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27.08.2015
 

Zu Zehetmair: „Die Fehler der Politik bei der Rechtschreibreform sind ausgebügelt“
Ein Gastkommentar von Friedrich Denk

Hans Zehetmair, als bayerischer Kultusminister von 1996 bis 1998 einer der Hauptverantwortlichen für die Rechtschreibreform, gab vor kurzem ein vielbeachtetes Interview mit folgendem Fazit: „Ich empfinde große Genugtuung darüber, dass um das Thema Rechtschreibung inzwischen Ruhe eingekehrt ist. Im Großen und Ganzen konnten wir das Reformierte reformieren und die Fehler der Politik wieder ausbügeln.“ Das ist dreimal unrichtig.

Erstens können Fehler der Politiker nicht ausgebügelt werden wie eine knittrige Hose. Sie müssen ausgebadet werden, und zwar von den Bürgern. Hier waren und sind es alle, die deutsch sprechen, lesen und schreiben, Inländer wie Ausländer, dazu die Steuerzahler, die letztlich für die Milliardenverluste durch diese sogenannte Reform büßen müssen.

Zweitens darf sich niemand etwas auf die „Reform der Reform“ einbilden. Weder das eine noch das andere verdiente den Ehrennamen Reform, der ähnlich wie das Wort „neu“ gern mißbraucht wird. Was am 1. Juli 1996 in der „Wiener Absichtserklärung“ als „Neuregelung der deutschen Rechtschreibung“ dekretiert wurde, strotzte von Fehlern, von denen einige ganz und andere halb zurückgenommen wurden. Zum Beispiel sollten wir laut Neuregelung „es tut mir sehr Leid, doch er hat ganz Recht“ schreiben, obwohl „sehr“ und „ganz“ nur vor Adjektiven oder Adverbien stehen können. Die erste Schreibung wurde inzwischen – ohne Entschuldigung – zurückgenommen, die zweite ist noch möglich und wird leider noch angewendet, auch in dieser Zeitung, deren sprachliches Niveau ansonsten sehr hoch ist.

Drittens ist Herr Zehetmair hochzufrieden, daß um die Rechtschreibung „Ruhe eingekehrt“ sei. Die kompetenten Leserbriefe, die in den letzten Wochen in dieser Zeitung abgedruckt waren, und der zu Recht scharfe Kommentar von Georg Anastasiadis zeigen das Gegenteil.

Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht beim Lesen von Büchern und Zeitungen, aber auch beim Schreiben immer wieder daran erinnert wird, was die Kultusminister sich von einer „Hand voll so genannter“ Experten haben aufschwatzen lassen und, unterstützt von einigen Juristen, seit 1996 durchgeboxt und den Schülerinnen und Schülern, den Schulbuch- und Kinderbuchverlegern, der Beamtenschaft, den Sekretärinnen, den Journalisten, allen Leserinnen und Lesern und vor allem der deutschen Sprache aufgezwungen haben.

Aber vielleicht könnte man doch noch etwas ausbügeln? Da die Rechtschreibreform in jedem Fall weiter „reformiert“ werden muß (ein Blick in den letzten Duden zeigt, daß sie noch immer x Varianten anbietet, oft mit Empfehlung der klassischen Schreibung), ist es klüger, gleich zur „alten“ Schreibung zurückzukehren bzw. bei ihr zu bleiben, die in Wirklichkeit moderner ist als die „neue“. Und vielleicht könnten sich auch einige Schüler dazu entschließen, so zu schreiben, wie sie es in Schullektüren von Franz Kafka, Thomas Mann, Bert Brecht, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Siegfried Lenz, Günter Grass, Bernhard Schlink, Christoph Ransmayr, Patrick Süskind und anderen lesen? Würden die Lehrer denn als Fehler anstreichen, was in den meisten Büchern richtig ist?

P.S. Noch eine Frage: Warum wohl haben die Rechtschreibreformer nur bei 14 Wörtern ein „ä“ vorgeschrieben, u.a. bei behende, Gemse, Schlegel und schneuzen, nicht aber bei Eltern? Vielleicht weil sie schlau waren und die „Ältern“ von mehr als 10 Millionen Schülern nicht provozieren wollten.


Quelle: Oberbayerisches Volksblatt
Link: http://www.ovb-online.de/politik/gastkommentar-die-fehler-politik-rechtschreibreform-sind-ausgebuegelt-dieser-stelle-bitten-wechsel-5396979.html


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Kommentare zu »Zu Zehetmair: „Die Fehler der Politik bei der Rechtschreibreform sind ausgebügelt“«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.09.2015 um 14.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10277

Neu scheint das Interview mit Zehetmair zu sein. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, es schon gelesen zu haben. Das kann allerdings auch an seiner Inhaltsarmut liegen. Die österreichische Interviewerin (vom Manz-Verlag) vermeidet kritische Fragen.
Zehetmair ist offensichtlich mit dem jetzigen Zustand der amtlichen Orthographie zufrieden - soviel kann man dem Text immerhin entnehmen.


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 29.09.2015 um 09.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10276

Die Webseiten des Rats sind wieder da, sowohl unter http://rechtschreibrat.ids-mannheim.de/ als auch unter http://www.rechtschreibrat.com/ ist (auf den ersten Blick) alles unverändert wiederhergestellt.


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 23.09.2015 um 11.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10275

Kein Grund zur Aufregung: Frau Dr. Güthert hat mir auf Nachfrage mitgeteilt, daß es sich um eine vorübergehende Fehlfunktion handele, die darauf zurückzuführen sei, daß letzte Woche die Seiten des Rats auf einen neuen Server gelegt wurden; sie bittet daher um ein wenig Geduld.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.09.2015 um 15.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10273

Sollte man nicht eine knackige Kurzfassung dieser Beobachtungen an den SPIEGEL schicken, in der Hoffnung, daß er was daraus macht?


Kommentar von B.Troffen, verfaßt am 22.09.2015 um 15.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10272

1. Der Rat hat auf der Webseite von Anfang an gelogen, denn da hieß es, seine Hauptaufgabe sei die Bewahrung der Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung.
2. Auf der neuen Lokation der Startseite steht das nicht mehr, aber die Seite ist unter Grammatik einsortiert. Zu suggerieren, damit habe er was zu tun, ist auch nicht die Wahrheit. Immerhin wird da eine neue Publikation avisiert: Rechtschreibwortschatz für Erwachsene ("... zum selbständigen [!] praktischen Üben").
3. Unter der Startseite "Abteilung Grammatik" steht aber "Der Abteilung zugeordnet ist die Geschäftsstelle des Rats für deutsche Rechtschreibung". Doch mit diesem Satz verlinkt ist die Adresse www.rechtschreibrat.com (!)
Noch eine Falschbehauptung, denn das ist dann die Startseite vom "Archiv für gesprochenes Deutsch".

Man findet keine Worte mehr.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 20.09.2015 um 21.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10271

Roma locuta, causa finita.


Kommentar von R. M., verfaßt am 19.09.2015 um 20.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10270

Das ist bemerkenswert, aber andererseits hat der Rechtschreibrat ja nicht die Aufgabe, eine Webpräsenz zu pflegen.
www1.ids-mannheim.de/?3870


Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 19.09.2015 um 14.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10269

Die Website des Rechtschreibrates wurde vor einer guten Woche anscheinend dauerhaft aus dem Internet entfernt.
Sämtliche Verlinkungen führen nur noch zum »Archiv für Gesprochenes Deutsch (AGD)« des IDS.

Damit ist die Diskussion über die Reform, wie es Herr Zehetmair Ende Juli im Deutschlandfunk ausdrückte, wohl »endgültig abgeschlossen«.


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 15.09.2015 um 15.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10268

Leute, die mit „Sprache entwickelt sich“ argumentieren, zeigen damit klar, daß sie keine Ahnung von den tatsächlich umgesetzten Reformen haben!

Sie tun so, als wäre das, was reformiert wurde, ohnehin stattfindenden sprachlichen Veränderungen geschuldet gewesen (descriptiv). Jeder, der sich mit den umgesetzten Reformen beschäftigt, kann leicht erkennen, daß das vollkommener Unsinn ist. Aber dazu wäre halt Beschäftigung mit der Materie notwendig und nicht nur ein Nachplappern, was andere wirklich oder vermutlich gesagt haben.

Auch die von Ausgabe zu Ausgabe anwachsende Lexemanzahl in Wörterbüchern hat mit Rechtschreibung nichts zu tun, wird aber gern als Beweis für obige Veränderungsbehauptung gebraucht.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 14.09.2015 um 15.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10267

"Sprache entwickelt sich." mit Betonung auf "sich". Kann es dann überhaupt "Fehlentwicklungen" geben und wer darf das beurteilen? Die Reformer sprachen immer von der "Fehlentwicklung der vermehrten Zusammenschreibungen", ohne zu bewehrten, ob diese sinnvoll und notwendig sind. Nach deren Logik war folglich auch die zunehmende Präzisierung der Sprache eine Fehlentwicklung. Ich verdanke die Präzisierung der Sprache einem Mathe- und Physiklehrer.


Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 14.09.2015 um 12.30 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10266

Liebe Reformgegner: Sprache entwickelt sich.

Von allen Sprüchen, die ich in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten der Auseinandersetzung um die Rechtschreibung gehört und gelesen habe, ist dieser vielleicht der dümmlichste - selbst inhaltsleere Aussagen wie "ist nicht mehr zeitgemäß" reichen an diesen Unfug nicht heran.

Dabei stimmt die Feststellung zunächst durchaus: Sprache entwickelt sich. Menschliche Individuen übrigens auch und der Homo sapiens als Art auch, ebenso alle Tiere und Pflanzen - seit Darwin weiß dies jeder (sofern er nicht gerade Kreationist ist). Doch gerade, weil sich die Sprache offenbar "von selbst" entwickelt, muß und darf sie nicht von "oben" bzw. "außen" entwickelt werden. Eine "sachliche" Diskussion einzelner präskriptiver Regeln ist daher eigentlich überflüssig.

Um es auf den Punkt zu bringen: Wer eine Sprachreform mit einer sich entwickelnden Sprache rechtfertigt, der müßte auch ästhetisch/modisch oder agrarpolitisch motivierte Qualzüchtungen an Hunden, Katzen, Ziervögeln und Hühnern, Rindern, Schweinen etc. mit der Evolution rechtfertigen: Lebewesen entwickeln sich ...


Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 31.08.2015 um 23.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10259

Nicht zu vergessen Wert sein und am Besten. So etwas schreiben heutzutage Leute, die sich früher dafür geschämt hätten.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.08.2015 um 06.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10257

Man kann vielleicht nicht streng beweisen, daß die vielen Fehler bei der s-Schreibung auf die Reform zurückzuführen sind, aber es ist doch sehr wahrscheinlich. Zum Beispiel die lange Liste von Fehlern in der FAZ, wo seither auch keine Besserung in Sicht ist, wäre vor der Reform nicht möglich gewesen.
Außerdem ist die Fehlschreibung von schuld sein ungemein häufig geworden:

Todenhöfer wiederholte sein Mantra, dass die USA an allem Schuld seien. (spiegel.de 26.8.15)

Das entspricht zwar nicht den Einzelfestlegungen der Reform, wohl aber der von den Reformern (Gallmann) festgelegten Überregel: Wenn die Wortart nicht klar ist, soll man sich an ein Homonym halten; das ist hier die Schuld, wie anders wo der Abend.

Erst verwirrt man die Leute, dann zeigt man ihnen einen absurden Ausweg.


Kommentar von Pt, verfaßt am 30.08.2015 um 14.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10255

Ich wusste nicht genau, wo ich bei dieser Website anfangen soll, ...

Weitere relevante Seiten:

www.vrs-ev.de
www.rechtschreibreform-neindanke.de
www.gutes-deutsch.de

www.janhenrikholst.de/indey31.htm

Für Ihre Zwecke ist www.schriftdeutsch.de besonders zu empfehlen.

... denn mir ging es ja vor allem um die Art, wie Reformgegner ihrem Unmut Ausdruck verleihen. Würden sie es nur alle so wohlbegründet und nachvollziehbar tun!

Ich habe eher die Erfahrung gemacht, daß es die Reformbefürworter waren/sind, die wohlbegründete Argumentationen gegen die Reform völlig ignorierten und mit unsachgemäßen und manipulativen Aussagen jegliche vernünftige Diskussion zum Thema verhinderten.

Ich werde mir den Artikel jetzt erst mal in Ruhe zu Gemüte führen und überlegen, was davon ich in meine (eher reformierte) Schreibung zurückintegriere. Ich denke nämlich immer noch, dass Rechtschreibung von den Schreibern gemacht wird.

Rechtschreibung entsteht durch einen historischen Prozeß. Irgendwann hat sich ein gewisser Standard herauskristallisiert, der dann codifiziert werden kann. Dabei spielen Schreiber zwar eine Rolle, wesentlich sind jedoch die Leser. Wenn die benutzte Schreibung es dem Leser schwer macht, den Text zu verstehen, dann werden diese Bücher nicht gekauft, wenn es alternativ verständlichere Bücher gibt.

Wenn "Reformer" es für nötig halten, die Menschen, denen sie angeblich das Leben erleichtern wollen, mit ihren Änderungen zu überrumpeln, und sich gegen jegliche Kritik sperren, dann ist doch klar, daß mit dieser Reform etwas nicht stimmen kann.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 30.08.2015 um 11.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10254

Die Rechtschreibung kann von den Schreibern gemacht werden, wenn ihre mehrdeutigen Texte für den Deutschunterricht geschrieben werden und die Schüler sich an der Auslegung abarbeiten sollen. Im richtigen Leben werden eindeutige Texte gebraucht, und das geht am besten mit den bedeutungsunterscheidenden Getrennt- und Zusammenschreibungen der bewährten Rechtschreibung, die sich ja zu diesem Zweck so entwickelt hatten. Bedeutungsunterschiede als Varianten zu bezeichnen ist Orwellscher Neusprech, wie er in der Politik üblich ist, um das Volk zu täuschen.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.08.2015 um 04.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10253

Ach was, anstrengend ist es nicht, nur zeitraubend, aber das machen wir trotzdem immer wieder gern, nur nicht unbedingt schriftlich, weil eben alles schon so oft gesagt ist (ich verweise in aller Bescheidenheit auf meine fünf Bücher zum Thema, einschl. Wörterbuch). Daher werden Sie verstehen, daß wir etwas ungeduldig werden, wenn wir zum tausendstenmal dieselbe Kritik "der" Kritiker lesen müssen. Es gibt ein verbreitetes Klischee von "den" Kritikern, das die Reformer und ihre Gefolgschaft unermüdlich verbreitet haben und mit dessen Widerlegung wir einfach nicht noch mehr Zeit vergeuden wollen.

Hier auf der Website scheint zwar ein wildes Kuddelmussel zu herrschen, aber eigentlich sind die Themenstränge doch verhältnismäßig überschaubar geordnet. Gehen Sie einfach an den Stichwörtern und Überschriften entlang, z. B. GKS usw., da haben meine Freunde und ich sehr viel zusammengetragen, womit sich der Sprachinteressierte lange beschäftigen kann. Dazu einige längere Aufsätze, Gutachten und Ratsprotokolle.


Kommentar von Oliver Verena Bürger, verfaßt am 29.08.2015 um 19.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10252

Ich wusste nicht genau, wo ich bei dieser Website anfangen soll, denke aber mit http://web.archive.org/web/20121207154353/http://rechtschreibung.com/Seiten2/Wissenschaft/970IcklerWBRegel.html#ZKU020 einen guten Einstieg gefunden zu haben.

Nach dem ersten Überfliegen gefällt mir sehr gut daran, dass Rechtschreibregeln nicht als Verbote aufgestellt werden sondern als Richtlinie, um die schriftliche Kommunikation untereinander zu erleichtern.

Einige wenige Dinge erscheinen mir noch ungereimt, aber auf die möchte ich hier nicht eingehen, denn mir ging es ja vor allem um die Art, wie Reformgegner ihrem Unmut Ausdruck verleihen. Würden sie es nur alle so wohlbegründet und nachvollziehbar tun!

Ich werde mir den Artikel jetzt erst mal in Ruhe zu Gemüte führen und überlegen, was davon ich in meine (eher reformierte) Schreibung zurückintegriere. Ich denke nämlich immer noch, dass Rechtschreibung von den Schreibern gemacht wird. Zum Beispiel verwende ich im Versalsatz wenn möglich das Versal-Eszett (also STRAẞE) anstatt das ß wie vorgeschrieben in SS aufzulösen. Mal sehen, ob ich es auch in meinen Nachnamen bekomme, wenn ich das nächste Mal einen Personalausweis beantragen muss.

Das mit der Amtlichkeit der Rechtschreibung bzw. dem „behördlichen Verbot“ anderer Schreibungen habe ich noch nicht verstanden. Offensichtlich hat sich nach der Rechtschreibreform auch gesetzlich etwas geändert. Ich werde sicher etwas dazu finden.

In der Zwischenzeit hoffe ich, dass Polemik wieder mehr zu Argumenten wird, schlüssige Argumente dann aber auch weniger als Meinung abgetan werden. Ihnen, Herr Ickler, wünsche ich alles erdenklich Gute, damit Sie mit Ihren Vorschlägen Gehör finden. Vielleicht gelingt es, die „haarsträubenden Brechstangenregeln“ (wie Herr Strasser schreibt) aus den Fachkreisen hinauszutragen und einer neugierigen Öffentlichkeit zu vermitteln. Wie man beispielhaft an meiner Unkenntnis sieht, tut das not.

Danke, dass Sie sich auf eine (sicherlich anstrengende, weil immer wiederkehrende) Diskussion mit mir eingelassen haben. Offenheit bewirkt (zumindest bei mir) viel mehr als unterhaltsamer Spott, den ich im oben stehenden Originalartikel eher als Arroganz wahrgenommen habe.


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 29.08.2015 um 18.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10250

Wenn Zehetmair behauptet: „Die Fehler der Politik bei der Rechtschreibreform sind ausgebügelt“, fällt das für mich unter Selbstbeweihräucherung!

Zehetmair stellt sich damit selbst einen Persilschein aus, etwas, das sein Ego offenbar fordert.

Allerdings, über Nebenwirkungen von Persilscheinen ist bisher noch wenig bekannt …


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 29.08.2015 um 18.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10249

Ein Aspekt der Rechtschreibdiskussion war leider (und ist noch immer), daß Medien mangels Know How und Expertise immer nur banale Beispiele brachten, also Stängel statt Stengel.

Der ganze Wust an zunächst neu eingeführten ungrammatischen Schreibungen und haarsträubenden Brechstangenregeln bei GZS und GKS war nur Thema in kleinen Fachkreisen, wurde öffentlich aber nie diskutiert und blieb daher weitgehend unbemerkt. Daher hat außer der s-Schreibung (und nicht einmal da) bis heute kaum wer Ahnung, was den Reformen tatsächlich entspricht, und Fehler aufgrund von verbreitet gesehener (falscher) Übergeneralisierung verbreiten sich rasend (Schuld sein).

Fazit: überall sonst wird in solchen Fällen mit begrenzten Feldversuchen Erfahrung gesammelt, wie und ob etwas funktioniert. Sowas gab’s bei der Rechtschreibung leider nicht, da wurde einem 100 Millionen-Volk ungefragt in einem mehrphasigen Reformprozeß, der in sich widersprüchlich von 1996 bis 2006 dauerte, einfach amtlich vorgeschrieben, was Sache sein soll! Daher haben wir heute den Zustand, den wir haben, eine sprachraumweite Verunsicherung, wie man schreibt.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 29.08.2015 um 18.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10248

Die von den Reformgegnern vorgetragenen Argumente und Argumentationen wurden von den Reformern als Meinungen abgetan. Ich erinnere daran, daß "Argument" das eingedeutschte lateinische "argumentum" ist und "Beweismittel" bedeutet. Entsprechend ist "Argumentation" das eingedeutschte lateinische "argumentatio" und bedeutet "Beweisführung". Ich vermute, daß die Reformer im gymnasialen Mathematikunterricht geschlafen haben oder stolz darauf sind, von Mathematik nichts zu verstehen. Dort werden nämlich Beweise geübt.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.08.2015 um 11.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10247

Keine Bange! Tippfehler unterlaufen jedem ständig, das haben wir noch nie gegen jemanden verwendet.

Ihre sonstigen Ausführungen zeigen, daß Sie noch neu im Geschäft sind. Das macht nichts, im Gegenteil, aber wenn Sie "konkrete Beispiele" so schätzen, könnten Sie zum Beispiel in meinem "Kritischen Kommentar", vor allem aber in den unendlichen Tiefen dieser Website jede Menge davon finden. Ich glaube, wir haben inzwischen jeden Satz der Neuregelung hinreichend kommentiert und mit Beispielen für und wider versehen.

Natürlich können Sie aus heute Abend auf neulich Abend schließen, aber solche Extrapolationen werden durch den Grundfehler geschlossener Listen ausgeschlossen bzw. zu einem Privatvergnügen ohne den Segen der Reformer. Ärgerlicherweise ist der Einwand schon fast 20 Jahre alt und bisher ohne Reaktion geblieben.

Durch die Amtlichkeit ist die Rechtschreibung leider der natürlichen Entwicklung (durch die Praxis der Schreibenden) entzogen. Nur um den Preis des Verstoßes, in der Schule also eines Opfers, wäre die Richtigstellung verfehlter Vorschriften zu erreichen.

Wären Sie schon länger mit der Diskussion vertraut, wüßten Sie auch, daß die wenigsten Kritiker einfach die Rückkehr zum alten Duden und seinem Privileg fordern. Aber das kann ich hier nicht alles von neuem aufrollen. Sie finden es beim Stöbern auf diesen Seiten von selbst.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 29.08.2015 um 09.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10246

Zu OVB:. Ich bin nämlich zuversichtlich, dass in 50 oder 80 Jahren von dieser Reform nur übrig bleibt, was für Deutschsprecher auch nützlich ist.

Also nichts.


Kommentar von Oliver Verena Bürger, verfaßt am 29.08.2015 um 08.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10245

neuliche Abend sollte natürlich neulich Abend heißen. Nicht, dass sich wieder jemand einen (menschlichen) Rechtschreibfehler herauspickt und meint, das würde als Gegenargument ausreichen (looking at you, R. M.)


Kommentar von Oliver Verena Bürger, verfaßt am 29.08.2015 um 08.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10244

„Sachlichkeit genügt nicht, man muß auch gewisse Kenntnisse haben.“ – ein sehr treffender Satz. Nur finde ich, dass ein spöttischer Artikel wie derjenige in der OVB gar nicht den Eindruck erweckt, dass besondere Kenntnisse dahinterstecken.

Solche Gegenbeispiele wie dess, biss und Kürbiss oder Ungeregeltes wie neuliche Abend wünsche ich mir (letzteres wäre für mich übrigens klar, ich leite es einfach aus heute Abend ab, denn es gibt sonst keinen Fall mehr, indem abend kleingeschrieben wird).

Die konkreten Beispiele, wo eine Regel systematisch nicht funktioniert, finde ich lehrreicher und überzeugender als Polemik über Fehlern von Politikern, die nicht ausgebügelt sondern ausgebadet werden müssen; Sprache, die einem aufgezwungen wird, oder dass wir doch am besten so schreiben wie bestimmte (ohne Zweifel bewundernswerte) Schriftsteller – aber natürlich nicht so wie andere Schriftsteller, die halt anders schreiben (deshalb aber nicht weniger gute Texte verfassen).

Nun wäre es in meinen Augen noch hilfreich, wenn eine gute Lösung vorgeschlagen wird. Da höre ich aber nur ein „Wir wollen die unreformierte Schreibung zurück“. Das mag möglicherweise besser sein, als der jetzige Zustand (ich persönlich bin mir unschlüssig), klingt gleichzeitig aber so, als wäre vor 1996 alles perfekt gewesen. Irgendeinen Anlass wird die Reform doch wohl gehabt haben, oder liege ich falsch? (Hier bitte nicht mit Theorien antworten à la „Das hat die Wörterbuchindustrie eingefädelt“, selbst wenn die an den Reformen kräftig mitverdient hat).

Es geht mir also nicht direkt um die Frage, welche Art der Schreibung besser ist, sondern mehr darum, wie man das kommuniziert. Falls das eine Diskussion wert ist, können wir uns auch ins Forum begeben, wie die Anleitung über diesem Kommentarfeld vorschlägt.

PS: Bezüglich meines vielkommentierten „Sprache entwickelt sich“ hier auch nochmals die Vergenauerung: Der (etwas platte) Ausspruch war nicht als Kritik an Reformgegnern gedacht oder gar als Rechtfertigung, dass ein Gremium (teils willkürliche) Regeln aufstellen kann. Vielmehr beziehe ich mich auf den nachfolgenden Satz. Ich bin nämlich zuversichtlich, dass in 50 oder 80 Jahren von dieser Reform nur übrig bleibt, was für Deutschsprecher auch nützlich ist.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.08.2015 um 05.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10242

Sachlichkeit genügt nicht, man muß auch gewisse Kenntnisse haben.

"Nach kurzen Vokalen kommt jetzt tatsächlich ein Doppel-s, wie in muss, Fass, Fluss (im Gegensatz zu Floß, Schoß, Maß)."

Desshalb schreibt man jetzt wass, dess, biss, Kürbiss usw., nicht wahr? Und wir warten noch auf eine deutsche Grammatik, die uns erklärt, warum in heute Abend ein Substantiv stehen kann. (Auf die Frage, ob es auch neulich Abend heißt, sind die Reformer bisher die Antwort schuldig geblieben, weil sie sich fatalerweise auf eine geschlossene Liste eingelassen hatten, in der neulich nicht vorkommt.)
Dein eigenen Eingriff als "Sprachwandel" auszugeben ist auch ein sehr schlichter Trick.


Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.08.2015 um 22.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10241

"Sprache entwickelt sich."

Ja, eben! Und daran sollte man sie nicht hindern.
Die Reformer haben sie aber auf vielen Gebieten selbstherrlich zurückgedreht. (Man denke nur an "behände", die neue Groß-klein-Schreibung u.v.a.)


Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.08.2015 um 22.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10240

Wenn jemand Unlogisches und sprachgeschichtliche Fehler nachweist, hat er sehr gute Argumente. Diese, ohne sie zu widerlegen, als Jammern zu bezeichnen, ist sehr unsachlich.

Was alles nach der Reform überzeugender, verständlicher, nachvollziehbarer und eindeutig besser geworden sein soll, müßte man sich nur mal ein ganz klein wenig sorgfältiger ansehen, einschließlich der Doppel-s-Regel, um leicht auf eine gegenteilige Aussage zu kommen.


Kommentar von R. M., verfaßt am 28.08.2015 um 22.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10239

»nur so lange« – Hauptsache, es ist nichts unterkringelt.


Kommentar von Oliver Verena Bürger, verfaßt am 28.08.2015 um 18.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10238

Das mit Luther und Walther von der Vogelweise war eine simple Retourkutsche. Im Artikel sind modernere Autoren von Schullektüren genannt, die als Vorgabe anzusehen seien, wie man korrekt schreibt. Das Argument „was in den meisten Büchern richtig ist“ funktioniert aber nur so lange man Bücher aus der Epoche wählt, die der gewünschten Schreibung entspricht.

Ich wünsche mir einfach mehr Sachlichkeit in dieser Diskussion, wie ich auch in einem weiteren Kommentar unter dem Originalartikel deutlich gemacht habe.


Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 28.08.2015 um 17.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10237

"Ich will ja auch nicht mehr so schreiben müssen wie Luther oder Walther von der Vogelweide."
Klingt irgendwie nachgeplappert. Woher hat er/sie das?


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 28.08.2015 um 14.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10236

Zu "obwohl „sehr“ und „ganz“ nur vor Adjektiven oder Adverbien stehen können": Ganz Deutschland leidet unter dieser Reformierei der Verschriftung des Deutschen.
Zur Ignoranz der/des Oliver Verena Bürger. dem/der "(n)ach kurzen Vokalen [...] jetzt tatsächlich ein Doppel-s" kommt: Wohl etwas zu hastig gelobt, denn so'n Rigorismus ist doch nicht nur fast fehl am Platze. "Sprache entwickelt sich." Was hat derartiges oft wiederholtes Rumgerede denn mit Rechtschreibung zu tun?


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.08.2015 um 06.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=734#10235

Dazu hat jemand unter dem Namen Oliver Verena Bürger folgenden Kommentar geschrieben:

»… ist es klüger, gleich zur „alten“ Schreibung zurückzukehren bzw. bei ihr zu bleiben« – das ist genauso pauschal, wie die neue Rechtschreibung als perfekt gelungen zu bezeichnen.
Wie wäre es, wenn wir mal nicht immer jammern, was nach der Reform alles unlogisch und sprachgeschichtlich falsch ist, sondern mal nachschauen, was jetzt überzeugender, verständlicher und nachvollziehbarer ist. Beispiel: Nach kurzen Vokalen kommt jetzt tatsächlich ein Doppel-s, wie in muss, Fass, Fluss (im Gegensatz zu Floß, Schoß, Maß).
Oder: Bei Tageszeitangaben ist die Groß-/Kleinschreibung nun viel klarer, wie in »heute Abend«, »morgen Mittag«, »jede Nacht«, »immer morgens«.
So viele Regeln sind nun verständlicher, darauf möchte ich nicht mehr verzichten. Ich will ja auch nicht mehr so schreiben müssen wie Luther oder Walther von der Vogelweide. Liebe Reformgegner: Sprache entwickelt sich. Bitte nicht vergessen, dass die Reform eindeutig auch Verbesserungen gebracht hat.


Sollte man antworten, oder ist es zu dumm?



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