hermann Paul (Neubearbeitung von Henne/Objartel, 9. Aufl.): "In der vielerörterten Lutherstelle ... 'das Wort sie sollen lassen stan und kein D. dazu haben' lebt wohl auch noch der alte Sinn 'Gedanke, Wille', also etwa 'ob man will oder nicht, nolens volens'". Hingewiesen wird immerhin auf eine abweichende Interpretation in der 'Zeitschrift für deutsche Wortforschung' 12,206ff, wo der Beleg offenbar zu 'gratia' geschlagen wird.
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Roger Herter
Basel

Dieser Beitrag wurde am 08.03.2007 um 04.18 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1604


Herrn Lachenmann sei für das treffende Zitat gedankt. – Tatsachen nicht lesen zu können, "ohne sie durch Interpretation zu fälschen, ohne im Verlangen nach Verständnis die Vorsicht (...) zu verlieren", das ist wahrlich die Theologenkrankheit.

Im genannten Luther-Lied (wohl 1529) heißt es:
Das Wort sie sollen lassen stahn und kein' Dank dazu haben, also etwa:
"Sie sollen das Wort stehen lassen, ohne dazu noch Dank zu bekommen".

Inwiefern macht denn Dank die Zeile "unverständlich", Herr Schuchardt? Ich kann nichts Schwieriges darin sehen - wenn ich nur lese, was dasteht.

Dem Theologen aber ist das zu simpel; er weiß mehr: "Das Wort sie sollen lassen stahn und kein Dank dazu haben. - 'Dank' meint, keine Gedanken, keine Zusätze dazu stellen und so das Wort verändern oder verdunkeln."
(Ch.-E. Schott, Liedpredigt über "Ein feste Burg ist unser Gott", 31.10.2005)

Ein Blick ins Grimmsche Wörterbuch: "noch im 16ten und 17ten jahrh. kommt dank in dieser Bedeutung [gedank] vor, nur im pl. mit der spätern schwachen form",
z.B.: sein eigen danken; solch danken; vil seltsam danken, etc.

Übrigens haben englische Übersetzungen:
"That word above all earthly powers, no thanks to them, abideth", resp.
"The word they still shall let remain nor any thanks have for it".
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Walter Lachenmann
Waakirchen

Dieser Beitrag wurde am 07.03.2007 um 23.21 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1602


R.M.: Das Problem ist, daß man Wörter nicht beliebig ausdeuten kann; aber Theologen haben damit trotzdem nie Schwierigkeiten.

F.N.: Ein anderes Abzeichen des Theologen ist sein Unvermögen zur Philologie. Unter Philologie soll hier, in einem sehr allgemeinen Sinne, die Kunst, gut zu lesen, verstanden werden, - Thatsachen ablesen können, ohne sie durch Interpretation zu fälschen, ohne im Verlangen nach Verständniss die Vorsicht, die Geduld, die Feinheit zu verlieren. Philologie als Ephexis in der Interpretation: handle es sich nun um Bücher, um Zeitungs-Neuigkeiten, um Schicksale oder Wetter-Thatsachen, - nicht zu reden vom „Heil der Seele“ … Die Art, wie ein Theolog, gleichgültig ob in Berlin oder in Rom, ein „Schriftwort“ auslegt oder ein Erlebniss, einen Sieg des vaterländischen Heeres zum Beispiel unter der höheren Beleuchtung der Psalmen Davids, ist immer dergestalt kühn, dass ein Philolog dabei an allen Wänden emporläuft. […]

(Friedrich Nietzsche, Der Antichrist)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 07.03.2007 um 19.43 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1601


ZDFdokukanal
von Nike Harrach, Sendung ab dem 17.02.2007

Was ist gutes Deutsch?
Sprache im Wandel

Die richtige Verwendung der deutschen Sprache ist in den letzten Jahren ein heißes Diskussionsthema gewesen. Die Reform der Reform der Rechtschreibreform führte bei vielen zu Chaos und Konfusion: Wie schreibt man eigentlich was und was bedeutet es überhaupt "gutes Deutsch" zu beherrschen? Sprachwissenschaftler Professor Albrecht Greule von der Universität Regensburg im Interview mit dem ZDFdokukanal.

ZDFdokukanal: Warum gab es ein ewiges Hin und Her bei der Rechtschreibreform?

Professor Albrecht Greule: Die Orthographie ist laut Aussage des "Spiegel" eine Heilige Kuh der Deutschen. Glauben Sie, dass es Erfolg hat, wenn man diese heilige Kuh schlachten oder nur verschönern will? Im Ernst: Es sind vor allem bei der Umsetzung der Reform handwerkliche Fehler gemacht worden. Bevor man mit der Reform an die breite Öffentlichkeit - vor allem an die Schulen - geht, hätte man sie im kleinen Kreis über längere Zeit erproben sollen, um dann die in der öffentlichen Diskussion erkannten Fehler früher zu entdecken.

Der Weg, der in der Vergangenheit eingeschlagen wurde, war falsch und hat dem Ansehen der deutschen Sprache nicht nur in der Sprachgemeinschaft selbst, sondern auch im Ausland geschadet und ihr im Ausland sowieso schon nicht gutes Image noch verschlechtert.

ZDFdokukanal: Schreibt der "Duden" wirklich Sprachregeln vor oder nimmt er einfach Veränderungen auf?

Greule: Gegenfrage - Was ist "der Duden"? Es handelt sich doch um eine Reihe von Büchern aus der Duden-Redaktion in Mannheim, die die deutsche Sprache in Wörterbüchern und Grammatiken fixieren. Da es für das deutsche Sprachgebiet keine Norminstanz gibt, füllen die Duden-Erzeugnisse, aus der Rechtschreibtradition heraus, für die Sprachnutzer eine Lücke aus: "Schlag nach bei Duden!". Dass aber auch der "Rechtschreib-Duden" das staatliche Monopol auf die Letztentscheidung in Fragen der richtigen Schreibweise vor Jahren verloren hat, ist bekannt.

ZDFdokukanal: Ist Veränderung in einer Sprache ein natürlicher Vorgang und sollte deshalb unterstützt werden oder braucht eine Sprache gewisse Vorschriften?

Greule: Jede Sprache folgt internen Regeln und braucht, wenn sie Kultursprache sein soll, auch von außen aufgelegte Normierungen oder Standardisierungen. Veränderungen einer Sprache bei Wortbedeutungen und bei Aussprache sind ein natürlicher Vorgang. Er stellt sich aus dem Gebrauch der Sprache durch unzählige Menschen in zahllosen Kommunikationssituationen allmählich ein.

Der Sprachwandel braucht nicht unterstützt zu werden. Wichtiger wäre es, dass er beobachtet wird und dort gebremst wird, wo er zur Erschwerung der Kommunikation führt, und dass die Sprachgemeinschaft über Sprachveränderungen, besonders im semantischen Bereich, aufgeklärt wird. Das wäre die Hauptaufgabe der Sprachpflege und Sprachkultivierung beziehungsweise der entsprechenden Institutionen.

ZDFdokukanal: Was ist eigentlich gutes Deutsch?

Greule: Ich schränke die Frage auf die Verwendung der deutschen Standardsprache - auch Hochsprache oder Schriftsprache genannt - in spezifischen offiziellen Kommunikationssituationen ein. So wird man die Alltagskommunikation in der Familie zum Beispiel nicht nach dem Parameter "gutes oder schlechtes Deutsch" beurteilen.

Danach produziert jemand sozusagen gutes Deutsch, wenn er sich an die Regeln der deutschen Standardsprache hält und zwar nicht nur in der Schrift, sondern auch in der Rede, wenn er die Kommunikationsziele mit sprachlichen Inhalten, die den sittlichen und rechtlichen Normen entsprechen, zu erreichen versucht und wenn dabei ein Bemühen um eine maßvolle stilistisch-rhetorische Gestaltung seiner Sprachproduktion erkennbar ist.

ZDFdokukanal: Was halten Sie von Sprachkritikern wie Bastian Sick, der mittlerweile riesige Hallen mit seinen "Deutschstunden" füllt? Haben die Leute Interesse an der Sprache oder finden sie die Kolumnen nur nett geschrieben?

Greule: Ist Herr Sick ein Sprachkritiker? Dass man durch Linguotainment breite Massen auf die Sprache oder besser auf die Sprachverwendung und ihre Tücken aufmerksam macht und die Spaßgesellschaft sich dabei auch mal auf dem Parkett der Sprache vergnügt, ist zu begrüßen. Ob der Spaß daran auch Wirkung im Sinne eines differenzierten Sprachbewusstseins des Einzelnen und einer entsprechenden Sprachverwendung, auf die die Sprachausbildung in Schule und Universität hinwirkt, hat, wage ich zu bezweifeln. Wahrscheinlich ist das Ganze Schall und Rauch, wenn es den Reiz des Neuen verloren hat und es keinen Spaß mehr macht.


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Reinhard Markner
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 07.03.2007 um 15.21 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1600


Das Problem ist, daß man Wörter nicht beliebig ausdeuten kann; aber Theologen haben damit trotzdem nie Schwierigkeiten.
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Michael Schuchardt
Oberursel

Dieser Beitrag wurde am 07.03.2007 um 13.16 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1599


Das Problem ist, daß "Dank" die Zeile unverständlich macht, während "Gedanke" passen würde. Das hieße dann, man soll keinen Gedanken darauf verwenden, Gottes Wort umzuinterpretieren. - Das wird ja heute von vielen gemacht.
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Reinhard Markner
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 06.03.2007 um 22.37 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1596


Unter Dank wird im Grimmschen Wörterbuch ausgeführt, daß auch Wille, Absicht damit bezeichnet werden konnte. Dazu werden Textstellen von Luther aufgeführt, nicht jedoch die von Herrn Schuchardt genannte.
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David Weiers
Königswinter

Dieser Beitrag wurde am 06.03.2007 um 19.52 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1595


Zu Eintrag #1133:
In Deutschland ist der sprachliche Flickenteppich zu Luthers Zeiten so kleinteilig, dass seine Bibel-Übersetzung weithin unverständlich ist.

Das ist zumindest höchst ungenau. Ist das wirklich im Sinne des Autors so wiedergegeben, oder stammt das vom Redakteur?

Luther selbst lebte zwar in einem Diglossiegebiet, allerdings herrschte zu seiner Zeit im Raum Wittenberg/Mansfeld in schriftsprachlicher Hinsicht zumindest annäherungsweise eine Art Einheitlichkeit in Form der wettinischen Kanzleischreibe, später auch "Meißnisches Deutsch" genannt. Luther benutzt sie als "communis lingua" in diesem Gebiet, wobei deutlich hervorzuheben ist, daß es sich hierbei um eine Schreib- und Kanzleisprache handelt, nicht um eine lingua franca i.S. einer gesprochenen Verkehrssprache.
Für ober- und mitteldeutsche Leser seiner Bibelübersetzungen fertigten die in diesen Gebieten ansässigen Drucker eigens Glossarien an, ins Niederdeutsche wird die Lutherbibel noch – wenn ich mich jetzt nicht irre – bis ins 17. Jh. hinein übersetzt, so daß zumindest für den hochdeutschen Sprachraum die Verständlichkeit quasi unmittelbar gewährleistet werden konnte.
Die späteren Bibelbearbeitungen Luthers zeigen deutlich, daß er durchaus bestrebt war, überregionalen Varianten den Vorzug vor regionalen zu geben, allerdings nicht immer erfolgreich: mancherorts bleibt es auch bei den regionalen Varianten, die sich in der Folgezeit zu einem großen Teil auch nicht durchzusetzen vermögen.
Sein Ausspruch "Ich rede nach der Sechsischen Cantzley" darf dahingehend gedeutet werden, daß er seine gesprochene Sprache zum Zwecke der Allgemeinverständlichkeit ebenso an ebenjener Kanzleisprache orientierte. Damit wäre bereits das Prinzip formuliert, eine gesprochene Sprache nach schriftsprachlichem Vorbild auszurichten und zu vereinheitlichen.
Luther war allerdings auch auf diesem Gebiet der Sprachvereinheitlichung kein Vorreiter, denn Bestrebungen und Tendenzen zum überregionalen Sprachausgleich zumindest im hochdeutschen Raum waren durchaus seiner Zeit gemäß. Jedoch ist die Tatsache, daß das Prinzip dieser Vereinheitlichung in einer Bibel angewendet worden ist, als der Sache natürlich enorm förderlich anzusehen.
Letztlich erfuhren Luthers Werke schlechthin eine enorme Verbreitung, ebenso wurde er teilweise über mehrere hundert Jahre hinweg als Vorbild für Sprache, Stil und Grammatik angesehen, so daß sein "Lutherdeusch", das auf einer "Schreibnorm" fußt, die dem ostmitteldeutschen Sprachraum entwachsen ist (wobei sich hier Ostoberdeutsch und Ostmitteldeutsch wechselseitig beeinflußt haben), einen großen Beitrag zur Entwicklung und Ausbildung der neuhochdeutschen Schriftsprache leisten konnte, sozusagen als Katalysator wirkte.

Von "weithin unverständlich" kann also nicht so ganz die Rede sein, und wenn Luther als "notorischer Sprachmischer" bezeichnet wird, dann muß man sich über die Kriterien, nach denen dieses Urteil zustandegekommen ist, einmal genauer unterhalten.
Aber ich habe das Buch ja auch nicht gelesen.

Wenn es einer hier gelesen hat: lohnt es sich denn?
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Michael Schuchardt
Oberursel

Dieser Beitrag wurde am 06.03.2007 um 16.08 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1589


"Das Wort sie sollen lassen stahn und kein' Dank dazu haben;"

Die o. g. Zeile stammt aus Luthers wohl bekanntestem Lied "Ein feste Burg ist unser Gott". Meine Frage dazu lautet:

Wie ist das Dank zu verstehen? Hat es den Sinn von Dankbarkeit oder vielleicht von Gedanke? Ich kenne jemanden, der mit entsprechender Vorbildung zu letzterem tendiert. Ich habe auch einen Pfarrer gefunden, der ebenfalls diesen Sinn in einer Predigt verwendet hat, aber leider konnte er mir keine Quellen nennen.

Vielen Dank schon mal im voraus.
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Reinhard Markner
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 26.02.2007 um 00.29 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1528


In West-Berlin sagen die Kinder üsch, in Ost-Berlin und Brandenburg sagen sie ick. So weiß jeder, wohin er gehört. Aber woher weiß Peter Dittmar das hier? „Dabei handelt es sich um eine dauerhafte Veränderung, weil die Jugendlichen diese Sprache verinnerlichen und auch als Erwachsene sprechen werden.“ Hat ihm die DFG eine Glaskugel finanziert?
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Christoph Schatte
Poznan

Dieser Beitrag wurde am 25.02.2007 um 22.35 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1525


Ein Migrationslinguist (wohl Neuname für Kontaktlinguist) meint, daß der türkische Einfluß viele statt "ich" nun "isch" sprechen läßt. Die phonetisch Fußkranken aus Sachsen und Schwaben lachen sich kaputt und freuen sich zugleich, daß nicht sie, sondern die Türken der Verluderung des Ich-Lautes beschuldigt werden. Das ist linguistische Ausländerdenunzierung, wenn nicht schlimmer. Abgesehen davon, daß im Deutschen Ich-Laut und Sch-Laut nicht distinktiv sind. Es reicht völlig, wenn z.B. ein slawischer Muttersprachler "ich" nicht mit Ach-Laut, sondern mit Ich-Laut spricht. Ob der am Ende noch die gemäßigte Hochlautung wahrt oder wie viele Sachsen nicht, ist kommunikativ irrelevant. Kirche und Kirsche unterscheiden sich nicht durch differente Zischlaute, sondern durch differenzierende I-Laute, so daß sie sich auch sächsisch artikuliert auseinanderhalten lassen. Man kann also gespannt sein auf weitere Erkenntnisse der Migrationslinguistik.
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Horst Ludwig
St. Peter, MN, USA

Dieser Beitrag wurde am 25.02.2007 um 18.37 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1524


Okeh, lesen Sie, wie die Teenager uns mit ihrem Slang in Streß setzen und von "'Lan', das im Türkischen so viel wie 'Ey, Mann' bedeute [und welches] bereits von vielen deutschen Kindern benutzt" werde in der Welt von heute.
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 26.11.2006 um 17.55 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#1133


Deutschlandradio Kultur
Radiofeuilleton: Buchkritik (14.11.2006)

Warum Luthers Bibel-Übersetzung unverständlich war
Peter Burke: "Wörter machen Leute", Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2006. 272 Seiten
Rezensiert von Jörg Plath


Die Sprache liegt heute jedem am Herzen. Die Rechtschreibreform wird so eifrig debattiert wie einst die Atomkraft, und die Allgegenwart von Anglizismen erregt viele Deutsche so heftig wie sonst nur noch das Wetter. Die Vorgeschichte dieser Aktualität betrachtet Peter Burke in seinem Buch "Wörter machen Leute". Er untersucht die sich wandelnden Beziehungen zwischen Sprachen und Gemeinschaften in Europa zwischen der Erfindung des Buchdrucks und der Französischen Revolution. Vor 1500 schrieb die Welt Latein, und 1789, so Burke, beginne die Politisierung der Volkssprachen durch ihre Verbindung mit der Idee der Nation.

Die 300 Jahre dazwischen sind durch den Niedergang des Lateins, das der katholischen Kirche und der Gelehrtenrepublik alslingua franca diente, und den Aufstieg der Volkssprachen charakterisiert. Die zuvor meist nur in mündlicher Form existierenden Volkssprachen entwickeln sich stark: Sie werden durch Wörterbücher, Grammatiken und Buchdrucker standardisiert. Lokale Varianten - in Italien etwa das Toskanische - oder eine Mischung von Dialekten werden zur allgemeinen Norm erklärt und durch Verwaltung, Buchdruck, Armee und Schule verbreitet.

Die Sprachen treten in Wettstreit miteinander, sie entlehnen einander Wörter und werden von einigen wieder gereinigt. Der in Cambridge lehrende Burke, einer der bedeutendsten Kulturhistoriker Europas, bietet das uferlose Thema leicht lesbar, mit ungemein vielen Zitaten und in einer erstaunlichen Breite dar. Von den 40 bis 70 Sprachen, die die 80 Millionen Europäer um 1500 sprachen, bleiben, so scheint es, nur wenige unerwähnt.

Dass Sprachen eine Gemeinschaft zum Ausdruck bringen und sie zugleich konstituieren helfen, ist eine der wenigen Thesen von Peter Burke. Die Aufsätze sind als Vorlesungen entstanden. Sie stellen die Forschungspositionen knapp, mit wenigen Fachtermini und stets relativierend dar: Burke lässt sich seine Gelassenheit durch nichts und niemanden nehmen. Bei ihm wirken selbst die Sprachstandardisierer und die Sprachreiniger, deren Argumente oft gar nicht harsch genug klingen konnten, recht entspannt, während notorischen Sprachmischern wie Martin Luther die Ehre schöner Zitate zuteil wird: "Bellum nimbt simpliciter als hin weg, was Got geben kan, religionem, politiam, coniugium, opes, dignitatem, studia, etc."

Das Buch ist eine Fundgrube. Staunend erfährt der Leser, dass das Toskanische, von den Medici und einzelnen Protagonisten als Standardsprache durchgesetzt, 1860, kurz vor Italiens Einigung, nur von 2,5 Prozent der Bevölkerung beherrscht wird. In Deutschland ist der sprachliche Flickenteppich zu Luthers Zeiten so kleinteilig, dass seine Bibel-Übersetzung weithin unverständlich ist. Und Englisch war damals unwichtig: Die Sprache importierte Wörter, statt sie wie heute zu exportieren. Es galt Wissensrückstände aufzuholen. Nur das Deutsche überflügelte das Englische bei den Entlehnungen.

Peter Burkes Leichtigkeit und Entspanntheit sind angesichts des einen weiten Horizont erfordernden Themas nicht genug zu bewundern. Dennoch erschöpft die Menge der vielsprachigen Zitate schon bald, weil diese mit Hilfe weniger ordnender Thesen bloß aneinandergereiht werden. Die sozialgeschichtlichen Phänomene der Sprachentwicklung werden nur knapp erwähnt: etwa, dass zur neuen, nachhumanistischen Wissensgemeinschaft auch die das Latein nicht beherrschenden Handwerker gehören, oder dass das Wachstum der Städte und ihre Anonymität die Bedeutung von Sprache und Kultur als Statusindikatoren steigen lässt. Unklar bleibt Burkes Hauptthese, wie genau Sprache und Gemeinschaft zusammenhängen: Mehrmals heißt es lediglich, bewusste und unbewusste Prozesse, Einzelkämpfer und Bewegungen würden zusammenwirken.

In einigen Imperien, so ist dem Buch zu entnehmen, steigen die Volkssprachen schon ab dem 9. Jahrhundert zur Schriftlichkeit auf, und ab 1100 werden Französisch und Spanisch zur Amtssprache. Wenn die historischen Prozesse teilweise so lange vor dem von Burke angesetzten Zeitraum 1500 bis 1789 beginnen, stellt sich die Frage, warum die Nation und damit die Politisierung der Sprachenfrage erst nach 1789 ins Spiel kommen soll. Zumal die Sprachreiniger in den Jahrhunderten zuvor andere Sprachen und Völker mit kräftigen Invektiven herabsetzen: Man solle doch das "normannische Joch" abschütteln, wandten sich Engländer gegen Entlehnungen aus dem Französischen. "Wörter machen Leute" lässt viele Fragen unbeantwortet.


Peter Burke: Wörter machen Leute. Gesellschaft und Sprachen im Europa der frühen Neuzeit
Aus dem Englischen von Mathias Wolf.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2006, 272 Seiten, 24,50 Euro


(Link)
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Christoph Schatte
Poznan

Dieser Beitrag wurde am 02.10.2006 um 19.44 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#980


Zu rr bth
In "Sichtlich wohl fühlen sich ..." liegt eine topikalisierte Adverbialergänzung zum Verb "sich fühlen" vor, die damit vor die als zweites Glied im Behauptungssatz stehende Personalform zu stehen kommt. Daher würde Zusammenschreibung nicht die vom Schreiber intendierte Prosodie nachvollziehen lassen. Im zweiten Falle kann man ungetrennt schreiben, müßte das dann aber in aller Konsequenz auch im Falle von "sich schlecht fühlen" etc. tun.

Für wohl als Abönungspartikel und als Qualitätspartikel hat das (graphemisch nicht deformierte) Deutsche es im Laufe der Schreibentwicklung zur distinguierenden Tradition werden lassen, die zweite graphemisch ins Partizip zu integieren, ohne die später erscheinenden Deformer projektiv oder antizipativ um Erlaubnis zu fragen.
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Klaus Achenbach
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 10.07.2006 um 20.37 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#774


Zu rr bth:
Im ersten Fall war und ist die Zusammenschreibung nicht regelkonform. Im zweiten Fall war bis 2006 nur Getrenntschreibung zulässig. Erst die Regeln von 2006 lassen die Wahl zwischen "sich wohl fühlen" und "sich wohlfühlen" zu, und zwar mit der skurrilen Begründung, daß sich nicht klar unterscheiden lasse, ob es sich um eine "idiomatisierte Gesamtbedeutung" handle oder nicht. Ebenso wohlergehen/wohl ergehen.
Aber auch jetzt ist im ersten Fall nur Getrenntschreibung zulässig, und zwar nach dem Vorbild "Auf geht die Sonne".
Erstaunlich ist, daß seit 2006 die Zusammenschreibung bei "sich wohlfühlen" erlaubt, bei "sich satt essen" (weil angeblich Subjektsprädikativ) aber verboten ist. Das zeigt, daß die Rangfolge der "Regeln" völlig ungeklärt ist. An sich sollte man meinen, daß die vom RSR verabschiedeten und inzwischen amtlichen Regeln den Vorrang vor den bloßen "Handreichungen" des RSR-Berichts haben sollten. Aber offenbar ist das, zumindest bei "sich satt essen", nicht der Fall.
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rr bth
Bayreuth

Dieser Beitrag wurde am 07.07.2006 um 16.36 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#764


Bei der Überprüfung der Schreibung von „wohl-fühlen“ bin ich hier auf folgende Belege gestoßen:

«Sichtlich wohl fühlen sich auch die Kammersängerinnen Sari Barabas und Lilian Benningsen. (Quelle: Süddeutsche Online)
Ein einfacher Arbeiter, sei er auch Millionär, würde sich im Tertianum nicht wohl fühlen. (Quelle: Süddeutsche Online)»


Dazu fällt mit folgendes ein:
1. Die SZ mit ihrer online-Ausgabe als Rechtschreibreferenz zu verwenden, halte ich für zumindest gewagt.
2. Belegstellen ohne Belegdatum sind gerade wegen der vielen Rechtschreibreformen der letzten Jahre nicht sehr aussagekräftig. Oder sollte gerade das bezweckt sein?

Ich würde das erste „wohl fühlen“ auseinander, das zweite „wohl fühlen“ zusammen schreiben. Allerdings kann ich das nicht begründen. Kann mir jemand helfen?

Und:
Gibt es hier eigentlich keine Funktion, die die Beiträge über alle Unterforen chronologisch anzeigt?

(Doch, die gibt es: Auf der Seite mit der Forenübersicht kann man entweder die neuesten n Beiträge aufrufen oder sich sämtliche Beiträge von [Datum] bis [Datum] anzeigen lassen – allerdings nur für die des Diskussionsforums. Red.)
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Reinhard Markner
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 31.08.2005 um 03.05 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=43#256


»'Seit ich aus der SPD ausgetreten bin, schneiden mich zwei Drittel meiner früheren Fraktionskollegen haßerfüllt. Das andere Drittel aber ist demonstrativ freundlich zu mir', sagte Maurer.« (Junge Welt, 31. 8. 2005)

Schönes Beispiel dafür, wie sehr die ursprüngliche Bedeutung von der/die/das andere verschüttet ist.
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