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»Rechtschreibung und -reform«


Beiträge zum Thema

»Christoph Walther – oder: Das Leiden eines Korrektors
Ein Text aus der Vergangenheit als Zustandsbeschreibung unserer Zeit«

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Alexander Walter
Hemsbach

Dieser Beitrag wurde am 27.10.2012 um 14.26 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=284#9609


»Das aller vornemist vnd nötigst in allen Sprachen ist /
das man Orthographiam helt / das ist / das man
alle wörter mit jren eigenen vnd gebürlichen Buchstaben
schreibe oder drücke / das man keinen Buchstabe
aussen lasse / keinen zuviel neme / keinen fur den andern
neme / Das einer die wörter mit buchstaben schreibe /
gleich wie der ander / Item / das man die gleichlautende
wörter / welche zwey ding bedeuten in jrem laut /
mit sonderlichen Buchstaben vnterscheide / wie die Ebreische /
Griechische vnd Latinische Sprache geordnet vnd gefasset ist.
Aber in der Deudsche[n] sprache / schreibet ein jeder
die wörter mit Buchstaben / wie es jm einfellet
vnd in sinn kömet / das / wenn hundert Brieue / vnd
gleich mehr / mit einerley wörter geschrieben
wörden / so wörde doch keiner mit den Buchstaben
vber ein stimmen / das einer mit buchstaben
geschrieben wörde wie der ander. Derhalb ist die Sprache
auch so vnuerstendlich / dunckel vnd verworren /
Ja gantz verdrieslich vnd vnlustig zulesen. Vnd
sonderlich komet sie den frembden vndeudschen Leuten /
sehr schwehr vnd sawer an zuuerstehen /
vnd vnmüglich recht zu lernen.«**

** Christoph Walther; Auszug aus dessen Schrift »Bericht von vnterscheid der Biblien vnd anderer des Ehrnwirdigen vnd seligen Herrn Doct. Martini Lutheri Bücher /
so zu Wittemberg vnd an andern enden gedruckt werden / dem Christlichen leser
zu nutz. Durch Christoffel Walther / des Herrn Hans Luffts Corrector. Wittemberg. 1563.«; zitiert nach dem Anhang zu »Die gantze Heilige Schrifft Deudsch«
(letzte zu Luthers Lebzeiten erschienene Ausgabe, herausgegeben von Hans Volz
unter Mitarbeit von Heinz Blanke, Textredaktion Friedrich Kur, Rogner & Bernhard, München, 1972), S. 271*

Der Textauszug zeigt uns, wo wir heute (wieder) stehen. Die Orthographie hat in unserem Lande, durch die Reform u. a. verursacht, keinen Stellenwert mehr in der Mitte der Gesellschaft. Wenn nichts dagegen unternommen wird, wird das die nächsten Jahrzehnte auch so bleiben. Vielleicht können Ästheten/Ästhetiker noch etwas retten. Es sollte uns mehr um die orthotypographische Ästhetik der bewährten Rechtschreibung gehen. Das hat besonders viel mit Wahrnehmung und Lesbarkeit zu tun, mit Redundanzvermeidung, Ligaturen und störenden (Satz-)Zeichen, mit Ausschließlichkeit, Zuverlässigkeit, Eindeutigkeit, Unterscheidbarkeit, einer Tendenz zur Kompaktheit von Schreibweisen, die nichtsdestoweniger den Wortzwischenraum nicht mißachtet, eben alledem, was Orthographie eigentlich bedeutet …

An ihrem wundesten Punkt, ihrer fehlenden Ästhetik, sollte die »neue«, keinesfalls alternativlose Rechtschreibung (die ihrerseits voller [teils sogar falscher, teils ungrammatischer] Alternativschreibungen steckt und als Orthographie der Beliebigkeit wahrgenommen wird – und damit eigentlich nicht mehr als Orthographie zu bezeichnen ist) immer wieder angegriffen werden, und zwar unermüdlich und nachdrücklich. Der »Mercedes«-Charakter unserer Rechtschreibung vor deren mißglückter Reform, von dem Theodor Ickler einst sprach, muß herausgekehrt werden. Nur so haben wir eine Chance.
Ihr Alexander Walter
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