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09.07.2017
 

Matthias Heine
„Duden war weise, die Reformer frech“
„Neuregelung hat zu 50 Prozent mehr Rechtschreibfehlern geführt“

Niemand weiß mehr über das Deutsche als der Linguist Peter Eisenberg. Ein Gespräch über geprügelte Anglizismen, das V in Vater, die Schönheit der Muttersprache und die Daseinsberechtigung des Eszetts.

Peter Eisenberg ist der Mann, den Sprachwissenschaftler zitieren, wenn sie anderen Sprachwissenschaftlern beweisen wollen, dass etwas richtig ist. Seit er 1986 seinen "Grundriss der deutschen Grammatik" veröffentlichte, gilt Eisenberg als die größte Koryphäe für Bau und Funktionsweise des Deutschen. Nun hat er ein schmales Buch mit dem Titel "Deutsche Orthografie: Regelwerk und Kommentar" (De Gruyter, 14, 95 Euro) geschrieben, mit dem er versucht, die immer noch offenen Wunden der Rechtschreibreform zu heilen.

LITERARISCHE WELT: Warum muss Orthografie überhaupt sein?

Die geschriebene Form des Deutschen war schon in großen Gebieten des deutschen Sprachgebiets beinahe dieselbe, als die gesprochene Form noch sehr unterschiedlich war. Das Bemerkenswerte daran ist, dass sich diese Gleichheit der geschriebenen Form ohne Normierung eingestellt hat. Sie war nicht überall genau gleich, aber die verschiedenen Ausprägungen waren sich so ähnlich, dass eine Kommunikation ohne Problem möglich war. Das ist die erste und trivialste Aufgabe des geschriebenen Standarddeutschen: dass jeder jeden versteht und jeder sich jedem Gegenüber verständlich machen kann.

LITERARISCHE WELT: Wer legt in Deutschland heute die Regeln fest?

Peter Eisenberg: Die Norm ist aus dem Gebrauch erwachsen, ohne dass der Staat sich darum gekümmert hat. Ganz anders etwa im Französischen. Seit Jahrhunderten wird das geschriebene Französisch von staatlicher Seite her stark beeinflusst und kann sich nicht frei entwickeln wie im Deutschen. Heute liegen das Geschriebene und Gesprochene so weit auseinander, dass Franzosen ohne einen jahrelangen Orthografiedrill in der Grundschule nicht mehr auskommen. Im Deutschen hat es bis 1996 niemanden gegeben, der die Möglichkeit hatte, die Orthografie durchgängig zu regeln.

LITERARISCHE WELT: Nicht mal Konrad Duden?

Eisenberg: Konrad Duden wollte sich im Jahr 1880 mit seinem Wörterbuch gar nicht von Staats wegen einmischen. Duden war ein wirklicher Kenner der deutschen Orthografie und hat das in sein Wörterbuch aufgenommen, was der verbreitetste Gebrauch im deutschen Sprachgebiet war. Er selbst hat das als Orthografietheoretiker gar nicht gut gefunden. Aber er hat gesagt: Die Einheitlichkeit ist das Entscheidende. Das war auch theoretisch weise, wie wir heute wissen.

LITERARISCHE WELT: Warum war man in den Jahrzehnten, die der Rechtschreibreform 1996 vorausgingen, nicht so weise?

Eisenberg: Die Gründe waren nicht sprachlicher Art, sondern politischer Natur. Es sollte eine Vereinbarung zwischen der DDR und der Bundesrepublik auf diesem Gebiet geben. Sie galt als Bestandteil der Politik nach dem Motto ,Wandel durch Annäherung'. Man wollte ein kulturpolitisches Faktum schaffen, das von der DDR und der Bundesrepublik gemeinsam vertreten werden konnte.

LITERARISCHE WELT: Was ist dann schiefgelaufen?

Eisenberg: Das Regelwerk von 1996 hatte linguistisch große Schwächen. Sie können zum Beispiel keine Kommaregelung formulieren, wenn Sie nicht einen Syntaktiker damit beauftragen. Und Sie können keine Laut-Buchstaben-Beziehungen regeln, wenn Sie nicht ausgewiesene Phonologen dabei haben. In den Gremien saßen fast nur sogenannte ,Orthografieexperten'. Die haben das Sprachgefühl ignoriert, das die Sprecher im primären Spracherwerb und dann im sekundären in der Schule entwickeln. Eine normative Regelung darf dieses Sprachgefühl nicht konterkarieren und die Leute zwingen, etwas zu schreiben, was sie nicht empfinden.

LITERARISCHE WELT: Ein Beispiel?

Eisenberg: Im Laufe der letzten hundertfünfzig Jahre ist im allgemeinen immer häufiger kleingeschrieben worden. Für einen Grammatiker ist das Ausdruck der Tatsache, dass die Sprecherinnen und Sprecher das Empfinden hatten, hier stehe kein Substantiv: Und in der Tat können Sie zu im allgemeinem beispielsweise keine Attribute hinzufügen. Deswegen hat sich die Kleinschreibung immer weiter durchgesetzt. Die Verfasser des Regelwerks von 1996 wollten aber die Großschreibung erzwingen. Auch bei der Fremdwortschreibung und bei der Getrennt- und Zusammenschreibung haben sie so weit gegen das Sprachempfinden verstoßen, dass sie Hunderte von Wörtern verboten haben, die den Leuten geläufig waren – so etwas wie fertigmachen oder eisenverarbeitend. Die mussten getrennt geschrieben werden. Und das wollten die Leute nicht.

LITERARISCHE WELT: Es kam ja dann zu einem teilweisen Rückbau.

Eisenberg: Ja. Aufgrund von Initiativen insbesondere von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt wurden schlimme Fehler beseitigt. Aber eben nicht in ausreichendem Umfang. Deshalb hat der Rat für Rechtschreibung im Jahr 2010 beschlossen, eine Reformulierung des amtlichen Regelwerks zu erarbeiten.

LITERARISCHE WELT: Sie waren bis 2013 im als Vertreter der Akademie im Rat für deutsche Rechtschreibung, der die Rechtschreibung weiterentwickeln soll. Warum sind Sie ausgetreten?

Eisenberg: Nachdem ich im Auftrag des Rates den Regelteil zur Substantivgroßschreibung neu formuliert hatte, der verständlicher und halb so lang wie der amtliche war, stand als Nächstes die Neuformulierung der Kommaregeln auf der Tagesordnung. Damit ist der beauftragte Kollege aus dem Rat gescheitert, und man beauftrage erneut die Vertreter der Akademie. Wichtig ist: Man kann die Regeln einfacher formulieren, ohne gleich wieder eine Reform der Reform der Reform anzustoßen. Einige Mitglieder des Rats sind dann in Panik geraten und haben beschlossen, das Konzept der Reformulierung des amtlichen Regelwerks aufzugeben und in einem jahrelangen Prozess erst einmal zu erforschen, wo denn dessen Schwächen liegen. 17 Jahre nach 1996 wollten sie sich zum ersten Mal anschauen, wo die Schwächen des amtlichen Regelwerks liegen! Da hat mich so ein Zorn befallen, dass ich aus dem Rat ausgetreten bin.

LITERARISCHE WELT: Jetzt haben Sie die Regeln der deutschen Orthografie auf eigene Faust neu formuliert.

Eisenberg: Ja. Ich dachte: Du kannst nicht auf sich beruhen lassen, dass die Damen und Herren des Rechtschreibrats sich zweimal im Jahr treffen, über nichts und wieder nichts reden und das Elend mit der Neuregelung immer weitergeht. Man muss sich vor Augen führen, dass führende Vertreter der Neuregelung behauptet haben, es würde 30 Prozent weniger Rechtschreibfehler geben. Aber es gibt die Hälfte mehr. Die Verantwortlichen sollten sich eigentlich bekreuzigen und schämen. Das tun sie aber nicht. Sie sind frech genug, so zu tun, als hätten sie immer nur Gutes bewirkt. Ich weiß gar nicht, wie solche Leute ruhig schlafen. Wenn man einer Sprachgemeinschaft etwas Derartiges angetan hat, sollte man in Sack und Asche gehen und fragen: Wie können wir das gutmachen? Und nicht darauf beharren, nun ewig recht zu behalten.

LITERARISCHE WELT: Sie haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wenigstens die schlimmsten Auswüchse geheilt werden können.

Eisenberg: Nach meinem Austritt aus dem Rat für Rechtschreibung hat die Akademie gesagt: Dann schreib doch die Orthografieregeln mal hin, wie du es siehst! Das habe ich getan. Wir können nicht als Leistung unserer Generation von Sprachwissenschaftlern den Deutschen das amtliche Regelwerk vererben. Dafür müssten wir uns vor der Geschichte unserer Sprache schämen. Wir wollen wenigstens zeigen, dass wir den Versuch gemacht haben, es besser zu machen.

LITERARISCHE WELT: Wie ist die Resonanz auf Ihr Buch?

Eisenberg: Der Zuspruch ist groß und es gibt schon eine Reihe von Unis, die es in der Lehrerbildung verwenden.

LITERARISCHE WELT: Ein konkretes Beispiel aus Ihrem Regelwerk: Warum schreibt man es hallt mit zwei L und andererseits kalt mit einem L, obwohl es sich um genau die gleiche Lautung handelt?

Eisenberg: Alphabetisch geschriebene Sprachen entwickeln sich im Lauf ihrer Geschichte zu größerer Lautferne. Das drückt sich darin aus, dass die Bausteine der Sprache, die Morpheme, möglichst in allen Formen gleich geschrieben werden, unabhängig von ihrer Lautung. Es kommt im Deutschen darauf an, dass man die sogenannte Langform findet, um zu sehen, wie ein Wortstamm nun wirklich geschrieben wird. Die zweisilbige Langform zu hallt ist der Infinitiv hallen. Bei kalt gibt es so etwas nicht wie kallen. Da heißt die Langform kaltes, deshalb behält das Wort immer das T nach L. Die Schreibung K A L T entspricht genau dem Verhältnis zwischen Laut und Buchstabe. Während Sie bei hallen einen Laut drin haben, der nicht so eindeutig zu einer Silbe gehört. Wir haben zwei Silben, die eine heißt hal- die andere -len. Dass beide Silben dieses L haben, drückt sich in der Verdoppelung aus. Wenn das doppelte L einmal im Stamm drin ist, dann bleibt es überall drin.

LITERARISCHE WELT: Die meisten Leser werden den Begriff "Wortstamm" in der Schule kennengelernt haben. Viele haben dann aber wieder alles vergessen. Was ist der Wortstamm?

Eisenberg: Ein Wortstamm ist eine Einheit, die Wörter bilden kann. Sie muss nicht identisch mit einem Wort sein. Beim Verb hallen ist der Wortstamm hall-. Mit einer angehängten Flexionsendung wird daraus ein Wort: hall- plus die Endung -en ist der Infinitiv. Jedes Wort enthält mindestens einen solchen Stamm, der die volle Wortbedeutung hat. Beim Substantiv ist es noch einfacher: Da ist der Stamm normalerweise die Grundform. Der Stamm Kind ist die Grundform, im Genitiv Kindes oder im Plural Kinder steckt immer der Stamm mit seiner ganzen Bedeutung.

LITERARISCHE WELT: Große Teile der Probleme mit der Groß- und Kleinschreibung rühren daher, dass Deutsch als einzige Sprache die Substantivgroßschreibung hat. Warum ist das so?

Eisenberg: Um den Kern einer Nominalgruppe besonders zu kennzeichnen. Wenn Sie so etwas haben wie "Der große grüne Stuhl dort drüben", dann haben Sie vor dem Substantiv Adjektive, danach haben Sie auch irgendetwas, aber der substantivische Kern wird sofort sichtbar. Es gibt schon lange die These, dass die Komplexität der deutschen Nominalgruppe nur deshalb so groß werden konnte, weil der Kern durch Großschreibung hervorgehoben wird. Das ist ein bisschen Spekulation. Aber man hat zum Beispiel festgestellt, dass Muttersprachler des Niederländischen schneller lesen, wenn man in niederländischen Texten auch die Substantive großschreibt.

LITERARISCHE WELT: Der Schreiber muss also die Großschreibregeln lernen, weil Substantivgroßschreibung dem Leser hilft?

Eisenberg: Ja. Unsere Orthografie ist insgesamt eine Leseorthografie. Das Stammprinzip erleichtert auch das Lesen – nicht das Schreiben. Die Lautferne, über die wir gesprochen haben, dient dem Lesen.

LITERARISCHE WELT: Anglizismen wie strike oder cakes sind um 1900 eingedeutscht worden als Streik und Keks. Warum findet diese Art Integration von englischen Wörtern in das Deutsche heute nicht mehr statt?

Eisenberg: Sie findet sehr wohl statt. Und es stimmt auch nicht, dass Streik vollkommen eingedeutscht ist. Das Wort Streik hat genauso wie Park seinen besonderen Plural behalten. Es heißt nicht die Streike, sondern die Streiks. Das Wort ist nicht völlig eingedeutscht. Wir haben gerade im Computerbereich sehr viele Verdeutschungen: Maus oder Bildschirm – wir sagen nicht screen. Oder Toner – das sprechen wir nicht englisch aus. Der Plural von Computer ist im Englischen computers, im Deutschen heißt er die Computer. Das Wort hat ein grammatisches Geschlecht bekommen, das es im Englischen gar nicht gibt. Der Genitiv heißt des Computers. Sie sehen daran: Das Deutsche ist eine Sprache, die Anglizismen sehr schnell und sehr stark anpasst. Auch bei den Verben: Recyceln kam hier an mit dem englischen Infinitiv to recycle und das englische Partizip heißt recycled mit ed am Ende. Als das Wort dann im Deutschen benutzt wurde, ging es ganz schnell, dass der Infinitiv zu recyceln wurde und das Partizip recycelt mit T. Das können Sie dann als Adjektiv flektieren: das recycelte Papier. Die Deutschen nehmen die Anglizismen, hauen ihnen sozusagen die deutsche Grammatik um die Ohren, dann sind sie drin bei uns.

LITERARISCHE WELT: Warum gibt es das ß?

Eisenberg: Viele Sprachen schreiben das stimmhafte S mit Z, beispielsweise das Englische: zone, zombie. Das Deutsche hat das Z anders belegt, nämlich mit dem Laut ts wie in Zahn, schwarz. Und da war nur noch ein S übrig. Das hat nicht ausgereicht. Deswegen hat das Deutsche das ß erfunden, damit sie den Unterschied zwischen Muse und Muße schön sichtbar machen können.

LITERARISCHE WELT: Warum schreiben wir Vater mit V, obwohl im Englischen und in anderen germanischen Sprachen ein F am Anfang der verwandten Wörter steht?

Eisenberg: Das Problem, dass wir mal F und mal V schreiben, beruht auf dem lateinischen Alphabet. Im klassischen Latein fallen U und V zu einem Buchstaben zusammen. Im Deutschen ist der Latinismus pater durch die Lautverschiebung zu vater geworden. Dann hat man sozusagen die lateinische Schreibung des Lautes übertragen. Es gibt im Kernwortschatz neun Wörter, bei denen der F-Laut mit V geschrieben wird, etwa noch Vogel, voll, von, vor und insbesondere das Präfix ver-, mit der dann wieder Hunderte von Verben gebildet werden. Warum das so ist, darüber ist viel spekuliert worden. Eine eindeutige theoretische Erklärung gibt es nicht.

LITERARISCHE WELT: Sie schreiben in Ihrem Buch, die Rechtschreibreform sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Warum?

Eisenberg: Die "Studiengruppe Geschriebene Sprache", der ich jahrelang angehörte, hat der Reformkommission Anfang der Neunzigerjahre vorausgesagt, dass ihre Reform scheitern wird. ,Einfachheit' war ein Schlüsselbegriff in dieser Diskussion. Wir haben gesagt: 'Einfach' bedeutet, dass die Sprecher ihrem Sprachgefühl folgen können. Auf der Gegenseite wurde besonders von den Schweizern und von DDR-Seite ein Einfachheitsbegriff vertreten, der besagte: ,Einfach' ist, wenn man die Regel einfach hinschreiben kann. Dann haben wir gesagt: Wenn ihr eure Regeln so versteht, dass der Lehrer sie einfach aufsagen kann, ihr aber damit an der Sprache vorbeiregelt, dann wird es für die Schreiber kompliziert.

LITERARISCHE WELT: Warum war es so schwierig, zu bestimmen, was ,einfach' ist?

Eisenberg: Sie hatten einen falschen Begriff von dem, was in der Struktur der geschriebenen Sprache an Sprachwissen aufgehoben ist. Für uns war das richtig viel. Für die andere Seite war das wenig. Deswegen haben sie sich überhaupt getraut, in die Sprache einzugreifen und so viel zu verändern und Wörter wie eisenverarbeitend zu verbieten! Dazu muss man schon ganz schön selbstbewusst sein. Wir haben immer gesagt: Die Sprache ist, wie sie ist, und wir wollen sie verstehen. Schon der große Grammatiker Johann Christoph Adelung hat am Ende des 18. Jahrhunderts einmal sinngemäß geschrieben: Ich weiß nicht, warum wir das th mit h schreiben. Und solange ich es nicht verstanden habe, vergreife ich mich auch nicht daran. Das ist weise.

LITERARISCHE WELT: Konrad Duden war auch noch so weise.

Eisenberg: Ja. Erst wenn du dir ganz sicher bist, dass du wirklich verstanden hast, warum etwas so ist, kannst du anfangen darüber nachzudenken, es zu verändern. Aber in der Regel bist du dann so beeindruckt, dass du es schon gar nicht mehr willst.


Quelle: Die Welt
Link: http://hd.welt.de/eilmeldung_welthd/eilmeldung/article166387403/Duden-war-weise-die-Reformer-frech.html


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Kommentare zu »„Duden war weise, die Reformer frech“«
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Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 25.07.2017 um 11.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=758#10893

Wenn man diesen Abschnitt liest,

Du kannst nicht auf sich beruhen lassen, dass die Damen und Herren des Rechtschreibrats sich zweimal im Jahr treffen, über nichts und wieder nichts reden und das Elend mit der Neuregelung immer weitergeht. Man muss sich vor Augen führen, dass führende Vertreter der Neuregelung behauptet haben, es würde 30 Prozent weniger Rechtschreibfehler geben. Aber es gibt die Hälfte mehr. Die Verantwortlichen sollten sich eigentlich bekreuzigen und schämen. Das tun sie aber nicht. Sie sind frech genug, so zu tun, als hätten sie immer nur Gutes bewirkt. Ich weiß gar nicht, wie solche Leute ruhig schlafen. Wenn man einer Sprachgemeinschaft etwas Derartiges angetan hat, sollte man in Sack und Asche gehen und fragen: Wie können wir das gutmachen? Und nicht darauf beharren, nun ewig recht zu behalten,

dann meint man, stark, hier ist aber ein ganz scharfer und erbitterter Gegner der Reform am Werk. Aber wenn man dann bedenkt, wie Eisenberg seinen Einfluß wirklich nutzt - er schreibt selbst nach diesen Regeln und verbiegt seine Grammatik sogar ("heute Abend" usw.), um die Reform zu stützen, dann ist das nur enttäuschend. Etwa wie Seehofer, der (auf seinem Gebiet) auch immer nur als Bettvorleger landet.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.07.2017 um 09.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=758#10892

Die Nachlässigkeit des Ganzen ist nicht überraschend, schon die erste Auflage seiner Grammatik strotzte von Fehlern, war offenbar ohne Korrekturlesen gleich in den Druck gegangen.
Von "Ansichten" und "kognitiver Dissonanz" würde ich nicht sprechen, so tief geht das nicht. Eisenberg hat seine Ansicht über die Reform nie geändert, ebenso wenig allerdings sein Geschäftsmodell. Das sind eben ganz verschiedene Dinge, und einen Widerspruch sieht er selbst wohl nicht.
Ich habe schon genug Stoff für eine Rezension, aber andererseits will ich keine unötige Aufmerksamkeit auf diesen Ladenhüter lenken. (Daß es gelegentlich in Proseminaren besprochen wird, will ich gern glauben, aber ansonsten ist es so unverkäuflich wie sein Vorgänger. Warum sollte es jemand kaufen, der sich die Reformregeln aneignen will? Er wäre mit diesem Zwitter bestimmt nicht zufrieden.)


Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 25.07.2017 um 09.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=758#10891

Ich habe nur die vor Elementarfehlern (falsche Buchstaben, fehlende Wörter) strotzende Einleitung Eisenbergs bei "Google Books" gelesen, und diese macht auf den Inhalt nicht gerade neugierig.


Eisenberg scheint zu der Ansicht gelangt zu sein, man müsse die Neuregelung – entgegen seiner ureigentlichen Überzeugung – nur besser formulieren.


Er geht also nur die handwerklichen Probleme an, nicht die grundsätzlichen.


Insgesamt ein geradezu klassisches Beispiel für kognitive Dissonanz.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.07.2017 um 11.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=758#10890

Noch ein Zitat, aus Wikipedia ("Erste Lautverschiebung"): Kein lateinisches Lehnwort in einer der germanischen Sprachen hat die Lautverschiebung mitvollzogen. Daher muß diese vor der Ausbreitung des Lateinischen in Mitteleuropa ab dem 1. Jahrh. n. Chr. abgeschlossen gewesen sein.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.07.2017 um 08.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=758#10889

Warum zitieren Sie das?


Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.07.2017 um 22.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=758#10888

Laut "Gotischem Elementarbuch" (Binnig) wurde in der "1. oder Germanischen Lautverschiebung" indogermanisch "p" zu gotisch "f".


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.07.2017 um 18.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=758#10887

Wie in seinem Buch schreibt Eisenberg sich selbst das Verdienst zu, die Reform von ihren Hauptfehlern befreit zu haben, denn die Akademie als solche hat ja nichts beigetragen, das war er selbst. Gar nicht uneitel. Außerdem vermarktet er die verhaßte Reform seit über 20 Jahren nicht ohne Erfolg.

Der Text als Interview ist schwer zu kritisieren. Aber sollte Eisenberg wirklich meinen,Vater sei durch Lautverschiebung aus dem lateinischen pater entstanden? (Was soll denn ein "Latinismus" sein?)



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