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»Darf man so sagen – oder schreiben?«


Beiträge zum Thema

»Orientierung an den Klassikern«

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Oliver Höher
Braunschweig

Dieser Beitrag wurde am 05.12.2007 um 12.51 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=157#2638


Zu 157#2635:

Da verstehe ich einiges nicht. Ich bitte daher um Aufklärung.

Zunächst einmal, was sind "die bewährten Regeln der grammatischen Kunst"? Geht das jetzt zurück bis zu den septem artes liberales, zu denen die Grammatik durchaus gehörte, oder soll das nur einfach schick klingen?

In diesem Buch "werden die grammatischen Regeln nicht für einzelne Wörter oder zusammenhanglose Sätze formuliert, sondern auf größere Sinneinheiten bezogen[.]"
Schön und gut, aber hat nicht gerade die Schlechtschreibung bestehende Sinneinheiten zerstört, bzw. mit neuem, veränderten Sinn gefüllt?

Ein Beispiel:
Herr M. hat eine junge Frau totgefahren ist eben nicht Herr M. hat eine junge Frau tot gefahren.

Wer legt daher hier die Sinneinheiten fest? Nicht umsonst waren und sind viele Juristen gegen die Schlechtschreibung.

"Mit diesem Textverständnis stellt die Grammatik auch eine wirksame Hilfe bei der praktischen Aufgabe dar, in sinnvollen Zusammenhängen richtig zu reden und zu schreiben."

Wieder einmal wird das Lesen nicht berücksichtigt. Muß ja auch so sein, denn beim Lesen müßte man zunächst einmal nach klassischer Orthographie kapieren, daß der Satz Herr M. hat eine junge Frau totgefahren bedeutet, daß die junge Frau nach dem Unfall tot ist und daß hier keineswegs eine Leiche bewegt wird.
Nach heutigem Dummschrieb komme ich eigentlich nur auf das Bewegen einer Leiche. Aber vielleicht ist der morbide Zug dieser zweiten Lesart ja als Werbung gedacht, jüngere Leser zu gewinnen.

Und was ist bitte mit "behutsam an die heutige Rechtschreibung angepassten Textsorten" gemeint?
Früher hieß es in den Klassikerausgaben immer noch, daß der Lautstand von der Modernisierung der Orthographie nicht berücksichtigt werde (und da wußte auch niemand, wie Lessings oder Schillers Lautstand genau aussah).
Der Lautstand wird aber durch ß und ss jetzt sehr wohl verändert. In Köln hat man beispielsweise Spaß mit kurzem a. Das müßte dann ja wohl dort jetzt Spass geschrieben werden. Das bedeutet, es müßte in Weinrichs Buch noch einmal einen behutsam an die heutige Rechtschreibung angepassten Unterschied zwischen mündlichen und schriftlichen Texten geben.

Und welche heutige Rechtschreibung? Die, in der die gleichschaltenden Kultusministerien zu schreiben versuchen (denn ihre Internetauftritte zeigen deutlich, daß sie es nicht können), oder die diversen Hausorthographien der gleichgeschalteten Presse, oder schließlich die Orthographie sehr vieler deutschsprachiger Schriftsteller, die sich nicht gleichschalten ließen?

"Sprachäußerungen von kulturellem Rang werden jedoch bevorzugt [...]"
Das ist schön, doch was sind Sprachäußerungen von kulturellem Rang, und wer definiert hier diesen Rang? Weinrich, oder der Verlag?

Da hilft es wenig, wenn "dieser Grammatik eine eindeutige Option für Sprachkultur eingeschrieben" ist.
Das klingt fast so schick wie die bewährten Regeln der grammatischen Kunst. Aber was ist denn das eigentlich wieder?

Kurzgefaßt: Es geht auf Weihnachten zu, da möchte der Olms-Verlag auch ein Stück vom Kuchen, pardon Stollen abhaben.
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Dieser Beitrag wurde am 04.12.2007 um 15.06 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=157#2635


Harald Weinrich
Textgrammatik der deutschen Sprache
4., unveränderte Auflage 2007 (Olms-Verlag). 1112 S. Leinen.
ISBN 978-3-487-11741-6 € 49,80
In dieser Grammatik wird nach bewährten Regeln der grammatischen Kunst die deutsche Sprache beschrieben, wie sie sich in ihrem gegenwärtigen Sprachzustand darstellt. Mündlicher und schriftlicher Sprachgebrauch finden dabei gleichrangige Beachtung. In einer Textgrammatik, wie sie hier vorliegt, werden die grammatischen Regeln nicht für einzelne Wörter oder zusammenhanglose Sätze formuliert, sondern auf größere Sinneinheiten bezogen, deren Textstrukturen klar erkannt und deutlich verstanden werden sollen. Mit diesem Textverständnis stellt die Grammatik auch eine wirksame Hilfe bei der praktischen Aufgabe dar, in sinnvollen Zusammenhängen richtig zu reden und zu schreiben.

Der textlinguistischen Methode entsprechend sind die Beispiele für guten deutschen Sprachgebrauch unterschiedlichen, behutsam an die heutige Rechtschreibung angepassten Textsorten entnommen, die in ihrer bunten Vielfalt für die Sprache des ganzen deutschen Sprachraums repräsentativ sind. Sprachäußerungen von kulturellem Rang werden jedoch bevorzugt, vor allem natürlich die Texte der Klassiker. Insofern ist dieser Grammatik eine eindeutige Option für Sprachkultur eingeschrieben.
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