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Blüthen der Thorheit

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05.09.2017
 

Peter Schmachthagen
Nicht alles ist falsch, was wie falsch aussieht

Ist die neue Rechtschreibung leichter als die alte? Auch die Reform hat ihre Tücken, aber sie ist systematischer.

Ich will mich nun nicht bis Weihnachten an dem Diktattext festhalten, den ich an dieser Stelle vor 14 Tagen präsentiert habe und der allem Anschein zum Trotz nach amtlichem Regelwerk keinen einzigen Fehler aufwies. Ein Lehrer hätte in einer Klassenarbeit also keine Form und keine Schreibweise anstreichen dürfen, selbst wenn es an manchen Stellen auch noch eine andere (fakultative, der eigenen Wahl überlassene) Möglichkeit gegeben hätte wie so dass statt sodass oder von Seiten statt vonseiten. Doch die meisten Schreibweisen und Flexionen waren obligatorisch (zwingend vorgeschrieben), und viele waren es bereits vor der Rechtschreibreform. Schon damals bekam der Postillion ein "i" nach dem Doppel-l im Gegensatz zu brillant oder Billard, schon damals war das "t" in Zeitläufte kein Tippfehler, und schon damals hieß es wegen Getränken, aber wegen alkoholfreier Getränke.

Ich wollte Sie nicht aufs Glatteis führen, sondern demonstrieren, dass nicht alles falsch ist, was wie falsch aussieht. Das erinnert mich an ein ähnlich hinterhältiges Unternehmen. Zur Einführung der Reformschreibweise in den Medien hatte ich im Juli 1999 im Abendblatt ein Rechtschreibquiz nach alter Norm gebastelt. Es bestand aus 40 einzelnen Ausdrücken und Fügungen, hinter denen zwei Kästchen standen, eins für richtig, eins für falsch. Die Leser sollten also nur jeweils ein Kreuz machen, ob die Schreibweise nach den Regeln des Jahres 1901 richtig oder falsch sei. Das höchste Gebot waren acht Richtige, doch alle 40 Beispiele waren nach damaliger Norm richtig – nur hatte es niemand geglaubt. Der Duden, der seinerzeit die alleinige orthografische Entscheidungsgewalt besaß, hatte sich zwischen den Manierismen des "Spiegels" und den Druckfehlern des "Mannheimer Morgens" derart verlaufen, dass niemand (wirklich niemand!) das Labyrinth des Regelwerks hundertprozentig durchschauen konnte ("in bezug, mit Bezug, den Tip auf den Tippschein schreiben, als toller Tolpatsch herumtollen, am Dienstag abend [an einem bestimmten], am Dienstagabend [an jedem]" etc.).

Eine Rechtschreibreform tat not. Nun könnte man angesichts meines Textes sagen, danach sei es nicht leichter geworden – mag sein, aber systematischer. Die Dudenredaktion hat der 27. Auflage ihres Rechtschreibbandes ein kleines Faltblatt mit dem Titel "Deutsche Rechtschreibung in Kürze" beigelegt, in dem neben "111 Wörtern, die häufig falsch geschrieben werden" alle Regeln kurz angerissen werden. Folgt man ihnen logisch, braucht man den Duden für 26 Euro wirklich nur noch, um die Zeichenfolge von Diphthong oder Portemonnaie nachzuschlagen.

Im Jahre 1901 sorgte das Radfahren für ein Gewimmel auf den Straßen, sodass das Verb "radfahren" zusammengeschrieben werden sollte. Autos gab es kaum, also hieß es "Auto fahren". Das Gleiche betraf "eislaufen", das Verb für eine verbreitete Freizeitbeschäftigung, während "Ski laufen" als das Gerutsche bairischer Bergbauern galt. Heute werden Verbindungen aus Nomen und Verb getrennt geschrieben, wenn das Nomen als eigenständig betrachtet wird: Rad fahren, Auto fahren, Ski laufen.

Leider bekam diese Regel eine Ergänzung: Verbindungen aus Nomen und Verb schreibt man zusammen, wenn das Nomen als verblasst angesehen wird: eislaufen, kopfstehen, teilhaben. Jahrelang plagte mich die Vorstellung, dass bei der Fahrrad-über-alles-Politik des rot-grünen Senats das Verb "radfahren" wieder zusammengeschrieben werden könnte. Zum Glück wird niemand im Rathaus das Fahrrad als "verblasst" ansehen.

Verbindungen aus Verb und Verb schreibt man getrennt, jedenfalls in der Regel: spazieren gehen, laufen lernen, schreiben üben. Die Reform der Reform 2006 hat uns eine fakultative Überflüssigkeit beschert: Verbindungen mit "bleiben" und "lassen" können (können!) zusammengeschrieben werben, wenn die Verbindung im übertragenen Sinne gebraucht wird: stehen lassen (keinen Stuhl anbieten), aber stehenlassen (nicht beachten). Als Ausnahme soll kennenlernen ein Wort sein, muss aber nicht. Verbindungen mit "sein" schreibt man immer getrennt: da sein, dabei sein, hier sein.

deutschstunde@t-online.de


Quelle: Hamburger Abendblatt
Link: https://www.abendblatt.de/meinung/article211821209/Nicht-alles-ist-falsch-was-wie-falsch-aussieht.html

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Kommentare zu »Nicht alles ist falsch, was wie falsch aussieht«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.09.2017 um 06.59 Uhr  
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Der Verein Deutsche Sprache ehrt Abendblatt-Autor Peter M. Schmachthagen mit dem renommierten "Elbschwanenorden". Diese Bezeichnung geht zurück auf eine anno 1658 von Johann Rist in Wedel gegründete Literatenvereinigung. Gewürdigt werden Einrichtungen und Persönlichkeiten, die sich um die deutsche Sprache in besonderer Weise verdient gemacht haben. Die Ehrung findet am morgigen Dienstag, 12. September, um 18.30 Uhr im Vortragssaal des Gästehauses der Universität Hamburg (Rothenbaumchaussee 34) statt. Gäste sind willkommen, der Eintritt ist kostenlos.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.09.2017 um 10.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=208#1964

Schmachthagen HA 12.09.17:

Wissen Sie, was ein Hoodie ist? (...) Als ich meine Tochter fragte, wer oder was das sei, schüttelte sie verständnislos mit dem Kopf und holte gleich drei Exemplare davon aus dem Schrank. Offenbar handelt es sich um einen Kapuzenpullover, den deutsch Kapuzenpullover zu nennen den Verkauf ("Sale") und die Verbreitung ("Marketing") bei der Jugend stark beeinträchtigen würde.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 14.10.2017 um 11.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=208#1965

"Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode" (Hamlet, 2.Akt, 2.Szene)

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.11.2017 um 07.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=208#1969

„Das schwache Verb auseinanderdividieren existiert nur in der Zusammenschreibung.“ (Schmachthagen 1.11.17)

Ja freilich, aber Schmachthagen hätte erwähnen dürfen, daß die von ihm gepriesene Rechtschreibreform jahrelang vorsah, dieselbe Konstruktion dürfe nur getrennt geschrieben werden. Schmachthagen hat ja oft bedauert, daß die Reformer unter dem Druck der Kritiker nicht konsequent bei ihrer ursprünglichen Fassung geblieben sind.

Das Hin und Her selbst ist ein Beweis der Inkompetenz und sollte zu der Überlegung führen, warum man einer solchen Reform folgen zu müssen glaubt. Aber soweit reicht es nicht.

 

Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 03.11.2017 um 18.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=208#1970

In der aktuellen Ausgabe der DJH-Zeitschrift "extratour" lese ich das Wort "Krimskram". Ist das eine Reform-Verhunzung? Ich kenne nur "Krimskrams".

 

Kommentar von R. M., verfaßt am 04.11.2017 um 00.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=208#1971

Hat nichts mit der Reform zu tun, aber wohl mit falschen Vorstellungen von Richtigkeit – weil es ja Kram heißt, darf es nicht Krimskrams heißen.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.11.2017 um 05.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=208#1972

Schmachthagen verbreitet die amtliche Regelung über den Doktorgrad, entgegen feministischen Sonderregeln. Außerdem die dudengemäße Regel über „diesen Jahres“ usw. (21.11.17)

In der Anschrift heißt es übrigens Herrn im Akkusativ und nicht "Herr", obwohl dieser Zusatz auf dem Briefumschlag heutzutage nicht mehr erforderlich ist.

Wie gesagt, es ist weder nachgewiesen noch plausibel, daß es sich hier um den Akkusativ handelt (unter unerhörter Weglassung der Präposition „an“).

Als Substantiv wird das Erstere großgeschrieben: "Ich möchte mit dem Ersteren beginnen."

Danach könnte man meinen, es komme auf den Artikel an; das ist jedoch nicht der Fall. Auch pronominaler Gebrauch ist mit Großschreibung verbunden, wie sogar Gallmann in der Dudengrammatik eingesteht.
Schmachthagen übergeht das, sei es aus Unkenntnis oder weil er nicht gern zugibt, wie unzulänglich die Neuregelung ist.


 

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