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»Sprache und Politik«


Beiträge zum Thema

»Über das Böse im allgemeinen und Gutmenschen im besonderen«

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Horst Ludwig
St. Peter, MN, USA

Dieser Beitrag wurde am 17.09.2011 um 21.17 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=109#8149


"Breslau (dpa [heute]) - Zehntausende Gewerkschafter haben im polnischen Breslau gegen Sozialabbau und steigende Arbeitslosigkeit in der EU demonstriert." — Hätte ja sein können, daß die auch einem nichtpolnischen Breslau demonstrierten?
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Manfred Riemer
Mannheim

Dieser Beitrag wurde am 26.08.2011 um 14.19 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=109#8109


Ich weiß nicht, ob noch oder wieder, jedenfalls findet man in Sowjetsk (ich schreibe es immer mit j wie Sowjetunion) heute auch Hinweise auf den deutschen Namen Tilsit. Es gibt ein Denkmal zum Tilsiter Frieden ("Tilsitskij Mir" in kyrill. Buchstaben) und auch ein Stadtmuseum über Tilsit/Sowjetsk. Das beste Bier in Kaliningrad ist das "Königsberg" (so in lateinischen Buchstaben auf dem Etikett, ein Bier nach Pilsener Art), überhaupt geht man in letzter Zeit dort mit der Geschichte und den alten deutschen Namen recht offen um, sie werden zwar im Alltag nicht gebraucht, sind aber überall nachlesbar. Mitunter (z.B. als Leuchtreklame über einem Eingang) begegnet man dem Namen "Kenigsberg" in kyrillischen Buchstaben (je statt ö).
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Reinhard Markner
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 26.08.2011 um 13.48 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=109#8108


Ja, hießen sie, weshalb es auch falsch ist zu schreiben: „Breslau, heute Wroclaw“.
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Marco Mahlmann
Osnabrück

Dieser Beitrag wurde am 26.08.2011 um 13.37 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=109#8107


Es fällt schon auf, daß die ehemals deutschen Städte in den verlorenen Ostgebieten sehr viel seltener deutsch benannt werden (dürfen) als Städte irgendwo auf der Welt, die gewiß niemals deutsch waren: Neapel, Athen, Kopenhagen...
Schimpf und Schande ist man ausgesetzt, wenn man bei Wiki nach "Allenstein" oder "Insterburg" sucht.

Hießen die Städte auf polnisch eigentlich schon vor 1945 "Szeczin", "Gdansk" und "Wroclaw"? Ich gehe davon aus. Hat das Deutsche – zumal vor der Nazizeit – gestört? Kann ich mir nicht vorstellen.
Kräht ein deutscher Hahn danach, wenn von "Cologne", "Amburgo" oder "Aken" die Rede ist?

Was die Namenskonventionen von Wiki angeht, hat die pc deutlich Vorfahrt vor der Gebräuchlichkeit. Ist hier jedem auf Anhieb klar, was "Sowetsk" ist?
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Reinhard Markner
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 25.08.2011 um 23.45 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=109#8105


Bei der Wikipädie hat sich, vermutlich nach zähem Ringen, die Breslau-Fraktion durchgesetzt. In den Namenskonventionen heißt es, „Orte oberhalb einer gewissen Bedeutsamkeit“ dürften ihren deutschen Namen tragen.
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Horst Ludwig
St. Peter, MN, USA

Dieser Beitrag wurde am 25.08.2011 um 17.44 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=109#8103


Ich meine auch, ungezwungen in einem deutschen Text zu dieser Stadt. Da kommt mir "Strasbourg" so vor, als ob einer aus "Roma" zurückkehrt, wo er sich den Papst angesehen hat. — Witzig finde ich übrigens immer, wenn ich hier bei der Hitze und auch sonst mal ein "Pilsner Urqell" aus "Pilsen" trinke. Dazu Wikipedia: "Pilsner Urquell ist ein seit 1842 in Plze®æ von Plze®æsk˘ Prazdroj produziertes Bier. / Der Markenname bezieht sich auf den Herkunftsort Plze®æ, der in der deutschen Sprache unter dem Namen „Pilsen“ bekannt ist." Und ganz am Schluß: "Das Bier für über 50 Länder wird seitdem wieder in Pilsen gebraut".
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Manfred Riemer
Mannheim

Dieser Beitrag wurde am 25.08.2011 um 15.25 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=109#8102


Sowohl in Ungezwungenheit als auch im Zwang steckt mit Sicherheit System.
Wieso sollten zur Ungezwungenheit nicht beide, Straßburg und Strasbourg, passen?

Für einen DDR-Autor wäre es undenkbar gewesen, einen Bildband mit dem Namen Krakau im Titel zu veröffentlichen. Trotzdem habe ich damals einmal so ein Buch gesehen – von einem polnischen Autor. Der durfte das.

Zu Straßburg fällt mir noch eine geführte Bootstour auf der Ill (großes i, zwei kleine L) ein, ca. 2008, da bekamen die Touristen u.a. zu hören, daß die Straßburger sich im Grunde schon immer mehr als Franzosen gefühlt haben. Es ging unter vielen Brücken durch, aber eine (ich habe leider vergessen, wie sie heißt) wurde besonders wegen ihres häufig wechselnden Namens erwähnt, mal deutsch, mal französisch. Zum Schluß aber, so die Stimme vom Tonband, wurde nun endlich für alle Zeiten der französische Name festgelegt. Dieser ganze Stil kam mir auch irgendwoher bekannt vor, den Eindruck eines ungezwungenen Umgangs mit der Geschichte hat diese Bootstour bei mir nicht hinterlassen.
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Horst Ludwig
St. Peter, MN, USA

Dieser Beitrag wurde am 25.08.2011 um 09.23 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=109#8101


Ist da System dahinter, daß man jetzt wieder relativ ungezwungen von der "Autobahn Richtung Stettin" liest, daß "der ältere der Klitschkos [im] September in Breslau" boxt und "Pilsen [...] auch diesmal wieder" in irgendeiner europäischen Fußballiga überrascht? Dazu paßt eigentlich gar nicht, daß ich gerade gestern irgendwo in der E-Ausgabe einer der großen deutschen Zeitungen was von einer Schulabgangsfeier in "Strasbourg" gelesen habe (es war da in einer Bildunterschrift).
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Verschoben
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 22.02.2007 um 19.38 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=109#1510


Beitrag geschrieben von Karin Pfeiffer-Stolz am 22.02.2007 um 07:49 Uhr

Als „Gutmensch“ erscheint mir jeder, der meint, die Welt vor Unglück und Leiden heilen zu müssen – ohne zu begreifen, daß die Schöpfung selbst für Unglück und Leiden sorgt, dem alles Lebendige unterworfen ist. Weder das eine, noch das andere wird der Mensch jemals aus seinem Leben verbannen können. Der „Gutmensch“ aber ist vom Wunsch beseelt, ein besseres Lebens- und Gesellschaftskonzept durchzusetzen. Seine Gedanken und Vorstellungen sind durchaus menschlich und gerade deshalb so verführerisch. Sie sind die Ursache für den Erfolg von linksliberalem Gedankengut: es besitzt Anziehungskraft, weil es Erlösung aus Leiden und Ungerechtigkeit verspricht. Konservative Programme haben dem nichts entgegenzuhalten, weshalb es heute bei uns auch kaum noch echte Konservative in der Politik gibt …

Der „Gutmensch“ will mehr Gerechtigkeit (was auch immer das ist), Chancengleichheit (wobei Ergebnisgleichheit eine Utopie ist), Gewaltlosigkeit (nichts als ein schöner, aber verständlicher Traum) und vieles andere, was sich alle Menschen der Erde wünschen. Die Sichtweise des „Gutmenschen“ ist jedoch leider naiv. Er empfindet – auch darin ist er nicht anders als alle anderen – sein Leiden unerträglich und hofft, über den Umweg der Fremdbeglückung auch sein eigenes Lebensglück zu finden. Wir sehen, daß einige Menschen mehr Erfolg haben als andere, und wir begreifen oft nicht, weshalb dies so ist. Jeder ist von sich selbst überzeugt und sicher, er habe sein Bestes gegeben, deshalb verdiene er eben auch entsprechende Belohnung. Leben aber ist keine arithmetische Aufgabe. In unserem Denken erkennen wir die Verschiedenheiten und Spielarten des gesellschaftlichen Lebens oft als Ungerechtigkeit. Natürlich existiert viel Ungerechtigkeit! Wir kämen jedoch einen Schritt voran, wenn wir die moralische Komponente beiseite ließen. Nicht alles ist Ergebnis menschlichen Planens, und schon gar nicht „bösen“ oder „schlechten“ Planens. Viele Dinge entwickeln sich eben so, weil es der Schöpfungsplan so vorgesehen hat. Gläubige sprechen von göttlicher Vorsehung.

Der „Gutmensch“ bewertet alles mit der Elle der Moral. Er glaubt, das Böse ausschließlich im Denken, Fühlen und Handeln von Menschen gefunden zu haben. Hierin liegt die Wurzel des Übels. Wo die Moral ins Spiel kommt, steht am Ende die Guillotine.

Was den „Gutmenschen“ gefährlich macht, ist, daß er seine Sehnsucht nach der guten, der besseren Welt in die Tat umsetzt. Dabei geht er wenig zimperlich zu Werke.

Was das materielle Glück betrifft, so wird fleißigen und sparsamen Menschen Eigentum gewaltsam genommen bzw. durch hohe Besteuerung verhindert, daß sie Rücklagen bilden. Das ist eine seltsame Art von Gerechtigkeit, und die „Gutmenschen“ tragen sie aktiv mit.

Von der materiellen Enteignung führt nur ein kurzes Wegstück zur geistigen und kulturellen Enteignung. Die Zerstörung der gewachsenen Orthographie ist die Frucht dieses Gerechtigkeitdenkens.

Sprache ist ein geistiges und kulturelles Gut. Vorgeblich um der „Chancengleichheit“ willen – also um weniger Gebildeten und Kindern den Zugang zur Schriftsprache zu erleichtern –, mußte man das Werkzeug der Gebildeten zerstören. Die sog. Rechtschreibreform ist der Versuch, Bildung umzuverteilen, indem die geistige Elite „enteignet“ werden sollte. Diese Art Umverteilung aber funktioniert so wenig wie alle anderen.

„Gutmenschen“ sind Mitläufer, oft genug im Privaten liebe Menschen, und man kann ihnen eigentlich nichts Böses unterstellen. Sie glauben felsenfest an die Botschaft der Weltverbesserer und haben im „Kampf um das Gute“ ihre Lebensbestimmung gefunden. Sie meinen, durch Zwang und Gewalt eine Besserung der Situation herbeiführen zu können, und wenn dies nicht klappt, sind immer die bösen anderen schuld, die sich an Besitztümer und Vorrechte klammern. Das Karussell immerneuer Zwangsmaßnahmen beginnt sich zu drehen. Die echten Verlierer dabei sind gerade jene, denen der Weltverbesserungszirkus gewidmet ist: den Benachteiligten, Armen, Dummen.

„Gutmenschen“ stützen unbewußt ein ungerechtes und kulturschädliches System. Sie sind immer und überall in der Menschheitsgeschichte für das größte alltägliche Leid verantwortlich, denn sie sind die Exekutive des Wahnsinns, von dem nur einige führende Köpfe wirklich profitieren. Die führenden Köpfe wissen, was sie an ihrem Kader und ihren Apparatschiks haben. Doch wenn sich der Wind dreht, werden sie nicht zögern, sich aus dem Staub zu machen und ihre „Dienerschar“ büßen zu lassen. Diese jammern dann, sie hätten ja nur das Beste gewollt und überhaupt: ihre Pflicht getan. Wir haben dies bei allen Gewaltsystemen und Diktaturen beobachten können, die in den vergangenen Jahrzehnten zusammengebrochen sind. Die Parallelen im menschlichen Handeln sind verblüffend, und es ist völlig gleichgültig, ob es sich um die Zwangsdurchsetzung von verstaatlichter Kinderbetreuung, Eurodiktatur oder Rechtschreibreform handelt.
Darin ähneln sich alle Zwangssysteme: sie haben ihre Kalfaktoren, die zutiefst und mit bestem Gewissen davon überzeugt sind, das Richtige zu tun. Und das sind die „Gutmenschen“.

Nachsatz: Der „Gutmensch“ ist ein Gedankenkonstrukt. So wie es z.B. keinen Pykniker gibt, gibt es auch nicht den „Gutmenschen“. Er ist ein Denkmodell wie der Altachtundsechziger und dient der Veranschaulichung des Zeitgeistes. Ein bißchen „Gutmensch“ steckt wohl in uns allen. Doch nur, wer dies erkennt, kann sich gegen die Anmaßung der „Gutmenschpolitik“ wehren – und letztere ist im Deutschland des Jahres 2007 sehr real.


Beitrag geschrieben von Karl Berger am 22.02.2007 um 01:54 Uhr

Michael Blum: Erklärungsversuche

Wie schon öfter in diesem Forum dargestellt, zeigt zweifellos die Tatsache, daß man die geduldige und präzise Aufklärungsarbeit des geballten Sachverstands dieser Republik seit Jahren diffamiert und der Lächerlickeit preiszugeben sucht, ohne auch nur einmal vergleichbar Seriöses entgegenzuhalten oder zur Diskussion zu stellen, daß hier keineswegs sog. Gutmenschen am Werke waren und sind.

Zugegeben: Sicherlich gibt es etliche, die blind z.B. ihrer Lehrergewerkschaft folgen (die sich in Sachen RS seit einiger Zeit merkwürdig still verhält), aber die eigentlichen Drahtzieher sind die von der Politik unterstützten großen Verlagshäuser, deren gewiefte Kaufleute sofort die Chance witterten, durch eine verkorkste, ständig reparaturbedürftige Reform ihre Erzeugnisse (Ratgeber, Wörterbücher, ...) millionenfach in Bibliotheken, Schulen und Haushalte absetzen zu können, und zwar alle zwei bis vier Jahre neu! Kultur oder Rechtschreibung interessiert da offensichtlich niemanden.


Beitrag geschrieben von Markus Beuan am 21.02.2007 um 22:40 Uhr

Herr Blum, erklären Sie mir doch mal, was Sie so unter einem sog. Gutmenschen verstehen. Sie kritisieren die Masse und merken dabei selbst nicht, wie sehr sie geblendet sind.

Gutmenschenartige Grüße


Beitrag geschrieben von Christoph Schatte am 21.02.2007 um 19:47 Uhr

Die zwei völlig einleuchtenden Erklärungen von Michael Blum verleiten zu dem Ausruf: "Gott schütze Deutschland vor Gutmenschen und anderen Volksbeglückern!" Und falls soviel Gnade nicht gefordert werden kann, dann wenigstens: "Gott schütze die deutsche Sprache vor Gutmenschen und Pädagogen!" Der Rest regelt sich dann irgendwie mit Denken.


Beitrag geschrieben von Michael Blum am 21.02.2007 um 17:01 Uhr

Warum hat man auch nur eine Sekunde auf Leute gehört, die so etwas angestellt haben? Warum haben der Philologe Zehetmair und seine Ministerkollegen das durchgesetzt? Diese Frage ist eigentlich noch nicht beantwortet.

Dazu zwei Erklärungsversuche:

Zu Frage 1) Wer sind eigentlich die "Leute, die so etwas angestellt haben?" Es sind eindeutig die Gutmenschen. Und man hat auf sie gehört, weil sie sowohl die Fachdiskussion als auch die öffentliche Diskussion beherrscht haben. Sie haben an die Rechtschreibreform geglaubt und ihren Glauben mit allen Mitteln durchgesetzt. Gutmenschen sind Überzeugungstäter, die mit Wissenschaft nichts im Sinn haben. Das Hauptargument der Durchsetzung hatte nichts mit Orthographie zu tun, sondern mit Pädagogik. Man wollte es den Kindern leichter machen. Dieses unwissenschaftliche, niemals belegte und heute offenkundig widerlegte Argument wirkt immer noch fort, weil es moralisch erscheint. Wer die Rechtschreibreform in Zweifel zieht, erscheint moralisch fragwürdig.

Zu Frage 2) Politikern geht es um Mehrheiten, nicht um Wahrheiten. Die Wahrheit haben derzeit ohnehin die Gutmenschen gepachtet. Außerdem herrscht ein kolossaler Parteien- und Fraktionszwang. Da muß auch die eigene wissenschaftliche Einsicht hintenanstehen.

Ein sehr interessanter Artikel über solche Mechanismen am Beispiel der Klimadebatte ("Gleichschaltung des Wissens") findet sich hier.
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