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18.11.2016
 

Stefan Stirnemann
Schwierig, hier keine Satire zu schreiben
Zwanzig Jahre Rechtschreibreform

Die zwanzigjährige Reform der Rechtschreibung erzählt eine lange Geschichte des Scheiterns. Einst heissersehnt, ist sie heute wieder heiss ersehnt. Was wollen die Reformer eigentlich?

An Johann Sebastian Bachs Hand zieht die Gemeinde Trogen in die Kulturgeschichte ein; seit zehn Jahren nämlich führt dort eine St. Galler Stiftung in weltweit einzigartiger Form alle Kantaten auf. Den Weg in die Korrekturprogramme aber hat das gastfreundliche Dorf noch nicht gefunden. Da die Konzerte jeweils am Freitagabend stattfinden, schrieb ich in einem Text von einem Trogener Abend.

Flugs blies mir der elektronische Besserwisser in die Zeile, liess die Buchstaben tanzen wie Herbstblätter, und als der rasche Wirbel zur Ruhe kam, stand da ein erogener Abend. Warum? Das Programm erkannte den Namen nicht, wertete das Unbekannte als falsch und griff mit unerbittlicher Hilfsbereitschaft zum nächstähnlichen Wort, das in seinem öden Speicher bereitlag.

Arge Geduldsproben

Die Korrekturprogramme haben heute die sogenannte Rechtschreibreform in den Knochen, und sie weisen nicht nur Appenzeller Namen zurück, sondern auch einfache Wörter und alltägliche Schreibweisen. Beharre ich bei dem, was ich zehnfingrig tippte, so trifft mich die Brandmarke einer roten Unterschlängelung: greulich gibt es nicht, nur gräulich; wohlbekannt ist veraltet, neu ist wohl bekannt; jedesmal wurde ausgemustert, man schreibe jedes Mal; heute morgen früh gilt als rückständig und falsch, fortschrittlich und einwandfrei ist heute Morgen Früh.

Versuche ich aber dem Korrektor zu willfahren, indem ich gestern Abend Spät schreibe, so werde ich zurückgepfiffen zu gestern Abend spät, und nehme ich hin, dass sie tut Recht daran richtig ist, bekomme ich für sie tut Gut daran auf die Finger. Das sind arge Geduldsproben! Die Urheber und Vertreter der Reform denken offenbar, dass eine ganze Sprachgemeinschaft nicht gewillt oder nicht in der Lage ist, Bedeutungen zu unterscheiden und mit Wortarten umzugehen.

Etwas zur Geschichte und zum Wesen der Reform: Vor zwanzig Jahren teilten die deutschsprachigen Staaten in der «Wiener Absichtserklärung» mit, dass sie sich für die Umsetzung der Neuregelung einsetzen wollten. Abgesehen von der Unverbindlichkeit dieser Übereinkunft sind die Staaten in Sprachfragen grundsätzlich nur gegenüber der Schule weisungsberechtigt; insofern ist die Neuregelung eine Schulorthographie, um die sich sonst niemand kümmern müsste.

Wer auf die Schule Rücksicht zu nehmen meint, indem er auch die unsinnigsten Regeln befolgt, nimmt tatsächlich auf die Reformer Rücksicht, welche die Schule zu ihrem Versuchslabor machten. Horst Haider Munske, der an der Ausarbeitung der Neuregelung beteiligt war, nennt aus kritischem Abstand den Grund für das Scheitern des Unternehmens: «Eine systematische Überprüfung, wie sich Reformvorschläge auf den gesamten Wortschatz auswirken, fand nirgends statt – nicht zuletzt wegen fehlender Mittel.

Die Unausgegorenheit und Fehlerhaftigkeit vieler neuer Regeln wurde erst 1996 in den neuen Wörterbüchern sichtbar.» Sichtbar wurde damals, dass diese Reform in die Grundsätze der Wort- und Satzbildung unserer Sprache eingreift. Nun verlangten die Reformer selbst eine Korrektur; die Behörden untersagten sie und setzten erst nach jahrelangem Hin und Her den «Rat für deutsche Rechtschreibung» ein, der vor zehn Jahren eine überarbeitete Fassung des Regelwerks vorlegte. Das Heilmittel: Neben die oft sinnwidrigen Schreibweisen der Reform traten als Variante die herkömmlichen Schreibweisen.

Einst heissersehnt . . .

Das ist keine Lösung, und zudem blieben grobe Verstösse gegen Sprachgebrauch und Grammatik stehen. Das vernichtendste Urteil zur Sache stammt von Johanna Wanka, der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, also der auftraggebenden Behörde: «Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war. Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.»

Die Falschheit sei hier an zwei Beispielen gezeigt: Friedrich Rückert dichtete: «Grau macht die Zeit, die greuliche; / Trau nicht auf die untreuliche! / Sie lacht dir einen Augenblick, / Und grinst dann, die abscheuliche.» Wer greulich durch gräulich ersetzt, nimmt dem Vers seinen klaren Sinn. Von Erich Kästner stammt dieses kleine Wortspiel: «Die Wirtschafterin kämpfte in der Küche wie ein Löwe. Doch sie brachte die heissersehnten und heiss ersehnten Bratkartoffeln trotzdem nicht zustande.» 1996 verordneten die Reformer die Getrenntschreibung heiss ersehnt und nahmen damit Kästner und unserer Sprache ein Mittel des Ausdrucks. Heute führt der Duden heissersehnt als Variante auf, empfiehlt aber die Getrenntschreibung; wir sind also gleich weit wie vor zwanzig Jahren.

Was wollten die Reformer eigentlich? Laut einem Dossier der EDK war das Ziel, «mehr Systematik in die Rechtschreibung zu bringen, um sie so besser lehr-, lern- und handhabbar zu machen». Man dachte also, die herkömmliche Regelung sei für die Schule zu schwierig. Der Germanist Uwe Grund hat vor kurzem eine Studie veröffentlicht, in welcher er nach Auswertung eines grossen Bestandes von Schülerarbeiten zum Schluss kommt, dass die schulischen Rechtschreibleistungen vor der Reform nicht unzureichend waren.
Die Vergangenheit wiederbeleben

Ein Hauptanliegen der Reformer war die Kleinschreibung der Substantive. Weil die politisch Verantwortlichen dieses Anliegen für undurchsetzbar hielten, machten die Reformer rechtsumkehrt und holten aus dem tiefen 19. Jahrhundert eine Reihe der damals verbreiteten Grossschreibungen. Der Orthograph Daniel Sanders führte 1873 folgende Schreibweisen auf: «Das weiss Alt und Jung. Von Klein auf. Binnen, in vor Kurzem. Mit Nichten. Im Allgemeinen. Gieb Jedem das Seine. Alle Beide haben Unrecht. Er weiss Etwas, Nichts. Er hat es Diesem und Jenem im Vertrauen mitgetheilt. Ich weiss Das und Manches.»

Ihm gegenüber stand Konrad Duden, der sich für die moderne Kleinschreibung von Adverbien (nachts, gestern nacht, im allgemeinen) und Pronomen (dieser, der letztere) einsetzte. Gegen ihre Überzeugung gingen die Reformer hinter Duden zurück, wagten aber doch nicht, alle Grossbuchstaben der Vergangenheit wiederzubeleben. Die Rechtschreibung, die heute die neue genannt wird, ist in Kernbereichen die uralte Rechtschreibung des 19. Jahrhunderts.

Die Reform hat ihre Vorgeschichte; immer wieder musste die Sprachgemeinschaft Versuche sektiererischer Veränderer abwehren. Am 25. Juni 1954 berichtete die «Weltwoche» unter dem Titel «Die neue ‹ortografi›» über ein Reformvorhaben, dessen Hauptanliegen die Kleinschreibung der Substantive war. Den Kern des Beitrags bildeten Stellungnahmen unter anderem von Thomas Mann und Hermann Hesse. Friedrich Dürrenmatt schrieb: «Ändert man die Orthographie, ändert man die Sprache. Gegen Sintfluten kann man nicht kämpfen, nur Archen bauen: Nicht mitmachen.» Damals hörte man auf die wahren Fachleute, die Könnerinnen und Könner der Sprache, und was geplant war, wurde nicht verwirklicht. Und in unseren Tagen?

Verantwortung der Medien

Der Dichter Reiner Kunze schildert in der «Aura der Wörter», seiner «Denkschrift zur Rechtschreibreform», wie er sich zunächst darum bemühte, die neuen Regeln zu lernen. Als er sah, was da angerichtet worden war, legte er öffentlich Widerspruch ein und musste erfahren, dass er zu «ein paar ewig Gestrigen» zähle; so wurde ihm von Amtes wegen die Urteilsfähigkeit abgesprochen.

Kunze, der die Bedrohung eines terroristischen Unrechtsstaates überstanden hat, schreibt: «Als wir noch in der DDR lebten, sagte mir der leitende Offizier eines Volkspolizeikreisamtes, was in diesem Staat wie einzuschätzen sei, bestimme einzig und allein die in ihm herrschende Arbeiter- und Bauernmacht, und meine rhetorische Entgegnung, ich hätte bisher geglaubt, Teil dieser Arbeiter- und Bauernmacht zu sein, konterte er mit den Worten: ‹Auch wer Sie sind, bestimmen nicht Sie, sondern wir.› Es gibt Sätze, die im Ohr wachliegen.»

Der römische Satiriker Juvenal fragte einst: «Wer wird auf die Aufpasser aufpassen?» Heute würde er fragen: «Wer korrigiert das Korrekturprogramm?» Bekannter ist sein Satz, dass es schwierig sei, keine Satire zu schreiben. Die zwanzigjährige Reform der Rechtschreibung wirkt in weiten Teilen wie eine Satire. Das Lachen wäre aber auch hier ein billiger Ersatz fürs Handeln. Verlage und Zeitungen tragen Verantwortung für unsere Sprache. Warum geben sie diese Verantwortung an Korrekturprogramme ab, die an der Sprachwirklichkeit vorbeiprogrammiert sind?

Stefan Stirnemann ist Philologe, Publizist und Mitglied der Arbeitsgruppe der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK).


Quelle: www.nzz.ch
Link: http://www.nzz.ch/feuilleton/zeitgeschehen/zwanzig-jahre-rechtschreibreform-was-die-reformer-wollen-ld.129110


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Kommentare zu »Schwierig, hier keine Satire zu schreiben«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.11.2016 um 08.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=753#10654

Ein besonders gelungener Beitrag zum Jubiläum der Rechtschreibreform:

http://www.nzz.ch/feuilleton/zeitgeschehen/zwanzig-jahre-rechtschreibreform-was-die-reformer-wollen-ld.129110



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