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Blüthen der Thorheit

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24.09.2018
 

Peter Schmachthagen
Saure Gurken und ein überflüssiges Jubiläum

Vor 20 Jahren versuchten wir uns erstmals an der neuen Rechtschreibung – kein Grund für alte Vorurteile, meint Peter Schmachthagen.


Als ich einmal eine der vielen Besuchergruppen durch das Springer-Haus führte, meinte eine alte Dame – und sie meinte es ernst –, sie könne sich nicht erklären, warum täglich in der Welt immer genauso viel passiere, dass die Zeitung exakt bis zur letzten Zeile voll werde. Ich verrate keine Interna, wenn ich andeute, dass die Redaktion die Nachrichten dehnen oder eindampfen muss – je nach Angebot. Angeblich ist das Angebot im Sommer besonders dünn, und zwar in den Wochen, in denen früher die ersten sauren Gurken aus dem Spreewald auf die Berliner Märkte kamen. Diese Zeit nennen die Journalisten die Saure-Gurken-Zeit.

Auf der Suche nach Themen sind einige Kollegen beim Abgleichen der runden Jahrestage auf „20 Jahre Rechtschreibreform“ gestoßen. Auf dieses Jubiläum hätten wir gut verzichten können. Erstens wurde die neue Rechtschreibung in den meisten Ländern am 1. August 1998 nur probeweise eingeführt. Die Medien folgten erst am 1. August 1999 (fürs nächste Jahr vormerken!). Als die Rechtschreibreform mit einigen Verbesserungen im Juni 2004 von den Kultusministern endgültig in Kraft gesetzt worden war, leistete sich in Berlin das damals größte Zeitungs- und Zeitschriftenhaus eine Rolle rückwärts und beschloss, mithilfe seiner publizistischen Macht am Kiosk und auf dem Boulevard die neue Rechtschreibung zu kippen. Daraus entstand sowohl der Rat für deutsche Rechtschreibung in Mannheim, der in diesen Tagen gerade über den Gender-Stern grübelt, als auch am 1. August 2006 eine Reform der Reform, die zwar an der ersten Reform nichts änderte, uns aber eine Fülle von fakultativen (der eigenen Wahl überlassenen) Schreibweisen bescherte.

Seitdem ist der Duden wieder groß im Geschäft, vor allem wegen seiner gelb unterlegten Empfehlungen bei fakultativen Schreibweisen, damit wir wissen, dass wir kennen lernen zwar nach wie vor getrennt schreiben dürfen, es aber (gelb!) als kennenlernen zusammenschreiben sollen. Vor 2006 war nur kennen lernen möglich, und niemand brauchte ein Wörterbuch dazu.

Ich will trotz unzähliger orthografischer Einsätze und Artikel im Auftrag des oben erwähnten Konzerns nicht überheblich werden, aber mich beschleicht beim Lesen dieser 20-Jahre-Jubiläumsartikel der Verdacht, dass den Autoren/-innen die nötigen Kenntnisse über die Änderungen fehlen. Bei ihnen ist es dann eh egal, ob sie die alte oder die neue Rechtschreibung nicht beherrschen. Heike Schmoll schreibt in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ unter der Überschrift „20 Jahre Rechtschreibanarchie: Ein Unglück der Sprachgeschichte“: „Von Anfang an war klar, dass der Versuch, die deutsche Rechtschreibung zu vereinfachen, schiefgehen würde. Denn sie ist viel besser als ihr Ruf. […] Von einer Rücknahme der sinnentstellenden Regeln etwa bei der Groß- und Kleinschreibung ist man weit entfernt.“ Leider verwehrt uns Heike Schmoll die Beispiele für ihre Behauptungen, die natürlich völlig danebenliegen. Selbstverständlich hat die Rechtschreibreform entscheidende Vereinfachungen und Systematisierungen gebracht, selbstverständlich war die alte Rechtschreibung, die von 1955 bis 1996 dem sogenannten „Duden-Privileg“ unterlag, in Teilen chaotisch und reformreif.

Ich habe am Tag vor der Einführung der neuen Rechtschreibung in den Medien, am 31. Juli 1999, einen Test mit 40 Wörtern alter Schreibweise veröffentlicht, hinter denen jeweils zwei Kästchen standen, in denen die Leser „Richtig“ oder „Falsch“ ankreuzen sollten. Eine Leserin rief an und sagte, sie habe drei richtige Schreibweisen entdeckt, die übrigen 37 seien falsch. Eine pensionierte Kollegin schaffte immerhin acht Richtige. Das Dumme war nur, dass alle 40 Beispiele nach alter Norm richtig waren! Doch hat es niemand geglaubt, und niemand hat jemals vor 1996 ein Diktat mit allen Schwierigkeiten fehlerfrei geschrieben. So viel zum „Unglück der Sprachgeschichte“.

Peter Schmachthagen erreichen Sie unter: deutschstunde@t-online.de


Quelle: Berliner Morgenpost
Link: https://www.morgenpost.de/kolumne/deutschstunde/article215027115/Saure-Gurken-und-ein-ueberfluessiges-Jubilaeum.html

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Kommentare zu »Saure Gurken und ein überflüssiges Jubiläum«
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Kommentar von ppc, verfaßt am 13.11.2018 um 15.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=209#2020

„Eine pensionierte Kollegin schaffte immerhin acht Richtige.”

Gemeint sind natürlich „acht richtige”, was mal wieder ein Indiz dafür ist, wie dämlich die Propagandisten der Reform sind.


 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.01.2020 um 17.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=209#2035

Erstens wurde die neue Rechtschreibung in den meisten Ländern am 1. August 1998 nur probeweise eingeführt. (Schmachthagen)

Das glaubten damals viele, auch wenn das Datum nicht stimmt: 1996 bis 1998 wurde sie eingeführt, und dann war eine mehrjährige Übergangsfrist vorgesehen, in der die neuen Schreibungen ausschließlich unterrichtet, die alten aber nur angestrichen, nicht notenrelevant bewertet werden sollten.

Eine Erprobungsphase war nicht vorgesehen, die späteren Revisionen wurden den Politikern mit großer Mühe abgerungen, weil es gar nicht anders ging und man den Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen wollte - hauptsächlich durch Zulassung unzähliger fakultativer Altschreibungen.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.02.2020 um 15.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=209#2038

Kürzlich gab Schmachthagen noch einmal ein Stückchen zum besten, das wir nicht in Vergessenheit geraten lassen wollen:

Der Abend bezeichnet den Zeitabschnitt eines jeden Tages, der amtlich nicht auf die Minute genau festgelegt ist, der aber zwischen dem Nachmittag und der Nacht liegt. Das Wort wird als Substantiv großgeschrieben: ein sommerlicher Abend, es wird Abend, gegen Abend, der freie Abend, ein bunter Abend im Fernsehen oder mit lyrischem Anklang: Der Wind weht von Abend her. Heute sagt man weniger romantisch: Wir haben Westwind.

Wenn der Abend kein Hauptwort wäre, sondern ein Adverb, würde er wie alle Adverbien kleingeschrieben, also: Gestern „abend“ waren wir im Kino. So schrieb man jahrzehntelang, doch das änderte sich mit der Rechtschreibreform. Die Bezeichnung von Tageszeiten nach Adverbien wie gestern, heute oder morgen werden seit 1996 als Substantive angesehen und großgeschrieben: heute Morgen, gestern Abend, vorgestern Nacht, morgen Mittag, übermorgen Vormittag.

Die laute Kritik an dieser Neuerung war unüberlegt, denn genau genommen handelte es sich bereits damals bei den Tageszeiten um keine Adverbien, sondern um Substantive. Schrieb man „gestern am Abend“, so musste der Abend bereits vor der Reform großgeschrieben werden. Es entbehrt jeder grammatischen Logik, den Abend als Wortart abzustufen, sobald die Präposition „am“ wegfällt. Also bleibt es jetzt in jeder Form als „gestern [am] Abend“ bei der Großschreibung, was natürlich nicht nur für den Abend, sondern für alle Tageszeiten gilt.

Nun stellt sich die Frage, ob es „heute Früh“ oder „heute früh“ heißt. Ist „die Früh“ eine Tageszeit, oder handelt es sich bei „früh“ ausschließlich um ein kleinzuschreibendes Adjektiv? Können sich die Regelwächter nicht einigen, macht man es wie in der Politik: Man schließt einen Kompromiss. Der lautet: In Österreich schreibt man „Früh“ groß, in Deutschland „früh“ meist klein.
(Peter Schmachthagen, Berliner Morgenpost 4.2.20)




 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.02.2020 um 16.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=209#2039

heute morgen ist nicht aus heute am Morgen entstanden unter mysteriösem Wegfall der Präposition, vgl. Grimms Wb.:

auch der einfache dativ morgen aus morgene (die kürzung morn, s. d., zeigt bisweilen noch die dativendung in der form morne) als zeitbestimmung, in der fügung früh morgen (vergl. DWB früh morgens oben b, γ. δ): da sie früe morgen den berg hinab gieng. Judith 10, 12; (er) predigt jnen von Jhesu ... von früe morgen an bis an den abend. ap. gesch. 28, 23; heute morgen, am morgen des heutigen tages: hettestu heute morgen so gesagt, das volk hette ein jglicher von seinem bruder abgelassen. 2 Sam. 2, 27; gestern morgen, heri mane, heute morgen, hodie mane Stieler 2374;
eines (ein bein, spricht der hund), lieber Pantalon,
hab ich nur noch gestern morgen
in dem winterreisz verborgen.
Gellert 1, 38;
alemannisch auch morne morgen, vergl. unter morn; bairisch morgen des morgens Schm. 1, 1648 Fromm.; hess. mor morgen, more morgen, morgen früh. Vilmar 272.
δ) dieser dativ morgen, adverbial geworden, ursprünglich im gegensatz zu einer vorhergehenden nacht gedacht, und den ihr folgenden morgen bezeichnend:
schon ist es tiefe nacht, ruht aus bis morgen.
Tieck Octavian. 327;


Schmachthagen würde wohl auch nicht sagen können, wieso nach dem Adverb heute usw. ein Substantiv (!) stehen kann. Aber Syntax ist wohl überhaupt nicht so sein Ding. Das teilt er mit den Reformern, die es sich ja auch einfach machen: "Einmal Substantiv, immer Substantiv." Oder mit Gallmann: Im Zweifelsfall ein Homonym suchen, und dessen Wortart ist es dann!

 

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